nur nach vorn, nach der Zukunft offen! Die Tochter saß neben mir, mein
Schulmeister gegenüber und mein ältester Sohn, der mich begleitete. Der
Schwager stieß in sein Horn . . . . mein Gott! ich hatte die Nacht noch
Abschied nehmen wollen von Vater und Mutter auf dem Kirchhof -- und nun
mußte ich denken: wir lassen nur Staub hier; was die Todten uns gewesen und
was sie noch sind, das besitzen wir, das sind wir selbst, das nehmen wir
mit. Sie waren auch überhaupt nicht von hier -- sie sind auch noch weiter
ausgewandert! Sie mußten. Wir müssen. Und in den frischen Morgen klang das
Horn in den Wald hinein, in den Gesang der Vögel, den Berg hinan, dann den
Fluß entlang -- und die stillen Wellen reiseten ja alle so Tag und Nacht,
so still nach dem Ocean! Die Morgensonne trat auf die Berge und lächelte
uns an, die große Reisende, die gestern das Land gesehen, wohin wir
wollten, und sie leuchtete uns _dazu_, gewiß dazu! Meine Frau hatte mir ein
Blatt Papier beim Scheiden gegeben, ich entfaltete es; es war ein
Notenblatt, das Lied: »Dir folgen meine Thränen!« Da that ich einen
Morgenschlaf im Wagen, und die Ändern wurden still, und schliefen wohl
auch. O Schlaf! Zwei Augen zu -- und die Welt ist still, und das Herz wird
leicht und rein, als schmölze der Schlaf es ein, läuterte das Gold, und
gösse es nun in die Form des neuen Tages, die ihm die Hoffnung gegeben und
reizend geschmückt. Im bestimmten Nachtquartier fanden wir uns mit dem
Amerikaner und seinem Neger Wilberforce zusammen. Als er auch meine Mirjam
aussteigen sah, schien er sehr froh -- er diente ihr höflich-amerikanisch;
er frug lächelnd: ob nicht der Diaconus mitgekommen? Sie sah ihn an, er
sie; und sie errötheten Beide so flüchtig, wie eine Schwalbe vorüberfliegt.
So kamen wir nach und nach, geschwind genug, durch vieler Herren Staaten,
über Grenzen und Grenzen, durch mannigfarbig bemalte Schlagbäume, erhielten
mancherlei kleines Geld heraus und bekamen nach mancherlei Ellen gemessen.
Wir sahen das Bewegen, das Hinundherregen, das Umherdrehen von Soldaten,
Fuhrleuten, Landleuten. Nur zu einer Übung in allerhand Privatkleidern
sagte der Amerikaner: »Vergessen Sie das nicht!«
Und als wir so viele mißmuthige, verdroßne Gesichter gesehen, und wenig von
Lust und Freude gehört, sagte er wieder: »Vergessen Sie das nicht! wenn Sie
unsere Gesichter sehen. Kind und Greis sehen einerlei gleichgültig aus, und
innerliche Betrachtungen und Überlegungen hemmen Hand und Fuß und Auge und
Leben. So tanzen wir auch noch nicht. _Die Seele_ ist zu steif dazu.«
Endlich eines Abends überholten wir in einem dünnen Walde, im Sandweg,
Auswanderer! Deutsche Auswanderer nach Amerika. Scheckige Ochsen zogen
langsam einen Wagen fort, darauf Grabscheite, Hacken, ein Gebund Betten und
kleine Kinder saßen, während die Väter, Mütter, Söhne und Töchter von drei
Familien nebenher zu Fuße gingen. Ein andrer Wagen mit Pferden fuhr die
letzten oder ersten nöthigsten Sachen, Säckchen mit Sämereien und allerhand
Zusammengehäuftes von mehreren Haushaltungen. Wenn Swift ein Gebet über den
Besenstiel verfertigt, so wäre mir gewiß jetzt ein rührenderes »Gebet über
ein Grabscheit« gelungen, deren Eisen mich glänzend anblitzte. Die Leute
gingen anständig gekleidet, aber stumm, wie der Sprache beraubt. Nur eine
Jungfrau frug uns: »Wie weit ist noch Bremen?«
Dort liegt es ja! antwortete ich selber überrascht. Die Wagen hielten, die
Männer nahmen ihre Mützen ab, Alle falteten die Hände und beteten ein
stilles Vaterunser, ein Walte-Gott, oder ein: Nun danket alle Gott!
