In Johannes Hause leuchtete der Kamin hell zu den hellen Scheiben hinaus,
und von draußen sah die Wohnung sich so ruhig und erdglücklich an wie je.
In Christels Stübchen nach Morgen war auch Licht. Rauch stieg aus der Esse
gerade und ein wenig mondbeleuchtet von der Sichel des Neumonds zu dem
dunkelblauen herbstlichen Himmel empor, und er hatte seinen alten weißen
nächtlichen Friedensbogen sich umgegürtet und die Gestirne schienen still
so fort, und jeder Stern brannte ruhig und unbewegt so fort, ohne zu
flackern und Strahlen zu schießen, wie in einer heilig dunkeln Todtenkammer
-- der Lebendigen.
Auf Johannes Hofe aber stand ein -- bei Tage und von Prunkthoren
sogenannter prächtiger englischer Reisewagen, aber diesmal, statt der
geraubten, braunen vier -- National-Engländer mit sechs schwarz und weiß
großgescheckten holländischen Kühen bespannt, und hinten, statt der
Bedienten mit zwei angebundenen Mastochsen. Auf dem Bocke aber saß neben
dem englischen Kutscher die Kuhmagd, die besser als er ihr liebes Vieh zu
bereden und zu _regieren_ wußte. Die Kühe sollten für Herrn _Paschalis_ und
seine Tochter Milch geben; die Mastochsen aber frisches Fleisch, wenn sie
in der Festung Mainz vor dem doppelten Feinde, den Russen und der Krankheit
sich eingeschlossen hätten, wie in dieser Nacht noch geschehen sollte; und
die Viehmagd trug schon die unsichtbare Bestimmung an sich, dann
Kammerjungfer zu sein, wozu sie schon jetzt so treu als hübsch genug war.
Der englische Kutscher war dann ein nothwendiges Uebel und Ueberlei, und
ward bloß auf bessere Zeiten aufgehoben, wie ein leeres gutes Weinfaß von
einem Winzer auf bessere Weinlesen.
_Paschalis_ war ausgestiegen und that kaum einen Blick nach der Gluth am
Himmel zurück; ein schwerer, ja der allerschwereste Seelenschmerz schien
ihn zu bedrücken, ja niederzubeugen; denn er hielt ein weißes Schnupftuch
in der Hand, und wie er in dem Düster der Nacht unbemerkt zu sein glaubte,
hielt er es plötzlich vor die Augen, als wenn er eine Fluth von Thränen
darein ausgießen wollte, ob gleich kein Tropfen darein floß und sein Gehirn
wie ausgetrocknet war, und doch wollte er nur -- wenn ihn ja Jemand bemerkt
-- das Ansehen tragen: als habe er genieset; und er nahm wieder Tabak aus
seiner goldenen Dose; aber er steckte ihn in den Mund -- denn es war
schwarzbraunes egyptisches Opium.
_Johannes_ hatte das schöne Vieh brüllen gehört, sich hinaus getraut,
seinen dankbaren Freund Paschalis gefunden, sich gewundert, und voll wie
sein Herz war -- demselben in einfachen Worten das Schicksal mitgetheilt,
das sein Haus betroffen, aber keinen Trost erhalten, als einen langen
Händedruck und keine Antwort als: »_Dankt Gott für dieses reine Leid_, mein
lieber Johannes!« und auf die Frage, wo Dorothea sei, erhielt er nur den
Bescheid: »sie ist auf Euren Thurm gestiegen, um den Rauch von Breitenthal
noch einmal zu sehen.«
Während nun Johannes für die Leute und das Vieh sorgte, schlich Paschalis
sacht an die lichten Fenster, lehnte leis die Stirn an und sahe hinein, und
er sahe: In der großen Wohnstube, ihm gegenüber an der Wand, hatte der alte
Frommholz seine Hobelbank, und er arbeitete mit Daniel an einem kleinen
Sarge; denn es waren schon sechs Brettchen zugeschnitten, und der Knabe und
der Alte sägten eben an den vier kleineren.
