V.

Als aber der Mond purpurhell aufgegangen, und alles zu der kurzen Reise

besorgt war, trug Johannes seine schlafenden drei Kinder in Paschalis Wagen

-- nicht ahnend: daß er Keines mehr wiedersehen würde. Und so war er froh,

als er den _Daniel_ aufgehoben, ohne daß er aufgewacht war, und ihm und

sich nicht den Abschied erschwert, oder das Scheiden wohl gar unmöglich

gemacht, wenn er gar so sehr gebeten hätte: bei Vater und Mutter zu bleiben

und versprochen, Alles zu thun und zu dulden, was über sie käme. Daniel

aber war doch halb wach, und redete im Schlafe, weil er während des Tragens

doch merkte, daß etwas mit ihm vorging, und erzählte seinen Geschwistern im

Traume, ohne die Augen zu öffnen, das Mährchen: »_Die sieben Raben_,« und

fuhr jetzt laut darin fort: »Nun ging das Schwesterchen immerzu, weit, bis

an der Welt Ende, um seine sieben Brüder zu finden. Da kam es zur Sonne;

aber die war zu heiß und fürchterlich und fraß die kleinen Kinder; eilig

lief es weg, und hin zum Mond; aber der war gar zu kalt und auch grausig

und bös; und als er das Kind merkte, sprach er: »ich rieche

Menschenfleisch! ich rieche Menschenfleisch!« -- Diese Worte klangen aus

eines Traumredenden Munde, in der Mondnacht und in der Nähe des todten

Schwesterchens zauberhaft-ängstlich, und Johannes war herzlich froh, als er

seinen Knaben glücklich hingelegt, und Daniel sagte nur noch: »da machte es

sich geschwind fort und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und

gut. Der Morgenstern aber stand auf . . .«

Damit schwieg er. Die jüngern Kindern aber, _Sophiechen_ und _Gotthelf_

ängsteten den Vater nicht so, da sie fester schliefen; und nur Sophiechen

hatte ihn fest um den Hals gefaßt und wollte die Arme nicht wieder

wegnehmen. Johannes aber löste sie ihr langsam und legte sie ihr in den

Schooß, und die Hand des Brüderchens darein, als sei es die Mutter. Und so,

vom Mondlicht beschienen, sahe er seine Lieben noch einmal an, und Freude

durchwallte sein Herz, sie in Sicherheit zu schicken, und empfand schon,

wenn nicht ihr Glück, doch ihr Leben in der nächsten Zukunft, welche für

ihn selbst, seine Kinder und ihrer Kinder und Kindeskinder fernste Zukunft

war. So täuschte ihn sein Gefühl, und Ahnung künftiger sicherer Tage

beglückte ihn.

Obgleich Paschalis gern versprochen hatte, für alles zu sorgen und es neu

und gefällig anzuschaffen, was die Kinder bedürfen könnten, so brachte doch

Christel zuletzt noch ein Körbchen mit den bekannten Spielsachen der

kleinen Kinder, »damit sie doch gleich in der neuen Stadt ihre alten lieben

Bekannten sähen und fänden, und glaubten zu Hause zu sein, wenn sie in

ihren Spielen Vater und Mutter vergessen hätten; so gut wie die Kinder ja

oft auch daheim lieber ihre Bilder, ihre kleinen Teller und Schüsseln und

Becher und Fläschchen und ihre Hochzeiten und Kindtaufen, _selbst Vater und

Mutter stundenlang vergessen_. Und sagt nur immer: »ich komme Morgen!«

sprach sie zuletzt zu Paschalis; und ich komme heimlich so bald ich kann.

Da soll Freude sein in Mainz!« --

Als aber die Wagen langsam fortgefahren und nicht mehr zu sehen waren, fiel

Christel ihrem Johannes um den Hals und weinte. Und er sprach: Ja, meine

Christel, das ist eine schreckliche Zeit, die die Menschen am Leben

hindert, an Arbeit und redlicher Sorge für die Seinen. Aber sie sind in

guten Händen; die Stadt ist nicht weit -- und wir haben ja noch ein Kind --

das auch in guten Händen ist! Komm hinein!

Und während jetzt, beim Einmarsch der Soldaten ins Dorf, die Trommeln

wirbelten, gingen sie ruhiger Hand in Hand hinein; denn sie waren bei

einander voll Unschuld und Muth und Vertrauen und Schmerz, und glaubten dem

allgemeinen Elend ihr Opfer gebracht zu haben, und zwar ihr Liebstes. Was

sollte noch Schlimmeres kommen, was Theuerers von ihnen gefordert werden?

