„Hallo! What is up?“ Er hat eine weiße Mütze auf, der es runter ruft.
„Ain’t no chance for a fireman, chap? Ist bei euch keine Stelle frei für
einen Heizer?“ rufe ich hinauf. „Papiere?“ „No, Sir.“
„Sorry. Bedaure, nichts zu machen.“
Habe ich ja gewußt. Ist ein sauberes Fräuleinchen. Muß alles in Ordnung
sein. Heiratslizenz notwendig. Hat noch eine Mutter, die die Hand drauf
hält. Mutter Lloyd in London.
Ich gehe lang runter an dem Eimer. Auf dem Achterdeck sitzt Mannschaft.
Spielen Karten. Verflucht nochmal, was reden denn die für ein Englisch.
Das ist ja Yorikkisch. Und das auf einem glattlackierten Engländer, wo
das Gold noch nicht mal abgeblättert ist? Da stimmt etwas nicht. Spielen
Karten, aber zanken sich nicht und lachen nicht.
Laß mal sehen. Klingelfisch und Haifischflosse, die sitzen da herum und
spielen, als ob sie auf ihrem eignen Grabhügel sitzen und um ihre Maden
spielen. Zu essen haben sie gut, sehen gutgemästet aus. Aber das
traurige Kartenspiel und die trüben Gesichter, und das alles auf einem
brandneuen Engländer? Da stimmt etwas nicht. Was tut denn der überhaupt
hier in Dakar-Hafen? Was hat er denn geladen?
Eisen, Alt-Eisen. An der Westküste Afrikas? Gleich beim Äquator?
Alt-Eisen? Well, die Dame Kaiserin geht in Ballast heim und nimmt das
Alt-Eisen mit. Nach Glasgow. Bezahlt wenigstens die Fahrt zur Hälfte.
Alt-Eisen ist besser als Sand und Steine.
Nichtsdestoweniger. Das schöne neue Schifflein Empreß und kann keine
Ladung kriegen von Afrika nach England?
Wenn ich hier an der Beach liegen würde, hätte ich es in drei Stunden
raus, was da los ist mit der blanken Kaiserin. Sie wird doch nicht etwa
–? Na, bist auch schon eingetrant, siehst auch schon in allen Ecken
Gespenster. Die Empreß of Madagascar, dieser pfirsichweiche und
schwellende Backfisch aus Glasgow sollte hier bereits auf den Strich
gehen? Aufgeschminkt?
Nein, sie ist nicht geschminkt. Alles Natur. Sie ist keine drei Jahre
alt. Alles echt. Noch nicht einmal eine Niete abgeschliffen am Röckchen.
Alles wie geleckt und duftet gesund oben und unten. Aber die Mannschaft,
die Mannschaft. Da ist etwas nicht in Ordnung.
Was geht es mich an. Jedes Kind will seine Freude haben.
Ich gehe zurück zum Norweger.
Ich setze rauf. Stanislaw ist noch da. Sitzt im Quartier und schnackt
mit ein paar Dänen. Hat eine Büchse guter dänischer Butter in der Tasche
und ein Stück Prachtkäse.
„Pippip, kommst gerade zur Zeit, kannst Abendbrot mitmachen, ein treues
dänisches Abendbrot, vollwertig und echt“, sagt Stanislaw.
Wir lassen uns nicht nötigen und machen das Abendbrot mit.
„Habt ihr den Engländer da drüben gesehen, die Empreß?“ frage ich,
während wir alle im Meßraum sitzen und futtern.
„Liegt schon eine Weile hier“, sagt einer.
„Feines Mädchen“, forsche ich nun.
„Oben Seide, unten meide“, sagt einer von den Dänen.
„Na?“ frage ich, „meiden? Warum meiden? Ist doch ganz echt.“
„Freilich ist sie echt“, ruft ein andrer dazwischen. „Kannst du
notmustern wenn du willst. Mit Honig und Schokolade. Kriegen jeden Tag
Henkersmahlzeit. Pudding und Braten.“
„Kreuzdonnerwetter nochmal, komm endlich klar“, sage ich nun. „Was ist
los? Ich habe doch wegen Schanz gefragt, ist nichts zu machen.“
„Lieber Freund, siehst doch nicht so aus, als ob du gestern zum
erstenmal Seewasser geschluckt hast. Sie ist ein Leichenwagen.“
„Du bist wohl verrückt und mit Teer gepinselt?“ rufe ich.
