damit es meinem Knaben, damit es meiner Tochter ein ruhiges Geheimniß
bleibe . . . .
»Ihrer Tochter!« sprach sie fast betreten. »Sie haben . . . .?«
Ja, sie ist hier; hatte ich kaum gesagt, als meine Maria schon vor mir
stand, und hinter ihr Wilberforce. Die Unruhe hatte sie hergetrieben.
Josephine stand lange vor ihr mit niedergesenkten Augen, den Mund fein
geschlossen; sie getraute sich aus reinster Schaam, ja Beschämung nicht sie
anzusehn. Ja, in dieser befangenen Stellung sprach sie zu ihr, begrüßte
sie, hieß sie willkommen, ja reichte sie ihr eine langsame Hand, die sie
gleich wieder zurückzog. Sie erblickte im offenen Thor die sechs
Schwestern, die auch vom Schiffe an's Land gekommen; sie sahe mich fragend
an, sie ließ sie einladen; und während Wilberforce ging, und nachdem sie
von mir gehört, welche Absicht sie hätten, versprach sie mir schon im
Voraus, sie alle bei sich zu behalten, wenn ich auch das erlaube . . . .
oder vielleicht auch die Tochter . . . wenn ich gehe, damit sie nicht ganz
allein sei. Und den Schwestern entgegen wandelnd, vertraute ich dem
treuherzigsten Geschöpf von der Welt, daß sie eine sonderbare Braut sei mit
Master Erwin; die Ursache ihrer Scheu vor ihm, als einem so grausamen Mann,
der Sclaven halte, und nun seine Scheu vor ihr. Aber zu meiner Verwunderung
fand sie sein Anhalten sehr natürlich. O der Mensch ist blind über gute
Menschen; dann wie ich hätte Ursache gehabt mich zu freuen.
Nun mußte ich bleiben. Ich ging darauf allein zu Erwin, um meine Sachen
alle zu Josephinen tragen zu lassen. Er war das zufrieden; auch daß meine
Maria bei ihr bleibe, war er zufrieden, ob er mir gleich mit Achselzucken
vertraute, daß Josephine, als Abkömmling von schwarzer Haut, bei keiner
ganz weißen Haut in irgend einer menschlichen Achtung stehe; so schön, so
seelengut, so achtungswerth, ja so reich sie sei -- denn sie sei die Wittwe
seines Bruders, und wahrscheinlich, wie er sich einbilde, sei ich nur durch
Namensverwechselung an ihr Haus gewiesen worden. Ohne etwas zu ahnen, hatte
er damit nur mein Weib gemeint.
Also ihr Bruder ist todt? wollte ich fragen, aber ich vermied aus eigener
Trauer die Frage. Er versprach mir zur Reise den Todtenstrom hinauf alles
Erforderliche anzuordnen; er selbst habe Hoffnung zum Senator gewählt zu
werden, und dann müsse er mit, oder nach mir -- denn er habe noch Vieles
und Schweres zuvor zu besorgen -- nach Philadelphia, nach Washington. Dabei
gab er mir wieder die Hand, und schüttelte sie dreimal, wie in Bremen auf
der Straße, als er die wohl von Eifersucht ausgepreßte Frage an mich that.
Das war mein ganzer Bescheid! Ich mochte verdrossen aussehen, aber er
lächelte kaum bemerklich. Das ergrimmte mich noch mehr. Meine Hoffnungen
waren zu Wasser! Die Auswanderer waren schon lange in's Land, den Strom auf
einem der hundert Dampfschiffe hinauf! Nur den Wilhelm fand ich allein, den
ich mit mir nahm. Ich traf zu Hause, so mußte ich schon sagen, aber meine
Tochter nicht mehr, Josephinen nicht mehr, sondern nur einen angespannten,
auf mich wartenden Wagen, der uns im Fluge hinaus nach dem prächtigen
Landsitz brachte.
In den wenigen Tagen, die ich darauf noch hier blieb, hatte sich Josephine
an die dritte der sechs Schwestern, an die schöne Clöta gewöhnt, die
französisch verstand, sie lieb gewonnen; und gegen meine Maria war
Josephine verschämt, aber mild, und so war auch meine Tochter verschämt vor
ihr, aber mild. Gegen mich war Josephine gelassen, ernst, düster, so
anständig und zart, wie ich kaum je ein so junges Weib, ja nur eine
Jungfrau gesehen. Schien ich etwas zu wünschen, so sprang sie in der ersten
Zeit noch behend auf wie ein Reh, aber sie kam wieder und hatte nur für
sich etwas geholt. Mir war sonderbar zu Muth. Manchmal, wenn wir neben
einander am Abend in den schattigen Gängen ihres Gartens wandelten, und die
große, hier himmlische Abendsonne durch Lücken der blühenden Akazien und
Magnolien ihr Gesicht und Schulter vergoldete, da, um ein aufrichtiger Mann
zu seyn -- fiel folgendes Gespräch in mir vor:
-- Mein liebes Weib, Du bist ja doch nun todt einmal, also auf immer! Ich
lebe noch -- auf dem Gipfel des Lebens. Der Hinuntergang ist schlimmer als
der Hinaufgang. Wie viel Gutes und Schönes würde ich für mich und die
Kinder erlangen, mit dieser Gestalt . . . . . wenn ich Muth hätte!
-- -- Unterstehe Dich! und sag' ihr ein Wort! sprach meine Frau, die als
Erscheinung der Seele mir klar, sogar sichtbar vor meinen Augen in dem
Schattengang schwebte, und uns nicht von der Seite wich, -- und näher mir
wiederholte: Unterstehe Dich das! Und jetzt schon! O Du Undankbarer! Denn
war ich nicht eine Adlige, die Dir ihre Hand gab? Und ist diese arme Person
hier nicht eine Namenlose, eine Unehrliche im Lande? Mucke!
Da schwieg ich eine Weile. Dann fing ich doch leise wieder an: Aber wenn
ich sie nach Europa nähme mit alle den Sclaven? Und ehe wir reiseten,
könnte ich Dir lassen ein prachtvolles Mausoleum erbauen mit Deinem Wappen;
und vor meinem Namen wollte ich lassen ein »Von« einhauen damit ein Jeder
hier läse, daß Du keine Mißheirath gethan!
Lügen willst Du sogar? sprach das Luftgebild. Ich sehe schon, wie Du
denkst. Ich bin verloren, aber zum Glück bin ich todt!
Nein, sprach ich, Du sollst meine innere, geistige Frau seyn, und diese
hier meine äußere, leibliche.
O sie ist schön! sprach meine geistige Frau; um mich in Versuchung zu
führen.
Soll ich ihr hier ungesehen zu Füßen fallen? Ach, ich dürfte nur ihre Hand
ergreifen -- und ich denke, sie fällt mir zuvor um den Hals.
Da schrie meine Frau auf, und fuhr zwischen mich und Josephine, die sich
mit dem Arm an eine Cypresse gelehnt, und der sinkenden Sonne nachsah, aber
mit zugeschlossenen Augen. Ich selbst aber hatte den Schrei meiner Frau mit
meinem Munde ausgestoßen -- so daß die Vögel erschreckt von den Zweigen
flogen -- daß Josephine mich ansah, und erstaunt sah, wie ich zitternd und
bebend und ganz blaß vor Schrecken dastand, wie aus dem Himmel gefallen;
aber ich war nur aus dem innern Hause des Menschen heraus auf die lebendige
Erde getreten. Und ich schämte mich und schwieg. Und sie frug nicht. Und so
blieb es. So blieb sie. So blieb ich. Ein Wittwer ist eine besondere
Person. Aber ich dachte auch manchmal: auch eine Wittwe ist eine besondere
Person; nicht Jungfrau, nicht Weib, nicht Mutter -- denn Josephinen stand
dereinst erst dies Glück bevor. -- Ach! es sollte nur Wittwen geben von 70
Jahren, und Wittwer von 80! Der Tod, besonders der frühe Tod stiftet
allerhand Unheil.
