Land! -- Aber bald murmelte es in der verworrenen Menge der an's Land zu
steigen Begierigen: »Das gelbe Fieber ist in der Stadt! das gelbe Fieber!«
Und vor Schrecken legten die Meisten ihre Bürden wieder hin und sahen sich
an. Es ward Abend über uns, und wir hatten uns nicht gerührt. Nur um den
großen Todtenstrom, den furchtbar angeschwollenen, fünftausend Fuß breiten
Missisippi zu sehn, dessen gewaltiges Rauschen und Tosen wir über den Damm
weg hörten, stiegen wir nach einander in den obersten Mastkorb. Große
Ströme und große Völker gelangen schwer in den Ocean der Zeit! Sie führen
zu viel Ballast mit sich, und verwälzen sich selbst ihr Ende mit Staub der
Erde. Nur hohe Dämme führten den gewaltigen Strom noch mühsam durch das
Delta, durch die vielen Bayous in's Meer, und nur weil er in Empörung war!
Sonst versiegt er wie der Ganges, wie der Nil, wie der Rhein, und wie ihre
Völker, und die Pest herrscht in Calcutta, in Ägypten und hier. Dies Ende
der Völker und Ströme, diese Lehre der Natur stimmte mich herzhaft! Ich
ließ meine Tochter in dem sichern anständigen Schiffe, selber Erwin bat sie
darum, und sie folgte doppelt gern. Ich mußte mein gutes Weib aufsuchen!
Meinen Knaben! Ich fuhr auf einem kleinen Boot mit einem Führer an die
Schiffe, welche in diesen Tagen vor uns schon Auswanderer mitgebracht. Ich
fand glücklich den Capitain, der mein Weib und Kind übergeführt. Er nannte
mir das Haus, wohin sie mit dem Knaben sich gewendet. Ich bat darauf meinen
Freund um seinen Neger Wilberforce; und sauber gekleidet und glühend im
Gesicht ging ich in der Abenddämmerung mit ihm dahin. Er trug meinen Mantel
und mein rothes Saffian-Kästchen. So drängten wir uns durch ein Gewirr von
Menschen, und daß ich auch so schändlich unterscheide -- durch unzählige
Sclaven, von welchen sehr viele nur Einen Arm hatten, der ihnen von ihren
Herren weggehauen worden, wenn sie ihn auch oft nur zufällig gegen
denselben erhoben. Alle wichen mir als einem Weißen aus, schon von Weitem.
Aber Alle sahen düster, ja gefährlich aus, und ihre Augen funkelten und
desto greller in der sinkenden Dämmerung. Das ersehnte war ein ziemlich
einsam stehendes prächtiges Haus mit großem Erker mit Spiegelscheiben, in
denen der Abendschein glühte. Der treue Wilberforce meldete mich unter dem
Namen eines französischen Obersten. Das sey der geringste Titel, den ich
mir geben müsse, meinte er. Ich dachte an das Wiener »Gnaden« und ließ es
geschehen. Ich ward angenommen. Alles prachtvoll im Hause! Kostbare
Teppiche auf der Treppe. Ein glänzendes Vorzimmer. Ein unbeschreiblich
liebliches Zimmer, worin ein Weib auf der Ottomane lag, sich halb
aufrichtete, als ich hereintrat; und als ich ihr näher trat, und ihr doch
noch zu fern stehen mochte, als daß sie in dem abendroth dämmernden Zimmer,
wie sie wünschte, mich sahe -- da stand sie ganz auf, und leise, leise bog
sie ihr Köpfchen vor. Es war mein Weib nicht. Aber da ich mit
unbeschreiblicher Sehnsucht, mit dem Lächeln, Jemand zu überraschen, mit
der Freude: Freude zu machen, mit großen, gewiß leuchtenden Augen nach ihr
gesehen, so hatte ich auch gesehen, daß es ein Weib war, schön, wie die
Kaiserin Josephine in ihrer blühendsten Jugend gewesen seyn mag; aber
solche Augen voll Seele, groß und mild, solch einen Wuchs, solche Glieder
hatte ich noch nie gesehen. Es war, ihrem nur wie mit einem Hauch vom
lichtesten, fast weißen Braun behauchten Gesicht, dem Hals und Nacken und
den Armen nach, eine Quarterone, die, ein Theil Indisch, zu drei Theilen
Weiß gemischt, meist zauberisch schön sind. Mit dieser Neugier, dieser
Verwunderung, ich will nicht sagen Bewunderung, sah ich sie an. Sie
lächelte, wie ich sie so ansah. Wir waren allein. Ich schlug die Augen
nieder. Dann glaubte ich Geräusch hinter den Vorhängen ihres Schlafcabinets
zu vernehmen -- und ich blickte mit Sehnsucht dahin! Aber es trat Niemand
heraus! Nur ein buntgefiederter Ara hatte sich in seinem Ringe geschaukelt
und mit der Kette gespielt. Sie hatte sich wieder gesetzt. Und ihr Blick
stieg jetzt langsam von meiner Fußspitze an mir herauf und blieb dann an
meinen fragenden Augen fest geheftet, bis jetzt _sie_ die Augen
niederschlug, und vor sich hinlächelte, wie ich nie gesehen.
