Dann rief ich runter: „Hopp an.“

„Hiev up!“ kam der Schrei.

„Na, Frau Gräfin, wollen wir jetzt?“

Der Prophet weiß, sie tat es, sie tat es so sanft, so zart. Sie stand

auf den Millimeter. Ich glaube, daß ich Yorikke besser kannte als ihr

Skipper oder der Großvater. Die Wintsche gehörte zu jenen Teilen des

Schiffes, die schon in der Arche Noah mitgewirkt hatten und noch aus der

Zeit vor der Sintflut stammten. In dieser Dampfwintsche waren alle

Geister und Geisterchen zusammen, die in den übrigen Ecken und Winkeln

der Yorikke nicht mehr Platz fanden, weil ihre Zahl zu groß war. Darum

auch hatte die Wintsche ihre Persönlichkeit, die respektiert werden

wollte. Stanislaw erwarb sich den Respekt durch eine langgeübte Hand,

ich mußte es durch Worte machen.

„Euer königliche Gnaden, noch mal, bitte.“

Sieh da, abermals glitt die Aschkanne wie mit Sammetpfötchen

gestreichelt. Aber freilich, oft genug noch, spielte sie toll und machte

Splittereffekte, jedoch nur, wenn ich vergaß, sie mit Höflichkeit zu

behandeln. Es waren manchmal recht ergötzliche Fangversuche, die ich

anzustellen hatte, um den rauf- und runterrasenden Behälter zu

schnappen. Bald sauste er oben durch, bald raste er runter und gleich

wieder hoch. Wenn der Hebel nicht genau, aber haargenau gehalten wurde,

schlug der Konterhub ein.

Stanislaw war runtergegangen und schippte und rief die „Hiev-ups“ aus.

Und ich hängte meine Kannen aus und ein, schleppte sie glühend heiß, wie

sie waren, über das Gangdeck und schüttete sie in den Aschenschacht.

Als fünfzig Kannen gehievt waren, schrie Stanislaw, daß wir den Rest

lassen wollten für die nächste Wache, weil es zu spät sei. Ich dachte,

daß ich nun zusammenbrechen würde, von diesem atemlosen Schleppen der

unglaublich schweren Kannen. Aber ehe ich Zeit hatte, umzuklappen,

schrie Stanislaw herauf: „He, mach voran, zwanzig vor zwölf.“

Ich schleppte mich zum Quartier. Das Deck war nicht erleuchtet, um das

Petroleum zu sparen; und ich schlug mir viermal die Schienenbeine auf,

ehe ich bis zum Forecastle kam. Was da alles auf dem Deck herumlag, läßt

sich nur dadurch näher beschreiben, daß ich sage: „Da lag alles auf dem

Deck herum.“ Alles, was die Erde hervorbringt, je hervorgebracht hat.

Unter diesem alles lag sogar ein schwerbesoffener Schiffszimmermann, der

der Zimmermann der Yorikke war; sich in jedem Hafen sinnlos besoff und

den ersten Tag auf Fahrt nicht einmal als Besenstiel gebraucht werden

konnte. Der Skipper war nur froh, wenn ihm nicht jedesmal die A. B.s

dabei Gesellschaft leisteten und wenigstens einer der A. B.s noch genug

Leben zurückbehalten hatte, um am Ruder zu stehen. Der Zimmermann, die

drei A. B.s und noch ein paar andre hätten ruhig Westen bekommen dürfen.

Sie hätten keine Versicherung vermanscht, anders, sie hätten die

wackligste Versicherung gerettet, ohne zu wissen, was man von ihnen

wollte. Sie hatten auch die meiste Aussicht, mit in Boot eins zu kommen,

das der Skipper brauchte, um das wohlgepflegte Journal zu retten und die

Lizenz zu behalten mit Auszeichnung für Pflichteifer trotz Lebensgefahr.

Ich hatte jetzt die Kaffeekanne zu nehmen, damit zur Galley zu gehen, wo

der Kaffee auf dem Kochherd stand, und sie zu füllen. Dann hatte ich den

Weg zum drittenmal zu machen, über das Verdeck, wo kein Licht brannte.

Meine Schienbeine bluteten fürchterlich. Aber da war keine Handapotheke

an Bord, und wenn wirklich der Erste Offizier irgendwo etwas versteckt

hielt für erste Hilfe, wegen solcher Kleinigkeiten durfte man ihm nicht

kommen.

Jetzt bearbeitete ich meinen Heizer, um ihn hochzukriegen. Er wollte

mich ermorden, daß ich es wagte, ihn schon zu wecken. Und als die Glocke

ausrief und er den heißen Kaffee noch nicht hatte schlucken können,

wollte er mich ein zweites Mal ermorden, weil ich ihn zu spät geweckt

hatte. Sich zu streiten, ist Kraftvergeudung. Nur Narren streiten sich.

Sag’ deine Meinung, wenn du überhaupt eine hast, was selten genug der

Fall ist, und dann halt’s Maul und laß den andern reden, bis ihm das

Maul aus den Angeln fällt. Sage immer ja zu der Meinung des andern, und

wenn er dann fertig ist und nicht mehr japsen kann und dich fragt: „Na,

habe ich nicht recht?“ dann erinnere ihn so nebenbei daran, daß du ihm

deine Meinung ja schon längst gesagt hättest, daß er aber im übrigen

durchaus recht habe. Eine Woche lang Heizer der Rattenwache wecken,

macht jemand auf Jahre hinaus unfähig, Politik zu begreifen.

Der Kaffee war heiß, schwarz und bitter. Kein Zucker, keine Milch. Brot

war vorhanden, aber man mußte es trocken essen, weil die Margarine

stank. Der Heizer kam zum Tisch, fiel auf die Bank, richtete sich hoch,

und während er die Kaffeetasse an den Mund führen wollte, fiel sein Kopf

herunter und schlug auf die Tasse, daß sie umkippte. Er schlief schon

wieder und tastete träumerisch nach dem Brot, um sich ein Stück

abzureißen, weil er das Messer nicht halten konnte vor Müdigkeit. Jede

seiner Bewegungen wurde vom ganzen Körper ausgeführt, nicht nur mit den

Händen, den Armen, den Fingern, den Lippen oder dem Kopfe. Die Glocke

rief aus, er bekam einen Wutanfall, des Kaffees wegen, und sagte: „Geh’

runter, ich komme gleich. Kümmere dich um Schlackenwasser.“

Als ich an der Galley vorbeikam, sah ich Stanislaw im Dunkeln da

herumwirtschaften. Er versuchte, Seife zu stehlen, die der Koch

vielleicht irgendwie versteckt haben mochte. Der Koch stahl die Seife

vom Steward, und der Steward stahl die Seife aus dem Koffer des

Skippers.

„Zeig mir doch mal den Weg runter in die Stokehold, in den Kesselraum,

Lawski“, sagte ich zu ihm.

Er kam raus, und wir hatten auf eine höhere Etage zu klimmen, die das

Halbdeck vom Mittschiff war. Er zeigte mir einen schwarzen Schacht. „Da

gehen die Leitern runter. Du kannst nicht fehlgehen“, sagte er und ging

wieder zurück zur Galley.

Aus der tiefschwarzen und doch so glänzend klaren Meeresnacht blickte

ich hinunter in den Schacht. In einer unendlich erscheinenden Tiefe sah

ich eine flackernde, dunstige, rauchige Helle. Diese Helle war rötlich

von dem Widerschein der Kesselfeuer. Mir war, als sähe ich in die

Unterwelt. In diesen rötlichen, dunstigen Schein trat jetzt eine nackte

menschliche Gestalt, verrußt und mit glitzernden Streifen rieselnden

Schweißes. Die Gestalt stand da, die Arme verschränkt und starrte

bewegungslos auf die Quelle des rötlichen Scheines. Dann bewegte sich

die Gestalt, ergriff ein langes schweres Schüreisen und stellte es an

die Rückwand, nachdem sie unschlüssig damit herumgewirtschaftet hatte.

Die Gestalt ging jetzt vor, bückte sich, und einen Augenblick darauf war

es, als sei sie von Flammen umlodert. Dann reckte sich die Gestalt hoch,

die Flammen waren verlöscht und übrig blieb nur der gespenstische

rötliche Schein.

Ich wollte die Leiter hinuntergehen. Als ich aber einen Fuß auf die

oberste Sprosse gesetzt hatte, schlug mir eine entsetzliche Säule von

Hitze, erstickendem Ölgestank, Kohlenstaub, Flugasche, dickem

Petroleumqualm und Wasserdampf entgegen. Ich fiel zurück, und mit einem

lauten Japser schnappte ich nach frischer Luft, weil ich glaubte, meine

Lungen könnten nicht mehr arbeiten.

Aber es half nichts. Ich mußte da hinunter. Da war ein Mann unten. Ein

lebender Mensch, der sich bewegen kann. Und wo ein andrer Mensch sein

kann, da kann auch ich sein. Ich kletterte rasch fünf oder sechs

Sprossen, dann aber ging es nicht mehr. Mit einem Rasen sauste ich

wieder hoch, um Luft zu bekommen.

Die Leiter war aus Eisen, die Sprossen aus fingerdickem Rundeisen. Nur

an der einen Seite war ein Geländer, die andre Seite, die äußere Seite,

war ohne Geländer, also just die Seite war offen, wo man in den Schacht

abstürzen konnte, während die Seite, die an der Wand der Maschinenhalle

war, mit einem Geländer gesichert war.

Als ich meine Lungen wieder aufgefüllt hatte, machte ich den dritten

Versuch, und ich kam auf eine Plattform. Drei Schritte über die

Plattform, die nur einen halben Schritt breit war, führten zum Ende der

Platte, wo eine zweite Leiter tiefer in den Schacht ging. Diese drei

Schritte konnte ich aber nicht machen. In Gesichtshöhe war hier die

Aschenhievwintsche, und das Dampfrohr der Wintsche hatte einen langen,

aber ganz dünnen Riß. Durch diesen Riß zischte ein brühend heißer

Wasserdampf, scharf und schneidend wie eine Stichflamme. Der Riß lag so,

daß selbst, wenn man sich bückte, man diesem schneidenden Dampfstrahl

nicht ausweichen konnte. Ich versuchte, mich hochzurecken, aber dann

wurden die Arme und die Brust angefressen und verbrüht. Inzwischen mußte

ich hoch, um Luft zu schöpfen.

Ich war auf falschem Wege. Das war nicht der meine. Ich ging wieder zur

Galley, wo Stanislaw immer noch nach Seife suchte.

„Ich gehe mit dir runter, komm los“, sagte er bereitwillig.

Als wir auf dem Wege waren, sagte er: „Du bist doch nie Kesselbums

gewesen, nicht wahr? Habe ich doch gleich gesehen. Zu einer Wintsche

sagt man doch nicht guten Tag, der haut man eins auf den Schädel und

fertig.“

Ich war nicht in der Laune, ihm jetzt zu erzählen, wie man mit Dingen

umzugehen hat, die eine Seele haben.

„Recht hast du, Lawski, bin nie beim Kessel gewesen, habe noch nie da

überhaupt reingeguckt. War Deckarbeiter, Steward, Kabinenjunge, seit ich

meinen ersten Eimer gesehen habe. Nie schwarzen Gang gerochen, war mir

immer zu stickig. Sag’, willst du mir nicht für die erste Wache eine

Krume zur Hand gehen?“

„Rede nicht lange. Freilich. Komm nur voran. Wir werden die Kohlsuppe

schon kochen. Kenne deine Sorgen. Dein erster Leichenwagen. Ich kenne

die Särge, kannst mir glauben. Aber manchmal dankst du Himmel und Hölle,

daß dir eine Yorikke quer vor’n Bug kommt, und du hoppst drauf mit einem

Wonnegefühl, als ob – ja, hab’ nur keine Bange. Wenn was krumm geht, ruf

mich nur. Ich zieh dich schon raus aus dem Dreck. Wenn wir auch alle

miteinander Tote sind, nur nicht verzagen. Schlimmer kann es nicht

kommen.“

Es kam aber schlimmer. Man kann ein Totenschiff fahren. Man kann ein

Toter sein, ein Toter zwischen Toten. Ausgelöscht kann man sein aus der

Reihe der Lebenden, hinweggeweht von der Oberfläche der Welt, und kann

dennoch gezwungen sein, entsetzliche Qualen zu erdulden, denen man nicht

entgehen kann, weil man schon tot ist, weil einem kein weiterer Weg zur

Flucht offen gelassen ist.

29

Ich sah Stanislaw zu dem Schacht gehen, den ich soeben verlassen hatte,

weil ich glaubte, ich hätte mich im Wege geirrt. Er kletterte die Leiter

ohne zu zögern hinunter, und ich folgte ihm. Als wir am Ende der ersten

Leiter waren und auf die Platte kamen, die unter dem heißen Dampfstrahl

lag, sagte ich: „Da können wir nicht durch. Da wird uns die Haut bis auf

die Knochen abgeledert.“

„Meist gibt es was ab. Ich kann dir morgen meine Arme zeigen. Aber wir

müssen durch“, sagte Stanislaw. „Hilft uns nichts. Kein andrer Weg zu

den Kesseln für uns. Die Ingenieure lassen uns nicht durch die

Maschinenhalle gehen, wir sind zu dreckig, und es ist gegen die

Vorschrift.“

Während er das noch sagte, sah ich, wie er plötzlich seine Arme um den

Kopf schlug, sich so Gesicht, Ohren und Nacken schützend. Nun drehte,

quetschte und reckte er sich zwischen die glühend heißen Dampfrohre, wo

die Schutzpackungen längst abgefault und abgerissen waren, und der

glühend heißen Kesselwand hindurch wie eine geölte Zitterschnecke. Das

konnte ihm kein Schlangenmensch nachmachen, dachte ich, als ich das sah.

Aber ich erfuhr nun, daß der ganze Kesselbums das so zu machen hatte,

und ich verstand auch mit einemmal, warum es auf der Yorikke so viele

Dinge zu essen gab, die kein Mensch essen konnte und die über Bord

flankiert wurden. Das Flankieren durfte der Koch nicht sehen, dann gab

es einen Mordskrach, weil alle Salzschwarten und alles Ungenießbare, das

nicht in den Magen hineinwollte, weil der Magen sich sträubte, in die

Küche zurückgebracht werden mußte, damit daraus Irish Stew,

Frikandellen, Gulasch, Haschee und ähnliche Delikatessen gemacht werden

konnten.

„Hast du nun gesehen, Sohn, wie das gemacht wird? Besinne dich nicht

lange. Wenn du dich erst besinnst und dir das anguckst und darüber

nachdenkst, daß du an der einen Seite verbrüht werden magst und an der

andern Seite hinuntersausen kannst in den Schacht, dann geht’s gar

nicht. Arme um den Kopf, sieh so – und dann Schlange gemacht. Kann dir

eines Tages von Nutzen sein, wenn du andern Leuten zu tief in die

Taschen gelinst hast und man dir eiserne Vorhänge an die Fenster gehängt

hat. Bin ich auch schon durchgekommen. Immer gut, wenn man in der Übung

bleibt, du weißt nie, wie du es gebrauchen kannst. Hopp an.“

Schwupp! da war ich durch. Ich fühlte Heißes an meinen Armen, aber das

war sicher nur Einbildung.

