Am Morgen leuchtete in Johannes und Christels Schlafkammer die purpurne
Morgenröthe flammend herein, Christel setzte sich auf im Bett, und glühte
geblendet von dem schmückenden Scheine. --
Wo ist denn das Kind? -- Bei Dir Johannes? frug sie, sich umsehend. Da
gewahrte sie durch das Fenster, daß Berge und Bäume und Garten und Gefilde
verschneit waren vom reinsten Schnee. -- Ach, seufzte sie, nachdem sie
unter bewundernder Betrachtung sich besonnen: Ach, das Kind schläft unter
einem andern Tuche! Es ist nicht ohne mich, denn -- o mein Gott -- es hat
mich vielleicht vergessen; aber ich bin ohne seine frühe leise weckende
Stimme: »Mutter, mache die Augen auf! . . . mach' doch die Augen auf!« und
ohne seine Umhalsung und seine spielende Morgenfreude im Bett, und ohne
sein Morgengebet, und das fromme Gesichtchen, das Falten der kleinen
Händchen! Ach, ich bin um die kleinen Hemdchen und Röckchen, die Schüchel
und die Schürzchen -- ich bin um Alles -- da hängt es, und liegt es, und
sieht ganz erschrecklich aus, so still . . . und möchte doch reden! so bunt
-- und möchte doch schwarz sein, wie mein Band um die Haare. Und erst die
letzte Schmach an ihm! -- --
Es war die letzte! sagte Johannes; es ruht.
An ihm, die letzte! klagte Christel. Aber, mein Johannes, nun ist mir erst
erschrecklich zu Muth! Denn so wie uns, ist es wenigstens Tausenden
gegangen! Tausenden wird es gewiß noch so gehen -- und ärger! Und was hilft
das Unglück eines Menschen den andern? Was mir -- das fremde? Und was den
lieben fremden Menschen das meine -- oder das unsere, wollte ich sagen,
Johannes; sei nicht böse! Jeder leidet doch das eigene, das seine. Und ein
Guter leidet noch das Leid des Andern mit, wie mein Kind mir schwer wird,
als sollte ich tausend Kinder auf meinen Armen tragen. Aber, mein Johannes,
ich habe nun auch das Mitleid erkauft, Du hast es schwer erkauft, aber wir
haben es doch! Und Mitleid ist in traurigen Zeiten der heiligste Schatz.
Aber ich habe es nun auch mit Dir! Denn Du, Johannes, sollst nun gar ein
solcher Mensch werden, der alles Menschliche vergessen, ja mit Füßen treten
muß! Das ist das Aergste, und schlimmer, als meine und Deine Einsamkeit, ja
schlimmer, als wenn Du nicht wieder kämest, und Du mich verlörest, und ich
Dich! Darum hat auch der Teufel die Fahne mit den Adlern geschwenkt --
vertraute mir heimlich Wecker, besonders aber, weil der Pferdeknecht, der
ihm bei der Pferdethat an dem Kinde so gräßliche Worte gesagt von Kronengut
und Soldatenfreiheit -- weil der Abscheuliche -- sein großer Friedrich,
sein lieber Sohn gewesen ist, der ihn nicht vermuthet hat; Wecker aber hat
ihn erkannt -- als ihn der Teufel gefragt hat: -- »Wecker! war das nicht
Dein Sohn, der da reitet nach _Britzenheim!_« -- Siehe, und so ist der
alte, gute Vater Wecker fort, schon die Nacht, seinem Sohne nach; aber, was
er bei ihm und mit ihm will -- weiß Gott! Er hat ein Messer mitgenommen
. . . .
»Ein Messer?« frug Johannes erstaunt.