»Ach, _Ihr_ seyd glücklich!« sagte Paschalis und schlich vorüber, an
Christels Stübchen. Seine Angst, als _Vater_ Dorotheas, war groß; seine
Ungewißheit war halbe Verzweiflung. Denn während in seinem Schlosse sieben
Feinde, _Kosaken_, gelegen, schien _seiner_ Tochter ein unmenschliches
Unglück zugestoßen zu sein. Er vermuthete es nur, er wußte es nicht. Er
hatte sie nicht gefragt vor Entsetzen und Scham; sie hatte also auch nicht
geredet, vor Entsetzen und Scham, Aber in dieser Meinung hatte er _ein
siebenfaches Verbrechen_ begangen, und das marterte ihn. Aber auch Dorothea
schien ein siebenfaches Verbrechen begangen zu haben, so gut oder so
schlimm wie er, nur auf andere Weise. Er vermuthete das gleichfalls nur,
und er wußte auch das nicht. Aber Dies _zugleich_ -- oder Jenes _allein_,
schien sie zu foltern; und er war kein Vater und kaum ein Mensch mehr, nur
sein eigener körperlicher runder Schatten; und seine Seele war nur noch wie
der schrillende Klang einer geborstenen Glocke, die er nicht wagte
anzurühren mit dem leisesten Gedanken, aus Furcht, sie verrathe den
schmählichen Riß -- ihm selber. Und noch unglücklicher hätte er sich
gefühlt, wenn er nur hätte ahnen können, mit welchen seligen tröstenden
Worten von Brautstand und Ehestand Meister Wecker seiner Tochter Dorothea
die leidende unschuldig-schuldige Seele zerrissen.
Jetzt sah er in _Christels_ Fenster. Da drinnen aber sah es anders aus.
Denn Christel hatte es unmöglich über das Herz bringen können, den Gebrauch
noch vieler Deutschen nachzuahmen, welche die Gestorbenen sogleich aus
ihrem Bette reißen, und mit kaum zugedrückten Augen und kaum verbundenem
Munde nackend auf ein Brett legen, darauf schon die halbe Stadt oder das
halbe Dorf gelegen hat, und dann die Aermsten, zur Dauer für die Würmer, wo
möglich in ein finsteres kaltes Gemach stellen, bis zum Tage ihrer
Einkleidung für die Gruft. Die herzige Mutter hatte dagegen ihr Kind, nach
schicklicher Ruhe, sogleich schön gewaschen und angezogen, ihm über die
Bettchen seiner Wiege -- worin es noch geschlafen -- ihr feinstes weißes
Tuch gebreitet, und das liebe Mädchen darauf gelegt. Selbst der Kranz von
rothen und blauen Astern schmiegte sich schon wehmüthig-schön um das theure
kleine Haupt. Und wie es die Mutter so ansah, that ihr sonderbar genug
recht eigen leid, daß die Kleine _mit einer gefallenen und noch ungeheilten
Wunde auf der Stirn in das Grab gelegt werden sollte_; wie ein Maler sein
eben vollendetes Werk gern recht sauber und ohne Stäubchen aus seinen
Händen giebt, es noch einmal zurückverlangt aus den Händen des Empfängers,
es genau überblickt, _noch ein Sonnenstäubchen vorsichtig von dem goldenen
Rahmen haucht_, und dann lächelnd und zufrieden es auf immer dahin läßt und
spricht: »_Nun, so!_« -- Christel aber, welche die Wunde nicht hatte
weghauchen oder wegküssen, noch mit Thränen wegwaschen können, hatte sie
unter eine Blume versteckt -- _schüchtern sich umgesehen, als ob ihre
redliche Seele Jemanden getäuscht habe,_ und leise gesagt: »_Nun, so!_«
Zu den Kindern aber hatte sie gesagt: »Meine Kinder, seht euch noch an
eurem Schwesterchen satt! Ihr habt sie nur noch, bis zweimal die Sonne
untergeht -- dann seht ihr sie lange nicht wieder!« -- Und so hatten die
Kinder ihre Weihnachtswachsstöckchen aus ihren Schränkchen hervorgeholt,
sie in lauter kleine Lichter zerschnitten, sie zu Häupten der Wiege an den
Tischrand geklebt, angezündet -- alle auf einmal -- und nun waren die
goldgeschmückten Lichtlein in Kurzem alle auf einmal niedergebrannt, und
sie weinten nun, daß es würde finster sein, und sie ihr Schwesterchen nicht
mehr sähen. Die Mutter hatte den Schaden gut gemacht durch angezündete
Lichter. Aber Sophiechen war über das Weinen eingeschlafen; und Gotthelf
war müde und hungrig eingeschlafen und hatte sich nicht getraut, heut von
der Mutter ein Abendbrod zu bitten. Und so lagen die lieblichen Kinder
_alle drei_ wie vom Schlafe gelöst, noch mit den Gesichtern zusammen;
_zweien_ davon blühten die Wangen rosig und sie athmeten leis, aber ihre
Haare waren unbekränzt -- dem _dritten_ aber blühten die Wangen von einem
tiefern Schlafe _weiß_ und _rein_, und es bedurfte die Erde zu keinem
Athemzuge mehr; aber seine Härchen waren bekränzt. Christel aber hatte dem
Mörder des Kindes, nachdem er nothdürftig verbunden worden, ihr eigenes
Bett eingeräumt; er lag auf demselben; und wie sie jetzt vor ihm stand und
ihn ansah, seufzte sie schwer darüber, wie sehr er sie beraubt habe, und
sprach, nun ihn deswegen aus tiefer Seele bedauernd: »Armer, armer Mann!
