genommen, aber die Nahen konnte ich nicht besuchen. Mein Gott, so sollte
ich sie denn hier lassen, dahinten auf immer! Sie sollten alt werden, Staub
werden, vergessen seyn! Wahrscheinlich, wie bisher, sahe ich -- wenn ich
blieb -- etwa nur Einen oder den Andern in Jahren, und noch zufällig
irgendwo auf eine Stunde! Aber es war doch möglich, daß ich zu ihnen
konnte, sie zu mir! Diese beglückende Möglichkeit schnitt ich mir nun ab.
Ach, die Möglichkeit! Die Menschen wissen gar nicht, was sie an der bloßen
Möglichkeit haben. Oder vielmehr, sie wissen es wohl, Alle überschätzen
sogar die Möglichkeit! Weil alles Gute, Freiheit, Friede, Glück, möglich
ist -- darum halten sie aus wie besessen, so lange es möglich ist, ja meist
noch länger, noch schändlicher. Diese Betrachtung stärkte mich recht, wenn
ich mit meinem Sohne durch die zwanzig Dorfschaften ritt, deren Ambassadeur
ich war. Wie sie so still vor den Thüren saßen, wie sie sich um mich
versammelten, die Greise, die Männer, die Weiber und Kinder, die Jungfrauen
und Junggesellen! Sie waren Alle ausgewurzelt mit dem Geiste, nur leicht in
Erde geschlagen, wie Bäume, die versetzt werden sollen. Aber es war auch
schon ein Geist über sie gekommen, wie ich ihn diesen Leuten nie zugetraut
hätte, sondern überhaupt nur der Welt und dem Gott, von wannen er ihnen
gekommen. Ja die Leute trösteten mich und drängten mich! In Frankreich
hatten die Pfaffen wieder einmal dem Volke den jüngsten Tag weiß gemacht
und angesetzt. Der Wirrwarr soll aus der Maaßen gewesen seyn. So konnte ich
auch an jedem Abend sagen: Ich habe heut seltsame Dinge gesehen. Wie vor
dem jüngsten Tage ging es auch hier zu -- und wer weiß, wie nahe er ist --
nur alles hier geordneter und zu einem vernünftigen Zwecke, wozu eine
besondere Thätigkeit nöthig war, kein Heulen und Zähneklappen und
Lippengeplärr. Fast Alles, was die guten Leute hatten, war auf die
Bedingung verkauft, verschenkt, ja durch Testamente vermacht an Andere,
Bleibende, Herziehende, wenn ich ihnen Nachricht sendete, Freudennachricht:
»Ihr Menschen kommt! Ich habe gefunden, was Ihr gesucht, seit Eure Väter
aus Indien gezogen, so viel tausend Jahre sie hier sich versessen, und am
Teich Bethesda gelegen, den kein Engel bewegt, geschweige ein schwarzer
Engel oder mehrere.« Sie betrachteten den Amerikaner, wie ohngefähr die
Peruaner einst einen weißen Sohn der Sonne, der zaubern könne. Und so
thaten wirklich seine einfachen, graden, wahren Worte, keine
Versprechungen. Selber der kleine Landesherr würde keinen solchen Eindruck
mehr auf sie gemacht haben, wie Er. Ich seufzte und schwieg. Mein Sohn ging
statt rothweltlich nunmehr wiederum schwarzgeistlich; auch den Schnurr- und
Schnauzbart hatte ich ihm im Schlafe abrasirt, versteht sich in Eil _nur_
ein Wenig davon, nur die Hälfte auf einer Seite, und die andere Hälfte
mußte er Schande halber am Morgen dann selbst cassiren. Alles Volk kam mir
auch wie von einem guten Vater jetzt so halb rasirt vor, und die Schande
des Halben wird alles Halbe nun selbst rasiren. Wie lange saß ich selber
nicht eingeseift! Ich ermahnte die guten Leute zu Geduld, und sie frugen