Ja! Aber um eine ungeheure Ruthe zu machen; denn er sagte: »Kein Vater darf
sich das Recht über seine Kinder nehmen lassen -- ausgenommen sie werden
besser und klüger als er, und es werden ihnen vernünftigere und
menschlichere Vorschriften gegeben, und heilsamere Handlungen
vorgeschrieben, als bei ihm zu Hause! _Sonst_ muß der Vater aufstehen! und
lehren und strafen und rathen, wenigstens fortzulaufen und die schreckliche
Bande im Stiche zu lassen, worein ihn der Kerl vom Thurme gemengt. Wecker,
bleibt Wecker! Aber es ist doch entsetzlich, wenn so ein curioser Mann, wie
ich, soll gescheidter sein, als viele _ganz_ curiose Leute; und so ein
armer Sünder, wie ich, soll besser sein, als die ruhmgekrönte, geschlossene
Gesellschaft von christlichen Türkenhäuptern! Wozu sie noch der Corse, _der
Corsar zu Lande_, macht, -- und _meinen Sohn!_ . . .« -- So sprach er
stöhnend und jammernd, riß mir das verweigerte Messer geschwind aus der
Hand, und ließ sich nicht halten!
Laß den guten Wecker mit seiner Ruthe ziehen! sagte ihr Johannes
betrübt-lächelnd. Alles zu dulden bin ich auch nicht gemeint! Zum Ackern
lassen sich selber die Ochsen geduldig anspannen, und ziehen im Schweiße
ihres Angesichtes bis die heilige Sonne zu Rüste geht, und der Acker in
Schatten und Dunkel liegt; aber wunderlich ausgeputzt mit goldenen
Klapperblechen, werden sie rasend bei der Stierhetze, wie der Großvater von
Rom uns erzählt hat. Wir Völker, mit uns allein, ohne Hetzer, sagte er,
würden alle in Frieden leben, wenn man diejenigen ruhig beisammen ließe,
die einerlei Sprache reden; höchstens würde einmal ein Viehstreit oder ein
Hutungsstreit ein paar Stunden dauern. Aber, da sind Andere, die glauben,
die Erde zu besitzen und verschenken zu können, wie einen großen grünen
Schweizer Schabsickerkäse mit Kräutern und Maden und Milben -- als nämlich
mit uns Erwachsenen und Kindern, wie der Papst; -- und Andere, die glauben:
die Länder eigenthümlich, wie ein Müller seine Mühle oder die Mahlsteine zu
besitzen, sie rund machen zu müssen, sie Mehl für sich mahlen zu lassen,
sie verkaufen, vererben, ja entzweireißen und theilen zu können, als wären
es wirklich bloß Steine . . . und nun kommt dazu: daß Viele das wollen,
oder wie der Großvater eben behauptet: nur Einige; -- und so mahlen sich
die Steine zu Schanden, von einem dampfenden Menschenblut-Strome getrieben,
und von fühllosen Rädern aus Eichenholz; und statt Mehl kommt Menschenasche
und Knochenkleie herunter, die auf zum Himmel riecht, und die Müller selber
werden elend von dem Elend, schleichen schlaflos auf den Gängen umher,
hören mit Angst die Glocken rufen: »neue Menschenknochen aufzuschütten!«
und wollen doch Müller heißen und bleiben; denn anders haben sie nichts
gelernt. Wenn sie aber _Christen_ wären -- ließen sie den lieben Gott seine
Gaben auf seine Mühle schütten, ließen _ihn_ das Mühlhaus beglücken, und
hätten Freude und Schlaf und Dank. Und wenn der Müller nicht ein Christ
wird, so kann es Gott selbst nicht anders bessern, als wenn die _Menschen_
Christen werden, nämlich wir, wir Alle, und nichts mehr thun und leiden,
als was Christus der Herr oder die zwölf Jünger gethan oder gelitten
hätten. Darum muß sich das Volk nicht unterweisen lassen im Aberglauben, es
muß keine Zauber- und Hexereistückchen-Fabrik mehr in Italien geben; das
Volk muß nach der _wahren_ Lehre Christi fragen, und darum fleißig das Wort
Gottes lesen, um des Teufels Worte auszurotten!
