Als aber der Mond purpurhell aufgegangen, und alles zu der kurzen Reise
besorgt war, trug Johannes seine schlafenden drei Kinder in Paschalis Wagen
-- nicht ahnend: daß er Keines mehr wiedersehen würde. Und so war er froh,
als er den _Daniel_ aufgehoben, ohne daß er aufgewacht war, und ihm und
sich nicht den Abschied erschwert, oder das Scheiden wohl gar unmöglich
gemacht, wenn er gar so sehr gebeten hätte: bei Vater und Mutter zu bleiben
und versprochen, Alles zu thun und zu dulden, was über sie käme. Daniel
aber war doch halb wach, und redete im Schlafe, weil er während des Tragens
doch merkte, daß etwas mit ihm vorging, und erzählte seinen Geschwistern im
Traume, ohne die Augen zu öffnen, das Mährchen: »_Die sieben Raben_,« und
fuhr jetzt laut darin fort: »Nun ging das Schwesterchen immerzu, weit, bis
an der Welt Ende, um seine sieben Brüder zu finden. Da kam es zur Sonne;
aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen Kinder; eilig
lief es weg, und hin zum Mond; aber der war gar zu kalt und auch grausig
und bös; und als er das Kind merkte, sprach er: »ich rieche
Menschenfleisch! ich rieche Menschenfleisch!« -- Diese Worte klangen aus
eines Traumredenden Munde, in der Mondnacht und in der Nähe des todten
Schwesterchens zauberhaft-ängstlich, und Johannes war herzlich froh, als er
seinen Knaben glücklich hingelegt, und Daniel sagte nur noch: »da machte es
sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und
gut. Der Morgenstern aber stand auf . . .«
Damit schwieg er. Die jüngern Kindern aber, _Sophiechen_ und _Gotthelf_
ängsteten den Vater nicht so, da sie fester schliefen; und nur Sophiechen
hatte ihn fest um den Hals gefaßt und wollte die Arme nicht wieder
wegnehmen. Johannes aber löste sie ihr langsam und legte sie ihr in den
Schooß, und die Hand des Brüderchens darein, als sei es die Mutter. Und so,
vom Mondlicht beschienen, sahe er seine Lieben noch einmal an, und Freude
durchwallte sein Herz, sie in Sicherheit zu schicken, und empfand schon,
wenn nicht ihr Glück, doch ihr Leben in der nächsten Zukunft, welche für
ihn selbst, seine Kinder und ihrer Kinder und Kindeskinder fernste Zukunft
war. So täuschte ihn sein Gefühl, und Ahnung künftiger sicherer Tage
beglückte ihn.
Obgleich Paschalis gern versprochen hatte, für alles zu sorgen und es neu
und gefällig anzuschaffen, was die Kinder bedürfen könnten, so brachte doch
Christel zuletzt noch ein Körbchen mit den bekannten Spielsachen der
kleinen Kinder, »damit sie doch gleich in der neuen Stadt ihre alten lieben
Bekannten sähen und fänden, und glaubten zu Hause zu sein, wenn sie in
ihren Spielen Vater und Mutter vergessen hätten; so gut wie die Kinder ja
oft auch daheim lieber ihre Bilder, ihre kleinen Teller und Schüsseln und
Becher und Fläschchen und ihre Hochzeiten und Kindtaufen, _selbst Vater und
Mutter stundenlang vergessen_. Und sagt nur immer: »ich komme Morgen!«
sprach sie zuletzt zu Paschalis; und ich komme heimlich so bald ich kann.
Da soll Freude sein in Mainz!« --
Als aber die Wagen langsam fortgefahren und nicht mehr zu sehen waren, fiel
Christel ihrem Johannes um den Hals und weinte. Und er sprach: Ja, meine
Christel, das ist eine schreckliche Zeit, die die Menschen am Leben
hindert, an Arbeit und redlicher Sorge für die Seinen. Aber sie sind in
guten Händen; die Stadt ist nicht weit -- und wir haben ja noch ein Kind --
das auch in guten Händen ist! Komm hinein!
Und während jetzt, beim Einmarsch der Soldaten ins Dorf, die Trommeln
wirbelten, gingen sie ruhiger Hand in Hand hinein; denn sie waren bei
einander voll Unschuld und Muth und Vertrauen und Schmerz, und glaubten dem
allgemeinen Elend ihr Opfer gebracht zu haben, und zwar ihr Liebstes. Was
sollte noch Schlimmeres kommen, was Theuerers von ihnen gefordert werden?
