»-- Schlachtet Ochsen! --«

Ach, der liebe Gott ist doch sehr gnädig da drüben über dem Wasser! Hier

war es mit den Ochsen nicht recht richtig; stöhnte die alte Frau und sahe

ganz jung aus vor Freude.

Aber, aber! sprach ein alter Mann: Ich habe Zeitlebens gearbeitet wie mein

eigener Sclave, und habe Nichts, als diese Jacke auf dem Leibe, weil Arbeit

uns hier nicht mehr nährt, Alles der bösen Nachbarn wegen, des Krieges

wegen, der Schulden wegen, der Furcht wegen! Was wollte ich noch fragen?

Ja! -- Sind drüben gute Nachbarn? Sonst kehre ich heim.

»Das Weltmeer ist der schlimmste und beste Nachbar; übrigens ist dort kein

Papst, kein Kaiser, kein König auf weit und breit. Friede und Brot!« sprach

mein Schwiegersohn.

Friede und Brot! wiederholte der alte Mann; und drei alte Weiber sprachen

nun wie die drei Eumeniden wieder im Chor: Mein Gott, wie bist Du doch

gnädig da drüben über dem Wasser!

»_Meine_ Söhne!« rief hier eine Mutter zu ihren vier Jünglingen. »_Meine_

Söhne!« sprach eine andere Mutter zu ihren Sechsen. »_Mein_ Sohn!« rief

eine dritte Mutter.

»Ja, Euer seid Ihr dort!« sprach mein Schwiegersohn; »selber das ganze Land

oder Reich, nämlich die souveraine Republik, ist dort Euer, und selber der

Präsident, der bloß Euer Vorsitzer ist. Ohne Erbe ist kein Erbfolgekrieg;

ohne Furcht vor dem Volke ist keine Unterdrückung, ohne Schulden sind keine

Zinsen, ja, es ist die bitterste Wahrheit: in wenigen Jahren muß Jeder bei

uns von der Regierung alle Jahre Etwas heraus bekommen an Gelde!«

Und die drei Eumeniden sprachen wieder: Mein Gott, wie bist Du doch gnädig

da drüben über dem Wasser!

»Ihr habt Recht!« sprach er, »aber vergeßt nicht: blos Europa hat es

dadrüben gut gemacht! Alles, was man hier im Geiste gesehn und gewünscht,

das wird da drüben in Wahrheit; was man hier verwünscht hat, das bleibt

hier begraben. Drum tretet dankbar und leise auf das heilige Grab und

segnet es hier und noch drüben!«

Und es war wunderlich anzusehen, wie Einige leise und schonend auf dem

heiligen Boden des Vaterlandes -- des Mutterlandes der Freiheit -- fort zu

den Ihren schlichen. Mir quollen die Thränen in den Augen.

Herr Leuthold aber drückte meinem Schwiegersohn die Hand, daß er

Deutschland gepriesen als die saure Rebe der süßen Traube. Das Lager der

Auswanderer hatte den tiefsten Eindruck auf ihn und uns Alle gemacht. Und

diese ihre erzwungene Muße, dieses große Müßigsein voll stiller Geduld und

schönen Zutrauens war allerdings ein eigener Zustand der Menschen auf

Erden, in deren Leben wir einen tiefen, düstern und erfreulichen Blick

thaten. Diese hier sangen, andre wuschen die Kinder, noch andre aßen, alles

in herzlicher Eintracht. Einer theilte dem Andern mit, was er hatte, und es

that ihm nur leid, wenn es ihm fehlte, und er sprach wohl freundlich zu

ihm: Bruder, das habe ich nicht! und ein Nachbar hatte es gehört, rief ihn

und sprach: Bruder, ich habe noch, komm! So wurden die Verschiedenen zu

Einem. Denn gleicher Wille und gleiches Ziel verbinden die Völker.