Am andern Ende der Platte ging eine lange eiserne Leiter weiter

hinunter, zu den Grundmauern der Unterwelt. Diese zweite Leiter war so

heiß, daß mein Taschentuch, das ich bisher benutzt hatte, wertlos wurde.

Ich mußte mich mit den gebogenen Ellbogen in das Geländer hängen, um

Halt an der Leiter zu greifen. Je tiefer ich kam, desto dicker wurde die

Luft, desto heißer, qualmiger, öliger und unerträglicher. Die Hölle, die

ich nun endlich nach meinem Tode erreicht hatte, konnte das nicht sein.

In der Hölle hatten ja auch die Teufel zu leben, hier aber konnten keine

Teufel leben, das war undenkbar.

Doch da stand ein Mensch, ein nackter, schwitzender Mensch, der Heizer

der Vorwache. Menschen konnten hier auch nicht leben. Aber sie mußten.

Sie waren Tote. Ausgelöschte. Landlose. Paßlose. Heimatlose. Die mußten,

ob sie konnten oder nicht. Teufel konnten hier nicht leben, denn ein

Rest von Kultur ist selbst den Teufeln gelassen, das weiß Goethe. Aber

Menschen mußten hier nicht nur leben, sie mußten hier arbeiten, und sie

mußten hier so schwer arbeiten, daß sie alles vergaßen, zuletzt sogar,

nachdem sie lange vorher sich selbst vergessen hatten, sogar vergaßen,

daß hier zu arbeiten unmöglich sei.

Mir ist oft, ehe ich gestorben wurde, und ehe ich zu den Toten kam,

unverständlich gewesen, wie Sklaverei möglich sein kann, wie

Militärdienst möglich sein kann, wie es möglich ist, daß Menschen,

gesunde und vernünftige Menschen, sich ohne Protest vor Kanonen und

Kartätschen jagen lassen, daß Menschen nicht tausendmal lieber

Selbstmord begehen, als Sklaverei, Militärdienst, Galeerenketten und

Peitschenhiebe zu ertragen. Seit ich bei den Toten war, seit ich selbst

ein Toter bin, seit ich ein Totenschiff fuhr, ist auch dieses Geheimnis

für mich gelöst, wie sich ja alle Geheimnisse erst nach dem Tode

offenbaren. So tief kann kein Mensch sinken, als daß er nicht immer noch

tiefer sinken könnte, so Schweres kann kein Mensch erdulden, als daß er

nicht noch Schwereres ertragen könnte. Hier ist es, wo der Geist des

Menschen, der ihn über das Tier erhebt, ihn tief unter das Tier

erniedrigt. Ich habe Packzüge von Kamelen, von Lamas, von Eseln und von

Maultieren getrieben. Ich habe Dutzende unter diesen Tieren gesehen, die

sich hinlegten, wenn sie nur mit einem Kilogramm überladen waren, die

sich hinlegten, wenn sie sich schlecht behandelt glaubten, und die sich

klaglos hätten zu Tode peitschen lassen – und auch das habe ich gesehen

– als aufzustehen, die Last zu übernehmen oder die schlechte Behandlung

weiter zu erdulden. Ich habe Esel gesehen, die zu Leuten verkauft worden

waren, die Tiere schändlich peinigten, und die Esel hörten auf zu

fressen und starben weg. Nicht einmal Mais vermochte ihren Entschluß zu

ändern. Aber der Mensch? Der Herr der Schöpfung? Er liebt es, Sklave zu

sein, er ist stolz, Soldat sein zu dürfen und niederkartätscht zu

werden, er liebt es, gepeitscht und gemartert zu werden. Warum? Weil er

denken kann. Weil er sich Hoffnung denken kann. Weil er hofft, daß es

auch wieder besser gehen wird. Das ist sein Fluch und nie sein Segen.

Mitleid mit Sklaven? Mitleid mit Soldaten und mit Soldatenkrüppeln? Haß

gegen Tyrannen? Nein! Nein! Nein!

Wäre ich über die Reeling gesprungen, dann würde ich jetzt nicht in

einer Hölle sein, wo es selbst die Teufel nicht aushalten können. Aber

ich sprang nicht und habe nun kein Recht, mich zu beklagen oder gar

andre anzuklagen. Laß den Bettler verhungern, wenn du den Menschen in

ihm achtest. Ich habe kein Recht, mein trauriges Schicksal zu beklagen.

Warum sprang ich nicht? Warum springe ich jetzt nicht? Warum lasse ich

mich peitschen und martern? Weil ich hoffe, ins Leben zurückkehren zu

können. Weil ich hoffe, New Orleans wiederzusehen. Weil ich hoffe, und

weil ich lieber durch die Schiet schwimme, als meine gehätschelte und

getätschelte Hoffnung in die Schiet zu werfen.

Imperator, du wirst niemals um Gladiatoren verlegen sein; die schönsten

und stolzesten Männer werden dich anflehen: „O angebeteter, o

bewunderungswürdiger Imperator, laß mich dein Gladiator sein!“

30

Natürlich kann ich hier arbeiten. Da arbeiten ja auch andre. Das sehe

ich ja mit eignen Augen. Was ein andrer kann, das kann ich auch. Der

Nachahmungstrieb des Menschen macht Helden und macht Sklaven. Wenn der

nicht an den Peitschenhieben stirbt, dann werde ich sie wohl auch

überleben können. „Siehst du, der da, der geht direkt drauf los auf das

Maschinengewehrfeuer, Donnerwetter nochmal, das ist ein Kerl, verflucht

nochmal, vor dem muß man Achtung haben, das ist ein Kerl, der hat Mumm

in den Knochen.“ Natürlich kann ich das auch. So geht der Krieg voran,

und so fahren die Totenschiffe, alles nach demselben Rezept. Die

Menschen haben nur eine Schablone, nach der sie alles machen; das geht

so glatt, daß sie ihr Hirn gar nicht anstrengen brauchen, um ein andres

Rezept auszudenken. Man geht nichts lieber als ausgetretene Pfade. Da

fühlt man sich so schön sicher. Der Nachahmungstrieb ist schuld daran,

daß die Menschheit innerhalb der letzten sechstausend Jahre keine

Fortschritte gemacht hat, sondern trotz Radio und Fliegerei in derselben

Barbarei lebt wie am Anfang der europäischen Periode. So hat es der

Vater gemacht, und so hat es der Sohn nachzumachen. Schluß. Was für

mich, den Vater, gut genug war, wird für dich, du Rotznase, wohl erst

recht gut genug sein. Die heilige Konstitution, die für George

Washington und die Revolutionskämpfer gut genug war, ist erst recht gut

genug für uns. Und die Konstitution ist gut, denn sie hat hundertfünfzig

Jahre schon ausgehalten. Aber auch Konstitutionen, die einmal junges

feuriges Blut in den Adern hatten, bekommen mit der Zeit

Adernverkalkung. Die beste Religion ist eines Tages heidnischer

Aberglaube, und keine Religion macht hiervon eine Ausnahme. Allein das,

was anders gemacht wurde, als bisher, allein das, was unter Protest der

Väter und Heiligen und Verantwortlichen anders gedacht wurde, hat der

Menschheit neue Ausblicke verschafft und ihr den Glauben gegeben, daß

eines fernen Tages doch ein Fortschreiten wird beobachtet werden können.

Dieser ferne Tag wird in Sicht sein, wenn die Menschen nicht mehr an

Institutionen glauben und nicht an Autoritäten ...

„Was stehst du denn rum? Wie heißt du überhaupt, Schlepp?“

Mein Heizer war runter gekommen und brummte übelgelaunt herum.

„Pippip ist mein Name.“

Das schien seine Laune ein wenig zu verbessern.

„Dann bist du wohl ein Perser?“

„Nein, ich bin Abessinier. Meine Mutter war Parse. Die werfen ihre

Leichen den Geiern vor.“

„Wir den Fischen. Da scheint deine Mutter eine ganz anständige Frau

gewesen zu sein. Meine war eine alte verfluchte Hure. Aber wenn du

Hurensohn zu mir sagst, dann gibt es eins in die Fresse.“

Also er war Spanier. Wenn die drei Worte sprechen, dann sind zwei davon

„Hurensohn“. Es kommt auf den Grad der Freundschaft an, ob man zu jemand

sagen darf, daß seine Mutter eine Groschenhure war. Je näher man dabei

der Wahrheit kommt, desto mehr Aussicht hat man, sich plötzlich ein

Messer aus den Rippen ziehen zu können. Je weiter man von der Wahrheit

entfernt ist, desto früher hört man die Antwort: „Muchas gracias,

Senjor, vielen Dank, bitte, genieren Sie sich nicht, stets zu Ihren

Diensten.“ Niemand hat ein so zartes und so albernes Ehrgefühl wie der

dreckigste Prolet. Und wenn die dreckigen Proleten eines Tages das

Ehrgefühl dort haben werden, wo es wirklich hingehört, dann sind sie die

Lacher. Heute haben sie ihr Ehrgefühl da, wo es die andern bei ihnen

gerne sehen, weil sich dann so gut damit spielen läßt, zum Vorteil der

andern. Was brauchst du Ehre, Prolet? Lohn brauchst du, guten Lohn, dann

kommt die Ehre von selbst. Und wenn du auch noch die Fabrik hast, dann

kannst du die Ehre ruhig den andern dauernd überlassen; dann erst wirst

du erfahren, wie wenig sich die draus machen ...

Der Heizer der Vorwache zog jetzt einen glühenden dicken Bolzen aus dem

Feuer und steckte ihn in einen Eimer mit Frischwasser. In Seewasser kann

man sich ja nicht waschen, das ist kaum gut genug zum Schlackenkühlen.

Dann begann er sich zu waschen mit Sand und Asche, weil er ja keine

Seife hatte.

Der Kesselraum war durch zwei Lampen erhellt. Eine dieser beiden Lampen

hing vor dem Dampfmeter, damit der Dampfdruck gelesen und von dem Heizer

geregelt werden konnte. Die andre Lampe hing in einer Ecke und wartete

auf den Schlepp. In dieser Welt der Toten wußte man nichts von einer

Erde, wußte man nichts davon, daß es Azetylenlampen, Kunstgaslampen,

Gasolinlaternen, Spirituslaternen gab, gar nicht zu reden von

Elektrizität, die sich durch Ankoppelung einer Dynamo leicht hätte

erzeugen lassen. Aber jeder Cent, ausgegeben für die Yorikke, war

verschwendetes Geld. Die Fische mit Geld zu füttern, wäre närrisch, sie

sollen zufrieden sein mit der Mannschaft. Diese Lampen hier waren bei

den Ausgrabungen des alten Karthago gefunden worden.

Wer die Form dieser Lampen kennen lernen will, gehe in ein Museum, sehe

sich die römische Abteilung an, wo er unter den Töpferwaren auch diese

Lampen, die wir hatten, finden wird. Es war ein Gefäß mit einer Tülle.

In der Tülle steckte ein Ballen Putzwolle. Das Gefäß wurde gefüllt mit

jener Flüssigkeit, die auch für die Jungfrauenlampe im Quartier zu

dienen hatte, und die den auf Irrwege führenden Namen Petroleum trug.

Viermal in einer Stunde mußte die Putzwolle weiter herausgezerrt werden,

weil sie kohlte und den Kesselraum mit einem undurchsichtigen dicken

schwarzen Rauch erfüllte, in dem die Rußflocken so dicht flogen wie

Heuschrecken in Argentinien während einer Plage. Die Putzwolle mußte man

mit den bloßen Fingerspitzen herauspulen, deshalb hatte man nach der

ersten Wache abgeschmorte Fingernägel und angeschmorte Fingerspitzen.

Wenn man mit seiner Lampe in den Kohlenbunkern saß, konnte man nicht die

Lampe erst ausmachen, weil man ja sonst in den Kesselraum runter gemußt

hätte, um sie wieder anzustecken.

Stanislaw hatte heute bereits eine Doppelwache gerissen. Was das

bedeutet, wird noch klar werden. Trotzdem er kaum noch kriechen konnte,

blieb er doch mit mir noch eine volle Stunde im Kesselraum, um mir

beizustehen.

Neun Feuer mußten von dem Heizer bedient werden. Und um diese neun Feuer

zu füttern, hatte der Schlepp die Kohle heranzuschaffen. Ehe aber mit

dem Heranschaffen der Kohle begonnen werden konnte, waren andre Arbeiten

zu verrichten. Da die Feuer selbst auf diese Arbeiten keine Rücksicht

nahmen und sie jede Vernachlässigung sofort am Meter herausbrüllten oder

gar auf der Brücke herausheulten, so mußte ein erheblicher Vorrat von

Kohle im Kesselraum angeschichtet sein, der für diese Zeit der

Nebenarbeiten langte. Diesen großen Vorrat mußte die abzulösende Wache

für die neuantretende Wache hinterlassen, und diese neue Wache hatte,

wenn sie abgelöst wurde, einen gleichen Vorrat der nächsten zu

übergeben. Dieser Vorrat konnte nur geschaffen werden durch eine

unmenschlich erscheinende Kraftanstrengung in der Zeit der beiden

mittleren Stunden einer Wache, also bei meiner Wache von eins bis drei.

Von zwölf bis eins kamen die Vorarbeiten und um drei begann das

Aschehieven mit dem Schlepp der neuen Wache. In zwei Stunden also mußte

alle die Kohle herbeigeschafft werden, die neun Feuer eines in voller

Fahrt befindlichen Dampfers in vier Stunden verschlingen. Liegt die

Kohle in den Bunkern in Front der Feuer, so ist das Heranschaffen der

Kohle die kräftige Arbeitsleistung eines gesunden, starken und

gutgenährten Arbeiters. Liegt die Kohle aber da, wo sie meist auf der

Yorikke lag, so ist es die Arbeit von drei oder vier starken Männern.

Hier hatte diese Arbeit einer zu tun. Und er tut sie. Er ist ja ein

Toter. Der kann alles. Und niemand versteht besser anzutreiben, niemand

versteht höhnischer zu sagen: „Schlapper Hund! Solltest mich mal sehen!“

als der Mit-Tote, als der Mit-Prolet, als der Mit-Hungernde, als der

Mit-Gepeitschte. Auch die Galeerensklaven haben ihren Stolz und ihr

Ehrgefühl, sie haben den Stolz, gute Galeerensklaven zu sein und „nun

einmal zu zeigen“, was sie können. Wenn das Auge des Auspeitschers, der

mit der Peitsche die Reihen entlanggeht, wohlgefällig auf ihm ruht, so

ist er beglückt, als hätte ihm ein Kaiser persönlich einen Orden an die

Brust geheftet.