»_Nichts weiter!_« sagte Christel zum Morgengebet. »Nichts weiter;« ich
habe es gestern im Stillen weinend mit angehört, wie Dir Dein Vater das
Alles gestern im Dunkeln gesagt hat. Ich war ja in der Stube. Doch _indeß_
-- indeß -- bis dahin: wer will Dich retten. Soldat zu werden, mein
Johannes, und von der Schmach: Deinem deutschen Vaterlande neue Ketten
schmieden zu helfen mit Deinem christlichen Seitengewehr! Denn der Kaiser
wird nicht klug! Ein anderer Vater wird menschlich, wenn er einen Sohn
erhält; aber nun _der_ seinen kleinen König von Rom hat, nun will er ihm
erst das große Reich recht groß machen, wenigstens sicher und fest -- aber
Du weißt, was der Adam Müller prophezeiet hat! Das klingt ganz anders! Wenn
ich den Mann nur einmal sehen sollte, der ein Bauer sein soll, doch was für
ein Bauer -- ein Prophet wie Daniel! -- Ach, was wird _mein_ Daniel machen?
-- »Ich muß fort, ich muß hin!« sprach sie, von dem Namen des Propheten an
ihren Knaben erinnert.
Gehe in Gottes Namen! hieß ihr Johannes. Ich aber habe Muth zu thun und zu
leiden . . . . Jedes aber nur, so lange sich jedes mit meinem Gewissen
verträgt. »Ich will ein Schaaf scheinen, wenn ich nur keines bin; und ich
will ein Tiger scheinen, wenn ich nur keiner bin. Aber ich werde keiner,
das fürchte nicht! Nur habe ich durch des Großvaters Worte eine große
Hoffnung gefaßt! Wenn nur die Menschen alle _die_ Hoffnung haben und die
Aussicht, die das Wort Gottes verheißt, das nicht lügt -- eben weil das
Wort sich in jedem Menschen selbst wahr macht, und der Mensch selber ist --
so sehen sie es eine Weile noch an, wie die Welt läuft, oder wie die Mühle
geht; und wenn nicht gut, dann schützen sie selber den Blutstrom ein, und
die Müller mögen ihre _eigenen_ Kinder mahlen, nicht unsere! Denn wir, wir
legen Alle, ein Jeder die Hand auf das Herz und sagen: Du sollst nicht
länger bluten als dafür: -- daß wir nicht länger bluten, und daß wir nicht
länger zu Staube gemahlen werden, und unsere Kinder! -- so sagt der Vater.«
Christel tröstete indeß ihren redlichen Mann, mit allen holden Tröstungen,
die ein junges schönes liebendes Weib im Ueberfluß hat; und sie saßen in
süßer stiller Betrachtung noch einige Zeit neben einander, indem sie sich
still an den Händen hielten. »Deines Vaters Geburtstag ist heut,« sprach
sie endlich; »heut ist er siebzig Jahr.« Gott erhalte ihn uns noch lange!
besonders nur _mir_; denn was er mir thut, das thut er Dir und Deinen
Kindern. Jedoch wenn er auch nur noch ist, lebendig und gegenwärtig; wenn
er ißt, und es ihm schmeckt, und er sein Gutes empfängt von uns in seinen
letzten Tagen, so ist ein Alter schon unersetzlich im Hause, ein wahrer
Hausschatz, den kein _anderes_ Gut mehr aufwiegt. Denn jedes ist schon ein
eigenes, und ein alter Vater auch ein eigenes. Darum wollen wir den Tag
still feiern, und kochen etwas Besseres für Alle, oder braten von den
Gänsen; und so mögen es heut Alle bei uns gut haben, wenn sie auch nicht
wissen: warum? selber der alte _Sebastianow_ und der große Peter, der Hund.
Ich aber gehe nach Mittags den kurzen Weg zu den Kindern in die Stadt, und
zur armen Dorothea, die einmal nicht glücklich werden soll, das junge
Mädchen. Auch bringe ich vielleicht von ihr heraus, was ihr ist, geschehen
ist, oder Gott verzeihe mir, was sie vielleicht gefehlt hat! In _diesen_
Zeiten ist Niemand vor großen Fehlern sicher, ja nicht vor Verbrechen; die
Angst, die Furcht, die Entrüstung, die Rache sind los, und ergreifen Einen
um den Andern, den Schuldigen und den Unschuldigen -- und nichts ist
länger, selbst die Gerichtsbank nicht, als Gottes Langmuth -- spricht
Wecker; aber in _der_ Länge ist Muth und Gewißheit. Und erhasche ich nur
ein Wort von Dorothea, verschweigt sie auch nur eine Antwort, so sehe ich
durch ihr Wesen, wie durch einen Schleier, und kann ihr dann rathen und
helfen! Nur ein Weib löst einem Weibe die Zunge, und weiß sie recht aus dem
Grunde zu verstehen, recht aus der Seele Theil an ihr zu nehmen und es mit
ihr gut zu meinen als wie mit sich; denn beide sind Weiber, und aus
demselben weichen Stoffe -- aus Liebe und Thränen! --
Christel brach ab; denn sie sahe durch's Thor einen vornehmen Reiter herein
in den Hof gesprengt kommen und halten. Als Johannes hinabgeeilt, kam er
wieder und schickte Christel in den Hof. Der fremde, schöne, junge Herr
rief sie nahe an sein Pferd und ritt dann an einer einsamen Stelle des
Gehöftes, immer im Kreise langsam umher, während er hochglühend im edlen
Gesicht, und doch sehr niedergeschlagen sagte: »Ich heiße _Ellenroth_ und
bin . . . oder war, oder heiße noch der Bräutigam Euerer Dorothea.« Er
holte schwer Athem, dann fuhr er mit einem Seitenblicke zu Christel geneigt
fort: »Und so glaube ich Euch schon ganz bekannt zu sein; denn von einem
Bräutigam wissen die Verwandten der Braut schon Alles; und wißt: ich bin
ein junger Mann, der ein Mensch werden will durch ein Weib. Denn durch ein
Weib wird man ein Mensch, nicht erst ein Mann; der muß man dazu ja gewesen
sein. Auch bin ich Euch durch meine Liebe zu einer Verwandten von Euch
gewiß schon lieb und vertraut -- wie ein Anverwandter -- wenigstens habe
ich herzliches Vertrauen zu Euch, und bedarf Euern Rath und Euere Hülfe,
denn _Ihr_ seid jetzt gleichsam die Mutter der Dorothea, da Euere Schwester
_Martha_ dahin ist -- dahin, wo . . . fürchte ich . . auch Dorothea bald
folgen wird, oder zu folgen glaubt. Denn nehmt nur den Brief hier von ihr!
»Sie will nicht die Meine werden« -- _weil_ sie mich liebe und ehre; aber
auch keines Andern -- weil sie mich herzlich bemitleide und beklage. Ja,
sie meint: »Gott erhalte mir nur meinen Verstand, damit ich nicht
katholisch werde, weil ich dann in ein Kloster gehen könnte.« Leset!
Erkläret mir, helft! Ich bin unschuldig und rein wie der gefallene Schnee!