Es war noch Zeit, unsre Arche, das Schiff zu besehen, das mein

Schwiegersohn gemiethet. Wir fuhren zu Wasser hin. O so ein Haus! So ein

großer verständiger Fisch! Wie sauber Alles. Und die goldenen Sterne, 27

Sterne, für jeden Freistaat ein Stern in himmelblauem Eckfelde der roth,

blau und weißen Flagge. Seine Flügel schliefen. Die sauberen Räume standen

noch leer. »Es ist nicht groß, darum geht es nicht tief, und kann überall

eher ans Land;« sagte mein Schwiegersohn; »es ist neu, also wird es der

Capitain nicht mit Willen stranden lassen, um die versicherte Prämie zu

gewinnen. Ich habe es ganz gemiethet, es faßt 150 Menschen, und so kostet

Jedem die Überfahrt ohne Essen und Trinken nur 30 Thaler. Sie kommen mit

nach New-Orleans, um Florida zu sehen, das man so rühmt, und dann den

Todtenstrom, den Missisippi hinauf, auf einem der Dampfboote, nach

Kentucky, Ohio und wohin Sie wollen.«

So hatten wir denn, wie die Kinder, schon in der Kutsche gesessen, die noch

ohne Pferde steht. Abends aber führte uns Master Erwin in die Versammlung

der verarmten Rittergutsbesitzer, denn wohl zwanzig Familien hatten seiner,

auf des Vaters Befehl gethanen Einladung, mit Freuden Folge geleistet. Sie

wohnten alle in der Nähe, sie waren versammelt, sie lernten ihn kennen, wir

sie. Unter den merkwürdigen, anständigen, mitunter schönen Gesichtern und

den unleugbar sich auszeichnenden Gestalten der Männer, Frauen, jungen

Herren und Fräulein, und unter den mannigfachen Reden der Verdrossenen,

Neu-hoffenden, vergesse ich nie die Valet- oder Standrede des Adels, welche

ein launiger alter Herr hielt, welcher sich selbst den Herrn von Habenichts

nannte. Unter andern sprach er: »O Don Colibrados, und alle Ihr Colibraden,

kommt mit! Was Ihr einmal waret, begreift Niemand, Ihr selber nicht mehr!

selbst Euren Namen nicht. »Wir sind vom Geschlecht der Colibraden!« Das

Wort mußte uns Spannung geben. Für den Schein mußten wir alle Wahrheit

opfern! Pferde, Spiele, Bälle. Wir tanzten wie ein gewisses fettes Thier

vor Angst auf den heißen Eisenstäben. Denn der Güterhandel, der

Pferdehandel, der Holzhandel, der Wollhandel, der Getreidehandel, kurz alle

Handel und Händel brachten uns zum Tanzen. Was waren wir noch? Sequester

der Juden! Sclaven unserer Schaafe und Ochsen. Und nun sollten unsere

Junker _lernen!_ Lernen, was andere Menschen, die Krety und Plety, wissen

und können; unsere Fräulein sollten Bürger heirathen -- blos um das einzige

Wörtchen _von_ im Stillen zu behaupten! Das sei Gott geklagt. Wir werfen

das einzige Wörtchen »_von_« von uns ab, als den alten schweren Harnisch,

verlassen die hohe Region, erwerben im Thale des Lebens für unser letztes

Hab und Gut große Güter, und nennen uns heimlich, bis wir es sind, »die

Herren _von_ -- Europa.« Und sind wir nicht dennoch die Vorbilder des

Volkes gewesen? Und haben wir es nicht vortrefflich gehabt, so lange wir es

gewesen? Haben wir Edlen nicht alle wilden Schweine, Hirsche, Rehe, alle

Hasen, alle Rebhühner und Lerchen gebraten und gekocht, alle Hechte,

Karpfen, und Krebse gegessen, bis wir dem gemeinen Volke den Mund wäßrig

gemacht, und alle das liebe Wild ihnen verkauft, um Kutschen und Kleider zu

kaufen. Sind wir nicht Keiler, Zehnender, Hasen, Bretklötzer, Hechte u. s.

w. über und über? Ja durch und durch! Und unsere Burgen und Zimmer, haben

sie nicht nun Alle? Was wir tragen, trägt es nicht Jeder? Was wir wissen,

weiß es nicht Jeder? Wie wir ohne Steuern und Gaben zu seyn wußten, will es

nicht Jeder? Haben wir uns nicht gegen den hohen Adel gestemmt, und ihm

Alles abgetrotzt? Kurz, durch uns Muster und Modelle sind nun Alle im Lande

Edelleute geworden, ja sie wollen sogar edle Leute seyn! Und so sind wir

die Steinplatte mit der ersten, so so gezeichneten Menschengestalt gewesen,

welche man tausendfach abgedruckt hat, die aber selbst darüber abgenutzt

und verwischt worden bis zum Unkenntlichen, hoff' ich. Das war nobel! hoff'

ich. Und unser Lohn ist, der Abschied eines Dieners, oder eines Herrn, der

sich unnütz gemacht hat -- eines Stockes, der durch Lehre und Zucht der

Schulknaben zu kurz geworden -- eines Flegels in genere, der durch Dreschen

abgedroschen ist, und in der Scheune verloren dahängt, als sein eignes

Monument. O Welt, wie schön bist du, wie dankbar! so daß dein größter Dank

für die Größten und Edelsten grace, der himmlische Dank ist: daß sie darin

überflüßig, verachtet, verspottet, zum alten Flegel werden, vom seligen

Herrn von Habealles, allmählig zum Herrn von Habewas, bis endlich zu meines

Gleichen: den seligen Herrn von Habenichts! Und so danke ich allen meinen

Ahnen, die das vollendet, -- allen Schatten der nobelsten Geschlechter

danke ich hier in dem Einen schwarzen Schatten, der von mir an der Wand

schwebt, als letztes concretes und concentrirtes Bild unsrer edlen Kaste,

ich gehe hin und küsse ihn dreimal laut: Dank! Dank! Dank!«

Und so that der herrliche fröhliche Mann wirklich, ging hin und küßte den

Schatten »mit dreimal Dank.« Und mit sonderbarem Gefühl wischte er sich den

Kalk der Wand von den Lippen, setzte sich und sprach: Nun sage Niemand

mehr, daß Einer sich nicht selber küssen kann! Sie meine Herren und Damen,

sind männiglich Zeuge! Und männiglich sind Sie, daß Sie mich nicht etwa

erzürnt zur Thüre hinauswerfen, sondern so edel, so gescheidt, so

politisch, so habsüchtig, daß wir in genere die Landstraße zu Wasser nach

Amerika einschlagen wollen und werden. --

»Sie lachen! Alle! Sie lachen heiter! Sie haben überwunden;« sagte mir der

liebe Leuthold ins Ohr. »Es wäre vielleicht doch nicht gut, ein ganzes

Ländchen mit allen Ständen und Ständchen hinüber zu setzen! Wer drüben

leben und denken, unbillig leben und denken will, der bleibe gleich lieber

hier und leide sich und Andere! Man dürfte nur »Constantinopel wie es ist«

-- »Venedig wie es ist« -- »Wien -- Rom -- wie es ist -- Neapel -- Baiern,

wie es ist« -- nach Amerika hinüber versetzen, und ganz Amerika wäre auf

immer verdorben! Und das verdorbne Europa auch! Ich fange an, Nord-Amerika

für eine Art wohlgedeckte große Freimaurerloge anzusehen, wohin man nur mit

Schurzfell und Kelle kommen darf. Diese Erfahrung hier wird meine

Übersiedelung stark berichtigen! Aber sehen Sie nur, was Herr von

Habenichts auskramt!«

Ich sah. Dieser breitete eine große Charte von einem kleinen angekauften

Ländchen aus, und zeigte Jedem sein neues Gut, oder doch Habe. »Für den

Rest, den Ihr auf Eure Schulden herausbekommen, für die 5000 Thaler etwa,

habt Ihr Jeder so viel Erde dort wieder, als Ihr hier niemals besessen --

Teiche, Wälder, Wild! Für den Werth des Holzes in Wien oder Berlin kauftet

