In Lonnewitz, da hat’s geblitzt,

Da sind die Weiber (oder: Bauern) ausgeflitzt.

(Oder: Da hab’n die Weiber Blut geschwitzt)

Da hab’n sie sich ein Haus gebaut

Aus Leberwurst und Sauerkraut.

Hin und wieder ist der Zusatz zu vernehmen:

Und als es wieder eingekracht,

Da hab’n sie sich halb tot gelacht.

Einige _Ruprechts_verse:

2.

Ruprecht, Ruprecht, Besenstiel,

Deine Kinder fressen viel,

Jeden Tag ein Vierpfundbrot

(Oder: An jedem Tage vier Pfund Brot),

Morgen sind sie mausetot.

(Oder: Morgen sind sie alle tot.)

Öfters heißt es weiter:

Liegen unterm Tische

Wie gebratne Fische.

3.

Ruprecht, Ruprecht, mit dem Sack,

Hast du uns was mitgebracht?

Hast du was, da setz dich nieder,

Hast du nichts, da pack dich (oder: geh gleich) wieder.

4.

Ruprecht, Ruprecht, guter Mann,

Sieh mich nicht so böse an.

Hast du was, so setz dich nieder.

Hast du nichts, dann gehst du wieder.

5.

Ruprecht, Ruprecht, böser Mann,

Guck mich nicht so finster an.

Hau mich nicht mit deinem Besen,

Bin ein gutes Kind (oder: böser Bub) gewesen.

6.

Ruprecht, Ruprecht, frommer Gast!

Wenn du was im Sacke hast,

Komme rein und setz dich nieder.

Hast du nichts, da gehst du (oder: pack dich) wieder.

7.

Ruprecht, Ruprecht, böser Wicht,

Komme nicht, wenn’s finster ist.

Komme lieber bei Mondenschein,

Wirf viel Äpfel und Nüsse rein.

8.

Ruprecht, Ruprecht, Ständerbesen,

Bist du in der Stadt gewesen?

Hast du mir (oder: uns) was mitgebracht?

O, du alter Pfeffersack!

9.

Ruprecht, Ruprecht, guter Mann,

Siehe, was ich alles kann!

Schreiben, singen, rechnen, lesen,

Bin auch immer recht artig gewesen.

Stell die Rute an die Wand,

Und gib mir Nüsse in die Hand!

Sonstige _Weihnachtssprüche_:

10.

Lieber, frommer, heil’ger Christ,

Ich weiß nicht, wo mein Messer ist.

Ich wollt ein Stückchen Stolln abschneiden,

Derweile muß ich Hunger leiden.

11.

Lieber, guter Weihnachtsmann,

Guck mich nicht so böse an,

Steck deine Rute ein,

Will auch immer (recht) artig sein.

(oder: Ich will ein braves Kindlein sein).

12.

Wenn Weihnachten ist, wenn Weihnachten ist,

Da kommt zu uns der heilige Christ.

Da liegt eine Muh, da liegt eine Mäh,

Da liegt eine schöne Tschingtärätätä (oder: Zinktärätätä).

Gewisse _Berufsarten_:

13.

_Böttcher_, Böttcher, bum, bum, bum,

Mach (oder: Schlag, Hau) mir meine Nase krumm.

Mach mir sie wieder gerade,

Bist auch mein Herr Pate.

14.

_Schneider_, Schneider, meck, meck, meck,

Schneid mir meine Nase weg.

Der _Essenkehrer_ wird besonders viel besungen:

15.

Essenkehrer schwarzer Wicht,

Kehr mir meine Esse nicht.

Kehr sie nicht zu reine,

Kriegst sonst krumme Beine.

16.

Feuerrüpel, Katzenschnübel,

Kehre deine Esse aus.

Aber nicht zu reine,

Sonst kriegst du schwarze Beine.

17.

Essenkehrer obenaus,

Steck (oder: gib) mir ’n Stückchen Kuchen (oder: Stolln) raus.

Nicht zuviel und nicht zuwenig,

Sonst bist du ein kleiner (oder: alter) König.

18.

Essenkehrer, Schornsteinfeger,

Du hast bloß ein’ Hosenträger.

_Familiennamen_:

19.

_Pietsch_ und _Lehmann_ ging’ in Laden,

Wollt’n für ’n Dreier Käsemaden.

Käsemaden gab es nicht

(Oder: Käsemaden hab’n wir nicht)

Pietsch und Lehmann drückten sich.

20.

_Jakob_, wo bist du?

Bei der Großmutter im Handschuh.

_Vornamen_ der Knaben und Mädchen:

21.

_Paul_, steck’ die Wurst ins Maul!

Steck’ sie nicht daneben, sonst bleibt sie kleben.

Steck’ sie nicht zu tief, sonst da kommt ein Brief.

In dem Brief, da steht geschrieben:

Paul soll seine Liebste lieben.

22.

_Fritz_ mit der Mütz in Holzpantinen (oder: Holzpantiten)

Geht beim Bäcker und maust Rosinen.

Bäcker spricht: Wer war denn das?

Fritz mit der Mütz in Holzpantinen.

Andere Sprechweise:

Fritz mit der Zippelmütz

Geht beim Bäcker und maust Rosin’,

Geht die Straße auf und ab,

Bettelt den Kindern Wurstzippel ab.

23.

_Hans_ mit dem langen Schwanz

Kommt die Treppe runter getanzt.

24.

_Ernst_, morgen wird gefernßt,

Übermorgen wird lackiert,

Wird der Ernst mit reingeschmiert.

25.

_Ilse_, Bilse, niemand will se,

Kam der Koch und nahm sie doch.

26.

_Rosa_ ist ein schöner Name, Rosa möcht ich heißen,

Rosa hin, Rosa her, Rosa ist ein Zottelbär.

27.

_Gudrun_, Gudrun, dein Finger blut’.

Steck ihn in die Ohr’n, da wird er wieder gut.

28.

_Hilde_, Wilde, (Eingebilde), ausgestopfter Puppenbalg.

29.

_Hanne_ mit der Kaffeekanne.

30.

_Lene_ hat krumme Beene.

Mit Vorliebe bedient man sich einer Spottform, die auf alle Taufnamen

angewendet wird. z. B.

_Hans_ bittewans,

Konditor Kondans.

Krummbeeniger Hans.

_Lene_ bittewene,

Konditor Kondene.

Krummbeenige Lene.

_Sonstige Personen_:

31.

Bumbumbum, die _Schützen_ kumm,

Der Vater trägt die Fahne.

Die Mutter trägt das Kümmelfaß,

Da wer’n die ganzen Schützen naß.

Andere Weise:

Rumbumbum, die Schützen kumm,

Und hinter ihn’n die Lausejung’n.

32.

_Mann_ und _Frau_ wer’n getraut

Mit einem Topf voll Sauerkraut.

33.

Zwei _Mädchen_ wollten Wasser holen,

Zwei _Knaben_ wollten plumpen.

Da guckt der Herr zum Fenster raus

Und sagt: Ihr seid Halunken.

34.

Schlaf, Kindchen, schlaf,

Im Garten steh’n zwei Schaf,

Ein schwarzes und ein weißes.

Und wenn das Kind nicht schlafen will,

Da kommt das schwarze und beißt es.

_Tierwelt_:

35.

Bische, bische, bische,

Morgen gibt es (oder: koch’n wir) _Fische_,

Übermorgen Schweinebraten,

Da wird das Kindchen eingeladen.

36.

_Maikäfer_ flieg! Dein Vater ist im Krieg.

Deine Mutter ist im Pommerland,

Pommerland ist abgebrannt,

Steht bloß noch das halbe Land.

(Oder: Steht bloß noch die halbe Wand.)

37.

Schacke, schacke, Rillechen,

Wir reiten auf dem _Füllichen_.

Wenn wir großer werden,

Reiten wir auf _Pferden_.

38.

Muh, muh, muh,

Das spricht die alte _Kuh_.

Sie gibt uns Milch und Butter,

Und wir geb’n ihr das Futter.

Muh, muh, muh,

So spricht die alte Kuh.

39.

_Kaninchen_, Karnickelchen,

Ich wette was drum.

Trotz großer Aug’ und großer Ohr’n,

Du bist e bissel dumm.

40.

A b c, die _Katze_ lief im Schnee.

Als sie wieder raus kam,

Hatt’ sie weiße Stiefel an.

Ging sie aufs Rathaus,

Guckte sie zum Fenster raus.

Kam sie wieder runter,

Hatt’ sie schwarze Stiefel an.

_Zweite Art_:

A b c, die Katze lief im Schnee.

Wo sie wieder raus kam,

Hatt’ sie weiße Stiefel an.

Ging sie in den Keller,

Holt sie sich paar Teller.

Ging sie auf den Boden,

Holt sie sich paar Schoten.

Ging sie in die Kammer,

Holt sie sich paar Klammern.

Ging sie in die Stube,

Holt sie sich paar Schuhe.

Ging sie in die Küche,

Holt sie sich paar Fische.

41.

_Storch_, Storch, Langbein,

Bring mir ein klein Brüderlein.

Storch, Storch, Langbein,

Bring mir ein klein Schwesterlein.

Außerdem ist zu hören:

Klapperstorch, du Guter,

Bring mir einen Bruder,

Klapperstorch, du Bester,

Bring mir eine Schwester.

Zum Schlusse von den drei vorgefundenen sogenannten _Kinderpredigten_

mit ihren Kettenreimen und ihrem Sachallerlei nur die kürzeste Weise:

Hört, meine Herren!

Äpfel sind keine Birn’.

Birn’ sind keine Äpfel,

Die Wurst hat zwei Zipfel.

Zwei Zipfel hat die Wurst.

Der Bauer hat großen Durst.

Großen Durst hat der Bauer.

Das Leben wird ihm sauer.

Sauer wird ihm das Leben,

Der Weinstock trägt viel Reben.

Viel Reben trägt der Weinstock,

Die Maus ist kein Ziegenbock.

Kein Ziegenbock ist die Maus,

Und die Geschichte ist aus.

»Kraft- und saftloses Reimgeklingel!« werden manche Leser ausrufen.

Doch die Kinderwelt findet ihre helle Freude daran. Wer viel

mit Kindern umgeht und diese beobachtet, weiß übrigens, daß oft

schon die Schulneulinge dichterische Veranlagung offenbaren, auf

dem Pegasus Versuche wagen, besonders wenn sie sich streiten und

zanken. Mit Vorliebe hängen die Kinder den Namen ihrer Gespielen und

Klassengenossen ähnlichklingende Wörter an, und der Reim ist fertig,

der gleich Anklang findet und allgemein gebraucht wird. Einige von mir

gelegentlich aufgeschnappte Rufe sind:

_Minkwitz_, Stinkwitz.

_Kühne_, Biene, Eisenschiene.

_Müßler_, Stißler.

_Richter_ mit dem Trichter.

_Emil_, Besenstiel.

_Max_, Fax (auch: Dachs, Gax).

_Paul_ ist faul.

_Otto_, Hotto.

_Elfriede_, Zuckertüte.

_Lotte_, Motte.

Ferner sucht man durch Entstellung der Namen Mitschüler zu necken. Auch

hier einige Beobachtungen: _Teubert_-Täubchen, _Peschke_-Depesche,

_Thomas_-Domino, _Klauß_-Klöße, _Dippmann_-Dippfrau. Alle diese

Schöpfungen beruhten selten auf einer glücklichen Eingebung, denn

sie trafen fast gar nicht das Wesen oder eine Wesensseite ihres

Trägers. Die Spitznamen haben für die Kleinen ebenso wie die von

mir aufgetischten zahlreichen _Abzählreime_, _Liedertexte_ und

_Scherzverse_ einen onomatopoetischen Reiz.

Fußnoten:

[1] _E. Zeißig_: »Zur Erforschung des Gedanken-, Gefühls-

und Sprachlebens unsrer Schulneulinge«. (Zickfeldt in

Osterwieck im Harz.) 3. Auflage.