-- sie fühlten das nicht, denn sie hatten sich, und rechneten sich beide

für Eins.

_St. Etienne_, Christels unerkannter Bruder, trat jetzt bei ihnen als

Sergeant mit 20 Mann ein, und meldete sich mit kurzen Worten diesmal als --

_Werber_. Er hatte Vollmacht, aus jedem Hause alle gangbaren schießfähigen

und erschießensfähigen Mannspersonen zu nehmen -- ausgenommen den einzigen

Wirth oder Stamm des Hauses. Selber _Weckern_ hatte er gedroht in den

Soldatenrock zu stecken, da er keine Wirthschaft, keine Schule, keinen Kix

noch Kegel habe. _Und wenn er nicht recht bei Verstande scheine, das sei

eben recht! Selbstdenker brauche sein Herr nicht zu Soldaten;_ die Dummen

raisonnirten so gut wie gar nicht, oder nur Dummes; und ein Verrückter

werde, wenn er auch noch so Wahres fasele, billig für verrückt gehalten,

und dürfe frei reden, was er wolle, weil ihm die Natur das Patent dazu

gegeben. Eine Million Wecker, hatte er gesagt, und der Kaiser ist durch!

Die Raisonneurs aber, die Besserwisser und die Anderswoller würden ihn als

Vogelscheuche allein im Felde stehen lassen mit einer Flinte aus einem

Stocke und einem Säbel von Span. So hatte St. Etienne sich zornig geredet

und sich gelobt, Keinen zu schonen, sondern jeden Brauchbaren aus dem ja so

bald von dem Feinde besetzten Lande herauszuziehen und dem Kaiser hinüber

zur Hülfe zu schleudern, damit der Geschonte nicht sein Feind werden könne.

Denn das unterstehe sich jetzt jeder Hasenfuß. --

Wecker kam über die Rede ergrimmt und erschrocken in die Küche zu Christel,

die ihn seinetwegen tröstete, aber selbst erschrak, als sie darauf

hineinkam mit dem Frühstück, das sie ihren Gästen freundlich brachte, denen

sie alles, für die Ihren Gesparte, ohne Entgeld oder Dank dafür, hinzugeben

verbunden war -- denn »der Herr bedarf sein,« wie Wecker dem Rechte den

Titel gab. Sie erschrak, lächelte aber gefaßt und blickte St. Etienne

endlich gar lachend an, als sie ihren Johannes im Soldatenrock und einem

Chacot mit hohem rothen Stutze zugleich mit am Tische sitzen sah.

So gefällt mir mein Mann! sprach sie zu St. Etienne. Aber ich bitte Euch,

zum Scherz sei's genug! Gott sei Dank, daß die Kinder nicht da sind! Die

schrien sich todt, und Daniel fiel Euch zu Füßen, wenn er in seines Vaters

Hand »ein Pasquill auf das fünfte Gebot« sähe, wie unser Wecker einen Säbel

oder eine Flinte nennt! Eine Kanone aber nennt er gar den letzten

_Verstand_[A] der Menschheit. Pfui Johannes, ziehe Dich aus!

[Fußnote A: ultima ratio.]

Und Wecker trat auch herzu und fragte St. Etienne: »Weß ist der Rock und

das Bandelier?«

»Des Kaisers!« sprach der Sergeant.

»Nun so gebet dem Kaiser was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist!«

verlangte Wecker.

Christel wollte ihrem Johannes nun helfen, die im Scherz ihm aufgeredete

Soldatenmaskerade wieder abzuthun. Der Sergeant wehrte ihr aber und sprach:

Es ist nicht leerer Scherz; es ist voller Ernst, des Kaisers Ernst und

meiner. Ihr habt noch den alten Frommholz zum Wirth -- und euern Wecker zum

Voigt in dem Bischen Wirthschaft: der Daniel wächst auch heran -- und wie

_Ihr_ weint, mein junges hübsches Weib, so haben schon Viele geweint in

aller Welt, und Viele _schon aufgehört_ in aller Welt, und so fügt Euch

darein in dieser Welt. Gebet dem Landesherrn, was des Landesherrn ist --

und Er hat gesagt: »Der letzte Thaler und der letzte Mann ist mein!«

-- Es ist Etwas Majestätisches um Einen großen Mann, sprach Wecker. »Denn

_die Erde ist des Herrn_ und alles, was darinnen ist. Er sitzet über dem

Kreis der Erden, und die darauf wohnen, sind wie Heuschrecken! Der die

Fürsten zu nichte machet, und die Richter auf Erden eitel machet: als hätte

ihr Stamm weder Pflanzen, noch Saamen, noch Wurzel in der Erden; daß sie,

wo ein Wind unter sie wehet, verdorren, und sie ein Windwirbel wie Stoppeln

wegführt.«

St. Etienne hatte das betroffen angehört, denn es klang gewaltig, und er

sprach lächelnd: Das kann kommen! Den König von Westphalen hat schon der

Wirbelwind fortgeführt.