Ihr hier ein Fürstenthum; aber thut es ja nicht! Denn dort müßtet Ihr

verhungern, wenn Ihr das schöne Mahagoniholz nicht verbrennen wolltet zu

Acker, da die Bäume keine Brotbäume sind. Aber Menschen -- denn mit

Erlaubniß, so nenne ich Euch jetzt, pflanzt Pisang! Pisang! Denn ein Stück

Land, das mit Euren vermaledeiten Kartoffeln bepflanzt, nur Adam und Eva

nährt, das nährt, mit Pisang bepflanzt, ein halbes Hundert. Ihr seht also,

daß Ihr die alte Bärenhaut mitnehmen könnt, um dort mit den Händen so viel

auszuruhen, als Ihr hier mit dem Kopfe habt arbeiten müssen. Jeder findet

sein Haus, und gefällt es Euch nicht, wie vermuthlich nicht -- doch ein

Blockhaus ist kein Stockhaus, sondern nur einstöckig -- so baut Euch Ein

Schloß auf der Stelle, wo alle Eure Grenzen zusammenstoßen -- einen großen

Boarding, ein Gemeinlogis, schämt Euch des Namens nicht! Denn ein Gut,

wovon nicht Jeder das Gleiche besitzen und brauchen kann, ist ein wahres

Übel, wie unsere _Güter_ waren, welchen Namen ein alter Prophet

aufgebracht, um uns einmal -- das heißt jetzt -- den Stolz zu benehmen.

Aber was macht denn das Kartenspiel so interessant für die herrlichsten

Menschen? Also auch für Euch, denn ich darf Euch nun Menschen nennen, und

herrliche Menschen, denn Ihr habt wieder Etwas, ja viel -- was reißt so zum

Kartenspiel? Nun? . . . . daß sie Freiherrn werden, Schicksalsgötter, daß

sie nach ihrem Kopfe mit Königen, Königinnen, Buben, As, Spadille und

Manille verfahren können, wo ihnen keine Hausehre, kein Offizier, kein

König darein reden darf, denn wenn er kann und will, sticht er -- oder

paßt, verpaßt. Seht, hier habt Ihr eine beßre Art Charte, die Euch noch

froher machen wird -- hier ist ein neues Spiel; setzt Euch ein! Da seid Ihr

wieder Herren!«

Während nun die schöne klare Charte und mancher Plan den Auszug oder die

Auszügler und Vorzügler des Adels beschäftigte, und sie wünschten, daß Alle

als Nachzügler kämen, ward mein Freund Weber abgerufen. Er holte bald den

Prinzen nach, dessen Vater, der Fürst, gekommen war, mein gnädigster

Landesherr, der, obgleich souverain, doch, so viel er von höhrem Ort

durfte, Jedem Freiheit ließ, ja gab. Und doch schien mir seine Ankunft dem

guten menschenfreundlichen Prinzen fatal. Wir zogen uns auch zurück, und

mein Schwiegersohn, Gott bewahre, nicht der neue Landesherr dieser

vornehmen Neuweltsrekruten -- unter welchen Obersten, Generale und große

Thiere waren -- sondern blos der bescheidene Herr ihres neuen Landes, ward

von ihnen, wie Moses am rothen Meere von den Kindern Israels verehrt, und

Jeder empfahl sich ihm einzeln zu gnädigem Schutz. So steckte noch die alte

Lust und Gewohnheit: protegirt zu seyn, in den redlichen Leuten!

Zu Nacht erst war ich allein mit meiner Tochter, und konnte sie, als Braut

eines ihr lieben Mannes, in meine Arme schließen und segnen. Sie war zu

allem still, und sprach zuletzt nur: »O wenn nur die Mutter hier bei uns

wär'!« -- Ich deutete das in meinem Sinn, wie ich ihr eigentlich nur Segen

von dem Segen gab, den ich durch ihre reiche Heirath über mich

ausgeschüttet, fühlte. Fand ich drüben keine Anstellung als Prediger,

vielleicht wohl gar bei den ausgezognen Adligen, und starb ich nicht, ehe

ich verhungerte -- so verhungerte ich nun nicht, sondern meine gute Tochter

gab mir gewiß das Gnadenbrot! und ich konnte umsonst predigen, taufen,

trauen, begraben, was bei uns der nobelste Bischof nicht thut, und wir

theuren Herren kosten mit Kirchen und Schulen den armen Leuten zu viel, und

ich habe immer einen Stich in der Seele gefühlt, wenn ich den Becher

Taufwasser, oder den Leib des Herrn mit den paar Dreiern von den guten

Leuten bezahlt erhielt, welche sie hinter dem Altare wandelnd

hervorgesucht! Und doch schielte ich abscheulicher Mann dennoch manchmal

nach dem Gelde, oder schlauer sogar nur freundlich, nach den Augen der

Opfernden; denn, wer mit zugemachten Augen gab, der schämte sich, so wenig

zu geben, als er in den bedeckenden Fingern mir auf den Altar heraufreichte

-- aber, mein Gott! ich bedurfte das Geld, und seufzte, wenn ich es so

geschwind durchzählen konnte, und es für den Herrn Sohn auf der --

Pferdeakademie nicht langte, denn er lernte reiten; oder nicht langte zu

dem bestellten Weihnachtsgeschenk für die Frau . . . . und morgen ging die

Post! Darum segnete ich die Tochter mit feurigem Dank für meine Erlösung

und bat: daß alle Geistlichen so liebe Töchter hätten, auch so liebe

Amerikaner fänden, um Alle, Alle im Geldsinn, nicht im Weltsinn umsonst zu

predigen, umsonst Wein und Oblaten auszutheilen, umsonst kleine Kinder zu

taufen, kurz, Alle von Judas Ischariot's Sünde erlöst zu werden -- wie ich

nun schien. Ich schlief die Nacht in einem Rosengarten, der in Amerika lag;

denn im Traume sah ich ungeheure Ströme, Höhlen, Wälder, Wasserfälle,

Blumen und Bäume, tausend Wunder, Alles mir neu -- und selbst meine Tochter

wandelte dort, nebst einem Häuflein Kinder, aber mit dem Prinzen Hand in

Hand, der sie dort in seiner Provinz, wohin er sein ganzes Völkchen

übergesiedelt, als redlicher einfacher Herr Leuthold geheirathet hatte --

-- -- und ich küßte ihm die Hand, aber er gab mir mit meiner Tochter Hand

eine Ohrfeige, und die Hand war eiskalt! -- So etwas mußte am Tage mir

still durch die Seele gefahren seyn, ich meine nicht die Ohrfeige, sondern,

daß die lieben Kinder ein schönes Paar wären!

Der Amerikaner sagte mir am Morgen nichts Näheres, Gewisseres über seine

Verlobung -- bloß, daß unser Schiff fertig liege, und daß der Wind nur nach

Ost umzusetzen brauche. Freund Weber, vom Fürsten beschäftigt, konnte mir

auch kein Wörtchen sagen, als: der hergeeilte Vater will den armen Leuthold

nach Hause bringen oder zwingen. So kamen wir, ich, meine Tochter, Erwin,

von seinem Wilberforce und nun seinem Tolera begleitet, am Ufer der Weser

zu einer herzzerreißenden und doch herzerfreuenden Scene. Der junge

Leuthold kam uns düster und allein entgegen. Er blieb bei uns stehen, wir

lasen in seiner Seele, aber nicht laut, und deuteten lieber auf etwas auf

dem Strome, den Knaben, dem er gestern mit seinem Bruder die Überfahrt zu

seinem Vater in Kentucky besorgt hatte. Wir kannten den Anselm an seiner

Kleidung, ja am Gesicht; sein Bruder Wilhelm fischte mit ihm.

Wahrscheinlich hatten sie einen großen Lachs gefangen und der ältere Bruder

beugte sich über, er konnte die Last nicht erheben, er wollte sie nicht

fahren lassen, während der kleinere Bruder im Strome den Kahn nicht zu

halten vermochte. Uns verging der Athem vor Angst. Er machte eine

Anstrengung nach dem Fisch und stürzte in die Wogen des tiefen und breiten

Stromes. Den kleinen Knaben führte die Strömung im Kahne davon. Der

Verschwundene kam nicht herauf. Endlich, endlich erschien das schwarze

kleine Haupt -- das wieder überspielt ward, dann wieder einmal eine Hand --

wie Geisterzeichen aus einer Mauer -- endlich zwei Hände. Und indem wir

starr hinblicken, ohne an Hülfe zu denken, erblicken wir eine Gestalt in

der Gegend des Knaben -- meine Tochter ruft gedämpft! es ist der Prinz! und

fällt dem Amerikaner um den Hals und verbirgt ihr Gesicht an seiner Brust,

und so hält sie ihn auf. Indeß seh' ich allein das Traurige. Der

menschenfreundliche Leuthold ist uns entschlichen, ist weiter unterhalb in

den Strom gesprungen -- weil kein Kahn hier steht -- und hat sich gewiß

gefährlich gestoßen an einem ungeheuren Pfahl; denn aus seinen

gelegentlichen Worten von gestern weiß ich, daß er schwimmen kann -- und

jetzt doch dort draußen mitten auf dem Wasser hält er sich kaum. Er rudert;

vergeblich. Er sucht; vergeblich. Er bedarf selbst der Hülfe. Der

Amerikaner sieht, was vorgeht, über die Achseln seiner Braut, oder doch

meiner Tochter. Eine seiner Wangen ist glühend roth, die andere weiß -- er

hat ein Auge geschlossen, eins hat er mitleidig offen. Ich rede zu ihm an

das linke Ohr und frage: »kann Wilberforce nicht schwimmen?« -- ich erwarte

keine Antwort, gehe vor Eifer auf die andre Seite. »Wilberforce!« rufe ich.