In der Dorfschenke

Von Oberstaatsarchivar Regierungsrat ~Dr.~ _Beschorner_

»Nee, Korle, was eenem nich alles passieren kann,« äußerte der

Gemeindevorstand Oskar Mästegans, indem er seine Mütze an die Wand

hängte und sich steifbeinig bei seinem Freunde, dem Gemeindeältesten

Karl Lachenicht, am Stammtische niederließ. »Hamsterei is ja itze

an der Tagesurdnung. Aber su was is mer doch noch nich vorgekommen.

Grad haw’ ich heute früh meine Suppe geleffelt un das Blättchen in

de Hand genummen, um de neisten Verordnungen zu studieren (hol’

se allemitenander der Geier!), da tritt so e Stadtfrack mit ’m

freindlichen Gruße in de Tür. ›Aha,‹ sagt’ ich mer, ›eener, der Eier

mechte, oder Erdäppel, oder Hon’ch.‹ Aber fehlgeschossen! Nischt von

alledem. Nee, weeßte was er wullte, Korle? Er wullte nur, meent ’r

bescheiden, wissen, wie wir unsre Felder und Wiesen nennen täten? Und

den Steen draußen uff dem Berge und den Berg salwer? Und ob de Dorfbach

’nen besundern Namen hätte und ob w’r der oder die Bach sagten?«

»Nee so was!«, ließ sich itze der alte Karle vernehmen. »Sollte mer’sch

glooben! Wenn de Städter nur bei uns uffm Lande ’rumschnüffeln können!

Die Neugierde! ’s geht se doch gar nischt an, unsre Grünebach und de

Zeidelwiesen, das Götzenbüschchen un de Klinke. ’s kann se doch ganz

Wurscht sin. Uskar, du hast ’m huffentlich nischt gesat. Denn wer weeß,

wozu er’sch han will. Amende gor vor de Steuer.«

»Ach nee,« entgegnete da gutmütig der Gemeindevorstand, »so sah das

Herrchen nich aus. Er erzählte m’r, daß er im Staatsarchiv in Dräsen

sei und de Namen für wissenschaftliche Zwecke brauche. ›Schon gut,‹

meente ich. ›Solche Nam’ mag es ja in annern Gegenden geben. Bei uns

is mer davon nischt bekannt.‹ Weeßte, Korle, ich hatte keene Zeit un

ooch keene Mauke, mich uff lange Fisimatenzien einzulassen. – Awer so

ganz ungeruppt kam ich d’r nich d’rvon. Aus seiner braunen Aktentasche

holte ’r enne Flurkarte ’raus. Du, die war scheene! Da waren de Felder

gelwe un de Wiesen griene un de Wälder grau gepinselt, derzwischen ’s

Wasser blau. Wirklich hübsch sah das Blättchen aus. Unsre ganze Flur

sah mer da richtig vor sich liegen. Drüwer awer war e Pergamentblatt

gespannt und da standen d’r allerhand Nam’ druff. ›Sehen Sie,‹ meente

’r, indem daß ’r mit dem Finger uff die Stelle tippte, ›hier ist Ihr

Dorf, da die Kirche, dort das Rittergut. Der Weg hier, der sogenannte

Fürstenweg, führt nach Blaubach hinüber und der hier, der Buttersteig,

nach Meichberg, dem Dorfe »Hinterm Eichberg« (daher der Name!). Rechter

Hand vom Fürstenweg, zwischen dem Fiedelbogen und den Krutschen, erhebt

sich der Wolfsberg. Der wird gekrönt von einem mächtigen Sandsteinblock

mit einer verkrüppelten Kiefer darauf. Man kann ihn (und er zeigte

mit der Hand zum Fenster hinaus) von hier aus sehen. Nicht wahr? Ich

glaube, man heißt ’n in der Gegend den Rabenstein.‹

›Der is ja gut unterricht’‹, dacht ’ch; awer, sagt ’ch m’r, ›stehste

ihm itze Rede und Antwort, do is kee Ende abzusehn.‹ Und ich wollte

doch heute noch den Zippel oben auf der Scheibe fert’g ackern und

Jauche uff de Lauchwiesen unten am Todteiche schaffen. Uskor, sagt’ ich

mer, hier heeßt ’s uffpassen. Laut aber meent ’ch zu meinem Besuche:

No ja, wenn se sulche Nam’ meenen, do gibt’s ’r schon noch welche.

Ich wer’ se m’r überlegen un ooch ’n Korle, was mei alter Freund

is, der hierherum alles weeß, dornach fragen. Meine Zeit ist heute

höllisch knapp. ’s tut mer leed. Awer wenn Se mal in die alte Scharteke

’ringucken wollen, da wer’n se allerlee finden, was se brauchen können.

Un ich langt ’n aus der unterschten Schublade von meim Seckertäre, wu

das Gemeendearchiv ’ringewürcht is, das alte Flurbuch ’raus un gab ’s

’m. Da hättste sehn sullen, wie seine Oochen funkelten un wie er sich

glei d’rüberher machte!

Als ’ch so umme Zwelfe ’rum mit meinem Jauchewagen ’n Mordweg

’rinkomme, treff’ ich ’n an der Marter. Sehen Sie nur, rief ’r mir

schon von weitem zu, was ich alles in Ihrem Flurbuche gefunden habe:

Zu den zwanzig Namen, die ich in Ihrer Flur schon kannte, noch weitere

hundertzwei, so daß es nun alles in allem hundertzweiundzwanzig

sind. Ist das nicht großartig? Und zu den meisten waren auch die

Parzellennummern hinzugefügt, so daß ich die meisten benannten

Flurstücke auf meiner Flurkarte auffinden und auf dem Deckblatte

eintragen konnte. Sehen Sie nur hier. Es ist ein Staat! Ich sage Dir,

Korle, er war richtig wie aus’m Heischen vor Freede un Glückseligkeet.

Bei einigen freilich, fuhr er fort, ließ mich das Flurbuch im Stich.

Vielleicht können Sie mir da helfen. Wo mögen die Fünfruten liegen? und

das Schanzenfeld? wo die Folgen? die Nauländer? der Tschihädel? die

Gurke? Na, unterbrach ich ’n, die Fünfruten brauchen m’r nich lange zu

suchen. Da sin mer ja mittenmang. Un en bissel weiter ’naus, da nachm

Eichert zu, kommen die Folgen und die Nauländer.

Awer sagen Se mer nur, wozu Se das Zeig alles brauchen? fragt ’ch ’en

nu neigierig, wie ich war, und trieb meine Ochsen an; denn mir knurrte

Gottverdimmig der Magen. Ei Herrjee, da legte ’r awer los, Korle:

von den alten Wörtern, die längst verschwunden wär’n und nur noch in

den Flurnamen fortlebten; denn so nannt’r alle die Namen für unsre

Felder, Wiesen, Wälder, Teiche, Bäche, Büsche, Hügel, Berge usw. Un

weiter hat’r dann dervon geredt, wie aus den alten Wörtern im Laufe der

Zeit etwas ganz anderes geworden wäre und wie das die Sprachforscher

verinteressiere, und von der Geschichte und Wirtschaftsgeschichte,

und Rechtsgeschichte und wie die Geschichten alle heeßen, die er m’r

uffgezählt hat. Ich weeß nich mehr. Ooch vom Volksmunde hat ’r erzählt

un von Volkskunde. Allerhand Sitten und Gebräuche, sagt’r, lebten noch

in den Flurnamen fort. Von Geographie und Ethnographie. Na, sagt’ch

schließlich, hörn’ se uff. M’r schwindelt schon. Un m’r sein ooch da.

Wenn se noch’n Oogenblick mit ’rein kommen wolln, soll’s mich freun.

Se sollen ooch vor alle Ihre Mühe e paar Eier kriegen, weil se nich

gebettelt haben. Gloobste, Korle, daß’r se genommen hat?«

»Nu warum denne nich,« meinte der Alte, der aufmerksam zugehört

hatte. »Weeßte was? ’s tut mer leed, daß ich Euch nich in de Quere

gekommen bin. Ich hätte dem Herrchen mancherlee – Du denkst, uff de

Nase gebunden; ne, ne, ich meene: sagen kennen. Kannt’r denn den

Napoljonsteen oben uff dem Grohberge, wo immer die vielen Kräh’n

sein? Da, heeßt’s doch, sull Napoljon gestanden haben, als seine

Truppen nunter nach Dräsen machten, zu der großen Schlacht Anno 13.