Der Heizer warf drei Feuer auf, immer zwei überschlagend. Dann brach er

drei andre Feuer auf, die dazwischen lagen. Über jedem Feuer stand eine

Nummer mit Kreide geschrieben, die Nummern von eins bis neun. Als das

Aufwerfen und das Aufbrechen vorüber war, kam das Feuer drei an die

Reihe. Es war ziemlich niedergebrannt, und er brach mit einer schweren

langen Eisenstange die Schlacken von den Rosten. Die Schlacken saßen

fest. Und von dem Feuer strömte eine brüllende Hitze heraus. Mit jeder

Schlacke mehr, die herausgebrochen und vor das Feuer gezerrt war, wurde

die Hitze mächtiger. Denn nun lagen die glühenden Schlacken vor den

Feuertüren im Kesselraum und erhitzten ihn wie einen Glutofen. Der

Heizer und auch ich, wir hatten nur die Hosen an, nichts weiter. Der

Heizer hatte an den bloßen Füßen zerlumpte Tuchpantinen, während ich

Stiefel hatte. Ab und zu sprang der Heizer hoch und trampelte die

glühenden Schlackenkörner von den Füßen, auf die sie gesprungen waren.

Die Schürstange konnte nur gehalten werden, weil der Heizer seine Hände

mit Sacklumpen umwickelt hatte und Leder von einem alten Koffer zwischen

Hand und Eisen hielt. Endlich wurde die Hitze, die von den Schlacken

ausströmte, so gewaltig, daß der Heizer fort mußte vom Feuer. Jetzt

wurden die Schlacken mit Wasser, das ich aus einem Bottich nahm,

gelöscht. Der explosionsartig hochgehende Wasserdampf ließ uns beide

zurück an die Wand springen. Die Schlacken gleich einzeln zu kühlen,

wenn sie herauskommen, geht nicht, weil während des Kühlens der Heizer

nicht arbeiten kann. Dann dauert das Ausschlacken zu lange, das Feuer

fehlt und der Dampf geht so weit zurück, daß eine halbe Stunde wie

wahnsinnig gearbeitet werden muß, um den Dampf wieder hochzukriegen.

Runter geht er wie nichts, rauf nur langsam und mit mühseliger Arbeit.

Alles, was auf der Yorikke war, diente dazu, der Mannschaft Leben und

Arbeit zu erschweren. Der Kesselraum war viel zu schmal. Er war viel

schmäler als die Feuerungskanäle lang waren. Wenn die Schürstange also

in die Feuerung gestoßen oder herausgezogen werden sollte, so mußte der

Mann mit der Stange alle möglichen Wendungen und Drehungen verüben, um

die Stange zu handhaben, weil sie immer gegen die Rückwand stieß. Durch

diese Tänze, die der Heizer zu machen hatte, kam es nicht selten vor,

daß er bald dort stolperte und in einen Kohlenhaufen fiel, bald hier.

Bald stieß er sich an der Wand die Knöchel der Finger auf, bald an der

Feuertür. Wenn er fiel und instinktiv nach einem Halt griff, so griff er

in glühende Schlacken oder er packte die glühende Schürstange an. Es kam

auch vor, besonders wenn das Schiff rollte, daß er mit dem Gesicht in

die Schlacken oder auf die rotglühende Schürstange oder auf die Feuertür

fiel oder mit den bloßen Füßen auf einen herausgenommenen heißen Rost

oder auf heiße Schlacke trat. Mein Heizer glitschte einmal bei einem

unerwartet schweren Roller des Bootes aus und fiel mit dem nackten

Rücken in die weißglühende Schlacke, die vor dem Feuer lag. Totenschiff,

yes, Sir. Totenschiffe gibt es, die Leichen drin machen, und

Totenschiffe gibt es, die Leichen draußen machen, und Totenschiffe gibt

es, die Leichen überall machen. Yorikke machte alles und alle, sie war

ein gutes Totenschiff.

War die Schlacke heraus und gelöscht, so wurde frische Nußkohle

aufgeworfen. Diese Kohle mußte der Schlepp inzwischen aus der

Haufenkohle herausgelesen haben, es mußte gute, nicht zu große

Stückkohle sein, damit sie leicht anbrannte und damit das Feuer schnell

wieder in Gang kam. Denn die Kohle, die auf der Yorikke verfeuert wurde,

war die billigste und schlechteste Kohle, die es nur gab, sie erzeugte

nur wenig Hitze; und das war die weitere Ursache, warum der Schlepp

unglaubliche Riesenmengen von Kohle herbeischaffen mußte, um den Dampf

hochzuhalten. Nun wurden die andern Feuer wieder nachgesehen, während

ich die Schlacke nach der Mitte der Kesselwand zu schaufelte, wo sie

nicht im Wege lag.

Der andre Heizer hatte sich inzwischen fertig gewaschen, war aber die

ganze Zeit über immer in Gefahr gewesen, von dem glühenden Schüreisen

gestoßen und angeschmort zu werden oder von einer springenden Schlacke

verbrannt zu werden. Aber das kümmerte ihn nicht sehr, er war tot. Man

konnte es jetzt auch sehen. Gesicht und Körper waren von dem Waschen mit

Sand und Asche ziemlich rein geworden. In die Augen konnte er aber nicht

gut mit Sand und Asche gehen, darum hatten die Augen breite schwarze

Ringe. Das gab dem Gesicht das Aussehen eines Totenschädels, um so mehr,

als die Backen vor schlechter Ernährung und vor übermäßiger Arbeit tief

eingefallen waren. Er zog sich seine Hose an und sein durchlöchertes

Hemd und kletterte die Leiter hoch. Ich hatte gerade Zeit genug, einmal

einen Blick nach oben zu werfen, als ich ihn die Schlange machen sah.

Stanislaw schaffte indessen Kohle heran, damit ich wenigstens den Vorrat

bekam. Es kamen dann die Feuer sechs und neun an die Reihe. Als sechs

ausgeschlackt und aufgeschüttet war und die übrigen Feuer soweit

vorbereitet waren, um auch neun ausschlacken zu können, kam Stanislaw

und sagte zu mir: „Nun bin ich fertig. Ich kann nicht mehr. Es ist eins.

Ich habe fünfzehn Stunden jetzt ununterbrochen gewürgt. Um fünf muß ich

schon wieder Asche hieven. Es ist ja gut, daß du da bist, wir hätten das

nicht mehr länger machen können. Ich will dir nur jetzt gestehen, wir

sind nur zwei Schlepps, wenn du eingerechnet bist. Wir haben also nicht

zwei Wachen jeder, sondern drei, und dazu kommt zu jeder Wache eine

Stunde Aschehieven extra. Und morgen haben wir, auch noch extra, die

Berge von Asche, die auf Deck liegen, weil im Hafen ja keine Asche

ausgeworfen werden darf, abzuschaufeln. Wird für jeden vier Stunden

extra machen.“

„Das sind doch dann alles Überstunden, die Doppelwachen, das Abschaufeln

der Deckasche und das Aschehieven“, sagte ich.

„Ja, das sind alles Überstunden. Wenn es dir Vergnügen macht und du

gerne schreibst, kannst du dir die ganzen Überstunden anschreiben. Aber

bezahlen tut sie dir keiner.“

„Das ist mir aber bei der Heuer ausgemacht worden“, antwortete ich.

„Was ausgemacht wird, hat keine Geltung bei uns. Nur was du in der

Tasche hast, das hat Geltung. Und in die Tasche kriegst du immer nur

Vorschuß, Vorschuß, Vorschuß. Immer soviel, daß es zum Besaufen gerade

langt und vielleicht für ein Paar Pantinen oder ein Hemd, aber nicht

mehr. Denn wenn du anständig aussiehst und ruhig durch die Straße gehen

kannst, könntest du ja vielleicht wieder lebendig werden. Verstehst du

jetzt den Dreh? Kannst nicht fort. Mußt Geld haben, mußt eine ganze

Hose, eine ganze Jacke, ganze Stiefel und Papiere haben. Kriegst du

nicht. Kannst nicht lebendig werden. Wenn du aussteigst, läßt er dich

einfangen, wegen Desertion. Die haben dich gleich mit deinen Lumpen und

keinen Papieren. Dann zieht er dir zwei oder drei Monatsheuern ab wegen

Desertion. Kann er. Tut er. Dann bettelst du wegen eines Schillings auf

den Knien für Schnaps. Schnaps mußt du haben. Tot sein tut manchmal doch

weh, auch wenn man sich schon lange daran gewöhnt hat. Gute Nacht.

Waschen tu ich mich nicht, ich kann nicht mehr die Hand heben. Laß dir

keine Roste durchfallen, das kostet Blut, Pippip. Gute Nacht.“

„Heilige Maria, genotzüchtigter Gabriel, Joseph und Arimathia,

Eberklöten und Bockpinnen, Himmelkreuzdonnerwetter – –“

Der Heizer schrie wie besessen und nahm einen gewaltigen Anlauf, um eine

neue Serie von Flüchen und Verwünschungen loszulassen, daß die Bewohner

aller Höllen schamrot werden mußten. Von der Erhabenheit seines Gottes,

von der jungfräulichen Reinheit der Himmelskönigin, von der Würde der

Heiligen blieb nichts mehr bestehen. Sie sanken in den Kot der Straße

und wurden durch die Jauche der Gosse geschleift. Die Hölle hatte ihre

Schrecken für ihn verloren, ihn konnte kein noch so fürchterlicher

Bannstrahl des Himmels mehr treffen, denn als ich fragte:

„Heizer, was ist denn los?“ da heulte er wie eine blutdürstige Bestie:

„Sechs Roste sind rausgefallen. Heilige verhur – –“

31

Stanislaw hatte beim Raufgehen gesagt, daß das Herausfallen der Roste

Blut kostet. Damit meinte er, wenn einer rausfällt. Jetzt waren sechs

raus. Sie einzusetzen kostete nicht nur Blut und nicht nur abgestoßene

Fleischstücken und abgeschmorte Hautfetzen, das kostete blutendes

Sperma, herausgezerrte Sehnen, das Mark floß einem wie wäßrige Lava aus

den Knochenröhren, die Gelenke krachten wie Holz, das gebrochen wird.

Und während wir arbeiteten wie verblödete Maden, fiel der Dampf und fiel

und fiel. Und wir sahen die Arbeit, die uns bevorstand, den Dampf wieder

hochzubringen. Sie kroch und würgte sich in unsre Kadaver, während wir

mit den Rosten würgten. Seit jener Nacht stehe ich über den Göttern. Ich

kann nicht mehr verdammt werden. Ich bin frei, darf unbekümmert tun und

lassen, was ich will. Ich darf Götter verfluchen, darf mich verwünschen,

darf handeln, wie es mir gefällt. Kein menschliches Gesetz, kein

göttliches Gebot mehr kann meine Handlungen beeinflussen, denn ich kann

nicht mehr verdammt werden. Die Hölle ist ein Paradies. Keine

menschliche Bestie kann Höllenqualen ausdenken, die mich erschrecken

könnten. Wie immer auch die Hölle beschaffen sein mag, sie ist Erlösung.

Erlösung vom Einsetzen rausgefallener Roste auf der Yorikke.

Der Skipper ist nie im Kesselraum gewesen und keiner der beiden

Offiziere. Freiwillig ging niemand in diese Hölle. Sie machten sogar

einen Umweg, wenn sie am Einsteigschacht vorbei mußten. Die Ingenieure

wagten sich in den Kesselraum nur, wenn die Yorikke sanft im Hafen lag

und der Kesselbums Reinigungsarbeiten machte, Rohre ziehen,

Maschinenhalle putzen und ähnliche dreckige Tagesarbeiten. Selbst dann

hatten die Ingenieure diplomatisch mit den Schwarzen Banditen umzugehen.

Denn die waren immer und immer in einem Zustande, dem Ingenieur einen

Hammer an den Schädel zu pfeffern. Was bedeutete dem Kesselbums

Gefängnis, Zuchthaus oder der Henker? Nicht einen Pfifferling machten

die sich daraus.

Von der Maschinenhalle aus führte ein schmaler niedriger Gang zwischen

dem Steuerbordkessel und der Steuerbordwand zu dem Kesselraum. Dieser

Gang war von der Maschinenhalle durch eine schwere eiserne kleine Tür,

die wasserdicht war – was auf der Yorikke wasserdicht genannt werden

konnte – abgetrennt. Kam jemand von der Maschinenhalle, und hatte er die

Luke passiert, so mußte er mehrere Stufen hinuntergehen, um den Gang zu

erreichen. Dieser Gang war drei Fuß nur breit und so niedrig, daß man

ganz gebückt gehen mußte, um sich nicht den Kopf an den eisernen,

scharfkantigen Querstreben einzurennen. Der Gang war, wie alles auf der

Yorikke und wie auch der Kesselraum, stockdunkel bei Tage und bei Nacht.

Zudem war der Gang heiß wie ein Hochofen. Wir, die Schlepps, fanden uns

in dem Gange mit verbundenen Augen zurecht, denn er gehörte mit zu den

Spezialmarterwegen. Durch diesen Gang hatten wir einige hundert Tonnen

Kohle nach den Kesseln zu schaufeln und zu quetschen, von den Bunkern,

die neben der Maschinenhalle lagen. Wir kannten diesen Martergang und

seine labyrinthischen Rätsel. Andre Leute kannten ihn nicht so gut.

Fiel nun der Dampf erheblich, weit unter hundertdreißig, dann mußte der

wachhabende Ingenieur etwas tun. Dafür wurde er ja bezahlt. Der Erste

kam auch nicht in den Kesselraum. Auf Fahrt nie. Ein zerschlagenes

Schulterblatt hatte ihn gelehrt, daß man den Kesselbums auf Fahrt nicht

belästigen darf. Er rief nur von oben, vom Deck aus, den Schacht

hinunter: „Der Dampf fällt!“ Dann war er aber auch schon weg. Denn von

unten kam das Gebrüll: „Du gottverfluchter Hurenhund, das wissen wir

selber. Komm runter, du Schwein, wenn du was willst.“ Dabei flogen aber

auch schon Kohlenstücken gegen die Einsteigluke.

Man rede dem Arbeiter nichts von Anstand, Höflichkeit und guten Sitten,

wenn man ihm nicht gleichzeitig die Bedingungen geben will, daß er

anständig und höflich bleiben kann. Dreck und Schweiß färben ab, nach

innen mehr als nach außen.