vermuth' ich. Nun standen die Thürme der Stadt uns auf aus der Hoffnung,
der hohe Angariusthurm, die Liebfrauenkirche, das Rathhaus, die Domkirche,
die Sternwarte, alles in dem geschmückten grünen Wall umher wie Spielsachen
in dem Raum eines Geburtstagskuchens. Dann die Masten der Schiffe! Seiler
spannen hier Schifsstaue; dort schmiedeten Männer in Hemden große Anker.
Dann umfing uns die enge Straße mit Häusern voll Erkern, über und über vorn
mit Fenstern, wie eine streifige _gläserne_ Weste, die Gott vor Schloßen
bewahren möge. Endlich die lange Brücke, die liebe Weser und das große
Wasserrad. Ein schöner junger Mensch begegnete uns, der unwillkürlich sein
englisches Pferd anhielt, wohlwollend, ja fast zärtlich uns . . . ich
glaube, zumeist meine Tochter, ansah, den Kopf senkte und dann erst still
des Weges ritt. Zufall! Schicksal!
Denn mein lieber Master Erwin kehrte bei einem Handelsfreunde ein; ich, bei
meinem redlichen, guten, besten Freunde, dem Doctor Professor Weber. Wir
stiegen hinauf, er kannte mich nicht; ich aber wußte, daß er es war, ich
brachte ihm Grüße von meinem Bruder, den ich gar nicht habe -- und nun fiel
er mir um den Hals. Seine schönen Kinder standen um uns und hielten den
Athem an -- meine Tochter hatte er nicht gesehen, und es ist wohl die
eigenste Befriedigung, die schönste Lösung des heiligen Lebensräthsels:
einem Freunde die erwachsene Tochter zu bringen, zu zeigen. Und das gute
Mädchen stand vor ihm befangen, ja gefangen da, wie eine unbewußte
Schuldnerin von unabwehrbarer Neigung und Liebe, die ich dem theuren
Freunde im Herzen bewahrte. Er führte sie zu seinem Weibe, der auch ich
gleich wie ein naher Verwandter war; und meine Augen hingen an seinen
Knaben, wie an Ablegern einer köstlichen Nelke, die der Gärtner bisher nur
immer allein gesehen hat! Und nun hat sie sich verdoppelt, vervierfacht,
verjüngt, verschönt. Er fand mich im Verlieren, ich wollte nach Amerika,
und die Glocke der Freude zersprang. Und so sagte er mir im Vertrauen, daß
sein werther Freund und Gönner, der Graf B . . . . . St . . . . . . . ihm
den jungen, incognito hierher gekommenen Prinzen empfohlen, der neben ihm
wohne und den Titel eines Herzogs in seiner ursprünglichen Bedeutung den
Deutschen auffrischen wolle -- und als Führer der Auswanderer aus seinem
nicht gar großen Ländchen auftreten, da sein Vater sich noch nicht
entschließen könne, dem das Amt eigentlich zukomme. Denn, sage er, mit
einem Schwarm junger Bienen, welche den alten Mutterstock verlassen, und in
die neue, von den Spurbienen gesuchte Bäute schwärmen, zieht nicht ein
junger Weisel, sondern der alte erfahrene Weisel des Stockes, als rührendes
Beispiel für Menschen! Die Herzöge der alten Deutschen seien es auch nur
für die Zeit des Zuges oder der That gewesen, und in dem drüben angekauften
freien Lande möchten ihn die Seinen nun ferner zum Haupt wählen, oder einen
Andern, wenn er nur brüderlich für sie gesorgt, bis wo sie sein und des
Vaters nicht mehr bedürften. Er meine eine große, deutsche, zeitgemäße That
dadurch zu thun, indem er mit Willen und Liebe sich an die Spitze der
Bewegung stelle; aber sein Vater wolle ihn davon abhalten, und werde dieser