Die Wirbelwinde haben immer verschiedene Namen, je nach dem Ort, wo sie

einherblasen, und werden sie immer haben, sprach Wecker; wie hieß denn also

der Wirbelwind Hieronymi?

Tzschernitschef; hört' ich, antwortete St. Etienne.

So ist das schöne Land ohne König! sprach Christel. So hört doch, St.

Etienne! Das geht weiter! Was werbt Ihr also!

Johannes aber klagte aufrichtig aus seinem treuherzigen Sinne: Mein Gott,

ein Land ohne König, wie soll das gehen? Das ist das größte Unglück. Mir

däucht ordentlich als könne da keine Saat mehr keimen, kein Baum blühen und

kein Weinstock tragen! Wenn ein Land auch Alles verloren, Menschen, Häuser,

Habe, Vieh, Getreide, Geld und Wohlsein, wenn alle Uebel drin hausen und

alle Krankheiten darin sich satt fressen, und es hat nur noch einen König,

wie ein Bienenstock einen Weisel, so erholt sich der Stock wieder, setzt

Brut, höselt Wachs, baut Zellen, schleppt Honig, und das ganze Land hat

wieder ein süßes Maul. Wer wird nun die Steuern empfangen? Wer wird

befehlen? Denn ohne Befehlen hört der Gehorsam auf. O schlimme

amerikanische Zeit! --

Wir wollen Gott bitten, sprach Wecker, daß er sich wieder erbarmt und das

Herz eines Andern regiert, der sich wieder des verwaiseten Thrones erbarmt!

Bittet nur bald, sonst bittet Ihr guten Leute zu spät; sprach St. Etienne.

Ich bin glücklich! Wir sind glücklich! -- Wir haben noch einen Kaiser; und

der braucht Soldaten, nachdem er Sechsmalhunderttausend in Rußland --

_angeführt_ hat! Tüchtig _angeführt!_ Also werbe ich! Denn ohne Soldaten

bleibt Er sogar nicht vier Wochen auf dem Throne, geschweige ein Anderer

fünfzehn Tage. Darum werden wir Soldaten auch beinahe auf Händen getragen,

wenigstens, wenn's Noth thut, auf Wagen gefahren zur Schlacht. --

»-- Bank!« setzte Wecker hinzu.

Also zur Schlachtbank -- meinen Johannes! meinen einzigen Sohn, den

_einzigen Vater_ der Kinder, den _einzigen Mann_ unsrer Christel! sagte der

alte Frommholz betäubt: »Das ist der Kaiser nicht werth. Viel Hunde sind

des Hasen Tod, und er wird es nicht lange mehr bleiben -- aber jetzt

freilich bin ich noch hier in dieser eurer Gewalt.«

»_Ihr_ nicht! alter Mann!« belehrte ihn St. Etienne, noch lachend.

Ja wohl ich, nur ich; stöhnte der Alte verworren und schwieg.

Ihr bleibt wo und wer Ihr seid, erklärte St. Etienne. Aber, freilich, wäret

Ihr nicht, so wäre _Johannes_ der Einzige auf der Bude, die zu

_Einquartirungen_ und _Lieferungen_ und _Abgaben_ und _zur Zucht_ von neuen

Soldaten gebraucht wird, und Johannes wäre frei.

»Frei!« rief Wecker wie ein Echo aus jener Welt.

Warum hab' ich so lange gelebt! seufzte der Alte. O, die Verheißung Gottes:

ein langes Leben und graue Haare, sind nun ein Fluch und eine Strafe

geworden! Aber meine Christel, sei ohne Kummer! Ich weiß ein . . . ja ich

bin ein sicheres Mittel!

Wecker aber merkte, daß der Herr Sergeant erbittert worden und fragte

darein: Aber Johannes, wie seid Ihr denn erst zu dem Rocke gekommen? -- Und

Johannes antwortete: -- Der Herr Sergeant wollte seinen Rock ausbürsten, da

sollte ich der ausgestopfte Mann dazu sein, oder der Nothnagel.