Der Zweite Ingenieur war noch verhältnismäßig jung, vielleicht

sechsunddreißig. Er war ein großer Streber und wollte gern Erster

werden. Er glaubte, seine Strebsamkeit am besten beweisen zu können

dadurch, daß er den Kesselbums herumjagte, besonders wenn Yorikke im

Hafen lag, denn dann hatte er das Maschinenkommando. Er war kein guter

Lerner und lernte schwer, eigentlich nie, mit dem Kesselbums der Yorikke

umzugehen. Es gibt Ingenieure, die vom Kesselbums angebetet werden. Ich

habe einmal einen Skipper gekannt, der vom Kesselbums wie ein Gott

verehrt wurde. Der Skipper ging jeden Tag persönlich in die Galley:

„Koch, ich will das Essen sehen, das meine Heizer und Kohlschlepps heute

kriegen. Will ich kosten. Das ist Dreck. Das geht über Bord. Die Heizer

und Kohlschlepps fahren einen Dampfer, niemand sonst.“ Und wenn er einen

Schlepp oder einen Heizer auf dem Deck traf: „Schlepp, wie war das Essen

heute; genug Fleisch? Wie kommt ihr mit der Milch zurecht? Abends kriegt

ihr eine Extraration an Eiern und Speck. Bringt euch der Junge auch

regelmäßig den kalten Tee runter, der angeordnet ist?“ Und merkwürdig,

die Heizer und Schlepps auf jenem Eimer hatten ein Benehmen, daß sie zum

Gesandtschaftsball hätten eingeladen werden können.

Als beim Einsetzen der Roste der Dampf fiel und fiel, kam der Zweite,

der die Wache hatte, durch den Gang, lugte um die Kesselecke und sagte:

„Was ist mit dem Dampf los? Der Kasten wird gleich stehenbleiben.“ Der

Heizer hatte in dem Augenblick gerade die rotglühende Schürstange in der

Hand, mit der er einen Rost vom Aschenzug aus einzustützen versucht

hatte. Mit einem fürchterlichen Geheul, mit blutunterlaufenen Augen und

schäumendem Munde richtete er sich auf und raste wie ein Irrsinniger mit

der glühenden Stange auf den Ingenieur los, um ihm die Stange durch den

Leib zu rennen. Aber wie ein Funke war der Ingenieur hinter der Ecke

verschwunden und sauste den Gang zurück. In der Schnelligkeit, mit der

er floh, maß er die Höhe des Ganges nicht genügend und schlug sich den

Schädel an einer der Querstreben auf. Der Heizer hatte die Stelle, wo

der Ingenieur gestanden hatte, getroffen. Der Stoß war so gewaltig, daß

ein Fladen von dem Mauerwerk, das den Kessel gegen Hitzeverlust

schützte, absprang und die Stange sich oben verbog. Doch der Mann gab

die Verfolgung nicht auf. Er raste hinter dem Zweiten her mit der

Stange, und er hätte ihn mitleidlos erschlagen und zermanscht, wenn der

Ingenieur nicht rechtzeitig, blutüberströmt von dem Gegenrennen an den

Eisenstreben, die Stufen erreicht und die Luke hinter sich zugeschlagen

und verrammelt hätte.

Der Ingenieur rapportierte den Fall nicht, wie kein Unteroffizier oder

Offizier, der von einem gemeinen Soldaten unter vier Augen gebackpfeift

wurde, die Backpfeifen rapportieren würde, um nicht zugeben zu müssen,

daß ihm das geschehen konnte. Hätte der Ingenieur den Fall rapportiert,

so hätte ich als Zeuge geschworen, daß der Ingenieur hereingekommen sei

und den Heizer mit einem Schraubenschlüssel habe erschlagen wollen, weil

angeblich nicht genügend Dampf gewesen sei und der Heizer ihm gesagt

habe, er möge machen, daß er rauskäme, er sei ja besoffen, und da ist er

in seiner Trunkenheit rausgetorkelt und hat sich den Kopf aufgeschlagen.

Das ist nicht gelogen. Abgesehen von allem andern, der Heizer ist mein

Leidensgefährte. Und wenn die andern blöken: „Right or wrong, my

country! Recht oder Unrecht, mein Vaterland!“, so habe ich, verflucht

nochmal, Recht und Schuldigkeit, zu rufen: „Right or wrong, my

fellow-worker! Recht oder Unrecht, meine Mitproleten!“

Am nächsten Tage fragte der Erste den Zweiten, wie er zu dem Loch im

Schädel gekommen sei. Der Gefragte erzählte die Wahrheit. Aber der

Erste, ein schlauer Bursche, rapportierte nichts, sondern sagte zum

Zweiten: „Da haben Sie verteufelt Glück gehabt, Mensch. Machen Sie das

nicht nochmal. Wenn Roste raus sind, lassen Sie sich nicht sehen, gucken

Sie zum Einsteigeschacht rein, aber melden Sie sich mit keinem Atemzuge,

daß Sie da sind. Lassen Sie den Dampf runtergehen, soviel er will, und

wenn der Kasten stehenbleibt. Wenn Sie runtergehen, solange Roste raus

sind und die nächste halbe Stunde danach, werden sie mitleidlos

totgeschlagen und in den Feuerungskanal geschoben. Kein Mensch erfährt

je, wo Sie geblieben sind. Ich warne Sie.“

So ein Streber war der Zweite doch nicht, daß er sich diese Warnung

nicht zu Herzen genommen hätte. Er ist nie wieder in den Kesselraum

gekommen, wenn Roste gefallen waren, und wenn er sonst kam, weil der

Dampf büßte und nicht hochkommen wollte, dann kam er wohl rein, sagte

keine Silbe, sah nach dem Dampfmeter, stand eine Weile, bot dem Heizer

und dem Schlepp eine Zigarette an und sagte dann: „Wir haben ludermäßige

Kohle, da kann ein Heizer von Gold gemacht sein und er kann keinen Dampf

halten.“

Heizer sind ja keine Idioten und verstehen natürlich sofort, was der

Ingenieur will, und tun das Beste, was sie können, um den Dampf

hochzukriegen. Denn nicht nur andre Leute, sondern auch Proleten haben

Sportgefühl. Aber es soll sich kein Arbeiter über seine Vorgesetzten

beschweren, er hat immer die, die er verdient, und die er sich macht.

Ein gutgezielter und gutsitzender Hieb zur rechten Zeit ist besser als

ein langer Streik oder ein langes Herumärgern. Ob man die Arbeiter als

„Rohlinge“ bezeichnet, kann ihnen gleichgültig sein. Respektieren soll

man sie, das ist die Hauptsache. Nur nicht schüchtern sein, Prolet. Was

Übles man der Yorikke auch immer sonst nachreden konnte, in einem Dinge

verdiente sie, mit Lorbeer gekrönt zu werden: Sie war ein vortrefflicher

Lehrmeister. Ein halbes Jahr Yorikke, und man hatte keine Götzen mehr.

Hilf dir selbst und verlaß dich nicht soviel auf andre. Gefallene Roste

einsetzen, ist selbst auf einem gesunden Eimer kein Vergnügen, wie ich

später erfuhr. Es ist immer eine sehr ärgerliche Sache. Doch nicht mehr

als das. Auf der Yorikke aber war es Blutarbeit.

Jeder Rostbarren wog etwa vierzig bis fünfzig Kilo. Diese Barren lagen

mit ihren Nocken auf einer Querleiste vorn und auf einer Querleiste am

Ende des Feuerungskanals. Die Querleisten waren einmal gut und neu

gewesen, zu der Zeit, als der große Streik ausbrach beim Bau des Turms

von Babel und jene Sprachverwirrung eintrat, die auf der Yorikke ihren

Höhepunkt erreicht hatte.

Kein Wunder, daß in der langen Zwischenzeit jene Querleisten ihre

stützende Wirkung verloren hatten. Die Leisten waren verschmort. Die

Roste lagen mit ihren Nocken nur auf winzigen Narben jener abgeschmorten

Querbalken. Beim Aufbrechen der Schlacke brauchte man nur einen

Millimeter zu unvorsichtig sein, oder die Schlacke brauchte nur sehr

fest sitzen, dann rutschte ein Rostbarren ab und fiel hinunter in den

Aschfall. Der Rostbarren war glühend und mußte aus dem Aschfall

herausgefischt werden mit einem merkwürdigen Instrument, das Rostzange

hieß und etwa zwanzig Kilo wog. Hatte man den Barren gefischt, so mußte

er in den Feuerungskanal gehoben und in seine alte Lage gebracht werden.

Da die Querbalken abgeschmort waren im Laufe der Jahrtausende, so waren

die verschrumpelten und verbrannten Narben, auf denen der Barren ruhen

sollte, weniger als einen halben Zoll breit. Hatte man den Barren vorn

glücklich drin, rutschte er hinten ab und fiel wieder in den Aschfall

zurück, wo er abermals herausgefischt werden mußte, um das Einsetzen ein

zweitesmal zu versuchen. Diesmal lag er hinten glücklich in der Narbe,

aber er erreichte vorn nicht den Rest des Balkens und fiel nun vorn in

den Aschfall. Fiel der Barren an einem Ende in den Aschfall, so gab auch

das andre Ende nach, und der ganze Barren fiel runter. Dieses

Herausfischen und Wiedereinheben mußte so lange versucht werden, bis der

Barren durch ein glückliches Zusammentreffen mehrerer glücklicher

Umstände an beiden Enden diesen knappen halben Zoll von Auflagefläche

gewonnen hatte.

Handelte es sich nur um einen Barren, so war das schon das Schlimmste,

was man sich nur an Arbeit vorstellen kann. Aber durch das Fischen und

durch das Einlegen stieß man zuweilen einen Nachbar-Barren an und der

folgte dem Rufe und fiel gehorsam auch nach in den Aschfall, dabei

seinen nächsten Nachbar mit sich reißend. Beim Einlegen des letzten

Nachbars fiel ein weiterer Nachbar herunter, der an und für sich schon

nur noch einen Millimeter auflag und schon eine Stunde sehnsüchtig

darauf gewartet hatte, daß ihn doch jemand berühren möge, damit er

endlich einen Grund habe, auch in den Aschfall rutschen zu können und

den Tanz mitzumachen.

Während dieser Fischzeit und Einlegezeit brannte das Feuer in dem Kanal

natürlich lustig weiter, die Barren waren glühend, die Zange war

glühend, das Schüreisen, mit dem die Barren während des Einlegens von

unten aus gestützt wurden, war glühend und die Barren hatten ein

Gewicht, daß sie selbst dann eine ansehnliche Last darstellten, wenn sie

eiskalt waren und man sie in den Armen vor sich tragen konnte.

Ununterbrochen durfte man nicht an den Barren arbeiten, weil die übrigen

Feuer bedient werden mußten, damit sie nicht verlöschten. Alles, was an

vorrätiger Kohle im Kesselraum lag, wurde in der Zeit aufgefressen und

mußte nachgeschleppt werden.

Als wir endlich die sechs Roste drin hatten und keiner es wagte, in der

Nähe der Feurungstür fest aufzutreten, um die Barren nicht zu

erschüttern und sie von ihren Millimeterstütznarben abzuwerfen, fielen

wir beide leblos in einen Kohlenhaufen. Leblos ist die richtige

Bezeichnung; denn jegliches Leben in uns war für eine halbe Stunde

erloschen. Wir bluteten, aber wir fühlten es nicht, unsre Haut war in

Streifen und großen Flecken von Armen, Händen, Brust und Rücken

abgeschmort, aber wir fühlten es nicht. Wir hatten nicht mehr die Kraft,

zu atmen.

Ein Hauch des Lebens kam endlich zurück, und wir hatten den Dampf wieder

hochzubringen. Aus den fernsten Winkeln des Schiffes mußte die Kohle

geschleppt werden, denn die Kohlenbunker lagen da, wo sie am wenigsten

Laderaum wegnehmen konnten. Die Laderäume waren die Hauptsache.

Ihretwegen fuhr die Yorikke, ihretwegen fährt jedes Schiff. Die Kohle,

das Essen für das Schiff, war Nebensache, wie das Essen für die

Mannschaft Nebensache war. Wo ein Winkel frei war, der als Laderaum

nicht verwendet werden konnte, da wurde Kohle verbunkert, und da mußte

sie weggeschleppt werden. In einer Wache von vier Stunden verbrauchten

die neun Feuer der Yorikke mehr als vierzehnhundertfünfzig volle schwere

Schaufeln Kohle. Diese vierzehnhundertfünfzig Schaufeln mußten

herbeigeschleppt werden. Und das mußte getan werden neben dem

Ausschlacken, neben dem Aschfallziehen, neben dem Aschehieven und, in

gebenedeiten Wachen, neben dem Rosteeinsetzen.

Das mußte getan werden von nur einem Kohlenschlepp, dem dreckigsten Mann

der Mannschaft, dem verachtetsten, der weder Matratze hatte, noch eine

Decke, noch ein Kissen, noch einen Teller, noch eine Gabel, noch eine

Tasse, mußte getan werden von einem Manne, dem satt zu essen zu geben

nicht durchführbar war, weil die Kompanie behauptete, sonst nicht

konkurrenzfähig zu sein. Und daß Kompanien konkurrenzfähig sein müssen,

darauf achtet sogar der Staat. Dafür achtet er um so weniger darauf, daß

die Menschen konkurrenzfähig bleiben. Beide, Kompanien und Arbeiter,

können nicht gleichzeitig konkurrenzfähig gemacht werden.

Um vier wurde mein Heizer abgelöst. Ich nicht. Ich ging meine Ablösung,

den Stanislaw, um zwanzig vor fünf wecken, zum Aschehieven. Ich mußte

ihn aus der Bunk ziehen. Er war wie ein Klotz.

Er war schon lange auf der Yorikke. Er war daran gewöhnt. Wenn jemand,

vielleicht der Passagier einer Luxuskabine, durch Neugier getrieben, an

dem Kesselschacht vorbeikommt, so ist sein erster Gedanke:

„Wie ist es möglich, daß da Menschen arbeiten können?“

Aber da flüstert ihm sofort der, der immer zur Hand ist und ihm das

Leben erträglich macht, ins Ohr: „Das sind die gewöhnt, die merken davon

nichts.“

Damit kann man alles entschuldigen, und damit entschuldigt man alles. So

wenig wie sich ein Mensch an Lungentuberkulose gewöhnt, so wenig wie er

sich daran gewöhnt, dauernd zu hungern, so wenig kann sich ein Mensch

daran gewöhnen, etwas zu ertragen, was am ersten Tage körperliche und

seelische Qualen bereitet, die man niemand gönnen mag, der

Menschenantlitz trägt. Mit der nichtswürdigen Ausrede: „Die sind daran

gewöhnt!“ entschuldigt man auch das Auspeitschen der Sklaven.

Stanislaw, ein robuster Bursche, hatte sich nie daran gewöhnt, ich habe

mich nie daran gewöhnen können, und ich habe nie einen Menschen gesehen,

der sich an Qualen je gewöhnt hätte. Weder Tiere noch Menschen können

sich an Qualen gewöhnen, nicht an körperliche, nicht an seelische. Sie

werden nur abgestumpft, und das nennt man Gewöhnung. Doch ich glaube

nicht, daß je ein Mensch so abgestumpft werden kann, daß er sich nicht

nach Erlösung sehnt, daß er nicht in seinem Herzen den ewigen Schrei

trägt: „Ich hoffe, daß mein Befreier kommt!“ Nur der allein hat sich

gewöhnt, der nicht mehr hofft. Die Hoffnung der Sklaven ist die Macht

der Herren.

„Ist das schon fünf?“ sagte Stanislaw. „Ich habe mich doch soeben erst

hingelegt.“ Er war noch so dreckig wie er raufgegangen war. Auch jetzt

konnte er sich nicht waschen. Er war zu müde.