„Ein Leichenwagen, sage ich dir“, wiederholt der Däne und gießt sich
Kaffee ein. „Willst du auch noch Kaffee? Wir brauchen mit der Milch, mit
dem Zucker und der Butter nicht sparen. Wir können wühlen. Kannst eine
Büchse Milch mit heimnehmen. Willst du?“
„Die Frage allein rührt mich zu Tränen“, sage ich und fülle mir meine
Tasse mit Kaffee, mit richtigem Bohnenkaffee. Ich hatte vergessen, wie
das schmeckt, denn Yorikke gab nur Kaffee-Ersatz mit zwanzig Prozent
Kaffee, damit unser Herz nicht beschädigt würde.
„Ein Leichenschiff, sage ich dir noch einmal.“
„Wie meinst du das? Leichen von Frankreich nach Amerika, daß sie drüben
die Mütter in den Blumentopf pflanzen können, um sich an der Ehre zu
erfreuen und sich am Kriege zur Beendigung aller Kriege begeistern zu
können?“
„Rede doch nicht so ausländisch, Mensch.“
„Sie fährt Leichen, aber keine Kriegerleichen aus Frankreich.“
„Sondern?“
„Kleine Engelchen. Seemanns-Engelchen. Seemanns-Leichen, du Sägefisch,
wenn du das nicht endlich verstehst.“
„Hat die Kaiserin die an Bord?“
„Mensch, mit dir kann man ja Bunkerwände einrennen.“
„Natürlich hat die Tante sie an Bord. Siebenachtel fertig. Können zu
Hause in ihrer Dorfkirche schon ruhig in die Gedenktafel für Seeleute
eingekratzt werden. Braucht nicht mehr ausradiert werden. Wenn du deinen
Namen auch auf der Gedenktafel in deiner Dorfkirche haben willst,
brauchst du nur mitgehen. Sieht überhaupt sehr vornehm aus, wenn du
neben deinem Namen stehen hast ‚Empreß of Madagascar‘. Klingt doch nach
etwas. Sieht doch besser aus, als wenn da nur daneben steht Berta oder
Emma oder Nordkap. Man muß auch daran denken, wen du als Nachbar kriegst
auf der Tafel. ‚Empreß of Madagascar‘, da ist Schwung drin, Junge.“
„Warum soll denn die schon Versicherung fahren?“ Das leuchtete mir nun
durchaus nicht ein. Das war wieder nur so Gerede. Blasser Neid, weil sie
nicht selber drauf waren, auf dem neuen Eimer.
„Kinderleichte Sache.“
„Ist doch höchstens drei Jahre aus den Windeln“, warf ich ein.
„Endlich beweist du, daß du länger aus den Windeln bist. Sie ist genau
drei Jahre alt. War für große Fahrt gebaut, Ostasien und Südamerika.
Sollte zwölf Knoten machen. War Bedingung. Als sie losackerte, machte
sie vier und wenn es gut ging vier und einen halben. Das kann sie nicht
aushalten, dabei geht sie pleite.“
„Können sie doch umbauen.“
„Schon zweimal versucht. Wird immer schlechter. Hat ursprünglich sogar
sechs Knoten gemacht, nach dem Umbau nur noch vier. Die muß runter vom
Wasser, muß die Versicherung bringen. Haben die Versicherung sicher fein
gedreht, daß sie Lloyd passieren konnte. Aber geht ja alles zu
schieben.“
„Und nun soll sie abrasseln?“
„Sie hat schon zweimal gebrummt. Hat aber nicht gefleckt. Das erstemal
saß sie auf Sand. Sauber wie hingestreichelt. Haben sicher schon in
Glasgow darauf gezecht. Kam aber Schwerwetter hoch mit Mordsflut und die
hob die edle Dame runter vom Sand wie Himmelfahrt mit Trompeten und
Pauken. Und sie schwenkte lustig ab. Da mag der Skipper schön geflucht
haben. Beim zweitenmal, das war vorige Woche, wir lagen schon hier, da
ist sie draußen zwischen Klippen gefegt. Saß fein fest. Drahtlose
Station war zerhauen. Natürlich. Mußte der Skipper Flaggen setzen.