Dankt Gott, daß ich ihn Euch nicht am Leibe _ausklopfe_ versetzte St.

Etienne. Nachmittags 2 Uhr Exerciren, hier im Hofe! Alles, was noch gesund

ist bei Euch im Dorfe, und werth auf dem Felde der Ehre zu sterben, wird

auch hieher kommen. Der Tod darf keine alten Krüppel auf dem Schlachtfelde

finden, sondern _lauter nagelneue, brühwarme_. Sollen wir Andere mit Lahmen

und Blinden, mit Einäugigen und Buckligen -- fallen, welcher brave Soldat

wohl vertrüge die Schmach. -- Also, Johannes, um zwei! --

Der alte Frommholz aber schlich sich fort in seine Kammer, setzte sich auf

sein Bett, blieb erst lange schwermuthsvoll, dann gedankenvoll, und sprach

endlich laut mit sich selbst: »Frommholz, altes mürbes Holz, Du hast Dir

immer im Leben Rath gewußt; nun rathe Dir auch; oder nimm meinen Rath

gleich lieber an, damit _Christel_ keine Wittwe wird, _die Kinder_ keine

Waisen, und _Du_ kein Bettelmann mit Weckern! Kein Mensch kann eines andern

Treppe brauchen, das weißt Du als Zimmermann; und so hat auch jeder seine

eigene passende Leiter zum Himmel. Zum Himmel? Ach, Frommholz! Doch, wer

anklopft, dem wird aufgethan; und wer so anklopft wie ich, _nicht um selbst

hinein zu kommen_, sondern um aus stürmischem kaltem Regenwetter gute

verlorene Kinder hineinzusichern, den läßt man vielleicht mit einlaufen,

wie auf der St. Bernhardsstraße den armen guten Hund, der verirrte Menschen

in die warme Stube bringt! Ich wenigstens stieße das gute verständige, vor

Kälte stumme Thier nicht wieder mit dem Fuße über die Schwelle zurück in

den Schnee und die Kälte, in das Heulen und Zähnklappern hinaus -- _in die

Hölle!_ Doch Frommholz, Frommholz! Du thust mir recht leid! -- Wehe denen,

die durch alle Jahre bis in ihr Alter richtig und glücklich gewandelt, und

erst im letzten Jahre einen Stein im Wege finden, worüber sie Hals und

Beine brechen! -- Hals und Beine!« --

Der alte Mann sprang erschrocken auf, und besah sich seine noch ganzen

Gliedmaßen, und versuchte den Kopf auf dem Halse zu drehen, und er war auch

noch ganz, -- »Nun,« sprach er, »so ist es doch schlimm, daß es Dich

trifft, denn kein anderer kann helfen! Siehe aber, Du weißt ja, manches

Holz macht dem Menschen wenig Plage -- einige Mal den Stamm querdurch

gesägt, die Himpel mit dem Keile gespalten, einige Schläge darauf, dann die

Kloben in Scheite gespalten -- so ist es verbrannt und Asche. Ein anderes

bloßes Stück Holz aber soll eine Säule zu einer Wendeltreppe werden, oder

ein geschnitztes Altarbild, und macht eine lange, saure Plage! Doch Deine

ist kurz. Und gestehe nur, Soldat Frommholz, der Du in Deinen vierziger

Jahren statt Späne von Balken, _Arme vom Leibe, und Köpfe vom Rumpfe

hiebst_, gestehe nur, _Du mein halbvergessener_ Vorfahr, daß Du die Strafe

wohl verdient! Hiebst Du nicht bei Ankona, wo der _Papst_ zur Veränderung

auch einmal _der Türken_ Bundesgenosse war, einen bildhübschen jungen Mann

zusammen, weil »Erschlagen« befohlen war, und derjenige ein Ehrenzeichen

bekam, der es darin am weitesten gebracht! Und kamst Du dann nicht ins

Quartier zu der jungen, schönen Gräfin, die ihr Knäbchen wiegte! Hörtest Du

sie nicht laut aufschreien, als sie ihren geliebten Mann in _der_ Gestalt

herein trugen, in welche Du ihn verhunzt! -- Hei! das war ein schönes

Ebenbild Gottes! -- Frommholz! Sahst Du nicht, wie sie ihr Kind aus der

Wiege riß, es hoch empor hielt, und es des Vaters unsichtbarem Todtschläger

zeigte -- daß _Dir_ die Haare zu Berge standen -- und wie sie es Gott dem

unsichtbaren Vater zeigte, daß _Du_ vor Furcht Dich bücktest, -- und die