„Ich will dir sagen, Stanislaw, ich halte es nicht aus. Ich kann um elf

nicht Asche hieven und um zwölf ablösen. Ich gehe über die Reeling.“

Stanislaw saß auf der Bunk, guckte mich verschlafen an, gähnte und

sagte: „Tu das nicht. Ich kann nicht deine Wache auch noch machen. Ich

mache auch über die Reeling. Gleich hinterher. Nein. Mache ich nicht.

Dann schon lieber Pflaumenmus unter den Kessel. Dann geht alles mit und

die können keinen mehr fangen. Das ist eigentlich ein Spaß. Das mit

Pflaumenmus.“

Der arme Stanislaw war noch ganz im Dusel. Dachte ich.

32

Um sechs Uhr morgens war meine Wache zu Ende. Ich hatte dem Stanislaw

keinen Kohlenvorrat hinterlassen können. Ich konnte die Schaufel nicht

mehr halten. Ich brauchte keine Matratze, keine Decke, kein Kissen,

keine Seife. Ich fiel in meine Bunk, dreckig, ölig, fettig, verschwitzt

wie ich war. Meine Hosen waren für dauernd verdorben, auch mein Hemd und

meine Stiefel. Dick verschmiert mit Öl, Kohlenstaub und Petroleum.

Löcher reingebrannt, versengt, zerrissen. Wenn ich nun an der Reeling

der Yorikke stand im nächsten Hafen, in Reih und Glied der übrigen

Taschendiebe, Einbrecher und entlaufenen Sträflinge, dann war ich nicht

mehr zu unterscheiden. Ich hatte nun auch meine Sträflingskleidung, in

der ich nicht mehr aussteigen konnte, ohne sofort gefaßt und

zurückgeliefert zu werden. Ich war jetzt ein Teil der Yorikke geworden,

mußte mit ihr gehen auf Tod und Verderben. Es gab kein Entrinnen mehr.

Jemand riß mich auf und schrie mir ins Ohr: „Frühstück ist da.“ Es kann

kein Frühstück auf der Welt bereitet werden, das imstande gewesen wäre,

mich aus der Bunk zu bringen. Was war mir Frühstück, was war mir Essen?

Ein schwarzes, dickes, dunstiges, schwerwuchtendes Etwas. Manch einer

sagt: „Ich bin so müde, daß ich keinen Finger mehr rühren könnte.“ Der

das sagen kann, weiß nicht, was Müdesein bedeutet. Fingerrühren? Nicht

einmal die Augendeckel schlossen ganz, vor Müdigkeit. Meine Augen waren

halb geöffnet, und ich empfand das trübe Tageslicht wie einen lastenden

Schmerz, aber ich konnte und konnte die Augenlider nicht schließen. Sie

schlossen nicht selbsttätig und sie schlossen nicht auf meinen Willen.

Denn den Willen konnte ich nicht aufbringen. Ich hatte nicht den Wunsch,

sondern nur ein lastendes Unbehagen: „Möchte doch das Tageslicht

weggehen.“

Und als ich nicht dachte, sondern widerstandslos empfand: „Was kümmert

dich das Tageslicht?“, da riß mich der schwere eiserne Haken eines

Ladekrans hoch, dem Kranführer flitschte der Hebel aus der Hand, ich

sauste aus dreißig Meter Höhe hinunter, klatschte flach auf den Ladekai

und ein dicker Schwarm von Leuten stürmte auf mich los und schrie:

„Raus, zwanzig vor elf, Asche hieven.“

Nachdem die Asche gehievt war, holte ich das Mittagessen aus der Galley,

hatte mit meinen Kumpen die Leiter Mittschiffs raufzugehen und die

Leiter zum Vordeck wieder runterzuklimmen. Ich aß ein paar Pflaumen, die

„Der Pudding“ hießen, und die in einem blauen Stärkeschleim steckten.

Etwas andres und mehr zu essen war ich zu müde. Ich wusch mich nicht,

sondern trat so meine Wache an. Als ich um Sechs abends wieder abgelöst

wurde, war ich zu müde, um mich zu waschen. Das Abendessen war kalt und

steif. Das rührte mich nicht. Ich schlug in meine Bunk.

Das ging drei Tage und drei Nächte. Ich hatte keinen andern Gedanken als

nur: Elf bis sechs, elf bis sechs, elf bis sechs, elf bis sechs. In

diesem Begriff sammelte sich für mich der Weltbegriff und das

Persönlichkeitsbewußtsein. Ich war ausgelöscht. An Stelle des Ichs stand

nichts andres als elf bis sechs. Zwei unsagbar wehe Schreie schnitten

sich mir mit Grausamkeit in das, was Hirn, Fleisch, Seele, Herz gewesen

war. Sie bereiteten einen Schmerz, der gellend scharf war. Mag sein, daß

man einen ähnlichen kreischenden Schmerz empfindet, wenn einem das

nackte Gehirn mit einer Stahlfeder gekitzelt wird. Die Schreie kamen

immer von weit her, waren immer dieselben, immer gleich grausam und

schmerzhaft: „Raus, zwanzig vor elf!“ – – „Heilige genotzüchti – Roste

durchgefallen!“

Als vier Tage und fünf Nächte um waren, bekam ich Hunger, aß und begann,

mich daran zu gewöhnen.

„So schlimm ist das eigentlich gar nicht, Stanislaw“, sagte ich, als ich

ihn ablösen kam. „Die Frikandellen schmecken ganz gut. Wenn man nur

etwas mehr Milch bekäme. Na, der Vorrat, den du mir hinterläßt, ist auch

nicht gerade berühmt. Das stochern wir in einen hohlen Zahn vom Feuer

eins. Wie kann man denn beim Ersten einen Rum rausschinden?“

„Spielend, Pippip. Siehst ja klapprig genug aus. Glaubt er dir. Gehst

jetzt gleich rauf und sagst, hast dir den Magen verdorben und mußt

immerfort kotzen. Sagst, kannst nicht auf Wache gehen, kotzt grün.

Gleich hast du ein Weinglas weg. Zweimal die Woche kannst du drauf

reiten auf das Rezept. Wenn du mehr kommst, zieht es nicht mehr. Dann

gießt er dir unversehens halb Rizinus mit ein, merkste erst, wenn du

geschluckt hast. Und kannst ihm doch nicht gut in die Kabine spucken,

mußte dann aufscheuern. Also schluckste. Gib das Rezept nicht weiter.

Ist bloß für uns beide. Die Heizer haben ein separates. Pfeifens aber

nicht, die Gauner.“

Ich gewöhnte mich immer mehr.

Dann kam die Zeit, wo ich schon wieder Nebengedanken bekam, wo ich nicht

in einem ermüdeten Dämmerzustande, sondern ganz trocken dem Zweiten

zuschrie, wenn er nicht sofort den Kesselraum verließe, er nicht nur

einen Hammer, sondern auch noch einen Knebelbolzen an den Schädel

kriegen würde, und daß er mich wehrlos über Bord schmeißen dürfe, wenn

ich ihm nicht ganz gewiß mit dem Hammer die Vorderfront und mit dem

Bolzen die Hinterpartie seines Idiotenschädels einschlüge, und daß er

uns diesmal nicht durch den Gang entkommen würde.

Er hätte in der Tat nicht entkommen können. Er hatte wohl auch das

Gefühl. Wir hatten in dem Gange eine Stange aus Eisen so angebracht, daß

sie in der Schwebe hing. Von der Rückwand des Kesselraumes aus führte

eine Schnur zu jener Eisenstange. Wollte er entfliehen, so sprang einer

sofort zu der Schnur und zog sie an. Dadurch wurde die Stange aus der

Schwebe ausgelöst und fiel so in seinen Weg, daß er in der Falle war. Ob

er lebend herausgekommen wäre oder mit kurz und klein geschlagenen

Gliedmaßen nur, hing lediglich von der Anzahl der rausgefallenen Roste

ab.

Es vergingen manchmal fünf Wachen, ohne daß auch nur ein Rost

herausfiel. Aber die Roste brannten ja auch durch und mußten durch neue

ersetzt werden, weil sonst die Feuer durchbrachen. Zuweilen hatte man so

viel Glück, daß bei dem Neueinsetzen nur ein Nachbar mitging, und daß

man die beiden mit Geduld und Blut so andächtig behandeln konnte, daß es

bei den beiden blieb. Dafür aber kamen dann auch die Prüfungen um so

schärfer, daß nicht nur sechs fielen, sondern acht, und nicht nur in

einem Feuerzug, sondern in zwei oder drei in derselben Wache. Fürwahr,

es wurde einem nichts geschenkt.

Als wir Goldküste machten, kamen wir in Wetter, und was für ein Wetter!

Ehre sei Gott in der Höhe, und blas’ mir die Trompeten! Das war ein

Lüftchen. Da bring mal die Kumpen mit Suppe und Schneidergulasch heil

über Mittschiff zum Quartier. Fleckenseife und Benzin nochmal! Das will

gelernt sein.

Nun das Aschehieven. Da hat man die schwere Aschkanne ausgehängt und

trägt sie warm im Ärmchen rüber über das Gangdeck zum Ascheschacht. Aber

ehe man mit seiner geliebten Kanne dort ankommt, hat Yorikke übergerollt

und man saust mit seiner holden gefüllten Kanne das ganze Gangdeck

entlang und sauber zur Gangstieg. Kachelt Yorikke achtern aus, landet

man mit seiner Aschkanne immer noch fest im Arm unten auf dem Vordeck,

läßt Yorikke vorn die blanken Oberschenkel sehen, rasselt man mit der

Kanne nach achtern und rollt das ganze Achterdeck rauf und runter und

der Erste Offizier schreit von der Brücke herunter: „He, Schlepp, wenn

Sie über Stag gehen wollen, man immer los, es hält Sie niemand, aber die

Aschkanne lassen Sie gefälligst hier. Die können Sie beim Fischen nicht

gebrauchen.“

Unten vor den Kesseln ist es dann auch viel gemütlicher als sonst. Wenn

der Heizer gerade mit einem schön einstudierten Schwung eine volle

Schaufel aufschmeißen will, dreht er sich plötzlich und schmeißt einem

die Schaufel voll Kohlen klatschend ins Gesicht oder zwischen die

Eingeweide. Beim nächsten Überholer kommt er gar nicht zum Schwunge,

sondern fliegt mit seiner Schaufel in einen Kohlenhaufen, in dem er

verschwindet und aus dem er erst hervorkraucht, wenn Yorikke wieder hier

überlegt.

In den Bunkern, wenn es Oberbunker sind, die auch mit Gut beladen werden

können, ist der Spaß noch größer, weil man mehr Spielraum hat. Man hat

glücklich am Steuerbordschacht zweihundert Schaufeln aufgeschichtet und

beginnt gerade damit, sie nach dem Kesselschacht abzuwerfen.

Ratsch! legt Yorikke über nach Backbord. Und Schlepp, seine Schaufel und

seine schönen zweihundert Würfe Feuergut rutschen in einem wilden

Gemengsel über nach Backbord und steigen an der Backbordwand hoch.

Yorikke macht nun einen Längser, man kommt ins Gleichgewicht und

beschließt die zweihundert Würfe am Backbordschacht abzuwerfen. Eine

Schaufel hat man gerade unten, da legt sich Yorikke zur Abwechslung nach

Steuerbord über und das Gemengsel, mit dem Schlepp in der Mitte, rasselt

nach Steuerbord, wo es ursprünglich herkam. Jetzt aber überlistet man

die gute Yorikke. Man überlegt nicht lange, prasselt gleich zehn,

fünfzehn Schaufeln runter in den Steuerbordschacht, dann rennt man noch

rechtzeitig rüber nach Backbord, und wenn die Lawine dort nachkommt,

gleich wieder fünfzehn Würfe den Backbordschacht runter, und wie der

Satan rüber nach Steuerbord, schon ist die Lawine hinterher, fünfzehn

Würfe hier in den Schacht und so kriegt man seine Kohle vor die Kessel,

wenn sie in den Oberbunkern lagern.

Ein Kohlschlepp muß ebensoviel von Navigation verstehen wie der Skipper,

sonst würde er zu manchen Zeiten nicht ein Kilo Kohle vor die Kessel

kriegen. Natürlich ist der Schlepp am ganzen Körper braun und blau, die

Nase zerschunden, die Schienbeine aufgeschlagen, die Hände und Arme

abgeschunden. Lustig ist das Seemannsleben, hoiho!

Und lustiger noch ist es, daß Hunderte von Yorikken, Hunderte von

Totenschiffen auf den sieben Meeren fahren. Alle Nationen haben ihre

Totenschiffe. Die stolzesten Kompanien, die die schönsten Flaggen

protzig wehen lassen, schämen sich nicht, Totenschiffe zu fahren. Wozu

zahlt man denn Versicherungsprämien. Nicht zum Vergnügen. Alles muß

seinen Profit abwerfen.

Es fahren viele Totenschiffe auf den sieben Meeren, weil es viele Tote

gibt. Nie gab es so viel Tote, als seit der große Krieg für die Freiheit

gewonnen wurde. Für jene Freiheit, die Pässe und Nationalitätsnachweise

der Menschheit aufzwang, um ihr die Allmacht des Staates zu offenbaren.

Das Zeitalter der Tyrannen, das Zeitalter der Despoten, der absoluten

Herrscher, der Könige, Kaiser und deren Lakaien und Maitressen ist

besiegt worden, und der Sieger ist das Zeitalter eines größeren

Tyrannen, das Zeitalter der Landesflagge, das Zeitalter des Staates und

seiner Lakaien.

Erhebe die Freiheit zu einem religiösen Symbol, und sie wird leicht die

blutigsten Religionskriege entfesseln. Wahre Freiheit ist relativ. Keine

Religion ist relativ. Am wenigsten relativ ist die Profitgier. Sie ist

die älteste Religion, hat die besten Pfaffen und die schönsten Kirchen.

Yes, Sir.

33

Wird man so zuschanden gearbeitet, daß man nicht einmal mehr „pip“ sagen

kann, so kümmert man sich um nichts, was um einen herum vor sich geht.

Laß geschehen was da will, nur in die Bunk und geschlafen. Man kann so

müde gearbeitet werden, daß man aufhört, an Widerstand zu denken, daß

man aufhört, an Flucht zu denken, daß man aufhört, an Müdigkeit zu

denken. Man wird Maschine, man wird Automat. Um einen herum darf nun

geraubt oder gemordet werden, man sieht nicht hin, man hört nicht hin,

nur schlafen, schlafen, nichts weiter.

Dösig stand ich an der Reeling und schlief im Stehen. Eine gute Anzahl

von Feluken mit ihren merkwürdigen spitzen Segeln waren in der Nähe.

Aber das fiel nicht auf. Die waren immer herum. Fischer und Schmuggler,

und was sie sonst für Geschäfte haben mochten, Geschäfte, an die man zu

denken nicht wagen würde.

Ich ruckte zusammen und wurde völlig wach. Ich konnte nicht begreifen,

was es war, das mich so aufriß. Es schien ein mächtiges Getöse zu sein.

Aber als ich mich auf das Getöse eingestellt hatte, kam mir zum

Bewußtsein, daß es kein Getöse war, das mich so überwach gemacht hatte,

sondern daß es eine schwere Ruhe war. Die Maschine hatte aufgehört zu

arbeiten, und das verursacht merkwürdige Gefühle. Tag und Nacht hört man

das Stampfen und Dröhnen der Maschine, es dröhnt im Kesselraum wie ein

rollendes Donnern, in den Bunkern wie ein dumpfes schweres Hämmern, im

Quartier wie ein drehendes, ratterndes Keuchen und Pumpen. Es kriecht

einem in Fleisch und Hirn. Man hat es in allen Fibern seines Körpers.

Der ganze Körper wird ein holpriges Stampfen. Der ganze Mensch fällt in

den Rhythmus der Maschine ein. Er spricht, er speist, er liest, er

arbeitet, er hört, er sieht, er schläft, er wacht, er denkt, er fühlt

und lebt in diesem Rhythmus. Und plötzlich hört das Stampfen der

Maschine auf. Man empfindet einen eigentümlichen Schmerz. Man wird leer

in sich, als ob man in rasender Geschwindigkeit in einem Aufzuge

hinuntersause. Die Erde versinkt einem unter den Füßen, und man

empfindet, daß der Boden des Schiffes herausgefallen ist, und daß man

auf den Boden des Meeres sinkt.

Yorikke stand und wogte leicht auf dem glatten ruhigen Meer. Die Ketten

rasselten und der Anker fiel.

Stanislaw kam in dem Augenblick vorbei mit der Kaffeekanne.

„Pippip,“ rief er mich an und sagte halblaut, „jetzt haben wir unten

aber zu hopsen, ei verflucht nochmal. Müssen den Dampf hochpfeifen auf

hundertfünfundneunzig.“

„Du bist wohl verrückt, Stanislawski,“ sagte ich, „da fliegen wir ja

gleich ohne Aufenthalt durch bis auf den Sirius. Bei hundertsiebzig

klappern uns ja schon die Eingeweide.“

„Deshalb drücke ich mich ja hier oben rum, so viel ich kann“, griente

Stanislaw, „da rennt man mit dem Schädel nicht erst lange gegen die

Platte. Man geht dann gleich wie ein Gummiball ab, und ehe die Brocken

nachkommen, schwimmt man schon. Als ich die Feluken so verdächtig in der

Nähe sah, habe ich wie ein Wahnsinniger Vorrat gemacht, um nur recht

viel Gelegenheit zu haben, raufzukommen. Dem Heizer habe ich gesagt, ich

habe Durchfall. Das nächstemal mußt du dir was andres aussuchen, man

kann nicht immer den gleichen Hanfsamen erzählen, sonst will er selber

raufgehen und schmeckt die Pomeranzen.“

„Was ist denn los?“

„Na, du bist mir ein Schaf. Es wird geblendet. Skipper zieht die

Prozente ein für die Versicherung. So einen Esel, wie du bist, habe ich

in meinem Leben nicht gesehen. Was denkst du denn, wo du drauf bist?“

„Leichenwagen.“

„Das hast du ja wenigstens schon klar. Aber die rennen doch so einen

Eimer nicht runter ohne Musik. Das bilde dir nur ja nicht ein. Die

Yorikke ist geliefert. Der Totenschein liegt schon bei der Kompanie, die

brauchen bloß noch das Datum reinschreiben. Na, und siehst du, Mensch,

wenn man schon auf der letzten Violinsaite spielt, dann ist doch alles

Kick und Kaktus. Die Yorikke kann alles machen, was sie will, sie ist

verzweifelt, sie steht auf der Totenliste. Die kann alles riskieren,

verstehst du? Guck mal da rauf, auf den Laternenkorb. Da hängt der

Boss’n mit der Prismatüte und guckt raus, ob die Luft dicht ist. Dann

kannst du aber mal die Yorikke loskartoffeln sehen, Mensch, die olle

ausgeleierte Schachtel macht dir in der ersten Viertelstunde einen Satz,

daß dir himmelangst wird, bei dem Dampfdruck. Entweder ruff in den Mond

oder raus mit fünfunddreißig Meilen. Da sollst du mal die Yorikke sehen.

Nach einer halben Stunde pfeift und keucht sie aus allen Knopplöchern

und hat für vier Wochen Asthma. Aber sie ist raus. Und das ist die

Hauptsache. Jetzt muß ich aber runter. Ich komme gleich wieder, wenn ich

ein paar geschippt habe. Dann muß ich wieder abknöppen gehen.“

Wir fuhren gewöhnlich hundertfünfzig, auch hundertfünfundfünfzig Druck,

wenn die Yorikke gegen schweres Wetter zu kämpfen hatte. Hundertsechzig

war ihre „Achtung!“, hundertfünfundsechzig „Warnung!“, hundertsiebzig

„Gefahr!“. Hier blies sie ab mit markdurchdringendem Geheule. Um ihr das

Heulen auszutreiben, waren jetzt die Tränendrüsen zugeschraubt. Wenn sie

Lust hatte, konnte sie nach innen in sich hineinweinen, ihr grausames

Schicksal beweinen und mit Trauer zurückdenken an jene Zeit, wo auch sie

ein ehrliches rotbäckiges Jungferlein war. Sie hatte alle Stadien eines

abenteuerlichen Weibes durchgemacht in ihrem langen, reichen Leben. Sie

war auf glänzenden Bällen gewesen, wo sie die Königin des Festes war und

umworben wurde von den schönsten Herren. Sie hatte sich mehrfach

verheiratet, war ihren Männern durchgebrannt, war in üblen Hotels

gefunden worden, war dreißigmal geschieden worden, hatte von neuem Glück

gehabt und war in die Gesellschaft wieder aufgenommen worden, hatte

wieder Dummheiten gemacht, sich eine Zeitlang dem Suff ergeben und

schottischen Whisky nach Norwegen und nach den Krabbenlöchern an der

Küste des States Maine geschmuggelt, und nun war sie endlich

Kuppelmutter, Testamentsschleicherin, Giftmischerin und Engelmacherin

geworden. So tief kann eine Frau sinken, die aus bester Familie kam und,

versehen mit ausgezeichneter Erziehung und mit seidenen Röckchen und

Fähnchen ins Leben zog. Aber das Unglück vieler schöner Frauen ist, daß

sie nicht zur rechten Zeit zu sterben verstehen ...

Die Ladeluken wurden geöffnet und es wurde in den Eingeweiden der

Yorikke emsig herumgewühlt.

Die Feluken waren nahe gekommen, und zwei machten längsseit fest. Sie

waren von marokkanischen Fischern bemannt. Die kamen wie die Katzen an

Bord. Die Lademasten wurden ausgeholt und fingen kreischend an zu

arbeiten. Drei Marokkaner, die wie Fischer gekleidet waren, jedoch sonst

den Fischern nicht glichen, klug und intelligent aussahen, gingen mit

dem Zweiten Offizier zur Kabine des Skippers. Der Offizier kam wieder

heraus und überwachte das Verladen. Der Erste stand auf der Brücke und

hatte die Augen überall, am Horizont, auf dem Wasser, auf dem Schiff.

Vorn in seinem Gurt hatte er einen schweren Browning stecken.

„Alles dicht, Boss’n?“ schrie er rauf zum Mast.

„Alles dicht, aye, aye, Sir.“

„All right! Keep on!“

Die Kisten schwangen lustig durch die Luft und runter in die Feluken.

Dort waren andre Marokkaner mit flinken Händen tätig, die Kisten unter

den Ladungen von Fischen und Früchten zu verstauen. War eine Feluke

geladen, so machte sie los und stieß ab. Sofort kam eine andre

herbeigerudert, machte fest und nahm die Ladung ein.

Jede Feluke, die ihre Ladung hatte, stieß ab, heißte die Segel und flog

davon. Jede segelte in eine andre Richtung. Einzelne in die Richtung, wo

auf keinen Fall Land liegen konnte, es wäre denn, daß sie nach Amerika

hätten segeln wollen.

Der Zweite Offizier hatte einen Block mit eingeschobenem Kohlenpapier

und einen Bleistift. Er zählte die Kisten. Dann rief ihm einer der

Marokkaner, der als Lademeister zu arbeiten schien, eine Zahl zu, der

Offizier antwortete die gleiche Zahl zurück und schrieb sie dann auf.

Auch der Lademeister schrieb auf einem Stück Papier mit. Die Zahlen

wurden in Englisch gerufen.

Endlich wurden keine Kisten mehr heraufgezogen und die Luken

geschlossen. Die letzte Feluke, die Ladung genommen hatte, war schon

weit fort. Die ersten konnte man nicht mehr sehen. Sie waren hinter dem

Horizont verschwunden oder vom Dunst verschluckt. Die andern sah man in

verschiedenen Richtungen wie kleine Stückchen weißen Papiers

herumschwimmen.

Eine weitere Feluke, die letzte, die hier sichtbar war, hatte

festgemacht. Sie hatte keine Ladung eingenommen. Sie hatte nur ihre

Fischladung.

Die drei Marokkaner, die mit dem Skipper in der Kabine gewesen waren,

kamen jetzt mit ihm heraus. Sie lachten und schwätzten miteinander. Dann

verabschiedeten sich die drei mit großen schönen Gesten ihrer Arme und

Hände, kletterten am Fallstieg hinunter, stiegen in ihr Schifflein,

stießen ab, heißten die Segel, der Fallstieg wurde hochgezogen, die

Ankerkette rasselte, und Yorikke war auf voller Fahrt.

Nach zehn Minuten etwa kam der Skipper raus und rauf zum Deck:

„Wo steht sie?“

„Sechs ab von der Küste.“

„Bravo. Dann sind wir ja raus?“

„Yes, Sir!“

„Kommen Sie frühstücken. Wir wollen einen heben. Geben Sie dem Ruder den

Kurs und kommen Sie.“

Damit war der Spuk vorbei.

Aber der Spuk hatte etwas zurückgelassen. Wir alle bekamen großes

Nach-Sturm-Frühstück. Bratwürste, Schinken, Kakao, Bratkartoffeln und

pro Kehle ein Wasserglas Rum, der uns in unsre Blechtassen gefüllt

wurde. Dieses Nach-Sturm-Frühstück war das Maulpflaster für uns. Das

Maulpflaster für den Skipper sah anders aus. Das konnte man nicht essen,

man mußte es in die Brieftasche stecken.

Aber wir waren ja so zufrieden. Wir wären mit dem Skipper in die Hölle

gefahren, wenn er gesagt hätte: „Los, Jungens!“ Und keine

Daumenschrauben hätten aus uns herausquetschen können, was wir gesehen

hatten.

Wir hatten nur gesehen, daß an der Maschine ein Lager heiß gelaufen war,

daß wir uns vor Anker legen mußten, bis der Schaden wieder repariert

war, und daß, während wir vor Anker lagen, Feluken ankamen, die uns

Fische und Früchte hatten verkaufen wollen. Der Koch hat für zwei

Mahlzeiten Fische gekauft, und die Offiziere haben sich Ananas und

frische Datteln und Orangen gekauft.

Das können wir beschwören, weil es die Wahrheit ist, yes, Sir.

Einen so guten Kapitän läßt man nicht im Stich, no, Sir.

34

Sobald man nicht überarbeitet wird, gleich kümmert man sich um andre

Dinge und steckt seine Nase in Sachen, die einen gar nichts angehen, die

einen nur auf Ideen und Gedanken bringen, die verderblich sein müssen,

wenn man sie pflegt und hätschelt. Seemann, bleib bei deinem Ruder und

bei deinem Farbenpott; dann bist du auch immer ein braver Seemann und

ein anständiger Kerl.

Der Ingenieur hatte einen Kohlenbunker aufschrauben lassen, der nahe den

Kesseln lag, weil der Bunker für Ladung gebraucht werden sollte. Jetzt

konnte man die Kohlenschächte des Kesselraumes so schön und mollig

auffüllen. Und als die Schächte aufgefüllt waren, der Bunker leer war

und Yorikke die Ladung übernommen hatte, begann eine wollüstige Zeit.

Sie dauerte nur drei Tage, dann waren die Schächte wieder leer, aber es

waren doch schöne Tage, ganz unvergeßlich.

Es waren die Tage der Galeerensklaven, wenn die Segel voll sitzen und

nur tote Kreuzerfahrten gemacht werden. Sie bleiben angeschmiedet, damit

sie die Gewohnheit nicht verlieren; sie werden weiter gepeitscht, damit

sie das Gefühl nicht verlieren und nicht an Aufruhr denken; sie müssen

weiter arbeiten, damit die Muskeln nicht zu schlapp werden. Aber sie

dürfen sich hin und wieder ausruhen und den Kopf auf die Riemenstangen

fallen lassen, weil unter den vollen Segeln die auslegenden Riemen

bremsen und nicht in Richtung wirken.

Auch die vollen Kesselschächte konnten bremsend wirken, wenn man nicht

ruhte, und sie hätten den Kesselraum so verstopfen können, daß der

Heizer nicht arbeiten konnte, vielleicht gar Feuer ausbrach.

Die Ladung wurde ebenfalls auf offner See eingenommen. Irgendwo an der

Küste Portugals mußte es sein; denn die Bootsleute sprachen

portugiesisch. Es ging ähnlich zu wie weiter südlich an den Küsten

Afrikas das Ausladen.

Auch hier kamen drei Mann zuerst an Bord, die wie Fischer aussahen,

jedoch keine Marokkaner waren. Auch sie gingen mit dem Skipper in dessen

Kabine. Es wurde geladen, es wurden Zahlen in Englisch gerufen und in

Arabisch geschrieben. Dann zogen die Boote mit ihren Fisch- und

Apfelsinenladungen wieder ab, in alle Richtungen hinaus. Zuletzt stiegen

auch die drei in ihr Boot und setzten ab.

Diesmal gab es kein großes Nach-Sturm-Frühstück, sondern nur Kakao und

Stollenkuchen mit Rosinen. Es gab ja auch nichts zu schwören.

„Denn was soll man schwören?“ sagte Stanislaw. „Wenn da einer kommt und

hebt die Luke auf und guckt rein und sieht die Kisten, was willst du da

schwören? Kannst doch nicht gut schwören, es ist keine Kiste da, wenn

der Mann sie in der Hand hat. Aber da kommst du auch gar nicht zum

Schwören. Da sind die Kisten und fertig. Kann nur der Skipper schwören,

wo er mit den Kisten hin will. Und der wird ihnen schon was schwören, da

kannst du Schlacke drauf fressen.“

Jetzt hatte ich und natürlich auch Stanislaw feine Wachen. Wenn

ausgeschlackt war, wurden die Aschenfälle gezogen, dann hob ich dem

Kohlefall das Schürzchen hoch, und der Kesselraum lag voll, Vorrat mit

eingeschlossen.

Da kroch ich in einer Wache in der Nacht mal so rum in den Eingeweiden.

Manchmal findet man ganz angenehme Dinge. Nüsse, Apfelsinen,

Tabakblätter, Zigaretten und andres. Manchmal muß man die Kisten

aufmachen und sehen, ob neue Hemden drin sind oder Stiefel oder Seife.

Moral wird einem ja nur darum gelehrt, damit die, die alles haben, alles

behalten können und das übrige noch dazu kriegen. Moral ist die Butter

für die, denen das Brot fehlt.

Man muß die Kisten nur wieder gut zumachen und darf das Hemd und die

Stiefel nicht gleich anziehen. Wenn es rauchig wird, verkauft man es

besser im nächsten Hafen. Nimmt jeder ab. Der Seemann ist billig. Er

spart ja die Ladenmiete und kann deshalb unter Fabrikpreisen verkaufen.

Seine Ausgaben hat man auch. So leicht ist es nicht, an die Kisten zu

kommen. Man muß Schlangenmensch sein. Das hatte ich ja gelernt. Jeden

Tag ein paarmal Training; wenn man nachließ, spürte man es sofort an den

verbrühten Armen und den verschmorten Stellen auf dem Rücken. Es hat

auch seine Schwierigkeiten, in den Laderäumen rumzuwirtschaften und

seine Ware zu suchen und in Empfang zu nehmen. Da rutscht so eine Kiste,

ein paar andre rutschen nach und man ist gefangen in der Falle oder zu

Brei zerquetscht. Licht hat man ja keins, sondern Wachszündhölzchen,

damit man den Waren heimleuchten kann.

Die Yorikke fuhr keine echten Werte, sie fuhr Totenwerte. Alte

Schrauben, versichert als Corned Beef. Aber diese Einladungen und

Ausladungen ließen meinen Geschäftssinn nicht ruhen. Das waren keine

alten Schrauben und das waren auch keine Zementfüllungen. Ich kenne die

Marokkaner, die machen sich nichts aus Schrauben und gebackenem Zement.

Außerdem hatte ich gesehen, daß nur ein Rettungsboot dicht war und daß

die Offiziere mit dem Skipper auf Wertschätzung standen.

Die beiden Offiziere beanspruchten Boot zwei; sie durften nicht mit in

Boot eins, dann wären Skipper und Offiziere erschlagen worden, weil man

wußte, was los war. Ein zweites Boot mußten sie schon klarmachen. Die

beiden andern Boote waren ja für den Bootsmann und die A. B.s, den

Kesselbums und einen Ingenieur. Wenn der zweite Offizier mit zum Skipper

in Boot eins stieg, das fiel niemand auf, aber beide Offiziere durften

nicht rein. Solange also nicht Boot zwei überholt war, konnte der

Yorikke nichts geschehen. Geschah ihr trotzdem etwas, dann lag der Fall

treu und alles konnte in Boot eins steigen, und wer nicht Platz hatte,

wurde rausgepfeffert. Da packen alle Hände zu. Dann ist es auch nicht

nötig, Zeugen zu verheiligen, weil alles, was heimkommt, bester Zeuge

ist, denn es war eine treue Beerdigung, an der Versicherung kann keine

Maus knabbern.

Boot zwei also war für mich das Signal für die Beerdigung. Es war noch

knistertrocken, also hatte auch die Yorikke noch andre, treue Werte an

Bord und nicht nur reine Totenwerte. Wenn es auch Blender waren, so

wollte ich doch wissen, was die Blender im Magen hatten. Wissenschaft

macht sich manchmal bezahlt.

Da war ich drin im Laderaum und betrachtete mir die Kisten.

„Garantiert echtes schwäbisches Pflaumenmus“

„Garantiert reine Früchte und Zucker“

„Kein Farbenzusatz“

„Erste schwäbische Pflaumenmusfabrik A.-G.“

„Oberndorf a. N.“

Wir sind schöne Esel. Da fressen wir die Schmierseife rein, die

Margarine heißt, und hier liegt das schönste schwäbische Pflaumenmus

stapelweise aufgeschichtet. „O Stanislaw, ich habe dich für einen so

intelligenten Burschen gehalten, aber du bist das größte Rindvieh auf

Erden.“

Das war mein erster Gedanke. Stanislaw hatte immer so einen großen Mund,

er tat immer so klug, er wußte immer alles, wußte immer, wohin die

Yorikke ging und wohin sie nicht ging. Aber das Pflaumenmus hatte er

doch nicht entdeckt.

Kisten aufmachen ist Spielerei, wenn man Übung hat. Feine große Büchsen.

Das gibt ein Fressen morgen, dick drauf geschmiert auf das warme Brot.

Mir lief das Wasser im Munde zusammen. Garantiert reine Früchte und

Zucker. Kein Ersatz aus deutscher Rübenzeit. Reine Früchte und Zucker.

Die Marokkaner wissen schon, was gut ist. Das ist besser als Datteln und

Rosinen, schwäbisches Pflaumenmus aus der Ersten Pflaumenmusfabrik. Mit

dem Meißel, den ich zum Aufmachen der Kiste gebraucht hatte, öffnete ich

jetzt gleich eine Büchse. Ich war mit zwei Büchsen zum Bunker gekrochen,

wo ich ja meine Lampe unbekümmert brennen durfte. Es konnte mir schon

keiner raufkommen, weil ich das Brett, das über zwei Streben lag und das

zur Bunkerluke führte, weggezogen hatte. Von den Ingenieuren wäre

sowieso keiner über das Brett gegangen; denn das erforderte Mut.

Besonders stark war das Brett nicht, und es war auch nicht mehr neu. Es

war nicht ausgemacht, ob es heute oder morgen brach. Und wenn es brach,

oder wenn man beim Drübergehen infolge eines unerwarteten Stampfers der

Yorikke das Gleichgewicht verlor, so sauste man zwanzig Fuß tief runter

in den Kesselraum und schlug sich auf dem Wege dahin einen Schädelbruch,

wenn man Glück hatte. Wenn man Pech hatte, so war es schon ganz egal, ob

man einen oder zehn Schädelbrüche hatte. Aber besser ist besser, dachte

ich, und darum hatte ich das Brett weggezogen. Die Büchse war auf. Es

war keine Blendung, verflucht noch mal. Es war tatsächlich garantiert

reines Pflaumenmus. Offenbar hatte ich Goldstaub erwartet, weil ich so

erstaunt war. Das hätte ich von der Yorikke nicht gedacht. Sie fährt

treues, echtes Gut. Und ich habe das arme Weib unter Verdacht gehalten,

daß sie Deklarierungen kleistert und Blender fährt. Man soll doch nie

voreilig urteilen, wenn man es mit Weibern zu tun hat.

Man soll nicht voreilig urteilen, wenn man es mit –.

Schmeckt das Zeug? Schmeckt ganz gut. Schmeckt – na – na – warte mal –

schmeckt etwas ranzig. Nein, schmeckt nach – nach – nach was denn zum

Donnerwetter nochmal? Die haben Coppers reingetan, die Säue. Die haben

Kupfermünzen rein getan, damit die Pflaumen Farbe behalten sollen.

Garantiert kein Farbzusatz. Ist keine Farbe, aber schmeckt danach.

Wollen doch noch mal kosten. Ja, Teufel, schmeckt nach Grünspan, direkt

nach Messing. Kann ich nicht essen auf Brot. Ich werde den Geschmack

nicht los. Frißt sich auf der Zunge ein und klietscht gegen den Gaumen.

Vielleicht nur oben so schlimm. Gehen wir mal tiefer mit dem Finger in

die Marmelade! Was ist denn das? Da sind ja noch die ganzen

Pflaumenkerne drin geblieben. Das ist ja eine Marmelade. Scheint echt

schwäbisch zu sein, die Kerne alle drin zu lassen.

Na? Was ist denn das? Das sind aber merkwürdige Pflaumen, die echt

schwäbischen Pflaumen. Die haben sehr mysteriöse Kerne. Die Kerne sind

ja aus Blei, tatsächlich aus Blei. Und damit das Blei nicht beschädigt

wird, hat es einen weißen Stahlpanzer. Und jeder Kern steckt auf einer

Messinghülse. Daher der Messinggeschmack. Und in den Hülsen? Was ist

denn da drin? Zucker. Feiner Zucker. Schwäbischer Zucker muß das sein.

Ist schwarz und schmeckt ganz salzig. Garantiert reine Früchte und

Zucker. Feine Blender. Man soll nicht voreilig urteilen, Yorikke ...

Dann ging ich auf die zweite Reise. Mausefallen. Daß die Marokkaner so

wild auf Mausefallen sein sollten, glaubte ich nicht. Es waren wirklich

Mausefallen in den Kisten. Als ich aber nach den Kernen suchte, fand ich

Mausefallen ohne Fallen, mit einem R am Ende. Mauser.

Da waren Kisten mit Kinderspielzeug. „Blechautos mit aufziehbarem

Federwerk.“ Ich suchte nicht nach den Kernen und sparte mir die Mühe,

weil die Blechautos mit aufziehbarem Federwerk aus der „Ältesten Suhler

Spielwarenfabrik“ kamen. Aber England war viel besser und viel

gründlicher vertreten als Belgien und benachbarte Gebiete. Belgien hatte

Zuckerwaren beigesteuert und England Kasserollen aus Weißblech. Die

Marokkaner haben ganz recht. Spanien den Spaniern, Frankreich den

Franzosen und China den Chinesen. Wir lassen keine Chinesen

rein. Aber wenn die uns nicht reinlassen, dann ist unser

Rot-Weiß-Blau-Hurra-Hurra-Hurra! befleckt, bedreckt, beschiet und muß

mit Blutfleckseife ausgewaschen werden, yes, Sir.

He, Skipper, auf mich kannst du zählen. Du machst das Geschäft, und ich

habe das Wohlgefallen.

35

„Stanislaw, nun sag mal, warum frißt du denn die Margarine immer so in

dich hinein? Hast du denn gar kein Schamgefühl?“

„Was willst du machen, Pippip. Erstens habe ich Hunger, und zweitens

kann ich doch nicht meine Lumpen auskochen, den Saft eindicken und dann

als Marmelade aufs Brot schmieren. Hab doch weiter nichts aufs Brot. Und

immer das trockene Brot hinterwürgen, Mensch, du wirst ja ganz dusselig

davon. Kriegst ja Betonfundamente in den Bauch.“

„Du bist schön dumm,“ sagte ich nun, „weißt du, daß wir Marmelade

geladen haben?“

„Natürlich weiß ich“, sagte Stanislaw, ruhig weiter kauend.

„Warum machst du denn nicht eine Kiste dicht?“ fragte ich.

„Das ist doch keine Marmelade für uns.“

„Warum denn nicht?“

„Die ist bloß gut für Marokkaner, Spanier und Franzosen und natürlich

für die Lieferanten. Aber für uns, für dich und für mich, ist das keine

Marmelade. Die kannst du nicht verdauen. Die kannst du nur verdauen,

wenn man sie dir in die Rippen pfeffert. Aber dann kriegst du die

Lauferei, da läufst du gleich so sehr, daß du deinen Urgroßvater noch

einholen und mit ihm zusammen gehen kannst.“

Der wird doch nicht etwa?

Ich platzte gleich raus: „Weißt du denn etwa schon, was da drin ist. Du

hast doch nicht etwa –?“

„Nachgesehen? Für was für ein großes Kamel hältst du mich denn

eigentlich? Die drei Edlen waren noch beim Skipper in der Kabine und

oben wurde noch die Luke dicht gemacht, damit auch ja niemand dran kann,

da hatte ich schon eine Kiste auf. Ich brauche doch nur lesen

Pflaumenmus oder Marmelade oder Dänische Butter oder Corned Beef oder

Ölsardinen oder Schokolade, da bin ich doch auch schon dahinter.“

„Da ist aber tatsächlich Pflaumenmus drin“, erwiderte ich.

„Es ist immer was drin. Aber das kannst du nicht essen. Das schmeckt zu

sehr nach Grünspan. Stirbst an Blutvergiftung. Auf der letzten Reise,

ehe du raufkamst, da hatten wir Corned Beef. Natürlich auch Blender,

aber ich habe gründlich abgehäutet, das kann ich dir sagen. Das war

fein. Da war nichts dran. Das war in Pergament gefettet. Manchmal hat

man eben Glück. War gute amerikanische Ware. Ging nach Damaskus oder da

herum.“

„Wie waren denn die Knochen?“

„Die Knochen? In Corned –? Ach so, die Knochen meinst du. Das waren

K’rabben. K–rabben. Karabiner. Made in U. S. A. Feines Modell. Da hat

der Skipper schwer Draht gezogen. Da gab es Kognak, Rinderbraten, Huhn

und frisches Gemüse. Da mußte nicht nur das Maul, da mußten auch die

Glotzen und die Riecher gepflastert werden. Ein französischer Jäger

kriegte uns auf, ehe wir raus waren. Die haben geschnüffelt, mit

Zigaretten und mit Franken rumgeschmissen. Aber mußten wieder abziehen

und dem Skipper Verbeugungen machen.“

„Hat denn keiner für die gewinkten Franken gepfiffen?“

„Bei uns? Auf der Yorikke? Wir sind alle Dreck und haben nichts mehr zu

melden. Wir sind tot. Du auch. Na, und sieh mal, jemand anders ins

Portemonnaie sehen oder in den Glasschrank gucken oder Kisten aufmachen

in einem Schuppen oder auf der Yorikke, dem Zweiten und dem Ersten noch

dazu den Hammer an den Schädel feuern, das ist alles Ehrensache.

Behältst du immer den Kopf hoch, behältst du immer deinen Murr, deinen

Stolz. Aber pfeifen bei der Polizei oder der auch nur mit einem

Fingernagel helfen, das ist schäbig. Da kannst du dir nicht mehr in die

Augen gucken. Wenn die was wollen, laß sie doch machen. Aber du bist

doch ein anständiger Kerl, da putzt man den Burschen nicht die

Brillengläser. Ich will lieber auf der Yorikke und mit der Yorikke

verrecken, als mit einem Polizisten tauschen.“

Wir lagen auf der Reede an der portugiesischen Küste, um Deckungsgut

einzunehmen und die Yorikke zu klären. Die Yorikke war plötzlich in

Verdacht gekommen. Deshalb nahm der Skipper nur echtes Gut ein und ließ

sehr saubere Deklarierungen gegen die Yorikke laufen, an denen auch

nicht ein Pünktchen zu deuteln war. Es war sehr billiges Gut, denn hohes

vertraute der Yorikke niemand an. Wer sie kannte, nicht. Aber da gibt es

ja so unendlich viel Gut, das an sich keinen besonderen Wert darstellt,

aber doch gefahren werden muß und doch wieder zu gut ist, um nur als

Ballast zu gehen. Den Wert bekommt dieses Gut erst, wenn es abgeliefert

ist.

