Von den Kindern zurückgehalten, ging Christel erst am anderen Vormittage
von Mainz nach Hause. So wußte sie nichts aus Zahlbach -- und so gewährt
der Himmel den guten Menschen das Glück ihrer Treue und Liebe; und wo das
Glück ist, kann nicht zugleich Schreck und Pein sein; und so sind sie nicht
nur nicht elend, sondern oben darein beseligt. Wie viel Ursache aber Alle,
ja alle Völker haben: tagtäglich zu bitten, daß auch ihre _Nachbarn_ und
alle die Ihrigen auf unschädlicher, ja wohltätiger Bahn wandeln mögen,
damit sie nicht durch ihren Verkehr mit ihnen und grade durch ihre Neigung
und Freundschaft und Liebe recht Bitteres von ihnen leiden -- das erfuhr
sie heute.
Daniel begleitete sie in Mainz bis an das Thor. Unter dem hohen dunklen
langen Gewölbe wandelnd umfingen sie gleichsam die alten Zeiten sichtbar
und doch so wunderlich. Denn wenn draußen auf Markt und Straßen neue
Sonnenhelle und neues Leben sich regte, so hingen hier drinnen still, wie
Fledermäuse, an den schattigen Mauern, die Spuren vieler hundert
verflogener Jahre; und Alles, was sich hier Fröhliches und Trauriges herein
oder hinaus bewegt, herein oder hinaus geschollen war, das hatte sich
gleichsam nur -- als Rauch an die Bogen gehangen, und ihnen die
wettergraue, alterbraune Farbe -- der vergänglichen Welt gegeben. Die
Gewölbe aber hallten nur wieder, selber stumm; und so sagten ihr die Steine
nicht, daß so eben die Rekruten aus Zahlbach hier durch geschleppt worden
waren, während die armen Teufel ihre Angst in lustigen Liedern zum Himmel
gesungen.
»Aber Mutter!« sprach Daniel, »sind das nicht unsere Kühe dort? und unsere
vier neuen Räder am Wagen?«
Sie drängten sich hin vor die Wache, vor welcher der Wagen mit einem im
Strohe liegenden Manne hielt; aber nahe hinan konnten sie nicht, denn
Soldaten und Menschen umstanden ihn. Und ein Bürger sprach zu dem andern:
»Das ist ein böses Zeichen! Die Welt hat den Krieg satt; und damit nun
grade der Kaiser und seine Brüder, seine Herrn Vetter und Frau Muhmen,
Töchter und Schwäger auf den mit Braten gepolsterten und mit Wein
besprengten Thronen sitzen, und Niemand Anders, oder Niemand, _deswegen_
wollen sich nun die dummen Bauern nicht mehr selber todt schlagen lassen,
noch ihre Söhne als frische Schemmelbeine unter den Thron zerzimmern
lassen!« --
»Sie sagten, es wäre ein Zimmermann;« versetzte ein Anderer.
»Ja,« bestätigte ein Dritter. »Er ist vom Thurme gefallen; und nun hat der
Lieutenant in Zahlbach gesagt: er habe sich hinunter gestürzt -- weil er
ihn habe früh morgens am Altare knien und beten sehen -- weil er einen
einzigen Sohn mit Weib und drei Kindern zu Hause habe.«
Ach Gott! der Großvater ist todt! sagte Christel zu Daniel.
»Der alte Mann gefällt mir!« sagte der Erste. »Erstlich, weil er ein Mann
auf seine Hand ist, der uns Allen vorleuchten sollte; zweitens, weil er
soll den Arzt gefragt haben: ob er auch wirklich ein Krüppel wäre, nun er
beide Beine zweimal gebrochen habe . . .«
Mutter! rief Daniel fast zu laut vor Freuden: der Großvater lebt ja! Er hat
nur beide Beine zweimal gebrochen . . . .
». . . und als ihm das ist bestätigt worden, hat er mit Freuden
eingestanden: er sei _nicht gefallen!_ Auf dieses sein Geständniß, daß er
seinen Sohn dem forcirten Vaterlande habe vorenthalten wollen, ist er nun
hier in Ketten hereingebracht und soll ins Gefängniß geworfen werden und,
als Zimmermann am richtigsten in den Holzthurm -- sie wissen nur noch nicht
in welches, denn alle -- Holzthürme sind voll: -- Verräther, das heißt nur
voll Freunde ihres alten wahren Vaterlandes, das da Deutschland heißt.«
»Schwager!« versetzte der Dritte: »das ist das größte Elend auf der Erde,
daß grade das wahre Herz der Völker jetzt ein Scorpion sein soll! und die
alte ächte redlichste Treue -- Verrath; weil sie nicht mehr paßt, und nicht
höflich und artig ist, wenn ein Andrer das Vaterland zerrissen, erbeutet
und unterjocht hat, und doch so gut wie ein alter treuer, lieber guter
Vater nun Kindesdienste, ja die Kinder selber verlangt! Der gute liebe
Mann! Und wenn ich hunderttausend Jahre alt würde -- ich würde kein
Franzose! Und wenn ich Millionen Jahre alt würde, so würde ich nie _ein_
Russe, geschweige zehn oder tausend Russen mit meinen Kind und
Kindeskindern -- und wenn ich alle Tage 1000 Napoleons, oder alle Stunden
5000 heilige Andreaskreuze mit Brillanten -- geschweige die Knute bekäme;
-- -- denn so _Etwas_ ist nicht möglich, wider den Mann und wider den
Menschen, und das sollte _man_ einsehen, besonders: -- »Man, der Teufel!«
Darauf sahen sie einen schönen Knaben auf ein Rad des Wagens steigen, und
jetzt nur erblaßt und ängstlich nach dem braven Manne darin spähen . . .