So ein Gespräch wäre mir, in Allem ehrlichem Manne, wahrlich nicht
vorgekommen, wenn ich nicht auf immer aus dieser Gegend nun scheiden mußte;
Josephinen auf immer zurücklassen. Und die Trennung ist ein Wurm, der die
Früchte zu früh reift -- daß sie abfallen. Es war ein Gedanke gewesen zum
Besten meiner Kinder, zum Besten der armen schwarzen Kinder der Erde. Ich
schrieb einen ausführlichen, lehrreichen Brief in die Heimath, an mein Volk
-- dessen Gesandter ich war; an meinen Sohn. Meine Tochter schrieb an die
Baronesse Freysingen, an ihren kleinen Bruder, und -- was ich heimlich mit
Thränen sah -- sie schrieb einen langen, herzlichen Brief an ihre Mutter,
die aber nicht weit von ihr in der freien Erde lag. Sie versprach ihr,
recht oft zu schreiben. Dann besprachen wir, neben Josephinen sitzend,
unsere Reise. Meine Tochter wollte mich nicht verlassen und fiel mir um den
Hals. Josephine sagte mir am letzten Abend blos gute Nacht wie gewöhnlich.
Aber am Morgen war sie schon früh abgereiset . . . . nach der Stadt in ihr
Haus. Dafür fand ich in unserem Dampfschiff unsre Karte für mich, für Maria
und unsern Wilhelm _Mosburg_ bezahlt; wir fanden Körbe voll köstlicher
Speisen, voll Wein, voll Früchte. Aber auch meine Tochter fand nach dem
Wirrwarr des Morgens jetzt erst im Schiffe: daß das dreifache Halsband mit
den großen Diamanten von Josephinen ihr um den Hals gebunden war. Das
deutete auf ewigen Abschied. Das konnte Niemand gethan haben, als sie --
des Nachts -- und wir sahen uns an und weinten fast Beide. Mein Kind wollte
wieder an's Land, es zurückstellen, Gewißheit haben, doch danken. Aber das
Schiff ging schon sausend den heiligen Todtenstrom hinauf in das heilige
Land, einen Urgarten der Erde, das künftige Paradies der schwarzen Kinder,
denn hier konnten sie allein arbeiten und gedeihen. Ihnen gehört es also
von Natur. Nicht den Weißen, denen es eine Schande geworden, etwas zu thun,
weil sie nicht können.
Ich finde in meinem Reisebuche bemerkt: »Hier waren also _alle_ Weiße
adlig, oder fühlen sich so; und alle Schwarzen -- Canaille, und fühlen sich
nicht so; bei uns sind es doch nur einige berühmte Geschlechter -- gewesen.
In den nördlichen Staaten darf sich sogar kein freier Neger niederlassen.«
Unser Dampfschiff ward, nach der neusten Erfindung, selber mit Wasser
gefeuert. Und so fuhren wir, auf der größten Silberader, der Saugader des
Landes, in welche 40 große Silberadern sich ergießen, auf dem Missisippi,
nach und nach in immer höheren Ufern hinauf. Meine Tochter ist
niedergeschlagen. Aus Einem Grunde. Ich bin niedergeschlagen. Aus
dreifachem Grunde! Unsere Reisegefährten waren nicht heiter, und
erheiterten sich und uns wenig. Viele Amerikaner reisen zu ihrem Vergnügen;
und da Europa zu unerheblich oder Asien zu weit ist, so reisen sie im
Vaterlande und lernen es kennen und schätzen. Denn wahrlich hier ist ein
Vaterland! Und wer wollte den Menschen den Stolz darauf verargen! Wer sich
darüber ärgern? Ach, eher kümmern! Aber in dem Gesicht des Amerikaners
liegt etwas Unerklärliches. Nicht Tiefsinn, nicht Muthlosigkeit, nicht
Schüchternheit, nicht Verlegenheit; aber die Stille einer großen Zukunft,
und eine bescheidne und doch schmachtende Begierde danach, und eine fast
kindische Befangenheit und ein Bangen, wie eines Bräutigams, ruht auf den
Gesichtern. Mir kamen sie vor, als wenn sie selber auswandern sollten -- in
ferne, ungekannte, schöne Tage! Daher die heimliche Unruh, der eigene
gedämpfte Blick, ein fast komischer Ernst und eine heitre Trauer! O wie
rührend und schön ist der Jugend Gesicht! Ich seufzete selbst über alte
Männer! Und auch die jungen Städte des Landes, groß angelegt aus ungeheurer
