VI.

Johannes mußte nun auf Christels Fürbitte für den armen _Sebastianow_ und

auf des Sergeanten Befehl den Sonntagsbarbier holen. Dieser aber lag --

krank, weil ihm schon Wecker im Thurme gedroht hatte: er müsse zu einem

Russen kommen, der also wahrscheinlich die _ansteckende gefährliche_

Krankheit an sich haben und ihm mittheilen konnte. Darum lag der

vorsichtige Mann gleich lieber selbst gesund im Bette krank, und pflegte

sich ganz im Geheim endlich einmal recht aus. Aber sein Bruder, der

Licentiat war gekommen, um sich gleichfalls nach Mainz ins Sichere zu

begeben, und hatte bei seinen Kunden umher, auf die Furcht vor der

grassirenden Krankheit sich -- das Reisegeld und die Aufenthaltskosten

geborgt, und von den furchtsamen Leuten, die alle Hülfe vom Arzte erwarten,

es auch gern, gefällig und richtig geliehen erhalten -- und ohne

Schuldschein. Starben sie also während der Abwesenheit seines Leibes --

denn Geistesgegenwart besaß er nirgend -- so waren sie bezahlt; oder er

bezahlte die Familie durch neue Liquidationen, die gerade die Summe

erreichten oder um einige Gulden oder Kreuzer noch überstiegen, damit die

Rechnung nicht studirt schien. Der Licentiat nun konnte seinem alten

Freunde Johannes nicht ausweichen, der mit _Holenlassen_ zu drohen

beauftragt war, und erwiederte: »Lieben Leute, Ihr thut wahrhaftig den

Aerzten zu viel Ehre an, in dieser letzt betrübten Zeit, wo ich wenigstens

meinen Bankrott gestehe. Wir sind so gewöhnlich gut, wo nichts ist; aber

jetzt, wo diese Krankheit herrscht, da beweisen wir der Welt, daß Jeder

selbst sein bester Arzt ist, wenn er sich _vor ihr_ und _vor uns_ sein in

Acht nimmt -- wie ich, und meine liebe Frau! Denn wir wissen das sicherste

Mittel selbst gegen die Pest: -- »_Pest fliehe bald! Fliehe weit! Und spät

erst kehre zurücke!_« -- Und Jetzt kann man bei jedem Leidenden das Leiden

vermuthen! O Gott, wann werden wir wieder drei Monate Zeit haben eine

Krankheit zu curiren! Denn diese läßt sich nicht _spinnen!_ Und Ein Thaler

bei Tag für den ersten Besuch ist auch der letzte! Wie soll das werden?« --

Doch als die Frau Licentiatin gratulirend und lächelnd gefragt und gehört

hatte, daß die vorher so preßhafte _ganze Familie_ sich nun in gesegneten

Umständen befinde, nicht bloß mehr die liebe Hausfrau _Christel_, also

bezahlen konnte und gut bezahlen mußte, so legte sie bei ihrem Manne ein

bittendes Fürwort ein, das aber wie er wußte, ein unweigerlicher Befehl

war. Und so versprach er zu kommen -- doch in der Dämmerung, aus besondern

Gründen. Frau Licentiatin räucherte, daß Alle husten mußten; selbst der

Kranke im Bett in dem Alkoven; und als Johannes schied, sagte sie ihm noch

zum Troste in der Thür: »Vertraut nur der Christel . . .«

Das thue ich immer in Allem; versetzte Johannes.

». . . Nein vertraut ihr nur das: »ihr Schweinchen hatte Finnen! So vergißt

sie es leichter.«

Johannes aber schied stumm. Aber wie erschracken sie Alle, als am Abend --

ein Elephant die Thür aufmachte, und seine lange, bis auf die Erde

reichende und riechende Nase, oder den Rüssel, vorsichtig über die Schwelle

zog -- und »Guten Abend!« sagte, hinter einer Larve mit Glasaugen hervor.

