vielen Eingängen, daß ihre »_schöne_,« ihre »_seelengute_,« ihre
»_reiche_,« ihre »_junge_,« ihre »_geliebte und liebenswürdige_« Herrin
Josephine -- seit dem Tage, unserer oder meiner Abreise krank sey, recht
bedauernswürdig krank. Ihre großen Augen seyen noch größer, noch
schmachtender geworden, ihr Mund noch kleiner, ihre Grübchen in den reinen
Wangen noch sichtbarer. Sie rede oft im Schlafe -- und von mir! Sie rufe
mich! Sie springe im Nachtkleid aus dem Bett und ringe mit ihr matt und
flehend, sie hinaus, sie fort zu lassen. Deswegen meine sie (nämlich
Clöta), daß ihre Herrin seit _meiner_ Abreise krank geworden, und wohl
nicht besser werden möchte, wahrlich nicht _möchte_ -- so gleichgültig sey
ihr das Leben, bis ich wiederkäme, oder bis sie mich wiedersähe, bis ich
sie wiedersähe, aber mit günstigen Augen. Das läßt Clöta nur durchblicken.
Clöta hat von Josephinen ihr kleines Bildniß erhalten -- das schickt Clöta
mir. Die kostbare Einfassung habe sie behalten. Als Nachschrift stehen die
Worte: »Sie hat ihre Plantagen verkauft.«
Das war der zweite Brief.
Diesen las ich allein! Denn eine erwachsene Tochter ist wie ein Engel, vor
welchem der Vater sich selber schämt . . . . geschweige ein schönes und
junges Weib zu nehmen -- so nöthig es dem armen Manne ist, so wohl es ihr
selber auch thäte, damit sie vermöchte ein Engel zu bleiben, und nicht eine
Sclavin zu werden brauchte.
Maria aber beredete mich fortzureisen. Ich war willig und wollte bereit
seyn, wenn ich ein herrliches Grundstück, das ich hier gesehen hatte, für
die Baronesse . . . . also auch für meinen Sohn gekauft hätte, woran ich
jetzt erinnert worden. O, ein Vater ist ein edler Mann! Aber die Kinder
machen ihn dazu! Ich fuhr mir unwillig und schnell mit der flachen Hand
über die Stirn bis hinauf in die Haare! Es war aber klug und gut.
Kaufte ich nun für die Baronesse eine kleine Grafschaft, -- denn hier sind
auch Grafschaften, wie Spinnennetze ohne Spinne, so ohne ihre Hauptzierde:
die Grafen -- so war zu Hause Marbods Stelle leer, wenn er mit ihr herzog;
oder der Diakonus nahm sie an, und bekam vielleicht wieder einmal am Tage
Heirathsgedanken. Das Alles war Vorrath für jede Hoffnung, für jedes
pis-aller. Ich hatte mit meinen paar Guineen in der Tasche unermeßliche
Lande vom Strom aus gesehen, und die Begier, der Geiz der Ankömmlinge war
über mich gefallen. Ich wollte das schönste, fruchtbarste Land, den Morgen
für 27 Kreuzer, nicht gern aus der zweiten Hand für ein paar Kreuzer mehr.
War es noch ganz mit Wald bewachsen, so schien es nach unseren Preisen wohl
100,000 Thaler mehr werth. Aber leerer Acker gilt hier mehr. So zweifelnd
und wählend trieb ich mich müde umher, bis ich vor Verzweiflung am grünen
Flusse in Kentucky 5000 Morgen -- Alles kaufte, was mir irgendwo reizend
geschienen. Aber als ich das Gold aufgezählt, von meinen paar Dreiern noch
zugelegt, da sah ich -- daß die Bergabhänge die Sonne im Rücken hatten --
daß hier kein Wein gedeihen möchte. Gott, kein Wein! Ich war außer mir!
Aber ich mußte die Acten zu mir stecken, und empfahl Bäume, Quellen,
Wildpret, Truthühner, Vögel, Fische und Schlangen, Alles indessen dem
lieben Gott. Mit dem Gelde war mir ein Stein vom Herzen, und zwei darauf.