Un vielleicht hat’r ooch keene Ahnung d’rvon, daß da, wo mer unten

am Mühlwege de Hasenlaube ham, mal vor vielen hundert Jahren e Dorf

gestanden hat. Ich gloobe, es soll Hasela geheeßen haben von wegen der

vielen Haselsträucher in der Gegend.«

»Hast recht, Korle; so hätten mer ihm noch mancherlee sagen kennen.

Wie e Mäuschen hörte’r mer zu, als ich’m erzählte, daß mer in meiner

Jugend jedes Jahr zu Letare eene Mordsfreude hatten, wenn mer enne

Strohpuppe uf’m langen Stecken durchs Dorf un dann den Todweg (nich

den Leichenweg, den meene ich nich) naustrugen über die Todenbrücke

und se dann ärschlings in den Todteich plumpsten. Mit dem Tode meenten

mer den Winter, der nu endlich zu Ende war. Richtig, äußerte er da

ganz erfreut; auch anderwärts habe ich von dieser Sitte gehört. Damit

hängen allerdings die vielen andern Namen, die mit Tod gebildet sind,

die Totenberge, -borne, -felder, -graben, -gründe, -hölzer, -löcher,

-hübel, -pöhle usw., nicht alle zusammen. Man muß da vorsichtig sein.

Die Toten Männer z. B., die es überall in Deutschland gibt, haben eine

ganz andre Bedeutung. Doch genug für heute. Sie wollen essen und ich

will nach Hause zu Weib und Kind. Ich habe noch manche Stunde zurück

zur Stadt. Vielleicht komme ich einmal wieder. Vielleicht machen Sie

mir auch einmal die Freude, mich auf meinem Amte zu besuchen. Dann

zeige ich Ihnen die ganze Einrichtung unsrer großen Flurnamensammlung;

denn Sie müssen wissen, daß wir es nicht nur auf die Namen Ihrer Flur

abgesehen haben, sondern die Namen aller Fluren sammeln, ja noch mehr:

auch alle einzelnen Namen in den Wäldern. Das ist nicht so einfach.

Da hat jede Flur und jedes Waldrevier sein besonderes Verzeichnis mit

Karte usw. Die Verzeichnisse einer Amtshauptmannschaft sind in einer

oder mehreren dicken Mappen vereinigt, nach dem Abc, damit man jedes

Gewünschte schnell herausfinden kann. Und zu dem Ganzen gibt es wieder

ein Nachschlageverzeichnis, auf Zetteln. Wir haben es bisher auf etwa

60000 solcher Namenzettel in 43 Kästen gebracht. Das ist großartig.

Ein Griff genügt, wenn man wissen will, ob ein Name, meinetwegen der

Pestgarten oder der Quarksack, in Sachsen vorkommt? etwa mehrmals? und

wo? Schade nur, daß wir mit dem Hauptverzeichnis im Rückstande sind,

daß wir aber kein Geld mehr haben, um in diesen teuren Zeiten weiter

an ihm arbeiten zu lassen. Ein gütiges Geschick möge uns die Mittel,

die dazu gehören, bescheren oder den uneigennützigen Arbeiter, der das

Werk ohne Bezahlung vollendet. ’s gibt solche Leutchen. Ein ehemaliger

Schuldirektor z. B. hat uns in jahrelanger Arbeit alle Flurnamen,

die auf alten Karten vorkommen, auf die Krokideckblätter, die zu den

Flurnamenverzeichnissen gehören, übertragen. Sie sehen hier auf diesem

Deckblatte Ihrer Flur seine Eintragungen mit roter und grüner Tinte.

– Na aber nun endgültig Schluß! Vielen Dank für Ihre Auskünfte und

die Eier, die mir Ihre Frau eben, schön einpapiert, zugesteckt hat.

