seine Gedanken fort), daß das Schanzenfeld seinen Namen nicht erst
von Befestigungen im Siebenjährigen oder Dreißigjährigen Krieg
erhalten habe, sondern von einer ehemaligen Sorbenschanze, einer der
Fliehburgen aus slawischer Zeit, die den Umwohnern der ganzen Gegend
in kriegerischen Zeiten als Zuflucht dienten. Indessen müßten hier
erst noch besondere Untersuchungen Klarheit schaffen. Er wollte sich
danach umtun und überhaupt mit der Geschichte der Flur etwas näher
befassen. Die Nauländer und wohl auch die Folgen waren voraussichtlich
Fingerzeige für die ursprünglich begrenztere Ausdehnung der angebauten
Fläche und ihrer späteren Erweiterung; denn Nauländer war bloß
eine mundartliche Form für Neuländer, namentlich in Gegenden, die
von Rheinfranken, Hessen und Thüringern besiedelt worden waren,
und Folgen sind nicht nur, wie Knothe in einem besonderen Aufsatze
nachzuweisen versucht hat, »Pertinenzstücke«, kleine Grundstücke,
die zu einem anderen gehören und diesem rechtlich »folgen«, obwohl
sie getrennt davon liegen, sondern überhaupt Ländereien, die zu der
fest begrenzten Mark nachträglich hinzugekommen, ihr gefolgt sind. So
ungefähr hat es, wenn er sich nicht irrte, Mucke einmal ausgedrückt,
und andere Forscher, wie von Bötticher und Seeliger, waren wohl
ähnlicher Ansicht. Freilich sicher war die Sache nicht, so wenig wie
die Erklärung des unendlich oft vorkommenden Flurnamens die Scheibe,
worunter man bisher immer Grundstücke von runder Gestalt oder hoch
gelegene ebene Flächen verstand. Aber erst kürzlich (fiel ihm ein) hat
Remigius Vollmann, der eifrige Vorkämpfer für die Flurnamenforschung
in Bayern, auf die Möglichkeit anderer Deutungen aufmerksam gemacht.
Gestützt auf die Beobachtung, daß die Scheibenörtlichkeiten an Wege-
und Flußkrümmungen liegen, neigt er der Ansicht zu, daß das Volk
Scheibe oft bei der Benennung von Örtlichkeiten im Sinne von Drehung,
Biegung, Straßenkrümmung braucht, ähnlich wie Kehre, Reibe, Rank,
wozu die volkstümlichen Redewendungen wie »der Weg macht a Scheibn«,
»dort fahrt man um d’ Scheibn«, »da geht’s scheibum« gut passen.
Gleich morgen wollte er noch einmal Vollmanns Flurnamenarbeiten in
den »Heimatstudien« nachlesen, die der Bayrische Landesverein für
Heimatschutz herausgibt. Vielleicht fand er da auch zusammenfassende
Angaben über die Fürstenwege, die sehr verschieden gedeutet werden,
einzig richtig aber wohl als Wege zu betrachten sind, die in erster
Linie zum Gebrauche für den Hof angelegt wurden. Wenn man nur
immer gleich wüßte, wo nachsehen in all den vielen Druckschriften
über Flurnamen, die in seinem Arbeitszimmer stehen. Ein guter
Namenweiser durch die Flurnamenliteratur, das wäre etwas, was
die Flurnamenforschung vor allem brauchte! Aber wer sollte diese
Riesenarbeit leisten?
Vor allem (so überlegte der ganz in seine Flurnamen vertiefte
Wandersmann weiter) wollte er sich auch noch bei Hey, Mucke, Meiche
und anderen wegen der slawischen Flurnamen, auf die er heute gestoßen
war, Rat holen; denn auf diesem Gebiete war er zu wenig Fachmann. Die
Klinke, das entsann er sich, bedeutet so viel wie »kleines Lehmfeld«.
Da mußte es ein slawisches Wort ~klinka~ oder ~glinka~ geben. Und
Krutschen, verstanden darunter die Slawen nicht »kurze Ackerbeete«?