Hoffnung und doch noch in ihrer Kindheit -- rührten mich. Baton;
Francesville; Fort Adam; Natchez; Huntson; Warren. Old-Arkansaw gegenüber,
kamen Auswanderer den Arkansaw herab, die sich, nicht Alle, aus einem
Überfall der noch nicht weit genug vertriebenen Wilden gerettet. Wir mußten
sie aufnehmen; es waren Neu-Griechen, die sogar erst seit dem Frieden ihr
königliches Vaterland verlassen; ein _griechischer_ Bischof führte sie. Das
zeigte deutlich, welche Furcht sie hinweg getrieben. Nach und nach wußten
wir um Namen, Vorhaben und Vermögen fast aller Mitreisenden. Und so ward
denn ein junger Mensch von etwa 22 Jahren, so hübsch und anständig er war,
von den Meisten zuletzt vermieden. Darum grade suchte ich seine
Bekanntschaft. Und nach einigen Tagen konnte er nicht über das Herz
bringen, mir nicht sein Schicksal zu klagen. -- »Man hat mir meinen Vater
erschlagen,« sprach er betrübt und zornig, und ich habe als Sohn es so weit
gebracht, daß sein Mörder nun hingerichtet wird, ein Ansiedler in Kentucky,
dem er Landeserzeugnisse verkauft, und ihn dabei vielleicht zu sehr
gedrückt hat; denn im Inlande ist kein Geld, und ganz ohne Geld kann
Niemand bestehn, weil doch nicht Jeder Alles erzeugt. Mein Vater war ein
Aufkäufer, die freilich überall hier so verhaßt als unentbehrlich sind.
Auch hätte er längst in seinem Alter von 60 Jahren ausruhen können, da er
die schönste Besitzung in Ohio hat. Aber er hoffte noch immer seinen Sohn,
meinen älteren Bruder, zu finden, der ihn verlassen hat, weil der Vater
wirklich fast unerträglich sich gegen ihn benommen. Aber hier ist es
vergebens, einen Menschen zu suchen. Der Zufall allein thut oft Wunder, wie
ich schon gesehen, so jung ich bin. Mein Vater stammte aus Deutschland, und
er selbst scheint auch seinen Ältern heimlich davon gegangen zu seyn; denn
alle Weihnachtsabende hat er zwar nach Hause geschrieben, aber nie die
Briefe fortgeschickt, sondern sie alle gesammelt und sorgfältig vor uns
verschlossen. Auch hat er nie einen Brief empfangen, so unerhört es ist,
daß Einer auf unsern 7000 Postämtern verloren geht. Hier ist Jedermann
unbedingter Herr selbst von dem höchst achtbarsten Vermögen; der Vater kann
frei Einem Alles, den andern Kindern Nichts vermachen -- mir hatte mein
Vater Alles vermacht, und so konnte ich unbesorgt meinen Bruder suchen, und
hatte ihn glücklich gefunden. Ich bewege ihn glücklich, mit mir zum Vater
zu reisen; er ist nicht daheim; wir reisen ihm nach; -- er ist nicht auf
der Meierei, von wo er doch nicht fortgereist war. Unser Neufoundländer
Hund findet seyn Geripp in einem Ameisenhaufen der großen Ameisen. So sah
der Sohn den Vater wieder. Und nun macht man mir Vorwürfe, daß ich das
Gesetz angerufen, und sagt: »Hier wird Niemand hingerichtet! Man bessert!
Und unsere Anstalten dazu sind die erfolgreichsten auf Erden. Wir haben nur
noch die Todesstrafe auf qualificirten Mord, und sind insofern noch dem
alten Judengott zugethan, dem: Auge um Auge, Zahn um Zahn; wenn die
Europäer -- welche hier nur die Verwahrloseten heißen -- noch das halbe
Judenthum, und das ganze römische Heidenthum in ihrem italiänischen Glauben
und römischen Gesetzbuch haben! Statt tausend Straftitel haben wir die
Geschworenen, die es so christlich machen können, als sie wollen; auch das
ist nicht verboten, und je weniger diese ehrwürdigen Männer von
Gesetzgebung und Wesen wissen, je einfacher sie sind, ja wenn sie blos ein
Menschenherz im Leibe haben, desto vollkommner sind sie, desto ehrwürdiger.
Aber sie sprachen den _Mosburg_ nicht frei, weil sie grade glaubten, einem
Mörder müsse es eine Wohlthat seyn, Strafe zu leiden; denn auf
Wiedervergeltung beruhe das Weltgericht, und sonst brauche keines zu seyn.
Aber das müsse ja seyn, sonst werde die Tugend ja auch nicht belohnt im
Himmel, und ewig, ewig.« --
Ich war über ein Wort in der Erzählung erschrocken, und bebte über den
Namen _Mosburg_, denn so hieß der Vater des Knaben, seines noch einzigen
Kindes, des armen Wilhelms, der neben mir zuhörte, aber zum Glück nicht
Englisch verstand. Sein Vater wohnte bei Perkins. Und so frug ich in Gottes
Namen, wie der Ort heiße, wo der Mosburg wohne, oder gewohnt.
Er nannte mir unbedenklich den Ort. Es war _Perkins_! --
Meine Tochter ging von uns und weinte. Sie führte den Wilhelm mit fort, und
zeigte ihm den schönen Abendhimmel und die grünenden Berge, wie ich von
fern an ihrem ausgestreckten Arme bemerkte. Dann setzte sie sich, und hatte
ihn vor sich umarmt, und ich sahe, er trocknete ihr die Augen mit ihrem
Tuche.
Mosburg lebt doch noch? frug ich weiter.
»Ich reise zur Hinrichtung. Es werden Tausende bei diesem seltnen, fast
erloschnen Schauspiel zugegen seyn!« sprach er.
Ich war froh. Ich konnte dem lebenden Vater doch den lebenden Knaben
bringen! Und wir beschlossen zusammen zu reisen. Ich, wie ich sagte, blos
aus Neugier.
Einige vertheidigten dann auch den braven Sohn mit den Worten: »Wenn wir
Amerikaner endlich einmal ein rechtes; Volk, ein Muster- und End-Volk
werden sollen, so müssen Alle für Alles solidarisch einstehen, so weit es
Menschen möglich ist; für Mord und Brand, Diebstahl und Schaden in aller
Art; Jeder muß das Recht, ja den Beruf haben, statt eines Andern zu klagen,
der feig oder gefühllos es selbst nicht kann oder will. Dann sind erst die
Staaten ein wahrer Rechtsstaat, bis dahin ist Alles nur Pfuscherei! Der
Freie muß Alles dürfen und können, was recht und was gut ist.«
Man lobte zum Einwandern besonders mir Indiana, das herrliche; Illinois, ja
Einer sagte: »Wer redlich an die Zukunft denkt, der thut wohl, sich ganz im
Westen am Meere, am Columbiastrom niederzulassen, auf den Fall, daß es mit
Europa aus ist und aus wird, und wir die Kräfte nach Asien wenden. Haltet
Ihr die Natur für so kurzsüchtig und albern, daß sie sonst dort nach Abend
einen solchen allmächtigen Strom hat fließen lassen, und so lange umsonst.
Sie könnte ihr Wasser ja besser brauchen.« --
Und so wäre ich lieber in Indiana gereiset, statt nach Kentucky mit
Sclaven, aber das Schicksal trieb mich hin; und ich rathe keinem Menschen,
auf Reisen eine Commission anzunehmen -- denn wie bitter war mir die meine!
Aber das reichliche Reisegeld von dem guten Prinzen für den Knaben reichte
für mich und Maria. Noch zog mich ein Anderes an den jungen Mann. Nicht,
daß er reich und wohlerzogen war, und täglich auf die bescheidenste Weise
meiner Tochter gefälliger war, die sie selber rührte, ob sie gleich
innerlich fest an ihrem sonderbaren Freunde Erwin hing; und ob ich gleich
mit zu jener schlimmsten Art der Väter gehörte, nämlich zu denen, die
Töchter haben, und Luchsaugen haben möchten, um jungen Männern in die
Herzen zu sehen, wem sie das Beste, was sie haben, einmal anhängen können.
Das ist die abscheulichste Sorge für einen Töchter-Vater. Ein Sohn- oder
Zehn-Söhne-Vater ist glücklich. Denn die versorgen sich selbst, und müssen
und können ihr Schicksal machen. Und meine Tochter war mir so gut wie
wiederum auf dem Halse, was mir nur schwer fiel, weil ich mir schon eine
lange glückliche Zeit diese Bürde eines Tochter-Vaters erleichtert gefühlt.