Denn es kam nur der Anfang, das Vordertheil eines jungen Elephanten herein,

dem der Körper fehle; denn die glanzleinewandene Erscheinung sagte gleich

selbst: »Ich bin der Licentiat, der seine Sicherheitsnase, die nur etwas

reine Luft an der Erde holt, nicht zu fürchten bittet!«

_Sebastianow_ aber sprang von dem Bette; man hielt ihn, bedeutete ihn

schwer, daß die Gestalt sein Doctor sei, und er ließ sich endlich zum

Niedersitzen bewegen; schloß aber die Augen, als Christel Licht brachte,

damit er verbunden werden könne, und bat unter nachlassendem Zittern um

etwas Niederschlagendes für ihn, und rief: »Mutter, Schnaps!«

Entweder dieses niederschlagende Getränk, der Schreck, der Verband, die

Hoffnung, oder Alle zugleich, stärkten Sebastianow, daß er dann aufblieb,

und seines Glaubens eingedenk war, sobald er sich wieder allein befand mit

der kleinen Todten. Er suchte sich aus den Bildern an der Wand Jemand aus,

der seinem Schutzheiligen am ähnlichsten sah; zündete Lichter an, und las,

nach seinen Gebräuchen, aus seinem Büchlein nun unaufhörlich Gebete, bald

leise, bald laut, bald still, um auszuruhen. Das that er dem Kinde zum

Nutzen im Himmel, und sich zum Vortheil auf Erden, weil auf die Beerdigung

dann, seiner Meinung nach, ein prächtiges Abendessen zu hoffen stand, oder

weil er sich dadurch Christels Gunst erwerben wollte, der die einfache

Feier gefiel, die aber von selbst schon Alles an ihm that, um nicht zu

ihrem Schmerz noch Rache zu fühlen, _und sich nicht die heiligsten Tage

einer Mutter zu verderben._

Als nun das Särglein fertig war, und grün und weiß gemalt mit der Farbe der

Unschuld und Hoffnung, und Wecker den Text auf das Kreuz geschrieben, da

schritten sie zu dem Begräbniß. Und Wecker las _latent_, wie er es nannte,

erst selbst _als Schuljunge_ oder Custos, an der Hausthüre mit

nachgemachter Knabenstimme, die schöne Verkündigung von den Todten; dann

las er wiederum selbst mit Baßstimme drinnen an der offenen Stubenthür die

Trostworte des Engels, als _geistlicher Herr_, mit viel mehr innerer Würde;

und wer ihn sah, der wußte, was er las, und weinte _latent_ mit, wie er;

denn das Haus war voll fremder, unbekümmerter Menschen. -- Darauf sprach

Wecker als bloßer angemaßter Schulmeister und treue Hausseele: »Nun sind

wir so weit! Liebe Christel! Wenn nur Jemand Todtes da ist, so kann man

immer begraben, nämlich einmal, nicht alle Abende, wie die Kinder den

Staar. Wir warten vergebens auf einen ruhigern Tag, und Johannes steht

schon seit Mittag im Hofe exerciren mit einem Prügel statt einer Flinte,

wie ein Bär; und der abgewachsene Mensch und Ehemann lernt nun auf _einem_

Beine stehen, wie eine Gans -- ganz prachtvoll! und lernt den Kopf drehen,

wie ein Wendehals, ganz wunderbar! Hört nur das Commando: Köpfe -- -- --

links! Köpfe -- -- -- rechts! und so fliegen ihnen die Köpfe, als wären sie

nun jemand Anderm! -- Prachtvoll! Und jetzt treten sie gar den Gänsemarsch

an -- Einer hinter dem Andern! Prachtvoll! Und nun Köpfe links! und Köpfe

rechts dazu -- schwer! doch nun ganz erstaunend! Hei, nun schwenken sie!