Und auch Sie ist gewiß so leicht über die Erde gewandelt, wie über Schnee,
ohne eine Fußtapfe zu beflecken! Da, nehmt!«
Christel nahm den Brief, blieb stehen und las, während Ellenroth in großem
Kreise langsam umherritt. Darauf ging ihm Christel entgegen und sagte ihm
traurig: »Was ein Mädchen, wie Dorothea sagt, so sagt, und schreibt, das
hält sie gewiß, dabei bleibt es. Armer, junger Herr!«
»Geht zu ihr!« bat er; »redet noch einmal zu ihr! Ich bin so thörig wie
alle Menschen, die das Theuerste entbehren, das Aeußerste dulden, wenn sie
nur klar wissen, warum? und wie es gekommen! Und diese Thorheit beweiset,
_daß es ein größer Glück giebt als alles Glück oder alles Unglück_ -- und
das ist: _die Wahrheit_, ist die Vernunft! Ach, daß die Liebe zu dem Weibe
mir nur nicht höher wäre, liebe Christel! Denn erfahre ich auch den Grund
der Zurückweisung und Verweisung meines Herzens auf sich selbst, so ist es
doch leer, halb, zerrissen _ohne Sie_ -- und der Tod ist jetzt leicht zu
finden: ich werde Soldat! oder erlöse durch meine freiwillige Gestellung
vielleicht und gern noch einen gezwungenen Vater von Kindern! Vielleicht
sollte das nur so kommen, _das_ sollte ich im Leben vielleicht nur thun!
Wer weiß, wozu ein jeder bestimmt ist auf Erden. Doch _die Tage_ erst
lichten _das Leben_ auf -- und die finstern: ein helles! Nur verdenkt mir
nicht, daß mir die Augen tröpfeln! Vor Euch will ich es nicht verbergen.«
Christel meinte in diesen Worten auch eine Schickung Gottes zu sehen, ward
durch und durch froh, und über und über roth, und wollte den verlorenen
oder nicht erst erworbenen Freund inständigst bitten . . . wenn er denn
wollte, was er müßte, oder müßte was er wollte . . . diesen Dienst dann
_ihrem Johannes_ zu leisten . . . den Vater ihrer Kinder frei zu machen von
den Soldaten, durch sich! Aber sie erröthete bei dem Tröpfeln seiner Augen
ganz anders. Denn Thränen rühren ein Weib am meisten, und unter allen
Thränen, die Thränen eines Mannes, der schön und edel und _muthvoll_ ist;
ja diese solche Thränen erheben sie über sich selbst, und geben ihr alle
ihren weiblichen Adel wieder und eine Himmelsseele dazu, oder erwecken sie
nur in ihr, wenn sie schlummerte. Und so erwiederte Christel: »Armer Herr!
Ich weiß gewiß, es ist vergeblich -- aber ich gehe zu Euerer Dorothea.
Bleibt bis zum Abend hier . . . und kann ich Euch nicht helfen . . . so
helfet Ihr uns! Und Ihr . . . Ihr könnt es, und wollt es gewiß . . . schon
um Dorothea's willen! -- Die wird sich doch freuen über Euch!«
»Sagt es dann gleich lieber jetzt!« bat er. Aber sie beruhigte ihn damit,
daß sie gleich nach Mittag in die Stadt gehen werde, nahm ihm das
heißgerittene braune Pferd ab, und als er hineingegangen, sahe er bald
darauf -- den Johannes exerciren, und faßte im Stillen selbst den
Entschluß: den redlichen, einfachen, aber den Seinen so kostbaren Freund zu
erlösen . . . oder verstand er jetzt erst Christels Worte. Denn manche
Worte werden erst spät verstanden, oft Jahre und Jahrhunderte nachdem sie
verhallt sind, »wie die ächten wenigen Worte Christi,« wie Wecker sagte.
Der alte Frommholz aber wußte von dieser fast gewissen Hülfe nichts, und
auch von keiner andern irgend woher. Aber er wußte heimlich aus einem
andern Hause den noch verborgen gehaltenen Befehl: »daß übermorgen, oder
schon morgen, die Neugeworbenen, Alte und Junge, selbst halbe Greise und
halbe Kinder, die nur verwüstet wurden, über den Rhein auf jene linke Seite
geführt werden sollten.« Darum hatte er beim Schlafengehen große Sehnsucht
nach dem Tage. Der untergehende, prachtvoll schillernde Mond, der vor
einigen Tagen schon voll gewesen, täuschte ihn: sehr früh aufzustehen, und
zwang ihn gleichsam, die wechselnden aber immer wiederkehrenden Wunder der
Nacht noch einmal recht zu genießen; bis er sich in seinen geschnitzten
Lehnstuhl setzte, und mit stiller Freude endlich die Tritte seines Johannes
über sich hörte. Da löschte er im Kalender, schon in der heiligen
Morgenfrühe den Tag aus -- den Montag -- wie er sonst immer erst nach dem
Abendsegen that; dann zog er die stehengebliebene Wanduhr auf; ließ den
Kukuk die Stunden nachrufen -- und schrieb noch einmal seinen Namen auf das
mit Schiefer belegte Tischblatt, sahe ihn an, und löschte ihn lächelnd weg.