Denn ich fand auch, daß mein Eldorado unter dem 37sten Grade der Breite
lag; und höchstens erst unter dem 38sten Grade soll sich ein Deutscher
ankaufen, wenn er nicht aqua toffana schwitzen will, wie ich vor Angst
schon schwitzte. Und nun sollte ich meinen Committenten zu Hause ihr
künftiges Paradies aussuchen! War es schlechter als mein gekauftes, dann
schien ich ein Eigennütziger! War es besser, dann war ich ein Narr gewesen
-- Volkmar! In _Ohio_ sollte alles gute Stromuferland schon besessen seyn.
_Indiana_ erst später bequem; und da es so breit daliegt, wird auch noch
später wohl in Europa ein Unglück seyn, welches Unglückliche hier glücklich
macht. Ich weiß nicht, wie mir ward; aber ich fuhr, über den Ohio eben nach
Indiana hinüber, hinauf nach Clarkesville ganz in dessen Nähe mein Freund
oder Feind Erwin den Adligen auf seines Vaters Befehl im Testament ein
unschätzbares Grundstück eingeräumt. Und das erste Wort, das ich von dem
vorigen Herrn von Habenichts hörte, war: »Rechts und links von White river,
oder gar erst droben von Recovery bis Weautenan soll es am schönsten seyn!«
-- Wir hatten himmlische Freude, uns wiederzusehen. Ihre Wohnungen waren
gut, ihre Gärten und Felder und Wälder wie unvergleichlich. Überall führten
mich wenigstens immer funfzig glückliche Menschen herum. Der Nacken that
mir weh, die thurmhohen, mit Blüthen wie dunkele große Rosenknospen
überschütteten Fichten anzusehn! Die Trompetenbäume, welche, wie die Kinder
sagten, Posaunenbäume heißen sollten. Aber wo führte mich der alte Freund
auch hin! -- In einen Saal, nicht weit vom Ohio, den schon Tausende, die
stromauf oder stromab gefahren, besucht hatten, als ein hiesiges
Weltwunder. Ich sahe beim ersten Blick ein Wachsfigurencabinet mit allen
Europäischen Potentaten, die hier ganz eigenthümlich in tiefem Schweigen,
wie in tiefer Überlegung dasaßen. Ich nahm meinen Hut ab, obgleich nichts
gesünder ist, als der Gebrauch der Amerikaner, grade wenn man in's Zimmer
kommt, den Hut, selbst vor Damen, aufzubehalten, die ihre noch
wunderlichern, man möchte oft sagen unhöflichern Hüte ja auch nicht
abnehmen. Aber ich sahe nach langer Wehmuth endlich, daß der Saal ein
Klein-Europa, voll seiner besten Erinnerungen, war, alle blos zum Andenken
mitgebracht an das theure Vaterland -- Deutschland. Da lagen aus dem Cours
der Menschen mit fortgenommene Münzen, mit dem Bilde der verschiedenen
souverainen Herren. Da hingen Ellen aus jeder Provinz, länger oder kürzer,
keine gleich. Da blecherne Maaße, alle verschieden; Meßviertel und Metzen,
alle verschieden. Und so tausend verschiedene Dinge. Dort Censuredicte,
Cataloge verbotener Bücher aus jedem Ländchen, die einander meist aufhoben.