~Čihadlo~, wovon Tschihädel gebildet war (das wußte er ganz genau),
hieß der »Vogelherd«, eigentlich »Zeisigfang«. Auch wegen Gurke und
Lauchwiese mußte er noch einmal nachsehen. Das Feld, die Gurke konnte
unter Umständen auch seinen Namen vom slawischen ~górki~, die kleinen
Berge, haben, und Lauch konnte mit ~ług~, Wiesenbruch, sumpfige Wiese,
zusammenhängen.
Hopla! Ein Stein, der im Wege lag und ihn beinahe zu Falle und die
sorgsam in der Aktentasche geborgenen Eier in Gefahr gebracht hätte,
ließ ihn aus seinen Gedanken auffahren. Donnerwetter, da tauchten doch
schon ganz nahe vor ihm die Türme der Stadt auf. Die Zeit war ihm
im Fluge vergangen. Er mäßigte seine Schritte. Langsamer strebte er
seinem Haus und Herde zu, denen er sich so unvermerkt genähert hatte.
Stillvergnügt pfiff er »Im Wald und auf der Heide« vor sich hin. Wie
wahr! Hier fand er wirklich seine Freude, wenn auch anders, als der
Feld-, Wald- und Wiesen-Jägersmann, er, der auf das Edelwild der
Flurnamen jagte.
Während er sich so heimtrottend mit den Namen beschäftigte, saßen Oskar
Mästegans und sein alter Freund Karle in der Kneipe und vertieften
sich, da niemand weiter am Stammtisch erschien, in die beiden
Schriften, die ihnen der Archivar dagelassen hatte, und staunten, was
außer der Landwirtschaft noch alles im Lande getrieben wurde. »Hm
(meente der Karle schließlich), das mag ja alles ganz gut und scheene
sein, aber viel Zweck hat’s dorum doch nich.« – »Nu nee (widersprach
ihm da sein Freund Gemeindevorstand)! Do bin ich doch ganz andrer
Ansicht als wie Du. Die Nam’ sein gut. Mer mechten se nich hergeben.
Wenn se aber erhalten bleiben sullen, dann muß de Menschheet erscht
wissen, wieso und warum se dasein un was se zu bedeiten ham. Dann
wern se se ooch achten! ’s wird itze immer so viel von Heimatschutz
geschwafelt. Das geheert weeß der Hole ooch d’rzu!«
Fußnoten:
[2] Von den »Ratschlägen« und der genannten Schrift
steht eine beschränkte Anzahl für solche, die der
Flurnamenforschung ernstlich nähertreten wollen,
unentgeltlich zur Verfügung. Man wende sich deswegen und
wegen sonstiger Flurnamenangelegenheiten an Herrn ~Dr.~
Beschorner im Hauptstaatsarchiv, Dresden-N., Düppelstraße
14. Das Flurnamensammeln betrieb bisher zusammen mit
der Sächsischen Kommission für Geschichte der _Verein
für sächsische Volkskunde_, der seit vorigem Herbste
mit unserem Heimatschutzvereine verschmolzen ist. Der
Volkskundeverein brachte 1904 in seinen Mitteilungen
III. Jahrgang S. 197–248 einen allgemein aufklärenden
Aufsatz »Unsere Flurnamen« (als Ergänzung dazu den Aufsatz
»Zwei neu entdeckte Flurnamenquellen« Seite 365–369) und
berichtete von da ab regelmäßig über die Fortschritte,
die das Sammeln der Flur- und Forstortsnamen in
_Sachsen_ machte (bis 1921 zweiundzwanzig Berichte).
Was gleichzeitig _im ganzen deutschen Sprachgebiete_
geschah, ist genauestens in den acht Flurnamenberichten
verfolgt, die das _Korrespondenzblatt des Gesamtvereins der
deutschen Geschichts- und Altertumsvereine_ 1904 bis 1923
veröffentlicht hat, beginnend mit dem eingehenden Vortrage
»Das Sammeln von Flurnamen« im 52. Jahrgang Spalte 3–18.
_Die Bitte um geldliche Unterstützung des großen
vaterländischen Unternehmens sei hier nochmals dringlichst
wiederholt._
Der Herausgeber.
Weihnachtsdörfer
Von _Edgar Hahnewald_
Schneeverhüllt liegt Sayda auf der Kuppe. Die Gleise der Kleinbahn
enden vor einem verschneiten Prellbock, wie vorgetrieben an eine
äußerste Grenze, hinter der es nur noch weiße, einsame Flächen und
weiße Wälder im Flockenwirbel gibt.
Die Schneedächer der kleinen Stadt bauschen sich weiß und rein
zwischen dem trübgrauen Himmel und den gelblich fahlen Häusern.
Lautlos wimmeln die Flocken. Rieselnde Schleier sinken unaufhörlich
auf das Städtchen nieder, bis es ganz verhüllt und in der bleichen
Schneedämmerung versunken sein wird. Schattenhafte Menschen huschen
hinter den Schleiern dahin, ohne Wissen umsponnen von der lautlos sich
vollziehenden Verzauberung einer kleinen erzgebirgischen Stadt, aus
deren Schornsteinen dünner, durchschneiter Rauch wie entweichender
Hauch aufsteigt.
* * * * *
Die stallgelben Schimmel traben mit einanderzugewendeten Köpfen vorm
Bauernschlitten. Die Schellenbehänge klingeln hüpfend durch die weiße,
rauhbereifte Landschaft. Der Kutscher sitzt, in seinen Schafpelz
eingeduckt, schräg zum Gespann, um das Gesicht dem schneidenden Winde
und dem Schneetreiben zu entziehen. Die Flocken stürzen sich wie kalte,
spitze Mücken in die Augen. Bereifte Wälder ziehen als graugrüner Rauch
über einsame Schneeflächen.
Dann fällt die Straße ins geschützte Tal. Die Flocken rieseln still.
Wie hinter getupftem Mull liegt Schloß Purschenstein zart gelbgrau
und weiß inmitten des winterlichen Parkes. Die Flöha rauscht schwarz
zwischen weißen Ufern.
Aus dem Tale steigt die Straße langsam in großen Kurven zum Kamme
hinauf. Quer über die Straße, über Eis und verharschten Schnee
laufen spitze Schneedünen wie Pfeile, mit denen die weißen Winde die
eigne Richtung und Schärfe markieren. Hohe Horizonte schweben hinter
Flockenschleiern.
Über weißen Wällen ragen Schneezäune. Einsam sinkt der graue Himmel
hinter den schwarzgefügten Planken nieder.
* * * * *
Auf dem Kamme, siebenhundertvierzig Meter hoch im Reiche der weißen
Winde, stehen vier kleine beschneite Häuser an der verwehten Straße.
Eines davon ist ein Gasthaus. Diese vier Häuschen und vier andere, die
sich seitwärts in einer Falte der weißen Hänge verbergen – das ist
Heidelbach.
Man sieht nur diese vier. Weißer Wald zieht aus Winternebeln heran.
Schneeflächen entschwinden in grauweißer Luft.
Es wirkt wie eine Kühnheit, in dieser winterlichen Einöde zu hausen,
wie eine freiwillige, stumme Verbannung. Und selber kommt man sich wie
verirrt vor, nun der Schlitten vor dieser verwehten Gasthaustür hält
und wir ihm steif gefroren entsteigen.
* * * * *
Einige Stunden später schon fühlt man sich gastlich aufgenommen in den
Kreis des Familienlebens, in die ländliche Gemeinschaft von Mensch und
Tier, die der Gasthof in winterlicher Einsamkeit umhaust. Man spürt
die Fäden, die von drinnen nach draußen und von draußen nach drinnen
führen, spürt Krieg und Frieden des Lebens auch in dieser Einsiedelei.