Armer _Sebast-Janow_!« Denn St. _Etienne_ hatte seinen Namen in seinen
Sachen aufgezeichnet gefunden und ihr ihn gesagt. St. Etienne hatte ihr
aber auch zum Abschied und zum Troste ein Bildniß dagelassen, welches er
dem Sebastianow, als dessen Raub und nun seine Beute, mit abgenommen, und
welches Christel hatte annehmen müssen, aber noch nicht angesehen, ja nur
hingelegt; er aber hatte es ihr an dem goldenen venetianischen Kettchen
hingehangen. Denn das Bildniß hatte unläugbare Aehnlichkeit mit der kleinen
Tochter Clementine. Christel drehte das funkelnde Geschmeide jetzt kaum
neugierig um -- aber sie sahe die Brillanten daran nicht vor Ueberraschung:
denn das Bild stellte ihre Schwester _Martha_ dar . . . . Niemand anders
hatte es _getragen_, als ihre _Dorothea_, welcher es der Vater _Paschalis_
geschenkt . . . Dorothea hätte es lebend Niemandem von ihrem Herzen gegeben
. . . es war ihr also nur _gewaltsam geraubt_ . . . und Christel trat
hastig drei Schritt nach der Thüre zu. Aber wo wollte sie hin? Was konnte
sie ändern? Sie war in der Stimmung, worin sie aus Noth und Tod, aus
Vertrauen und Liebe _von aller Welt_ das Beste hoffte. Und mit ganz anderem
Sinn stellte sie sich wieder vor den verwundeten Sebastianow und sprach
jetzt mit Thränen: »Armer, armer Mann!« -- Aber die Worte zerschnitten ihr
Herz. Sie blickte auf ihr Kind; sie küßte alle drei schlummernde Häupter;
sie setzte sich zu ihnen, und eines davon schlang in halbem Schlafe -- die
Mutter ahnend -- sein Aermchen um ihren Nacken und wandte sich um, ohne
aufzuwachen.
Dem weinenden Paschalis aber war zu Muth, als sähe er in die seligen
Gefilde eines Mährchens: oder als sei ihm jetzt erst die Welt zu einer
großen heiligen Wundergrotte geworden; oder die Welt sei schon lange, lange
undenkliche Zeit _der Zaubersaal des Gottes_, in der That und unläugbar;
und es bedürfe nur Augen der Seele dazu, es zu sehen, daß er das sei; und
nun dachte er, daß sich der himmlische Vater freuen müßte, _wenn auch Er
das Alles sähe:_ -- Eine gute Menschenmutter in ihrem heiligen Schmerz! Ein
Weib, das freilich keine Unsterbliche sei, und bald selbst auch von der
Erde verschwinden werde; aber daß hier ja keine Unsterbliche zu sein
brauche, um alles Menschliche richtig zu thun und zu leiden, und das als
Sterbliche eben noch wunderbarer daliege, wie in einem Mährchen, mit dem
Haupt neben den kleinen Häuptern der drei schlummernden Kinder! Und wenn Er
sähe: _Gute Kinder_ voll Liebe, Leid und Mitleid -- welche schöne Gefühle
alle in ihrem engen Geiste nur Traum seien . . . . und _einen guten Vater_,
der um alle still und schweigsam besorgt war; vor allem aber: _den
Großvater_, der alle um ihrer Liebe willen liebte und um ihrer Schmerzen
willen litt, aber auch für alle gefaßt war und thätig -- denn sein eigenes
Leben hatte er überstanden und gleichsam zugemacht wie einen schönen
Bildersaal, und ihn kümmerte nur noch das Leben und Glück der Seinen.
