herzlich leid that, zur Heimreise nach Europa. Ja vorher, gewiß vorher --
ehe sie den Erwin wiedersähe. Aber leider waren wir schon im Herbst, der
unendlich schön und bunt und mild und heiter sich über das ganze Land
gesenkt hatte. Meine Reise konnte nicht die Absicht haben, die Natur
abzumalen, und so habe ich alle die tausend Gelegenheiten vorüber gehen
lassen, ein Bild von Dinte ihr nachzupfuschen! Denn hier ist mehr wie
Griechenland und Italien. Hier ist Persien, kurz alle schönen Gegenden der
Welt, nur keine Schweiz. Freilich blieb mir übrig, auf der Besitzung der
Baronesse Freysingen und ihres mir so nah verwandten jungen Mannes den
Voigt zu machen, oder den Gehülfen auf der Ansiedlung unsrer zwanzig Dörfer
-- aber meine Tochter hatte _alle_ Amerikaner satt, durch Einen, und
Amerika mit ihm herzlich satt. Zum nächsten Frühjahr also versprach mir der
gute, bescheidene Vetter Marfolk mit nach Europa überzufahren. Jetzt nahmen
wir von ihm Abschied. Wir reiseten ziemlich armselig. Jeder Vater kann sich
denken, daß ich endlich schweres Verlangen trug, meinen Knaben in
Cincinnati zu sehen. Wir schifften die kurze Strecke den Ohio hinauf nach
der Stadt, die einen Hügel hinauf schön und herrlich liegt. Wo er seyn
sollte, wußte ich. Ich ließ meine Tochter in unserm Boarding, oder höchst
anständigen Familien- oder Gesellschafts-Gasthof, ging allein und fand das
Haus. Aber mein Sohn war fort! Fort in eine Anstalt nach Philadelphia. Wer
konnte das gethan, ihm so wohlgethan haben? Alles Rathen war aber
vergebens. Indeß er lebte, er hatte geschrieben -- auch an mich; ich
empfing seine Briefe. Ich mußte sie küssen, ehe ich sie las, und dann
weinen, denn er erinnerte mich an die Mutter, die nun schon lange im Lande
hier schlief. Ich schrieb ihm wieder und ein Diener ging sogleich mit dem
Briefe fort.
Als ich nach Hause gekommen, fand ich eine Einladung zum Mittagessen zu
einem guten Freunde, der sich jedoch nicht genannt hatte. Straße und Haus
war angegeben. Warum sollte ich der Einladung nicht folgen? Meine Aufregung
war heftig. Ich zog wieder einmal die guten Kleider an. Alle meine guten
Freunde schwebten mir vor. Wie angenehm war mir ihre Nähe im Geist. Aber
ach, wie viele waren elend gebannt zu Hause! Doch auch unter den Wenigen,
die hierher gewandert seyn konnten, rieth ich vergebens, und blieb in der
holden Erwartung, wen ich sehen, wen ich an das Herz drücken würde.
So geh' ich. So trete ich ein. Niemand zu sehn! Nur ein Tischchen mit zwei
Gedecken steht bereit. Aber im Cabinet regt sich es wieder mich sonderbar
erinnernd. Ich sehe. Es lauscht zwischen den zugehaltenen Vorhängen. Ich
spähe. Ich gewahre ein großes braunes Auge in seinem milchweißen Himmel.
Mir klopft das Herz. Ich sehe oben darüber schwarzes, glänzendes Haar. Nun
erscheint ein kostbares Nasenspitzchen, die schöne, edelgebildete Nase.
Jetzt Lippen wie Erdbeeren, wie eine Doppelkirsche. Mir beben die Kniee wie
in meiner grünsten Jugend. Mir vergehen die Sinne. Denn nun sehe ich auch
schöne, aber blasse Wangen -- das ganze edle Antlitz ist frei. Aber die
Augen sind jetzt leise geschlossen. Die Augensterne zucken unter den
langbesäumten Augenliedern. Ja, an den Wimpern quillt es leis und zart
hervor wie Thau an Blumen. Ich weine selbst.