Anstandshalber. Sind doch immer Zeugen rum. Da kam ein französisches
Patrouillenboot, gerade wo der Skipper schon so ganz gemütlich ausbooten
ließ. Die Patrouille flaggte rüber: „Warten. Hilfe unterwegs!“ Da hat
der Skipper aber geflucht. Möchte nur wissen, wie er das Journal wieder
in Ordnung gebracht haben mag. Er hatte es doch schon aufgezaubert. Wird
schön radiert haben, Junge, Junge. Er hatte einen Fehler gemacht. Heißt,
es ging wohl nicht anders. War bei Ebbe aufgesessen. Nun kamen drei
Schlepper und hoben ihn ab von den Klippen bei Flut. Ganz elegant. Hatte
nicht mal eine Schramme abbekommen. Das ist Pech. Muß nun auch die
Bergungskosten bezahlen. Geht alles runter von der Versicherung. Fragt
sich, ob die Versicherung die ganzen Kosten trägt. Hängt vom Journal
ab.“
„Und was nun?“
„Jetzt macht er den Verzweifler. Muß er machen. Dreimal kann er nicht
abkommen. Dann macht die Versicherung eine Untersuchung und streicht die
Versicherung. Verlangt einen andern Skipper drauf, der treu fährt. Dann
ist es aus. Dann muß die Empreß zum Abwracken. Fahren kann sie nicht.“
„Warum liegt sie denn da so lange, wenn sie keine Reparatur hat?“
„Kann nicht raus. Hat keine Heizer.“
„Das ist Unsinn. Hätte er mich doch nehmen können. Ich sagte ihm doch
rauf, ich sei Heizer.“
„Hast du Papiere?“
„Sei nicht so albern, Mensch.“
„Wenn du keine Papiere hast, nimmt er dich nicht. Er muß ein vornehmes
Gesicht behalten. Tote wären für ihn verdächtig. Aber ob du Zulukaffer
bist oder Hottentotte oder taubstumm, das ist ihm gleichgültig. Mußt nur
Papiere haben und mußt befahren sein. Unbefahrene Leute ist nicht gut,
da kann die Versicherung mauern und Geschichten machen. Die Heizer haben
sich rausgemacht. Haben sich verbrannt und liegen im Hospital, sonst
hätten sie ja nicht fortgekonnt. Die Heizer sind am schlimmsten dran,
die kommen nicht raus, wenn es ein verzweifelter Aufbrummer ist. Da ist
gleich Wasser vor den Kesseln, und die Kessel gehen auch gewöhnlich
gleich hoch, wenn sie so plötzlich kalte Dusche kriegen. Die haben
gleich die explodierende Lungenentzündung weg.“
„Wartet er jetzt ab, bis die Heizer wieder raus sind aus dem Hospital?“
„Das nützt ihm nichts. Die brauchen nicht mehr rauf, wenn sie nicht
wollen. Können sauber abmustern. Haben feine Papiere und können in Ruhe
auf einen andern warten.“
„Wie denkt die Tante denn fortzukommen?“
Die Leute lachten in sich hinein, und der, der diesen Fall am besten
studiert zu haben schien, sagte: „Die sind auf Kindsraub aus. Auf
Shanghaien. Kann ich dir zuflüstern, Junge. Ja, eine feine elegante
Dame, die Kaiserin von Madagaskar. Oben Seide, unten meide. Meide, in
die Nähe zu gehen.“
Dagegen ist die Yorikke ja eine hochachtbare Dame. Sie täuscht nichts
vor. So wie sie aussieht, so ist sie. Ehrlich bis auf das Gerippe.
Beinahe fange ich an, Yorikke zu lieben.
Ja, Yorikke, ich muß es dir gestehen: Ich liebe dich. Liebe dich
aufrichtig um deiner selbst willen. Habe an meinen Händen sechs
schwarzblaue Fingernägel und an den Zehen vier schwarzgrünblaue
Zehennägel. Alles um deinetwillen, geliebte Yorikke. Auf die Zehen sind
Roste geschlagen, und jeder Fingernagel hat seine eigne schmerzhafte
Geschichte. Meine Brust, mein Rücken, meine Arme, meine Füße haben
Narben von bösen Brandwunden. Jede einzelne Narbe wurde geboren unter
einem Schmerzensschrei, der dir galt, Geliebte.
Dein Herz heuchelt nicht. Dein Herz weint nicht, wenn es nicht zum
Weinen fühlt, es jubelt nicht, wenn es keine Freude fühlt. Dein Herz
heuchelt nicht, es ist rein und lauter wie pures Gold. Wenn du lachst,
Herzliebste, so lacht deine Seele, lacht dein Leib und lacht dein
lustiges Zigeunerkleid. Und wenn du weinst, Herzallerliebste, dann weint
selbst das kalte Riff, an dem du vorübergehst.
Ich will dich nimmermehr verlassen, Geliebte, nicht um alle Schätze der
Welt. Ich will mit dir wandern, mit dir singen, mit dir tanzen und mit
dir schlafen. Ich will mit dir sterben, in deinen Armen meinen letzten
Seufzer tun, du Zigeunerin der Meere. Du protzest nicht mit deiner
glorreichen Vergangenheit und deinem uralten Stammbaum bei Tantchen
Lloyd in London. Du protzest nicht mit deinen Lumpen, und du spielst
nicht mit ihnen. Sie sind dein rechtmäßiges Gewand. Du tanzest in deinen
Lümpchen froh und stolz wie eine Königin und singst dein Zigeunerlied,
dein Lumpenlied: