Nordöstlich vom Luftkurort Erlbach windet sich von der

tschechisch-slowakischen Grenze her der erlenbegleitete Schwarzbach

durch grünende Wiesen. Bergwände schieben sich ineinander. Lehnan

kleben vogtländische Holzhäuschen des Ortsteils Kegel. Am Fensterkreuz

fast jeder Wohnung hängt ein halbrunder Vogelkäfig, in dem der

blutrotbrüstige Kreuzschnabel turnt. Nicht nur seine Singe- und

Kletterkunst, sondern auch der Aberglaube macht den Vogel zum Liebling

des Volkes. Auch Julius Mosen, der Dichter des Vogtlandes, hat daher

den Kreuzschnabel in seinen Gedichten gern besungen.

Die ebereschengesäumte Straße führt an der Tannmühle vorüber. Ein

Leipziger Wohltäter stiftete sie und die schmucken Baracken als

Ferienheim für erholungsbedürftige Leipziger Schulkinder. Hier kann

sich Lunge und Herz in frischer, reiner Waldluft gesund baden.

Landesgemeinde nennt sich das Tal.

Am vorderen Floßteich steige ich empor und wandere auf halber Höhe

durch den Bergwald mit seinen ergreisten Fichten und altersgrauen

Buchen.

Drunten im Tale herrschte einst zur Schneeschmelze und im Herbste reges

Leben. Holzflößer waren tätig. Sie flößten auf dem Wasser die gefällten

Klötzer zur weißen Elster.

Bis vor zwei Jahren war aus jenen Tagen nur der vordere Floßteich

übriggeblieben. Von dem mächtigeren hinteren Floßteich jedoch zeugte

nur noch ein breiter Damm, über welchen der Weg nach Klingental führt.

Über den einstigen Teichgrund teppichte saftiges Wiesengras.

Vielen Bemühungen der vogtländischen Gebirgsvereine und der

tatkräftigen Förderung des Herrn Forstmeisters Müller in Erlbach gelang

es, den hinteren Floßteich wieder zu schaffen.

[Illustration: Abb. 2 =Erlbach i. Vogtl.= Floßteich im Landesgemeindetal

(Phot. Franz Landgraf, Zwickau i. Sa.)]

Endlich liegt er vor mir in der Tiefe, der kleine Gebirgssee, der wohl

weit und breit in seiner landschaftlichen Schönheit seinesgleichen

sucht.

Märchenhaft, am Ende des Landesgemeindetales, in einem Bergkessel

kräuselt sich im leichten Winde die glänzende Wasserfläche.

Ausgedehnte Fichtenwälder schauen neugierig hinein und wachsen im

Spiegelbild schier unergründlich in die Tiefe. Kein Menschenlaut,

kein Hupenton stört die Gottesweihe, die über den Wipfeln liegt, und

aus entschwundenen Tagen tauchen Sagen und Erzählungen empor, deren

Gestalten um diesen Bergsee geistern.

Ich träume hinein in die Zeiten, und suche dort die geschäftigen

Flößer!

Herbstzeit! Monatelang ist das Wasser gestaut worden. Jetzt gilts! Der

Zapfen wird gezogen.

Aus dem Munde des Teiches drängt eine Wassermenge mit ungeheurer

Wucht hervor, stößt auf getürmte Holzhaufen und schießt in haushoher

Wassersäule empor.

Wie ein wildjauchzender Aufschrei langgebannter Freiheit, die mit

ungestümer Macht den Weg zum Lichte gefunden, springt das Wasser empor,

zerstäubt und bricht weißschäumend wieder zusammen.

[Illustration: Abb. 3 =Erlbach i. Vogtl.= Tannenmühle (Phot. Franz

Landgraf, Zwickau i. Sa.)]

Die gewaltsam nachdrängenden Massen tosen, gurgeln, umtoben die

Holzscheite und suchen sich Bahn. In wenigen Minuten gleicht das kleine

Rinnsal einem wildreißenden Strome.

Der Holzstoß gerät in Bewegung. Von Minute zu Minute löst sich Scheit

um Scheit, und die Flößer weisen mit ihren Floßhaken den Hölzern die

rechte Bahn ...

Ein Büchsenschuß aus dem wildreichen Waldrevier reißt mich aus meinem

Sinnen. Und ich wandre heimwärts in der Abendkühle. Das rauschende

Wasser singt mir die Wandermelodie, und über die Wipfel gleitet sacht

ein letztes purpurnes Leuchten.

Die Birkgutlinde

Von _Kurt Nierich_, Kötzschenbroda

Von dem großen, gewerbfleißigen Dorfe Oberneukirch in der Lausitz

steigt die Landstraße über Ringenhain hinauf nach Steinigtwolmsdorf,

von wo aus sie als eine echte Paßstraße sich durch den Ort Hielgersdorf

nach Böhmen senkt. Wenn man die ersten Häuser von Steinigtwolmsdorf

erreicht hat, liegt an dem Hange, der das Tal gegen den Ostwind

schützt, das Birkgut. An dem Bauernhof wäre nun nichts besonderes –

es ist ein Haus im echten Lausitzer Stil, das Erdgeschoß aus Holz mit

den charakteristischen »Umbindern«, den Bogen, die zur Winterszeit mit

dem klar gehackten Holzvorrat vollgesetzt werden und so, teils als

Schutzwände gegen die Winterkälte, teils als Holzmagazin das große

Zimmer doppelt warm halten.

[Illustration: Abb. 1 =Die Birkgutlinde= bei Oberneukirch (Phot. K.

Nierich)]

Der Schmuck des Birkgutes aber ist die alte, mächtige Linde, die

davorsteht. Es ist einer der ältesten und gewaltigsten Bäume der ganzen

Lausitz, der bei seinem Alter auch die prachtvolle Schönheit als

Baumform bewahrt hat, wie man sie in dieser Vollkommenheit wohl selten

finden wird. Wie riesige Arme breiten sich die Äste aus, als wollten

sie Garten, Wiese und auch die fernen Felder des Birkgutes segnen. Und

hoch, gewaltig über den First von Wohnhaus und Scheune erhebt sich der

Linde Wipfel in die leuchtende Sonne, zugleich der beste Blitzableiter,

wenn die schwarzen Wetterwolken über die Höhe des Valtenberges gewälzt

kommen. Treten wir ein in den Schatten des Riesenbaumes! Wie ein

Kinderspielzeug steht der große Erntewagen des Birkgutbauern darunter

und Kinder, die im Lindenschatten spielten, erscheinen wie Zwerge,

die eben erst aus dem Geflecht der mächtigen Wurzeln entstiegen. In

den gewaltigen Stamm ist eine uralte Steinbank hineingewachsen, der

Baum hält sie fest. Wieviel Liebesworte mögen auf dem Steinsitz unterm

Lindenbaum geflüstert worden sein – wie wenig gehalten und erfüllt!

Oh, wenn der Baumriese erzählen könnte! Sah er wohl gar Verbrechen

unter seinen dichten Zweigen? Sicher aber sah er frohen Tanz, sah

jugendfrische Gesichter junger Burschen und Mädels, die noch nichts

von der schlechten heißen Luft des Tanzsaals wußten, die Korsett und

Stöckelschuhe noch nicht kannten, sondern dort tanzten, wo der Tanz

hingehört, hinaus in die Natur auf den Teppich grüner Wiesen oder unter

schattige Bäume.

[Illustration: Abb. 2 =Die Birkgutlinde= bei Oberneukirch (Phot. K.

Nierich)]

Von der Lindenbank hat man eine weite Aussicht über das ganze Tal

bis zu den fernen Feldern der jenseitigen Hänge. Gewiß sah der alte

Baum auch den Rat ernster Männer, hier wurde Ting gehalten, Recht

gesprochen nach uralten ungeschriebenen Gesetzen, die eben darum den

Leuten heiliger und ehrbarer waren. Der Raum, den die Zweige der Linde

überschatten in weitem Rund ist so groß, daß sich darunter eine ganze

Gemeinde, sie kann schon ziemlich zahlreich sein – versammeln könnte.

Wie oft mag wohl unter ihm fahrendes Volk gewohnt, genächtigt haben? So

ist das Leben in seinem bunten Wechselspiel in so mannigfacher Gestalt

zu Gaste gewesen unter der Birkgutlinde: Liebe und Glück, Recht und

Gesetz, Rat und Tat, Armut und Mangel, Not und Unglück, alles sah der

mächtige Lindenbaum!

