VII.

Am Morgen leuchtete in Johannes und Christels Schlafkammer die purpurne

Morgenröthe flammend herein, Christel setzte sich auf im Bett, und glühte

geblendet von dem schmückenden Scheine. --

Wo ist denn das Kind? -- Bei Dir Johannes? frug sie, sich umsehend. Da

gewahrte sie durch das Fenster, daß Berge und Bäume und Garten und Gefilde

verschneit waren vom reinsten Schnee. -- Ach, seufzte sie, nachdem sie

unter bewundernder Betrachtung sich besonnen: Ach, das Kind schläft unter

einem andern Tuche! Es ist nicht ohne mich, denn -- o mein Gott -- es hat

mich vielleicht vergessen; aber ich bin ohne seine frühe leise weckende

Stimme: »Mutter, mache die Augen auf! . . . mach' doch die Augen auf!« und

ohne seine Umhalsung und seine spielende Morgenfreude im Bett, und ohne

sein Morgengebet, und das fromme Gesichtchen, das Falten der kleinen

Händchen! Ach, ich bin um die kleinen Hemdchen und Röckchen, die Schüchel

und die Schürzchen -- ich bin um Alles -- da hängt es, und liegt es, und

sieht ganz erschrecklich aus, so still . . . und möchte doch reden! so bunt

-- und möchte doch schwarz sein, wie mein Band um die Haare. Und erst die

letzte Schmach an ihm! -- --

Es war die letzte! sagte Johannes; es ruht.

An ihm, die letzte! klagte Christel. Aber, mein Johannes, nun ist mir erst

erschrecklich zu Muth! Denn so wie uns, ist es wenigstens Tausenden

gegangen! Tausenden wird es gewiß noch so gehen -- und ärger! Und was hilft

das Unglück eines Menschen den andern? Was mir -- das fremde? Und was den

lieben fremden Menschen das meine -- oder das unsere, wollte ich sagen,

Johannes; sei nicht böse! Jeder leidet doch das eigene, das seine. Und ein

Guter leidet noch das Leid des Andern mit, wie mein Kind mir schwer wird,

als sollte ich tausend Kinder auf meinen Armen tragen. Aber, mein Johannes,

ich habe nun auch das Mitleid erkauft, Du hast es schwer erkauft, aber wir

haben es doch! Und Mitleid ist in traurigen Zeiten der heiligste Schatz.

Aber ich habe es nun auch mit Dir! Denn Du, Johannes, sollst nun gar ein

solcher Mensch werden, der alles Menschliche vergessen, ja mit Füßen treten

muß! Das ist das Aergste, und schlimmer, als meine und Deine Einsamkeit, ja

schlimmer, als wenn Du nicht wieder kämest, und Du mich verlörest, und ich

Dich! Darum hat auch der Teufel die Fahne mit den Adlern geschwenkt --

vertraute mir heimlich Wecker, besonders aber, weil der Pferdeknecht, der

ihm bei der Pferdethat an dem Kinde so gräßliche Worte gesagt von Kronengut

und Soldatenfreiheit -- weil der Abscheuliche -- sein großer Friedrich,

sein lieber Sohn gewesen ist, der ihn nicht vermuthet hat; Wecker aber hat

ihn erkannt -- als ihn der Teufel gefragt hat: -- »Wecker! war das nicht

Dein Sohn, der da reitet nach _Britzenheim!_« -- Siehe, und so ist der

alte, gute Vater Wecker fort, schon die Nacht, seinem Sohne nach; aber, was

er bei ihm und mit ihm will -- weiß Gott! Er hat ein Messer mitgenommen

. . . .

»Ein Messer?« frug Johannes erstaunt.