Das hat nun auf dem rechten Ohre der sonderbare, halbtodte, halblebendige,

halbfrohe, halbtraurige Erwin gehört -- er winkt, und der Neger, der sich

schon bereitet hat, theilt sicher und flink, wie ein Reh, die Fluth --

endlich, endlich kommt er auf die gefährliche Mitte. Ich habe nicht Augen

genug, wie es sich ereignen wird, schon ereignet hat. Ein Kahn ist vom

jenseitigen Ufer herüber gekommen zu Hülfe. Der Neger hat den rettenden

Jüngling ergriffen, er zieht ihn nach. Aber Leuthold, Kindhold,

Menschenhold hat den Knaben mit seiner Hand an der Hand und zieht ihn nach.

Ich jauchze: sie leben! Er lebt! -- Meine Tochter schlägt die Augen auf und

sieht mich an. Sie lehnt sich nicht mehr an ihres Bräutigams Brust. Sie

sieht nun selbst -- der Jüngling wird von den Schiffern in den Kahn gehoben

-- aufrecht gesetzt, oder setzt er sich selbst; der Knabe wird zu seinen

Füßen gelegt, und ist nicht zu sehn. Der Neger schwingt sich in den Kahn.

Sie rudern schnell. Sie kommen. Sie nahen. Sie landen. Sie springen ans

Land. Selber der Knabe kommt wie betrunken getaumelt. Maria faßt ihn in

ihre Arme, so naß er ist. Er drückt sich die schwarzen Locken aus. Leuthold

bleibt ruhig in dem Kahn. Ich steige hinein. Der Amerikaner steigt hinein

-- der schöne Jüngling ist ertrunken, und seine schöne Hoffnung ist dahin,

ins Land der Hoffnung, oder war sie zuvor schon dahin. Und die Hoffnung

vieler Tausend. Durch den Vater.

Der Bruder des Knaben kommt am Ufer heraufgelaufen. Er ist weiter unten

glücklich gelandet. Es freut uns nicht. Hülfe kommt; ein Wundarzt; es freut

uns nicht. Das edle purpurne Blut fließt aus dem entblößten mädchenweißen

Arm des blassen schönen Jünglings; die Hülfe bleibt vergebens -- es betrübt

uns nicht. Der Vater, der Fürst kommt. Es betrübt uns nicht. Es ist sein

einziger Sohn; er hat nicht Viele retten sollen -- Einen zu retten, dem er

schon Freude gemacht, dem er Vater und Vaterland wiedergeschenkt, das hat

er nicht unterlassen können; die abgeschnittene Rebe hat in der engen

einzelnen That sich ausgeweint. Meine Tochter weint. Sie soll mit dem

Bräutigam gehen. Sie hat sein Wort nicht gehört. Er geht allein. Der Fürst

schenkt dem Neger seine goldene Uhr; Wilberforce läuft seinem Herren nach,

zeigt sie und frägt: ob er sie behalten dürfe? Der wirft sie gelassen in

den Strom und geht. Jetzt eilen wir nach. Wir kommen zusammen nach Hause.

Er hat vorher geschwiegen. Er schweigt auch jetzt. Er steht nur einmal

still, blickt freundlich ernst auf den Boden -- und ist dann der Vorige! So

hing denn auch dieses hin, wie so Vieles in der Welt hinhängt,

unausgemacht, ungewiß, selber die Sonne am Himmel.