mich fast wehmüthig, ob sie nicht Geduld gelernt hätten, und nun eben erst
recht beweisen wollten dadurch, daß sie wegzögen? Ich hatte mich mit den
Anordnern von Auswanderungen in vielen andern Gegenden in Verbindung,
gesetzt; mit den sehr löblichen Anordnern und Versorgern der Auswanderer
aus der Schweiz, aus Würtemberg, aus Rheinbaiern, den Rheinprovinzen, aus
Hessen und Sachsen, und manches Gute erfahren, auch Bücher zugesandt
erhalten, viele von den Verfassern selbst; denn welcher Deutsche meint es
nicht selbst mit dem Teufel gut -- wie Klopstock mit dem bösen Engel --
geschweige mit Deutschen. Diese Bücher vertheilte ich nun in alle die
Dörfer so, daß sie wechselten und Jedes in jedem den Gemeinden an den
Sonntagen vorgelesen wurde. Als: Kromme's Reise durch die vereinigten
Staaten; Klinkhardts Reise nach Nordamerika; das herrliche: »Michigan«, ein
Wegweiser für Auswanderer; »Illinois«, ein Wegweiser für _Ein_wanderer;
(schön gesagt: _ein_ statt _aus_, denn wer auswandert, thut es eben blos um
einzuwandern) »Leben und Sitten in Amerika«; -- »Missouri, ein Wegweiser
für Einwanderer«; -- »Doctor August Neanders Richard Boxter«; -- »Kurze
Schilderung der Nordamerikanischen Staaten nebst ausführlichen
Vorsichtsregeln für Auswanderer, von Witte«; -- »Der Nordamerikanische
Rathgeber von Gerke«; -- »Der vollkommene Nordamerikaner, von Dalp aus
Bern.« (Das bis jetzt beste Buch von allen). Und so manche andere Bücher
und Charten. Auch hatte ich mir selbst eine enorme Charte der vereinigten
Staaten zusammengemalt, eine Specialcharte, illuminirt, so groß, wie ein
Scheuntenne, und auf ein Tenne ließ ich sie breiten, und mein bester
Schulmeister Tolera erklärte sie mit einem Rechenstiele den Zuschauern im
leeren Bansen. Abends fand ich gewöhnlich Handwerker mit ihren Weibern bei
mir; und selbst ein sonst immer betrunkener Schlosser war so
feierlich-nüchtern, so weiß gewaschen, verständig, so wohl gekleidet und
artig, voll vom Gefühl, daß sie nach Amerika wollten -- als wenn sie wegen
einer edlen That sollten zu einem König zur Tafel gehen, und bei mir Probe
äßen, denn ich behielt die guten Leute zu Tische. Meine Tochter Maria hatte
ihre Kleider, und Alles, was ich von Weiberhand bedurfte, selbst fleißig
gemacht und fertig. Die Mutter hatte keine Hand dabei angelegt. Mein Sohn
Marbod war in meine Stelle eingewiesen. Ihr ward noch kein Auge feucht.
Erst als ich am Auferstehungstage meine letzte Predigt gehalten, als ich
den Leuten das Abendmahl ausgetheilt und es selbst genommen, noch einmal
den lieben Ort, die versammelten Menschen, die Apostel über mir im Gewölbe
angesehen, und die Altarstufen hinunter gewankt und über die Gräber nach
Hause geeilt war, und meiner Frau um den Hals fiel, da glaubte sie mir --
denn sie war in der Kirche gewesen und, aus Wehmuth, vor mir nach Hause
geeilt. Als sie sich ausgeweint hatte, stand sie, düster zur Erde blickend,
glühend im Gesicht, und sprach zuletzt: »Das hätte ich nicht von Dir
geglaubt, daß Du mich verlassen würdest . . . .«
Und ich nicht von Dir, sprach ich gestärkt, und bat und drängte sie,
mitzukommen.
»Siehe,« sprach sie aufblickend, »soll ich es denn sagen? Wie elend haben
wir Jahre lang uns durchgebracht, wie schwer die Kinder erzogen! Denn was
Ältern jetzt auf Kinder wenden wollen, das müssen sie sich abdarben. Ihr
Geistlichen seid zumeist auf Korn und Hafer gesetzt -- auf Geld sitzt Ihr
nicht; höchstens auf den paar Groschen für Trauen und Taufen; zum Abendmahl
gehen Viele nicht, weil sie es bezahlen müssen -- und Korn und Hafer gilt
nicht, und von Brot lebt man heut zu Tag nicht -- und so haben wir
schändlich genug auf den Tod meiner alten Muhme, der Frau von Gaispitzheim
in Breslau, gewartet; aber heute lebt sie noch und sitzt auf ihren drei
Tonnen Goldes. Gehe ich nun . . . sterbe ich vielleicht, so bekommen unsere
Kinder Nichts! Und die armen drei Kinder müssen sich eben so plagen, so
darben und dulden wie wir. In Breslau liegt Amerika für mich! Also weil ich
redlich als Mutter denke, darum bleibe ich! -- Sprich nicht, ich bin kein
gutes Weib, oder gar: ich scheide mich von Dir. Du scheidest Dich ja auch
nicht von mir -- das weiß ich -- Du gehest nur! Ach, darum gehe, und gehe
getrost, und laß mich getrost. Nur Eins wäre schlimm, und ein schlimmer
Betrug, wenn ich bliebe und doch vor der Erblasserin stürbe. Dann gedenke
mein! Ich habe es gut gemeint.«
Darauf gab sie sich mir wieder hin. Ich fühlte ihre Nähe, ihr Glühen, ihre
Liebe, Ihren Besitz. Die helle schöne Sonne schien uns Beide an, wir hatten
zwei Schatten, aber Ein Herz für die Unsern -- _Wen_ wir jedes denn für die
Unsern hielten! _Wie_ wir es Beide denn gut mit ihnen zu meinen glaubten.
Und von ihren heißen Worten schmolz mein Verdacht, als bliebe sie nur weil
sie eine Adlige war, und sie wußte, daß ein Adliger eben grade viel weniger
in den Freistaaten gilt, als ein verständiger Bauer, und alle Europäische
Thorheit, wie türkische Pantoffeln vor dem Gotteshause, auf dem Strande von
Amerika abgelegt werden muß, wenn Jemand noch so halsstarrig gewesen, sie
nicht zu Hause abzulegen, oder auf der tausend Meilen langen Bußreise durch
die Meereswüste, und da sie Gott und Menschen, selbst Wallfischen und
Gestirnen abzubitten. Mir war also ein Stein _vom_ Herzen, aber ein anderer
_darauf_ gewälzt -- mit sehenden Augen, mit Liebe im Herzen, bei lebendigem
Leibe und vollem Verstande von meinem Weibe zu scheiden. Denn meine
Trennung war einer Scheidung wenigstens gleich! Aber ich hatte mein Wort
gegeben, ja meine Seele, das heißt: meine Überzeugung, und so schied ich
mich als Geistlicher mit den gebräuchlichen Worten von ihr; aber sie war
dazu vor mir niedergeknieet -- und ich knieete zuletzt auch zu ihr, und wir
hielten uns an den Händen und sahen uns an einander noch einmal satt. Da
hörten wir den Gustav Adolph gelaufen kommen. Wir standen gefaßt auf. Und
daß der Knabe bei der Mutter bleiben sollte, -- weil er wollte, war mir nun
lieb; denn sie blieb bei unserem Sohne Marbod, und wenn Dieser nun droben
über ihr in der Studirstube umher ging, konnte sie denken: Ich bin's. Bis
sie weinte und sprach, ach, Er ist es nicht, Der ist geschieden! Aber ich
will ihm alle Jahre schreiben zur Christbescherung und er schreibt mir, und
wenn die Dörfer nachwandern, wandre ich mit . . . . oder schiffe nach! --
Drauf saßen wir Alle vereint, die Henkersmahlzeit zu essen. Da ereignete
sich noch eine kurze Scene. Nun, da meine Mirjam mit weggehen sollte, jetzt
war es meinem Diakonus Bierey eingefallen sie zu heirathen. Er kam noch vor
Tische und hielt um sie an. Ich überließ die Antwort meiner Tochter, die
ihm Ja sagte -- wenn er mitgehen wollte. »In Amerika soll das
vortrefflichste Bier seyn,« sprach er, »auch Wein schon. Das lockt mich
sehr; aber dort bin ich von der Gemeinde absetzbar, und meine Einkünfte
hängen von der Vortrefflichkeit meiner Predigten ab -- und da man sich
auspredigt, und alle Jahre schlechter -- schlecht will ich nicht sagen --
so will ich doch in meinem Europäischen schwarzen Talar stecken bleiben --
so leid es mir thut, beste Maria! Nun heirathe ich in meinem Leben nicht,
denn es war nur so ein Einfall, aus Neid gewiß nur, denn das Lagerbier ist
noch zu jung und bekommt mir nicht. Also ein Einfall aus Neid, aus was Sie
wollen, nur machen Sie mich nicht lächerlich, daß ich derber Vierziger habe
heirathen wollen. Es würde mir schlecht gegangen seyn!«
Mit den letzten Worten meinte er seine bewährte Antipathie gegen die
Mäßigkeitsvereine, nicht gegen die verschiedenen trinkbaren Stoffe, wogegen
sie errichtet sind. In Amerika hätte er nun vielleicht gar an die Spitze
eines solchen Vereines treten sollen. Er mußte, als Dank von meiner Seite,
mein Gast seyn. Die Baronesse schickte mir zur Henkersmahlzeit mit den
Meinen sechs Flaschen edlen Wein; und schon bei der zweiten hatte er seine
neue Liebschaft über die alte vergessen. Was uns aber traurig überraschte
-- sechs sehr artige, liebe, wohlerzogene Jungfrauen, die Töchter des uns
bekannten, verarmten und als Wittwer begrabenen Eisengußwerkdirectors
Horazius kamen reisefertig, und baten mich, daß sie blos unter meinem
Schutze mitreisen dürften. Sie wollten sich ungekannt _drüben_ vermiethen
-- hier schämten sie sich. Sie zeigten mir ihre sechs kleinen Beutelchen
mit dem Gelde zur Überfahrt. Es ward ein Taufen angesagt; der Diakonus
empfahl sich uns allen und seinen lieben sechs Muhmen -- und wünschte uns:
glückliche Reise! Es ist kein Zweifel, wer das Sterben erfunden, der hat
auch das Abschiednehmen erdacht, es geschieht alle Tage auf der ganzen Erde
gewiß tausendfach, aber ich glaube hauptsächlich nur deswegen, daß der
Mensch recht empfinden soll, was er besitzt, besessen hat, und in Wahrheit
doch behält, sonst würde es bei allen bittern Schmerzen doch nicht zugleich
ja gar so selig seyn! »Wir behalten uns!« sprach ich schon immer im Voraus,
indem ich in der Stube auf und abging, bald meine -- ach was denn! _meine_
Kupferstiche ja nicht mehr -- an der Wand ansah, bald meine Mirjam, die,
auf dem Sofa sitzend, eine Hand der Mutter gegeben hatte, eine Hand ihrer
Jugendfreundin, der Baronesse. Darum ist mein zweiter Hauptrath zum
Auswandern: _Nehme Jeder alle die Seinen mit!_ Sonst scheidet er nicht,
nein, er schneidet sich entzwei, kommt mit dem verdrossenen Leibe drüben
an, und hat die Seele zu Hause gelassen. Wo _alle_ die Unsern sind, da ist
es zuletzt überall schön oder doch gut genug. Kinder aber scheiden noch
leicht und verlieren noch unbekümmert. Denn mein dummer Junge, mein Gustav
Adolph, malte lieber Ostereier, als daß er eine Viertelstunde neben mir
gesessen hätte, um meine letzten väterlichen Worte anzuhören! Kinder sind
Etwas, sind Viel -- und auch Nichts! Unsere Stube war voll vornehmes
Abschiedsgesindel, Gevattern, Pathen, Anverwandte. Alles Weltneugierige.