Ja! Aber um eine ungeheure Ruthe zu machen; denn er sagte: »Kein Vater darf

sich das Recht über seine Kinder nehmen lassen -- ausgenommen sie werden

besser und klüger als er, und es werden ihnen vernünftigere und

menschlichere Vorschriften gegeben, und heilsamere Handlungen

vorgeschrieben, als bei ihm zu Hause! _Sonst_ muß der Vater aufstehen! und

lehren und strafen und rathen, wenigstens fortzulaufen und die schreckliche

Bande im Stiche zu lassen, worein ihn der Kerl vom Thurme gemengt. Wecker,

bleibt Wecker! Aber es ist doch entsetzlich, wenn so ein curioser Mann, wie

ich, soll gescheidter sein, als viele _ganz_ curiose Leute; und so ein

armer Sünder, wie ich, soll besser sein, als die ruhmgekrönte, geschlossene

Gesellschaft von christlichen Türkenhäuptern! Wozu sie noch der Corse, _der

Corsar zu Lande_, macht, -- und _meinen Sohn!_ . . .« -- So sprach er

stöhnend und jammernd, riß mir das verweigerte Messer geschwind aus der

Hand, und ließ sich nicht halten!

Laß den guten Wecker mit seiner Ruthe ziehen! sagte ihr Johannes

betrübt-lächelnd. Alles zu dulden bin ich auch nicht gemeint! Zum Ackern

lassen sich selber die Ochsen geduldig anspannen, und ziehen im Schweiße

ihres Angesichtes bis die heilige Sonne zu Rüste geht, und der Acker in

Schatten und Dunkel liegt; aber wunderlich ausgeputzt mit goldenen

Klapperblechen, werden sie rasend bei der Stierhetze, wie der Großvater von

Rom uns erzählt hat. Wir Völker, mit uns allein, ohne Hetzer, sagte er,

würden alle in Frieden leben, wenn man diejenigen ruhig beisammen ließe,

die einerlei Sprache reden; höchstens würde einmal ein Viehstreit oder ein

Hutungsstreit ein paar Stunden dauern. Aber, da sind Andere, die glauben,

die Erde zu besitzen und verschenken zu können, wie einen großen grünen

Schweizer Schabsickerkäse mit Kräutern und Maden und Milben -- als nämlich

mit uns Erwachsenen und Kindern, wie der Papst; -- und Andere, die glauben:

die Länder eigenthümlich, wie ein Müller seine Mühle oder die Mahlsteine zu

besitzen, sie rund machen zu müssen, sie Mehl für sich mahlen zu lassen,

sie verkaufen, vererben, ja entzweireißen und theilen zu können, als wären

es wirklich bloß Steine . . . und nun kommt dazu: daß Viele das wollen,

oder wie der Großvater eben behauptet: nur Einige; -- und so mahlen sich

die Steine zu Schanden, von einem dampfenden Menschenblut-Strome getrieben,

und von fühllosen Rädern aus Eichenholz; und statt Mehl kommt Menschenasche

und Knochenkleie herunter, die auf zum Himmel riecht, und die Müller selber

werden elend von dem Elend, schleichen schlaflos auf den Gängen umher,

hören mit Angst die Glocken rufen: »neue Menschenknochen aufzuschütten!«

und wollen doch Müller heißen und bleiben; denn anders haben sie nichts

gelernt. Wenn sie aber _Christen_ wären -- ließen sie den lieben Gott seine

Gaben auf seine Mühle schütten, ließen _ihn_ das Mühlhaus beglücken, und

hätten Freude und Schlaf und Dank. Und wenn der Müller nicht ein Christ

wird, so kann es Gott selbst nicht anders bessern, als wenn die _Menschen_

Christen werden, nämlich wir, wir Alle, und nichts mehr thun und leiden,

als was Christus der Herr oder die zwölf Jünger gethan oder gelitten

hätten. Darum muß sich das Volk nicht unterweisen lassen im Aberglauben, es

muß keine Zauber- und Hexereistückchen-Fabrik mehr in Italien geben; das

Volk muß nach der _wahren_ Lehre Christi fragen, und darum fleißig das Wort

Gottes lesen, um des Teufels Worte auszurotten!

»_Nichts weiter!_« sagte Christel zum Morgengebet. »Nichts weiter;« ich

habe es gestern im Stillen weinend mit angehört, wie Dir Dein Vater das

Alles gestern im Dunkeln gesagt hat. Ich war ja in der Stube. Doch _indeß_

-- indeß -- bis dahin: wer will Dich retten. Soldat zu werden, mein

Johannes, und von der Schmach: Deinem deutschen Vaterlande neue Ketten

schmieden zu helfen mit Deinem christlichen Seitengewehr! Denn der Kaiser

wird nicht klug! Ein anderer Vater wird menschlich, wenn er einen Sohn

erhält; aber nun _der_ seinen kleinen König von Rom hat, nun will er ihm

erst das große Reich recht groß machen, wenigstens sicher und fest -- aber

Du weißt, was der Adam Müller prophezeiet hat! Das klingt ganz anders! Wenn

ich den Mann nur einmal sehen sollte, der ein Bauer sein soll, doch was für

ein Bauer -- ein Prophet wie Daniel! -- Ach, was wird _mein_ Daniel machen?

-- »Ich muß fort, ich muß hin!« sprach sie, von dem Namen des Propheten an

ihren Knaben erinnert.

Gehe in Gottes Namen! hieß ihr Johannes. Ich aber habe Muth zu thun und zu

leiden . . . . Jedes aber nur, so lange sich jedes mit meinem Gewissen

verträgt. »Ich will ein Schaaf scheinen, wenn ich nur keines bin; und ich

will ein Tiger scheinen, wenn ich nur keiner bin. Aber ich werde keiner,

das fürchte nicht! Nur habe ich durch des Großvaters Worte eine große

Hoffnung gefaßt! Wenn nur die Menschen alle _die_ Hoffnung haben und die

Aussicht, die das Wort Gottes verheißt, das nicht lügt -- eben weil das

Wort sich in jedem Menschen selbst wahr macht, und der Mensch selber ist --

so sehen sie es eine Weile noch an, wie die Welt läuft, oder wie die Mühle

geht; und wenn nicht gut, dann schützen sie selber den Blutstrom ein, und

die Müller mögen ihre _eigenen_ Kinder mahlen, nicht unsere! Denn wir, wir

legen Alle, ein Jeder die Hand auf das Herz und sagen: Du sollst nicht

länger bluten als dafür: -- daß wir nicht länger bluten, und daß wir nicht

länger zu Staube gemahlen werden, und unsere Kinder! -- so sagt der Vater.«

Christel tröstete indeß ihren redlichen Mann, mit allen holden Tröstungen,

die ein junges schönes liebendes Weib im Ueberfluß hat; und sie saßen in

süßer stiller Betrachtung noch einige Zeit neben einander, indem sie sich

still an den Händen hielten. »Deines Vaters Geburtstag ist heut,« sprach

sie endlich; »heut ist er siebzig Jahr.« Gott erhalte ihn uns noch lange!

besonders nur _mir_; denn was er mir thut, das thut er Dir und Deinen

Kindern. Jedoch wenn er auch nur noch ist, lebendig und gegenwärtig; wenn

er ißt, und es ihm schmeckt, und er sein Gutes empfängt von uns in seinen

letzten Tagen, so ist ein Alter schon unersetzlich im Hause, ein wahrer

Hausschatz, den kein _anderes_ Gut mehr aufwiegt. Denn jedes ist schon ein

eigenes, und ein alter Vater auch ein eigenes. Darum wollen wir den Tag

still feiern, und kochen etwas Besseres für Alle, oder braten von den

Gänsen; und so mögen es heut Alle bei uns gut haben, wenn sie auch nicht

wissen: warum? selber der alte _Sebastianow_ und der große Peter, der Hund.