sie defiliren hierher, wie Enten, Alle an einem Faden Zwirn, und der

Hinterste hat den Speck im Leibe; und die Arme haben sie Alle ohne

Windelschnur fest am Leibe, wie Wickelkinder -- und schreien, ja mucken

auch nicht, sondern sehen ganz jämmerlich-ehrwürdig aus! Soll ein Mensch

nicht erstaunen, was aus einem vernünftigen Menschen werden kann, sogar

eine Maschine! Also _die_ Kunst ist nicht gelungen: eine Maschine zum

Menschen zu machen, wie man schon einen Trompeter hat. Aber die Kunst

florirt: Menschen zu Einer Maschine von Einem zu machen. Und die _stille

Musik_ dazu! Nein, ich bin außer mir vor Freuden! _Laßt uns begraben, daß

ich weinen kann!_ Denn ehe die Rekruten -- schon ein ganz himmlischer Name

-- ein Rekrut -- ehe nicht zwanzig Stück halb todt umgefallen vor Müdigkeit

und Gänsestehen und Entenmarschiren, jetzt _hier_ niedrig, jetzt _drüben_,

ehe läßt man sie nicht aufhören zu exerciren. Johannes kommt also vor Nacht

nicht in sein Haus, und marschirt wie ein Betrunkener vor seiner eigenen

Thüre herum und vorbei! _Laßt ihm die Freude!_ Uns aber laßt allein zu dem

Werke schreiten; da die lieben, kleinen, weißen Mädchen des Dorfes nicht

mittrippeln mit ihren Kränzen, so schreite ich mit. Denn Alte gehen nur mit

Alten, Weiber mit Weibern, Jungfrauen mit Jungfrauen, und Männer mit

Männern zu Grabe, nach unserem schönen Gebrauche in Zahlbach. Jetzt aber

lassen die Aeltern, wie keine Gans und keine Henne noch Ente, auch die

lieben Kindlein nicht heraus aus dem Wirrwar in allen Häusern in den

Wirrwar vor allen Häusern; Sr. Auchwohlerwürden der Herr Schulmeister, kann

auch nicht mit schreien, noch mit schreiten, denn er hat »_vom Volke_« --

wie wir mit Recht den Ausschuß desselben nennen -- mit Unrecht Schläge

bekommen, weil er die Suppe zu heiß ausgethan und die Herren sich die

Schnäbel verbrannt, und ist _ausgetreten_. Sr. Hochehrwürden, der Herr

Pfarrer Lademann aber kann nicht mit einherschlendern, weil er erst ein

junges Weib, einen schönen, lustigen Finken aus Bockenheim, genommen; ist

also noch eifersüchtig und ganz verschämt oder confus, besonders da sich

der gnädige Gottlieb, nunmehriger Lieutenant bei den Cohorten, im

Pfarrhause dermaaßen einquartiert, daß er jämmerlich schiert, um sich

vorerst Furcht zu machen. Darum schreitet der Herr Pfarrer nicht dreißig

Schritt geradeaus mit dem Rücken vom Hause, für dreißig Ducaten; aber

zweihundert Schritt um die Ecke der Kirche, nicht um zweihundert Louisd'or.

Da ziehen ihn Eure sechszehn Kreuzer denn diesmal nicht. Auch geht man

jetzt nicht _auf_ der Straße, sondern bei dem Wetter _in_ der Straße bis an

die Waden. -- Ich muß also schon mit schreiten oder waten, das seht Ihr

ein! Seid nur so gut!« --

Und so fuhr denn der alte Frommholz das liebe Kind auf dem Gras-Schiebbock

zu dem ausgeworfenen Grabe, und des Kindes Mutter ging allein still hinter

ihm als Leidträgerin; Wecker aber vorn, als Schulmeister, Schule und Custos

mit dem Kinderkreuz, und sang -- stumm, oder latent, mit sehr beweglichem

und bewegtem Gesicht, wie Jemand, der mit vollem Munde kauet; er aber hatte

Seelenspeise auf der Zunge, und labte sich recht.

Als sie bei dem Hofthore auf dem rechten Flügel der »Rotte« vorüber kamen,

hätte Johannes, der mitten im langen Gliede stand, seelensgern _rechts_

gesehen, um wenigstens seines Kindes kleinen, bunten Sarg noch einmal ins

Auge und in die Seele zu fassen; aber die Köpfe waren _links_ commandirt,

und er hatte im rechten Auge nur einen mattblendenden Schein von dem

sonnebeschienenen Särglein. Es zog ihn unwiderstehlich, doch hinzublicken;

er wandte allein von der ganzen Rotte den Kopf _rechts_; und der _gnädige

Gottlieb_, der als Lieutenant inspiciren gekommen, sprang zu, und rückte

ihm denselben bei den Ohren gewaltsam in das heilige Commandowort »Links,«

und hielt ihn dann zornig am Kinn mit der Faust.