Doch, um ein aufrichtiger Mann zu seyn, das Alles war es nicht, was mich an
den jungen Mann zog, sondern es war die Neugier, die Wißbegier -- für meine
alte blinde Großmutter -- es war der _Koffer_ des jungen Mannes, auf dessen
vergoldetem Schilde der Name: Marfolk stand. Das bemerkte ich, als er das
Schild sich zerbrach, die zwei Stücken verschoben neben einander lagen, so,
daß sein Name nun »Folkmar« zu lesen war. Das gab mir einen Stich in meiner
Großmutter Herz. Ihr Sohn, ihr August war also erschlagen -- und kam nie
wieder? Der Name Volkmar konnte à la Norfolk nur Marfolk englisirt seyn.
Denn der Vater war ja ein Deutscher. Der junge Mann bekannte sich zwar zu
dem Koffer und zu dem Namen. Aber so fein und plump ich mehr zu wissen
versuchte -- er wußte nicht mehr.
Wir gelangten in den schönen Ohiofluß und landeten in Handerson in
Kentucky, wo Washington auf Mount Vernon, wie vom Herrn, begraben liegt.
Hier sah ich mit Freuden das erste Geld, Silber und Gold, und sahe die
ersten Zeitungen, die Literatur der Amerikaner; denn das ganze Land
schreibt für das ganze Land diese tausend Zeitungen, die in Millionen
Blättern wie Wundertauben über das Land fliegen -- und wie aufrichtig! Wie
der Geist Gottes! Vox populi, vox Dei! Ich wollte sie übersetzen, Auszüge
für uns. Aber was für Amerikaner aufrichtig ist, ist noch nicht aufrichtig
für Deutschland. Eine oder tausend eben so aufrichtige Zeitungen für
Deutschland müßten ganz anders seyn. Und hier schreibt Einer im ganzen
Leben vielleicht nur Einen lehrreichen Aufsatz. Ich sahe die erste Schule
-- aber was wußten die Kinder hier mehr! Wie viel, wie gründlich Alles, was
sie Zeit Lebens brauchen können und sollen und werden. Aber wie geschieht
das? Antwort: Die Griechen und Römer waren so klug und weise und groß in
ihrem Fach -- besonders, weil sie nicht mit Griechisch und Lateinisch die
jungen Seelen verhunzten. O wir Armen! Wir armen Gläubigen! Wir glauben an
alle Völker! Nur an uns nicht. Und deswegen sagte Napoleon: »Die Deutschen
sind kein Volk.«
Auf dem grünen Fluß schifften wir nach der Besitzung von Wilhelms Vater. Er
war nicht da -- in der Stadt im Gefängniß. Ich mußte dem Knaben doch Alles
zeigen, und mit wie schwerem Herzen sah ich zu, wenn er sich auf des Vaters
Stuhl setzte, seinen im Schrank hängenden blauen Oberrock anzog, und vor
Freuden damit in der Stube umhersprang; wenn er die alte Hausfrau nach ihm
frug, wie er vor Ungeduld weinte, wenn sie ihn nicht verstand, und wie sie
weinte, als ich ihr sagte: es ist der Sohn des Herrn! Selber Marfolk hielt
es hier nicht aus, und ehe wir fortzogen, durchrannte der Knabe noch den
Garten mit angepflanzten Bäumen, die Wiesen, bestieg die Hügel und hatte
fast einen Arm voll duftende Blumen, die er dem Vater mit nach der Stadt
nehmen wollte. Selber der Haushund war gerührt, und leckte ihm die Hand,
als müsse Derjenige seines Herren Sohn seyn, der sich hier so freue, ihn
mit so guten Bissen füttere!
In der Stadt erlangte ich gern, ja mit Seufzen des Mitleids die Erlaubniß,
den Vater zu sehn. Der Ort, ein höchst saubrer, freundlicher. Der Mann, ein
höchst gutmüthiger, wohlwollender. Und ihm mußte ich sagen, daß ich ihm
seinen Sohn Wilhelm bringe!
Der ruhige Mann schlug sich vor den Kopf. Dann saß er mit aufgestemmten
Händen, während der Sohn an die Thür pochte vor Ungeduld. Wilhelm aber
sollte und wollte dem Vater nicht sagen, daß Mutter und Bruder gestorben
seyen.
