ich wieder in die vorgeschobene »angenehme Gesellschaft« ging. Ja, ich
bekam Amtsarbeit. Die Neger, wohl untergebracht, wohl unterrichtet im A. B.
C., wohl beaufsichtigt und versorgt durch Wilberforce und meinen ganz dick
gewordenen, fast majestätischen, langen, noblen, gutmüthigen Tolera -- die
Neger kamen eines Morgens sehr früh (am 14ten November) zur Taufe. Die
katholischen Priester hatten ganze Schaaren Südamerikaner mit der
Feuerspritze getauft, und dann mit Kartätschen erschossen -- so _viele_
Köpfe zu taufen, so _viele_ Pathen zu stellen, war in der nöthigen Kürze
unmöglich. Die Schwarzen lagen auf den Knieen. Der Morgen, von sonderbaren
Wolken umhangen, graute kaum. In die heilige Stille sprach ich einige Worte
zum Eingang. Da war es auf einmal, als wenn eine allmächtige Hand alle
Wolken vom Himmel weggerissen! Tausend Gestirne glänzten da droben
funkelnd, sprühend, Strahlen versendend, ausströmend, wie goldnen,
brennenden, leuchtenden, langen Regen. Jetzt, jetzt rühren sich die
Gestirne am Firmament -- oder wanke ich? taumle ich? Aber nein! Was nie
geschah, und nie geschehen wird -- das ganze Firmament voll Gestirne zieht
rasch, wie auf entsetzlicher Eil durch das dunkelblaue Himmelsschwarz.
Alles wird licht auf der Erde! Die Meerbucht glänzt, die Büsche brennen,
die Nachtvögel stürzen, wie betrogen von tausend Sonnen, zur Ruhe; ich
unterscheide die Blätter der Blumen zu meinen Füßen, denn ich erblicke mit
Erstaunen meinen wie rasend um mich schwirrenden Schatten. Jetzt reißt sich
ein Stern los, er stürzt mit Gezisch und Gestrahl, mit Gedonner hernieder.
Zehn Sterne reißen sich los, wie reife Früchte! Hundert Sterne stürzen mit
Gezisch und Gestrahl hernieder! Tausend Gestirne, immer größer, wie
Feuerkugel-Lawinen, stürzen und zischen und strahlen, und tausendfältiges
Donnergekrach stürzt drüber hernieder. Ich war blind, ich war taub, ich war
außer der Welt.
Es war geschehn. Es war ruhig, als wenn nichts geschehen. Es war
todtenstill, es war grabesfinster. Da standen die schwarzen Menschen auf,
beteten mich fast an, und dankten mir bebend vor Furcht, und klappten noch
mit den weißen Zähnen, die in dem Nachtgraun schimmerten. »Nun sind wir
getauft!« riefen sie alle. Und: Ihr seyd getauft! sprach ich und segnete
ihren Ausgang und Eingang -- in Europa. Dann enteilten sie wie Geister.
Das war wieder einmal ein Wunder, stöhnte ich. Und nach langem Betrachten
schlich ich nach Hause und verschlief den ganzen Tag. Mir träumte: Ich war
in einem brennenden Hause und fiel in Ohnmacht -- dann sprang ich auf und
lief fort. Der Traum war meine völlige Lehre oder Cur. Wenigstens hast Du
nun Deine Kinder und Kindeskinder beim sicheren Nachbar. So ergötzte ich
mich nun noch mit ihnen Allen.
Zum zeitigen heiteren Frühling kam unser Vetter Marfolk richtig. Da war
neue Freude. Meine Tochter, die ich mit Erwin getraut, in Gesellschaft der
zu trauenden verheiratheten Neger, kam von Washington zu unsrer Abreise.
Ich fuhr meinen anvertrauten Einwanderern voraus auf dem ersten
Dampfschiff. Der Morgen der Abreise kam. Erwin kam noch, und nach dem
Abschied flüsterte er mir noch ein Wort in's Ohr: »Wir bitten einander zu
Pathen!« -- Er wußte also, daß ich ein Weib hatte -- und Wen! Ich legte als
Antwort den Finger über die Lippen. Und er sagte leise: »O gern!« -- Ich
band ihm meine Einwanderer nach Indiana nochmals auf die Seele. -- Was soll
ich nun sagen, wie ich von Tochter und Söhnen schied? O es war schwer. Aber
alle sagten hier, wie daheim mir wieder: Väterchen, Du kommst wieder! Oder
-- droheten sie -- wir kommen zu Dir! Und dennoch brach mir der Abschied
von meinem Hunde, dem Pudel »Menschenfreund« fast das Herz. Meine Tochter
wollte ihn behalten. Sie mußte ihn fort-, zurückschleppen, den Strand
hinauf; da blieb er geduckt liegen und winselte. Ich mußte noch von ihm
Abschied nehmen. Ich streichelte ihm den Rücken; ich sagte ihm:
Menschenfreund, sey verständig! Ich ließ ihn mir eine Pfote geben, und er
gab mir seine treue, sanfte Hundehand. Aber wie er mich dabei ansah! Was,
ja Wer in seinen dunkeln, bangen Augen so wehmüthig heraussah, herausdrang!
O ich schämte mich! Kurz, warum bleibt der Hund im ärmsten Hause -- wenn er
auch darin mager und elend wird? O, die Welt ist gut. Nur der Mensch taugt
nicht immer. Du bist ein gutes Thier, ein Menschenfreund! sagte ich ihm,
und er wedelte mit seinem feinwolligen Wedel.
Wir kamen ohne Gefährde nach Hamburg. Diesmal in 14 Tagen! Ich konnte nun
also langsam fahren, und das that schon fast Noth, doch nicht meinetwegen.
Josephine war wie neugeboren. Und -- um ein aufrichtiger Mann zu seyn --
ich auch. O, es lebt nicht nur ein eigener Geist, meinetwegen ein erst so
gewordner in jedem Menschen. Jedes Haus im Lande, jede Familie, jedes Dorf,
jede Stadt hat einen eigenthümlichen Geist, _eine_ Stimme wie ein
Bienenstock, einen lieblichen Wiederhall, ein Verständniß all unsrer Worte,
unsrer Wünsche, unsrer Freuden und Leiden. Und der Geist in einem Lande --
der wäre kein Geist? Der Jahrtausende Eingewohnte, das millionenfache Ich?
O, das ist das Vaterland! Und als ich Deutschland wiedersah, rief ich aus
voller Brust: Ja, es giebt ein Vaterland! Nur wer es noch nicht erkannt,
höchstens die Jugend wandere aus, und mache ihre Stimme wo drüben zur neuen
Seele des Landes, der Berge, der Flüsse, der Haine. Aber wer je wo geweint
hat, wie Männer weinen, der bleibe, und hoffe Frucht von seinen Thränen,
und Segen von seinem Seufzen. Denn Millionen weinen und seufzen mit ihm,
und wünschen und schaffen mit ihm, und sind stark und mild wie er, und
werden sich freuen wie er.
Ich kaufte vier englische Schimmel und einen prächtigen Wagen -- wenigstens
um nicht ausgelacht zu seyn. Denn am Strande in Amerika hatte ich einen
Müller gesehen, der bei schönen Müllerkenntnissen eine künstliche Mühle
dort bauen wollen und Mehl wie Kreide mahlen. Aber er hatte eine Handvoll
Amerikanisches Mehl in die Hand genommen -- wie Schnee und fein -- wie
Amerikanisches Mehl, und war fein still nach Hause gereiset.
In meiner Vaterstadt fuhr ich nun donnernd über die Schloßbrücke, in nun
mein Schloß. Ich saß kaum im Lehnstuhl, als es murmelte und trappelte auf
der Treppe und im Vorsaal. Selbst mein Caplan war darunter, denn ich hörte
ihn krähen. Aber ich bestellte ihn auf Morgen, denn meine Tochter war
verheirathet, und ließ ihm nur sagen, seine sechs Muhmen hätten sechs
reiche Kaufleute in Neu-Orleans; aber dort handelten auch die Geistlichen
sogar mit Wein, und die Doctoren predigten auch nach Gelegenheit. -- »Schon
gut, schon gut,« hörte ich ihn sagen.
Eine Freude aber, mußte ich sogleich noch machen: Meiner guten, theuren
Großmutter! Ich ging zu ihr selbst hinüber auf die Pfarre; denn sie hatte
nur gebeten, sie noch kurze Zeit in der Wohnung zu lassen. Sie wohnte aber
unten. Sie sahe mich, sie erkannte mich. »Also Du hast ihn gefunden?«
sprach sie. Nach einer langen Erzählung gestand ich vorsichtig zu: Ja, er
ist gefunden! Er ist auf dem Schlosse. Er wird kommen. Aber mein Gott, sie
freute sich so -- daß sie einschlief! -- Seliges Alter! Wer nicht alt wird,
ist kein Mensch gewesen. Es ist fast übermenschlich und hautschauernd, so
übermenschlich gefühllos, jetzt mit der Seele weg, jetzt da zu seyn! Jetzt
jung, jetzt alt! Jetzt schon im Paradies -- jetzt noch in der Kinderstube!
Ein alter Mensch ist wirklich Alles; ein Junger ist nur immer -- sein Tag,
seine Stunde. Ihr Enkel, der ihrem Sohne so ähnlich sah, hatte auch sogar
heut wieder die Kleider angezogen, in welchen sein Vater der Mutter
entflohen war. Denn der Vater hatte sie treulich aufgehoben. So, in
altväterscher Tracht, aber jung und wirklich voll Schaam hier
hereinzutreten, trat er herein. Ich winke ihm, ruhig sich ihr gegenüber zu
setzen, weil sie schläft. Nachdem er des armen Vaters gute Mutter sich
lange angesehen, schläft er selber noch müde ein. Ich gehe indeß auf den
Thurm; ich füttre die Tauben; ich winke Josephinen mit dem Tuche. Mir ist
es wie ein Wunder, sie hier zu sehn. Wohl nach einer Stunde gehe ich wieder
in das Zimmer. Der junge Volkmar schläft noch. Die Großmutter scheint zu
schlafen. Aber ich sehe deutlich, -- sie ist munter gewesen! Sie hat sich
vorgeneigt -- sie hat ihn erblickt -- sie hat ihn erkannt: den Sohn! den
treulosen Sohn. Die kindische Seele hat ihn für denselben gehalten -- so
ist sie sitzen geblieben -- -- aber gestorben, und ruhig und selig _todt_!
Und ich wiederholte meine Worte, jetzt aber mit fromm gefalteten Händen:
»Jetzt jung; jetzt alt; jetzt noch in der Kinderstube -- jetzt schon im
Paradies! O, es können nicht Alle wiederkehren, die hinüber wandern! Schon
Ein verlorener Sohn zerreißt der Mutter das Herz, daß sie nicht sterben
kann. -- -- Und Ihr, Ihr tausend Söhne des Vaterlandes! Wie könnt' es
selbst sterben ohne Euch? -- O, es giebt ein Vaterland! O seyd denn seine
Söhne!«
Ich würde gar nicht geglaubt haben, weg, fort, so lange, so weit gewesen,
und wieder da zu seyn, wenn nicht meine Amerikanische Frau kam, so still,
so schön, so lieb, und lächelte, als sie die beiden Schlafenden sah. Viele
der neuen Auswanderer umringten jetzt das Haus; sie sahen durch die
Fenster; ich kannte die Gesichter. Ja Manche stimmten ein fröhliches
Auswandrerlied an! Ihre Augen funkelten vor Freude! Und ich dachte: -- Was
kein Mensch erklären kann, das kann kein Mensch verhindern! Das ist nicht
menschlicher Sinn; das ist göttliche Macht! So mußte ich sagen, um ein
aufrichtiger Mann zu seyn. Denn ich sahe mein Weib vor mir; und welchen
Schatz hatte ich da drüben gefunden! Ist nicht die Schönheit der Welt da
drüben? Und die Welt der Liebe? --
Die Sonne ging unter. Die Glocke im Thurme läutete ihr zu Grabe. Der
verlorene Sohn sprang auf von dem Hall und stand von dem Glanze geblendet.
Und selber die Kinder draußen nahmen schon vor dem Walten der Welt ihr
Hütchen ab, und beteten, unter dem Schwirren der Schwalben, das Vaterunser.
_Breslau_, gedruckt bei _Leopold Freund_.
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
End of Project Gutenberg's Die Probefahrt nach Amerika, by Leopold Schefer