silberne Klapper aufhobst, die dem kleinen Waisenkinde vor Angst vor der

Mutter aus dem Händchen gefallen war! Hörtest Du nicht, wie sie Rache

schwur, wenn nicht der Welt, wenn nicht dem guten, schönen

Menschengeschlecht, wenn nicht den Frevlern, die den Krieg herauf

beschworen und ihn wüthen geheißen, _bloß um selbst länger ihr Volk zu

beglücken_ -- denn doch Rache dem, der ihn erschlagen und sein schönes

Gesicht entstellt, daß sie ihn kaum erkannten. Und Du, Soldat Frommholz, Du

mußtest schweigen, und aßest still von ihrem weißen Brode und trankest

ihren rothen, süßen Wein! Und mit heiler Haut gingst Du selber heim,

legtest den Soldatenrock und die Höllenwaffen ab, und griffst zum

Zimmerbeil wie nach einem Kleinod. Aber vergessen habe ich, ich grau

werdender Zimmermann, nicht Dich Fleischer, Menschenjäger und Brandstifter

auf anderer Leute Gewissen hin! Und ich Zimmermann sage Dir jetzt: Mensch,

Du sollst Deinem Gotte mehr gehorchen, als den Menschen! Denn Menschen sind

alle, wie sie auch heißen, ob sie Kronen tragen oder Pelzmützen, Sterne

oder Knöpfe. Und kein Mensch kann das fünfte Gebot aus der Bibel kratzen,

oder das »nicht« aus demselben vertilgen und Gott zum Trotze mit seinem

Kain-Finger in die Gesetzestafel schreiben: »Du sollst tödten!« ohne daß

ihn der Donner des Herrn erschlüge! -- »Aber,« warf ihm der _Soldat_

Frommholz ein: »Sie thun ja doch so -- und der Herr läßt regnen über

Gerechte und Ungerechte, und seine Sonne scheinen über Gute und Böse.« --

»Das ist eben entsetzlich! Die sanfte, liebevolle, schweigende, himmlische

Mahnung!« entgegnete ihm der alte Zimmermann Frommholz. Manchmal, wenn ich

in Frankfurt war, habe ich mich gewundert, warum denn die Juden nicht

Christen werden! -- Oder doch die Türken! -- Da sagte mir ein vornehmer

Mann, der meine _laute_ Verwunderung hörte: »Ich würde die Juden und die

Türken verabscheuen, wenn sie _das_ werden wollten: was wir _sind_ oder

heißen, alter Mann! Und als Mahomed erschien, hatte seine Lehre reißenden

Fortgang, weil es schon 300 Jahre vor ihm keine wahren Christen mehr gab.

-- Ich muß in die Sitzung! Lebt wohl!« So schied er. Und jetzt da Einer 300

Meilen weit hergeritten kommt, um meine kleine, liebe Sohnestochter

aufzuspießen, und ich sie nicht einmal _vor_ dem Wirrwar hineingetragen --

nun will ich, der Zimmermann, Deine Sünden wieder gut machen, Soldat,

gottloser Frommholz! Aber weiche von mir auf Erden, und erscheine mir einst

nicht im Himmel! Wir sind geschiedene Leute!«

»Und nun, mein Alter, sprach seine Seele weiter, Deine Sache ist leicht! Du

zimmerst am Thurme ja, wie das ganze Dorf weiß; . . . Du legst nun das

Brett auf einer Seite hohl; . . . Du haust fehl -- es schwankt; . . . Du

schwankst -- es fällt; Du fällst . . . und _Johannes ist kein Soldat_, so

wahr meine alten Gebeine nicht von Eisen sind! Und nur ein Scrupel bleibt:

daß sie Dich ehrlich begraben! Johannes beweint mich redlich! Christel geht

schwarz in Trauer um mich, und die Kinder pflanzen ihre paar Blumen auf

mein Grab, und kommen zu mir, sie an schönen Sommerabenden frisch zu

begießen. Und der Mond geht auf, und die Linden duften, und »zum

Wahrzeichen« hänge ich angenagelt und aus Holz geschnitzt und mit Oelfarbe

bunt gemalt, an der Ecke des Thurmes -- und die thörichten Kinder im Dorfe

sprechen: »Das ist der alte Frommholz!« Aber der Wahre hat die Seinen aus

der Gewalt der erbärmlichen Zeit errettet. Denn was ein Mensch kann, das

wissen die Millionen nicht!«

Die Osternacht. Zweite Abtheilung · 第 8 / 18 题