Verschiedene Strafgesetzbücher, Städterechte, Privilegien, Uniformen,
silberne Bischofsmützen, schwarze evangelische Mützen. Da hingen an einer
langen Kette von Eisen die abgelegten Orden der Herren, ja der Stifts- und
anderer Damen. Da lagen Armenlisten, Klosterlisten und Abbildungen von
Sonderbarkeiten, eine Reihe Carrikaturen vom ersten Witz, aber
unbeschreiblich. Dort lag schwarzes Bauerbrot nebst einer in Wachs
bossirten Bauerfamilie. Da verkaufte ein Herr Salz; da Tabak; da einer
Wolle, Holz; da hingen Studentenmützen von allen Farben . . . . da lagen
Zeitungen mit den letzten Nachrichten; ich bückte mich -- ich las den
Büchertitel: »Von Authenrieth, Kunst aus Holz Brot zu backen.« -- Mein
Gott, ich war daheim! Unbezwingliche Wehmuth befiel mich. Heilige Sehnsucht
nach alle dem Elend! Das Herz bleibt das Herz. Der Mensch bleibt der
Mensch. -- »Laßt uns betrachten« . . . . wollte ich anfangen, aber ich
mußte aufhören vor Weinen. Ich ging an den großen Häuptern vorüber, die
ohne Kronen und Scepter, nur ein Täfelchen mit ihren Namen an den gedeckten
leeren Tischchen, saßen -- bestaubt, blaß, in hundert Jahren alle todt,
zerfallen, wie diese Wachsbilder bald zerschmolzen, in das uralte schwarze
Element der Erde. Und ich sahe: Sie waren alle Menschen! Ich sahe, sie
waren ja alle aus ihrem Volke! Sie thaten alles Mögliche für ihr Volk, in
den Ketten und Banden der Zeit, die schleichen muß wie eine Schlange, nicht
fliegen . . . . nicht auswandern kann, sondern daheim gebaut ist, wie
Ulysses Bett auf den im Boden festgewachsenen Stämmen der uralten
Olivenbäume gezimmert; unbeweglich wohl, aber theuer und werth ist, einzig
werth; und wie Penelope daran, an diesem Geheimniß ihren lang verkannten
Gemahl erkannte, so erkannte ich hier mein Vaterland! Aber ich stand wie
ein Ehebrecher dabei -- wie der erschlagene Sohn meiner Großmutter, der
seiner Mutter um ein herbes Wort willen auf immer entronnen und umgekommen
war, und die arme alte Mutter saß daheim, zwar nicht mehr blind, aber ohne
ihn elend, wie er elend ohne sie gewesen. -- »Laßt uns betrachten« --
wollte ich wieder beginnen, aber ich konnte kaum meine Gedanken alle
fassen! Mir war auf der Reise die Flasche zerbrochen, welche mir der
Wagehals mit dem Schwimmgürtel ausgehändigt. Ich hatte eine Stelle in
seinem Lebenslauf, den ich der Welt einmal mittheilen will, noch vor Kurzem
nicht verstehen können; jetzt, jetzt klar und gewaltig überkamen mich die
Worte, wie Feuer vom Himmel: »Nichts ist feiger als Flucht! Die armen
Elenden! Sie ihrem Schicksal zu überlassen und sich allein zu retten -- o
Schaam, o Schande! Als wenn eine Mutter oder ein Vater ein krankes Kind,
alle seine Kinder krank und gebeugt und hungrig zu Hause wüßte -- und an
einer prächtigen Hochzeittafel tafeln wollte, sich allein es wohl seyn
lassen wollte, in dem freien, fröhlichen, hellen, sicheren, prachtvollen
Hause -- und nicht heimkehren! O Schaam! O Schande! Nicht heimkehren! Oder
fortgehen! wenn sie ihm auch nur krank _geschienen_! Wenn er ihnen auch
nicht helfen könnte, nur mit ihnen leiden, sie nur trösten, sie nur küssen!
Ja, hier in Amerika ist das freie, das fröhliche, helle, das sichere,
prachtvolle Haus. Ja, es ist hier so schön -- daß es eine Schande ist, es
sich allein wohlgehen zu lassen, und nicht zu Hause zu sorgen, daß das Übel
besser werde. Wo der Mensch besser werden kann, wo er am besten, am
hülfreichsten, ja wo er nur am edelsten seyn kann, da ist sein Vaterland!«
So sprach ich mir ohngefähr in zitternder Gluth die Worte vor und vergab
dem Manne. Ja, wie ich in Bremen gesehen meinen adligen Freund sich küssen
an der Wand, so wußte ich es zu machen, daß ich meine Lippen an die Mauer
drücken konnte -- denn ich küßte die Welt. _Ich_ war der Schatten hier. Und
ich hatte in mir ein Gelöbniß gethan, still, aber fest wie der stille Fels.