Der Mann verbringt Stunde um Stunde im Stalle. Die schönste der drei
Kühe, eine gelbe Simmentaler, liegt röchelnd im Sterben. Der Wirt hegt
und pflegt sie. Nachts steht er auf, um nach ihr zu sehen. Das Messer
hat er für alle Fälle bereit liegen. Die Kameraden der Gelben, zwei
schwarzweiße Schecken, raufen das raschelnde Heu. Ein dunkelgraues Kalb
reckt an jedem, der ihm nahekommt, den Hals wollüstig auf. Es will an
der Kehle gekrault sein. Die Gelbe hat den schönen Kopf mit den weißen
Löckchen zwischen den Hörnern ergeben ins Stroh gewühlt. Die weißen
Wimpern senken sich über die Augen. Wie ein sterbender Mensch, geduldig
und wehrlos, liegt das Tier da. Dumm und schuldlos scharren und picken
die Hühner neben dem Kopf der Kuh im Dung.
Drei Tage später hängt die Gelbe geschlachtet am Scheunenbalken. Ihr
Blut rinnt rauchend hinaus in den weißen Schnee. Die abgehackten
Vorderfüße lehnen wie ein Stiefelpaar an der Holzwand. In der Gaststube
schreibt der Tierarzt den Befund bei einem Schnapse nieder. Der Wirt
sitzt in der Küche, die Ellbogen auf die Knie gestützt, die Hände
ineinander gelegt. Es sind Hände, denen eine Mühe soeben abgenommen
worden ist, Mühe, die vergeblich war.
Zwei Katzen sind da. Weiße Katzen mit schwarzer, gelber und grauer
Zeichnung. Die kleine hat ein unschuldig-liebes Gesicht – so stellen
sich vielleicht die Katzen ihre Engel vor.
Lore, die Schäferhündin, geht erwartungsvoll umher und schaut mit
großen, feuchten Augen jeden an. Am Tage unserer Abreise warf sie
kleine, schwarze Hündchen. Blind und winselnd drängten sie sich an die
Mutter.
Gäste kommen und gehen. Schneeschuhläufer, Fuhrleute, der
Landbriefträger. Die Wirtin ist da und dort, sitzt bei uns, lacht,
erzählt Geschichten, hätschelt die Katzen, klagt um die Kuh, schmückt
den Weihnachtsbaum, und wenn wir uns auf unsre schneenassen Schuhe
besinnen, hat sie die Trittchen längst auf den Ofen gestellt.
* * * * *
Draußen raucht der Schneesturm. Die weiße Landstraße saust, in
fliegenden Schneestaub aufgelöst, hinter den kleinen Fenstern vorüber.
Es gibt keine festen Formen mehr, alles ist weißer, zischender
Schneerauch, aus dem sich ein kalter, unbestimmter Himmel erhebt.
Kahle Geäste schwanken in weißen Wolken, die gespensterhaft durch die
Dämmerung und dann durch die schwarze sausende Nacht fliegen.
Um Tür und Zaun wächst aus dem Zischen die Schneewehe mannshoch.
Der Grog dampft in dicken Gläsern. Sein heißer Hauch mischt sich mit
dem Weihnachtsdufte des Stollens. Hilde, die kleine Wirtstochter,
bringt den Räuchermann auf den Tisch, zündet ein rotes Räucherkerzchen
an und setzt es dem rot berockten Türken mit Turban und gelben
Husarenschnüren in den hohlen Leib. Nun pafft er mit unsren Pfeifen um
die Wette. Dann, damit der Türke nicht verbrenne, setzt das Mädel das
Räucherkerzchen auf einen Bieruntersetzer aus Steingut. Und wir alle
sehen zu, wie es verglimmt und leise zu feiner, weißer Asche zerfällt.
Der Mensch liebt die Gesellschaft, und sollte es auch nur die von einem
brennenden Rauchkerzchen sein. Georg Christoph Lichtenberg schrieb das.
Würziger Duft steigt mit den feinen Rauchfäden auf. Es riecht
katholisch, nach Weihrauch. Eine Erinnerung an die Messe im Dom zu
Passau taucht auf.
Passau, der Inn, die Donau – das war im Juni ...
Draußen, in schneebleicher Nacht, fegt der Schneesturm über das weiße
Erzgebirge.
Dann kommen blanke Tage. Ein blauer Himmel, leicht und durchsichtig
ins Unendliche erhoben, strahlt über der weißen Landschaft, deren
windgerillte Flächen wie Seide glänzen. Die Straße steigt nun über
mannshohe Schneeberge auf und ab, so hoch hat der Sturm die Wehen
gebaut. Die Fichten stehen daunig beschneit und bereift mit weißen
Fittichen. Schneebelaubte Buchenwälder jenseits des Tales liegen
im Goldglanz der Sonne. Sie schimmern wie hohe, ferne Länder, wie
aufsteigende Inseln über weißen Fichtenwäldern.
Die kahlen Ebereschen an der Straße hat der Rauhreif verwandelt.
Als weiße, unaussprechlich zarte Stickerei breiten sich die feinen
Gezweige vor dem fernen Blau des Himmels aus. Weiß, mit zartknorpeligen
Verästelungen und gerundeten Spitzen verkreuzen sich Äste und Zweige
wie die ineinandergewirrten Geweihe weißer Renntierherden einer
Eisprinzessin. In einem weißumflorten Bäumchen vorm Hause sitzen vier
aufgeplusterte Zeisige, vier gelbe, in der Sonne leuchtende Früchte.
Über weiße Hänge und Ebenen weithin verstreut, in weißen Tälern lang
aufgereiht, liegen die Dörfer: Heidelbach und Einsiedel, Heidelberg und
Oberseiffenbach, Seiffen und, nach langer Wanderung über windgeglättete
Höhen, das böhmische Katharinaberg wie ein aufgestelltes Spielzeug
auf steilem Hügel, mit einem kleinen Marktplatz, in dessen Mitte ein
Heiliger seinen besternten Goldreif über einer Schneekappe trägt.
In den Gaststuben Böhmisch-Einsiedels sitzen an den Feiertagen fröhlich
gedrängt die Seiffener, Spielzeugschnitzer und Handelsleute, mit
ihren Frauen. Sie trinken das schaumflockige böhmische Bier, essen
heiße Extrawurst mit Kren und zahlen mit rosa und blaugefärbten
Kronenscheinen. Das böhmische Schankmädel packt uns leckere
Fleischwurst zum Mitnehmen in die Weihnachtsnummer des Brüxer
Tageblattes ein. Bei seinem Wurstpaket sitzt man noch lange, trinkt
helles Bier und hört um sich die anheimelnde Mundart der Erzgebirgler.
Es ist an keinem Tisch mehr Platz, aber über die Köpfe hinweg werden
von Hand zu Hand Stühle gereicht und die neuen Ankömmlinge werden am
Tische auch noch untergebracht: »Mir rücken e’ Finkel zamm.« E’ Finkel
– das heißt: ein Fünkchen, ein wenig.
Und manch einer trägt am Abend einen ganz kleinen Spitz zollfrei über
die Grenze.
* * * * *
Am Heiligen Abend gingen wir hinunter ins Tal nach Seiffen.
Die kleinen Häusel am Hange stehen weich und flach im Schnee. Man
glaubt, man kann sie am Schornstein anfassen und wo andershin in
das wattige Weiß stellen. Manchmal wächst eine einzelne Fichte hoch
über das weiße Dach hinaus. Immer wieder erinnern die Häusel an das
Spielzeug, das in diesen Dörfern gedreht und geschnitzt, geleimt und
bemalt wird. Ein Reh, ein spitzes, grünes Bäumchen, ein weißes Häusel
aus den Händen eines Seiffener Spielzeugschnitzers – in drei solchen
bunten Sächelchen ist der herbe Reiz der erzgebirgischen Landschaft
geheimnisvoll eingefangen, ist Landschaft, Mensch und Werk, die
Schlichtheit aller drei zu einer einfachen Einheit verschmolzen.
