Und Stanislaw antwortete: „Paß.“

„Ebensogut“, erwiderte der Konsul.

„Paß ist ganz neu, hier vom Präsidium, zwei Tage alt. Alles in Ordnung.

Der Mann ist gut.“ Das sagte der Skipper und zündete sich eine Zigarre

an.

Der Konsul nahm den Paß, blätterte darin herum, nickte wohlgefällig,

weil es ein Meisterwerk gutgeölter Bureaukratie war. Solche Dinge

behagten dem Konsul.

Plötzlich hielt er inne und erstarrte zu einer Eiskruste.

„Können nicht mustern“, sagte er.

„Was?“ rief Stanislaw.

Und „Was?“ rief der Skipper und ließ vor Erstaunen die Zündholzschachtel

auf den Boden fallen.

„Mustere ich nicht an“, sagte der Konsul.

„Warum denn nicht? Ich kenne ja den Beamten vom Präsidium, der die

Unterschrift gegeben hat, persönlich.“ Der Kapitän wurde ungeduldig.

„Der Paß ist durchaus einwandfrei. Aber ich kann nicht mustern. Er hat

ja keine Staatsangehörigkeit“, ereiferte sich der Konsul.

„Das ist mir ganz Wurscht“, sagte darauf der Skipper. „Ich will den Mann

haben, mein Erster kennt ihn, und die Schiffe, auf denen der Mann

gefahren hat, sind Topp. Solche Leute, wie den hier, will ich um mich

haben.“

Der Konsul hatte das Paßbüchlein zugeklappt und patschte sich damit auf

die offne linke Hand.

Er sagte nun: „Sie wollen den Mann gern haben, Herr Kapitän? Wollen Sie

ihn adoptieren?“

„Unsinn!“ bellte der Skipper.

„Übernehmen Sie persönlich die Verantwortung dafür, daß Sie den Mann

wieder loswerden können?“

„Verstehe ich nicht“, brummte der Skipper.

„Der Mann darf in keinem Lande landen. Er darf an Land gehen, solange

das Schiff im Hafen liegt. Wenn das Schiff fort ist, und er wird

aufgegriffen, hat die Kompanie oder Sie, Kapitän, den Mann wieder aus

dem Lande herauszubringen. Wo wollen Sie ihn hinbringen?“

„Er kann doch hier nach Hamburg jederzeit zurück“, sagte der Skipper.

„Kann. Kann. Nein, er kann nicht. Deutschland kann seine Aufnahme

verweigern und gibt ihn der Kompanie zurück oder Ihnen. Deutschland

braucht ihn nicht mehr aufzunehmen, sobald er auch nur die Grenze

übertreten hat. Er hat einen Weg. Er kann sich eine Bescheinigung

verschaffen, daß er jederzeit nah Hamburg oder Deutschland zurück dürfe

und da wohnen darf. Aber eine solche Bescheinigung kann nur das

Ministerium ausstellen, und das Ministerium wird es kaum so ohne

weiteres tun, weil diese Bescheinigung gleichbedeutend ist mit deutscher

Staatsbürgerschaft. Und dann kommt es wieder zu dem Ausgangspunkt

zurück. Könnte er eine Staatsbürgerschaft erwerben, dann hätte er sie,

er ist ja Deutscher, ist in Posen geboren. Aber weder Deutschland, noch

Polen erkennen ihn an. Nur wenn Sie oder Ihre Kompanie volle

Verantwortung für den Mann übernehmen –“

„Wie kann ich denn das?“ rief der Kapitän unwillig aus.

„Dann kann ich den Mann nicht anmustern“, sagte der Konsul ruhig, strich

den Namen aus dem Buche wieder aus und händigte Stanislaw den Paß ein.

„Hören Sie,“ der Skipper drehte sich noch einmal um und sagte zu dem

Konsul, „hören Sie, können Sie denn keine Ausnahme machen? Ich möchte

den Mann gern haben. Er ist ein vorzüglicher Rudermann.“

„Tut mir leid, Kapitän, dazu reichen meine Vollmachten nicht aus. Ich

habe mich an meine Vorschriften zu halten. Ich bin nur ein Diener.“

Der Konsul hob die Schultern hoch bis zu den Ohren, als er das sagte,

seine Arme gingen mit hoch, und die Unterarme hingen nun rechtwinklig

und wackelnd im Ellbogengelenk. Das sah aus, als ob man ihm die Flügel

gerupft und gestutzt hätte.

„Verfluchter Schietkram, verfluchter“, schrie der Skipper, warf seine

Zigarre wütend auf den Fußboden, trampelte wie wild darauf rum, ging zur

Tür und warf die Tür krachend zu.

Draußen auf dem Korridor stand Stanislaw.

„Was mache ich denn bloß mit dir, Junge“, sagte der alte Skipper. „Ich

möchte dich ja so gerne mitnehmen. Aber nun kannst du nicht mal mehr

Notmusterung machen, der Konsul kennt deinen Namen. Da hast du zwei

Gulden, mach’ dir einen vergnügten Abend. Muß mich nach einem andern A.

B. umsehen.“

Skipper und schöner Holländer waren weg.

39

Aber ein Schiff mußte Stanislaw unbedingt haben.

„Ehrliches Handwerk ist ganz gut, für eine Weile. Aber nicht zu lange.

So eine Kiste oder so ein Sack, das tut ja niemand weh. Das sind

Geschäftsunkosten in einem großen Hause. Die Kiste kann ja auch bei

Verladung in die Brüche gehen. Aber man wird das ehrliche Handwerk

leid.“

Ich sagte nichts darauf und ließ ihn ruhig reden.

„Ja, man wird es wahrhaftig leid,“ setzte Stanislaw fort, „man kriegt

das Gefühl, als ob man jemand auf der Tasche liegt. Eine Zeit, ja, aber

dann wird es einem so widerlich, immer auf der Tasche zu liegen. Man

will doch auch was tun, was schaffen. Sehen will man, wie das rennt, was

man arbeitet. Siehst du, Pippip, so am Ruder stehen, in schwerem Wetter,

und den Kurs halten ... Das ist eine Sache, da kann das ganze ehrliche

Handwerk nicht mit. Verflucht und zugenäht, nein, da kann es nicht mit.

Da stehst du und stehst, und der Kasten will herumhauen und rauswichsen

aus dem Kurs. Aber da hältst du ihn an der Kandare. Sieh mal so.“

Stanislaw packte mich beim Gürtel und versuchte mich herumzuwitschen,

als ob er das Ruderrad in der Hand hätte.

„Du, ich bin kein Ruder, laß los!“

„Und dann, wenn du es durchhältst im schweren Wetter, und es rutscht dir

noch nicht einmal einen viertel Strich ab, Pippip, ich kann dir sagen,

da könnte man schreien und brüllen vor lauter Vergnügen, daß man diesen

Riesenkasten so an der Schlippe halten kann, daß er tun muß, wie du

willst, wie ein junges Lämmchen, weiß wie Schnee. Und wenn dann der

Erste oder gar der Skipper auf die Rose guckt und sagt: ‚Kos’ki, Junge,

Sie können aber mal Kurs halten, verflucht feine Arbeit, könnte ich

selber nicht besser machen. Weiter so, dann halten wir die Karline gut

in der Zeit!‘ ja, Mensch, Pippip, da lacht dir das Herz, da könnte man

gleich so wegheulen und natschen, daß dir der Rotz die Backen

runtertrippt, vor lauter Vergnügen. Siehst du, das kann das ehrliche

Handwerk nicht und nie. Lachst ja auch, wenn dir ein Schnapp glückt,

aber lachst doch nicht so, lachst mehr scheinheilig und drehst dich

immer um dabei, ob nicht schon einer hinter dir her ist.“

„Ich habe ja an dicken Eimern noch nicht gerudert, aber doch schon an

kleinen, und ich denke, du hast recht“, sagte ich. „Aber beim Anpinseln

geht es einem auch so. Wenn dir eine grüne oder braune Kante so recht

fein glückt, ohne zu klecksen und ohne auszurutschen, da hat man auch

seinen Spaß.“

Stanislaw schwieg eine Weile, spuckte über die Reeling, schob sich ein

neues Dickerchen zwischen die Zähne, den er vor einer halben Stunde von

einem Händler, der mit einem Boot herangepullt war, gekauft hatte und

sagte: „Wirst vielleicht lachen. Kohlenschleppen, wenn man eigentlich A.

B. ist, und ein besserer A. B. als diese Räuber hier, ist ja vielleicht

eine Schmach. Aber doch nicht. Hat auch seine Freuden. Auf so einem

Kasten ist alles wichtig. Wenn nicht geschleppt wird, kann der Heizer

keinen Dampf halten, und wenn der keinen Dampf hält, steht die Karre wie

eine Ramme im Lehm. Und mal so fünfhundert Schaufeln in einem Zug auf

zehn Schritt Entfernung durch die Schachtluke pfeffern und einen Vorrat

hinhauen, daß der Heizer kaum noch treten kann, bloß um mal zu sehen,

was du schaffen kannst, wenn du mal rangehst an die Ella, und du siehst

dir den Berg an, den du so auf einen Sitz hingehauen hast, da lacht dir

auch das Herz im Leibe. Du könntest den Berg wahrhaftig abknutschen vor

Vergnügen, wenn er da so dick aufgeschichtet daliegt und dich so

verwundert anglubscht, weil er doch eben noch oben in einem Bunker war

und nun mit einemmal hier vor den Kesseln liegt. Nein, an Arbeit, an

gesunde Arbeit, kann das schönste ehrliche Handwerk nicht ran.

Und warum macht man das ehrliche Handwerk überhaupt? Weil man keine

Arbeit hat, weil man keine kriegt. Mußt doch was tun, kannst doch nicht

den ganzen geschlagenen Tag im Bett liegen oder dich in den Straßen

rumtreiben, wirst ja ganz vertattelt im Kopf.“

„Na und was dann, als du den Holländer nicht kriegtest?“ fragte ich.

„Arbeit mußte ich haben, und ein Schiff mußte ich haben, weil ich sonst

verrückt geworden wäre. Den guten Paß, das feine Papier, verkaufte ich

für Dollar. Dann platzte wieder ein Sack, und ich hatte ein paar

Silberlinge in der Hand. Machte mit ein paar dänischen Fischern ein

saftiges Spritgeschäft, das ich ihnen durch den Zoll brachte, na und da

hatte ich ja feine Pinke.

Ich mich in den Zug gesetzt und runter nach Emmerich. Komme auch glatt

rüber. Drüben aber, als ich mir eine Karte nach Amsterdam kaufen will,

werde ich geschnappt, und nachts bringen sie mich über die Grenze und

schieben mich rüber.“

„Was?“ fragte ich. „Du willst doch nicht etwa sagen, daß die Holländer

Leute nachts über die Grenze bringen, ganz heimlich?“

Ich wollte hören, wie es Stanislaw ergangen war.

„Die? Die?“ sagte Stanislaw, und streckte seinen Kopf weit vor und

bohrte mich fest mit seinen Augen. „Die machen noch ganz andre Sachen.

Da ist jede Nacht an den Grenzen das schönste Austauschgeschäft mit

Menschen. Die Deutschen schleppen ihre lästigen Ausländer und

Bolschewisten über die holländische, belgische, französische und

dänische Grenze, und das machen die Holländer, die Belgier, die

Franzosen, die Dänen. Ich bin sicher, die Schweizer, die Tschechen, die

Polen machen es genau ebenso.“

Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Kann ich nicht glauben. Das ist ganz

ungesetzlich.“

„Aber sie machen’s. Sie haben es doch mit mir gemacht, und ich habe an

der Grenze und in Holland ein paar Dutzend getroffen, mit denen sie es

von allen Seiten aus gemacht hatten.

Was wollen Sie denn tun? Totschlagen und eingraben können sie doch die

Leute nicht. Sie haben ja nichts verbrochen. Haben bloß keinen Paß und

können keinen kriegen, weil sie nicht geboren sind oder nicht optiert

haben. Jedes Land versucht, seine Paßlosen und Staatenlosen loszuwerden,

weil die Leute ihnen immer wieder Scherereien machen. Wenn sie mit den

Pässen aufhören, hört diese Warenverschiebung auch auf. Also, ob du es

glaubst oder nicht, mit mir haben sie es getan.“

Stanislaw ließ sich aber nicht einschüchtern weder mit der Drohung

Arbeitshaus, noch mit der Drohung Gefängnis, noch mit der Drohung

Internierung. Er ging in derselben Nacht wieder rüber nach Holland,

machte es klüger und kam nach Amsterdam. Er kriegte einen Italiener, ein

ganz schmachvolles Totenschiff, und ging mit ihm nach Genua. Dort

segelte er achtern raus, kriegte wieder ein Totenschiff, diesmal einen

unmittelbaren Leichenmacher, und ging mit ihm aufs Riff. Er, mit noch

ein paar andern, überlebte die Leichen, strolchte sich bettelnd durch zu

einem andern Hafen und kam über ein andres Totenschiff, wo er infolge

einer gräßlichen Schlägerei abkanten mußte, auf die Yorikke.

Wo bleibt er? Wo bleibe ich? Wo bleiben alle die Toten eines Tages? Am

Riff. Früher oder später. Einmal trifft es. Man kann nicht ewig

Totenschiffe fahren. Man muß die Fahrerei eines Tages doch bezahlen, ob

man noch soviel Glück hat. Und man muß immer auf ein Totenschiff. Kein

andrer Ausweg ist einem geblieben. Das feste Land ist mit einer

unübersteigbaren Mauer umgeben, ein Zuchthaus für die, die drinnen sind,

ein Totenschiff oder eine Fremdenlegion für die, die draußen sind. Es

ist die einzige Freiheit, die ein Staat, der sich zum Extrem seines

Sinnes entwickeln will und muß, dem einzelnen Menschen, der nicht

numeriert werden kann, zu bieten vermag, wenn er ihn nicht mit kühler

Geste ermorden will. Zu dieser kühlen Geste wird der Staat noch kommen

müssen. Vorläufig aber hat Cäsar Kapitalismus an diesem Mord noch kein

wesentliches Interesse, weil er den Kehricht, der über die

Zuchthausmauern geworfen wird, noch gebrauchen kann. Und Cäsar

Kapitalismus läßt nichts verkommen, solange es noch Profit verspricht.

Auch der Kehricht, den die Staaten über die Mauern werfen, hat noch

seinen Wert und wirft gute Profite ab, die abzuweisen Sünde wäre,

unverzeihliche Sünde.

„In der Bunk über mir,“ sagte ich eines Tages zu Stanislaw, „da ist

einer verreckt, wurde mir erzählt. Weißt du was davon, Lawski?“

„Freilich, weiß ich davon. Wir waren ja sozusagen Brüder. Er war ein

Deutscher. War aus Mülhausen im Elsaß. Seinen richtigen Namen weiß ich

nicht. Kümmert mich auch nicht. Er sagte, er hieße Paul. Gerufen wurde

er Franzos oder French eigentlich. War Kohlschlepp. Er hat mir mal in

einer Nacht, als wir zusammen im Achterbunk saßen und er wie ein kleiner

Junge heulte, erzählt, was mit ihm los war.“

Paul war in Mülhausen geboren und hatte Kupferschmied, glaube ich,

gelernt in Straßburg oder in Metz. Ich habe das verwechselt, weil es nur

so nebenbei war.

Er ist dann auf die Wanderschaft gegangen nach Frankreich und Italien.

In Italien war er interniert, als der Dreck da losging, oder warte mal,

nein, es war anders. Er war in der Schweiz gewesen als es losging, hatte

kein Geld, wurde rübergeschoben und eingezogen. Dann wurde er auf einem

Patrouillengang von den Italienern gefangengenommen. Er brach aus, stahl

sich Zivilsachen, grub seine feldgrauen Lumpen ein und trieb sich in

Mittelitalien und Süditalien herum. Er kannte ja die Gegenden, weil er

da gearbeitet hatte.

Endlich wurde er erwischt. Daß er ausgekniffener Kriegsgefangener war,

wußte man nicht, man hielt ihn für einen Deutschen, der sich da während

der ganzen Zeit herumgetrieben hatte, und so kam er in ein

Internierungslager für Zivilgefangene. So war die Geschichte.

Ehe noch die Zivilgefangenen ausgetauscht wurden, war er schon wieder

ausgebrochen und walzte rauf durch die Schweiz. Er wurde abgeschoben

nach Deutschland und arbeitete da in einer Brauerei. Dann kam er in

revolutionäre Geschichten rein, wurde verhaftet und mit Landesverweis

bedacht als Franzose. Die Franzosen nahmen ihn nicht an, weil er schon

ewige Zeiten fort war von Mülhausen und weder für Frankreich, noch für

Deutschland optiert hatte. Was kümmert man sich als Arbeiter um solchen

Quatsch. Da hat man andres zu denken und zu sorgen, besonders wenn man

keine Arbeit hat und rumlaufen muß wie verrückt, um wenigstens was für

den Magen zu schaffen.

Aber er wurde wegen der bolschewistischen Sachen, von denen er gar

nichts verstand, landesverwiesen. Er kriegte zweimal vierundzwanzig

Stunden Zeit, sich zu verduften, oder sechs Monate Arbeitshaus. Kam er

raus aus dem Arbeitshaus, so bekam er wieder zwei Tage Zeit, und war er

nicht weg in der Zeit, dann blühte ihm wieder Arbeitshaus oder Gefängnis

oder Internierungslager. Arbeitshaus haben sie ja nicht mehr oder nennen

es nicht mehr so, wie er mir sagte. Aber sie haben dafür ähnliche

Einrichtungen. Die Brüder finden immer eine neue Schikane, wenn sie mit

einer alten aufräumen aus irgendwelchen Gründen. Was wissen die von

menschlichen Gründen? Da gibt es bloß Verbrecher und Nichtverbrecher.

Wer nicht beweisen kann, daß er bestimmt kein Verbrecher ist, der ist

eben einer.

Also raus mußte er. Er war ein halbes Dutzend mal schon beim

französischen Konsul gewesen, aber der wollte nichts von ihm wissen,

schmiß ihn raus und verbot ihm das Betreten des Konsulats.

Paul walzte nun nach Luxemburg, machte die Grenzen und kam nach

Frankreich. Als er geschnappt wurde, sagte der Esel, er sei Franzose. Es

blieb ihm ja nichts weiter übrig. Es wurde nachgeforscht, und die fanden

raus, daß er sich auf diesem Wege die französische Staatsangehörigkeit

in ungesetzlicher Weise habe erschleichen wollen. Das ist ein großes

Verbrechen. Ein saftiger Einbruch ist lange kein so großes Verbrechen.

Die hätten ihm ein paar Jahre aufgeknackst.

Na, kurz und gut, er kriegte ein Mauseloch, um zu entwischen.

Anmusterung für die Fremdenlegion. Da konnte er sich ja ein Zehntel

französische Staatsangehörigkeit verdienen, wenn er es aushielt.

Aber er hielt es nicht aus und mußte kippen.

Wie er mir erzählte, ist das ja nun so mit dem Abbrennen. Wo willst du

hin? Rüber auf spanisches Gebiet? Gut. Wenn nur der Weg nicht so weit

wäre. Aber da kommen Marokkaner, die sich das Kopfgeld verdienen wollen.

Man sieht es ihnen nicht an der Nasenspitze an, wenn man sie um ein paar

Datteln oder um einen Schluck Wasser anbettelt. Und zurück als

Deserteur, dann schon lieber mit einem Stück spitzen Holz erstechen.

Dann wieder trifft man Marokkaner, die ziehen einen aus bis aufs Hemd

und lassen einen liegen im Sonnenbrand und im Sande.

Dann trifft man welche, die rauben einen nicht aus, aber schlagen einen

tot oder martern einen tot, weil er von der verhaßten Legion ist oder

von den verhaßten Christenhunden einer ist.

Da sind auch welche, die verschleppen einen und verkaufen einen tief ins

Innere als Sklave zu den Göpelmühlen. Auch ein Vergnügen, lieber die

Kaldaunen aus dem Leibe reißen.

Aber der Junge hatte Glück, ein ganz verfluchtes Glück. Er traf

Marokkaner an, die ihn erschlagen wollten oder an den Pferdeschwanz

binden und abhäuten. Aber er konnte ihnen verständlich machen, noch

rechtzeitig genug, denn sie lassen sich für gewöhnlich in keine

Diskussionen ein, daß er Deutscher sei. Na, die Deutschen sind ja auch

Christenhunde, aber sie haben gegen die Franzosen gekämpft, das wird

ihnen hoch angerechnet, wie man in Spanien und in Mexiko es den

Deutschen hoch anrechnet, daß sie fünfzigtausend Amerikanern unter die

Erde verholfen haben. Bei den Marokkanern haben aber die Deutschen noch

einen andern Stein im Brett, sie haben an der Seite der Türken, an der

Seite der Mohammedaner gegen die Engländer und Franzosen gekämpft, und

sie haben die mohammedanischen Glaubensgenossen, die auf seiten der

Engländer und Franzosen kämpften und von den Deutschen gefangen wurden,

nicht als Kriegsgefangene, sondern als dreiviertel Freunde behandelt.

Das weiß jeder, der Allah und den Propheten anruft, ob er in Marokko

wohnt oder in Indien.

Es ist nur so ungemein schwer, einem nichttürkischen Mohammedaner das

begreiflich zu machen, daß einer Deutscher ist. Er denkt sich die

Deutschen ganz anders aussehend als die verhaßten Franzosen und

Engländer, und wenn er nun sieht, daß der Deutsche auch nicht viel

anders aussieht, so glaubt er es ihm nicht und denkt, der Mann will ihn

beschwindeln. Wenn er nun gar als Deutscher in der Fremdenlegion dient,

um die Mohammedaner dort zu bekämpfen, so glaubt es ihm selbst der nicht

mehr, der vielleicht zuerst ihn für einen Deutschen gehalten hätte. Denn

ein Deutscher kämpft nicht auf seiten der Franzosen gegen die

Mohammedaner, die um ihre Freiheit kämpfen, weil die Deutschen das

selbst wissen, was es bedeutet, wenn man um die Freiheit und

Unabhängigkeit seines Landes gegen Franzosen und Engländer zu kämpfen

hat.

Wie es geschah, niemand kann es sagen. Durch ein unbegreifliches Gefühl,

das in den Marokkanern plötzlich auftauchte, glaubten sie ihm, daß er

Deutscher sei, und daß er nie gegen Marokkaner gekämpft habe. Sie nahmen

ihn auf, pflegten ihn, fütterten ihn gut und gaben ihn von Sippe zu

Sippe und von Stamm zu Stamm weiter, bis er an der Küste landete und

dort mit den Pflaumenmushändlern auf die Yorikke gebracht wurde.

Der Skipper nahm ihn mit Freuden auf, weil er einen Kohlschlepp

brauchte, und Paul war glücklich, unter uns zu sein.

Aber nach zwei Tagen schon, obgleich er mit Rosten kein Pech hatte und

die Kohlen damals gut zur Hand lagen, sagte er: „Ich wollte, ich hätte

die Fremdenlegion nicht gekippt. Das hier ist zehnmal schlimmer als die

böseste Kompanie in unsrer Division. Wir lebten demgegenüber ja wie die

Fürsten. Hatten menschliches Essen und menschliche Quartiere. Ich gehe

hier in die Wicken.“

„Mach keine solchen Töne, Paul“, sagte Stanislaw, um ihn aufzurichten.

Aber Paul, der vielleicht auch durch die Strapazen der Flucht schon

etwas abgekriegt hatte, fing an Blut zu spucken. Immer mehr. Dann kotzte

er Blut in großen Fladen. Und eines Nachts, als ich ihn ablösen kam, lag

er auf einem Kohlenhaufen oben im Bunker im dicken Blut. Tot war er

nicht. Ich schleife ihn ins Quartier und packte ihn in seine Bunk da

oben. Früh als ich ihn wecken kommen wollte, war er tot. Um acht kam er

über Bord. Der Skipper nahm nicht mal die Mütze ab, er tippte bloß so an

den Rand. Eingewickelt wurde er auch nicht. Er hatte nur Lumpen, die vom

Blut verkleistert waren. Ans Bein kriegte er einen dicken Klumpen Kohle.

Ich glaube, selbst diesen Klumpen Kohle gönnte ihm der Skipper nur mit

schiefem Maul. Ins Journal ist Paul nicht gekommen. Luft, verwehte Luft.

40

Paul war nicht der einzige Schlepp, den die Yorikke verschluckt und

verdaut hat, während Stanislaw drauf war. Da war der Kurt, ein Junge von

Memel, auch nicht optiert. Zu der Zeit trieb er sich in Australien

herum, wurde aber nie erwischt, um interniert zu werden. Schließlich

kriegte er namenloses Heimweh und mußte nach Deutschland. Irgendwo in

Australien hatte er was ausgefressen. Eine Streikbrechergeschichte mit

Streikbrecherverholzen, und einer von diesen Lumpen war liegengeblieben

und nicht mehr aufgestanden. Kurt konnte nicht zum Konsul gehen, um auf

treuem Wege wegzukommen, denn wenn es sich um Streik handelt oder um

Geschichten, die nach Kommunismus riechen, dann bocken die Konsuln

gleich alle zusammen, auch wenn sie ein paar Monate vorher sich noch

anspucken wollten. Der Konsul hätte ihn sicher der Polizei verwinkt, und

Kurt hätte seine zwanzig Jahre machen müssen. Ein Konsul ist immer auf

seiten des Staatsgedankens. Des Staatsgedankens, dieses großen

erlauchten Wortes, das nichts als Unfug stiftet und die Menschen zu

Nummern macht. Und diese Staatsidee ist so stark in den Konsuln

entwickelt, daß sie zugunsten der Staatsidee ihre eignen Söhne

verkaufen, nur damit der Staat recht behalten kann. Streik ist ja gegen

den Staat gerichtet. Manchmal, wenn er ein treuer und nicht ein

geschobener Streik ist.

Es gelang Kurt, ohne Papiere bis nach England zu kommen. Aber England

ist eine böse Sache. Eine Insel ist immer bös. Man kann rauf, aber nicht

mehr runter. Kurt konnte nicht mehr runter. Er mußte zum Konsul. Der

Konsul wollte wissen, warum er von Brisbane in Australien fort sei,

warum er dort nicht den deutschen Konsul aufgesucht habe, und warum er

auf illegalen Wegen nach England gekommen sei.

Kurt konnte das nicht erzählen und wollte es auch nicht erzählen, weil

ja England für ihn auch nicht sicherer war als Australien. Die Engländer

hätten ihn sofort an Australien zur Aburteilung ausgeliefert.

Auf dem Konsulat in London oder in Southampton oder in welcher Stadt in

England es sein mochte, bekam Kurt in dem Bureau des Konsuls, wo alles

an die Heimat erinnerte, ein so übermächtiges Heimwehgefühl, daß er

bitterlich zu weinen anfing. Darauf schrie ihn der Konsul an, er möge

hier kein Theater machen, sonst schmisse er ihn raus, solche Vagabunden

kenne er schon zur Genüge. Kurt gab ihm die einzige richtige Antwort,

die ein echter Junge für solche Gelegenheiten auf Lager hält, und um der

Einladung den gehörigen Nachdruck zu verleihen, ergriff er einen

Sandstreuer oder was es war und feuerte es dem Konsul an den Kopf. Der

fing gleich an zu bluten und an zu schreien, aber Kurt war raus wie der

Teufel.

Er hätte sich den Weg zum Konsul sparen können, denn da er von Memel war

und nicht optiert hatte, konnte ihm der Konsul ja doch nicht helfen.

Dazu reichten dessen Vollmachten nicht aus. Wie gewöhnlich. Er war ja

nur Diener des Götzen.

Dadurch war Kurt nun endgültig tot und konnte die Heimat nicht

wiedersehen. Es war ihm ja durch eine Amtsperson bestätigt worden, daß

sein Heimweh nur Theater war. Was weiß eine Amtsperson davon, daß ein

Vagabund, ein zerlumpter Weltherumtreiber auch Heimweh bekommen kann?

Solche Gefühle sind nur denen vorbehalten, die weiße Wäsche haben und

jeden Tag ein reines Taschentuch aus der Kommode nehmen können. Yes,

Sir.

Ich habe kein Heimweh. Ich habe gelernt, daß das, was Heimat, was

Vaterland sein sollte, eingepökelt und in Aktenmappen eingeheftet ist,

daß es in Gestalt von Staatsbeamten repräsentiert wird, die einem das

treue Heimatsgefühl so sicher austreiben, daß nicht eine Spur davon mehr

übrigbleibt. Wo meine Heimat ist? Da, wo ich bin und wo mich niemand

stört, niemand wissen will, wer ich bin, niemand wissen will, was ich

tu, niemand wissen will, woher ich gekommen bin, da ist meine Heimat, da

ist mein Vaterland.

Der Junge von Memel kriegte einen Spanier und kam schließlich auf die

Yorikke als Schlepp.

Schutzvorrichtungen gab es auf der Yorikke nicht, erstens kosten sie

Geld und zweitens hindern sie an der Arbeit. Ein Totenschiff ist keine

Kleinkinderbewahranstalt. Mach die Augen auf, und wenn was abgeht, so

ist das nur faules Fleisch oder ein fauler Finger, der doch nicht

arbeiten wollte.

Das Wasserstandglas an den Kesseln hatte weder ein Schutzglas, noch ein

Drahtgitter. Eines Tages platzte es, als Kurt auf Wache war. Es war auch

kein Langhebel dran, wodurch das Rohr, das zum Wasserstandglas führte,

von einem sicheren Platz aus hätte abgedrosselt werden können. Das

kochende Wasser strahlte heraus, und der Kesselraum war in dichten

heißen Dampf gehüllt.

Das Rohr mußte abgedrosselt werden. Mußte gemacht werden. Aber der

Drosselhahn war direkt unter dem gebrochenen Glas, zwei Zoll von der

Strahlöffnung entfernt. Es mußte abgedrosselt werden, sonst lag der

Eimer einen halben Tag fest, und wenn schweres Wetter aufkam, konnte das

Schiff nicht manövrieren und wurde gepfeffert, daß kein Splitter mehr

heil blieb.

Wer drosselt ab? Der Schlepp natürlich. Der Vagabund opferte sein Leben,

damit Yorikke manövrierfähig blieb und erst dann zu den Fischen ging,

wenn es befohlen wurde.

Und Kurt drosselte ab. Dann brach er zusammen und wurde von dem

Ingenieur und dem Heizer in seine Bunk getragen.

„So etwas von Schreien“, erzählte mir Stanislaw, „kannst du dir nicht

denken. Auf dem Rücken konnte er nicht liegen und nicht auf dem Bauche

und nicht auf den Seiten. Die Haut hing ihm in Fetzen herunter wie ein

zerrissenes Hemd, alles Blasen und Blasen, dick wie ein Kopf, und eine

neben der andern. Hätte man ihn in ein Hospital gebracht, ich weiß ja

nicht, vielleicht hätte man ihm helfen können mit Hauteinsetzen. Aber

man hätte schon eine ganze Kalbshaut gebrauchen müssen, um ihn wieder

zurechtzuflicken. Und geschrien und geschrien und geschrien! Ich wünsche

nur, daß der Konsul ihn im Schlafe gehört hätte, er wäre den Schrei

nicht mehr los geworden. Die sitzen am Tisch und schreiben Formulare

voll. Hundert Meilen hinter der Front des nackten Lebens.

Tapferkeit im Kriege? Quatsch! Tapferkeit auf dem Felde der Arbeit. Aber

da kriegst du keinen Orden. Da bist du kein Held. Er hat sich

totgeschrien. Abends kam er über Bord, der Junge von Memel. Na, Pippip,

ich muß die Kappe abnehmen, guck mich nicht so an. Da mußt du

Präsentiert das Gewehr! machen. Kannst nicht anders. Über Bord, mit

einem Klumpen Kohle am Bein. Sah aus wie ein Sträfling. Der Zweite

Ingenieur sah hinterdrein und sagte dann: „Verfluchte Geschichte, jetzt

haben wir wieder keinen Schlepp.“ Das war alles, was er sagte. Und

gerade er war der Mann, der es hätte machen müssen; denn es war eine

Reparatur, und solche Reparaturen gehen den Schlepp gar nichts an. Ja,

das war der Kurt. Steht auch nicht im Journal. Der Zweite Ingenieur

steht drin. Der Koch hat es gesehen, als er Seife stehlen ging in die

Kabine vom Skipper. Na, was sich unsereiner dafür schon kauft.“

41

Mit den übrigen Mannschaften redete ich sehr wenig. Sie waren meist

brummig, übelgelaunt und schläfrig, wenn sie nicht besoffen waren, was

in jedem Hafen vorkam. Aber, wenn ich ganz ehrlich sein soll, so waren

es eigentlich sie, die nicht mit uns redeten. Ich war ja nur Schlepp,

ich und der Stanislaw. Und der Schlepp ist ja nicht, bei weitem nicht so

viel wie ein A. B., nicht einmal so viel wie ein Deckarbeiter. Das sind

alles Herren im Vergleich zum Schlepp. Der Schlepp wühlt im Dreck und in

der Asche und ist erst recht Dreck und Asche. An ihm kann man sich ja

die Finger dreckig machen. Und nun gar erst der Zimmermann oder gar, um

noch höher zu gehen, der Bootsmann. Denen gegenüber ist man nur ein

Würmchen. Niemand versteht es so gut, feine und allerfeinste

Rangunterschiede zu machen wie der Arbeiter.

Nun erst in der Fabrik. Der die Schrauben drehen darf, tausendweise,

alle nach Schablone, was ist der für ein großer Mann gegenüber dem, der

die Schrauben in einem Korbe wegschleppen muß. Und der die Schrauben

wegschleppen darf, was ist der für eine unerreichbare Größe gegenüber

dem, der die Säle ausfegen darf. Und der, der ausfegen darf, wirft sich

in die Brust und sagt: „Ach der, der sucht ja bloß den Dreck durch, der

muß ja die Messingspäne aussuchen, mit dem kann ich doch nicht

verkehren. Wie sieht denn das aus?“

Unter den Toten hört der Rangunterschied nicht auf. Er wird noch größer

beinahe. Wer da hinten an der Mauer nur gerade so verscharrt ist, weil

er ja irgendwo liegen muß, der ist nichts. Der in einem Tannensarg

begraben wird, ist schon mehr. Nachts, wenn sie tanzen, guckt er den

Verscharrten mit keiner Miene an, sondern sieht sehnsüchtig rüber zu

denen, die mit ihrem Eichensarg tanzen. Zu denen, die mit einem

Metallsarg mit goldenen Ecken gravitätisch herumwandern, wagt er gar

nicht aufzusehen; das würden die sich auch sehr verbitten. Damit man das

alles gleich von vornherein klarstellen kann, darum werden ja die einen

in Metallsärgen mit vergoldeten Ecken begraben und die andern in einer

viereckigen Holzkiste in einem Winkel verscharrt. Erst die Würmer und

die Maden, diese revolutionären Aufräumer und Umwälzer, die machen sich

nichts aus Rangunterschieden. Die sind alle gleich weiß und alle gleich

groß und sie wollen fressen; und das Fressen nehmen sie sich, wo sie es

kriegen, sie holen es sich aus dem Metallsarg mit vergoldeten Ecken

ebenso rasch wie aus der Kiste.

Der Herr Zimmermann und der Herr Bootsmann und der Herr Donkeyman waren

Petty-Offiziere, Unteroffiziere. Sie waren genau so dreckig wie wir,

waren auch nicht länger befahren als wir, waren für den geregelten Gang

der Yorikke viel weniger wichtig als wir, aber die Schlepps mußten den

Herrn Donkeyman bedienen. Mußten ihm das Essen aus der Galley holen, auf

den Tisch stellen und wieder abservieren. Damit der Rangunterschied

gewahrt blieb. Der Donkeyman ist der Wintschenmaschinist, und wenn das

Schiff im Hafen liegt und die Heizer und Schlepps haben Tagarbeit, dann

muß er die Kessel heizen, auch des Nachts. Auf der Fahrt murkst er im

Wege herum, putzt an den Maschinen hier ein wenig, dort schmiert er ein

Lager, dann muß er einen Selbstöler auseinandernehmen und auswaschen und

dann wieder da ein wenig Dreck wegnehmen und ihn hier hinlegen. Dafür

braucht er nicht in den großen Quartieren schlafen, sondern in kleinen,

wo nur zwei oder drei Bunks sind, und dafür bekommt er Sonntag

Grießpudding mit Himbeersaft und in der Woche zweimal Backpflaumen in

blauer Stärke, während wir keinen Pudding am Sonntag und nur einmal in

der Woche Backpflaumen in blauer Stärke fassen. Wenn wir aber zweimal

Backpflaumen kriegen mit versteinertem Salzfisch, dann bekommt er

dreimal Backpflaumen. Er, der Bootsmann, der Zimmermann, die

Unteroffiziere. Dafür hat er hinter uns her zu sein und aufzupassen, daß

wir nicht etwa einen Kesselbunker aufschrauben, wenn schweres Wetter ist

und die Achterbunker noch ein paar Kilogramm haben. Was würde Cäsar mit

seinen Armeen machen, wenn er keine Unteroffiziere hätte, die auf der

ersten Sprosse der Leiter zum Generalfeldmarschall stehen?

Unteroffiziere, die von oben kommen, sind nicht zu gebrauchen; sie

müssen von unten kommen, gestern noch geprügelt worden sein, dann sind

sie gut zu gebrauchen, die können am besten prügeln.

Dann kamen die A. B.s und dann die Deckarbeiter. Stanislaw konnte mehr

als alle drei A. B.s zusammen, aber er war nur Dreck. Sie hätten sich

erst wohlgefühlt, wenn angeordnet worden wäre, daß die Schlepps, wenn

sie an dem Donkeyman vorbeigehen wollten, zu fragen hätten, ob es ihnen

auch erlaubt sei, an ihm vorbeizugehen.

Dennoch waren sie alle Tote, und dennoch waren sie alle auf dem Wege zu

den Fischen.

Soweit das Erhabenheitsgefühl bei ihnen nicht verletzt wurde, konnte man

mit ihnen umgehen, und sie fühlten sich durchaus im gleichen

Schiethaufen mit uns. Die weniger Befahrenen unter den Deckarbeitern

waren noch zu unsicher unter uns alten Seehunden, um irgendwelchen

Sprossensinn uns gegenüber zu entwickeln. Mit der Zeit kam dann doch ein

Zusammengehörigkeitsgefühl heraus, das seinen Grund in der uns allen

gemeinsamen Schicksalslage hatte. Wir alle waren Verwehte, wenn es auch

keiner für sich zugeben wollte und immer noch auf ein Entspringen

hoffte. Uns allen drohte das gleiche Schicksal der Gladiatorenopferung,

was wir alle wußten, ohne es offen auszusprechen. Seeleute sprechen

nicht von Schiffbruch und nicht von Untergang, das ist nicht gut. Lockt

nur den Gast aufs Schiff. Aber gerade dieses wartende Wissen, dieses

bebende Zählen der Tage von einem Hafen zum andern, dieses verhaltene

Nichtaussprechen der Tatsache, daß, wie lange es auch immer dauern möge,

wir doch mit jedem Tage näher und sicherer dem letzten Tage kommen, wo

es um den brutalen Kampf, ums nackte Leben gehen würde, knüpfte uns mit

einem merkwürdigen Band zusammen.

Es ging nie einer allein in den Hafen, immer zu zweien oder dreien.

Seeräuber konnten nicht ein Viertel so schlimm aussehen wie wir. Wir

kamen nie in Händel mit den Mannschaften andrer Schiffe. Zum Teil waren

wir ihnen zu dreckig und zu zerlumpt, zum Teil hakten sie nicht ein. Wir

konnten sagen, was wir wollten, sie taten, als hörten sie es nicht,

tranken ihren Wein aus oder ihren Schnaps und gingen ihrer Wege. Sie

waren die ehrliche Arbeiterklasse, der vierte Stand; wir waren der

fünfte, der noch lange nicht dran ist, solange nicht der vierte erst

einmal an der Krippe sitzt. Vielleicht waren wir gar der sechste und

hatten noch ein paar Jahrhunderte zu warten.

Die vom vierten, dem ehrlichen Stand, ließen sich auch darum nicht mit

uns ein, weil sie uns für Desperados hielten. Das waren wir ja auch. Uns

war alles gleichgültig. Was immer auch geschah, es konnte uns nichts

Schlimmeres geschehen. Also los, weg mit ihm.

Wenn wir in eine Seemannskneipe kamen, war der Wirt immer ängstlich

darauf bedacht, uns nur ja recht schnell heraus zu haben, obgleich wir

alles über die Kante hauten, was wir in der Tasche hatten oder im Munde,

weil die Taschen zerrissen waren, oder auch im Mützenleder, wenn es noch

vorhanden war. Wir waren gute Kunden, aber solange wir in der Taverne

waren, ließ der Wirt kein Auge von uns und beobachtete jeden Schritt und

jeden Blick. Schien es ihm, daß einer mit den Augen zuckte und einen vom

ehrlichen Stand zu deutlich anguckte, ging der Wirt sofort zu dem Manne

hin, der angeguckt worden war, und bearbeitete ihn, daß er das Lokal

verließe. Er mußte ihn ja vorsichtig und zart behandeln, denn hätte der

Betreffende gemerkt, was los war, so hätte er vielleicht doch einmal

gelippt, und dann war die Appelsoße im Gange.

Wahrscheinlich hatte sich mit der Zeit durch die übermäßige Arbeit, die

wir zu leisten hatten, durch die seltsame, verlorene Lage, in der wir

uns alle befanden, durch die unaufhörliche Spannung vor dem krachenden

Schrei der aufgebrannten Yorikke, die nicht zu den Fischen wollte, in

unsre Gesichter etwas eingegraben, das alle Menschen, die nicht auf der

Yorikke fuhren, mit unsagbarem Grauen erfüllte. Es mußte etwas in unsern

Gesichtern und in unsern Augen liegen, das Frauen manchmal erbleichen

und aufschreien machte, wenn wir unerwartet in ihren Gesichtskreis

traten. Selbst Männer sahen uns scheu an und drehten und wendeten sich,

um einen andern Weg zu machen, damit sie nicht an uns vorbei brauchten.

Die Polizei folgte uns mit den Augen, solange sie auch nur ein

Zipfelchen von uns sah. Merkwürdig war es mit Kindern. Manche fingen an

zu schreien, wenn sie uns sahen, und liefen fort wie gehetzt, manche

wieder blieben stehen, rissen die Augen weit auf, wenn wir vorüber

kamen, manche wieder folgten uns atemlos, als hätten sie Traumgestalten

verwirklicht gesehen, und manche, und das war recht seltsam, kamen auf

uns zu, gaben uns die Hand, lachten uns an und sagten: „Guten Tag,

Mann!“ oder „Guten Tag, Seemann!“ oder so etwas. Unter denen, die uns

die Hand gaben, waren aber wieder einige, die, nachdem sie uns die Hand

gegeben hatten, aufblickten mit großen Augen, uns mit offnem Munde

anstarrten, dann plötzlich wegrannten und sich nicht mehr umdrehten.

Waren wir so tot, daß die Kinderseele den Tod in uns sah und fühlte?

Waren wir den Kindern erschienen, als sie noch unter dem Herzen ihrer

Mütter träumten? Schlang sich ein geheimnisvolles Band um uns

Fortgehende und Totgeweihte und um die Kinderseelen, die gerade über die

Schwelle des Lebens getreten sind und noch den Schatten des unbekannten

Reiches im Bewußtsein tragen? Wir die Gehenden – sie die Kommenden, die

Verwandtschaft lag im Gegensatz.

Richtig sauber gewaschen waren wir nie. Mit Sand und Asche kann man sich

nicht sauber waschen. Wenn man in einem Hafen dachte, daß man ja auch

Seife haben wollte, war das Geld schon weg für andre Dinge, die einem

auch wichtig erschienen, Wein und Gesang und alles das übrige. Singen

konnten wir auch. Es war ein Grölen und Heulen, aber niemand rief vom

Fenster hinunter, daß wir ruhig sein sollten. Sie hüteten sich. Die

Polizei hörte nichts und sah nichts.

Manchmal kauften wir ja auch ein Stück Seife, aber man hatte es nur

einen Tag. Dann war es weg für immer. Man kann doch nicht die Seife den

ganzen Tag im Munde halten, um sie zu schützen. Und weil man das Geld

auch nicht dauernd im Munde halten konnte und es auch nicht gestohlen

haben wollte und sich dann noch ärgern mußte, gab man es aus. Das

einfachste Ding von der Welt.

Es kam vor, daß wir uns rasieren ließen, wenn wir daran dachten, solange

wir noch Geld hatten, oder wenn wir zufällig in eine Schaufensterscheibe

guckten und uns selber nicht mehr kannten. Denn einen Spiegel hatten wir

nicht. Das war gut, so wußte keiner, wie er selbst aussah im Gesicht. Es

war ja immer der andre, der so fürchterlich aussah, daß die Frauen

aufschrien und sich in den Häusern versteckten. Nicht rasiert, das

Gesicht rot und verschrammt von dem Sand und der Asche, die nackten Arme

voll Brandnarben und die Kleidung versengt, verbrannt, zerrissen,

verlumpt.

Nach einem englischen, französischen, deutschen, dänischen oder

holländischen Hafen gingen wir nie. Da hatten wir nichts zu suchen.

Immer an den Küsten Afrikas oder Syriens. Nur selten gingen wir in

Spanien oder Portugal an einen Kai, meist blieben wir draußen auf der

Reede liegen und nahmen die Ladung von Leichtern und von Booten über.

Der Skipper mochte wohl wissen, warum er in manchen Häfen nicht an den

Kai ging, sondern sich auf Reede vor Anker legte. Dann signalisierte er

nach einem Boot und fuhr hinein zum Hafen, um die Papiere in Ordnung zu

bringen beim Konsul oder bei den Hafenbehörden.

Wir gingen unsre eignen Wege. Es gibt keine Totenschiffe. Das sind Dinge

der Vorkriegszeit. Es gibt keine, weil man sie in einem Hafen, in einem

bekannten Hafen nicht sieht. Sie sind da draußen in der Ferne, wo jede

Bucht ein Hafen ist, wenn ein Schuppen hingebaut wird. In den

chinesischen Gewässern, in den indischen, in den persischen, den

malaiischen, an den Küsten des südlichen und östlichen Mittelmeeres, an

den Küsten Madagaskars, an den Westküsten und Ostküsten Afrikas, an den

Küsten Südamerikas, in der Südsee. Platz genug für alle und für ein paar

Tausend mehr. Sowenig wie man je alle Vagabunden von den Landstraßen der

Erde wird vertreiben können, weil ja auch ganz anständige Leute darunter

sein mögen, die eben gerade nur mal knapp bei Gelde sind, ebensowenig

wird man die Totenschiffe von den sieben Meeren vertreiben können. Wer

sie suchen wollte, findet sie nicht. Es gibt ja dreimal mehr Wasser auf

der Erde als Land; und wo Wasser ist, da ist auch eine Straße für ein

Schiff, aber wo Land ist, da ist noch lange nicht eine Straße für einen

Vagabunden.

Die Yorikke hätte nie jemand gefunden. Sie hatte einen Skipper, der sich

aufs Handwerk verstand. Er konnte mit Fürsten umgehen, sie würden ihn

für ihresgleichen gehalten haben. Kam jemand irgendetwas verdächtig vor,

er schlug die Geschicktesten. Seine Papiere waren immer in Ordnung,

soweit sie sich auf die Yorikke und auf ihren Mageninhalt bezogen. Kein

zehnmal konzessionierter und überwachter Postdampfer konnte bessere

Papiere zeigen. Und das Journal? Es stimmte auf die Minute.

Da kam mal ein spanisches Kriegsboot auf, als wir noch innerhalb der

Seegrenze waren. Das Boot suchte. Jedes Kind wußte, daß Corned Beef mit

Knochen ein gutes Geschäft ist.

Das Boot signalisierte, aber der Skipper pfiff drauf. Dann feuerte das

Boot den Stopper. Und Yorikke stoppte. Es hatte nicht mehr gelangt. Sie

war noch drin. Na, solche Boote machen sich ja nichts draus. Sie

versuchen auch außerhalb der Grenze zu picken. Der Skipper muß vor

Gericht beweisen, daß er nicht mehr drin war, sondern schon anderthalb

Seemeilen raus. Soll er mal beweisen, das ist nicht so einfach. Es steht

kein Grenzpfahl im Wasser. Die Rumjäger in den States kennen überhaupt

keine Seegrenze. Manchmal glückt es dem Skipper aber doch, zu beweisen,

daß er raus war. Na, dann wird eben bezahlt. Und eine halbe Stunde drauf

wird es woanders schon wieder versucht. Nur der Mensch, der kleine, der

muß das Gesetz achten, der Staat braucht das nicht. Er ist die Allmacht.

Der Mensch muß Moral haben, der Staat kennt keine Moral. Er mordet, wenn

er es für gut befindet, er stiehlt, wenn er es für gut befindet; er

raubt die Kinder von den Müttern, wenn er es für gut befindet; er

zerbricht die Ehen, wenn er es für gut befindet. Er tut, was er will.

Für ihn gibt es keinen Gott im Himmel, an den zu glauben er den Menschen

bei Leib- und Lebensstrafe zwingt, für ihn gibt es keine Gebote Gottes,

die er den Kindern mit dem Knüppel einbläuen läßt. Er macht sich seine

Gebote selbst, denn er ist der Allmächtige und der Allwissende und der

Allgegenwärtige. Er macht sich die Gebote selbst, und wenn sie ihm eine

Stunde darauf nicht mehr zusagen, übertritt er sie selbst. Er hat keinen

Richter über sich, der ihn zur Rechenschaft zieht, und wenn der Mensch

anfängt, mißtrauisch zu werden, dann fuchtelt er ihm mit der Flagge

Rot-Weiß-Blau-Hurra-Hurra-Hurra vor den Augen herum, daß der Mensch ganz

duselig wird, und brüllt ihm ins Ohr: „Haus und Herd – Weib und Kind“

und bläst ihm in die Nasenlöcher den Rauch: Blick auf deine ruhmreiche

Vergangenheit. Und dann plappern die Menschen alles nach, weil der

Allmächtige sie in ausdauernder Arbeit zu Maschinen und Automaten

gemacht hat, die ihre Arme, Beine, Augen, Lippen, Herzen und

Gehirnzellen genau so bewegen, wie es der allmächtige Staat haben will.

Das hat nicht einmal der allmächtige Gott zuwege gebracht, und der

konnte doch auch etwas. Aber diesem Ungeheuer gegenüber ist er nur ein

armer Stümper. Seine Menschen handelten ganz selbständig, sobald sie

erst einmal ihre Arme und Beine bewegen konnten. Sie liefen ihm davon,

achteten seine Gebote nicht, sündigten wie toll und setzten ihn endlich

ab. Bei dem neuen allmächtigen Gott haben sie es schwerer, weil er noch

zu jung ist, und weil sie noch nicht wagen, ihm auf die Füße zu treten

und den Apfel vom Baume zu reißen.

Wir stoppten. Blieb uns ja nichts andres übrig. Er hätte uns sonst

hochgeblasen. Und dann kamen sie rauf.

„Möchten die Papiere sehen. Ja, danke, die sind in Ordnung. Wir dürfen

doch wohl einmal überprüfen. Wir halten Sie nicht auf. Ein paar Minuten

nur.“

„Bitte, bitte, meine Herren, aber nicht zu lange. Ich habe Verspätung,

oder ich muß Ihre Regierung haftbar machen.“ Der Skipper lacht. Wie der

Mann zu lachen verstand. Mit seinem Lachen, das so halb ironisch, so

halb ungemein lustig war, leerte er alles aus, was da noch verdächtig

sein konnte.

Die guten Leute hatten etwas von Corned Beef mit Knochen vernommen. Wie

Ameisen krochen sie in dem Laderaum herum und suchten Corned Beef von

Chikago. Und der Skipper lachte und lachte.

Es war kein Corned Beef da. In der Galley waren ein paar Büchsen. Zum

Hausgebrauch für das Mitschiff.

Aber da war Kakao. Holländischer, garantiert reiner, entölter, Van

Houtens. Kisten und Kisten voll. Aller Kakao in Blechbüchsen. Damit das

Aroma nicht verlorengeht.

Der Untersuchungsoffizier tippte auf eine Kiste, die ganz mitten drin

lag. Die Kiste kam hoch. Er lief sie öffnen.

Und der Skipper lachte. Und der Offizier wurde nervös. Er wollte es

nicht merken lassen, aber er konnte es nicht verbergen. Das Lachen

machte ihn halbverrückt.

Schöne große Büchsen. Alle mit Etiketten verklebt. Der Skipper trat an

die Kiste, nahm eine Blechbüchse heraus und reichte sie dem Offizier zu,

während er seinem Lachen einen ganz unterstrichnen sarkastischen Ton

gab. Der Offizier sah den Skipper an, dann sah er die Büchse an und nun

trat er mit einem schneidigen Schritt auf die offene Kiste zu und nahm

sich selbst eine Büchse heraus, gleich neben der Lücke. Er riß das

Etikett hastig ab und öffnete die Büchse. – Kakao.

Der Skipper schüttelte sich vor Lachen.

Plötzlich fiel dem Offizier wieder das Corned Beef mit Knochen ein und

er schüttele den Kakao aus der Büchse völlig aus.

Kakao. Da war nichts andres drin. Nichts als garantiert reiner entölter

Van Houtens Kakao.

Aber der Offizier, zitternd vor Nervosität, nahm jetzt dem Skipper die

Büchse aus der Hand, riß das Etikett ab, hob den Blechdeckel ab und da

war – Kakao. Er steckte den Deckel wieder auf und gab die Büchse dem

Skipper mit einem „Danke!“ zurück.

Was in dem Skipper vorging, als ihm der Offizier die Büchse aus der Hand

nahm, weiß nur er allein. Aber er lachte, daß man es drüben auf dem

Kriegsboot, das beigedreht hatte, hören konnte.

Der Offizier entschuldigte sich, gab das Revisionsdokument, in das er

das Zeichen der geöffneten Kiste einschrieb mit der Quittung für die

beiden verdorbenen Büchsen Kakao, stieg mit seinen Leuten in die

Schaluppe und setzte ab zu seinem Boot.

Als er abstieß, rief der Skipper rüber zur Galley: „Koch, heute abend

Kakao für die Mannschaft und Rosinenstollen.“

Dann ging er näher zur Kiste, suchte eine Weile herum, bis er fand, was

er haben wollte, nahm die gewünschte Büchse heraus und übergab sie dem

Koch. Dann ließ er die Kiste wieder zunageln und verstauen.

Ich hatte auf Deck gestanden, als dies geschah. Und da man Gelegenheiten

nie verpassen soll, so machte ich mich nachts gleich daran, ein paar

Blechbüchsen Kakao flottzumachen. Im nächsten Hafen brachten sie immer

ein paar Schillinge ein, oder man konnte sie für Tabak eintauschen.

Fünf zog ich ab und verstaute sie im Bunker.

Bei der Ablösung sagte ich zu Stanislaw: „Hast du schon mal an den Kakao

gedacht? Ehrliches Handwerk. Ein paar Schillinge sind drin.“

„Da ist kein Schilling drin. Wenn es Kakao wäre. Aber es sind ja

Kakaobohnen, und wenn du nicht die passenden Kakaomühlen dazu verkaufen

kannst, kriegst du nicht einen roten Penny dafür.“

Das kam mir verdächtig vor. Stanislaw hatte also schon an das Handwerk

gedacht. Wahrscheinlich schon eine Kiste aufgehabt, als die zweite noch

am Lademast hing.

Ich kletterte sofort rauf in den Bunker und machte eine Büchse auf.

Stanislaw hatte recht. Es waren Kakaobohnen. Sehr harte, mit

Messinghülsen. In der zweiten Büchse, dasselbe. In der dritten, vierten,

fünften: dasselbe. Ich machte sie wieder schön zu und packte sie zurück

in die Kisten. Für arabische und marokkanische Kakaobohnen hatte ich

kein Interesse; die passenden Mühlen, falls wir sie an Bord hatten,

hätte ich ja doch nicht sicher heruntergekriegt.

Nur der Skipper war fähig, Kakaobohnen in Kakaopulver zu verwandeln. Er

konnte es auf zwei Arten. Er konnte das Wunder vollbringen dadurch, daß

er die Blechbüchse in der Kiste ließ, er konnte es aber auch dadurch,

daß er die Büchse in die Hand nahm. Er war ein Meister in der schwarzen

Magie, yes, Sir.

42

Wir machten Tripolis und hatten verteufelt schweren Seegang. Wir wurden

im Kesselraum hin und her gepfeffert, und in den Bunkern war es noch

schlimmer. Ich betrachtete mir, wenn ich mal ein wenig zum Verschnaufen

im Kesselraum auf einem Kohlenhaufen saß, zuweilen das kleine

Glasröhrchen, das einen erwachsenen Seemann so martervoll verschlucken

kann, wenn es dazu in der Laune ist. Dabei legte ich mir die Frage vor,

ob ich das Rohr abdrosseln würde, wenn das Röhrchen zum Tanzvergnügen

geht.

Natürlich sagte ich nein. Aber wer kann sagen, was er tun wird, wenn die

Frage nicht gestellt wird, sondern wenn die Frage entschieden werden muß

und man gar nicht daran denkt, daß die Frage überhaupt existiert? Der

Heizer kann ja drunter liegen und kann nicht mehr allein fort. Meinen

Heizer im Stich lassen, daß er mir mein ganzes Leben hinterher schreit:

„Pippip! Pippip! Ich verbrühe! Hol mich raus, Pippip! Ich kann nicht

sehen, meine Augen sind rausgebrüht, Pippip, schnell, es ist gleich

vorbei! Pip–pip–p–“

Na, nu laß mal da deinen Heizer liegen. Da gehst du eben, auch wenn du

weißt, ihr bleibt beide da liegen.

Vielleicht gehe ich auch nicht. Warum? Mein Leben ist auch etwas wert.

Mein Leben –

„Pippip, Schlepp, spring Back, nicht gucken, Backbord und her!“

Der Heizer brüllt es, daß er das Hämmern der Maschine überkreischt.

Ohne aufzugucken, mache ich einen Satz rüber nach Backbord und falle

dort in die Knie, weil ich über das Schüreisen falle, das im Wege liegt.

Gleichzeitig erfolgt ein Krach und ein Rasseln, das betäubend ist.

Unter seinem schwarzen dicken Kohlenstaub, den er im Gesicht hat, sehe

ich, daß der Heizer ganz bleich ist. Auch Tote können noch erbleichen.

Ich klaube mich auf mit zerschundenen Schienbeinen und aufgeschlagenen

Kniescheiben und drehe mich um.

Die Aschenhuze, die Aschenführung, ist runtergekommen.

Diese Aschenführung ist ein runder Blechkanal, wie ein großer

Blechschornstein, mit einem Durchmesser von etwa einem Meter. In ihm

werden die Aschkannen hochgehievt, damit sie nicht hin und her

schlenkern können, sondern oben in den Aushebeschacht geführt werden.

Die Huze hängt weit in den Kesselraum hinein bis etwa neun Fuß über dem

Boden. Oben ist sie an einen Kranz festgenietet. Sie ist sicher dort an

den Nieten durchgerostet, und jetzt bei dem Wetter hat sie den Rest

bekommen und ist abgebrochen. Wo will sie hin? Sie muß in den

Kesselraum. Sie ist senkrecht fallendes, sehr starkes Eisenblech und hat

hundert Kilo oder mehr. Schneidet den Kopf und den ganzen Körper der

Länge nach durch. Geht wie mit dem Rasiermesser. Oder schlägt den Arm ab

und nimmt die eine Schulter mit. Wenn sie Gnade übt, nur den halben Fuß.

Wer denkt an die Aschenhuze, daß die einmal abrosten könnte am Kranz.

Sie hängt seit der Zerstörung Jerusalems da drin und ist nie

runtergefallen. Die ganzen vielen Jahrhunderte nicht. Und nun mit

einemmal fällt es ihr ein, runterzukommen.

Seemannslos. Arbeiterlos. Deine Schuld. Geh zur rechten Zeit drunter

weg, dann kann dir nichts passieren.

Hallo, Heizer, da bin ich ja nochmal mit einem Sprung davongekommen.

Gleich beim ersten Schrei: „Schlepp, Back!“ gesaust wie ein Affe. Nicht

erst lange gedacht, was los ist. Die Yorikke entwickelt die Instinkte,

sie hält einen in Form.

„Ja, Heizer, verflucht nochmal, das war ein Sprung zur rechten Zeit.“

Danke! ist nicht. Wozu? Morgen dir, übermorgen Stanislaw. Wer weiß, wen

die nächste Kugel trifft. Wir sind im Kriege. Kopp weg. Aber ehe du es

hörst, ist er schon weg, der Kopp. Der Rest bleibt liegen. Wird nicht

bezahlt. Über Bord. Klumpen Kohle ans Bein. An die Mütze getippt.

Grabmusik: „Nun haben wir wieder keinen Schlepp.“

Das Glasröhrchen ist heil. Es hat sein Opfer. Der Aschenhuze hat der

Heizer den Spaß verdorben. Aber dafür wartet die Rache. Was ist das

nächste Glasröhrchen? Wer ist der Nächste? Junge, zieh dir den Gürtel

fest. Da ist Warnung in der Luft. Warnung für dich. Es schwirrt der Gast

herum, er kriecht in den Winkeln und lauert in den Ecken. Beim

nächstenmal macht er bessere Arbeit und läßt nicht gerade den Heizer

zufällig nach oben blicken, daß er sieht, wie sich erst die eine Hälfte

am Kranz löst und dann die andre. Beim nächstenmal ist es vielleicht das

Brett da oben, auf dem du rüberbalancierst zur Bunkerluke.

Mein Junge, ich glaube, du steigst am besten aus in Tripolis. Wenn du

auch tot bist, man macht doch gern noch manchmal einen Spaziergang aus

den Gräbern und sieht, was draußen los ist, weil man sich so rasch an

die stickige Luft im Grabe nicht gewöhnen kann. Mußt ja wieder rein ins

Grab oder in ein Totenschiff, aber hast doch eine Nase voll frischer

Luft mitgenommen und beim zweiten Male geht es schon besser. Aber

Tripolis war nichts mit Aussteigen. Wir konnten keinen Schritt tun ohne

Bewachung. Beim geringsten Versuch, achtern abzubleiben, hätten sie uns

gepackt und zurückgebracht. Hätten dem Skipper eine Kostenrechnung

gemacht, und er hätte sie von der Heuer abgezogen. Es war auch nichts in

Syrien. Man konnte nicht abkanten. Wir waren freie Männer, freie

Seeleute. Durften in die Häfen gehen, durften in den Kneipen rumsaufen,

durften tanzen und unser Geld verspielen oder es uns aus den Taschen

räubern lassen. Alles durften wir tun, weil wir ja freie Seeleute und

keine Sträflinge waren. Aber sobald Yorikke das Blaue Peterlein flattern

ließ, und man drückte sich auffällig weit vom Kai oder von den Molen

herum oder gar in verschnörkelten Gäßchen und dunklen Winkeln, da hatte

einen auch schon einer am Arm:

„Monsieur, s’il vous plaît, Ihr Schiff wartet, wir werden Sie begleiten,

damit Sie nicht den Weg verfehlen.“

Und war man dann erst wieder drauf auf der Yorikke, hatten sie das

Recht, draußen am Kai zu stehen und einem das abermalige Verlassen des

Bootes zu verbieten, denn Blau Peterlein flatterte, und das hieß, nun

hat die Freiheit wieder mal ein Ende.

Stanislaw hatte schon recht gehabt: „Kommst nicht mehr runter. Und wenn

du kommst, die kriegen dich und stecken dich auf einen andern

Toteneimer, der vielleicht noch schlimmer ist. Denn die Toten nehmen

dich immer wieder auf, auch aus den Händen der Polizei. Mit Dank.

Drücken dem Engelmacher noch zehn Schillinge in die Hand dafür. Füttern

dich sogar, bis sie dich auf ein andres Totenschiff, das hereinkommt,

verkaufen können. Müssen dich doch los werden. Können dich doch nicht

nach der Heimat deportieren, hast ja keine.“

„Da brauche ich doch aber nicht raufzugehen.“

„Mußt rauf. Der Skipper sagt, er hat dich gezeichnet, auf Handschlag.

Dir glaubt man nichts, dem Skipper glaubt man. Er ist ja ein Skipper und

hat eine Heimat, wenn es auch nur selbst eine geschwindelte ist und er

selber nicht mehr heim darf. Aber er ist der Skipper. Mußt rauf. Er hat

dich gemustert. Hat dich nie gesehen. Aber auf Handschlag gemustert.

Mußt rauf. Bist Deserteur.“

„Aber, Stanislaw, nun rede mal klar. Da gibt es doch noch Recht“, sagte

ich, weil ich glaubte, er übertreibt.

„Das ist doch schon mein viertes. Es ist dein erstes. Und ich bin durch

mit allen Zipfeln.“

„Man kann dich doch nicht zwingen. Ich bin doch freiwillig auf die

Yorikke gekommen“, wandte ich ein.

„Ja, das erstemal kommt man halb freiwillig. Aber hättest du deine

Sachen alle klar gehabt, wärst du nicht freiwillig gekommen. Wenn du

deine Sachen in Ordnung hast, kann dir niemand mit solchem Zimt kommen,

wie Handschlag, Deserteur und so. Da sagst du, du willst zum Konsul. Da

müssen sie dich gehen lassen und können mitkommen. Wenn der Konsul sagt,

daß er dich annimmt, daß er dich anerkennt, müssen sie abziehen. Da ist

nichts von Handschlag, da heißt es zu dem Skipper: ‚Wer sind Sie? Wann

wurde das Schiff zum letztenmal inspiziert? Wie sind die Gebührnisse für

die Mannschaft, Essen, Löhnung, Quartiere?‘ Da zuppelt er ab, der

Skipper und sagt nichts mehr von Handschlag. Kannst du zum Konsul gehen?

Hast du Papiere? Hast du ein Vaterland? Na also. Können sie mit dir

machen, was sie wollen. Glaubst du nicht? Steig aus, versuche es.“

„Hast du denn dein dänisches Heuerbuch nicht mehr?“ fragte ich

Stanislaw.

„Eine Frage! So eine dumme Frage! Wenn ich das noch hätte, wäre ich doch

nicht hier. Ich hab’s doch gleich für zehn Dollar verkauft, als ich den

schönen Paß in Hamburg kriegte. Auf einen Dänen darf er nicht damit

gehen, auch nicht zu einem dänischen Konsul. Der nimmt es ihm gleich ab,

weil es angemeldet ist; es ist doch ein Schwimmer. Lebt doch nicht mehr.

Aber für kleine Verhältnisse ist es hundert Dollar wert. Wenn ich es nur

hätte. Hab mich doch auf meinen eleganten Paß verlassen. War doch wie

eine Festung, so gut und so sicher. Kerngesund. Echt bis auf die

Pupille. Besser als zehn Eide. Konnte von der ganzen Erde aus

angeklingelt werden in Hamburg, ohne Murren. Bloß die Nummer gewinkt.

Schon war die Antwort da: Paß ist klar wie ein Diamant. Aber er war doch

bloß Gipsfront. Hatte bloß ein schönes Gesicht und nichts dahinter.“

„Warum hast du es denn nicht noch woanders damit versucht?“

„Habe ich doch, Pippip. Denkst du denn, ich laß so einen eleganten

Schwenker gehen, ohne ihn ein halbes Dutzend mal anzuziehen und zu

sehen, ob er nicht doch noch paßt? Ich hatte doch auch einen Schweden.

Da sind wir gar nicht erst bis zum Konsul gekommen. Der Skipper nahm

ihn, guckte rein und sagte gleich: „Nichts zu machen mit uns. Ich werde

Sie nicht mehr los.“

„Die Deutschen hätten dich doch aber genommen“, sagte ich nun.

„Zuerst einmal zahlen die ja hundemäßig. Damals wenigstens. Was sie

heute zahlen, weiß ich nicht. Ich hätte auch gern einen genommen. War

mir ja egal. Aber wenn du da ankamst, gleich sprangen sie dir ins

Gesicht: ‚Nehmen keine Pollacken. Pollacken raus. Freßt oberschlesische

Steinkohle. Könnt ja euren Pollackenrachen nicht voll kriegen.‘ Und

lauter solche Sachen. Das wäre dann die ganze Fahrt so gegangen. Auch

wenn ich hätte mustern können. Die andern, die Mannschaften sind ja noch

zehnmal schlimmer, noch zehnmal verhetzter. Hältst du gar nicht aus.

Geht vom frühen Morgen bis zum Abend: ‚Saupollack. Dreckpollack.

Mistpollack. Wollt ihr nicht auch noch Berlin einsacken, ihr

Pollackenschweine?‘ Hältst du nicht aus, Pippip. Gehst über die Reeling.

Dann schon lieber Yorikke. Da schmeißt keiner dem andern seine

Nationalität vor, weil keiner mehr eine Nationalität hat, mit der er

protzen kann.“

So verging ein Monat nach dem andern. Ehe ich es mir versah, war ich

vier Monate auf der Yorikke. Und ich hatte gedacht, ich könnte dort

keine zwei Tage leben.

43

Lasset uns Menschen machen ein Bild, das uns gleich sei, und lasset uns

ihnen die Fähigkeit geben, zu glauben und sich zu gewöhnen, damit sie

uns nicht eines Tages absetzen. Yorikke war erträglich geworden. War

eigentlich doch ein ganz feines Schifflein. Das Essen war gar nicht so

schlecht, wie es schien. Es gab ja hin und wieder Nach-Sturm-Frühstück.

Auch schon mal Kakao mit Rosinenstollen. Und zuweilen ein halbes

Wasserglas Kognak oder ein volles Wasserglas Rum. Manchmal gab der Koch

sogar ein halbes Kilo Zucker extra her, wenn man ihm schöne Nußkohle für

die Galley aus den Bunkern klaubte.

Der Dreck in den Quartieren war zu ertragen. Wir hatten ja keine Bürste

und keinen Feger. Wir fegten mit einem Sacklumpen. Seife hatten wir ja

auch keine. Und wenn wir uns ein Stück kauften für den persönlichen

Gebrauch, werden wir es doch nicht aufbrauchen für Reinquartier. Wir

waren doch nicht verrückt.

Die Bunk war auch gar nicht so hart, wie sie erst erschien. Ich hatte

mir aus Putzwolle ein Kissen zurecht gemacht. Wanzen? Gibt es auch

anderswo. Nicht nur auf der Yorikke. Es war ganz gut zu ertragen. Es sah

auch niemand mehr so dreckig aus und so zerlumpt, wie in den ersten

Tagen. Auch die Eßgeschirre waren nicht mehr so schmierig.

Mit jedem Tag war alles ein klein wenig sauberer und besser und

erträglicher geworden. Wenn Augen sehr lange dasselbe sehen, sehen sie

es nicht mehr. Wenn müde Glieder jeden Tag auf demselben harten Holze

ruhen, schlafen sie bald wie auf Daunen. Wenn die Zunge jeden Tag

dasselbe schmeckt, weiß sie nicht, wie andres wohl schmecken mag.

Wenn alles rundherum kleiner wird, sieht man nicht, wie man

zusammenschrumpft, und wenn alles dreckig ist, was einen umgibt, sieht

man nicht, wie dreckig man selbst ist.

Die Yorikke war recht erträglich. Mit Stanislaw konnte man sich gut

unterhalten. Er war ein kluger und intelligenter Junge, der viel gesehen

und alles mit ganz klaren Augen gesehen hatte, und der sich das Hirn

nicht so leicht verkleistern ließ. Mit den Heizern konnte man auch

sprechen. Wußten auch dies und jenes Neue zu erzählen. Die Deckarbeiter

waren auch keine verblödeten Dummköpfe. Dummköpfe kamen nie zu den Toten

und nur selten Durchschnittsmenschen. Denn die haben immer alles schön

in Ordnung. Die können nie über die Mauer fallen, weil sie nie

hochklettern, um zu sehen, wie es auf der andern Seite wohl aussehen

mag. Die glauben, was man ihnen darüber erzählt. Die glauben, daß auf

der andern Seite der Mauer Mordbrenner sitzen. Die Mordbrenner sitzen

immer auf der andern Seite der Mauer. Und wer das nicht glaubt und

einmal nachsehen will, ob es wahr ist, auf die Mauer klettert und dabei

runterfällt, dem geschieht es ganz recht, daß er draußen bleibt. Und

wenn er schon auf die andre Seite will, um den Mordbrennern die

überflüssigen Hosenknöpfe zu verkaufen, dann soll er wenigstens durch

das Tor gehen, damit man sieht, wer es ist, und damit der Nachtwächter,

der über der Haustür den Adler und die Fahnenstange hat, damit man auch

gleich weiß, daß er der Nachtwächter seines Landes ist, das Trinkgeld

nicht einbüßt. Wer kein Trinkgeld bezahlen kann und keinen Zettel in der

Tasche hat, auf dem abgestempelt wurde, daß er der Sohn seiner Mutter

ist, soll daheim bleiben. Freiheit ja, aber muß abgestempelt sein.

Freizügigkeit der Erdenbewohner ja, aber nur mit Zustimmung der

Nachtwächter. Vier Monate Heuer hatte ich beim Skipper stehen.

Hundertzwanzig oder einige mehr Pesetas Vorschuß gingen ab. Blieb ein

ganz hübsches Sümmchen übrig. War auch dann noch ein ganz nettes

Sümmchen, wenn es in Pfunde umgerechnet wurde.

Umsonst wollte ich nun auch nicht gerade gearbeitet haben und das Geld

dem Skipper schenken. Und so hatte er mich nur um so fester. Aber wo und

wann und wie abmustern? Gab es doch nicht. In keinem Hafen wurde die

Abmusterung bestätigt. Keine Papiere, kein Heimatsland. Werden den Mann

nie wieder los. Kann nicht abmustern.

Es gab nur eine Abmusterung. Die Gladiatorenabmusterung. Abzeichnung auf

dem Riff. Abzeichnung bei den Fischen. Kam man klar, dann flog man auf

eine Küste. Da konnten sie einen nicht gleich wieder ins Wasser fegen.

Schiffbrüchiger. Es regt sich das Mitleid der Menschen, besonders derer,

die in Küstenstrichen wohnen. Mit Toten gibt es kein Erbarmen, mit

Schiffbrüchigen ist es etwas andres.

Dann muß sich ja auch der Nachtwächter der Flagge melden, unter der man

aufs Riff ging. Er zahlt nicht für den Mann, er zahlt für den Rapport,

damit die Versicherung besser geölt wird. Denn wenn der Rapport nicht

einläuft, dann kommt die Verschollenwartezeit, und das bedeutet einen

erheblichen Zinsverlust. Wenn der Rapport da ist und das Mitleid mit dem

Schiffbrüchigen eingetrocknet ist, dann wandert man wieder zu den Toten.

Erst ganz langsam, dann schneller und immer schneller. Die Kompanie ist

für den Mann haftbar und sie ist verantwortlich für seine Fortschaffung.

Wohin mit ihm? Kein Skipper will ihn haben. Er wird ihn nicht mehr los.

Auf ein Totenschiff. Er will nicht, weil er genug hat, vom letztenmal.

Handschlag, versuchte Desertion, zehn Schilling in die Hand, Blaues

Peterlein, rauf. Guten Morgen, da wären wir wieder.

Die Fische können warten. Er kommt. Einmal kommt er. Er kommt, entweder

mit dem Glasröhrchen oder mit der Aschenhuze oder mit einer Kohlenlawine

im Bunker oder mit dem Riff. Aber er kommt. Er kann nicht pensioniert

werden oder ein Weib nehmen und einen kleinen Bootshandel anfangen. Er

muß immer wieder in die Arena. Bis er es vergißt, daß er in der Arena

ist, yes, Sir ...

Nun lagen wir in Dakar. Ein durchaus anständiger Hafen. Nichts gegen ihn

einzuwenden.

Kesselreinigen. Kesselreinigen, wenn die Feuer unter dem zu reinigenden

Kessel nur gerade einen knappen Tag aus sind und der Nachbarkessel unter

Dampf bleibt. Und dieses Vergnügen in einer Gegend, wo man sagt: „Guck

mal da rüber, wo die grünen Zaunpfähle stehen mit dem großen A dran, das

ist der Äquator, kannst auch sagen Mittagslinie, dann mußt du aber das A

abschrauben und ein Messingschild anhängen mit dem großen M drauf. Aber

ob du nun Mittagslinie sagst oder Äquator oder überhaupt nichts, es ist

immer egal heiß und glühend. Wenn du den Äquator anfaßt, die Hand ist

sofort weg, wie abrasiert, bloß noch ein paar Krümelchen Asche sind

übrig. Wenn du ein Stück Eisen auf den Äquator legst, schmilzt das wie

Butter. Wenn du zwei Stück zusammenhältst, die schweißen autogen. Glatt

ohne Naht, brauchst bloß drücken.“

„Weiß ich,“ sagte Stanislaw, „wir sind mal rübergefahren über den

Äquator, da war es gerade Weihnachten. Da war doch der immer noch so

heiß, daß du die dicken eisernen Bordwände man bloß so mit dem Finger

durchbohren konntest. Brauchtest gar nicht bohren. Bloß so mit dem

Finger antippen, da war schon ein Loch drin. Wenn du gegen die eiserne

Bordwand spucktest, flog die Spucke durch wie nichts, war gleich wieder

ein Loch. Der Skipper sah das von der Brücke und schrie: ‚Ihr wollt wohl

hier ein Kaffeesieb aus dem Schiff machen. Sofort die Löcher wieder

zugemacht.‘ Und da wischten wir so ein klein wenig mit der Hand rüber

oder mit dem Ellbogen und da waren die Löcher wieder zu. Es war ja

gerade so weich wie Kuchenteig. Die eisernen Masten hatten sich ganz

umgebogen, so wie ein langes Wachslicht, das du auf einen heißen

Kochherd stellst. Es war eine Schweinerei, bis wir sie wieder gerade

hatten. Mit dem Äquator darf man nicht spaßen.“

„Ganz gewiß nicht,“ gab ich zu, „darum hat man ja zu beiden Seiten des

Äquators rund um die Erde einen Lattenzaun gemacht mit Warnungsschildern

dran. Kannst du ja schon auf der Landkarte sehen, den Zaun. Ihr habt den

dummen Fehler gemacht, ihr seid drüber weggefahren. Wir waren schlauer.

Wir sind durch die Unterwassertunnel drunter hergefahren. Da ist es

schön kühl. Merkst gar nicht, daß du unter dem Äquator herfährst.“

„Die Äquatortunnel kenne ich. Aber die Kompanie wollte nicht die

Tunneldurchfahrtkosten bezahlen. Die berechnen pro Tonne einen Schilling

Tunnelkosten. Wie geht es denn da rein in den Tunnel?“

„Aber Mensch, das ist doch ganz einfach,“ erwiderte ich, „da ist ein

großes Loch im Meer und da geht das Schiff eben rein, mit dem Bug

zuerst, fährt durch und kommt an der andern Seite wieder raus, da ist

auch so ein Loch im Wasser.“

„Ist tatsächlich ganz einfach,“ gab Stanislaw zu, „das hätte ich mir

viel komplizierter gedacht. Ich habe gedacht, das Schiff wird in eine

Art Taucheranzug gesteckt und dann runtergezogen. Unten ist eine

Maschine, die da zieht, und dann geht es unten lang auf Zahnradschienen

und an der andern Seite wird das Schiff dann wieder hochgezogen.“

„So hätte man das natürlich auch machen können,“ sagte ich, „aber das

ist zu umständlich. Könnten sie auch gar nicht machen für einen

Schilling die Tonne.“

„Zum Kreuzdonnerwetter nochmal, wird das Geschwätze da drin im Kessel

nun bald aufhören oder nicht“, schrie der Zweite Ingenieur in den

Kessel, während er den Kopf zum Mannloch durchsteckte. „Wenn da in einem

fort erzählt wird, kann der Kessel nicht rein werden.“

„Komm doch rein, du Hund, wenn du den Hammer an den Schädel haben

willst.“ Ich schrie es wie wild, halbverrückt von der Hitze. „Klopp dir

den Kessel allein, du Roßtäuscher, du verfluchter. Dir werde ich ja

überhaupt noch was erzählen.“

Ich wollte ja gern, daß er mich rapportiert und daß ich rausgefeuert

werde. Dann hätte ich ein Quittungsbuch kriegen müssen und mein Geld.

Aber dazu waren die ja viel zu schlau. „Ebenso wie die Offiziere im

Kriege. Kann man noch so beleidigen und in die Fresse hauen, melden dich

nicht,“ sagte Stanislaw, „haben dich lieber draußen als daß du im

Gefängnis im Trocknen sitzt.“

Kesselreinigen am Äquator, wenn das Feuer nur knapp einen Tag gelöscht

ist und der Nachbarkessel unter Dampf liegt. Meine Herren! Wer nie sein

Brot mit Tränen aß, der trinkt es jetzt wie Himbeerlimonade. Wir saßen

nackt drin, aber die Wände waren so glühend heiß, daß wir uns anziehen

mußten und dicke Polster aus Sacklumpen unter die Knie zu legen hatten,

um nicht anzubrennen.

Dann klopfen. Und was der Kesselstein für einen Staub macht. Das ist,

als ob man die Lunge, den Schlund, die Kehle mit Glas abkratzt. Wenn man

den Mund bewegt, knirscht es zwischen den Zähnen, als ob man Sand mahlt,

und es kriecht einem am ganzen Rückenmark ein entsetzliches Empfinden

hoch, als würde das Rückenmark von einem Ende aus herausgebohrt.

Der Kessel ist an sich schon nicht allzu geräumig. Nun liegen auch noch

die Feuerzüge drin, und man muß auf dem Rücken liegen, auf dem Bauche,

um überall hinzukommen. Wie eine Schlange windet man sich in den Zügen

herum. Wo man mit der bloßen Hand hinfaßt, ist es so heiß, als fasse man

auf eine heiße Herdplatte.

Dann springt einem Kesselstein in die Augen. Und das harte scharfe

Körnchen bereitet einem Schmerzen, daß man glaubt, wahnsinnig zu werden.

Dann wird es mit dreckigen und schweißigen Händen herausgefischt und das

Auge rötet sich von den Martern, die man ihm angetan hatte. Eine Weile

geht es gut, und ratsch: wieder ist ein scharfer Splitter drin, und die

Marter geht von neuem los.

Schutzbrillen? Die kosten Geld. Für solchen Unfug hat die Yorikke kein

Geld. So wurde es vor tausend Jahren gemacht, und so wird es heute

gemacht. Meist sind die Brillen auch nicht viel wert. Entweder man sieht

nichts durch oder sie drücken oder der Schweiß läuft einem zwischen die

Plüschdichtungen und frißt sich in die Augen.

Hätte man elektrische Lampen gehabt, wäre das ja eine kleine

Erleichterung. Aber nun die Lampen aus Karthago. In fünf Minuten ist der

Kessel schwarz und dick von Rauch. Aber es muß geklopft werden.

Und die Hämmer dröhnen innerhalb des Kessels, als ob tausend Donner

einem unmittelbar auf das Trommelfell pauken. Es ist keine federnde

Resonanz, sondern ein hart vibrierendes gell-kreischendes Pochen.

Fünf Minuten, dann müssen wir raus, um Luft zu holen. Wir kochen in

Schweiß, die heißen Lungen fliegen und flattern, das Herz tobt, als

wollte es die Brust durchsprengen, und wir zittern in den Knien.

Luft, nur Luft. Koste es, was es wolle. Und wir stehen in der

Meeresbrise, die auf uns wirkt, als wäre sie ein Schneesturm in

Saskatchewan. Ein breites hartes Schwert stößt durch unsern Körper in

seiner ganzen Länge. Wir frieren und beben und sehnen uns zurück in die

heiße Glut des Kessels.

Wieder fünf Minuten, und wir schreien: Luft. Alle drei, die wir drin

sind, drängen wir an das kleine Mannloch, durch das wir uns zwängen

müssen. Nur einer kann zu gleicher Zeit durch und muß sich wie eine

Katze drehen und winden, um herauszukommen. Während der Zeit, wo er sich

durch das Mannloch zwängt, kommt auch nicht ein Hauch von Luft in den

Kessel. Mit Mühe kriege ich, der ich Zweiter bin am Loch, die Arme durch

und zwänge mich hinaus. Der Heizer fällt innen um und schlägt hart auf.

Er ist besinnungslos.

„Stanislaw, der Heizer muß raus, hat schlapp gemacht“, rufe ich mit

letztem Atem. „Wenn wir ihn nicht holen, zockt er ab und erstickt.“

„Ei–ei–ne Mi–nu–te, Pip–, Hab’ noch keine Luft wieder.“

Es dauert nicht lange, und das Schwert sitzt uns wieder im Körper und

wir sehnen uns nach der kochenden Hitze des Kessels.

Wir nehmen ein Tau. Ich winde mich wieder durch und hole den Heizer

fest. Und nun arbeiten wir, ihn hinauszukriegen. Das ist das Schwerste.

Hineinwinden und herauswinden kann man sich. Aber einen leblosen

Menschen da durchzuziehen, das erfordert unendliche Geduld und

Geschicklichkeit und Kenntnisse in der Anatomie. Der Kopf ist rasch

durch. Aber die Schultern.

Endlich schnüren wir die Schultern zusammen wie ein Paket, ganz fest und

dann können wir ihn hieven und er kommt.

In den Schneesturm bringen wir ihn nicht, sondern wir lassen ihn im

Kesselraum und legen ihn sogar dicht in die Nähe der Feuer des

Nachbarkessels. Wir binden seine Schultern los.

Der Atem ist weg. Ganz weg. Aber das Herz pocht. Leise, doch regelmäßig.

Wir gießen ihm Wasser über den Kopf und pressen einen nassen Sack aufs

Herz. Dann fächeln wir ihm Wind ins Gesicht, blasen ihn an wie

Holzkohlen und tragen ihn endlich unter die Windhuze.

Stanislaw muß rauf und die Windhuze in den Wind stellen, damit frische

Luft auf den Heizer fällt.

Jetzt läßt sich der Hund von einem Roßtäuscher natürlich nicht sehen;

aber wir brauchen uns nur etwas im Kessel erzählen, dann ist diese

widerwärtige Fratze gleich am Mannloch und stopft uns die Luft ab mit

seiner klobigen Knochenbeule. Er kriegt doch noch den Spitzhammer an den

Kadaver geworfen. Möchte er wenigstens ein Wasserglas Rum für den Heizer

bringen, der Schuft. Wir wollen ihn ja gar nicht trinken. Nur ein

Schlückchen, um den Glasstaub aus der Kehle und aus den Zähnen zu

kriegen.

Der Heizer ist unter der Windhuze, und ich fange mit Armbewegungen an.

Allmählich kommt er. Und er kommt immer besser. Als wir ihn hoch haben,

auf den Kohlenhaufen setzen und in die Ecke drücken, damit er einen Halt

hat, kommt der Zweite Ingenieur.

„Was ist denn das, zur Hölle nochmal,“ schreit er gleich, „werdet ihr

bezahlt für Faulenzen oder für was?“

Stanislaw oder ich oder wir beide hätten ja nun sagen können: „Der

Heizer war ...“

Aber wir hatten beide dasselbe Gefühl, und unser Instinkt war wieder

einmal richtig. Arbeiter brauchen nur auf ihren Instinkt hören, dann

handeln sie schon ganz richtig.

Gleichzeitig, ohne ein Wort zu sagen, hatten wir uns gebückt, in jede

Hand einen sauberen dicken Brocken Kohle genommen und noch in derselben

Sekunde dem Zweiten an seine Knochenbeule und an seinen Kadaver

gefeuert.

Die Arme um den Kopf herum, rannte er davon. Stanislaw lief ihm ein paar

Schritte nach und schrie: „Du Giftkröte, wenn du einen halben Schilling

für den Pfeffer abziehst, den du erwischt hast, kommst du auf der

nächsten Fahrt in den Feuerkanal und dann in die Aschkanne und du sollst

mich ins Gesicht spucken dürfen, wenn ich dich nicht in die Feuerung

schiebe. Biest von einem Ingenieur.“

Das Biest machte keine Meldung beim Skipper. Wäre uns auch ganz egal

gewesen. Wir wären mit Wonne in Dakar ins Gefängnis gegangen. Hat auch

keinen Penny Strafe abgezogen. Solange wir Kessel reinigten, und das

dauerte ein paar Tage, ist er nie wieder in die Nähe gekommen. Von dem

Tage an behandelte er uns wie rohe Eier und bekam mehr diplomatische

Fähigkeiten, als der Erste sie besaß. Wirkt Wunder, wenn man Kohle oder

einen Hammer oder eine Schürstange zur Hand hat, und man weiß sie am

rechten Orte zu gebrauchen.

Als der Kessel sauber war, bekamen wir zwei Glas Rum und Vorschuß. Wir

in die Stadt und rumgeguckt. Man denkt ja immer, man könnte einen

treffen, den man nicht erwartet. Ich hätte wegpacken können auf einem

Franzosen, der nach Barcelona ging. Aber ich wollte meine vier Monate

Heuer dem Skipper nicht schenken. Warum sollte ich denn umsonst

arbeiten? So ließ ich den netten Franzosen allein. Stanislaw hätte mit

einem Norweger stauen können, der nach Malta ging. Aber er hatte

dieselben Gründe. Die Heuer. Er hatte viel mehr stehen als ich.

So trieben wir uns im Hafen herum. Stanislaw ging auf den Norweger und

ich schlenderte für mich weiter.

44

Da lag weit draußen die Empreß of Madagascar, die Kaiserin von

Madagaskar, ein Engländer, neun Tausend Tonnen, vielleicht noch mehr.

Das wäre so ein Eimerchen, um damit abzuflippen und zu versuchen, für

eine Weile aus dem Grabe aufzustehen und einen Spaziergang zu machen.

Feines neues Bötchen. Wie lackiert, so sauber. Sogar das Gold ist noch

nicht mal abgewettert. Funkelfarbenneu. Aber da ist keine Schanz, da ist

nichts frei, auf so einem pfirsichweichen Backfischlein. Lächelt so

kokett rüber, zwinkert mit den angefärbten Wimperchen und flickert mit

den unterstrichenen Augäpfeln, daß es eine wahre Freude ist. Muß mal

rüber und das holde Geschöpfchen aus der Nähe besehen.

Verflucht nochmal, wenn nur die Heuer nicht wäre, ich würde wahrhaftig

mal anklingeln. Aber die Heuer lasse ich nicht im Stich. Wenn ich den

Zweiten nur dazu kriegte, daß er mich rausfeuert. Vielleicht einen

Brocken Bolschewistenhetzerei machen. Aber die pfeifen drauf. Hetz’ so

viel du magst, kommst nicht runter. Und machst du es zu bunt, zieht er

dir zwei Wochen Heuer ab. Arbeitest umsonst.

Wenn die Kaiserin früher abfährt als die Yorikke und ich bin darauf mit

Notheuer, ist nichts mehr zu wollen. Aber wo ladet mich die Empreß

wieder ab? Nach England darf sie mich nicht mitnehmen, wird mich nicht

los. Loswerden muß sie mich. Aber wo? Schiebt mich ab auf ein

Totenschiff, irgendwo unterwegs oder in irgendeinem Hafen, wo gerade ein

Schuppen steht.

Das Totenschiff · 第 14 / 18 题