Josephine! ruf' ich.
Da verhüllt sich ihre ganze Gestalt wieder hinter dem Vorhang. Ich bin
betäubt. Ich setze mich gleichsam in Ohnmacht auf das Sopha. Meine Hand
bedeckt die Augen. So bleibe ich lange. Ich träume, ich schlafe eine
mannigfach bestürmte, aber schöne Zeit. Ich komme zu mir. Die Gestalt sitzt
neben mir. Ihre Hand hält meine Hand. Ich schlage die Augen auf. Ihre
großen, feuchten Augen sehen mich an. Wenn ich nicht auf dem Sopha saß,
wär' ich ihr zu Füßen gefallen.
In dieser herzbeklemmenden Stunde erschien mir wie damals wieder im Zimmer
vor mir stehend die Gestalt meiner Frau. Ich machte die Augen vor ihr zu.
Aber sie sprach heut mild zu mir: »Fürchte Dich nicht! Ich bin unter den
Todten so klug geworden, wie alle Todten. Weiber und Männer, die von den
Ihren hinweggerissen, nur wohlthun, ihnen auf Erden noch alles Glück zu
gönnen, ihnen neidlos alles Glück zu verschaffen, oder bei ihrer Ohnmacht
sie doch zu segnen. Also jetzt sprich zu dem armen Weibe. Sie wird kein
Wort Dir sagen. Denn ein Weib ist edel. Und so sehr sie verrufen sind, daß
sie schwatzen, so halten sie doch ihre Liebe zu heilig, als sie je auf die
Zunge zu nehmen gegen einen Mann. Rede also Du! Und sie wird Dir antworten
ohne Worte, mit Thränen, mit ihrem ganzen Dir holden, schönen Wesen. Auch
prophezeihe ich Dir, lieber Volkmar: Noch heut wirst Du mit ihr getraut.
Diese Nacht schon ruhest Du hier. Und wenn Du das Licht auslöschest, und es
sich unheimlich im düstern Zimmer regt, so denke: ich bin's, die
hinschwebt, das kalte Lager der Todten zu drücken.« --
Jetzt schwieg sie, sahe mich zärtlich an, und verschwand oder verlosch
vielmehr auf derselben Stelle allmählig, wie ein Regenbogen verschwindet
und hin ist.
Ich aber war noch ganz verworren, und sagte laut und verständlich vor mich
hin: Das laß ich mir eine vernünftige Frau seyn! Sie räth mir nun selbst
zu, den Engel zum Weibe zu bitten. -- Ich fuhr auf. Denn ich erwachte jetzt
über die Worte erst völlig und war gewiß über und über roth.
Aber auch Josephine war von Röthe übergossen. Aber sie verbarg sie an mir.
Und das einmal ausgesprochene Wort meines vormaligen Weibes gab mir Muth
und Veranlassung, der schönen jungen Wittwe zu erklären, ja Alles
aufrichtig zu sagen, was ich von der Erscheinung gehört . . . . und mein
Schlußwort dazu zusetzen oder anzubringen.
Und wie mich mein Weib versichert, so geschahe es. Josephine weinte blos,
oder schlang höchstens nur einmal ihre Arme um meinen Nacken -- aber die
Edle küßte mich nicht! Doch -- um ein aufrichtiger Mann zu seyn -- ich
küßte sie! Zum Erstenmal. Aber nicht zum Letzten. Und als Braut führte sie
der Bräutigam -- meine Wenigkeit -- zu Tische.
Wie wenig essen Glückliche!