Vor mir steht eine kleine Gruppe winziger Figuren, die alle zusammen in
einer Streichholzschachtel Platz haben. Drei grüngekräuselte Bäumchen,
ein Hirt im blauen Kittel und eine weiße Kuh mit himmelblauen Flecken
und gelben Hörnern – es ist eine wahre Vergißmeinnicht-Kuh. Sie
erinnert mich an die Weihnachtsdörfer im Schnee, an die saubere Armut
der Stuben, in denen das bunte Spielzeug entsteht, an liebenswerte
Menschen, die den Kindern näher sind, als sie selber wissen.
In der Werkstelle eines Seiffener Spielzeugmachers stehen ernsthafte
Maschinen. Kreissägen, Hobelmaschinen, Bandsägen, Drehbänke. Ein
elektrischer Motor treibt sie. An diesen Maschinen entstehen jahraus,
jahrein, Tag für Tag winzige Quirle, Rührlöffel, Fleischklopfer,
Nudelhölzer, Schneidebretter, Wiegemesser für die Puppenküchen kleiner
Mädchen. Manche dieser Liliputgeräte sind nicht länger als ein
Streichholz. Aber alle sind so sauber gearbeitet wie ihre »erwachsenen«
Vorbilder. Man ist versucht, sich die Taschen mit diesen kleinen Dingen
vollzustopfen, so verführerisch sind sie in der sauberen Glätte des
weißen Holzes. Und wie der Schnitzer das kleine Zeug in die genarbten
Finger nahm und wie es ihn selber freute, mir die zierlichen Dinge zu
zeigen, fragte ich mich wieder mit einem Bejahen schon in der Frage, ob
nicht in den Menschen, die den winzigen Spielkram für zerstörerische
Kinderhände mit so viel ernsthafter und herzlicher Hingabe erfinden
und anfertigen, ob nicht in diesen Menschen ganz innen ein Kindersinn
arglos wachgeblieben sein muß, unzerstörbar für den groben Zugriff des
Lebens.
* * * * *
Ein Figurenschnitzer, den wir besuchten, war noch dabei, seine
Weihnachtskrippe aufzubauen. Unter seinen Händen entstand aus
Moos und Baumrinde die palästinische Landschaft mit dem Stall
zu Bethlehem. Aus dem Moose wuchsen schon Palmen auf schlanken
Kokosfaserstämmen. Der Schnitzer breitete vor uns die Figuren der
Geburt im Stall, der Darstellung im Tempel, der Flucht nach Ägypten
und des bethlehemitischen Kindermordes aus. Er hat sie alle selbst
geschnitzt, und jede Figur ist ein kleines künstlerisches Werk: Maria
an der Krippe und Maria auf dem Esel, Herodes in der Pracht eines
Kartenkönigs, römische Landsknechte in phantastischer Rüstung, Joseph
mit der Zimmermannsaxt und der grünen Schürze eines erzgebirgischen
Dorfstellmachers, Hirten mit ihren Schafen und die Weisen aus dem
Morgenlande, angetan mit aller Pracht, die ein armer, erzgebirgischer
Schnitzer erträumen kann.
Eine junge Frau in unsrer Wintergesellschaft streute lachend einige
leichte Frivolitäten über die frommen Figuren. Aber an dem alten
Schnitzer mit den Kinderaugen perlte das ab wie Wassertropfen an
weißem Gefieder. Und die junge Frau wollte im Ernst gar nicht spotten.
Sie nahm die winzige Krippe mit dem rührenden Strohbett in die Hand
und strich darüber hingebeugt mit einem Finger dem geschnitzten
Jesuskindlein liebkosend über das erbsengroße nackte Bäuchlein. Und der
alte, schimmelhaarige Schnitzer, an dessen blauer Schürze gekräuselte
Schnitzspäne hingen, und die junge Frau mit dem Kindlein zwischen den
Fingern sahen jetzt beinahe selber aus wie Joseph und Maria.
* * * * *
Mittlerweile ist der Abend auf das weiße Dorf gesunken. Wir gehen über
knirschenden Schnee im gelben Fensterschein der kleinen Häuser. Die
Glocken rufen zur Christmette.