Dann betete er aus seinem _Kubach_ das sonderbare, doch ächte »Gebet eines
Schieferdeckers, so er vom Thurme fällt,« welches zwei Seiten lang ist,
also einen wolkenhohen Thurm voraussetzt, wenn der dabei besonnene
Unglückliche nicht eher auf Erden anlangen soll, als er es ausgebetet hat.
Er merkte das, und lächelte die geringe Höhe _seines_ Thurmes und seinen
Fall, wie ein Kinderspiel, dadurch hinweg -- und das Gebet bekräftigte ihn
und machte ihn stark! Dann öffnete er die Stubenthür einen Fingerbreit, um
noch einmal zu sehen: wie Alles darin morgen stehen würde! . . . . Wie in
fünfzig Jahren . . . . in hundert Jahren die liebe Sonne so hereinscheinen
würde!
Der stille Herr Ellenroth machte das Frühstück still. Doch sagte Christel
dem Großvater, daß sie zu den Kindern hineingehen würde, und er ließ sie
alle grüßen und bitten: »sie sollten ihn nicht vergessen!« Das durfte er
sagen. Aber Johannes durfte ihm nicht sagen, daß sie seinen Geburtstag
begehen würden; um ihn beim Mittagsessen zu überraschen.
Als der Alte aber an die Arbeit gehen wollte, bat ihn Johannes: »Vater,
bleibt doch zu Hause! nur heute zu Hause!« Das Wort traf den alten Vater,
als sei er verrathen. Doch als der Sohn hinzu setzte: »macht wenigstens
Mittags bei Zeiten Feierabend; die paar Schläge an dem Thurme werden ja
noch vor dem Winter gethan werden« -- da versprach er zu Mittag bei Zeiten
bei ihnen zu Hause zu sein -- und sähe sich jetzt um, wie es dann in der
Stube unruhig aussehen würde, wie er daliegen würde todt und zerschmettert;
aber auch, wie er des Sergeanten, ja des Kaisers grausame Befehle zu bloßem
Wasser gemacht; und freute sich, daß so Jeder, der stark etwas Gutes will,
frei ist von allen über den Ländern liegenden eisernen Gittern; und nur das
Eine that ihm in seiner redlichen Seele leid, das ehrliche Begräbniß, das
sie ihm würden angedeihen lassen; und das Bedauern, als sei er unglücklich
gewesen in seinem Tode; da er doch grade sich säen wollte in Gottes Erde
als einen Keim des Glücks für die Seinen. Und so sagte er nur zu Johannes:
»Du bist mein lieber, mein einziger Sohn! Und Du meinst es gut mit mir --
das merke ich heimlich! Merke nur auch heimlich: Ich meine es auch gut mit
Dir -- so gut wie ein alter Vater noch kann! -- Lebe wohl -- indeß!«
So ging er.
Aber auch Christel ging kurz vor Essen noch eilig in die Stadt; denn
Paschalis Magd, die Einiges zu holen gekommen, hatte ihr gesagt: daß das
kleine Mädchen sehr nach ihr geweint -- und mit gewollt! Das war nun schon
Stunden vorbei, aber das hielt sie nicht aus, obgleich das Kind gewiß jetzt
längst schon wieder ruhig war.