Nämlich das Gelöbniß: Als ein Deutscher nach Deutschland zu kehren, in ein
. . . in mein Vaterland! Damit ich ein Vaterland hätte, und das Vaterland
mich; damit ich nicht ehrlos, feig, selbstsüchtig, muthlos, rathlos,
hülflos _scheine_, so sehr ich es _wäre_! Oder _war_! O, ich war es nicht
mehr, denn ich fühlte mich froh schon daheim! O wie wollt' ich nun wirken
. . . und weben und ruhig sitzen an meinem, an unserem großen Webstuhl, der
uns Deutschland heißt: O, ich hätte Heiden bekehrt, geschweige deutsche
Auswanderer! Jetzt war mir ein schwererer Stein vom Herzen, der Fels, der
mich zu Tode gedrückt. Wie der Riese hatte ich wieder die Erde berührt, und
alle ihre Kraft hatte mich geladen. Ich hatte aber noch Pflichten. Mein
armes Weib war also umsonst gestorben. Die guten, die edlen Weiber haben
immer Recht. In jeder Mutter wohnt die Stimme der Natur. Ich schrieb in
meiner neuen Stimmung an Clöta, ließ neue Plane durchblicken -- ich legte
ihr eine schwarze Locke von meinem Haupte mit in den Brief. Ich fühlte ein
neues Leben -- gesund am Leibe war ich so schon geworden, ich fühlte das
Leben neu. Sollte ich blind seyn? Herzlos? Undankbar? Denn was ist älter
als alle Welt? Welches Gefühl? Und wie Josephine mich eher gesehen, und ich
sie eher gesehen hatte, ehe wir Beide wußten, daß _meine Frau_ das
Schicksal getroffen -- wie ich Josephinen also noch in eine lebendige Welt,
als die letzte, die schönste Gestalt mit aufgenommen, nicht farbenlos,
geisterhaft in die darauf erst mir aufgethane farbenlose, geisterhafte Welt
der Geraubten, so war Josephine ja nun darinnen lebendig, und regte sich --
o sie regte sich wunderbar! Was ist der Mensch? -- Ein immer neues Wesen in
der immer um ihn versinkenden Welt. Oder man sollte im neuen Lenz keine
neue Rose brechen und an die alte Brust stecken, ja nur ansehn.
Darauf zog es mich ins Land hinein, links an den Wabasch. Schon der Name
»Harmoniten« reizte mich. Ich wanderte mit meiner Tochter, wie in einem
langen Traume, im süßesten Sonnenschein. Aber die Flasche konnte ja Unrecht
haben, ich konnte nun erst am gewaltigsten irren, nun ich glaubte Recht zu
haben! Das Gefühl, Unrecht gethan zu haben, verstimmt mit der Welt und
macht blind auch. Und wollte ich billig seyn, ich konnte nicht leugnen:
diese Deutschen in alle den Ansiedlungen, die ich nun antraf, schienen mein
Heimweh überstanden zu haben! Denn sie schienen nicht nur, sie waren
wirklich glücklich. Bei mäßiger, ja nicht der Rede werther Arbeit
glückliche, harmlose Landleute. Sie waren keine Städter, keine von der
alten Welt gebildete oder verbildete Leute, kurz keine Gelehrte, keine
Vornehme gewesen. Und doch sagte mit ein Doctor, der hier zum Bauer
geworden: »Welch Unglück ist größer, als eine große Stadt? -- Welche Lüste
tauchen dort auf wie aus feuerspeienden Bergen und schwelgen sich satt!
Hier im ganzen Lande, den einzelnen Meiereien, ist kaum ein treuloses Weib.