Das weiße Schneezelt des Daches der kleinen Kirche am Talhang ist in
der blauweißen Dämmerung verschwunden. Um den unsichtbar gewordenen
Turm über den weißen Dächern schwebt im Dämmerschein ein holder,
weihnachtlicher Zauber. Ein Kranz gelbschimmernder Laternen ist
angezündet worden, und eine einzelne Laterne hängt darüber in der Laube
des Turms wie ein friedlich warmer Stern.
Um ein verschneites Haus im Schneelicht kommt leise schaukelnd eine
bunte Laterne, eine zweite, eine dritte, eine vierte, fünfte, sechste
– ein ganzes wallendes, wandelndes Beet leuchtender Blumen schwebt
langsam über den Schnee auf uns zu. Laternen, in deren dunkle Gehäuse
Bilder eingeschnitten und mit durchscheinendem Buntpapier hinterlegt
sind. Grüne Tannen, rote springende Hirsche, erzgebirgische Häusel im
Schnee, Hirten unterm Stern, Maria an der Krippe, Schäfchen in grünen
Ranken und Glocken über weißen Hütten. Durch das Papier schimmern
die Kerzen im Innern der Laternen. Die Bilder glühen sanft wie die
bunten Fenster erleuchteter Kirchen in der Nacht. Sie ziehen an uns
vorüber, und unter den Laternen gehen Schüler der Spielwarenschule mit
angeleuchteten Gesichtern. Sie ziehen den Berg zur Kirche hinauf und
wir mit ihnen.
Die kleine Kirche ist gedrängt voll. Viele Kinder sind da. Jedes Kind
hat ein brennendes Licht mit einem flüssigen Tropfen vor sich auf das
Brett geklebt, auf dem sonst die Gesangbücher liegen. Wenn man vor den
Bänken steht, sieht man die brennenden Kerzen nicht, man sieht nur
die Kindergesichter im Licht, und nur in den Augen spiegeln sich die
Flammen als blanke Fünkchen.
Glitzernde Glasleuchter brennen, und um den Altar strahlen grüne
Weihnachtsbäume. Die Schüler mit ihren Laternen gruppieren sich
dort. Manche sind auf die Emporen gestiegen. Überall glühen die
Laternenbilder wie bunte Fensterchen.
Die Orgel füllt das kleine, runde Schiff mit feierlichem Brausen. Die
Gemeinde singt. Es ist ein Reis entsprungen aus einer Wurzel zart ...
Die angeleuchteten Kindergesichter füllen das Schiff und die Emporen
wie eine zarte Wolke. Sie sehen wie singende, schwebende sixtinische
Engelsköpfe aus, und manch eine helle Mädelhaarschleife wird zum
leichten Flügelpaar. Der Atem der Singenden geht über die vielen
Lichter hin, die Flammen wehen und neigen sich dem Altar zu wie
leuchtende Blumen einer himmlischen Wiese. Aus dem Leuchten schwebt
das Lied über die dunklen Wogen der Orgel hin: Das Blümlein, das ich
meine, das duftet uns so süß, mit seinem hellen Scheine vertreibts die
Finsternis ...
* * * * *
Das Dorf liegt still und weiß zu Füßen der singenden Kirche. Die
beschneiten Dächer verschwinden im Schneelicht der sternenklaren Nacht.
Man sieht nur die schwarzen Schindelgiebel mit den eingeschnittenen
gelben Fenstern wie Zelte im Schnee stehen. Darüber schwebt der
Laternenkranz der unsichtbaren Kirche wie ein magisches Zeichen
des Friedens in der blauen Nacht. In mancher der Stuben hinter
weißen Rollvorhängen duften um diese Stunde die neun Gerichte, das
bedeutungsvolle »Neunerlei« des Heiligen Abends, Hagebuttensuppe,
Kartoffelsalat, Würstchen mit Sauerkraut, Gänsebraten und andere
Gerichte in überlieferter Folge in Töpfen und Pfannen, die das ganze
Jahr über nicht einmal so reich beschickt in den Ofen geschoben
werden wie zu Weihnachten. Das winterliche Fest ist die hohe Zeit
dieser Dörfer, in denen der Weihnachtsmann der Kinder seine rastlos
arbeitenden und nur zu Weihnachten einmal tagelang ruhenden Werkstätten
hat.