Die Menschen können Keinen sterben lassen, er muß ihnen wenigstens noch 12
mal 12 multipliciren; sie müssen ihn trösten, bedauern, vergeben, kränken
und zu rechte rücken; sie können Keinen scheiden lassen, sie müssen ihm das
Leben schwer und die Zunge leicht machen. Ich ging also indeß auch
Abschied, nehmen -- zu meinen Büchern. Hilf Gott! wie überfiel es mich da!
Ich weinte bitterlich! Aber sonderbar, wie ein Sterbender that ich einen
befreiten Blick über die armen Geister. Viel Freude ist in unsrer Literatur
nicht, das Meiste: Bedürfniß, Noth, Hülfe. Es ging mir ein Licht auf; ich
möchte sagen, ein bitteres. Kein Mensch schreibt mehr aufrichtig! Höchstens
ein Mediciner, ein Bohneneinsalzer. Keine Geographie, keine Geschichte ist
aufrichtig, was verdient Aufrichtigkeit genannt zu werden. Und da nun Jeder
anders fühlt und denkt, so seufzte ich schwer: Ach, mit der Aufrichtigkeit
stirbt die Treue, mit der Treue stirbt der Mensch. --
»Sind wir Menschen?« frug eine höhnische Stimme, wie der Teufel, hinter
mir, und ich sahe mich um. Aber nun auch, wie viel war ich los und warf ich
ab: zuerst alle Landcharten, Rußland, Türkei, Kirchenstaat, Spanien,
Portugal, selber Deutschland! Alle Journale fielen von mir ab, wie
angeklebte Bilder von einem als Bildermann maskirten Apotheker. Alle
Zeitungen, alle Kirchenzeitungen, denn nur noch eine Teufelszeitung fehlt
-- zerfielen in ihren deutschen Staub, Gott sei Dank! Ich war wie
neugeboren. Alle Philosophie, die zuletzt nur dem Papst den Pantoffel
flickte. Selbst alle Dichter. Und wie im Himmelsfeuer stand mir Göthe auf
seinem Tabor verklärt. Denn sonderbar, unser Matador, der manchen Stier
erlegt, unser Dichterfürst, was hat er wiederum in seinem besten, schönsten
Werk, dem Wilhelm Meister, anders angelegt -- und vollständig in den schwer
verkannten Wanderjahren gelehrt -- als _die Auswanderung! Die
Auswanderung!_ Derselbe, der Herrmann und Dorothee das einzig hülfreiche
Wort zur Zeit sprach: Dächten Alle wie ich, so stände die Macht gegen die
Macht auf, und wir erfreuten uns Alle des Friedens. Könnte man sich manche
Deutschen so dumm denken, daß ein Mann wie Göthe, genährt mit dem Mark der
alten Welt, und in Leib und Herzen und Geist das Mark der Natur, ein Mann,
der für sich gar herrlich wußte frei zu seyn, und sich aus Allem los zu
ringen, so vernagelt, so neidisch, so niederträchtig gelebt und gedacht,
nicht Allen Andern das zu gönnen, was ihm allein nichts helfen konnte? In
Amerika will ich ein Büchlein ediren »der Volksfreund von Goethe,« der
seine ungeheuren Worte frei machen soll. Ja, ich getraute mich, durch
Auszüge und Zusammenstellungen seiner schlagenden und erschlagenden Blitze
ihn gradezu auf eine der beliebtesten Vestungen zu bringen, wenn er nicht
sicher in der Fürstengruft ruhte. -- Sicher? -- Hat man nicht schon gesagt,
er werde wieder hinaus practicirt werden? Weil auch der Staub verschieden
sei . . . . weil auch noch die Feder der todten Taube sich vor der Feder
des todten Habichts krümme, also krümmen müsse. Fahret hin! sprach ich
lachend. Ich fahre auch hin. Aber zur Mitgift auf die Reise stach ich mit
dem Finger blind in ein Buch, dachte dabei an Amerika, blickte dann hin und
las mit Rührung die schöne tröstliche Stelle in Iphigenia:
»Denken die Himmlischen
Einem der Erdgebornen
Viele Verwirrungen zu,
Und bereiten sie ihm
Von der Freude zu Schmerzen
Tief-erschütternden Übergang;
Dann erziehen sie ihm
In der Nähe der Stadt,
_Oder an fernem Gestade_ --
Daß in Stunden der Noth
Auch die Hülfe bereit sei --
_Einen ruhigen Freund_.«
Ich küßte den Band und ließ ihn wie Honig in einem absterbenden Baume. Die