Ich ward roth, ich fühlte es, über ein mögliches, wenn auch noch so
ehrenwerthes oder holdes Mißverständniß, und so wollte ich, alle Schleier
zerreißend, nun, leise jedoch, nach meinem Weibe, meinem Knaben fragen --
denn auch er stürzte dem Vater noch nicht in die Arme . . . . oder hatte
sie mich in dem Briefe gutmüthig getäuscht, oder ich mich gutmüthig im
Schiff -- aber wie dann doch der Capitain des Schiffes . . . . so überlegte
ich noch . . . . aber eben deswegen wollte ich ja fragen, fiel mir, von dem
jungen Weibe ganz Verworrenen ein -- da sprang sie plötzlich auf und stieß
einen Schrei aus; und wie erschrocken darüber, daß sie so laut geschrieen,
hielt sie sich doch gleich selbst mit der kleinen Hand den kleinen Mund zu
-- ich blickte im Zimmer umher -- es war hell! ich blickte nach dem Fenster
-- ich sah Gluth. Feuer ging auf in der Stadt. Schon schlug eine hohe Lohe
empor. Rauch quoll auf Rauch, und die Feuersäule stieg himmelan. --
Die schöne Frau zitterte am ganzen Leibe; ihre Zähnchen klapperten vor
Schrecken, und Furcht. -- »Sehen Sie dort! Dort auch!« -- sprach sie auf
französisch, mit gedämpfter, hastiger, ängstlicher Stimme, deren Drang und
Laut mich innig durchscholl und bewegte. Und als sie einige Schritt auf die
Gluth zu gethan, rief sie in höchster Bestürzung: »Und dort! Dort auch!« --
Sie sank auf ein Knie und verbarg ihr Gesicht in den Händen, und ihr volles
Haar fiel schwarz und auch wie schrecklich über sie herab, mit den Spitzen
bis auf den Teppich. -- »Ich bin verloren!« stöhnte sie. »Wir sind
verloren!«
-- Die Feuer sind weit! tröstete ich sie. Sie scheinen freilich angelegt.
Denn drei Gehöfte gehen an verschiedenen Orten zu gleicher Zeit mit
demselben Stundenschlage auf. Aber man wird es löschen. Das Feuer ist dem
Menschen oder doch dem Wasser, unterthan.
»Ach, die Sclaven! die Sclaven! Sie stiften den Brand nur an, um uns zu
ermorden, um frei zu seyn!« sprach sie, in höchster Angst aufspringend,
irrte im Zimmer umher und rang die Hände. »Mein Mann ist todt; schon ein
Jahr. Er war hart. Ich bin gut. Aber sie haben es ihm nicht vergessen.
Sclavenrache ist fürchterlich! Die südlichen Staaten zittern vor ihren
Millionen Sclaven! Wohl hunderttausend sind hier in der Nähe! Und hier,
hier im Gehöft sind 63 Neger! Himmel! Sie singen ihr fürchterlich Lied!
Quillt nicht dort Rauch aus dem Dach? -- Ach, wie entflieh' ich? Retten Sie
mich! Ach, ich bin noch so jung! Ich lebte so gern, nun wollt' ich erst
leben, und soll nun sterben!«
Sie weinte. Und ehe ich nur so was denken konnte, lag das zitternde,
glühende, bebende Weib schon an meiner Brust . . . ihre Augen sahen
himmlisch bittend mit ihren schwarzen, großen Sternen aus dem großen,
reinen, feuchten Milchweiß zu mir auf . . . . ihre Lippen zuckten . . . sie
war ein Weib . . . . ich war ein Mensch . . . Lärmen von tausend dumpfen
Stimmen scholl her, die Gluth wuchs, als wenn die Wolken anbrennten, Wagen
eilten und rasselten, Glocken lauteten grell und ängstlich; »Alle Sclaven
bei Todesstrafe in die Häuser!« hörte ich deutlich unten rufen -- --
Schiller trat als Geist vor mich, ich erblickte sein blasses,
menschenfreundliches, keckes Gesicht deutlich, und er sprach deutlich.
»-- Vor dem Sclaven, wenn er die Kette bricht --
Vor dem freien Menschen erzittert nicht!«
So etwas hatte ich mir nicht vorgestellt, nirgends, am wenigsten hier; aber
ich war mitten hinein geworfen, die junge Wittwe küßte meine Hände, sie
gelobte mir ewige Freundschaft, ewige Dankbarkeit, wie ein Weib sich nur
irgend bedanken könne, mit Allem, was sie habe und sei, wenn das zulange,
mir genug oder nicht genug sei . . . . . nur erretten sollt' ich sie,
retten . . . .
-- und ich war bereit.
Aber wie? -- Das war die Frage; und ich that sie mit Trost, aber mit Eifer.
Ich weiß nicht wie. Es ist etwas Eigenes um ein gar so schönes Weib! und in
Noth und in Thränen! Sie wußte Rath. Das Opfer war nicht gering. Aber es
gab nur diesen Weg, sonst keinen. Denn an Vertheidigung war nicht zu
denken. -- In meinen Kleidern wollte sie fliehen, mit meinem Mantel und
Hut, mit meinem Bündel. Denn so hatten sie mich gewiß hereinkommen gesehn,
so ließen sie mich in dem Eifer gewiß wieder hinaus; aber _sie_, statt
mich. Ich sollte mich aber in ihr Bett legen -- als Kranker, vom gelben
Fieber plötzlich Befallener -- wenn mich die Sclaven suchten und fänden und
hervorrissen. Sie würden sehen, ich sei fremd. Selbst in der Wuth würden
sie so blind nicht seyn. Am wenigsten könnten sie ahnen, daß wir schon ein
Einverständniß hätten!
Bei diesem Wort sah sie mich mit Augen an, von welchen ich nicht mehr
geglaubt hätte, daß sie mich angehen, mich anfechten, ja in mich dringen
könnten. Ich kam aus dem Erstaunen nicht heraus. In der Welt ist Alles
möglich! dacht' ich. Zeit, Ort und Umstände sind die Herren aller Dinge.
Sollte ich sie in Stücke zerhauen sehn? Doch, wenn ihre Flucht gelang, wenn
sie sicher war, dann war ich erst in der größten Gefahr. Doch das dachte
ich nicht. Denn . . . .
Sie war rasch zum Werk. Sie holte mein Ledertäschchen selbst aus dem
Vorzimmer, sie warf meine Sachen heraus, meine besten, theuersten Sachen
und Papiere, sie schloß eine Commode auf, nahm Papiere heraus, und füllte
es dafür damit an; sie band mir das Halstuch ab, nahm die Weste, nahm den
Hut, den Mantel, die Stiefeln, sogar; ich mußte mich in ihr weiches zartes
Bett legen, sie deckte mich zu, ja, als ich gehorsam wie ein großes
Windelkind, überrascht und wie gefangen mit dem Kopf in den weichen Pfühlen
lag, neigte sie schnell ihr Gesicht über mich, ihr rechter Arm schlang sich
unter meinem Nacken durch, ihre Stirn ruhte einen Augenblick auf meiner,
und ihre Lippen küßten meine Lippen im Fluge einen Augenblick, während ich
nicht aufblickte, sondern die Augen fest zugeschlossen hatte; und schnell
lispelte sie mir noch zu: »Das soll Dir nicht unvergolten bleiben! So Gott
will!«
Und so verschwand sie -- wie mein zweites Ich, und ich träumte mit
wachenden Augen, und sahe die Gluth des Feuers und hörte das Tosen in der
Stadt.
So lag ich voller Erwartung der Dinge. Ich liege eine Viertelstunde, eine
halbe Stunde, eine -- -- zwei Stunden -- -- ich höre keine Uhr mehr; keine
Glocke; das Tosen läßt nach, das Feuer brennt lichter am Himmel als auf der
Erde. Ich bin halb eingeschlafen. Endlich ganz. Ich weiß nicht wie lange.
Aber mit Sorgen. Denn nun höre ich leise Tritte, überall im düstern Zimmer
umher! Ich höre rufen! Es kommt zu meinem Bett! Es ruft mich! meinen Namen!
Es greift und tappt auf meiner Decke, es ergreift meinen Kopf, meine Hand.
Ich fasse zu, als wenn ich einen Löwen festhalten wollte.
»Ich bin's!« spricht die Stimme. Es ist der Neger -- Wilberforce. »Sind Sie
hier? Sind Sie es?« frägt er.
Ich muß leider Ja sagen.
»Haben Sie Muth?« frägt er mich. »Wissen Sie schon?«
Ich habe Muth, wie Du siehst, und weiß nichts! antworte ich.
»Wissen Sie nicht ihr Schicksal?«
Ist sie todt? frag ich, und fahre empor.
»Nun Sie es sagen -- ja! Sie ist todt!« spricht er und weint.
Ich falle vor Schreck zurück. Ich denke sie mir todt. In der That, mir
stockt das Herz. Ich athme kaum. Weinen kann ich nicht.
»Aber Ihr kleiner Sohn lebt;« spricht er.
Also _meine Frau_ ist todt! ruf' ich und springe aus dem Bett.
»Am gelben Fieber;« sagt er. »Vor vierzehn Tagen. Die reiche, schöne, junge
Wittwe hier hat sie redlich pflegen und begraben lassen, und ihr ein
gemauertes Kästchen in das Wasser machen, denn hier begräbt man in Wasser.«
Nun kann ich weinen.
Nach langem Schweigen frag' ich zu meinem Troste: aber mein Sohn lebt,
warum kommt er nicht?
»Schon Ihre vormalige Frau hat geglaubt, Sie sind voraus nach Ohio -- und
so hat, natürlich aus einem Irrthum, das gute liebe Weib hier, ich meine
Madame Josephine, ihn in guter Begleitung nach Cincinnati abreisen lassen
mit Briefen an dasselbe Haus, an das Sie empfohlen sind. Das weiß ich vom
Hausvoigt. Ja, sie hat ihn schon fortgesandt, ehe er auch erkranke, und ehe
seine Mutter gestorben ist.«
Aber warum lebe ich noch? Wo sind die Neger gewesen?
»Zufällig eingeschlossen, -- von mir! Sie wären ermordet worden im, Bett.
Vielleicht auch nicht. Denn wir sind nur rachsüchtig, nicht blutdürstig.
Ich sah Sie forteilen ohne mich -- ich eile nach; da entdeck' ich, es ist
Josephine, die sich mir entreißt. Da vermuth' ich mit Recht, daß Sie noch
im Hause sind. Da verschloß ich die Sclaven. Im Grunde umsonst; denn der
Aufruhr ward in der Stadt gedämpft. Die Neger hörten nichts mehr, und so
blieben sie ruhig. Aber alle hatten sich schon mit Waffen versehn! sie sind
schuldig. Ach, bitten Sie morgen für meine Brüder, wenn Josephine vom
Landhaus wiederkehrt. Die Gefahr ist vorüber. Morgen können Sie gewiß
hundert Sclaven sehen die rechte Hand abhauen. Denn wer von uns nur eine
Hand gegen seinen Herrn aufhebt, dem wird sie abgehauen. Darum tragen wir
sie gern ganz steif an den Schenkeln hinunter. Ach Gott, wer zu Hause wäre,
und hätte nur Freiheit im Vaterland! Freiheit und Vaterland, keins ist ohne
das andere was werth -- wie nur Ein Bein, Eine Hand! Ach! Ich bin frei! Für
treue Begleitung auf seiner Reise hatte mir mein Herr die Freiheit
versprochen. Aber was ist das ohne Vaterland! Was ich Jahre gehofft, ist
mir nun nichts! Doch nein -- die Freiheit ist mir die Erlaubniß im
Vaterlande zu wohnen!«
So verließ er mich weinend.
Es war natürlich, daß mir das Unglück meiner Frau um meiner Tochter willen
am tiefsten leid that. Denn weil die Tochter lebte . . . . so war ich jetzt
am meisten um die Tochter besorgt. Was würde sie gelitten haben! Und warum?
Warum schon jetzt? Warum überhaupt! Ich beschloß also fest, meiner einzigen
Tochter den Tod ihrer Mutter zu verschweigen. Meiner Großmutter Sohn war
gewiß schon lange todt, und in der alten Frau lebte er immer noch
glücklich! Und so schlief ich endlich voll Liebe und Träume ein, mit nassen
Augen. Zu Hause saß meine alte Großmutter blind -- ohne ihren liebsten
Sohn; mein Sohn Marbod vielleicht noch auf dem Schlosse bei der Baronesse
Freysingen Doppelsonaten spielend. Mein Knabe war hier im Land, aber fremd
unter Fremden mich suchend! Aber meine Tochter hatte ich nahe, die arme,
ungewisse Braut, die sich edel scheute vor einem Mann, der Sclaven hat
. . . . und ich lag hier in dem weichen Bett . . . . als Gesandter . . .
und wer hatte gestern in diesem Bett geruht . . . . ein Gebild, das ich nie
gekannt, das mir wie im Traume Verheißungen gethan, die mir heiß machten
. . . . die nun in Erfüllung gehen konnten . . . . und morgen früh im
Morgenroth kam sie vielleicht schon . . . . oder kam nicht . . . . Und ich
fürchtete mich vor ihr! und auch nicht . . . . .
Mein Gott! Was ist der Mensch! Das Meer murmelte, ich dachte an seine Wüste
-- aber auch an seine Blumengärten in der Tiefe. Und ich beschloß neu zu
seyn in der neuen Welt. Und ich sah einen mir neuen, hellen, schönen Stern
am Himmel, den ich nie gesehn. Und er war doch, und ich war! Ich -- 40
Jahr! In meinen schönsten Jahren!
Was ist der Mensch! Und auf diesen Grundstein baute ich edle Pläne für
viele Menschen -- für schwarze und weiße! Das Alles versteht sich -- im
Traume!
Ich schlief bis die Sonne schon hoch stand. Ich war todtmüde an Leib und
Seele, und die erste Nacht Schlaf auf dem Lande, diese Wonne, dieses Gefühl
der Erde, ist allein eine tausend Meilen weite Seereise werth. Das kann man
mir glauben, mir, der ich gar nichts auf solche Dinge halte, als da sind:
Braten, Wein, gutes Bett und alle die Herrlichkeiten der Herrlichkeiten.
Ich sah mir die Sonne an, das heilige Bild, das treu aussehend wie in der
Heimath, hier wunderhell am Himmel strahlte und mich anlächelte. Ich war
barbarisch hungrig -- in diesem Lande, wo Millionen Fische in den Strömen
und Seeen schwimmen, wo alle Früchte der Erde im Überfluß wuchsen, war ich
barbarisch hungrig, und im Hause regte sich Niemand, kein Mensch frug nach
mir. Ich hätte mir gern ein halbes Dutzend Feigen oder Orangen von den
Bäumen am Hause hereingelangt; aber ich wäre bald zum Fenster
hinausgestürzt, und schlug mir auf den Magen: Freund, Geduld! -- Ich goß
Waschwasser in das Porcellainbecken, ich ließ es eine Zeit auf dem offenen
Fenster stehen, während ich meine zerstreuten Sachen zusammenlas, und als
ich mich waschen wollte, verbrannte ich mir fast die Hände darin, so heiß
war es von der bloßen Sonne geworden, die hier ein ganz anderes Ding war!
Und ich erklärte den im Geiste vor mich tretenden Vorstehern unsrer zwanzig
Dörfer laut: Laßt uns betrachten! Es ist Unsinn, hierher in die Gluth zu
wandern. Wollt Ihr faul werden? -- faul, wie die Italiäner? Zu sinnlichen,
unwissenden Menschen? Oder fleißige Deutsche bleiben, die den Tag fleißig
arbeiten, oder bis in die Nacht noch fleißig studiren? -- Selber Bienen,
die hierher kommen, und den ersten und alle Winter hier Blumen und Nahrung
im Überfluß finden, werden faul, das heißt: sie nähren sich blos. Oder,
liebe Gemeinden, wollt Ihr in Furcht vor den Sclaven leben? Oder noch
schlimmer, wollt Ihr Sclaven halten? Ihr könnt Euch ja denken, wie Sclaven
zu Muth ist; denn das kann Jeder. Wollt Ihr Plantagenbesitzer werden,
Diener der Kaufleute? Wollt Ihr alle Jahre am gelben Fieber sterben? Das
heißt: Jeder der Euren nur einmal. Aber das ist genug für Jeden. Und wenn
der Vater oder die Mutter in einem Hause stirbt, zu früh, zu unnöthig,
macht das nicht oft ein ganzes Geschlecht bis auf Kind und Kindeskind
unglücklich? -- Ihr wollt das Alles Alle nicht! Ich höre es. Also Kinder,
vermeidet _die Küste_ von Amerika, von Boston bis Neu-Orleans, wo ich meine
Frau verloren. Zieht nicht in die Staaten, wo die Sclaven die heimlichen
Herren sind, also nur nach Ohio, wo kein Mensch einen Menschen als Sclaven
halten darf, nach Kentucky höchstens, wo sie verlöschen. Lieber nach
Indiana, Illinois! Aber nördlicher nicht! Denn alte Menschen müssen in ein
wärmeres Clima wandern, das thut ihnen wohl! Nicht in ein kälteres, wo kein
Wein wächst, die Milch der Alten, der Wein, der des Menschen Herz erfreut
-- und soll sich der Mensch nicht freuen der Erde auf Erden? Bedürft Ihr
nicht Freude? Ach, ein Glas Wein Euren Armen und Alten hätte Euch wohl
gethan! -- Ich dachte in dieser Rede an die Flasche, die ich an dem
Treppengeländer zerschlagen, an das Lachen meines Herrn Sohnes -- und
schwieg; Mit diesen Worten, sahe ich, hatte ich mir aber selbst meinen
Reiseplan vorgezeichnet -- und ich war nur auf einige Staaten gewiesen,
freute mich und rieb mir die Hände. Die Herren Vorsteher mit ihren Hüten in
den Händen verschwanden mir aber plötzlich alle; denn ein prachtvoller
englischer Wagen mit herrlichen Pferden kam donnernd vor das Haus gefahren
und hielt. Ich sah zum Fenster hinab. Und das rückwärts gebeugte Köpfchen,
das herauf strahlende Auge, das freundlich lächelnde Gesicht, die wie
Perlen blitzenden Zähnchen im rothen, schwellenden Munde -- ich kannte das
Alles schon wie aus einem Traume. Ich fuhr in meinen Rock -- ja, um ein
aufrichtiger Mann zu seyn -- ich sah in den Spiegel. Die Seereise hatte
mich wundervoll hergestellt. Ich konnte kaum öffnen, als sie an ihrer
eignen Thür mit schnellem Finger anpochte, und wie eine Erscheinung, rasch
und leuchtend, stand Josephine schon im Zimmer; aber wie sorgfältig
geschmückt, wie ländlich-lieblich im weißen Kleide mit blauen Bändern um
Leib und Brust, und doch wie reich! große Perlen am Ohr; ein unschätzbares
Halsband von sehr großen Diamanten um den Hals, dreimal ihn weit umlagernd.
