Als Maul und Nase, Aug' und Ohren
Et caetera! Et caetera!
Und hat er nicht den Kopf verloren,
So steht der Bursch stets neugeboren
In Galla da! In Galla da!
Dem Menschen ist viel _ein_geboren --
Ein Leben, frei und unbeschoren
Et caetera! Et caetera!
Wo guter Wein gut ausgegohren,
Da singt der Bursch, wie neugeboren:
Halleluja! Halleluja!
»Die guten jungen Menschen!« sagte der Fürst. »Wirklich: junge _Menschen_!
Sie kommen mir so unschuldig vor, wie der Lebensbalsam, der nicht in der
Retorte bleiben kann, in welcher er bereitet worden, sondern übergeht! Auch
keine Blume blüht in der Erde, in der sie gekeimt. Dann ist die ganze Natur
treulos, wenn diese jungen Blumen, jungen Menschen treulos sind. Diese alle
fliehen den langweiligen unsichern Proceß, das Recht zu gewinnen. Und
. . . . sie wollen des Lebens positive Güter. Und wie kommen mir Alle, alle
die Auswanderer so fromm vor, gar so fromm! Sie murren nicht, sie tadeln
nicht, sie klagen nicht! Sie leiden! Sie meiden! _Sie gehn_! Geht mit Gott!
Ruhe fordert der Mensch mit Recht; Ruhe seit uralten Tagen; Ruhe zu eigenem
thätigem Leben. Und darum Sicherheit -- heitere Aussicht -- Lämmer am
Himmel, nicht Kriegsgestalten. Und hätten wir nicht Alle die Ruhe verdient?
Ist es nicht unmenschlich, dem nicht die Ruhe zu gönnen, der sie erlangen
kann, der gern arbeiten will, daß ihm das Blut aus den Nägeln dringt, um
nur Ruhe zu haben. Die Ruhe ist ein inneres Gut. Und wäre ich so reich, um
Jedem sein halbes Brot da drüben zu sichern, und wäre der Mantel des Doctor
Faust noch im Gange, daß Jeder gleich drüben erwachen könnte mit allen den
Seinen, und früh zu dem Fenster hinaus sehn -- wie viele Ämter würden früh
ohne Männer seyn. Pfarrämter, Gerichtsämter, selber mancher Ministerstuhl
würde leer stehn. Und nur die, welche vom Wirrwarr, vom Kritisiren leben,
die würden, sich dann doppelt breit und groß machen, wie Kinder, die auf
dem Kirchhofe den Geist spielen, und das Betttuch auf dem Rechen
emporstrecken. Indessen ist das Meer eine Art von Zaubermantel. Die Reichen
ziehen fort, um ihres Wohlstandes sich drüben doppelt zu freuen, doppelt
reich zu seyn -- leiblich und geistig. Selber die Besten ziehen fort, die
da glauben, daß es in Europa gewiß gut werden wird, ja daß die deutschen
»Vereinigten Staaten« die Amerikanischen himmelhoch übertreffen werden.
Aber da hört' ich ein Lied derselben, das heißt:
Und selber die Leiden
Und Wehen vom Neuen --
Die wollen wir meiden;
Dort Deiner uns freuen
Wie Hirten vom Feld --
_Du geborener Held_!
Und sie glauben also: Wir müssen durch den großen Umschwung in Europa uns
viel mehr verwandeln, aus Mangel an Kopf oder Geld von dem in Schwung
gebrachten Rade zur Seite geschleudert, als wir uns dort verwandeln müssen,
nämlich nur die Augen aufmachen! Die Armen aber, sie finden drüben die oft
uns genannten zehn Plagen nicht. In Amerika sind nicht: Europäische
Politik; stehende Heere; zu kostspielige Hofhaltung;
Aristokratenherrschaft; papistische Umtriebe und Priesterherrschaft;
Staatsschulden; Staatspapiere; Handelssperre durch directe und indirecte
Abgaben; Ungleichheit der Besteuerung; Ungleichheit vor dem Gesetz. --
_Nichts_ ist _Viel_. Viel ist Nichts. -- So gehen sie denn. Und mit
doppeltem Eindruck wiederholte er seine Worte: Sie murren nicht, sie tadeln
nicht, sie klagen nicht. -- Sie leiden! Sie meiden. _Sie gehn_. Geht mit
Gott! Gott ist gewiß auch über dem Wasser!«
Zu diesem Worte, das uns an den Alten-Weiber-Spruch erinnerte, mußten wir
beinahe lachen. Er schloß aber ernst:
»Denn keusche Reinheit, zarter Göttersinn
Wohnt in dem armen menschlichen Geschlecht.
Im stillen sanft, im Ganzen allverbreitet
Laß es das Leben allgemach sich schmücken
Auf reinstem Wege, wie dem Menschen ziemt.
Die Einzelnen nur mögen Reue fühlen,
Dem menschlichen Geschlecht ziemt Reue nicht,
Ziemt alles Große, Würdige und Schöne;
Und sicher seines Tags, in mildem Stolz,
So wandelt's rein zum reinsten Erdenglück.«
Ich führe diese Gesinnungen deswegen an, weil sie darauf einen geheimen
Contract zwischen dem Vater des Leuthold und Herrn Erwin zur Folge hatten,
worunter ich mich nur als Zeuge mit unterschreiben mußte, ohne jetzt mehr
zu erfahren, als daß beide Theile dabei das Beste ihres resp. Vaterlandes
besonders im Werke führten. So viel jedoch konnte ich mir abnehmen, daß die
Sache einen Austausch von Einwohnern oder Unterthanen betraf, wie sie für
jedes Land am zweckmäßigsten wäre! Ich sollte dabei höchlich interessirt
seyn, und vorzüglich wirken. Ich! Und somit ward ich in die Welt
verwickelt. Wer lebt, kann in Alles gerathen. Ein Kind kann groß wachsen,
ein Erwachsener kann Soldat werden, ein Soldat kann -- Nelson erschießen!
oder Moreau! die auch einmal Jungen gewesen sind. Denn dieß ganze
Geschlecht besteht aus großgewachsenen Jungen und Mädchen, und die Kinder
spielen nun Leute. Darum kann ich immer keinen rechten Respect vor allen
den Herren bekommen! Und was ich selber thue, kommt mir immer nur wie ein
großer Kinderstreich vor! Und wenn mich ein alter Bauer »Hochwürden«
nannte, so mußte ich mich recht zusammennehmen, um das Amtsgesicht zu
machen! Wie mag das dem Papst erst schwer werden! Nur nicht, wenn er
bedenkt, daß alle seine Vorfahren und Pfaffen ja eigentlich auch nur Kinder
sind. Im Nebenzimmer, unter vier Augen steckte mir der Fürst den kostbaren
Ring an den Finger, den sein Leuthold getragen -- als ein Andenken für
meine schöne liebe Tochter an ihn. Die Vornehmen erfahren und vermuthen
doch Alles, weil Jeder sie für seinen Beichtvater hält, dem er Alles aus
dem Herzen schütten muß, und der alle Sünden vergeben kann. So war auch
meine Tochter verrathen -- oder ihr zur Ehre nur der gute Leuthold. Ich
kehrte aber die großen funkelnden Steine des Ringes in das Inwendige der
Hand -- und mußte noch obendrein mich bedanken. Es kam aber nicht besonders
heraus. Mehr Freude machte mir ein Beutelchen Gold zum Abschiedsfest der
Auswanderer im Lager, damit sie »Einen guten Tag« in Deutschland, hätten.
Und wir Andern, die sich selbst hinauspracticirenden Adligen, die
Wohlhabenden, kurz wir Alle feierten das Abschiedsfest mit ihnen, unter
ihnen als alle nun: Neue Landsleute! Amerikaner! Das Fest war sehenswerth,
mehr aber hörenswerth, am meisten jedoch bedenkenswerth.
Ein weißer weiter Frühlingsnebel bedeckte das Vaterland am Einschiffmorgen.
Wir sahen die Sonne nicht mehr. Nur einzelne Stimmen ließen sich vernehmen,
und ein gewisser Krüppel sang wieder sein unvergessenes Lied: Frisch auf,
Cameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen! --
Wir umarmten die bleibenden Freunde am Ufer, empfahlen ihnen die
Abschiedsbriefe in die Heimath, und saßen dann wie die alten Helden -- im
Pferdebauch. Kanonenschüsse donnerten, so daß wir in der Seele recht hell
erwachten und einen Blick in die Welt thaten. Der Lootse, ein Kerl wie ein
Bär aus Helgoland, sprang aus dem Nebel auf das Verdeck, der Anker ward
eingeladen und wir schwammen! Das nächste Land, das wir sahen, war Amerika,
und dazwischen lag nur die Meereswüste, wie vor den Kindern Israel ihre
Sandwüste, um in der einsamen heiligen Zeit unsere Sünden abzubüßen und
neue gute Entschlüsse zu fassen. O Weltmeer, mit deinem blauen Gewölbe,
worin des Tages nur Eine große Lampe vorübergetragen wird, und des Nachts
viel tausend goldene Lampen -- welcher Tempel vergleicht sich dir! Wo man
den Menschen vergißt, da erscheint Gott! Und Deutschland lag mit seinem
Gewimmel, seinen Thürmen und Hütten hinter uns, wie den Nachhauseziehenden
eine kleine Stadt mit ihrem verlöschenden Jahrmarkt, wenn es drinnen
finster werden will. Nur als draußen auf offener See am Abend der Mond aus
der Fluth aufstieg, als ich glaubte zu Hause zu seyn, und nur die Tochter
neben mir stand, da wurden die Augen mir feucht, und ich lehnte mich an
sie. O was ist ein Kind in der Fremde! Wir sehen uns an -- und wir reisen
nicht; wir sind daheim; da wo wir auch zu Hause daheim sind, wenn wir uns
ansehn. Nur die Mutter hatte mir das Herz schwer gemacht; denn das
Postschiff hatte uns draußen bei Wangerooge noch eingeholt, Briefe
nachgebracht -- und meine Frau schrieb mir: »Ich komme! Segle vor dem
Zwanzigsten ja nicht ab! Ich bringe unsern Gustav Adolph mit. Es hat sich
hier viel verändert!« -- Und das las ich bei vollem Winde den Achten des
Monats! Zwölf Tage zu spät! Ich hatte ihr geschrieben, daß Steinbach unsere
Tochter zur Frau von mir begehrt, und daß ich sie ihm zugesagt. Das war
gewiß Eine von den Veränderungen, die sie bestimmt hatten, mir sogleich
nachzufolgen. Und nun war ich fort! Mit einem schweren Seufzer mußte ich
auch Das gut seyn lassen, wie tausend Andere in der Heimath! Ich verschwieg
aber der Tochter die Nachkunft der Mutter, meine Sorge und die Verwirrung,
welche nun entstehen mußte. Die Männer müssen verstehen, das Schwerste
allein zu tragen. Darum sind auch noch die Weiber und Kinder so lustig in
Deutschland. Dafür wußte ich Einem Vater drüben Freude zu machen, durch die
zwei Knaben, den Anselm und Wilhelm, die mir anvertraut waren. Vom
Schulmeister Tolera unterstützt, hielt ich Vor- und Nachmittags
Schiffsschule mit den Kindern der Auswanderer, und trieb vorzüglich nur
Neueweltkunde, Geographie und Naturgeschichte. Die Kinder lernten alle wie
Genie's! Denn das Interesse lag vor uns -- nicht rückwärts! Das ist die
Ursache, daß so viele Candidaten, besonders der heiligen Theologie, den
Repuls bekommen! Die Ältern hier aber erlebten Freude und saßen mit
gefalteten Händen an den Borden umher. Bisweilen sangen in der Morgen- und
Abendstunde auch die Rothkehlchen dazu, und die Staare schwatzten. Denn ein
Freund der Natur hatte eine kleine Arche voll Singvögel mit eingeschifft:
Leipziger Lerchen, 50, je ein Männlein und ein Fräulein; Polnische
Sprosser, 50, je ein Männlein und ein Fräulein. Bayersche Staare! Und
Oberlausitzer Haidelerchen, die Vögel mit dem wehmüthigsten Gesange auf
Erden! Und auch den fröhlichsten, liebsten Vogel der Kinder -- den Kukuk!
12, je ein Männlein und ein Fräulein.
War der Mann mehr ein Menschenfreund? Oder ein Freund der Vögel, der diesen
da drüben neue unermeßliche Wälder schenken wollte? Ich weinte fast, wenn
ich die lieben Sänger ansah, und war voll von tausend Frühlingen. Der
Inhaber derselben frug mich lächelnd: »Bin ich der Herr von Habenichts? Ich
will durchaus wissen, ob ich drüben der Herr von Kannnichts seyn werde; das
will ich wagen und prüfen! Die geheime Macht ist die größte; und das
geheime Wissen und Können, was Jedem einwohnt, ohne daß er es weiß -- das
ist das Herrlichste. Was für ein Esel hat mein Ahn und Ihr Ahn -- Adam
geglaubt zu seyn, als ihn der Engel zur Auswanderung aus dem Paradiese
genöthigt; und ward er nicht ein herrlicher Landpfleger in Asia, der
Normalbauer, auch Schaafzüchter der Heidenheit! Und o wie schwer mußte dem
Herrn von Adam das Leben unter nicht einmal bürgerlichen, sondern
thierischen Canaillen werden -- da er das Paradies geschaut hatte und
drinnen gelebt! Wie viel tausendmal besser haben es wir -- die wir bei uns
nichts vom Paradiese gesehen haben, als Schwarzkittel, Regimenter Engel mit
dem Schwerdt, und wenig Freudenhäuser -- als die privilegirten! Und ist
jeder Bauer im Schiff hier nicht ein Auserwählter des Herrn, wie Noah in
seinem Kasten! Damit wir gesegnet würden, durften Millionen nicht ersaufen,
sie durften _auf trockenem Lande_ bleiben! Und was fand Noah, als er
ausstieg? -- Recta Nichts! Und was finden wir? -- Recta Alles! Bis auf die
Singvögel, und die bringe Ich!«
Zur Ergötzlichkeit der Andern wurden fast alle Gespräche öffentlich
gehalten, und ich erstaunte, wie bald sich der Mensch an Redefreiheit
gewöhnt. Die alten ertragenen Leiden waren unleugbar überstanden, und wie
man von Todten spricht, so redeten hier die Leute von Europäern und
Europäischen Dingen: das _waren_ große Schulden -- das _waren_ schwere
Zeiten -- das _waren_ schlechte Aussichten. Kurz, der liebe Schiller ist
nie zur See gefahren, sonst hätte er wahrer gesungen: »Auf dem _Meere_ ist
Freiheit!« -- Uns war es die Freiheitsschule.
Wir waren schon mehrere Wochen gesegelt, und Anselm wußte, wie wir Alle,
daß Amerika da sey, wenn die Wache aus dem Mastkorbe riefe: _Land_! Da rief
sie nach einem schweren Gewitter einst: Land! Land! -- Es konnten diesmal,
da uns der Sturm zur Seite gedrückt, jedoch nur erst die azorischen Inseln
seyn. Der Knabe aber stieg in die Strickleitern hinauf -- sahe Land, sah in
seiner Meinung das heiß ersehnte Amerika -- er dachte gewiß an seinen
Vater, wollte gewiß die Hände ausstrecken, hatte sich also nicht mehr
angehalten, und so war der arme, vor Freude taumelnde Knabe herabgestürzt
auf die harten Bohlen, und wir hatten einen Halbtodten im Schiff, den der
Arzt herzustellen nicht gewiß versprach. Ich bekam eine Nothtaufe; darum
schrieb ich zu den andern Regeln für Überfahrer auch die: nur geborene
Menschen mitzunehmen. Der Sturm hatte in der Ferne wo ein Schiff
zerbrochen, und in der darauf folgenden gänzlichen Windstille erkannten wir
endlich einen Menschen, der, mit einem Schwimmgürtel versehen, sein Leben
gerettet hatte. Ich fuhr im Boote mit hinaus ihn aufzufischen. Welch ein
Mensch! Alle die Seinen waren umgekommen. Er hatte in einer Tasche vor der
Brust noch Lebensmittel auf viele Tage. Sein erstes Wort war: »Niemand muß
sich allein retten. Das ist schändlich, unausstehlich!« Der Mann sah
furchtbar aus. Er trug einen leichten Panzer, über und über mit
Stahlstacheln gegen die Angriffe der Seeungeheuer, womit er auch schon zu
Lande, in Wäldern und Sümpfen, jeder Schlange, jedem Bäre getrotzt. Er
erzählte uns im Schiffe seine Abenteuer. Trotz dem, daß er der größte
Wagehals schien, war er doch nur der größte Gottfried Sicher gewesen und
nannte sich selbst den größten Feigling. Auch uns Auswanderern wollte er
seinen Namen wie einen großen Mantel umwerfen, daß wir ausgewandert wären.
Seine Worte waren schneidend. Er gab mir eines Abends seine
Lebensbeschreibung in einer Glasbouteille »Leben eines Wagehalses«, und am
andern Morgen war er, so sehr wir auch überall suchten, doch nirgends auf
dem Schiffe zu finden. Viele hielten ihn für eine Geistererscheinung, die
einem von uns den Tod bedeute. Andere konnten über das untergegangene
Schiff nur beruhigt werden, daß sie von Seekundigen hörten: »Erst das
hundertste Schiff scheitert, und von hundert gescheiterten Schiffen kommt
erst die Mannschaft von Einem um. So steht die Seerechnung!«
Ein ander Seegesicht darauf erfreute und bestürzte mich bang! Ein Schiff
segelte unter dem Winde an uns vorüber. Nicht fünfhundert Schritt weit. Die
helle Morgensonne schien hinein. Ein Schiff ist auf der See eine
Merkwürdigkeit. Nach meiner Gewohnheit sahe ich mit dem Fernrohr hinüber in
die rosig und saffranfarbig glühenden Segel. Auch die Reisenden sahen nach
uns herüber; Frauen, Knaben, die Gesichter nach uns gewandt. Endlich
erblicke ich, ein Gesicht -- Gott! es war mein Weib! Ich konnte vor Beben
kaum sehen, wie ihr die Augen leuchteten! Wie sie sehnsuchtblaß aussah. Sie
hielt die Hand auf den Kopf meines Sohnes. Aber ach! sie vermuthete uns
nicht, und sahe sofort herüber in stillem Trübsinn. Das Meer rauschte; der
Wind sauste. Ich wollte durch das Sprachrohr dennoch versuchen ihr
zuzurufen, mich ihr bemerklich zu machen, sie wenigstens zu grüßen! Ich
rief meine Tochter, ich sagte ihr: Kniee nieder! siehe hinüber, da steht
ein Weib . . . . wie unsere Mutter. Sie sahe hinüber -- sie hatte eben das
Mutterantlitz gefunden, da wendete sich das Schiff und zeigte uns das
Steuerruder. Es rauschte mit Flügeln, des Sturmes davon. Maria sah mich an.
Und ich faßte mich, ich verrieth ihr nichts; und so wußte sie ruhig die
Mutter daheim bei den Brüdern. Ich aber besann mich, daß die Mutter ja
wußte, wir segelten nach Neu-Orleans. »Also auf fröhliches Wiedersehen in
einer bessern Welt!« sprach ich gedankenlos. Und so hatte ich richtig
geahnt. Ich hatte sie zum letztenmale gesehen!
Darauf überfiel uns wieder tagelange Windstille. Unser Schiff schien wie
ein Schwan auf dem Wasser zu schlafen. Die Tage waren schon heiß. Anselm
ward kränker; Er ließ sich noch von seinem Bruder Wilhelm das Lied von der
Schwalbe vorsingen, und die andern Knaben sangen es mit; Und für seinen
Vater hörte ich weinend die letzten Verse mit an:
Da laß ich mich ihn fangen;
Die Mutter küßt mich sehr!
Drauf soll ich wieder fliegen --
Da bin ich schon nicht mehr!
Da steht sie tief betroffen,
Denkt bang an mich und schwer;
Begräbt mich bei dem Weinstock --
Der sagt ihr: daß Ich's wär'! --
Unter diesem Gesange war er gestorben, ohne auch todt noch zu seinem
ersehnten Vater zu kommen; Denn wir begruben ihn darauf, wie man auf dem
Schiffe begraben kann, in Gottes heilige See! Auf ein Bret gebunden, das
mit Steinen beschwert war, um zu Grunde zu gehen, in ein weißes Tuch
geschlagen, das Gesicht unverhüllt, versenkten wir ihn in die heilige
Tiefe. Es war nicht zu weit mehr von der südlichen Spitze von Ostflorida,
dem Eingang in den Meerbusen von Mexiko, oder in das neue mittelländische
Meer von Amerika, in einem Clima wie in Ägypten. Die See war nicht zu tief
und bei der Klarheit des Himmels und der Klarheit des Wassers glaubten wir
den Grund des Meeres zu sehen; oder wie wir mit Erstaunen und Bewunderung
wahrnahmen: sie trug ihren Grund oben! Und welchen Grund! Welche
Zaubergärten! Gesträuche und Wasserpflanzen mit köstlichen großen Blumen,
wie Kindergesichter, blühten und schwankten leis, ob sie gleich alle aus
Edelsteinen gemacht schienen! Blätter, breit und gezänkelt, wie aus Rubin!
Zweige, wie aus Gold und Rauchtopas! Blüthen und Blumen, wie aus Milch oder
Schnee -- aber Alles, Alles mit einem Anhauch von Smaragdgrün überflossen,
wie die Pflaume von blauem Hauch. Und im lichten goldnen Sonnenstrahl
funkelte der Zaubergarten golden und blau und grün und roth, wie besät mit
funkelndem, strahlendem Thau! -- Da hinab -- in dies Paradies, das, hierher
in das heilige Meer, verzaubert, so himmlisch und ruhig fortblüht -- da
hinab versenkten wir die weiße Gestalt des schönen Knaben; noch einmal so
wohlgemuth durch das tröstliche Wunderspiel der Natur. Das Schiff stand in
der Windstille, wie angewachsen, und so sahen wir, wie er losgelassen von
den Seilen sank und sank und sank! Wie das weiße Gebild gemach und leise
grünlich ward vom Scheine des Meeres, und grüner, und endlich kräftig grün,
wie sonnedurchschienener Smaragd. Endlich ruhte er, wie ein großes
funkelndes schönes Gestirn, auf schwankenden Zweigen, wie eingewiegt von
lieblichen Zaubergestalten von guten Geistern, die sich, in große Blumen
verwandelt, ihm weich und hold, öffneten, sich reizend über ihn neigten,
und über ihm schlossen. Alles war so wunderbar, daß wir uns nicht gewundert
hätten, wenn die Zaubergebilde da drunten nun auch mit heiligen zarten
Stimmen gesungen hätten! Selbst nicht, wenn sie den Menschenvers gesungen:
»Wer will mir nun den Himmel rauben?« Alles schwieg sofort. Er blieb da
drunten sofort und die Augen vergingen uns über der Pracht. Da kam ein
Lüftchen, kräuselte das Meer -- und Alles war hin! Ein schönes Grab! Ein
schöner Tod, der Tod vor Sehnsucht! Aber ich hatte noch einen Knaben für
seinen Vater. Und der Knabe war nicht lange begraben, so schrie die Wache
vom Mastkorb: Land! Land! Licht! -- Denn es war Nacht. Und in der Nacht
fuhren wir um die Spitze von Florida, diesem papstlosen Italien der neuen
Welt, dessen Sicilien Cuba heißt.
Die leicht anzulegende Durchfahrt quer durch Florida wäre sehr zu wünschen!
Denn im Canal von Bahama wurden wir so von Wind und Wogen gepeinigt, daß
der wieder seekranke arme Tolera sich mit den Armen an mich anhielt, mir in
die Augen sah und frug: »Mein Herr Pastor! was müßte wohl Einer an
Hochwürden bezahlen, wenn er Sie zu Hause auf Ihrem Hofe in einen Kasten
sperren und fünf Wochen lang Hochwürden Tag und Nacht dermaßen schütteln
und rütteln wollte, daß Sie die Welt für einen Dreier verkauften? Ich
glaube, schweres Geld!«
Das heißt Krieg, sagte Napoleon, sprach ich, und das heißt Seefahren, und
man kommt wohin, und wohin? mein Tolera! Denk' Er doch! -- Am Morgen war
uns die Küste wieder zu dem heraufdämmernden Streifen eines Traumes
geworden. Die Hitze ward unausstehlich, und die dicksten Männer ließen sich
an Stricken unter dem Arme und an das Schiff gebunden eine Stunde lang
durch die frische Flut nachschwemmen. Unser Schiff ward gewaschen und neu
angestrichen, damit wir, wie Garden geputzt, wie von einem bloßen
Spaziergang heiter in das heitre Land einzögen.
Endlich erreichten wir die Mobile-Bay, und den Meerteich vor dem Hafen von
Neu-Orleans. Hüben und drüben grünende Küsten, flach wie Ägypten, mit
Tulpenbäumen, Akajous, Wachsmyrthen, mit Feigenbäumen, Orangenbäumen voll
Früchte, ja mit Palmen!
Wir begegneten ein großes Amerikanisches Kriegsschiff. Es war ein Man of
War, ein Seeheld vom ersten Rang. In schweigender Majestät. Und Tolera
sagte: Columbus sahe nur grüne Zweige treiben und schloß auf das Land.
Solche Früchte aber lassen auf einen Riesenbaum schließen. »Es leone
unguem!« Die Sonne stand uns im Rücken. Ein Frühlingsgewitter zog
segenverstreuend in's Land. Ein breiter, prachtvoller Regenbogen bildete
ein himmlisches Thor zu dem herrlichen Lande, hoch und weit geöffnet vor
uns, wie von bunten, hellen, dreifarbigen Blumen bekränzt! Vor Entzücken
glaubten wir selbst an dem himmlischen Thore die himmlische Überschrift mit
Gold geschrieben zu sehen:
FRIEDE. BROT. FREIHEIT.
Die Kanonen hallten. Wir waren da! Wir umarmten uns Alle durcheinander vor
Freuden! Wir weinten wieder einmal recht aus Herzens Grund, wie die Kinder.
So steuerte uns der Lootse in den Hafen, unter die hundert Schiffe, der
Stadt näher, nahe, dicht hinan. Wir hatten nicht Augen genug! Und als der
Anker fiel, als die Segel alle nach und nach eingezogen waren, als das
Schiff stand, -- als Alle aus tiefer Brust dem glücklichen Capitain das
»Hurrah!« riefen, da erwachte ich wie aus einem Traum. Ich rieb mir die
nassen Augen. Es überfiel mich mit Todesangst: Du bist fort! Ein tausend
Meilen breiter Meerschwall trennt dich . . . . ich wußte nicht von wem? von
was? Aber es lag eine Gewalt in dem stillen, unbekannten, verlornen Etwas,
daß ich in einen Winkel hinter das große Steuerrad ging und bitterlich
weinte. Auswandern -- sterben! Doch auch: Auferstehn! sprach ich wieder zu
mir. Steh' also auf aus dem Grabe! Steh' auf in der neuen Welt, mit neuem
Leibe und neuer Kinderseele!