Tage in Bremen eintreffen, »um den so guten, edlen, feurigen, jungen Sohn
auf gute Weise zurückzuführen und wieder einzuspannen in den alten schweren
Wagen von Europa, von dem Niemand wisse, wohin er fahre, nur wie schlecht
der Weg sei --« wie er selbst ihm geschrieben. Übrigens lagern Tausende von
Auswanderern so eben jenseits der Altstadt, nach Elsfleth zu, die ich
lieber sogleich gesehen und ausgefragt hätte. Da kam der junge Prinz
gesprengt, er sprang ab, er kam herauf, und überrascht, uns . . . . ich muß
es sagen . . . . meine Mirjam hier zu finden, sah er noch einmal so
schwärmerisch schön aus, seine Augen leuchteten, aber seine Anrede
verwirrte sich, selbst sein Gruß stockte, seine Frage blieb aus, und er
schlug die Augen wie ein Mädchen zur Erde. Im Geiste hatte er schon seinen
Titel abgelegt, und dem gewünschten Incognito gemäß, lernten wir ihn nur
als Herrn _Leuthold_ kennen! Leuthold -- Publicola -- der Name machte mir
ihn werth; und als er nun hörte, daß ich die armen Einwohner von zwanzig
großen Dörfern hinübersiedeln wolle, überschüttete er mich mit einer Masse
von wohlgegründeten Nachrichten aus redlicher Männer Munde, drückte mir die
Hände, und es ward verabredet, das Lager der Auswanderer gegen Abend zu
besuchen, und auf dem Pianoforte spielte er mir den unvergleichlich
rührenden »_Gesang der Pilger_« aus Hasses Pilgerinnen vor, und sang dazu
mit feuchten Augen und bebender Stimme. Ungern schied ich indeß. Denn ich
hatte die eben angekommenen sechs Freundinnen meiner Tochter
unterzubringen, die sich drüben vermiethen wollten.
Gegen Abend also gingen wir dann. Ich mit dem Freunde; der Prinz führte
meine Tochter und sprach in seinem Feuer mit edlem Anstand zwar, doch wenig
verhalten zu ihr -- als uns der Amerikaner begegnete und als Freund sich
uns anschloß. Er gesellte sich aber zu mir, ging mit mir hinter dem Paare,
und sahe ernst und blaß aus und sprach nicht, und sahe bisweilen murmelnd
lange starr zu Boden, als schimmere ihm unter der Erde ein großes Buch,
dessen Schrift er mit Gewalt entziffern wolle. Der immer vorsichtige Mann
stolperte jetzt sogar. Zuletzt trug er, wie ich wohl bemerkte, erst Eine,
dann beide geballte Fäuste in der Tasche. Wilberforce, sein Neger, sahe,
wie ein treuer Hund nach dem Jäger sieht, gespannt nach den Augen seines
Herrn. Er frug endlich, doch leise, meinen Freund, wer der junge Gentleman
sei, der die Miß vor ihnen führe. . . . . . »Der Prinz . . .« sagte ich
ihm, zwar leis, doch etwas unvorsichtig, und er hörte es kaum halb, als ihm
recht wohl schien. Es stand ein Lächeln auf seinem Gesicht, das ganz Europa
weglächelte, ein kostbares Lächeln, das mich hinriß. Aber meine Tochter war
noch Gänschen genug und noch von keinem Prinzen und so verbindlich geführt
worden, und ich als Herr Vater und Unterthan steckte auch noch so tief in
der Eselshaut, daß ich keine Scene, besonders nicht gleich und hier auf der
Straße besorgte. Der schätzbare Master Erwin aber nahm mich unter den Arm,
hielt mich zurück, als wolle er mir etwas zeigen; und als die Übrigen
voraus genug waren, frug er mich ehrerbietig und lüftete den Hut dazu:
»Wollen Sie mir Ihre Tochter gönnen?«
Wie so? -- frug ich.
»Zur Hausfrau! -- meine ich.«
Ich wußte, wie meine Tochter dachte und fühlte. Ich gestand ihm das; aber
auch, daß sie ihm, daß sie der je ihr eignen und freien Neigung entsagt --
weil er Sclaven -- hundert -- fünfhundert Sclaven habe.
Der Mensch in dem Amerikaner, in dem Kaufmann und reichen Plantagenbesitzer
ward roth. Er preßte die Lippen zusammen, blickte mit starren Augen ein
inneres Bild vor seiner Seele an, und sprach dann: »Schon gut! meine ich.
Also Sie meinen sonst Ja?«
Ich zuckte, eigentlich wunderbar froh die Achseln und meinte: Ja!
Da verließ er mich, ohne Übereilung, ging dem guten Prinzen zur Seite und
sprach: »Wollen Sie mir nicht erlauben, meine Braut zu führen?«
Da ließen die Arme der beiden unschuldigen Kinder sich los. Mein Kind war
blaß, so viel ich sehen konnte, sie stand ein wenig vorgeneigt, mit
gesenktem Antlitz, und hielt ihre linke Hand leicht über die Augen, ihre
Lippen standen geöffnet, als wäre eine Rose plötzlich aufgeblüht.
. . . . Das habe ich nicht gewußt; -- stammelte der Jüngling.
»Ich auch nicht! Aber Sie wissen es jetzt;« sprach der überraschte und
überraschende Bräutigam.
Der Jüngling trat zurück. Die Braut ließ sanft und langsam ihre Hand von
den Augen sinken, und ihre großen Augen sahen einen wunderbaren Augenblick
nach mir zurück; dann sah sie vorwärts, sah nicht den Bräutigam an, der den
gesenkten Arm anständig an den seinen nahm.
Und nun gingen wir -- schweigend bis ganz in die Nähe des friedlichen
Lagers. Da hörten wir singen, blieben betroffen stehen, und hörten nach
rührender Weise in Moll ganz deutlich die Worte:
»Nun wandern wir mit Thränen aus,
Von Bergen und von Thal!
Die Erde ist ein großes Haus
Mit manchem Saal!
Du Sonne, kommst mit über's Meer
In jene beßre Welt;
Du Mond, du schiffst still nebenher
Am Sternenzelt.
Der Boden zieht sich unterm Meer
Dahin, in sichrem Band;
Und drüben hebt er sich so hehr
Als freier Strand!
Da drüben blüht der Frühling auch
Im alten Himmelreich;
Die Erde hält den alten Brauch --
Bleibt Euch nur gleich!
Habt Dank, Ihr Brüder, nah und fern!
Ihr halft uns Alle gern;
Habt großen Dank, Ihr großen Herrn,
Habt Dank, Ihr Herrn!
Ihr Flüsse habt den schönsten Dank
Für eure klare Fluth;
Doch euer Trank, der macht uns krank,
Ihr meintet's gut!
Nun sind wir Furcht und Qualen los,
Wir werfen Alles ab;
Und glückt uns Nichts -- im Erdenschooß
Bleibt uns das Grab!
Drum angenehme Ruh! Glück zu!
Nun Alle gute Nacht!
Haus, Bäume, Feld und Pferd und Kuh --
Es ist vollbracht!
Viel thaten wir mit unsrem Arm,
Viel tausend Städte stehn! --
Der Korb ist nicht der Bienenschwarm.
Sie stehn -- wir gehn!
Wohl hundertmal jed' Beet mit Fleiß
Umpflügten wir mit Muth --
Das Land ist naß von unsrem Schweiß,
Von unsrem Blut.
Manch Schlachtfeld deckt die Väter zu,
Der Todten morsch Gebein!
Drum laßt uns ziehn in Fried' und Ruh,
Uns unser seyn!
Nicht hundert Jahr, so kommen wir
Zurück zu Euren Gau'n,
Und wie's Euch geht, geloben wir,
Mit Ernst zu schau'n!«
* * * * *
So etwas hatte ich noch nicht gehört auf Erden, gedachte aber an das Lied:
»An Wasserflüssen Babylon.« Die Leute, die gesungen, schwiegen kaum, als
wir von einer andern Seite her schon den Ausgang eines andern Liedes
vernahmen, das junge Burschen in lustiger Weise sangen:
»Nun schnürt die letzten Lumpen ein
Und macht ein groß Gebund!
Schnürt Sonne, Mond und Sterne drein!
Und bleibt nur fein gesund!
Vor allen schnürt die Hände ein!
Und Kopf und Herz und Mund!
Ein Hüttchen wird schon drüben seyn,
Das glaubt sogar mein Hund!«
* * * * *
Einer von ihnen wollte jetzt das bekannte Lied anstimmen: »Was ist des
Deutschen Vaterland?« -- als Andre ihn unterbrachen und frugen! Ist das
noch nicht aus? -- und Einer wollte in das Lied eingestimmt haben: »Wer
weiß, wie nahe mir mein Ende?« -- Mädchen kamen uns entgegen gesprungen,
welche schon einen Maikäfer gehascht und wieder fliegen lassen, und aus der
dreißigjährigen alten Noth dazu sangen:
»Flieh, Käfer, flieh!
Dein Vater ist im Krieg,
Deine Mutter ist in Pommerland --
Pommerland ist abgebrannt --
Flieh, Käfer, flieh!«
Die Knaben aber sangen ein andres, mir unbekanntes, schwermüthiges, treues
Lied, auch aus Moll, was »die Schwalbe« hieß; denn unter diesem Titel
forderten es von den andern Kindern zwei liebe, schöne Knaben, beide wie
Brüder gleich gekleidet; beide gelbe Strohhütchen auf, beide blaue Jäckchen
an, beide weiße lange Hosen und beide baarfuß. Sie sahen gesund, aber
kummervoll aus. Und die andern Kinder wollten es, manche dem Anselm, manche
dem Wilhelm zu Liebe mitsingen; die Brüder selber sangen nun, hell und bang
herauszuhören aus dem lieben Knabengesang:
Du, meine liebe Schwalbe,
Ziehst weit nun über's Meer,
Siehst meine Heimath wieder --
Ach, wenn Ich doch -- _Du_ wär'!
Ich baut' an Mutter's Fenster
Mein Nest mir einsam, leer;
Ich säng' ihr meinen Kummer,
Wenn Stille um uns wär'!
Da spräch' sie einst zum Vater:
»Das Lied macht mir so schwer!
Ach, fange doch die Schwalbe,
Und bringe sie mir her!«
Da laß ich mich ihn fangen;
Die Mutter küßt mich sehr!
Drauf soll ich wieder fliegen --
Da bin ich schon nicht mehr!
Da steht sie tief betroffen,
Denkt bang an mich und schwer,
Begräbt mich bei dem Weinstock,
Der sagt ihr: daß Ich's wär!
Jetzt hatten wir Stimmung! Das Herz war uns schwer, und wir begriffen, wie
den Abgeschiedenen zu Muth war, die mir so eigen bedürftig, so eigen
heimathlos vorkamen, wie den Schiffern die müden Vögel, die vor Hunger und
Müdigkeit ohne Menschenfurcht sich auf dem Fluge über das Meer in die
Segelstangen setzen, sich ausruhen, auch wohl schlafen und im Schlafe vom
Morgen träumend singen! -- O Natur, du bist unter allen Masken nur Eine,
voll Leid und Freude und Trost und Hoffnung immer und überall.
Darauf gingen wir hinter in den grünen Raum, wo die deutschen Auswanderer
lagerten, theils in offen stehenden leeren Magazinen, Scheunen, theils auf
dem Platze davor. Es ist unmöglich, zu leugnen, daß der Anblick ergriff:
diese kraftvollen, rüstigen Männer, diese gesunden, auch schönen Weiber und
rosigen Jungfrauen, diese Knaben und Mädchen, diese kleinen Kinder in
Bettchen hier, dort auf Strohe liegend, und von den kleinen Schwesterchen
gewiegt, herumgetragen, oder im Schlafe bewacht von einem treuen Hunde, der
wie aus dem Schlaf die Augen nach uns richtete, aber die wohlwollende Seele
in den unsern erkannte, nicht anschlug, nicht knurrte, sondern ruhig wieder
die Schnauze hinstreckte. Auch alte Männer mit weißen Haaren saßen da,
welche, kaufmännisch betrachtet, doch kaum die paar Thaler für die
Überfahrt werth waren, und welche doch -- wie die Türken in Constantinopel
sich drüben in Scutari begraben lassen -- auch drüben wollten begraben
seyn. Sie schnitzten Löffel, auch nur Spielsachen für die Kinder. Hier und
da hing ein Ochse oder eine Kuh, welche für ihre Mühe: die Wagen hierher an
das Ufer zu ziehen, geschlachtet und für die Seereise in Fässer
eingepöckelt wurden. Selbst einigen Ziegen war es so gegangen, die räuchern
hingen, und ihre gehörnten Felle nicht weit davon zum Trocknen. Andere
Ziegen mit schwellenden vollen Eutern, von den Jungfern mit Gras gefüttert
und eben gemolken, sollten den Kindern auf der See frische Milch geben, und
es drängte mich, den Weibern zu lehren, wie sie auch Milch aufbewahren
können. Kessel kochten das Abendessen über Feuern; im Strom gefangene
Fische zappelten auf dem Rasen noch ungeschlachtet. Wasserkrüge und kleine
Trinkkrügchen standen bereit. Alle waren anständig gekleidet, Manche
vielleicht aus Armuth sonntäglich.
»Welche Wehmuth geht von dem Raume aus!« sprach der Prinz. »Hier schaut man
unleugbar: Ganz gewiß ist etwas vorgegangen, ganz gewiß ist diesen Menschen
etwas Unleidliches geschehen, ganz gewiß hoffen sie Erlösung, eine bessere
Zukunft, als sie hier abwarten und mit durchleben wollen, daß wir diese
Tausend und schon Legionen und noch Legionen hier am Eingang des Meeres
sehen! Etwas ganz gewiß. Das ist unleugbar. Etwas, dem Niemand helfen kann
oder will. Denn menschliche Geduld ist -- übermenschlich, oder deutsch.
Ach, wer in alle die Herzen sehen könnte! Diese Menschen sind nur --
heilige Meerschweine, die auf die Oberfläche der See kommen, wenn Sturm
soll kommen! Sie sind Sturmvögel! Oder fliegende Fische, die nicht vor
Vergnügen . . . . sondern, dem Tode zu entgehen, vor Angst vor einem oder
vielen kleinen Haien, sich der ihnen von der Natur aus Vorsorge zu Lehn
gegebenen großen Flossen oder Flosse -- der Schiffe -- bedienen. Sie sind
Männchen im Mantel, die aus dem Wetterhäuschen bei schlechtem Wetter
herauskommen, und von der gekrümmten Darmsaite gezwungen, sich herauswinden
müssen. Denn welche Schnecke bleibt nicht gern in ihrem Hause? Welcher
Fuchs ist so dumm, aus der Haut zu fahren, als wenn sie aufgeschnitten ist
und er gebrannt und geprellt wird. Der Mensch ist nicht dümmer als das
Vieh, aber _am Ende_ auch so klug und so tapfer. Ja der Zahnarzt, der
keinen Zahnarzt findet, nimmt sich in der Angst selbst einen Zahn aus, und
je weher er sich selber thut, je lieber er sich selber zur Thür
hinauswerfen möchte, je gewaltiger ruckt er an seinem Zahne, bis er
hinausfliegt. Kurz, hier schmerzen die Zähne, oder die Herzen. Herzensweh,
größtes Weh!« sprach er und schlug die Augen nieder. Meine Tochter auch,
die dem von Wohlwollen leuchtenden Jüngling mit feuchten Augen zugesehen,
oder zugehört -- ich weiß nicht.
Mein ehrwürdiger Prinz -- wollte ich sagen -- aber durfte nur sprechen: Sie
einziger, theurer Herr Leuthold, wie ungern gebe ich Ihnen Recht --
verzeihen Sie, es ist höchst unrecht und unanständig, vornehmen Leuten
Recht zu geben -- Furcht und Hoffnung treibt und jagt die Welt. Indeß, was
Jeder, oder was Alle hoffen oder fürchten, ist nach der Bildung des Geistes
und Herzens eines Jeden verschieden, und stuft sich ab von Brot bis zur
Freiheit, von Qual bis zu Kälberbraten und Salat. Indessen wäre es doch
höchst wichtig, selbst den Höchstwichtigen, zu wissen: was diese fliegenden
Fische oder Wettermännchen fürchten oder hoffen, oder hoffen _und_
fürchten. Wir wissen es so ziemlich gewiß, aber ob auch Diese? Doch das
Volk weiß Alles wahr und klar, durch handgreifliche Dinge, und beurtheilt
die Saaten und die Bäume nach Garbe und Frucht; die Graf Magnische Wolle,
Electoral- und Königlich-Spanische Wolle beurtheilt es aber blos nach dem
Rocke -- den es selber tragen kann!
»Rem acu tetigisti! Sie haben den Schaden mit der Sonde berührt, und er
schmerzt mich!« versetzte Herr Leuthold. Mein Schulmeister Tolera hatte
schon Bekanntschaft unter der Menschenheerde gemacht, und er zeigte uns
Studenten von verschiedenen Universitäten, die, wie er uns erzählte, statt
Doctoren zu werden, mit dem Gelde von ihren Ältern, theils ohne . . .
theils daß diese es wußten, und zufrieden waren, nach Amerika auswanderten.
Sie wollen auf einer Nordamerikanischen Universität studiren, oder drüben
Garten-, Vieh- und Menschenzucht betreiben, und haben sich schon die
haltbarsten, schönsten Mädchen hier ausgesucht, die ihnen die Ältern nicht
abschlagen wollen. Ich begreife gar nicht, wie aus altem Holze schon neue
Triebe wachsen, wie man auf der Reise an's Heirathen denken kann. Freilich
paaren sich Störche, Amseln, Kraniche und Schwalben, grade ehe sie
fortziehn -- wie die fortgeschickten Polen in Danzig alles von der Straße
wegheiratheten. So wundre ich mich nun nicht mehr so sehr. Vorhin war ein
Herr hier, der frug einen Professor, der auch mit auswandert: »Das sind
wohl eigentlich alles Pracken?« Gewiß, versetzte der Professor; aber es
bleibt dabei die Frage: ob sie geprackt worden, oder ob sie geprackt haben
-- alle Andern, alle Solche wie Sie, und Sie nicht ausgenommen. Dabei
kehrte er ihm den Rücken. Tolera brachte uns aber eigentlich nur die beiden
Knaben, die vorhin das Lied von der Schwalbe gesungen, und winkte sie
näher. Sie kamen, die gelben Strohhütchen in den wie zum Beten gefalteten
Händen, waren bildhübsch, und der Älteste, der Anselm, sprach: »Ach, liebe
Herren, Alle oder Einer, unser Vater ist blos über dem Wasser hier drüben,
in einer großen Stadt, die Kentucky heißt; unsre Mutter hat sollen
nachkommen, sie ist aber gestorben, und nun lacht uns jeder Schiffscapitain
aus, wenn wir ihn bitten: uns ohne Geld mit hinüber zu nehmen. Erbarmen Sie
sich, Einer oder Alle, unsres Vaters, der wird sich doch gar zu sehr
freuen! Ach, und das ist ein rechtes Unglück, man kann drüben nicht mehr
die Überfahrt abverdienen, wenn Einen der Capitain dafür auf ein paar Jahr
vermiethet, das hat der drübensche Congreß verboten! Ach, wenn der Congreß
uns sähe am Ufer stehen, er wäre ein barmherziger Amerikanischer Congreß!
Aber die Congresse sind so weit von uns, so unbarmherzig und hart und wie
blind, daß sie uns arme Kinder freilich nicht hier stehen sehen können!
Aber Sie sehen uns stehen, beste Herren! Oder wenn Sie kein Geld haben,
oder an uns nichts wenden wollen, befehlen Sie nur einem Capitain, daß er
uns mitnehmen muß! Schreiben Sie es mit ihm nieder, daß er mich drüben
verkaufen muß, für mich und meinen Bruder, den armen Schelm! Ich will Gutes
thun. Indeß wachs' ich noch größer. Und wenn ich meinen Vater erst in zehn
Jahren sehe, so sehe ich ihn doch einmal und mein Bruder auch.« Die Kinder
faßten vor Freude sich schon bei den Köpfen.
Master Erwin sagte uns, daß alle europäische Contracte in der Union gar
nichts gelten, und warnte uns. Meine Tochter schien ihn zu bitten, den
lieben Knaben die Überfahrt zu bezahlen, als sie der Prinz schon beide an
den Händen ergriff, und zu einem Capitain führte, der jetzt aus einer
Scheune kam. Ein sonnegebräunter, kerniger, hoher Mann im blauen Frack und
langen, weiß und roth gestreiften Hosen und Schuhen, einen dreieckigen
langen niedrigen Hut die Quere auf dem Kopfe, wie ein kleines schwarzes
Boot. Er gab jedem der Knaben darauf eine Karte aus seiner Brieftasche; und
ohne vor Freuden sich nur zu bedanken, sprangen sie fort und rissen vor
Eifer im Laufe andere Kinderchen um. Der Prinz kam still wieder zu uns.
Master Erwin, oder nun mit Gott denn: mein Schwiegersohn, hatte indeß ein
Gespräch mit mehreren Auswanderern angeknüpft, deren Einer ihn jetzt als
Amerikaner auf sein Gewissen frug:
Also freies Raff- und Leseholz können Sie uns gewiß versichern?
»Auf fünfhundert Jahr vor der Hand, meine ich.«
Der Kreis sahe sich froh an. Eine alte Frau rieb sich den Rücken und
seufzte: Da werde ich also nicht krumm und lahm geprügelt. -- Mein Gott!
wie bist Du doch gnädig da drüben über dem Wasser! Hier war es wie's war!
Und ein Anderer frug wieder: Herr, ich habe wegen Angeln und Krebsen vier
Jahr gesessen, und bin freilich ein Liebhaber, aber auch ein armer Teufel
-- wie steht es da drüben?
»-- Freier Fischzug in allen Flüssen und Seeen. --«
Der Mann machte eine besondere Geberde, die aber uns nicht galt, zog einen
alten Jäger herbei, und frug weiter: Der hier hat, als streng angewiesener
Grünspecht, einen oder ein paar Wildschützen erschossen, die einen Hasen
nicht haben herausgeben wollen -- ist dort Wildpret genug? Denn, lieber
Herr, wo jeder Bauer den Garten voll Pflaumenbäume stehen hat, da stiehlt
kein Kind eine Pflaume.
»-- Freie Jagd und Wildpret in Unzahl. Geflügel in Unzahl. Maisvögel,
Truthühner, Tauben.«
Da möchte man sich das Leben nehmen! seufzte der alte Jäger, dessen Augen
und Wesen deutlich verriethen, daß er dem Wahnsinn und einer schrecklichen
That an sich selber ganz nahe stand.
Aber Wiesewachs, Futter für die Kühe! Wie viel Stunden weit hat man wohl in
das Gras? und wächset auch welches?
»-- Liebe Frau, da wird ihr der Rücken nicht weh thun. Die Kühe hinaus! und
wenn Ihr hundert habt; und welche ihr melken wollt, die ruft Ihr bei Namen.
Aber einen Namen muß sie haben. So macht Ihr es auch mit Euren hundert
Schweinen, und Ihr ruft nur: Komm, laß dich schlachten! Ich lüge nicht, so
mach' ich es, so machen es tausend Nachbarn noch hundert Jahr . . . Ein
Pfaffe hat Europa verdorben, und das Schwein verdirbt Amerika. Haltet keine
Schweine, damit ihr keine Schweine werdet; denn auf dreimal Schinken den
Tag, setzet Ihr auch vielleicht dreimal Whisky und Rum.«
Ach Gott! nur zu Weihnachten ein Schweinchen! schmunzelte eine Frau.