Aber wie viel trinkt ein armer erlöster Pastor vortrefflichen Wein! Um ein
aufrichtiger Mann zu seyn, muß ich aber gestehen -- und jeder Eingang mit
dem Worte »_gestehen_« taugt gewöhnlich nicht viel -- ich schämte mich vor
meiner Tochter, wieder ein Weib zu nehmen, und ein so schönes, so junges,
und da es einmal so war, auch ein so reiches. Wenn meine Tochter
heirathete, so mußte sie sich vor mir schämen -- daß sie so liebte bis zum
Heirathen. Oder wir waren doch quitt. O, ein Vater hat in jeder Lage gar
viel zu denken, zu bedenken, zu beobachten. Doch meine Tochter sollte ja
gar nicht erfahren, daß ich nur wieder heirathen könnte! So war ich heraus.
Aber dabei mußt' ich nun bleiben.
So viele Monate, so schwere Zwischentage waren wir uns unter tausend
Zweifeln mit Josephinen doch gut gewesen -- hier zu Lande war kein
langweiliges, meist nur überflüßiges Aufgebot nöthig, da keine Kirche, also
auch keine Kirchenordnung oder Litanei hier ist. Auf einem Spaziergang
gegen Abend ließen wir uns dem Geistlichen melden, denn meine Braut kam mir
garnicht mehr so voll vor, als da ich sie zum letztenmal gesehen. Und so
standen wir vor dem Geistlichen, gelobten uns Treue, gelobten uns: Glück
und Unglück mit einander zu ertragen, und der Mann hielt eine kurze Rede,
wie ich selber niemals eine zu halten im Stande gewesen -- so gerührt war
er. Und als junger Mann und junge Frau wandelten wir nach Hause. Marien
aber ließ ich sagen, ich wäre in so liebe Gesellschaft gerathen, daß ich
wohl vor Morgen früh nicht nach Hause kommen würde. Dabei schickte ich aber
der guten Seele ein großes Körbchen mit allerhand vortrefflichen Speisen
und Wein, damit sie unbewußt doch von meinem Hochzeitschmause koste.
Bis zum Morgen aber hatte sich meine liebe, kostbare Jungefrau
entschlossen, mit uns nach Europa zu gehn. Ich bat sehr, ob ich gleich
wußte, wie gern sie ging, um aus einem Lande zu kommen, wo sie, so schön
und edel sie war, nur mit dem Schleier sich zeigen durfte -- ihrer
schimmernden Farbe wegen.
Als ich nach Hause kam, schlief meine Tochter, und ich küßte sie, und bat
ihr unser Glück ab und meine liebende Täuschung. Ich aber konnte ja nun
wieder -- versteht sich ohne den rechten Namen -- von ihrer guten Mutter
reden. Ja, der folgenden Tage Einem führte ich Josephinen bei ihr ein --
als eine Gesellschafterin für sie auf der schönen Herbstreise durch Ohio
nach Philadelphia, ja nach Europa.
Abends ging ich gewöhnlich in die oben angeführte »so liebe Gesellschaft.«
Und so hatte ich in diesen wieder glücklichen Tagen nur einen, aber höchst
bittern Verdruß. Ich wollte doch das Merkwürdige von Cincinnati sehen. So
lasse ich mich in die gelehrte Gesellschaft einführen, zu der auch, und
besonders die hiesigen Buchhändler gehören. Man muß meinen Namen Volkmar
mit: Volkhard verwechselt haben. Manche kommen und bedauern mich. Manche
drücken mir die Hände. Einer fragt mich mißtrauisch: wie ich aus meinem
19jährigen Zuchthaus entkommen? Ein Andrer: was ich gedacht oder für
Entschlüsse gefaßt, als ich das Bildniß habe um Vergebung anflehen müssen?
Andere wendeten mir den Rücken, oder sahen mich höhnisch, ja was noch
barbarischer war, sie sahen mich mitleidig an. Kurz, ehe es zu der Collecte
kam, die man für meine arme, unschuldige Frau und Kinder sammeln und ihnen
schicken wollte, suchte ich zu entkommen. Denn meine nackte Versicherung,
daß ich kein Buchhändler, am wenigsten ein Bayer sei, schlug bei den einmal
Verblendeten nicht an, und sie hielten mein Ablehnen für Schaam, für
falsche Schaam in Amerika. Durch diesen Vorfall erwachte aber -- in meiner
Weise, der mitleidigen, hülfreichen -- mein Heimweh bis zur Angst. Und ich
wand die Hände.