größte Aufgabe der Indier während ihres Lagers im sogenannten Deutschland
scheint mir die Läuterung des durch die herrschsüchtigen Neu-Römer
verfälschten Christenthums, und so nahm ich als reines Facit nur »D. August
Neanders Werke« und »Reinhards Plan Jesu« mit mir. Von weltlichen Büchern
aber ein Buch -- wozu ein Volk von Gelehrten gehörte, also die Deutschen,
und Jahrtausend alte und reiche Kenntniß es zu schreiben -- eine Bibliothek
in Einem Werke, mit einem Wort: die unschätzbare »Encyclopädie von Gruber
und Ersch.« Wenn einmal ein auf Welt-Unkosten reisender himmlischer
Regierungsrath, oder himmlischer geheimer Consistorial-Assessor käme, und
auf der Erde Schulexamen ihrer Kinder vorgehalten haben wollte, oder Adam
früge: wie viel wissen denn nun meine Kinder durch die Frucht vom Baume der
Erkenntniß; so thäte man füglich am kürzesten, dem Vater Adam oder dem
himmlischen Regierungsrath oder himmlischen Ober-Consistorial-Assessor die
Encyclopädie von Gruber und Ersch als Scriptum der geistreichen Kinder zur
Einsicht und Kenntnißnahme gehorsamst darzureichen. Und der Bericht an die
Weltregierung, das große Ministerium des wahren Cultus, würde glänzend
ausfallen.
Jetzt Abends brachten mir arme Bürger eine Musik. Ich weiß nicht, ich bin
bei allen Dingen standhaft, sie kommen mir alle noch weltlich,
oberflächlich, menschlich vor. Aber, so wie Musik erschallt, wie Klänge aus
der gewöhnlichen Menschenluft da draußen sich regen und hervorbrechen wie
rosige Blitze aus Wolken, und wie Donnergemurr und Gottes Rede aus Wolken
-- dann bin ich hin, dann bin ich erweicht, und die Geister machen mit mir
was sie wollen, und das Ereigniß erscheint nun geweiht, es geschieht nun im
ewigen schönen geheimen Leben; die Geister des Himmels wissen darum, sie
loben, sie preisen, sie verherrlichen es mit ihren Engelszungen, und nur
mit höchster Überwindung bring' ich's dahin, dazu und darein zu singen, und
wenn mir's gelingt, dann lebe ich mit in dem Leben der himmlischen
Heerschaaren! Und nun sangen sie gar: »Befiehl du deine Wege!« . . . und
mit erhöhter gewaltiger Stimme: »Und ob gleich alle Teufel hier wollten
widerstehn, so wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurücke gehn. Was Er sich
fürgenommen, und was Er haben will, das muß doch endlich kommen zu seinem
Zweck und Ziel!« . . . und das Kraftwort: »Mach' End, o Herr, mach' Ende an
aller unser Noth!« -- Da trat der General-Vormund mit meiner lieben
Lehrtochter, der Baronesse, zu mir Einsamen herein. Sie wünschten mir
Glück, sie empfahlen sich meiner Gunst und Vorsorge. Denn er übergab mir
2000 Guineen als Privateigenthum seiner Mündel, das in der englischen Bank
gestanden und den Gläubigern nie mit gehört habe -- nur die Baronie -- und
auf den Fall, daß sie den Gläubigern ganz gehören werde, sollte ich dem
armen Kinde reicher Ahnen, der jungen Baronesse, drüben wieder ein Stück
Amerika kaufen, so groß es für das Geld seyn werde und könne. Kaufen aber
sollte ich jedenfalls; »denn,« sprach der General-Vormund, »in Zeiten muß
Jeder für seinen Fall besorgt seyn. Vorsorge ist die wahre Sorge. Alles
Andere ist Kummer und Noth.« -- Dagegen versprachen sie mir, für meinen
Sohn alles Mögliche zu thun, und meiner -- Strohwittwe Freude zu machen,
die eigentlich nur um des geliebten Sohnes willen dableibe -- und die
Freysingen gab mir ihr Händchen darauf, aber sie zitterte, sie war erröthet
und ihre Augen schlug sie schüchtern nieder und ein Lächeln schwebte über
ihr Gesicht und -- ich segnete sie . . . . . wenn mein Vaterherz sie recht
verstanden hatte, und sie weinte.