* * * * *
Das Dorf liegt hinter uns. Wir stapfen durch tiefen Schnee aufwärts.
Von der Höhe kommt uns ein Schlitten entgegen. Von weitem sieht man
nur ein wandelndes Licht. Dann, als der Schlitten nahe ist, wächst das
Pferd schattenhaft und groß vor der Laterne auf. Unter den Hufen stiebt
der beleuchtete Schnee wie ein gelber wallender Teppich.
Knirschend und klingelnd zieht der Schlitten im Schritt an uns vorüber.
Aus Ferne und Dunkel weht noch ein Weilchen das gedämpfte Klingeln der
Schellen über die weichen Betten des nächtlichen Schnees, klingt noch
einmal wie ein Klang der silbernen Sterne und verstummt.
Das Tal unter uns schwebt in weißem Scheine. Wald zieht wie blasser
Wolkenrauch drüben hoch. Jenseits schimmern die verstreuten Lichter
von Oberseiffenbach, flimmernde gelbe Sternchen im Schnee unter den
funkelnden Silbersternen der kalten, klaren Winternacht.
Eine alleinstehende Hütte schiebt sich vor uns hinter einer Schneewehe
auf. Das verschneite Dach liegt wie eine weiche Decke über dem
schwarzen Giebel. Eine hohe, kahle Lärche steht am verschneiten Zaun.
Das feine Gezweig ist wie nur geträumt an den nachtblauen Himmel
gezeichnet. Genau über dem Dache, tief am sonst sternelosen Horizont,
leuchtet der Abendstern, in der klaren Luft unwahrscheinlich vergrößert
und mit kristallischen Strahlen blitzend.
Aus den kleinen Fenstern fällt gelber Schein in den Schnee. Er zeichnet
den Schatten des Zaunes auf das weiße Feld. In der Stube, von großen
Schatten umhangen, sitzen Menschen um den Tisch. Der Kopf des Mannes
verdeckt die Lampe. Man sieht nicht, daß die Menschen miteinander
sprechen. Sie sitzen auch nicht beim Mahle. Schweigend umgeben sie das
Leuchtende in ihrer Mitte, das ihre Gesichter hell macht und das Haar
um den Kopf des Mannes in einen Schein verwandelt. Unwillkürlich sieht
man nach dem blitzenden Abendstern, der wie ein strengerer Stern von
Bethlehem über dem weißen Dache steht – um diese armen Hütten in Schnee
und Nacht und weißer Einsamkeit ist es immer, als könnte sich zu dieser
Stunde ein Weihnachtsmärchen in ihnen begeben, als müßte man leise über
den lautlosen Schnee von dannen gehen.
Und dann umgibt uns die blanke, schweigende Nacht. Die weißen Flächen
steigen im Ungewissen in den Himmel. Die Zwinge des Stocks knirscht im
Schnee. Es klingt wie das leise, erstickte Klagen eines irrenden Vogels
in der raumlosen Nacht.
Vor uns steht weiß und geheimnisvoll verhangen der Wald, hinter dem
das gelbe Fenster des Gasthofes wie ein Zuschlupf in die Wärme eines
knisternden Herdfeuers blinkt.
Klein und still und froh unter den hohen Wundern der weißen
Weihe-Nacht, von der Kälte umsungen, stapfen wir darauf zu.
In der Landesgemeinde
Von _Albert Ficker_
Wieder wandere ich durch das vogtländische Gebirgstal, dessen Schönheit
und Weltabgeschiedenheit einen ganz besonderen Reiz auf meine Seele
ausübt.
[Illustration: Abb. 1 =Erlbach i. Vogtl.= Stück am vorderen Teich
(Phot. Franz Landgraf, Zwickau i. Sa.)]