Noch steht er frisch und stark, ein Wahrzeichen des ganzen Tales und in

seinen Ästen wohnen lustige Vögel, singen und schwatzen. Möge der Riese

noch lange stehen und zur Sommerzeit seine süßen Düfte wie Segen in das

Tal hinabsenden. Mir aber fallen Baumbachs Worte ein, die er von einer

alten Linde singt:

»Zehn Bären mit ihren Pranken

umspannen die Linde kaum!

Sie stand als Wacht der Marken

schon manches liebe Jahr,

als Asathor, dem Starken,

rauchte der Steinaltar.

Noch ladet tausend Immen

der Baum zum Sonnwendfest,

und süße Vogelstimmen

tönen in seinem Geäst.

Die Erdmännlein, die braunen,

pflegen ihn dienstbereit,

und seine Zweige raunen

Mären aus alter Zeit!«

Die Jagd auf den Eisvogel

Von _Paul Bernhardt_, Dresden

Welch wunderbarer Anblick, wenn der farbenprächtige Eisvogel wie ein

gleißender Funken über die vom Schnee umrahmte schwarze Wasserfläche

dahinschießt, bald grüne oder blaue Strahlen aussendend! Da packt es

den Kamerajäger und alles versucht er, diesen lebenden Edelstein im

Bilde festzuhalten. Vielleicht führt die Pirsch zum Ziele. Es gelingt

mir, den mürrischen Einzelgänger am Hochsitz zu belauschen. Den Kopf

tief eingezogen, sitzt er einem Kobold gleich auf dem überhängenden

Ast. Er ist ganz bei der Sache; all sein Sinnen ist aufs Wasser vor

ihm gerichtet. Und doch entgeht ihm nichts, ich darf mich nicht

bewegen. Plötzlich verschwindet er in den klaren Fluten und erscheint

mit einem Fischchen im Schnabel am selben Platze. Nun die drolligen

Schlingbewegungen. So einfach ist die Mahlzeit nicht, denn die

fingerlange Beute muß ganz verschlungen werden. Er wendet sie hin und

her, bis die geeignete Lage gefunden und dann verschwindet das oft

noch zappelnde Fischchen mit dem Kopf zuerst im Schnabel des Vogels.

Bei dieser anstrengenden Arbeit vergißt der Eisvogel alles um sich

her. Ich nütze die Gelegenheit, springe bis auf drei Meter vor, den

Apparat schußbereit. – Doch zu täppisch war die Jagd. Der Eisvogel

ist schon lange wieder bei Sinnen und fliegt mit lautem »tit tit« ab.

Die Pirsch war zwar interessant, aber von vornherein erfolglos. Man

versucht aber alles und fällt immer wieder rein. Nicht der Pirschgang,

sondern die Jagd am Anstand führt bestimmt zum Ziel und liefert die

ersehnte Aufnahme. Doch sie ist nur am Brutplatz möglich und bis jetzt

habe ich im Gebiet trotz eifrigem Suchen noch kein Brutpaar feststellen

können. Immer waren es nur Durchzügler, die im Herbste fischten. Nur

einmal begegnete ich einem Eisvogel während der Brutzeit. Es konnte ein

Einzelgänger sein. Und trotzdem behauptet der alte Teichwart von B.

steif und fest, er habe dort und dort den »Wasserstar« ganz bestimmt

im vorigen Mai die flüggen Jungen füttern sehen. Nur über das Nest

sei er sich nicht im klaren. Im Busche oder auf einem Baume könne es

nicht sein; vielleicht brüte er aber im Abflußkanal des Teiches, denn

dort sei er öfters herausgekommen. Mein alter Freund verstieg sich in

seiner Vermutung wenigstens nicht soweit, wie jener Fischer meiner

Heimat, der mir erklärte, der Eisvogel müsse unter Wasser brüten. Er

habe ihn oft tauchen und nicht wieder herauskommen sehen. Im Interesse

des Naturschutzes stimmte ich damals seinen Ausführungen zu. Er hat das

Nest jedenfalls nie gefunden. Doch mit meinem lieben Teichwart wollte

ich nicht so schnöde handeln, wenn er auch oft mitleidig seinen grauen

Kopf über meine ...geduld schüttelte. Ihm war ich dankbar.