Tolera berichtete am folgenden Tage, daß sich die Auswanderer alle

bereiteten, mit Leuthold zu Grabe zu gehen, der ihnen so manches Gute

gethan, wie sich jetzt erst hervorthat. Der Leichenzug wäre merkwürdig

gewesen. Besonders wenn die guten Deutschen, wenn Diese noch so genannt

werden durften, gewußt hätten, daß er ein Prinz sey, der einmal sich an die

Spitze des Volkes zu stellen entschlossen war, um Volkswillen auszuführen,

nämlich das Volk, wie Moses aus Ägypten. Wir unter uns glaubten, der Vater

werde ihn in dem Bleikeller der hohen Domkirche beisetzen lassen, damit er

dort unverweslich und unverwandelt als die größte Merkwürdigkeit ruhe und

lehre. Der Vater war aber durch des Sohnes Tod, das Andenken an ihn, das

Hineindenken in ihn so zum Sohne geworden, daß er ihn wenigstens in den

Freistaaten begraben lassen wollte. Aber Amerika weiset die Todten von

sich; kein Schiffer schifft sie hinüber. Das nennt man Aberglauben. Ich

hatte die Ehre mit meiner Tochter, den Vater an demselben Abend bei meinem

Freunde zu sehen, als Leuthold nach der Gruft seiner Ahnen abgeführt

worden. Da ihm als Incognito Niemand besonders krumme Rücken und

jämmerlich-unterthänige Redensarten zeigte, so sahe man hier, was

Behandlung, die Art des Selbstbenehmens, thut. Er war fast wie wir andern.

Es waren an diesem Tage mehrere reiche Auswanderer angekommen, denen keine

leiblichen Güter fehlten, also nur die geistigen Güter; denn es waren

bekannte hochgebildete Männer, und Frauen darunter!

Der Fürst erzählte, er habe mit ihnen gesprochen -- und solcher Deutschen

Auswanderung habe ihn frappirt -- an das Herz geschlagen. Und wie schlugen

mir seine Worte an's Herz! »Europa,« sprach er, »Europa ist das Land wo

alle Rechtsinstitutionen zuerst im Großen auf Völker angewendet worden

sind. Seit einem Jahrtausend hat es sogar versucht, die Religion auf den

Staat anzuwenden, in jedes Haus, an jeden Heerd, bis in das Gewissen jedes

Menschen eindringend. Das sind denn wohl ungeheure, höchst ehrwürdige

Versuche! Daß ihr Gelingen aber nicht möglich war, und seyn wird, daß

Europa an dem Widerstreit seiner alten, ersten und nun hinzugekommenen

entwickelten Institutionen untergehen wird und muß, deswegen grade sey es

glücklicheren, durch keine alten Fesseln gehemmten Völkern desto

ehrwürdiger -- weil es rechtlich war! Es hat den Begriff des Rechtes

festgehalten, und heilig das Erworbene, Überkommene geehrt; ob es gleich in

späterer Zeit nicht neu ertheilt worden wäre, so hat es doch das Bestehende

geschützt -- um Keinen zu kränken, und lieber den Anschein haben wollen:

als kenne es nicht das Reine, Vollkommene; lieber im Kampf mit Ablösung

alter Asiatischer Gebrechen untergehen, als mit dem Schritt zu einem

Zustande, wie er den Einsichten der _entwickelten Menschheit_ angemessen

wäre, die Verbindlichkeiten seiner Erblasser abschütteln, und groß, frei,

herrlich . . . . aber _schuldig_ und verschuldet dastehn. Indeß sichern ihm

seine niedergelegten Beweise von Kenntniß des Höchsten: die Achtung des

Geistes überall; und sein _Verhalten_: den Adel des Herzens; und sein

Schicksal und seine Verlassenschaft: die ewige Dankbarkeit aller spätern

Völker. Und seine Grabschrift wird seyn: Es that, was Recht war; darüber

ging es zu Grunde, der Welt zum Opfer. Have, anima pia!«

Er schwieg. Er dachte gewiß an seinen Sohn, denn er sprach noch einmal mit

feuchten Augen auf Deutsch: »Ruhe sanft, du gute Seele!«

In dieser wehmüthigen Pause zogen grade die Studenten nach Elsfleth

vorüber, um sich diese Nacht noch einzuschiffen. Wir hörten die ersten und

letzten Verse ihres Liedes nicht, nur diese beiden, die mit Kraft und Jubel

gesungen, nicht ohne Eindruck blieben:

Die Probefahrt nach Amerika · 第 4 / 10 段