Kein Spieler. Ich sage meine ganze Überzeugung: Es ist nichts schöner und
menschlicher, als ganz an und mit der Natur zu leben! Versteht sich
menschlich! Menschlich mit Blumen, die man tränkt, menschlich mit alten
Bäumen, menschlich mit dem Lamme, dem Hunde, ja mit dem Bär im Walde und
mit der Schlange. Denn durch Milde des Menschen sind alle Thiere zähmbar,
dienstbar zu machen, und alle sind seiner väterlichen Stimme, seinem
liebevollen Auge unterthan, denn die Thierseele ist auch noch ein Hauch von
der großen Seele, wenn auch nur wie letzter rosiger Hauch an den Wolken in
wunderlichen Gestalten, noch heiliges Licht der Sonne. Gartenbau, Feldbau,
das ist das erste, mittle und letzte Geschäft selbst des einst ganz klaren,
ganz großen Menschen, und im Schooße der Natur wird es am ersten, am
schuldlosesten, wenn einmal die Flamme in ihm entbrannt ist -- und sie ist
entbrannt! Und hier im Lande werden nur lauter Gärten seyn, lauter Gärtner
und Bauern. Aber ein Bauer ist ein ungeheurer Kerl, groß wie Adam,« schloß
er lächelnd. Der Doctor begleitete uns auf der Weiterreise, bis nach dem
kleinen Flecken Fashionout oder Modelos, welchen Engländer angebaut, um der
Mode zu entfliehn.
Mein Gott! wie oft des Tages mußte ich hier im Lande mein kaum gesagtes
Wort zurücknehmen! Zu des Doctors Lob des Bauers hatte ich gesagt: In der
freien Natur, in einzelnen Pflanzungen hebt das angeborene richtige Gefühl
die Menschen über den kleinlichen, schwelgerischen, neidischen,
erbärmlichen Verkehr großer Städte. Und hier gilt nur das Herz! Kein Rang,
kein adliger Stolz, nicht Schaam einer niedrigen Magd. Man sieht, was in
Europa die Seelen bedrückt, das Gefühl der Stände, des eigenen, von
Jahrtausenden ausgedrückten Unwerths, das nicht zum Gefühl der _gleichen_
Menschenwürde empor gelassen wird -- nur fort nach Amerika. Ich mußte das
Wort sehr bedingen. Denn der Doctor frug mich nun gern: »Warum wandern die
so ziemlich freien Engländer aus? -- Um der Sclaverei der Mode zu
entfliehn, der Jeder, der reich geworden, erst recht verfällt! Ein
ruinirter Fashionable, den ich curiren soll, sagte mir erst gestern: die
Mode ist die albernste Gesetzgebung, die kostspieligste; die Mode ist das
Ungeheuer, welches Europa's Fleiß, der Männer und Weiber Schätze,
Lebenslust und wahres Leben auffrißt. Die Europäer, vor allen die
Engländer, sind die wahrsten Sclaven durch die Mode. Die Engländer -- denn
ich bin keiner mehr, sagte er -- sind überall frei -- aber im Hause
Sclaven! Es wäre besser, sie wären in der Nachtmütze, in Pantoffeln, bei
der Suppe, bei Messer und Gabel frei, als frei überall außerdem auf Land
und Meer. Alle Künste müssen darüber zu Grunde gehn, alle Künstler, kurz
Land und Leute. Die englische Gesellschaft und ein jeder Abdruck derselben
umher ist die erbärmlichste auf dem Erdboden, und wenigstens zehntausendmal
erbärmlicher als die chinesische, wo doch viel zu merken und viel zu lernen
ist; aber Alles auf Zeit Lebens, auf das Leben vom Urgroßvater bis zur
Urenkeltochter und immerdar in die selige Ewigkeit. Hier in Fashionout
beobachten wir Menschenanstand, und kleiden uns und leben nach Wetter,
Bedarf, Vermögen, Gesundheit.«
Ich aber dachte, daß Deutschland 2500 Städte hat und 40 Millionen deutsche
Zungen, Seelen, oder _Mäuler_, wie die Chinesen sagen, und Großmäuler, wie
die großen Deutschen gern sagen.