_Paschalis_ aber dachte nicht nur, er glaubte, er empfand, daß der
himmlische Vater _zugleich mit ihm_, und doch ganz anders, in das Stübchen
sähe; und er kehrte sich vor unerträglicher Seligkeit des reinen
Menschenlebens ab; denn Verzweiflung ergriff ihn, und er -- niesete wieder!
»Ei, meine allerbeste Gesundheit! und zugleich meinen allerschönsten guten
Abend, theuerster Abgebrannter und Herr Paschalis!« sagte Wecker, der still
gekommen. »Nicht wahr . . . ein himmlischer Guckkasten, worein Sie
beliebten zu sehen! Ein trauliches stilles Hirtenhäuschen -- das eben ruht;
nur die Papierwände freilich _etwas groß von himmelblauem Himmelspapier!_
Aber still . . . da kommt ihre Tochter, unsere Dorothee -- was ein wahres
Glück ist! Denn gewisse Leute können sogar mit allen zerschmetterten
Gliedmaaßen -- nicht -- füglich -- mehr -- wandeln -- -- am wenigsten
anhero!« -- Und, um seinem Wohlthäter auf eine _unverständliche_ Weise zu
verstehen zu geben, wie er ihm heut vergolten habe, setzte er hinzu: »Denn
heute habe ich alter Mann -- wie Sie mich hier sehen -- eine gleich große
schöne Jungfrau geschaffen! Mit diesen dürren Meisterhänden! Ja ihr auch
_eine neue Seele_ in ihre eigene Rippe geblasen -- denn Eva war eine Rippe
-- aber _Adam's_, wissen Sie -- _wie ich weiß_ -- können Sie denken! Der
Mann bin ich.«
O Wecker, wenn Ihr das könntet! sprach Paschalis leise, und zog ihn still
um die Ecke des Hauses in's Düstre; und _Dorothee_ ging darauf langsam
hinein zu _Christel_.
Johannes aber, von einer andern Seite kommend, brachte schon wieder etwas
Neues: die Ansagung von zwanzig Mann Einquartirung auf ihr Haus, und schon
diese Nacht! Beide wurden dadurch gehindert zu sehen, wie Dorothea sich bei
Christel bezeigen würde, und zu hören, durch welch ein Wort sie sich
vielleicht errathen lasse. Denn auch ihrem Vater war ihre plötzliche
Verwandlung in's Tiefe, Abgeschlossene, Finstre, Verschwiegene, Qualvolle
und Weltverachtende selbst ein Räthsel, wenn er auch ohngefähr vermuthen
konnte: was sie gethan. Denn auch _gethan_ hatte sie etwas, ja ein
Grausames und Schreckliches. Aber das behielt er als Vater für sich, und
niesete nur auch jetzt wieder auf diese neue Nachricht, Wecker wünschte
aber diesmal sein höflichstes: »_Gotthelf!_« wozu Paschalis nur leise
verneinend den Kopf bewegte.
Hoho! sagte Wecker, kann auch der nicht mehr helfen!
Johannes aber hatte eine große Bitte auf dem Herzen und sprach: Ich getraue
mich kaum es zu sagen, wenn Ihr es nicht wäret -- unser lieber Herr
Paschalis, der an uns schon so viel gethan. _Darum_ habe ich auch jetzt
mein Vertrauen auf Euch gesetzt, und bitte Euch: nehmet unsere Kinder mit!
Nach der Stadt ins Sichere! Wir sind gewarnt auf Zeitlebens! Und hat der
Großvater aus zu großem Vertrauen _die Vorsicht_ uns versäumen lassen, möge
Gott nicht auch _mein Mißtrauen_ gegen unsere Lage, im Dorfe hier einsam
und unter der Schanze, mit Unglück bestrafen! Aber wie es auch komme -- ich
nehme es auf mich; denn ich meine es gut; und so wird es gewiß auch der
himmlische Vater meinen -- meinet Ihr es auch gut mit den Kindern, mit
Christel und mir! Nur der Großvater wird in der Sicherung der Kinder einen
stillen Vorwurf gewahren, und nur deswegen möcht' ich kaum bitten . . . .
aber ich bitte doch!