O Wiedersehn! heiliges Wiedersehn! Wie weinte meine Maria, wie -- um ein
aufrichtiger Mann zu seyn -- wie weinte ich! Wie gedrückt war des Vaters
Herz, denn in wenigen Stunden hatte er zu sterben. Wie strömten ihm Lehren
und Küsse vom Munde! und segnende Blicke und Thränen von den Augen! --
Endlich und endlich, nachdem ihm der Knabe viel erzählen müssen von Mutter
und Bruder -- ja als er ihm auch im Eifer, sein kindliches Herz ganz
auszuschütten, erzählte, wie sie den Anselm in den Meergarten begraben --
weil sie beide zu ihm gewollt -- weil ja die Mutter gestorben sey -- -- --
da faßte sich der Mann wunderbar, schwieg eine Zeit, schien viel zu fühlen
und zu bedenken, und gab mir seinen Sohn dann an der Hand mit den Worten:
»Ich habe eine weite Reise vor, mein Kind! Lerne indessen fleißig, lebe gut
und fromm und dulde kein Unrecht wie ich! Ich reise gern. Könnte ich nur
Alle mitnehmen, die mich dazu nöthigen! Dein Führer hier wird ferner Dein
Freund und . . . . Dein Vater seyn.« Dann setzte er sich ruhig hin und
sprach nicht mehr. Wie konnte ich anders, als, so schwer sie mir war, eine
so heilige Pflicht von dem Vater übernehmen.
Endlich gingen wir fort. Der Knabe ging rückwärts zum Zimmer, rückwärts zur
Thür hinaus, um den Vater also noch länger zu sehn -- und als die Thür
schon zu war, wünschte er ihm noch »glückliche Reise, fröhliches
Wiedersehn!« durchs Schlüsselloch. Da hörten wir drinn einen dumpfen Fall!
-- Aber wir gingen! Und noch war hier ein Herz geschont, das Herz des armen
Knaben, der nun mein war.
Nach der Hinrichtung des Vaters besuchte ich allein den freien Platz,
worauf viele Tausende versammelt waren. Und wohl zwanzig reisende
Geistliche benutzten die Gelegenheit zu zwanzig getrennten camp meetings,
zu Feldpredigten oder Bergpredigten. Ich urtheile nie über Männer von
meinem Fach -- aber die Seele ging mir groß auf, als ich dachte, als ich
sah -- Erde und Himmel sind die schönste, die einzige wahre Kirche! Und das
Leben ist der einzige, reinste, ächteste Gottesdienst. -- Auch will ich
nicht verschweigen, daß der Ankläger Marfolk fast gesteinigt worden wäre,
daß ihn Furcht befiel, dann Haß und Lust von dannen zu ziehn. In dieser
Noth hätte ich ihn beinahe »Vetter« genannt. Auch Maria zeigt ihm Mitleid.
Nach einigen Tagen stellt er sich gleichfalls beinahe an: mich zu bitten,
daß er mich Schwiegervater nennen dürfe. Aber nur beinahe. Maria bittet
mich dringend von dannen zu reisen. Und hier muß ich doch sagen, wie meine
Tochter hätte gesinnt seyn mögen! Und wie ich hätte gesinnt seyn mögen!
Jedes ganz verschieden.
Nämlich Josephine und Erwin wußten, daß wir uns länger in Handerson
aufhalten würden, um auszuruhen. Wir empfingen also Briefe. Ich einen Brief
von meinem Caplan aus der Heimath, der meldete: daß die Baronesse
Freysingen bankrot sey! Daß _Erwin_ sie ausgeklagt. (Das bestürzte Marien
vollends.) Daß sie im Schlosse zur Miethe wohne, und daß sie nunmehr als
armes, geringes, fast verachtetes Mädchen entschlossen sey, ihrem
Jugendfreund Marbod, meinem Sohn, ihre Hand zu geben, wenn er nur von
seiner tödtlichen Krankheit genese, und sie hoffe grade durch diese
Aussicht ihn herzustellen. Daß meine alte Großmutter mit Gewalt sich habe
den Staar stechen lassen, weil ihr Sohn kommen würde; daß sie aber von der
Vorbereitungscur ganz schwach, und vor Alter ganz kindisch geworden.
Das war Ein Brief.