Wie von diesem braven Doctor, so ging für mich nun ein tägliches Scheiden
an, von jeder Gegend, jedem Bach, jedem Baum, jedem guten, freundlichen
Menschen -- aber zuerst beinahe von meiner Tochter! Sie war mir krank
geworden; ich wollte sie in Gottes Namen nach Lawrencebury am Ohio
schicken, in das Haus des jungen, sie ehrenden Marfolk. Aber mit wem? Ach,
war nur mein Schulmeister Tolera hier! Denn auf dem Straßenbau hier im
Lande hätte er nicht nöthig gehabt, die Menschen hungern zu lehren! Im
Gegentheil nicht gar so viel essen; zum Frühstück schon in Butter
gebratenen Schweinebraten, Fische, fetten Kuchen, Eier, Käse; und ihr
Aufseher -- nicht gegen die Unmäßigkeit im Essen angestellt -- erzählte mir
mit sonderbarer Freude, daß die 6000 Arbeiter hier in 90 Tagen keiner einen
Schnaps getrunken habe! Aber meine Tochter nahm sich zusammen, und ihr
Geist, so jung der liebe Geist war, war stark. Ich fand es für meine Leute
hier überall gut, sich niederzulassen, so weit wir umherzogen, beschwerlich
genug. Hier begruben die Leute selbst; sie trauten junge Paare, sie tauften
selbst -- und der Papst und die Clerisei fiele auch hier in Ohnmacht! Ja,
wir wurden selber zu einer Taufe in Silverheelstown eingeladen, wo ein
Vater an jedem seiner Kinder einen besondern Gläubigen hatte. Der älteste
Sohn war ein Jude; der folgende ein Türke; der dritte ein Quäker; die
älteste Tochter eine Katholikin, und so fort, damit doch Eines seiner
Kinder den rechten Glauben erwische. Ich sollte nun Pathe stehen bei einem
kleinen Buddhaisten. Aber wir wußten Alle von den Ceremonieen dabei nichts.
Tolera selbst hätte sich zu Tode gewundert oder betrunken. Indessen dieser
Vater wollte auch Vater meiner Kinder werden, und ihnen ein gesegnetes
Stück Wüstenei verkaufen. Und ich schloß mit ihm die Bedingungen ab. Und
nun begehrten wir alle nach Cincinnati zum Bruder, vielleicht alle weiter,
nach Hause. Aber das Geld ging mir unterwegs nun endlich aus! Maria will
ihr Halsband von Josephinen verkaufen; -- das will ich nicht! Ich will den
Ring vom Prinzen verkaufen; -- das will sie nicht. Aber das mußte geschehn,
denn für den spätern Erlös des Halsbandes bezahlten wir die Heimfahrt nach
Europa. Aber nun war kein baares Geld von den Kauflustigen für den Ring
aufzutreiben! Höchstens Anweisungen auf eine ferne Bank. Sollten wir nun
hier, was wir an Materialien zum Tausch erhielten, verzehren -- so waren
wir nicht weiter. Wir mußten also lebendige Ochsen und Schweine nehmen und
einen Treiber, um sie am Ohio in Geld zu verwandeln. Die Reise war
merkwürdig genug. Schweine verliefen sich -- ich konnte nicht nachlaufen!
Ochsen waren marode, Maria schüttete ihnen Gras hin, beklagte sie und ließ
sie liegen. Eine Nacht ruhten wir in einer Höhle der Berge, die voll
uralter fremdartiger Menschengerippe war. Wir sahen Postdampfwagen
pfeilschnell vorüberfahren, wir konnten keine Stelle darauf bezahlen.