Also nach einer schönen, glücklichen Reise durch das, reich angebaute,
unvergleichliche Ohio -- worin aber zwischen Urbana und Bixbie und zwischen
Chillicothe und Marietta noch ungeheurer Platz zu den gesegnetsten
Niederlassungen der Einwanderer harret -- waren wir im November endlich in
Philadelphia, und wohl logirt, denn meine Frau hatte unermeßliches
Vermögen, ob ich gleich noch nicht darnach gefragt, und ich war der Herr
wiederum meiner Frau.
Sie ging mit mir voll Freuden zu nunmehr unsrem Sohne Gustav Adolph,
welchen, wie ich jetzt erfuhr, _sie_ in eine vortreffliche
Erziehungs-Anstalt hatte bringen lassen. Sie ging zuerst zu ihm hinein.
Aber das war vergebliche Vorsicht ihn auf den Vater vorzubereiten! Er kam
-- bei ihr vorbei, über den Saal, auf die Treppe mir entgegen gestürzt, wo
er auf den höheren Stufen stehend, mich wie gleichgewachsen, so recht
umhalsen konnte. Aber er hatte ja mich, den Vater. Und so war sein erstes
Wort: »Ist die Mutter drunten?«
Vorbereitet auf diese Frage sagte ich ihm, daß sie wieder nach Hause
gereiset sei, weil ihr lieber Sohn Marbod krank gelegen.
Das glaubte er. Denn er kannte ihre Vorliebe zu jenem Kinde. Und ach, so
blieb ihm die Mutter leben, lange, lange Jahre. Er frug aber nach der
Schwester Maria. Und so mußte ich ihn unter Bitten und Bedrohungen
ermahnen, daß er sage: die Mutter habe mir ihn selbst, den Gustav Adolph,
mit einem Freunde hierher nach Philadelphia nachgesandt, weil die Schwester
sonst über die Mutter und den kranken Bruder sich grämen würde. Was die
Mutter betraf, hatte ich die Wahrheit gesagt. Unter dieser mir von dem
folgsamen Knaben zugesagten Bedingung konnte ich der armen Tochter doch
eine Freude machen: den Bruder wiederzusehn. Auch mußte sie das glauben,
denn auch ihr hatte ich in Vorrath gesagt, daß ich meinen kleinen Sohn gern
nachgesandt hätte, und deswegen nach Hause an die Mutter geschrieben. Und
so belohnte sich diese fromme List auf der Stelle. Denn Maria kam herauf,
und die Geschwister weinten reine Freudenthränen.
Eines Abends darauf -- es mochte in Deutschland um die Zeit seyn, wo Tag
und Nacht mit einander ringen, nach Mitternacht -- kam meine heimliche Frau
zu uns in merkbarer Aufregung, und ladete uns zu einem Gang an den Hafen
ein, denn es wären Schiffe gekommen, die auslandeten. Wir gingen also.
Die Delawarabai wimmelte von Schiffen. Unmerklich aber führte uns Josephine
an einen Stapelplatz, wo Boot auf Boot voll Neger, Hundert zu Hunderten ans
Land gesetzt wurden. Negermütter saßen schon auf der Erde, und hatten die
Kinder an der Brust, auf dem Schooß, oder um sich her. Junge und ältere
Männer, alle neu gekleidet, gingen ab und zu und halfen den Ihrigen Seil
ziehen, Päcke tragen, alles in brüderlicher, fröhlicher Gemeinschaft. Auf
einmal trat meine Tochter bestürzt hinter mich. Ich wandte mich um. Sie
verbarg sich an meiner Brust. Sie war blaß wie von Schnee; sie bebte wie
geschüttertes Rohr. »Was? Wer? Warum?« frug ich. -- »Ach, dort!« sprach sie
und deutete unmerklich über meine Achsel mit dem Zeigefinger. Ich sah
überall umher. So erblickte ich auch unter einigen Gruppen zwei einzeln
stehende Männer, deren Einem, dem großen, schlanken in blauem Überrock ich
nicht ins Gesicht sehen konnte; aber der Andere hatte es uns zugewandt --
es war Erwin. Nun wußte ich Alles! Ich drückte ihr herzlich die Hand und
hieß sie abwärts sehen. Aber die Männer kamen beide im Gespräch auf uns zu.