-- sie fühlten das nicht, denn sie hatten sich, und rechneten sich beide
für Eins.
_St. Etienne_, Christels unerkannter Bruder, trat jetzt bei ihnen als
Sergeant mit 20 Mann ein, und meldete sich mit kurzen Worten diesmal als --
_Werber_. Er hatte Vollmacht, aus jedem Hause alle gangbaren schießfähigen
und erschießensfähigen Mannspersonen zu nehmen -- ausgenommen den einzigen
Wirth oder Stamm des Hauses. Selber _Weckern_ hatte er gedroht in den
Soldatenrock zu stecken, da er keine Wirthschaft, keine Schule, keinen Kix
noch Kegel habe. _Und wenn er nicht recht bei Verstande scheine, das sei
eben recht! Selbstdenker brauche sein Herr nicht zu Soldaten;_ die Dummen
raisonnirten so gut wie gar nicht, oder nur Dummes; und ein Verrückter
werde, wenn er auch noch so Wahres fasele, billig für verrückt gehalten,
und dürfe frei reden, was er wolle, weil ihm die Natur das Patent dazu
gegeben. Eine Million Wecker, hatte er gesagt, und der Kaiser ist durch!
Die Raisonneurs aber, die Besserwisser und die Anderswoller würden ihn als
Vogelscheuche allein im Felde stehen lassen mit einer Flinte aus einem
Stocke und einem Säbel von Span. So hatte St. Etienne sich zornig geredet
und sich gelobt, Keinen zu schonen, sondern jeden Brauchbaren aus dem ja so
bald von dem Feinde besetzten Lande herauszuziehen und dem Kaiser hinüber
zur Hülfe zu schleudern, damit der Geschonte nicht sein Feind werden könne.
Denn das unterstehe sich jetzt jeder Hasenfuß. --
Wecker kam über die Rede ergrimmt und erschrocken in die Küche zu Christel,
die ihn seinetwegen tröstete, aber selbst erschrak, als sie darauf
hineinkam mit dem Frühstück, das sie ihren Gästen freundlich brachte, denen
sie alles, für die Ihren Gesparte, ohne Entgeld oder Dank dafür, hinzugeben
verbunden war -- denn »der Herr bedarf sein,« wie Wecker dem Rechte den
Titel gab. Sie erschrak, lächelte aber gefaßt und blickte St. Etienne
endlich gar lachend an, als sie ihren Johannes im Soldatenrock und einem
Chacot mit hohem rothen Stutze zugleich mit am Tische sitzen sah.
So gefällt mir mein Mann! sprach sie zu St. Etienne. Aber ich bitte Euch,
zum Scherz sei's genug! Gott sei Dank, daß die Kinder nicht da sind! Die
schrien sich todt, und Daniel fiel Euch zu Füßen, wenn er in seines Vaters
Hand »ein Pasquill auf das fünfte Gebot« sähe, wie unser Wecker einen Säbel
oder eine Flinte nennt! Eine Kanone aber nennt er gar den letzten
_Verstand_[A] der Menschheit. Pfui Johannes, ziehe Dich aus!
[Fußnote A: ultima ratio.]
Und Wecker trat auch herzu und fragte St. Etienne: »Weß ist der Rock und
das Bandelier?«
»Des Kaisers!« sprach der Sergeant.
»Nun so gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist!«
verlangte Wecker.
Christel wollte ihrem Johannes nun helfen, die im Scherz ihm aufgeredete
Soldatenmaskerade wieder abzuthun. Der Sergeant wehrte ihr aber und sprach:
Es ist nicht leerer Scherz; es ist voller Ernst, des Kaisers Ernst und
meiner. Ihr habt noch den alten Frommholz zum Wirth -- und euern Wecker zum
Voigt in dem Bischen Wirthschaft: der Daniel wächst auch heran -- und wie
_Ihr_ weint, mein junges hübsches Weib, so haben schon Viele geweint in
aller Welt, und Viele _schon aufgehört_ in aller Welt, und so fügt Euch
darein in dieser Welt. Gebet dem Landesherrn, was des Landesherrn ist --
und Er hat gesagt: »Der letzte Thaler und der letzte Mann ist mein!«
-- Es ist Etwas Majestätisches um Einen großen Mann, sprach Wecker. »Denn
_die Erde ist des Herrn_ und alles, was darinnen ist. Er sitzet über dem
Kreis der Erden, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken! Der die
Fürsten zu nichte machet, und die Richter auf Erden eitel machet: als hätte
ihr Stamm weder Pflanzen, noch Saamen, noch Wurzel in der Erden; daß sie,
wo ein Wind unter sie wehet, verdorren, und sie ein Windwirbel wie Stoppeln
wegführt.«
St. Etienne hatte das betroffen angehört, denn es klang gewaltig, und er
sprach lächelnd: Das kann kommen! Den König von Westphalen hat schon der
Wirbelwind fortgeführt.
Die Wirbelwinde haben immer verschiedene Namen, je nach dem Ort, wo sie
einherblasen, und werden sie immer haben, sprach Wecker; wie hieß denn also
der Wirbelwind Hieronymi?
Tzschernitschef; hört' ich, antwortete St. Etienne.
So ist das schöne Land ohne König! sprach Christel. So hört doch, St.
Etienne! Das geht weiter! Was werbt Ihr also!
Johannes aber klagte aufrichtig aus seinem treuherzigen Sinne: Mein Gott,
ein Land ohne König, wie soll das gehen? Das ist das größte Unglück. Mir
däucht ordentlich als könne da keine Saat mehr keimen, kein Baum blühen und
kein Weinstock tragen! Wenn ein Land auch Alles verloren, Menschen, Häuser,
Habe, Vieh, Getreide, Geld und Wohlsein, wenn alle Uebel drin hausen und
alle Krankheiten darin sich satt fressen, und es hat nur noch einen König,
wie ein Bienenstock einen Weisel, so erholt sich der Stock wieder, setzt
Brut, höselt Wachs, baut Zellen, schleppt Honig, und das ganze Land hat
wieder ein süßes Maul. Wer wird nun die Steuern empfangen? Wer wird
befehlen? Denn ohne Befehlen hört der Gehorsam auf. O schlimme
amerikanische Zeit! --
Wir wollen Gott bitten, sprach Wecker, daß er sich wieder erbarmt und das
Herz eines Andern regiert, der sich wieder des verwaiseten Thrones erbarmt!
Bittet nur bald, sonst bittet Ihr guten Leute zu spät; sprach St. Etienne.
Ich bin glücklich! Wir sind glücklich! -- Wir haben noch einen Kaiser; und
der braucht Soldaten, nachdem er Sechsmalhunderttausend in Rußland --
_angeführt_ hat! Tüchtig _angeführt!_ Also werbe ich! Denn ohne Soldaten
bleibt Er sogar nicht vier Wochen auf dem Throne, geschweige ein Anderer
fünfzehn Tage. Darum werden wir Soldaten auch beinahe auf Händen getragen,
wenigstens, wenn's Noth thut, auf Wagen gefahren zur Schlacht. --
»-- Bank!« setzte Wecker hinzu.
Also zur Schlachtbank -- meinen Johannes! meinen einzigen Sohn, den
_einzigen Vater_ der Kinder, den _einzigen Mann_ unsrer Christel! sagte der
alte Frommholz betäubt: »Das ist der Kaiser nicht werth. Viel Hunde sind
des Hasen Tod, und er wird es nicht lange mehr bleiben -- aber jetzt
freilich bin ich noch hier in dieser eurer Gewalt.«
»_Ihr_ nicht! alter Mann!« belehrte ihn St. Etienne, noch lachend.
Ja wohl ich, nur ich; stöhnte der Alte verworren und schwieg.
Ihr bleibt wo und wer Ihr seid, erklärte St. Etienne. Aber, freilich, wäret
Ihr nicht, so wäre _Johannes_ der Einzige auf der Bude, die zu
_Einquartirungen_ und _Lieferungen_ und _Abgaben_ und _zur Zucht_ von neuen
Soldaten gebraucht wird, und Johannes wäre frei.
»Frei!« rief Wecker wie ein Echo aus jener Welt.
Warum hab' ich so lange gelebt! seufzte der Alte. O, die Verheißung Gottes:
ein langes Leben und graue Haare, sind nun ein Fluch und eine Strafe
geworden! Aber meine Christel, sei ohne Kummer! Ich weiß ein . . . ja ich
bin ein sicheres Mittel!
Wecker aber merkte, daß der Herr Sergeant erbittert worden und fragte
darein: Aber Johannes, wie seid Ihr denn erst zu dem Rocke gekommen? -- Und
Johannes antwortete: -- Der Herr Sergeant wollte seinen Rock ausbürsten, da
sollte ich der ausgestopfte Mann dazu sein, oder der Nothnagel.
Dankt Gott, daß ich ihn Euch nicht am Leibe _ausklopfe_ versetzte St.
Etienne. Nachmittags 2 Uhr Exerciren, hier im Hofe! Alles, was noch gesund
ist bei Euch im Dorfe, und werth auf dem Felde der Ehre zu sterben, wird
auch hieher kommen. Der Tod darf keine alten Krüppel auf dem Schlachtfelde
finden, sondern _lauter nagelneue, brühwarme_. Sollen wir Andere mit Lahmen
und Blinden, mit Einäugigen und Buckligen -- fallen, welcher brave Soldat
wohl vertrüge die Schmach. -- Also, Johannes, um zwei! --
Der alte Frommholz aber schlich sich fort in seine Kammer, setzte sich auf
sein Bett, blieb erst lange schwermuthsvoll, dann gedankenvoll, und sprach
endlich laut mit sich selbst: »Frommholz, altes mürbes Holz, Du hast Dir
immer im Leben Rath gewußt; nun rathe Dir auch; oder nimm meinen Rath
gleich lieber an, damit _Christel_ keine Wittwe wird, _die Kinder_ keine
Waisen, und _Du_ kein Bettelmann mit Weckern! Kein Mensch kann eines andern
Treppe brauchen, das weißt Du als Zimmermann; und so hat auch jeder seine
eigene passende Leiter zum Himmel. Zum Himmel? Ach, Frommholz! Doch, wer
anklopft, dem wird aufgethan; und wer so anklopft wie ich, _nicht um selbst
hinein zu kommen_, sondern um aus stürmischem kaltem Regenwetter gute
verlorene Kinder hineinzusichern, den läßt man vielleicht mit einlaufen,
wie auf der St. Bernhardsstraße den armen guten Hund, der verirrte Menschen
in die warme Stube bringt! Ich wenigstens stieße das gute verständige, vor
Kälte stumme Thier nicht wieder mit dem Fuße über die Schwelle zurück in
den Schnee und die Kälte, in das Heulen und Zähnklappern hinaus -- _in die
Hölle!_ Doch Frommholz, Frommholz! Du thust mir recht leid! -- Wehe denen,
die durch alle Jahre bis in ihr Alter richtig und glücklich gewandelt, und
erst im letzten Jahre einen Stein im Wege finden, worüber sie Hals und
Beine brechen! -- Hals und Beine!« --
Der alte Mann sprang erschrocken auf, und besah sich seine noch ganzen
Gliedmaßen, und versuchte den Kopf auf dem Halse zu drehen, und er war auch
noch ganz, -- »Nun,« sprach er, »so ist es doch schlimm, daß es Dich
trifft, denn kein anderer kann helfen! Siehe aber, Du weißt ja, manches
Holz macht dem Menschen wenig Plage -- einige Mal den Stamm querdurch
gesägt, die Himpel mit dem Keile gespalten, einige Schläge darauf, dann die
Kloben in Scheite gespalten -- so ist es verbrannt und Asche. Ein anderes
bloßes Stück Holz aber soll eine Säule zu einer Wendeltreppe werden, oder
ein geschnitztes Altarbild, und macht eine lange, saure Plage! Doch Deine
ist kurz. Und gestehe nur, Soldat Frommholz, der Du in Deinen vierziger
Jahren statt Späne von Balken, _Arme vom Leibe, und Köpfe vom Rumpfe
hiebst_, gestehe nur, _Du mein halbvergessener_ Vorfahr, daß Du die Strafe
wohl verdient! Hiebst Du nicht bei Ankona, wo der _Papst_ zur Veränderung
auch einmal _der Türken_ Bundesgenosse war, einen bildhübschen jungen Mann
zusammen, weil »Erschlagen« befohlen war, und derjenige ein Ehrenzeichen
bekam, der es darin am weitesten gebracht! Und kamst Du dann nicht ins
Quartier zu der jungen, schönen Gräfin, die ihr Knäbchen wiegte! Hörtest Du
sie nicht laut aufschreien, als sie ihren geliebten Mann in _der_ Gestalt
herein trugen, in welche Du ihn verhunzt! -- Hei! das war ein schönes
Ebenbild Gottes! -- Frommholz! Sahst Du nicht, wie sie ihr Kind aus der
Wiege riß, es hoch empor hielt, und es des Vaters unsichtbarem Todtschläger
zeigte -- daß _Dir_ die Haare zu Berge standen -- und wie sie es Gott dem
unsichtbaren Vater zeigte, daß _Du_ vor Furcht Dich bücktest, -- und die
silberne Klapper aufhobst, die dem kleinen Waisenkinde vor Angst vor der
Mutter aus dem Händchen gefallen war! Hörtest Du nicht, wie sie Rache
schwur, wenn nicht der Welt, wenn nicht dem guten, schönen
Menschengeschlecht, wenn nicht den Frevlern, die den Krieg herauf
beschworen und ihn wüthen geheißen, _bloß um selbst länger ihr Volk zu
beglücken_ -- denn doch Rache dem, der ihn erschlagen und sein schönes
Gesicht entstellt, daß sie ihn kaum erkannten. Und Du, Soldat Frommholz, Du
mußtest schweigen, und aßest still von ihrem weißen Brode und trankest
ihren rothen, süßen Wein! Und mit heiler Haut gingst Du selber heim,
legtest den Soldatenrock und die Höllenwaffen ab, und griffst zum
Zimmerbeil wie nach einem Kleinod. Aber vergessen habe ich, ich grau
werdender Zimmermann, nicht Dich Fleischer, Menschenjäger und Brandstifter
auf anderer Leute Gewissen hin! Und ich Zimmermann sage Dir jetzt: Mensch,
Du sollst Deinem Gotte mehr gehorchen, als den Menschen! Denn Menschen sind
alle, wie sie auch heißen, ob sie Kronen tragen oder Pelzmützen, Sterne
oder Knöpfe. Und kein Mensch kann das fünfte Gebot aus der Bibel kratzen,
oder das »nicht« aus demselben vertilgen und Gott zum Trotze mit seinem
Kain-Finger in die Gesetzestafel schreiben: »Du sollst tödten!« ohne daß
ihn der Donner des Herrn erschlüge! -- »Aber,« warf ihm der _Soldat_
Frommholz ein: »Sie thun ja doch so -- und der Herr läßt regnen über
Gerechte und Ungerechte, und seine Sonne scheinen über Gute und Böse.« --
»Das ist eben entsetzlich! Die sanfte, liebevolle, schweigende, himmlische
Mahnung!« entgegnete ihm der alte Zimmermann Frommholz. Manchmal, wenn ich
in Frankfurt war, habe ich mich gewundert, warum denn die Juden nicht
Christen werden! -- Oder doch die Türken! -- Da sagte mir ein vornehmer
Mann, der meine _laute_ Verwunderung hörte: »Ich würde die Juden und die
Türken verabscheuen, wenn sie _das_ werden wollten: was wir _sind_ oder
heißen, alter Mann! Und als Mahomed erschien, hatte seine Lehre reißenden
Fortgang, weil es schon 300 Jahre vor ihm keine wahren Christen mehr gab.
-- Ich muß in die Sitzung! Lebt wohl!« So schied er. Und jetzt da Einer 300
Meilen weit hergeritten kommt, um meine kleine, liebe Sohnestochter
aufzuspießen, und ich sie nicht einmal _vor_ dem Wirrwar hineingetragen --
nun will ich, der Zimmermann, Deine Sünden wieder gut machen, Soldat,
gottloser Frommholz! Aber weiche von mir auf Erden, und erscheine mir einst
nicht im Himmel! Wir sind geschiedene Leute!«
»Und nun, mein Alter, sprach seine Seele weiter, Deine Sache ist leicht! Du
zimmerst am Thurme ja, wie das ganze Dorf weiß; . . . Du legst nun das
Brett auf einer Seite hohl; . . . Du haust fehl -- es schwankt; . . . Du
schwankst -- es fällt; Du fällst . . . und _Johannes ist kein Soldat_, so
wahr meine alten Gebeine nicht von Eisen sind! Und nur ein Scrupel bleibt:
daß sie Dich ehrlich begraben! Johannes beweint mich redlich! Christel geht
schwarz in Trauer um mich, und die Kinder pflanzen ihre paar Blumen auf
mein Grab, und kommen zu mir, sie an schönen Sommerabenden frisch zu
begießen. Und der Mond geht auf, und die Linden duften, und »zum
Wahrzeichen« hänge ich angenagelt und aus Holz geschnitzt und mit Oelfarbe
bunt gemalt, an der Ecke des Thurmes -- und die thörichten Kinder im Dorfe
sprechen: »Das ist der alte Frommholz!« Aber der Wahre hat die Seinen aus
der Gewalt der erbärmlichen Zeit errettet. Denn was ein Mensch kann, das
wissen die Millionen nicht!«