Endlich trieben wir glücklich in Lawrencebury ein. Aber Niemand lachte uns
aus. Alles Nothwendige steht hier in Achtung. Wir frugen nach Marfolk's
Wohnung, fanden sein großes Gehöft mit Niederlagen und Speichern, und ob er
gleich mein Schwiegersohn werden wollte, so drückte er mir doch die übrigen
Ochsen und Schweine ab. »Im Handel keine Freundschaft!« sagte er. Dagegen
im Hause war er unser Freund. Er wußte um mein Anliegen, er führte mich,
noch ehe wir ausgeruht, in seines Vaters Zimmer. Da hing über seinem Tische
meiner Großmutter Bild.
Schwarz, in großer Haube, und drunten stand der Name des reisenden
Silhouetteurs _Näthe_ aus Görlitz. Er öffnete die Weihnachtsbriefe. Sie
waren nach dem Ort meiner Heimath adressirt. Es gab eine Scene der
Erkennung, welche Maria durch kühlen Anstand milderte. Marfolk war in allen
Zeitungen im ganzen Lande durch seine Anklage auf Hinrichtung gleichsam
an's schwarze Bret geschrieben. Er wollte fort aus Amerika. Er fand es
schön, vor die alte Großmutter zu treten, und wenn er nicht in Europa
bliebe, wollte er bei der Rückkehr als ein frischer Einwanderer sich in
einem andern Staate der Union unter seinem wahren Namen Volkmar
niederlassen. Er wollte mit uns reisen! Das setzte voraus, daß wir wirklich
reiseten. Auch war ihm die Reise im Testament des Vaters, also nun meines
Oheims, aufgegeben. Wegen des Knaben Wilhelm bestimmten wir, daß er ein
Gerber werde, als die jetzt noch vortheilhafteste Profession, weil Häute um
ein Spottgeld und Leder sehr theuer wären. Übrigens war hier nichts mit
andern Handwerken; denn die Maschinen machen schon alles, oder werden hier
noch alles machen, als seelenlose, blinde Ableger oder Riesenkinder des
Menschen, gleichsam ein eisernes Geschlecht, in welches der Mensch seine
Sclaverei gebannt hat; und worüber Europa zu Grunde geht, durch Maschinen,
das bringt Amerika empor, weil hier Alle breit und bequem auf die
fruchtbare Erde sich stützen, und Alle sich neben und mit Maschinen grade
erst recht hoch emporrichten. Um dem Wilhelm zu der Ansiedlung von seinem
Vater zu verhelfen, mußte ich ihn jedoch erst durch einen verschriebenen
Taufschein als Erben legitimiren. Übrigens lernte ich hier im Hause das
Verhältniß und das Verhalten der Dienstboten -- bei uns des Gesindes --
hier der dienenden Herren und Frauen -- kennen, die so behandelt werden und
so sich betrugen, als bei uns adlige Herrn und Fräulein im Dienst bei
Bürgerlichen sich benehmen und behandelt werden würden. Mein Gott! so viel
thut schon das bloße Bewußtseyn: Wir sind frei! und das große Verhältniß:
Es ist nur Ein Stand im Lande -- der Stand des Menschen! Das war das
Bitterste, was ich erfahren habe, und das Schönste. Ja, wenn wir hier
blieben, wenn ich keine andere Aussicht für uns wüßte -- und ich sahe weder
als Pastor, ja nur als Schulmeister ein Ankommen -- wenn wir nicht _Bauer_
wurden, in dem kolossalen, freien, Amerikanischen Sinne, durch Ankauf aus
dem Ertrag des Diamantenhalsbandes -- -- -- so wollten wir uns selbst mit
meiner Tochter vermiethen.
Aber ich hatte recht vermuthet! Mein Vetter Marfolk hielt um meine Tochter
an. Ich konnte ihm nichts darauf sagen, als daß schon ein Anderer um sie
angehalten, dem ich es schreiben wolle. Und so that ich. In 14 Tagen
erhielt ich die Antwort von Erwin: »Im November komme ich nach
Philadelphia. In vielen Geschäften. Erwin.« Noch stand das Wort dabei: »Ich
bin Senator der vereinigten Staaten.«