»Nun,« sprach sie doppelt zart und unschuldig klingend auf französisch, und
reichte mir ein Händchen und sahe mir in die Augen -- »nun, wie schlief es
sich hier . . . in Amerika?« und meinte gewiß nur ihr Bett. Denn sie
erröthete zart und unschuldig. Aber plötzlich brach sie in lautes Gelächter
aus, denn sie sahe auf meine Füße. Ich war in Strümpfen. Aber um ein
aufrichtiger Mann zu seyn, mußte ich gestehen und ihr sagen: »Als Sie
gerettet waren, sahe ich nicht ein, warum ich hier bleiben, vielleicht den
Tod erleiden und nicht lieber versuchen sollte, desgleichen zu entkommen!
Das vergeben Sie mir gewiß auch! Ich malte mir also mit meinem Finger aus
ihrem Dintenfaß -- schwarze Schuhe auf die Strümpfe . . . aber da glaubt'
ich heraufkommen zu hören, und, um ein aufrichtiger Mann zu seyn, ich
verbrachte ein angenehmes halbes Stündchen in ihrem Camin, -- -- Ich mußte
lachen. Es war unmöglich, ich mußte. Sie betrachtete ihr Bett und sagte,
lachend bis zu Thränen: »Ja, es ist wahr!« Und wie vor Lachen barg sie ihr
Gesicht einen Augenblick in den Kopfkissen.
Ich räusperte mich; ich rieb mir mit der flachen Hand die Brust; ich
machte, ärgerlich, ein finstres Gesicht.
Aber sie sprach, jetzt ernstlich besorgt: Sie sind hungrig! Ich lebe jetzt
auf dem Lande und war gestern nur auf ein Huschchen hereingekommen, doch
ist hier Rath. Und schlank und flink, willig und gutmüthig, ja fast
gehorsam, als wäre sie selbst eine weiße Sclavin, eilte sie, rief sie,
besorgte sie; und athemschöpfend und rosig und heiter kam sie wieder. Mein
Gott! mußte ich sprechen und seufzen! Sie hatte mir, ehe sie wiedergekehrt,
die mir fehlenden Kleidungsstücke mit einer jungen Sclavin, schwarz wie
eine Schnecke, aus dem Wagen geschickt. Dieselbe bediente uns bei Tisch, an
welchem wir uns Beide gegenübersaßen, und uns von der überstandenen Angst
und der Nacht erzählten. Die kalten Speisen, die Früchte, der Wein, Alles
war köstlich, und ein heitres Mahl läßt Alles heitrer betrachten. Und doch
kostete sie kaum von Einem oder dem Andern, wie Kinder. Und doch ward ich
immer trauriger mit jedem Glase Wein, ob er gleich Amerikaner war. O wie
hatte ich mich auf den ersten Bissen Amerikanisches Brot gefreut! auf den
ersten Trunk Amerikanisches Wasser! Ich dachte zu Hause an unsre letzte
Mahlzeit, ja mein Diakonus stand wieder vor mir, und hielt um Maria an; ich
lächelte, und Josephine lächelte hold unbewußt. Darauf nahm sie ein, vielen
deutschen Bürgermeistern und Andern noch wohlbekanntes Russisches
Instrument, eine Knute von der Wand, aber ländlich zierlich mit schöner
bunter Schlangenhaut überzogen und aus Schlangenhaut geflochten. Wir gingen
hinab in den Hof, in dessen Mauern vor den Gebäuden die Sclaven standen,
die im Glauben, ein Unrecht gestern begangen zu haben, auf ihre Kniee
fielen. Sie hatten das Lied gesungen . . . .! Ich sollte es bezeugen! Da
knieeten nun die Kinder jener ersten Kinder der frühsten anfänglichen Erde,
noch schwarz wie ihre ersten Ältern unter der überall heißen Sonne. Und