Mitte April 1923 durchforsche ich die Gegend von »dort und dort«

gründlich nach einer Eisvogelhöhle, krieche unter großen Mühen in den

genannten Abflußkanal, lasse keine Erdwand ununtersucht – aber die

Nisthöhle bleibt verborgen. Auch läßt nichts auf die Anwesenheit der

Vögel schließen. Doch – dort! Der Felsvorsprung am Teichrand ist arg

bekalkt – der Ansitz des kleinen Fischers. Nun führt mich mein Weg

weiter weg vom Wasser, hinein in den Busch. Was liegt da vor meinen

Füßen? Ich halte ein weißes, kugelförmiges Gebilde aus Fischgräten

in meiner Hand, das »Gewölle« des Eisvogels. Also bin ich doch an

der richtigen Stelle. Dort in der Kieswand einer engen Schlucht, die

das Wildwasser gerissen, befinden sich zwei Niströhren. Eine davon,

hundertachtzig Zentimeter über dem Erdboden, ist bestimmt befahren,

denn feucht fühlt sich der Sand an und ganz deutlich erkennt man

zwei Laufrinnen, die der hineinkriechende Vogel hinterläßt. Die

vorspringende Baumwurzel und der große Stein sind stark bekalkt.

Weitere »Gewölle« liegen umher. All das sagt mir, daß dort drinnen

in der Röhre der farbenprächtige Eisvogel sitzt und seinem stillen

Brutgeschäfte nachgeht. Groß ist meine Freude über die Entdeckung. Mein

alter Freund, der Teichwart, hat doch kein Latein gesprochen; er darf

von meinem guten Tabak kosten! Jetzt ist mir auch die Aufnahme sicher.

[Illustration: Abb. 1 =Eisvogel mit Beute im Schnabel= (Phot. Paul

Bernhardt, Dresden)]

Vorsichtig nähere ich mich in den nächsten Tagen dem Nistplatz und

lenke Holzfrauen, Kinder, Naturbummler und sonstige Eindringlinge

durch allerhand Manöver von meinem Kleinod ab. Ausgerechnet am 1. Mai

höre ich zum ersten Male das grillenähnliche Gezirpe der Jungen in der

Niströhre. Nun ist aller Zweifel ausgeschlossen. Jetzt müssen sich

auch die Alten beim Füttern zeigen, und die Aufnahme kann vorbereitet

werden. Der »bekalkte« Stein ist günstig für mein Unternehmen; ihn

nimmt der Vogel an, ehe er zur Röhre fliegt. Er wird deshalb in eine

passende Lage gerückt. Ich gehe in Deckung und beobachte mit dem Glase.

Ein lautes Pfeifen ertönt, etwas Blauschimmerndes saust durch die

Schlucht und der schönste Eisvogel sitzt mit Beute im Schnabel auf dem

Stein. Von hier aus fliegt er zur Nisthöhle. Mein Versuch ist gelungen.

Morgen werden die weiteren Vorbereitungen fortgesetzt. Hacke und Spaten

werfen in der Kieswand eine Höhle aus, so groß, daß meine Kamera und

ich, allerdings nur in Hockstellung, gerade Platz darin finden. Achtzig

Zentimeter davon liegt der erwähnte Stein im hellsten Sonnenlichte. Ich

muß mich bei meiner Arbeit beeilen, denn schon melden sich die Alten.

Auf keinen Fall darf mein Eingriff sie vergrämen. Doch übelnehmisch

ist der Eisvogel nicht, ich kenne ihn von früher. Schnell wird die

Höhle mit Reisig zugedeckt. Ein großer Buchenzweig muß noch zur Seite

gebunden werden, denn sein Schatten fällt auf den Stein. Mit Freude

stelle ich aus weiter Entfernung fest, daß der Vogel füttert. Er hat

sich nicht stören lassen. Heute wird die Aufnahme noch nicht gemacht.

Ich lasse mir Zeit. Überstürzung schadet der Sache.

[Illustration: Abb. 2 =Junge Eisvögel= (Phot. Paul Bernhardt, Dresden)]

An einem schönen, sonnigen Maienmorgen ziehe ich voller Hoffnung hinaus

ins Jagdgebiet. Die Kamera und den bewährten Lodenhut im Rucksack. Wird

mir Weidmannsheil beschieden sein? Der befreundete Forstmann begleitet

mich; auch er hat Sinn für diese unblutige Jagd. Am Brutplatz ist

alles noch in schönster Ordnung. Die Jungen rufen nach Futter. Der

Apparat wird schußfertig gemacht. Schnell bin ich mit der Kamera in der

gegrabenen Höhle »verstaut«. Der Förster gibt sich die größte Mühe, mit

Reisig alles gut zu verblenden. Das kennt er ja von der Birkhahnbalz.

Bald verschwindet er und wünscht mir »Hals- und Beinbruch!«

Ich sitze in meinem Loch und warte der Dinge, die da kommen sollen, den

Blick immer auf den Stein vor mir gerichtet. Zehn Minuten vergehen,

zwanzig Minuten – noch meldet sich kein Eisvogel, wohl aber mein linkes

Bein, das gern in eine andere Lage möchte. Ich tue ihm den Gefallen,

doch da löst sich durch den Gegendruck eine Sandschicht an der Decke.

Wenn auch mein Lodenhut den größten Teil abhält, so kann er doch nicht

vermeiden, daß ziemlich viel Sand meinen Rücken herunterrieselt. Die

Sache fängt an ungemütlich zu werden. Auch den jungen Eisvögeln scheint

das längere Ausbleiben der Alten nicht zu behagen; ihr Gezirpe wird

laut und deutlich. Ich stelle trotz meiner nicht gerade glücklichen

Lage fest, daß einer mit sehr tiefer Stimme darunter ist. »Tit – tit«!

Das war der Alte. Jetzt größte Ruhe. Ausgerechnet gerade da machen sich

einige Mücken bemerkbar, die der Förster vergessen hat herauszujagen.

Doch alle Mißhelligkeiten sind vergessen. Ganz dicht vor mir sitzt der

in allen Farben schimmernde Eisvogel! Fast kann ich ihn greifen. Dieses

wunderbare Saphirblau – die zinnoberroten Füße, der silberglänzende

Fisch im Schnabel. Ich weiß nicht, ob mir der Leser dieses innere

Erleben nachfühlen kann. Mutter Natur spricht wieder einmal unmittelbar

zu mir. Ganz ergriffen sitze ich und staune und vergesse ganz den Zweck

meines Hierseins. Die Kamera erinnert mich daran. Der Vogel sitzt noch

fest, bewegt aber den Kopf hin und her. Ich schnalze mit der Zunge.

Er horcht und spannt. Der Verschluß wird gelöst, und die Platte ist

belichtet. Mit lautem Pfiff fliegt der Eisvogel ab. Ich verlasse rasch

meine Marterhöhle und den Brutplatz, um die Vögel nicht länger zu

stören. Am Himmel türmt sich ein Gewitter auf; schnell führt mich mein

Rad der Großstadt zu. Voller Erwartung entwickle ich die Platte. Bald

zeigt es sich: die Aufnahme ist gelungen! (Siehe Bild 1.)

Noch öfter war ich draußen, sah dem Treiben dieser prächtigen Vögel

zu, überraschte die Kleinen beim Ausflug (Bild 2), besah mir ihre

Kinderstube aufs genaueste und staunte nicht schlecht, als nach

vierzehn Tagen die Alten sich anschickten, in der zweiten Nisthöhle

wiederum fünf bis sechs jungen Eisvögeln das Leben zu geben. Im Juni

rufen auch dort hungrige Kinder nach Nahrung. Ein »Brummer« ist aber

nicht wieder unter ihnen.

Sollte es wirklich Menschen geben, die da sagen, der Eisvogel sei zu

verfolgen, weil er der Fischerei schadet? Diesen Krämerseelen zur

Beruhigung: Keine Schleie, keinen Karpfen, keine Forelle brachte mein

Eisvogelpaar, immer waren es wertlose Fischchen. Dafür bürge ich. Gönnt

ihm diese und beraubt nicht den Waldbach seines schönsten Schmuckes!