Die Flurnamenforschung macht doch nicht nur Spaß, sondern bringt auch

noch (allerdings selten genug!!) etwas ein. Hier noch meine jüngst

veröffentlichten neuen »Ratschläge für das Sammeln von Flurnamen« und

meine Schrift über den ›Anteil Sachsens an der Flurnamenforschung‹.

Vielleicht gucken Sie an einem langen Winterabend einmal hinein[2].«

Mit diesen Worten, so beendete der Gemeindevorstand seinen Bericht,

hätte sich der Archivrat oder wie er sich sonst betitulierte, auf die

Socken gemacht. »Ich gloobe«, fügte er noch hinzu, »seelenvergnigt«.

Damit hatte er recht. Während der Flurnamensammler durch die

sprossenden Saaten und die grünenden Wiesen rüstig der Hauptstadt

zuschritt, überlegte er sich schon, was er seinem Freunde Mästegans,

dem biederen Gemeindevorstand, auf alle seine neugierigen Fragen nach

der Bedeutung dieses und jenes Namens antworten könnte; denn das ist

ja für solche Leute immer die Hauptsache, was eigentlich hinter so

einem merkwürdigen Namen stecke. Bei einigen hier war ja die Sache ganz

einfach. Die Felder der Fiedelbogen und die Gurke hießen offenbar so

nach ihrer Gestalt. Das eine mochte an einen gespannten Geigenbogen

erinnern, das andere an eine gekrümmte Gurke. – Unter dem Zippel war

natürlich ein schmales Stück Land zu verstehen, das wie ein »Zipfel«

vorsprang. Anderwärts sagte man dafür Schwanz, Sterz, Zagel. Wieviele

Hasenzippel und Kühzagel oder Kuhzackel waren ihm nicht schon begegnet!

Nahm so ein Zipfel dreieckige Gestalt an, so hieß er wohl auch Triangel

(Dreiangel) oder wie die Speerspitze bei den alten Germanen: Ger;

daher die vielen Gehren-, Gieren-, Gührenstücke und dergleichen. – Die

Zeidelwiesen trugen natürlich ihren Namen von den Zeidlern, das heißt

den Waldbienenzüchtern, die einst in dem Dorfe ihr Gewerbe getrieben

haben mochten.

Das alles würde ihm sein neuer Freund (so überlegte er sich auf dem

Heimwege) ohne viel Umstände glauben, auch daß Eichert nur ein anderer

Ausdruck für Eichbusch oder Eichwald sei; denn tatsächlich war der

so benannte Berg, wie er sich überzeugt hatte, noch heutigentags mit

Eichen bestanden. Die »Realprobe«, die man bei der Erklärung von Namen

nie außer acht lassen darf, stimmte also, wie vermutlich auch bei den

Lauchwiesen. Gewiß gedieh auf ihnen Lauch besonders üppig. Aber, aber,

wenn er den Mordweg einfach als »Marktweg« erklärte, da würde er wohl

auf Widerspruch stoßen, auch wenn er durch andere Beispiele klipp und

klar bewiese, daß das Wort Markt ebenso wie Mark durch verschiedene,

ganz gebräuchliche sprachliche Vorgänge oft zu Mort und Mord wurde.

Die Leutchen da draußen würden sich nicht leicht ausreden lassen, daß

von einem Morde hier nicht die Rede sein könne. Bei der Marter war

das schon etwas anderes. Da hatte sicher einmal ein solches altes

Steinkreuz gestanden, wie sie im Mittelalter die Totschläger zur

Sühne errichten mußten und wie sie sich noch überall im Lande finden.

Möglicherweise lebte die Erinnerung daran noch in dem Gedächtnis

irgendeines alten Dorfeinwohners, etwa des »alten Korle«, fort. – Auch

wegen des Götzenbüschchens würde es wohl einen harten Strauß geben. Daß

dort niemals ein heidnisches Götterbild gestanden hatte, war klar. Mit

den unwissenschaftlichen Erklärungen aus Götter- und Sagenwelt, mit

denen so viel Unfug getrieben worden ist, muß aufgeräumt werden. Aber

so leicht würde sein Gemeindevorstand den teueren Aberglauben nicht

aufgeben. Darauf mußte er sich gefaßt machen.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XII, Heft 10-12 · 第 2 / 6 段