Wenn das nur Christel zufrieden ist; meinte Paschalis; die Kinder wird
Dorothea schon wohl besorgen; und -- liebe Sorge thut dem Herzen wohl, und
trägt uns furchtlos über grause Wogen!
Lieber Herr Paschalis, sagte Johannes, was einem Manne so recht wohlgemeint
in die Gedanken kommt, das will seine Frau gewiß auch, sonst käme es ihm
gar nicht ein, oder er bliebe nicht lange dabei! Ich rede aber aus ihrer
Seele, wie sie immer aus meiner; denn wir sind Eheleute -- Ihr wißt das
nicht; nehmt das nicht übel; aber Ihr werdet meine Rede bestätiget finden!
--
Als sie nun alle hineingegangen in die Wohnstube, wo Frommholz und Daniel
arbeiteten, kam Christel herüber, grüßte Paschalis, und -- als könne sie es
vor Angst nicht länger ertragen, bat sie unverweilt: er möchte sie selber
mit nach Mainz nehmen!
Paschalis lächelte niedergeschlagen darüber, als habe Dorothea ihr das
gerathen, und sagte dagegen: _Die Kinder!_ liebe Christel. So meinte
Johannes.
Ja, ja, die Kinder! rief sie bestimmt.
Und Johannes sagte zu Paschalis: Sie hat nicht, wie ich, gewußt, daß sie 20
Mann Einquartirung bekommt.
»Zwanzig Mann, nicht Männer!« erklärte Wecker.
O Gott, scherzt nicht! verwies ihm Christel und eilte Anstalt zu treffen
für die »Mann« und die Kinder. »Dorothea schläft!« hatte sie Paschalis noch
gesagt.
»Ungegessen? oder: ohne gegessen zu haben -- wie ich die Schulkinder
verbesserte; eine sonderbare Braut!« sprach Wecker.
»Die schlafende Clementine hat sie angesteckt!« meinte Paschalis, zu
welchem Daniel jetzt bescheiden trat und ihn frug, was für einen Text aus
der Bibel, die er ihm hinhielt, er auf dem Kreuze der kleinen Schwester
zitiren solle?
Und Paschalis nahm das Buch, setzte sich an das Kaminfeuer, blätterte,
seufzete, las, blätterte wieder und sagte ihm endlich: »Lieber Daniel,
hier! Zitire Deinen Namens-Vater Daniel oder das _sechste Capitel aus dem
Buche der Weisheit_, das paßt jetzt auf alle Welt. Denn die Schrift ist für
alle Zeiten geschrieben, und jeder Mensch und jedes Jahrhundert findet
seine Lehre, und sein Urtheil darin. Gebe nur endlich Gott, daß die ganze
Welt zusammen nur Einen Vers daraus hält, als etwa gleich diesen!« -- Er
wollte Einen sagen, aber seine Leiden verwandelten ihm die Worte im Munde
und er sprach, zu aller Verwunderung diese: »Ach, daß ich wüßte, wie ich
ihn finden, und zu seinem Stuhl kommen möchte, und das Recht vor ihm sollte
vorlegen, und den Mund voll Strafe fassen, und erfahren die Rede, die er
mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde!«
Und Wecker sprach leise zu den Andern: Stille, stille! Er meint den lieben
Gott! Er ist jetzt Hiob! Laßt ihn schlafen; er senkt schon sein Haupt auf
die Brust. Setze Dich neben ihn, Daniel, und nimm ihm nachher die Bibel
leise aus seiner Hand, damit er nicht aufweckt, wenn sie zu Boden fällt!
Ich aber übernehme das diesmal leichte Colfactoramt am Kamin, und will --
_nicht_ mehr anlegen! So wird ihm der Kopf nicht noch heißer vom Feuer!
Lasset ihn schlafen, und ruhet Ihr auch!
Und so setzte er sich hin. Das Feuer erlosch nach und nach, und es ward
trauliches Dunkel und heimliche Stille im warmen Zimmer, und die Sterne
schienen herein zu den Schlummernden.