Auf dem Polizeipräsidium fragte man ihn: „Sie sind in Posen geboren?“

„Ja.“

„Geburtsschein?“

„Hier ist die Quittung vom Einschreibebrief. Schicken keinen.“

„Die Bescheinigung von dem Inspektor in Ihrem Revier genügt mir. Es ist

nur die Staatsangehörigkeit. Haben Sie für Deutschland optiert?“

„Ob ich was habe?“

„Ob Sie für Deutschland optiert haben? Ob Sie, als die polnischen

Provinzen abgegeben werden mußten, vor einer deutschen zuständigen

Behörde die Erklärung persönlich zu Protokoll gegeben haben, daß Sie

deutscher Staatsangehöriger bleiben wollen?“

„Nein“, sagte Stanislaw. „Das habe ich nicht getan. Davon habe ich gar

nichts gewußt, daß man das tun müsse. Ich habe geglaubt, wenn ich

Deutscher einmal bin und nichts andres werde, daß ich dann auch

Deutscher bleibe. Ich war doch in der K. M. und habe Skagerrak

mitgekämpft.“

„Damals waren Sie Deutscher. Damals gehörte die Provinz Posen noch zu

Deutschland. Wo waren Sie denn, als die Optionen gemacht werden mußten?“

„Auf großer Fahrt. Draußen.“

„Da hätten Sie zu einem deutschen Konsul gehen müssen und dort Ihre

Option zu Protokoll geben müssen.“

„Aber ich habe doch gar nichts davon gewußt“, sagte Stanislaw. „Wenn man

draußen fährt und hat seine verfluchte schwere Arbeit, dann hat man

keine Zeit, an solche dummen Sachen zu denken.“

„Hat Ihnen denn Ihr Kapitän nichts gesagt?“

„Ich fuhr einen Dänen.“

Der Beamte dachte eine Weile nach und sagte dann: „Da ist nichts mehr zu

wollen. Sind Sie vermögend? Haben Sie Landbesitz oder Hausbesitz?“

„Nein, ich bin Seemann.“

„Ja, wie gesagt, da ist nichts mehr zu wollen. Alle Fristen, sogar die

Versäumungsfristen sind abgelaufen. Und Sie können sich nicht einmal

berufen darauf, daß Sie irgendwo durch höhere Gewalt gehindert worden

seien, zu optieren. Sie waren nicht schiffbrüchig in irgendeinem Lande,

das außerhalb des üblichen Verkehrs liegt. Sie konnten zu jeder Zeit

einen deutschen Konsul oder den Konsul einer andern Macht, der uns

vertrat, aufsuchen. Die Aufforderung zur Option ist in der ganzen Welt

bekanntgemacht worden, und das ist wiederholt geschehen.“

„Wir kommen nicht dazu, Zeitungen zu lesen. Deutsche sieht man nicht,

und andre versteht man nicht. Und wenn man eine Zeitung wirklich mal

kriegt, da steht es dann nicht drin, weil das nicht in jede Nummer

eingesetzt wird.“

„Ich kann nichts machen, Koslowski. Es tut mir leid. Ich möchte Ihnen ja

gerne helfen. Aber ich habe nicht die Vollmachten. Sie können sich noch

an das Ministerium wenden. Aber das dauert lange, und ob Sie Erfolg

haben, ist noch sehr fraglich. Die Polen kommen uns in keiner Weise

entgegen. Warum sollen wir dann ihre Stuben rein fegen. Vielleicht kommt

es noch so weit, daß sie in Polen alle, die für Deutschland optiert

haben, ausweisen, und dann tun wir das natürlich auch.“

Überall erzählte man dem armen Stanislaw politische Ansichten, anstatt

ihm ernsthaft zu helfen. Wenn ein Beamter jemand nicht helfen will, so

sagt er, er möchte ja so gerne helfen, aber er habe keine Macht und

keine Vollmachten. Wenn man aber laut mit einem Beamten spricht oder ihn

nachdenklich ansieht, dann kommt man ins Gefängnis wegen Beleidigung

eines Staatsbeamten und wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt. Dann

ist er plötzlich der Staat selbst, ausgerüstet mit allen Vollmachten und

allen Gewalten, sein Bruder spricht das Urteil, und sein andrer Bruder

schließt einen in die Zelle oder schlägt einem den Knüppel über den

Schädel. Was ist der Wert des Staates, wenn er dir nicht helfen kann in

deinen Nöten?

„Ich kann Ihnen nur den einen Rat geben, Koslowski,“ sagte der Beamte,

während er mit dem Stuhle rückte, „gehen Sie zum polnischen Konsul. Sie

sind Pole. Der polnische Konsul muß ihnen einen polnischen Paß

ausstellen. Dazu ist er verpflichtet. Sie sind in Posen geboren. Wenn

Sie den polnischen Paß haben, dann können wir eine Ausnahme hier machen

und Ihnen, weil Sie hier ortsansässig sind und auch schon früher hier

gewohnt haben, ein deutsches Seemannsbuch ausstellen. Das ist alles, was

ich Ihnen raten kann.“

Stanislaw ging am nächsten Tage zum polnischen Konsul.

„Sie sind in Posen geboren?“

„Ja. Meine Eltern wohnen noch da.“

„Haben Sie in Posen oder in einer der Provinzen, die von Deutschland,

Rußland oder Österreich abgetreten werden mußten, zur Zeit der Abtretung

gewohnt?“

„Nein.“

„Auch nicht zwischen neunzehnhundertzwölf und dem Tage der Abtretung?“

„Nein. Ich fuhr auf See.“

„Was Sie taten und wo Sie fuhren, will ich jetzt noch nicht wissen.“

„Stanislaw, da war der richtige Zeitpunkt, ihn über die Barriere zu

ziehen.“

„Weiß ich, Pippip, aber ich wollte doch erst den Paß haben, dann hätte

ich ihm eine auf die Nase gesetzt, eine Stunde ehe mein Schiff abging.“

„Haben Sie bei einer polnischen Behörde innerhalb Polens, die hierfür

zuständig war, innerhalb der vorgeschriebenen Frist persönlich zu

Protokoll gegeben, daß Sie Pole bleiben wollen?“

„Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß ich in den letzten Jahren nicht

in Posen oder in Westpreußen war.“

„Das ist keine Antwort auf meine klare Frage. Ja oder nein?“

„Nein.“

„Haben Sie vor einem rechtmäßig bestallten polnischen Konsul im

Auslande, der ausdrücklich bevollmächtigt war, Willenserklärungen

solcherart anzunehmen, persönlich zu Protokoll gegeben, daß Sie

polnischer Staatsangehöriger bleiben wollen?“

„Nein.“

„Was wollen Sie denn dann hier? Sie sind Deutscher. Scheren Sie sich zu

den deutschen Behörden und belästigen Sie uns ja nicht mehr.“

Stanislaw erzählte das nicht kochend, sondern mehr traurig, weil er aus

Gründen andrer Art dem Konsul nicht seine Meinung nach Seemannsart hatte

sagen können.

„Sieh mal einer an,“ sagte ich, „was diese neuen Staaten sich leisten.

Das ist schon allerhand. Die werden es noch weit bringen. Du solltest

nur mal sehen, wie weit es Amerika auf diesem Gebiete schon gebracht

hat, und wie es sich abrackert, es noch viel weiter zu bringen und das

muffigste und verstaubteste preußisch-kaiserliche Beamtenhirnchen an

Muffigkeit und Beschränktheit zu übertrumpfen. Gehe mal nach Deutschland

oder nach Polen oder nach England oder nach Amerika und hilf mal deiner

Ella mit Rotwein und Zimt und Nelken aus der Appelsoße, da hast du

gleich ein Jahr weg, daß es nur so hagelt. Der Staat darf keinen

Menschen verlieren. Wenn du aber ausgewachsen bist, dann will dich

keiner haben. Du hast ja kein Vermögen, keinen Landbesitz, keinen

Hausbesitz. Da geben die Staaten Millionen an Dollar aus, halten

Tausende von Vorträgen, machen Filme und drucken Bücher, damit die

Jungen nicht in die Fremdenlegion gehen sollen. Aber wenn ein Junge

kommt und hat keinen Paß, geben sie ihm einen Tritt in den Hintern. Dann

muß er in die Fremdenlegion oder, was viel schlimmer ist, aufs

Totenschiff. Das Volk, das zuerst die Pässe aufheben und den Zustand

wieder herbeiführen wird, der vor dem Freiheitskriege war, und der

niemand schadete und allen das Leben erleichterte, das Volk, das zuerst

diese Tat vollführt, wird den Toten der Totenschiffe das Leben

zurückgeben und den Besitzern der Totenschiffe den Spaß verderben.“

„Möglich“, sagte Stanislaw. „Von der Yorikke kommt keiner mehr runter.

Wie es heute ist, nicht. Er hat nur eine Aussicht, wenn sie abrutscht,

und man rutscht nicht mit ab. Aber so sicher ist das auch nicht, man

kann leicht auf einer andern Yorikke landen.“

Stanislaw ging nun wieder zum Polizeipräsidium, Abteilung

Staatsangehörigkeit.

„Der polnische Konsul nimmt mich nicht auf.“

„Das war vorauszusehen. Was machen wir nun, Koslowski. Sie müssen doch

Papiere haben, sonst kriegen Sie kein Schiff.“

„Sicher, Herr Kommissar.“

„Gut, ich gebe Ihnen eine Bescheinigung, und da gehen Sie

morgen früh um zehn zum Paßamt. Ist hier gleich dabei, Zimmer

dreihundertvierunddreißig. Da kriegen Sie dann einen Paß. Mit dem Paß

holen Sie sich dann Ihr Seemannsbuch.“

Stanislaw war froh, und die Deutschen hatten bewiesen, daß sie Leute

waren, die noch am wenigsten Bureaukraten genannt werden konnten. Er

ging zum Paßamt, gab seine Bescheinigung ab und seine Photographien,

unterschrieb seinen schönen Paß, bezahlte vierzig Trillionen Mark und

bekam seinen Paß.

Alles stimmte in dem Paß. Es war ein gutes Papier. Stanislaw hatte nie

in seinem ganzen Leben je ein so gutes Papier gehabt. Damit konnte er

direkt nach New York fahren, so gut war das Papier. Er hätte nicht

einmal nach Ellis Island gebraucht.

Alles stimmte, Name, Geburtsdatum, Beruf, Geburtsort. Was ist denn das?

„Staatenlos.“ Macht nichts, brauche ich nicht. Kriege ein Seemannsbuch.

Und das, was bedeutet das? „Nur für das Inland gültig.“ Wahrscheinlich

denken die Beamten, daß man auch in der Lüneburger Heide mit Dampfern

fahre, oder daß man auf Elbkähnen rudern wolle.

Wieder ein Tag mehr, und Stanislaw ist auf dem Seemannsamt.

„Seefahrtsbuch? Können wir nicht ausstellen. Sie haben ja

keine Staatsangehörigkeit. Und die Staatsangehörigkeit, die

Heimatsberechtigung ist für das Seefahrtsbuch die Hauptsache, der

übrigen Sachen wegen kann man auch mit der Invalidenkarte auskommen.“

„Wie soll ich denn da ein Schiff kriegen? Sagen Sie mir das bloß.“

Stanislaw war zu Ende mit seiner Weisheit.

„Sie haben ja einen Paß, da kriegen Sie jedes Schiff. Es geht ja aus dem

Paß hervor, wer Sie sind, was Sie sind, und daß Sie hier in Hamburg

wohnen. Sie sind doch ein alter befahrener Mann, Sie kriegen spielend

ein Schiff. Kriegen jeden Ausländer, verdienen Sie mehr als auf

deutschen Schiffen bei diesem Tiefstand der Mark.“

Stanislaw bekam ein Schiff. Einen schönen Holländer. Gute Heuer. Als der

Heuerbas den Paß sah, sagte er: „Feine Sache“, und als der Skipper den

Paß sah, sagte er: „Gute Papiere, das habe ich gern; wir wollen jetzt

zum Konsul gehen, anmustern und registrieren, Akten verlesen.“

Der Konsul registrierte und trug den Namen Stanislaw Koslowski ein. Dann

sagte er: „Seemannsbuch?“

Das Totenschiff · 第 13 / 18 题