Und Johannes alter Vater, der das vorüberfahrend mit angesehen, sprach nur

halblaut vor sich: »_Es ist schon gut!_« -- Johannes aber sah sogar die

große soldatenbunte Gestalt des gnädigen Gottlieb nicht, die ihm nahe in

die Augen grollte; sondern vom Scheidegefühl und dem stillen Lebewohl ganz

anders ergriffen, sprach er nur, im Herzen _still_, die Worte seinem Kinde

nach: »Der Herr behütet Dich, der Herr ist Dein Schatten . . . daß Dich des

Tages die Sonne nicht steche, und der Mond des Nachts. Der Herr behüte Dich

vor allem Uebel, er behüte Deine Seele. Der Herr behüte Deinen Ausgang und

Eingang, von nun an bis in Ewigkeit.« -- »_Amen!_« sprach er laut; und der

Lieutenant lachte, und das Glied, und er ließ ihm das Kinn los.

Nahe bei der Kirche, wo die Wege sich kreuzen, ward aber Wecker von einer

Schaar betrunkener Reiter überritten, deren jeder eine Koppel wilder

Handpferde zur Armee führte; und ein, von den betrunkenen Menschen

gleichsam mit wie betrunken gemachtes Pferd sprang über das Särglein, riß

es dem Alten vom Schubkarren herab und auf, daß der Deckel weit hinflog;

ein anderes schlug scheu aus, und traf das Kind, während Christel sich

verhüllte, und mit gewundenen Händen darauf nach Hause lief wie vom Feuer

verfolgt. -- »Es ist Krieg!« riefen die rohen Gesellen. Und Einer, an

dessen Stimme Wecker _seinen Sohn_ zu erkennen glaubte, sprach lachend:

»Was führt Euer Weg über unseren Weg? Kronengut geht vor Bauerngut! Und

wenn wir die Pest am Leibe hätten, wir zögen frei durch alle Lande, und

schliefen in Eurem Bett! Fort aus dem Wege!«

»Es ist schon gut!« stöhnte der alte Vater wieder. »Mein Sarg steht schon

lange auf unserem Boden.« Und so las Wecker das liebliche, wie vor Schreck

blaß gewordene Kind wieder von der Straße in das Särglein, auch den kleinen

frischen Asternkranz von heut, und das kleine Brodchen, damit es ohne die

Mutter gut schlafe, und deckte den Deckel wieder leise und schonend darauf,

daß er dem Kinde ja kein Fingerchen quetsche. -- Und während der alte

Frommholz stumm es darauf unter einzelnen fallenden Thränen versenkte, und

zuwarf mit der immergleichen, unverweslichen Erde, sah Wecker zum Himmel

und auch zum Thurme -- und sah den Teufel auf der Spitze stehen, der ihn

herunter angrinsete unter unhörbarem Hohngelächter, während er die schwere

eiserne Fahne mit dem vergoldeten Adler um seinen Kopf schwenkte, so daß

ein Kreis von Fahnen mit Adlern sich um den Knopf des Thurmes bildete, wie

Schwalben sich an einander hängen. Und die Raben kamen zur Nachtruh in das

alte Gemäuer geflogen, und krächzten ihr Lied. Wecker aber riß das neue

schon gepflanzte Kreuz wieder aus, und hielt es -- seiner Erscheinung

empor, und sie verschwand. Zu den Raben aber sprach er empor, indem er

seine Hände vor dem Munde zu einem kurzen Schallstück höhlte und rundete:

»Ihr wißt nicht, wer ihr seid? Ihr seid Engel gegen die Adler, ja Engel

gewiß, die ihr eurem kleinen Gespielen entgegen singt. Es klingt aber

schlecht! Ich -- ich kann nicht singen -- mir ist die Kehle wie

zugeschnürt: Der Mann bin ich! . . . Wollt' ich sagen: _Der_ Vater!«

Die Osternacht. Zweite Abtheilung · 第 9 / 18 题