Ich wich unmerklich aus, aber Erwin schien uns vermuthet, erkannt zu haben.
Und während wir alle die Augen zur Erde niedergeschlagen hielten, kamen sie
uns so nahe, daß ich ihre Fußspitzen sahe. So blieben sie vor uns stehen.
Sie grüßten leicht und zuversichtlich -- und ich hatte die Ehre und das
Vergnügen und die Erfahrung, an Erwin das Compliment eines getäuschten
Tochtervaters zu machen oder zu schneiden, und ihm zu danken. Welches
Gesicht ich aber dazu gezogen oder geschnitten, kann ich als ein
aufrichtiger Mann nicht sagen; denn ich habe es nicht gesehen -- als im
Spiegel von Josephinens Antlitz, worauf es ganz roth aussah. Wie mußte mir
aber erst werden, als Erwin nun so seine liebe Stimme vernehmen ließ:
»Ich sollte eigentlich recht bös seyn, und ich will auch nicht leugnen, daß
ich im Kern der Seele, im Stolze, recht schwer, ja recht schwer beleidigt
war! Sehen Sie nur, General,« sprach er zu seinem Begleiter, »da hinter dem
Vater steht verschämt das Kind, das mir das Leben so schwer gemacht -- aber
mich zum freien Manne, und hoffentlich nun auch zum glücklichen« . . . .
Er wollte Mariens Hand ergreifen, und wie sie sich ihm entzog, und um mich
herum schlüpfen wollte -- ergriff er sie von der andern Seite und hielt sie
fest an der Hand. Und das ganze Mädchen zitterte.
Und mit seelenreiner, seelenfroher Stimme sprach er getrost zu ihr: »Ehe
ich nicht frei war -- denn wer nur noch einen Schatten von einem Sclaven
hat, der ist selber ein Sclave -- eher schämte ich mich Dir mit einem Worte
zu nahen -- und Du, Du hast doch das Schweigen verstanden? Meine ich! Aber
jetzt, jetzt! Ich habe keinen Sclaven mehr! Bin ich nun Deiner werth? Nicht
wahr -- ein Amerikaner! . . . . und er sollte Sclaven haben . . . . nicht
wahr, das konnte die liebe Seele ja nicht ertragen! Wer würde so ein Mann
als Mann gewesen seyn! Nicht wahr? Aber ich habe keinen Sclaven mehr, da
siehst Du sie alle umher! Du, mein edles Kind, Du hast sie frei gemacht --
und hast doch nur Einen Menschen recht geliebt. Und das hab' ich
verstanden! Das hab' ich geehrt.«
»Wohl, sehr wohl! Senator,« sprach der General.
Wir andern alle weinten, und namentlich mir schnürte es heimlich ordentlich
die Kehle zu. Aber o Gott, der Blick, der jetzt aus meines Mädchens Augen
in ihres Freundes Augen strömte, der war wohl werth, daß Du Menschen
geschaffen hast, Du allliebender Vater, daß Du sie Sclaven werden lässest
und erlösest, durch Deine heilige Macht. Was hätten die Menschen denn sonst
auf der Welt zu thun, als etwa alle ewig im Bett zu liegen -- wenn Alles
vollkommen wäre! Das verhüthe Gott, und hat es verhüthet. So haben die
guten Menschen etwas vor, das Gute zu thun, und eine Freude, den Sieg über
Irrthum und Blindheit der andern armen Menschen. -- Das war mein
innerliches Gebet. O ich war ja nun endlich ein glücklicher Tochtervater!
Und die Unglücklichen können nicht beten; denn Beten heißt: Gott loben in
allen Dingen. So meine ich.
»Die Sache freut mich!« sprach der General. »Sie geben ein Beispiel, und
ich danke Ihnen für Viele, Senator.«
»Es geschieht nach meines Vaters Testament;« sprach nach Gottes Willen nun
mein Schwiegersohn. »Denn welcher Deutsche vergäße sein Vaterland! Das ist
uns keine Schande; denn Deutschland ist auch das Vaterhaus von England,
woraus unser Penn stammt. Thue ich was dazu, so geschieht es aus allerhand
Liebe und Ehrfurcht. -- Also mir keinen Dank, Präsident!«
Gott's Wetter! hätte ich bald laut gesagt, das ist der Präsident der ganzen
27 vereinigten Freistaaten! und ich hielt mir wirklich den Mund bescheiden
zu und sahe meine Tochter bedeutend an, deren Auge aber schon an dem Manne
hing, still, sanft, ehrfurchtsvoll, wie eines Kindes Auge, das zum
erstenmal den Engel, das Christkind sieht, und selber die eigene größere
Schwester in ihm nicht erkennt, ob es sich gleich ohne Maske zu ihm neigt
und mit unverstellter Stimme freundlich zu ihm spricht. Das blaue Band auf
ihrem Busen ging aber auf und nieder . . . so klopfte ihr Herz. Und ich
hätte die golden untergehende Sonne fragen mögen, ob sie etwas Größeres auf
ihrer weiten Bahn erblicke, als einen freien Vater freier Kinder.
. . . . . »Und lieber Vater,« sagte Erwin nun zu mir, »die Neger gehen nach
Deutschland.« --
Ich erschrak billig und unbillig.
»Ich meine in die Schule,« fuhr er fort, »in die mein gewesenen zwanzig
Dörfer der Freysingen; denn ich habe sie laut Testament den Menschen zur
Ausstattung mitgegeben. Die Güter der Einzelnen habe ich gekauft. Die
Schiffe bringen die Neger hin, und laden Ihre Gesellschaft her. Künftig
folgen Mehrere! Tausende! Sorgen Sie nur, daß Sie dagegen 5000 Männer
hersenden; denn so viele können gleich einen eigenen Staat gründen und sich
eine Verfassung geben, und schon Abgeordnete zum Congresse schicken. Das
Schloß der Freysingen, den Park und die Appendixe von Vorwerken aber
erlaube ich mir Ihnen anzubieten, lieber Vater!«
»Sie wollen also nicht bei uns bleiben? Wir haben die Deutschen so gern;«
sagte mir der gegenwärtige Vater des Volks, »Jeder, wie er will. Nur recht
für sich und nicht unrecht für Andere. Aber was haben Sie hier gesehen und
bemerkt?«
Ich hatte aber das Herz auf einmal zu voll von der Heimath, oder sprach aus
Verwirrung: Was ich alles nicht gesehen? Sub fide pastorali: keinen
Majestätsverbrecher, keinen Censor, keinen Pfennig Steuer oder
Gewerbesteuer im ganzen Lande, keinen Hungrigen, keinen Faulen, keinen
Soldaten, keinen Adligen, keinen Erbitterten, der die Regierung stürzen
will, keinen Bettler, keinen Krüppel, keinen Executor, keinen sogenannten
Advokaten, keinen Theologen, ja nicht einmal einen Papst; schloß ich.
Es sollte aber noch ärger kommen, denn er wiederholte: »Nein, ich meine,
Was Sie hier bemerkt haben?« -- Und ich sagte nun gar: Keine Kunst, keine
Cultur, keine Religion, -- oder Moral, wollte ich sagen! Aber ich konnte
gar nichts mehr sagen, und blieb rein stecken, roth wie begossen, denn ich
merkte meinen groben Fehler, oder meine fehlerhafte Grobheit -- aber mich
überkam ein furchtbarer, verzweifelter Muth, und ich setzte hinzu . . . »um
ein aufrichtiger Mann zu seyn. Hier steh' ich, Gott helfe mir, Amen!«
Der Volksvater legte die Hand an's Kinn. Erwin aber entgegnete mir, fein
lächelnd: »Sehn Sie umher, lieber Vater! Es giebt ein großes Thier, dem der
Mensch nur Alles nachmachen kann, aber soll! Wo ist in diesem großen Thiere
Religion, als im Menschen? Im freien, im ausgebildeten Herzen des Menschen!
das bedenken Sie wohl. Aber liegt nicht eben darum die Sittlichkeit der
ganzen Natur zum Grunde, schwimmt sie nicht darauf, lebt sie nicht darin,
wie eine Wasserblume mit allen ihren Kelchen? So muß die Sittlichkeit auch
der Menschenschöpfung, dem Staate zum Grunde liegen, aus ihr hingebreitet,
wie ein unsichtbares, aber festes Netz -- das Niemand fängt, der es nicht
sieht, nicht sehen will, oder nicht gewahren kann.«
Ich hatte mich wieder gesammelt, und fing an zu hören, was ich hörte; und
hörte nun weiter: »Da ist die Staatsgestalt die rechte, da ist die
Staatsgewalt die ächte, wo sie nicht alle Gewalten selbst ist, sondern alle
ebenbürtigen Gewalten neben sich grade befördert; alle Gewalten nämlich,
die keine Staatsgewalt weder hervorbringen, noch je vertilgen kann: die
Gewalt der Seele: die sittliche oder religiöse Gewalt, und die
patriarchalische, die väterliche, die hausväterliche Gewalt. Diese zwei
Gewalten müssen in jedem Menschen, in jedem Hause herrschen. Daran darf
nicht einmal ein Scherge klopfen -- also auch kein Priester. Es giebt also
Millionen Staatsgewalten im Lande, deren Ausdruck und Schutz blos die
sogenannte eingesetzte Staatsgewalt ist. Wo es so steht, da ist das wahre
Recht, die wahre Freiheit zu _Hause_, wahrhaft zu Hause, zu Kopfe, zu
Herzen! -- und somit denn im ganzen Lande, bei uns, meine ich. Und der
erste negative Staat wird wundersam der erste positive, den die Menschheit
aber ausfüllen muß und darf und kann! meine ich.«
Jetzt fielen Kanonenschüsse von einem anlegenden Schiffe, und die Worte
wurden mir ordentlich eingedonnert.
»Und was die Kunst betrifft? Ohne Wohlstand, Überfluß und Reichthum keine
Kunst? Wo wird sie also eher aufblühen oder eher auslöschen, hüben oder
drüben? -- So frug ich mich selbst von Rom bis Bremen. Und glauben Sie,
gegen eingewurzelte, in Jahrhunderten begründete Armuth sind Fleiß,
Ordnung, Recht, ja selber die endliche Freiheit vergebliche Mittel. Doch
unsere famose Geldaristokratie ist nur ein offenes, steigendes, sinkendes
Institut, das hier kein einziges Vorrecht gewährt! Und wenn Viele im Lande
100,000 Dollar haben, was hindert das, daß nicht Alle so viel erwerben und
haben? Was schadet das Haben der Andern Jedem, der nicht _vorreich_ seyn
will, sondern nur reich, _mitreich_! Denn das ist der erbärmliche
Unterschied, der den Reichthum dem Vorreichen wieder zu Armuth macht, und
dem Reichen den Reichthum zu Pein. Auch dieser Pein wird hier begegnet,
durch auseinander wohnende Menschen! Das Paradies mit Einer großen Stadt,
voll siebenstöckiger Häuser, wäre auch ganz ohne Adam's und Eva's
Sündenfall dennoch zur Hölle geworden. Ich meine. Nur die Sonne sieht man
mit einem geschwärzten Glase an! Uns aber gar mit russischem Marienglas?
Doch sehen Sie nur dort die neuen Einwanderer, die da eben heraufsteigen --
o es giebt auch Augen für uns! Indessen Sie sehen, es giebt Patrioten auch
hier, die unaufhörlich aufmerksam und unermüdlich thätig das Volk das Gute
finden lassen!«
Dabei lächelte er, gab mir eine Rolle Papier und sagte: »Das ist die Magna
Charta für Ihre Neger. Ich meine, sie werden den Fürsten achten -- unsern
Freund, den Vater des lieben Leuthold; sie werden alle Gaben gern geben;
gern Soldat werden; nach keiner Preßfreiheit fragen und so weiter; kurz,
folgsame, glückliche Deutsche seyn. Ich dächte aber, Sie tauften sie dieser
Morgen einen im noch einsamen Dämmer, gäben ihnen Namen, trauten die lange
Verheiratheten und thäten dergleichen Europäisch Erforderlichen Alles. Bis
zur Abfahrt lernen sie auch noch Etwas -- das müssen sie wissen. Aber meine
Schwägerin Maria hat ihren guten Theil an dem Allen, müssen Sie wissen.
Werde nicht roth! Du aber, Maria, komm auch mit uns! Und der Vater! . . .«
Ich aber hatte mit Erschrecken meinen Sohn Marbod mit der Baronesse
Freysingen unter den Gelandeten erkannt, war in einiger Höllenangst und
versprach nachzukommen! Sogleich! Und so ging denn meine Tochter, von Erwin
an der linken Hand geführt, und zu ihrer Linken von dem edlen, ernsten,
wohlwollenden Freunde ihres Freundes begleitet von hinnen, meine heimliche
Frau aber zur Rechten Erwins. Mir war wohl, mir war unvergleichlich zu
Muth. Denn meine Tochter sahe sich nach mir um, und ihre leuchtenden Augen
nickten mir unter dem schattigen Hute so glücklich zu! O es ist wohl werth,
edel zu denken und edel zu bleiben -- und dann erst recht werth, wenn man
dadurch _nicht_ glücklich wird -- wie mein armes Kind. Jetzt hatte sie
gewiß Respect vor allen Amerikanern. Jetzt blieb sie hier!
Ich flog meinen Kindern entgegen. Wie froh waren sie, einen Vater zu
finden, und hier. O, wer kann das beschreiben! Denn um uns standen
Hunderte, die wie ein sonderbares, ganz eigenthümliches Geschlecht, ohne
Heimath wie die Fische, ohne König und Herrn wie die Vögel gleichsam als
Amphibien der Vor- und Nachwelt hier im Abendscheine standen, die noch
wankenden Kleinen an ihrer Hand! Aber auch für sie war gesorgt. Nach den
ersten Umarmungen aber schon frug auch mein Sohn nach der Mutter. Und so
täuschte ich auch ihn, mit dem Wort, das nun gelten und stehen bleiben
konnte, als Wahrheit für sie, so bald und so oft sich auch alle, jetzt und
später, besprachen, daß die Mutter von Neu-Orleans nach Hause gereiset sey
-- in unsrer Abwesenheit -- weil ihr Marbod krank gelegen. So sollte und
konnte nun auch Maria wissen.
»So haben wir sie also verfehlt! die gute Mutter!« sprachen sie bedauernd.
»Aber, Väterchen, Du gehst ja heim.« Und nun verschlang der Strom des
Lebens die Gedanken, die Todten und Lebenden, die Fernen, die Alten, die
heiligen Alten, die alte Welt -- Alles und Alle. Ich führte die
Angekommenen nach, zu Erwin und zu Maria, zu Josephinen -- und heut war
Amerika ein herrliches, heiliges Land.