ihre kleinen Kinder hoben neben den Müttern die kleinen schwarzen Händchen
in die Höhe. So weit hatten sie es also in Jahrtausenden gebracht! So weit
das weiße Geschlecht! Ich bat für die Armen, die nichts verbrochen, als daß
sie die Freiheit wünschten. Ich mußte lange bitten, während ihre Herrin mit
von mir abgewandtem Gesicht langsam umherging. Endlich wandte sie sich
plötzlich um und sprach: »Ich habe Allen sogleich verziehen, Glauben Sie
es! Aber es ist gar so hold, wenn Sie bitten; ich weiß nicht, es macht mir
recht innerlich Freude.« Sie rief sechs Mädchen herbei und sagte ihnen:
»Ihr habt Euch verheirathen wollen, so macht denn heut Hochzeit, und Alle
freuen sich mit Euch!«
Kein Hund, kein Mensch kann sich so bedanken, wie diese von einem guten
Worte Glücklichen. Josephine konnte sich nicht ihrer wehren, und sie wies
auf mich und sagte: »Danket dem Herrn hier!« -- Nun umkniete mich der
Schwarm, und ich sagte ihnen: Danket dem Herrn Jesus Christ! Da tiefen
Alle: »Ah, Monsieur Jesus Christ! Monsieur Jesus Christ -- quand viendrat
-- il en Amerique?«
Mich frug dann ein alter Neger genauer. Er glaubte: Ihr Freund lebe bei
Uns! aber außer seinem Namen wußte er kein Wort von ihm. Die Neger hatten
nur jeder einen Namen; von einer Taufe wußten sie nichts, auch nicht, daß
ein Pfarrer die jungen Paare trauen werde. Das mußte nun wohl einen Pastor
verdrießen, aber nicht grade einen Lehrer und Prediger. Dafür dankte ich
meiner gütigen Wirthin für ihre Güte . . . und es mußte gesagt seyn -- ich
dankte ihr auch, daß sie mein Weib so gepflegt, und sie, die Unbekannte, so
dankenswerth habe begraben lassen! Nun war mir der Stein vom Herzen.
»Aber mein Gott!« . . . rief Josephine, und trat einen Schritt auf mich zu.
Sie war blaß, ganz blaß geworden, ihre Arme hingen an ihren Schenkeln
herab, und die Hand ließ noch eine wundervolle, tellergroße, rothe Blüthe
fallen, und ihr Köpfchen neigte sich auf die Brust. Welche Gedanken sie im
Innern überwältigten, wie sollte ich es bedenken, ich, dessen Herz so voll
war, dessen Augen sich füllten. Endlich lispelte sie, wie zu sich selbst,
ohne mich anzusehen: -- »also der unvergleichlich schöne Knabe, das war
seyn Sohn! Und wie erkannt' ich nicht gleich den Vater! Ist er ihm nicht
ähnlich, wie der halbgefüllte Mond dem vollen Mond?« Und zu mir gewandt
sprach sie mit Thränen in den Augen: »Ich hatte den Knaben so lieb, drum
schickt' ich in Zeiten ihn fort!«
Was sollte ich sagen? -- Mein Geschäft hier war zu Ende. Mir blieb nichts
als zu scheiden, aber erst Abschied zu nehmen; jedoch bei den ersten Worten
dazu fragte sie mich, während ihre großen Gazellenaugen mich treuherzig
ansahen: »Und wieder in alle Welt schon wollen Sie hin? Wohin? Habe ich Sie
beleidigt? War ich zu heiter -- war ich zu aufrichtigen Herzens? Ach, viel
im Leben hängt davon ab, in welcher Reihenfolge wir etwas vernehmen, in
welcher Gedankenfolge ein Mensch den andern sieht . . . . o, ich war so
heiter! Und alle die Angst!«