[Illustration]

Eiszeitliche Gletscherschrammen beim Teufelsstein

(Pließkowitz-Oberlausitz)

Von ~Dr.~ _Hans Stübler_, Bautzen

Schon früher einmal konnte ich die Leser der Mitteilungen des

Sächsischen Heimatschutzes zu einem geologischen Naturdenkmal unsrer

Lausitz in dieser Gegend führen, zu dem Quarzriff der _Zschemelschka_

bei Doberschütz, die nun durch das Entgegenkommen der beiden Besitzer

durch eine Tafel des Heimatschutzes als solches gekennzeichnet und

geschützt ist. Ich wandre gern in dieses Gebiet hinaus mit seinen

rundlichen Granitbuckeln, die aus der eiszeitlichen Schuttdecke dort

herausgucken und meistens noch eine Waldhaube tragen, wie z. B. die

bekannten _Kreckwitzer Höhen_, die auch in den Kämpfen vom Mai 1813

eine Rolle gespielt haben. Manche freilich sind ganz entblößt und der

Steinbruchsbetrieb hat sie angenagt. So wird z. B. der »feinkörnige,

aber durch große klumpige Mikroklineinsprenglinge porphyrische

Schwarzglimmergranit von Doberschütz (~Gt~φ₁)«, wahrscheinlich »ein

kleiner stockförmiger Nachschub in der großen Lausitzer Granitmasse«[3]

wegen seiner Härte dort gebrochen, ganz in der Nähe des »Lausitzer

Pfahls«, von dem die Zschemelschka ein herausgewitterter riffartiger

Rest ist.

Auch beim _Teufelsstein_, östlich davon gegen Preititz zu, sind

in einem grobkörnigeren, porphyrischen Lausitzer Granit, (~Gt~π)

der von zahlreichen Nordwest-Südost streichenden Grünsteinbändern

durchschwärmt ist, einige alte Brüche vorhanden. Wir aber gehen heute

zuerst nach dem rechts der Verbindungsstraße Pließkowitz–Kleinbautzen

gelegenen, auf dem Blatt Baruth–Neudorf der Geologischen Spezialkarte

des Freistaates Sachsen mit »Bauers Berg« bezeichneten Rundhöcker des

~Gt~φ₁. Dort liegt ein Flankenbruch, an dessen östlichem Rande letzthin

ein etwa neun Quadratmeter großes Stück zur Erweiterung des Bruches

frisch abgedeckt worden ist. Die dünne Schuttkrume aus Lößlehm, vom

Besenstrauch (~Sarothamnus scoparius (L.) Wimm.~) und zahlreichen

Brombeerbüschen durchwuchert, ist zur Seite geworfen worden und

darunter sind an den Kanten der Granitbänke sehr deutliche, fingertiefe

Schrammen zu sehen, wie sie unsre Abbildung, von Herrn Studienrat

Kaubisch in Bautzen trefflich aufgenommen, zeigt. Sie verlaufen hier,

an der Nordseite des Granitbuckels, der Stoßseite der Eisströme der

Diluvialzeit, gelegen, alle gleisig etwa Nord 15° Ost bis Süd 15° West.

Das stimmt sehr gut mit der Richtung der vom verstorbenen Prof. ~Dr.~

Beyer, Dresden-Plauen, bei Demitz einst entdeckten Glazial_schliffe_

überein, die mit Nord 18 bis 20° Ost bis Süd 18 bis 20° West bestimmt

wurden, nur daß es sich _hier_ nicht um blank geschliffene harte

aplitische Adern im Granit, sondern um ziemlich tief von den im

Eisstrom mitgeführten, harten nordischen Geschieben in den Granitit des

Rundhöckers eingegrabene Schrammen handelt. Durch dieses am zweiten

September 1923 auf einer Wanderung von mir aufgefundene Zeugnis

des Eisschubs längst vergangener Tage ist die bucklige Landschaft

zwischen Kreckwitz–Doberschütz–Pließkowitz–Preititz–Kleinbautzen als

eine _eiszeitliche Rundhöckerlandschaft_ von ausgeprägter Eigenart im

Vorgelände unsrer Lausitzer Granitberge erwiesen. Sie kann sich mit der

von Kamenz im Spittelforst und bei Jesau, die Beyer mit dem Anblick

einer skandinavischen Schärenlandschaft verglich, mit der zwischen

Jauer und Wendisch-Baselitz, zwischen Schmeckwitz und Krostwitz, bei

Maltitz, Loga und Luppa durchaus messen; ja sie hat vor ihnen vieles

voraus. Vor allem kann hier nun der Beweis der Bildung durch die

darüber hingleitenden Eismassen dem Wandrer vor Augen geführt werden,

solange nicht der Steinbruchsbetrieb oder die Wettereinflüsse, denen

der bloßgelegte Teil nun ausgesetzt ist, das Schrammenfeld beseitigen.

[Illustration: Abb. 1 =Der Teufelsstein= bei Pließkowitz (Oberlausitz)

Aufnahme von Berta Zillessen, Bautzen]

Ein zweites aber ist die reizvolle Umgebung dieses geologischen

Naturdenkmals. Wir wandern nun hinüber zum _Teufelsstein_. Mitten aus

den im Mai-Juni schwefelgelbleuchtenden Besenstrauchbüschen ragt er

wie ein riesiges Hünenbett auf. Sein Name deutet schon darauf hin, daß

die sonderbare Felsbildung wohl schon in vorwendischer Zeit kultischen

Zwecken gedient haben mag; denn als das Christentum seinen Einzug in

diese Gegend hielt, verkehrte es die alten Götternamen der »Heidenzeit«

hier wie anderswo regelmäßig mit folgerichtigem Abscheu in den des

Teufels. Und erklettern wir die großen, gewaltigen Blöcke, so erkennen

wir, daß hier auch _gewaltsame_ Zerstörung das alte »Heidenmal«

vernichten wollte. Die große Deckplatte ist mit Hebeln offenbar zur

Seite gedrückt und gewaltsam zerbrochen worden, aber es ist nicht

gelungen, die beiden ovalen, bestimmt künstlich hergestellten, etwa

waschschüsselgroßen Becken im Granit ganz zu beseitigen, wie sie uns

z. B. von den Deckplatten der Gräber aus der Steinzeit, den »Dösen«

von Bohuslän in Westergötland, beschrieben werden. Vielleicht deuten

auch einige eingemeißelte kleine Kreuze auf der Oberfläche darauf hin,

daß hier einem alten »Heidenteufel« sein Heiligtum gründlich verekelt

werden sollte, daß er dem neuen gewaltigen Christengott für immer

weichen mußte.

[Illustration:

Nord Süd

=Eiszeitliche Gletscherschrammen auf dem Granit= (~Gt~φ₁) =eines

Rundhöckers beim Teufelsstein= (Pließkowitz, Oberlausitz)

Aufnahme von Studienrat Oskar Kaubisch, Bautzen]

Das Volk erzählt sich freilich, daß der Teufel jene mächtigen

Granitblöcke vom Czorneboh her, der im Süden herüberblaut und an

dessen Flanken ja wirklich ein gewaltiges granitisches Blockmeer

lagert, hierhin geschleudert habe. Er wollte, voller Wut über den Bau

des freundlichen Kirchleins von Malschwitz, das von Norden mit seinem

weißen Turm aus der seenreiche Aue der Spree herübergrüßt, das ihm

unbequeme neue Heiligtum zertrümmern! Aber seine Kraft reichte nicht

mehr aus, die Riesengeschosse blieben _vor_ dem Ziele liegen – und

bilden nun den Teufelsstein bei Pließkowitz.

Wir aber halten – ohne Furcht vor dem gehörnten Gottseibeiuns – dort

oben friedliche Rundschau, steigen dann herab, gehen vorsichtig durch

die Besenstrauchwildnis; denn Hunderte von wilden Kaninchen haben den

Lößlehm hier durchwühlt und Fallöcher für unsern Fuß gebaut, wie an

all den andern »Rundhöckern« ringsum. »Kröck, kröck« – warnt ein Fasan

aus dem Brombeergeheck, als wir in südwestlicher Richtung, zum Teil

auf Rainen, durch die Rundhöckerlandschaft mit ihren kleinen Wäldchen

Bautzen wieder zustreben – und Rehe treten aus und äsen auf den Feldern.

Bei Doberschütz erreichen wir die Straße. Hinter den letzten Häusern

zweigt ein Feldweg ab, der uns in eine Reihe von Kiesgruben führt. Dort

ist der nordische Moränenschutt der Eisströme noch sehr gut erhalten

und erschlossen, der jene Schrammen am Teufelsstein mitschaffen

half. Außer ziemlich großen Brocken unsers Lausitzer Granites und

der am Nordsaume des Granitmassivs noch heute restweise erhaltenen

Kieselschiefer, Quarzite und Konglomerate des alten Deckgebirges stoßen

wir auf große Blöcke rötlicher schwedischer Granite und Gneisgranite,

Porphyre, Quarzite, vor allem aber auf Feuersteine, in denen oft

Kieselschwämme und Seeigel (~Cidaris~) eingeschlossen sind.

Fußnoten:

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XII, Heft 10-12 · 第 4 / 6 段