»Ja, es ist ein Elend,« stöhnte der General-Vormund; »die alten Burgen
wäscht der Regen herunter, und auch alle die Herren _von_ -- »»die Herren
von Hab' und Gut«« -- führt der Himmel auch herab unter die
Menschenkinder.«
Am schwersten schien mir der Abschied von meiner alten lieben Großmutter,
die in dem Alter von 88 Jahren und staarblind in meinem Hause lebte, still
und ungemerkt. Aber er ward mir am leichtesten. Denn die gute Alte segnete
meinen Gang und sprach: »Du hast wohl einmal gehört, mein Kind, daß mein
jüngster Sohn August, um mich als Wittwe zu kränken, von mir gegangen ist
nach Amerika. Das hab' ich aus Rotterdam erfahren. Er war kaum Chirurgus.
Meine Augen waren immer schwach; er wollte mich heilen und sein Mittel
machte mich blind. Da stieß ich harte Worte im ersten Schrecken gegen ihn
aus. Er solle aus meinen Augen gehn! Ich wolle ihn nicht mehr sehn! -- Ich
will Sie nicht mehr sehen, meine Mutter; ich kann es auch nicht! sprach er
und floh. Mein Gesicht kam wieder. Er blieb fort. Nun bin ich blind! Nun
kann er kommen! So lange habe ich gelebt, ihn wieder zu sehen! Und gieb
Acht, er lebt noch, Du findest ihn! Ja, so lange sterbe ich nicht, bis er
kommt. Und Du kommst auch wieder, mein Sohn!«
Nach Allem endlich schliefen wir zum letzten Male im Hause zusammen. O das
letzte Lichtauslöschen! Das letzte Gute-Nachtsagen! Und die Glockenschläge
der alten Uhr vom alten Thurme! Und das letzte Tagabrufen des
Nachtwächters! O die Welt ist entsetzlich tief und schauerlich! Und das
Menschenherz ist sehr stark, und unzerreißbar von allen Erdbeben und
Stürmen, die unter Gewitterwolken es zittern und klingen lassen von
unbegreiflichen, hinreißenden Melodieen des Lebens. Und die Träume kamen;
die alten Träume, die weinenden, kamen lachend; und die neuen Träume, die
lachenden, kamen weinend! Und ich schlummerte ein wenig, und die Träume
weinten viel, aber die Thränen standen am Morgen _mir_ in den Augen. Und
ich dachte, so ist schon Hunderttausenden gewesen, in alten Tagen und
neuen! So wird noch Millionen seyn, so Gott will. Alle Thüren im Hause
standen offen, als ginge es auf einen großen Jahrmarkt . . . . ich jagte
noch unser Rothkehlchen hinaus in die Freiheit; ich lies den Zeisig aus dem
Gebauer in die Freiheit -- die Katze blieb und der Hund lief mit! Und
sonderbar -- ich schied von Nichts und von Niemand schwerer, als von
Jemand, den ich doch mit mir nahm -- von meiner Tochter! Wohl weil ich sah,
wie sie Mutter und Bruder und Heimath verlor. Man muß die Augen zumachen
wie ein Todter, den man hinausträgt, sprach ich zu mir. Mit offenen Augen
schiede er selber schwer! --
»_Du kommst wieder!_« sprach mein Weib zum Abschiedswort, und blieb fest in
der Hausthür stehen, »Komm' wieder, Vater!« sprach mein Knabe, und kroch
mir noch in den Wagen nach, um mich noch einmal zu küssen; -- denn ich
hatte Pfefferkuchen bei mir!