dann langsam und vorsichtig über die Leiter steigen und sich zu ihm setzen;
und der Alte hob sein Haupt auf, sahe ihn wieder an, und rief: »Daniel!«
und Daniel rief: »Mein Großvater!«
Darauf war es umher still vor Mitleid und Verwunderung; selbst die Soldaten
wehrten dem Knaben nicht; und so überwand auch Christel die Scheu, aber nur
durch eine starke innere Aufwallung, sich vor so vielen Augen zu zeigen;
und so ließ sie die Menschen die Menschen sein, unbekümmert, ob sie solche
heilige Kleinode unter der Stirn besäßen, die da zu sehen vermöchten, was
unter der Sonne vorgeht; oder ob solche kleine Hämmer in ihren Ohren ihnen
verkündigten, was aus einer Menschenbrust herauf und heraus getönt in die
himmlische Luft -- -- sie drückte dem Vater die Hand, und hielt sie fest,
während ihre thränengefüllten Augen über ihm schwebten. Denn sie bedachte
mit staunendem Bedauern, wie nahe ihm die Hülfe des Himmels durch den
entschlossenen Ellenroth gewesen sei, und welche That er aus Mangel an
Vertrauen gethan -- und sie drohte ihm mild mit dem Zeigefinger; -- er
kehrte sein Gesicht ab -- und sie hatte nun eisernes Antlitz -- vor aller
Welt zu weinen! Dann erblaßte sie über und über vor Scham vor der Welt der
Großen, und erröthete wieder über ihre eigene Schuld der Verschweigung
gegen den Schwiegervater: _welchen_ Trost ihr der Herr von Ellenroth
gegeben! Aber »soll ein Weib denn alle Augenblicke Alles sagen? und
gleichsam vom Herzen abschlagen, was noch nicht reif ist, sondern erst eine
kleine grüne Frucht ansetzt, die noch abfallen kann?« So tröstete sie sich
selbst, faßte sich schwer aufathmend, und befahl ihrem Daniel leise, bei
dem Großvater zu bleiben und ihn zu pflegen und darum wohl zuzusehen, wohin
man ihn ins Gefängniß werfen werde, und dann Herrn Paschalis zu bitten, daß
er sich seiner erbarme. Darauf gab sie dem Daniel Geld, stieg rasch vom
Wagen und verlor sich unter der Menge.
Und der eine Bürger sagte wieder: »Schwager! Wenn wir nicht alle _die_
Hoffnung hätten, daß eigentlich Nichts lange besteht, was die Großen thun,
höchstens von einem Friedensschluß bis zum andern, und wenn es nicht ein
wahres Glück wäre, daß ein Friede nicht von Eichenholz ist, also nicht
versteinern kann, sondern der ewigste Friede nur etwa fünfzehn Jahr alt
wird -- so möchte ich kein Schuhflicker sein in Ewigkeit! Sela!«
»Und ich kein Schneider! Schwager!« versetzte der Andre, »Aber wir hoffen,
das deutsche Reich, dieses viel zerrissene und von aller Welt behaltene
Gewand, das der liebe Gott am Schöpfungs-Sonntage selber abgelegt, das wird
nun endlich wieder auf seine alte rechte Seite neugewandt werden, und auf
eine beßre, ja hoffentlich gute Weise mit Cameelgarn und Seide wieder
zusammengenäht, daß es so lange hält wie ein Rock der Kinder Israel in der
Wüsten -- 40 Jahr! Sela!«
»Wenn's nur noch Stich hält!« schloß der Dritte. »Menschenherzen sollten
sie können zusammen nähen! So einen Schneider gebe uns Gott! Desselben
Ziegenbock will ich sein in Ewigkeit!«
»Ich auch!« sprach der Dritte. »Ich auch!« schrie der Erste. Und von ihrem
Gedanken gleich froh ergriffen, _meckerten_ alle drei Freunde laut, und
nunmehr erscholl unauslöschliches Lachen. Doch nun meckerten sie erst
recht. Und die Kinder umher meckerten, die Lehrjungen meckerten; die Kühe
brüllten; die Soldaten fluchten und schlugen ohne Auswahl und ohne Schonung
unter die Menge. Und die drei ursprünglichen Ziegenböcke fingen an zu reden
und sprachen: »Vergieb ihnen, Herr! denn Soldaten wissen ja nie, was sie
thun! -- nur was sie leiden!«
Christel, auf den Heimweg fortgeschlichen, hielt öfter ihre -- mit den
Ellenbogen wie in die Luft gestützte Hand vor die Stirn, wollte eilen, und
ging, von Demuth ganz gebeugt, dennoch nur langsam. Denn sie betrachtete,
daß das alles um ihrer und ihrer Kinder willen geschehen sei, und erklärte
es sich aus gutem Herzen so: -- »Johannes liebte sie; das sahe der
Großvater; -- und dieser liebte als Vater seinen Sohn, der wiederum sie und
die Kinder liebte mit seiner Liebe.« So war es gekommen. Darum beschloß
sie, zu Hause nur wenige aber herzliche Worte zu reden, nicht aber zu
schweigen, damit Johannes nicht meinte: sie behalte das Schwere auf ihrem
Herzen. Und so ward dieses neue Unglück ein neues Band um sie und Johannes;
denn jeder Verlust und jeder Gewinn, jeder Segen und jedes Unheil zieht ein
gutes Weib nur fester ans Herz ihres Mannes, mit dem sie das Leben trägt,
und um dessen willen sich ihr nur Alles begiebt, das Traurige und das
Frohe.
Johannes aber stand vor ihr, als sie eingetreten, und frug nur: »Weißt Du?«
-- Und sie antwortete nur: »ich weiß!« Und nach zeitlangem Schweigen setzte
er nur noch hinzu: »Deine schönen Kühe sind auch fort!« -- Sie aber
versetzte heiter lächelnd: »aber die Kinder -- die Kinder sind alle -- ach
nun alle die wir noch haben -- gesund und fröhlich -- bis auf den Daniel,
der mich begleitete, und ihn nun pflegt, Du kannst Dir denken: Wen!«
Sie schwiegen darauf beide -- aber übereinstimmend -- und gingen an ihre
Geschäfte, diese wahre Wohlthat des Lebens, oder das Leben des Einfachen
selbst, der in ihren nöthigen Kreis unvermeidlich gebannt, nicht Zeit hat,
ein Gespinnst aus den Gedanken und Gefühlen _darüber_ zu machen, sondern
seine Leiden und Freuden in seine Geschäfte hinein arbeitet oder
hineinwirkt, wie ein Weber seinen Einschlag -- und das Gottgeheißene willig
und still vollendend, ein Mensch ist, ein ächter Träger der Zeit -- wenn er
bei Andern auch nur ein Handwerksmann, oder ein Bauer heißt.
Der junge Herr von Ellenroth, der Christel entgegen gegangen war, und sie
verfehlt hatte, kam darauf; aber er erfuhr nur von ihr, und noch als ein
großes Geheimniß kaum verständlich zugeflüstert: Daß Dorothea nichts
gethan: -- _als eine Thüre zugemacht_, eine Gewölbthür im Unterstock des
Schlosses, -- Das Mädchen derselben aber habe ihr, auf ihre weitere
Erkundigung gesagt: »in dem Gewölbe habe ein großes Kohlenbecken mit
glühenden Kohlen gestanden.« -- Mit diesem unverständlichen Bescheid wollte
der verstoßene Bräutigam wieder nach Frankfurt reiten, aber -- er nahm
seinen Weg über Breitenthal, um zu erfahren: Wie »eine Thür zumachen« seine
Braut und ihn scheiden, und sie oder doch ihn so trostlos machen können.
So war denn im Hause wieder Ruhe, oder doch von Ordnung beherrschte
Unordnung, und von Mühe und Sorge bezwungene Noth mit so vielen Gästen, die
sich müßig pflegten und schonten bis zum Lord- -- Todesschmause auf dem
großen grünen Schlachtfeldstische, wobei sie die Speise sein sollten, nicht
aber mitspeisen, höchstens ins Gras beißen, oder Erde kauen; -- »so wie
Bauern beim Schachspiel, welches morgenländische Herrscher mit lebendigen
Figuren spielten oder noch spielen, und den verlornen und gewonnenen, vom
Stehen müden Statisten die Köpfe abhieben oder noch hauen, abhauen lassen
oder es befehlen; ohne daß die armen Schelme ein Wort vom Spiele erfahren
als die Parole; oder einen Gewinn davon genossen, als -- den Braten
gerochen, den sie wie Jäger, noch grunzend im Walde für ihres gnädigen
Herrn Wildpretskammer geschossen, und der ihnen den Leib mit den Hauern
aufgerissen hat;« wie Wecker gesagt.