Ich aber gehe nach Mittags den kurzen Weg zu den Kindern in die Stadt, und

zur armen Dorothea, die einmal nicht glücklich werden soll, das junge

Mädchen. Auch bringe ich vielleicht von ihr heraus, was ihr ist, geschehen

ist, oder Gott verzeihe mir, was sie vielleicht gefehlt hat! In _diesen_

Zeiten ist Niemand vor großen Fehlern sicher, ja nicht vor Verbrechen; die

Angst, die Furcht, die Entrüstung, die Rache sind los, und ergreifen Einen

um den Andern, den Schuldigen und den Unschuldigen -- und nichts ist

länger, selbst die Gerichtsbank nicht, als Gottes Langmuth -- spricht

Wecker; aber in _der_ Länge ist Muth und Gewißheit. Und erhasche ich nur

ein Wort von Dorothea, verschweigt sie auch nur eine Antwort, so sehe ich

durch ihr Wesen, wie durch einen Schleier, und kann ihr dann rathen und

helfen! Nur ein Weib löst einem Weibe die Zunge, und weiß sie recht aus dem

Grunde zu verstehen, recht aus der Seele Theil an ihr zu nehmen und es mit

ihr gut zu meinen als wie mit sich; denn beide sind Weiber, und aus

demselben weichen Stoffe -- aus Liebe und Thränen! --

Christel brach ab; denn sie sahe durch's Thor einen vornehmen Reiter herein

in den Hof gesprengt kommen und halten. Als Johannes hinabgeeilt, kam er

wieder und schickte Christel in den Hof. Der fremde, schöne, junge Herr

rief sie nahe an sein Pferd und ritt dann an einer einsamen Stelle des

Gehöftes, immer im Kreise langsam umher, während er hochglühend im edlen

Gesicht, und doch sehr niedergeschlagen sagte: »Ich heiße _Ellenroth_ und

bin . . . oder war, oder heiße noch der Bräutigam Euerer Dorothea.« Er

holte schwer Athem, dann fuhr er mit einem Seitenblicke zu Christel geneigt

fort: »Und so glaube ich Euch schon ganz bekannt zu sein; denn von einem

Bräutigam wissen die Verwandten der Braut schon Alles; und wißt: ich bin

ein junger Mann, der ein Mensch werden will durch ein Weib. Denn durch ein

Weib wird man ein Mensch, nicht erst ein Mann; der muß man dazu ja gewesen

sein. Auch bin ich Euch durch meine Liebe zu einer Verwandten von Euch

gewiß schon lieb und vertraut -- wie ein Anverwandter -- wenigstens habe

ich herzliches Vertrauen zu Euch, und bedarf Euern Rath und Euere Hülfe,

denn _Ihr_ seid jetzt gleichsam die Mutter der Dorothea, da Euere Schwester

_Martha_ dahin ist -- dahin, wo . . . fürchte ich . . auch Dorothea bald

folgen wird, oder zu folgen glaubt. Denn nehmt nur den Brief hier von ihr!

»Sie will nicht die Meine werden« -- _weil_ sie mich liebe und ehre; aber

auch keines Andern -- weil sie mich herzlich bemitleide und beklage. Ja,

sie meint: »Gott erhalte mir nur meinen Verstand, damit ich nicht

katholisch werde, weil ich dann in ein Kloster gehen könnte.« Leset!

Erkläret mir, helft! Ich bin unschuldig und rein wie der gefallene Schnee!

Und auch Sie ist gewiß so leicht über die Erde gewandelt, wie über Schnee,

ohne eine Fußtapfe zu beflecken! Da, nehmt!«

Christel nahm den Brief, blieb stehen und las, während Ellenroth in großem

Kreise langsam umherritt. Darauf ging ihm Christel entgegen und sagte ihm

traurig: »Was ein Mädchen, wie Dorothea sagt, so sagt, und schreibt, das

hält sie gewiß, dabei bleibt es. Armer, junger Herr!«

»Geht zu ihr!« bat er; »redet noch einmal zu ihr! Ich bin so thörig wie

alle Menschen, die das Theuerste entbehren, das Aeußerste dulden, wenn sie

nur klar wissen, warum? und wie es gekommen! Und diese Thorheit beweiset,

_daß es ein größer Glück giebt als alles Glück oder alles Unglück_ -- und

das ist: _die Wahrheit_, ist die Vernunft! Ach, daß die Liebe zu dem Weibe

mir nur nicht höher wäre, liebe Christel! Denn erfahre ich auch den Grund

der Zurückweisung und Verweisung meines Herzens auf sich selbst, so ist es

doch leer, halb, zerrissen _ohne Sie_ -- und der Tod ist jetzt leicht zu

finden: ich werde Soldat! oder erlöse durch meine freiwillige Gestellung

vielleicht und gern noch einen gezwungenen Vater von Kindern! Vielleicht

sollte das nur so kommen, _das_ sollte ich im Leben vielleicht nur thun!

Wer weiß, wozu ein jeder bestimmt ist auf Erden. Doch _die Tage_ erst

lichten _das Leben_ auf -- und die finstern: ein helles! Nur verdenkt mir

nicht, daß mir die Augen tröpfeln! Vor Euch will ich es nicht verbergen.«

Christel meinte in diesen Worten auch eine Schickung Gottes zu sehen, ward

durch und durch froh, und über und über roth, und wollte den verlorenen

oder nicht erst erworbenen Freund inständigst bitten . . . wenn er denn

wollte, was er müßte, oder müßte was er wollte . . . diesen Dienst dann

_ihrem Johannes_ zu leisten . . . den Vater ihrer Kinder frei zu machen von

den Soldaten, durch sich! Aber sie erröthete bei dem Tröpfeln seiner Augen

ganz anders. Denn Thränen rühren ein Weib am meisten, und unter allen

Thränen, die Thränen eines Mannes, der schön und edel und _muthvoll_ ist;

ja diese solche Thränen erheben sie über sich selbst, und geben ihr alle

ihren weiblichen Adel wieder und eine Himmelsseele dazu, oder erwecken sie

nur in ihr, wenn sie schlummerte. Und so erwiederte Christel: »Armer Herr!

Ich weiß gewiß, es ist vergeblich -- aber ich gehe zu Euerer Dorothea.

Bleibt bis zum Abend hier . . . und kann ich Euch nicht helfen . . . so

helfet Ihr uns! Und Ihr . . . Ihr könnt es, und wollt es gewiß . . . schon

um Dorothea's willen! -- Die wird sich doch freuen über Euch!«

»Sagt es dann gleich lieber jetzt!« bat er. Aber sie beruhigte ihn damit,

daß sie gleich nach Mittag in die Stadt gehen werde, nahm ihm das

heißgerittene braune Pferd ab, und als er hineingegangen, sahe er bald

darauf -- den Johannes exerciren, und faßte im Stillen selbst den

Entschluß: den redlichen, einfachen, aber den Seinen so kostbaren Freund zu

erlösen . . . oder verstand er jetzt erst Christels Worte. Denn manche

Worte werden erst spät verstanden, oft Jahre und Jahrhunderte nachdem sie

verhallt sind, »wie die ächten wenigen Worte Christi,« wie Wecker sagte.

Der alte Frommholz aber wußte von dieser fast gewissen Hülfe nichts, und

auch von keiner andern irgend woher. Aber er wußte heimlich aus einem

andern Hause den noch verborgen gehaltenen Befehl: »daß übermorgen, oder

schon morgen, die Neugeworbenen, Alte und Junge, selbst halbe Greise und

halbe Kinder, die nur verwüstet wurden, über den Rhein auf jene linke Seite

geführt werden sollten.« Darum hatte er beim Schlafengehen große Sehnsucht

nach dem Tage. Der untergehende, prachtvoll schillernde Mond, der vor

einigen Tagen schon voll gewesen, täuschte ihn: sehr früh aufzustehen, und

zwang ihn gleichsam, die wechselnden aber immer wiederkehrenden Wunder der

Nacht noch einmal recht zu genießen; bis er sich in seinen geschnitzten

Lehnstuhl setzte, und mit stiller Freude endlich die Tritte seines Johannes

über sich hörte. Da löschte er im Kalender, schon in der heiligen

Morgenfrühe den Tag aus -- den Montag -- wie er sonst immer erst nach dem

Abendsegen that; dann zog er die stehengebliebene Wanduhr auf; ließ den

Kukuk die Stunden nachrufen -- und schrieb noch einmal seinen Namen auf das

mit Schiefer belegte Tischblatt, sahe ihn an, und löschte ihn lächelnd weg.

Dann betete er aus seinem _Kubach_ das sonderbare, doch ächte »Gebet eines

Schieferdeckers, so er vom Thurme fällt,« welches zwei Seiten lang ist,

also einen wolkenhohen Thurm voraussetzt, wenn der dabei besonnene

Unglückliche nicht eher auf Erden anlangen soll, als er es ausgebetet hat.

Er merkte das, und lächelte die geringe Höhe _seines_ Thurmes und seinen

Fall, wie ein Kinderspiel, dadurch hinweg -- und das Gebet bekräftigte ihn

und machte ihn stark! Dann öffnete er die Stubenthür einen Fingerbreit, um

noch einmal zu sehen: wie Alles darin morgen stehen würde! . . . . Wie in

fünfzig Jahren . . . . in hundert Jahren die liebe Sonne so hereinscheinen

würde!

Der stille Herr Ellenroth machte das Frühstück still. Doch sagte Christel

dem Großvater, daß sie zu den Kindern hineingehen würde, und er ließ sie

alle grüßen und bitten: »sie sollten ihn nicht vergessen!« Das durfte er

sagen. Aber Johannes durfte ihm nicht sagen, daß sie seinen Geburtstag

begehen würden; um ihn beim Mittagsessen zu überraschen.

Als der Alte aber an die Arbeit gehen wollte, bat ihn Johannes: »Vater,

bleibt doch zu Hause! nur heute zu Hause!« Das Wort traf den alten Vater,

als sei er verrathen. Doch als der Sohn hinzu setzte: »macht wenigstens

Mittags bei Zeiten Feierabend; die paar Schläge an dem Thurme werden ja

noch vor dem Winter gethan werden« -- da versprach er zu Mittag bei Zeiten

bei ihnen zu Hause zu sein -- und sähe sich jetzt um, wie es dann in der

Stube unruhig aussehen würde, wie er daliegen würde todt und zerschmettert;

aber auch, wie er des Sergeanten, ja des Kaisers grausame Befehle zu bloßem

Wasser gemacht; und freute sich, daß so Jeder, der stark etwas Gutes will,

frei ist von allen über den Ländern liegenden eisernen Gittern; und nur das

Eine that ihm in seiner redlichen Seele leid, das ehrliche Begräbniß, das

sie ihm würden angedeihen lassen; und das Bedauern, als sei er unglücklich

gewesen in seinem Tode; da er doch grade sich säen wollte in Gottes Erde

als einen Keim des Glücks für die Seinen. Und so sagte er nur zu Johannes:

»Du bist mein lieber, mein einziger Sohn! Und Du meinst es gut mit mir --

das merke ich heimlich! Merke nur auch heimlich: Ich meine es auch gut mit

Dir -- so gut wie ein alter Vater noch kann! -- Lebe wohl -- indeß!«

So ging er.

Aber auch Christel ging kurz vor Essen noch eilig in die Stadt; denn

Paschalis Magd, die Einiges zu holen gekommen, hatte ihr gesagt: daß das

kleine Mädchen sehr nach ihr geweint -- und mit gewollt! Das war nun schon

Stunden vorbei, aber das hielt sie nicht aus, obgleich das Kind gewiß jetzt

längst schon wieder ruhig war.

Die Osternacht. Zweite Abtheilung · 第 10 / 18 题