Nach fünf Uhr des Nachmittags hatten wir nichts mehr zu tun, und die

Arbeit begann erst wieder am nächsten Morgen um sieben. Das war die

Arbeitszeit, wenn wir auf Reede oder am Kai in einem Hafen lagen. Die

Arbeit in diesen Fällen war meist unangenehm, aber doch nicht gar so

schwer wie auf der Fahrt.

Hier war es dann, daß wir schon manchmal einige Stunden beieinander

sitzen konnten, um in Ruhe zu schwätzen. Ein Schiff ist immer groß

genug, daß man irgendwo sitzen kann, ohne daß man sich mit den Ellbogen

stößt.

So viele Leute auf der Yorikke waren, so viele Nationen waren auch

vertreten. Jede Nation hat ihre Toten, die leben und atmen, aber

gegenüber der Nation doch tot für ewig sind. Manche Staaten haben ganz

offen ihre Totenschiffe. Diese Totenschiffe nennt man dann

Fremdenlegion. Wer sie überlebt, kann vielleicht ein neues Leben damit

erkauft haben. Er hat einen neuen Namen erworben, der ihm bestätigt

wird, und er hat einen neuen Platz in einer Nation gefunden, als wäre er

als Säugling eben hineingeboren.

Alle Kommandos auf der Yorikke wurden in Englisch gegeben, und alle

Unterhaltung wurde in englischer Sprache gepflogen, weil sonst eine

Verständigung nicht denkbar gewesen wäre. Es war ein höchst merkwürdiges

Englisch. Nur der Skipper sprach ein reines, fehlerfreies Englisch. Alle

übrigen dagegen sprachen etwas, das mit Englisch nichts zu tun hatte. Es

war Yorikkisch. Eine eigne Sprache.

Wie die Sprache klang und aussah, läßt sich nur schwer schildern. Jeder

Seemann weiß zwei Dutzend englische Worte. Und jeder weiß drei bis sechs

Worte, die der andre nicht weiß, aber von ihm lernt durch das

Zusammenleben an Bord, wenn nur Englisch gesprochen wird. Dadurch eignet

sich jeder in kurzer Zeit etwa zweihundert Worte an. Zweihundert Worte

der englischen Sprache auf diese Weise, aber nur auf diese Weise gelernt

und dazu die Zahlen, die Namen der Tage und Monate in Englisch,

ermöglichen jedem Menschen, alles das klar und zweifelsfrei

auszudrücken, was er innerhalb dieses Kreises sagen will. Ganze Romane

kann er mit diesem Sprachschatz erzählen. Er kann natürlich kein

englisches Buch lesen und noch viel weniger eine englische Zeitung.

Keine andre europäische Sprache kann diesen Vorteil ihren Schülern

bieten, sich so leicht und so rasch im Leben verwenden zu lassen.

Ehe ich aber das Yorikkisch verstand und mich in Yorikkisch ausdrücken

konnte, vergingen mehrere Tage. Hätte ich Worte und Wortverbindungen so

gebraucht, wie ich sie seit meinen ersten nassen Windeln gehört und

geplappert hatte, würde mich niemand auf der Yorikke, der Skipper

ausgenommen, verstanden haben, und man würde mir kaum geglaubt haben,

daß ich Englisch spräche.

Wie war das Yorikkische Englisch entstanden, und wie war das Englisch

auf andern Totenschiffen entstanden?

Das Sprachengewirr unter den Angehörigen der verschiedenen Nationen, die

auf der Yorikke fuhren, machte eine gemeinsame Sprache notwendig. Da

jeder, wenn er nur ein paar Wochen fährt, einige englische Brocken weiß

und gleich mitbringt, so ergibt sich ganz von selbst das Englisch als

Kommando- und Umgangssprache.

Da ist das Wort First-Mate, Erster Offizier, das die meisten wissen, und

da ist das Wort Money, das jeder weiß.

Nun aber kommt die lebendige Entwicklung, eine Sprachentwicklung, wie

sie sich nicht nur auf der Yorikke zeigte, sondern wie sie sich in

ganzen Völkern zeigt und von jeher gezeigt hat.

Mate wird in London-West ganz anders ausgesprochen als in London-Ost,

und der Amerikaner spricht achtzig Prozent der Worte anders aus als der

Engländer, und sehr viele schreibt er auch ganz anders und verwendet sie

in ganz andern Ideenverbindungen.

Der Zimmermann hat das Wort First-Mate nie in England gehört, sondern

von einem Schweden, der das Wort von einem Seemann aus London-Ost gehört

hatte. Der Schwede konnte es schon selbst nicht richtig aussprechen,

außerdem hatte er es noch in dem üblen Petty-coat-lane oder

Cockney-Dialekt gehört, den er für die richtige und allein gültige

Aussprache halten mußte, weil er ja das Wort von einem Engländer

vernommen hatte. Wie das Wort nun von dem Zimmermann ausgesprochen

wurde, kann man sich vielleicht vorstellen. Ein Spanier bringt die

Aussprache des Wortes Money, ein Däne bringt Coal, ein Holländer Bread,

ein Pole Meal, ein Franzose Thunder und ein Deutscher Water.

Das Wort First-Mate läuft durch alle Stadien der Laute, die ein Mensch

geben kann: Feist-Moat, Fürst-Meit, Forst-Miet, Fisst-Määt und noch so

viel mehr als Leute auf der Yorikke sind. Nach einer kurzen Zeit aber

schleifen sich die verschiedenartigen Aussprache-Färbungen gegeneinander

ab und es kommt zu einer einheitlichen Aussprache, in der sich alle die

Tonfarben wiederfinden in abgeschwächter Form. Wer neu hinzukommt,

selbst wenn er genau weiß, wie das Wort richtig ausgesprochen wird, ja

selbst wenn er Professor der Phonetik in Oxford wäre, muß das Wort

Yorikkisch aussprechen, wenn er zu jemand den Befehl bringen soll, daß

der First-Mate ihn zu sehen wünsche, weil der Mann sonst gar nicht

wüßte, was man von ihm wolle. Der Professor merkt nach kurzer Zeit gar

nicht mehr, daß er die Worte Yorikkisch ausspricht, weil er sie nur in

dieser Form hört und sie sich in dieser Form in sein Gedächtnis

einprägen. Von den Vokalen bleibt nicht viel an richtiger Aussprache

übrig, aber von den Konsonanten bleibt genug übrig, um das Wort nach

einigem Hinhören doch zu verstehen. Dadurch bleibt die Sprache immer

Englisch in ihrem Skelett und kann auf jedes andre Schiff übertragen

werden. Gäbe es keine Buchdruckerkunst, so würde es so viele ganz

selbständige Sprachen geben wie es Dialekte gibt. Hätten die Amerikaner

nicht die gleiche Schriftsprache wie die Engländer, würde heute die

Sprache der beiden Völker ebenso verschieden sein wie die Sprache der

Holländer und der Deutschen.

Der Seemann ist, soweit die Sprache in Frage kommt, nie verlegen. An

welche Küste er auch geworfen werden mag, er kann sich zurechtfinden und

kann sich verständlich machen. Und wer eine Yorikke überwinden und

überleben kann, den kann nichts mehr in Schrecken versetzen, für ihn ist

nichts unmöglich.

36

Stanislaw wurde nur von mir und den Heizern Stanislaw oder Lawski

gerufen. Alle übrigen, auch die Offiziere und Ingenieure riefen ihn

Pole, manche Pollack. Die Mehrzahl der Leute wurden nach ihrer

Nationalität gerufen: He, Spanier oder Russ oder Holländer. Und das war

ein ironischer Witz des Schicksals. Ihre Nation verleugnete sie und

stieß sie von sich, auf der Yorikke war ihre Nation ihre ganze

Persönlichkeit. Jeder, der auf einem Schiff angezeichnet werden soll,

wird zum Konsul gebracht, zum Konsul jenes Staates, unter dessen Flagge

des Schiff fährt. Der Konsul hat die Anmusterung zu bestätigen und zu

registrieren. Er prüft die Papiere des Seemanns, und wenn ihm die

Papiere nicht gefallen, verweigert er die Registrierung, und der Mann

kann nicht mustern. Die Anmusterung vor dem Konsul muß im Hafen

erfolgen, ehe der Mann seine Arbeit beginnt.

Yorikke hätte auf diese Art nie einen Mann bekommen, vielleicht nicht

einmal Ingenieure und Offiziere; denn wer mit seinen Papieren in Ordnung

war, ging der Yorikke in weitem Bogen aus dem Wege. Die Yorikke verdarb

die besten Papiere eines Mannes, und ein Mann, der von der Yorikke

abzeichnete, hatte ein oder zwei Jahre dreiviertel und halbe Yorikken

erst zu fahren, ehe er sich wieder beim Skipper eines ehrlichen Schiffes

sehen lassen konnte, falls er überhaupt je auf eine dreiviertel Yorikke

kommen konnte. Denn selbst da war der Skipper mißtrauisch. „Auf der

Yorikke haben Sie gefahren? Wo werden Sie denn verlangt? Was haben Sie

denn ausgefressen?“ Das sagt der Skipper.

Und der Mann sagt: „Ich konnte kein andres Schiff kriegen und nahm

deshalb die Yorikke für eine Reise.“

„Ich will keine Scherereien haben mit der Polizei oder mit den Konsuln.

Ich möchte nicht gern, daß es heißt, auf meinem Schiff haben sie unter

der Mannschaft einen Raubmörder verhaftet, der in Buenos-Aires verlangt

wird“, sagt der Skipper.

„Aber, Skipper, wie können Sie denn das sagen? Ich bin ein ganz

ehrlicher Mann.“

„Ja, ja. Aber von der Yorikke. Ich kann doch nicht von Ihnen fordern,

daß Sie mir von allen Ländern der Erde ein polizeiliches Leumundszeugnis

beibringen, nicht älter als vier Wochen. Da haben Sie zwei Schillinge,

für ein gutes Abendessen, aber Anmusterung? Ich möchte doch lieber nicht

das Risiko übernehmen. Vielleicht kriegen Sie ein andres Schiff, liegen

ja eine Masse hier. Gehen Sie mal zu dem Italiener da drüben. Kann sein,

er nimmt es nicht so hart.“

Der Skipper der Yorikke konnte mit keinem seiner Leute zum Konsul gehen,

wahrscheinlich nicht einmal mit seinem Ersten Offizier, und ich würde

mich nicht wundern, wenn er sich selbst nicht beim Konsul sehen lassen

dürfte, ohne daß der Konsul sofort den Hörer abnimmt und zum Skipper

sagt: „Setzen Sie sich, bitte, Herr Kapitän, nur einen Augenblick, dann

stehe ich zu Ihren Diensten.“

Diese Dienste würde der Skipper vielleicht nicht abwarten, sondern etwas

andres tun; rin ins Auto, rauf auf die Yorikke, Anker gehievt und

abgesurrt mit hundertfünfundneunzig und zugeschraubten Tränendrüsen.

Die Yorikke bekam alle Leute unter dem Schiffsnotgesetz. Sie kamen rauf,

wenn der Blaue Peter eingezogen wurde und der Lotse schon an Bord war.

Kein Konsul der Erde wird dann verlangen, daß der Skipper nun wieder

anhalten und mit einem Mann zum Konsul gehen soll. Das verlangt noch

viel weniger irgendeine Hafenbehörde. Früher konnte man den Mann nicht

anmustern, weil keiner da war, und weil man nicht wußte, daß von der

Mannschaft sich einer besaufen und achtern abkanten würde. Das merkte

man erst, als das Lotsensignal gepfiffen wurde und der Mann nicht an

Bord war.

Selten verriet jemand auf der Yorikke einem andern seinen wahren Namen

und seine wahre Nationalität. Ebenso selten erfuhr man, unter welchem

Namen und unter welcher Nationalität jemand angemustert hatte. Kam

jemand neu, so fragte ihn der Offizier oder der Ingenieur oder ein Mann,

eben irgendeiner, der mit ihm zuerst zu tun hatte: „Wie heißen Sie?“

Darauf sagte der Gefragte: „Ich bin Däne.“ Damit hatte er zwei Fragen

beantwortet und nun hieß er Der Däne oder nur Däne. Mehr zu fragen,

hielt man für überflüssig. Man wußte meist oder glaubte meist, daß Däne

schon gelogen war, und sich mehr anlügen zu lassen, darauf ging man

nicht aus. Willst du nicht belogen werden, dann darfst du auch nicht

fragen.

Um uns an einem faulen Abend, während wir auf der Reede lagen, die Zeit

zu vertreiben, erzählte mir Stanislaw seine Geschichte und ich ihm

meine. Ich erzählte ihm nicht meine wahre Geschichte, sondern eben eine

Geschichte. Ob er mir eine wahre Geschichte erzählte, weiß ich nicht.

Wie kann ich das wissen? Ich weiß ja nicht einmal, ob das Gras grün ist,

es kann ja nur in meinen Augen eine grüne Täuschung verursachen.

Aber gute Gründe machen mich glauben, daß die Geschichte, die mir

Stanislaw erzählte, der vollen Wahrheit entsprach, weil sie den

Geschichten aller Reisenden auf Totenschiffen so ähnlich war.

Sein Name, den ich, wie die ganze Geschichte, auf dem Eimer nicht

verraten durfte, war Stanislaw Koslowski. Er war geboren in Posen und

dort bis zu seinem vierzehnten Jahre in die Schule gegangen. Indianer-

und Seegeschichten verlockten ihn, er rannte von Hause fort, kam nach

Stettin, verbarg sich dort auf einem dänischen Fischkutter und fuhr mit

ihm nach Fünen. Dort fanden ihn die Fischersleute in ihrem Kutter

halberfroren und halb verhungert. Er sagte, er sei aus Danzig, borgte

sich von seinem Buchbinder, wo er die Seegeschichten zu kaufen pflegte,

den Namen aus und gab ihn als seinen Namen an. Er erzählte weiter, daß

er ein Waisenkind sei und von den Leuten, bei denen er in Pflege sei, so

schlecht behandelt und so verprügelt werde, daß er ins Meer gesprungen

sei, um sich zu töten. Da er aber schwimmen könne, so habe er zu

schwimmen angefangen und sich auf dem Kutter versteckt. Er schloß seine

Erzählung unter Tränen mit den Worten: „Wenn ich zurück nach Deutschland

muß, binde ich mir Hände und Füße zusammen und springe sofort ins Meer.

Zu den Pflegeeltern gehe ich nicht zurück.“

Die Fischersfrauen weinten alle herzzerbrechend über das traurige

Schicksal des kleinen deutschen Jungen und nahmen ihn auf. Zeitungen

lasen sie nicht, und in die dänischen Zeitungen kam es wohl auch nicht,

daß ganz Deutschland nach dem Jungen abgesucht wurde und die

gräßlichsten Geschichten in Umlauf waren, was wohl alles mit dem Jungen

geschehen sein könne.

Bei den Fischersleuten auf Fünen mußte er schwer arbeiten, aber es

gefiel ihm hundertmal besser als in den Straßen von Posen; und wenn er

daran dachte, daß man ihn zu einem Schneider hatte in die Lehre geben

wollen, so verging ihm alle Lust, seinen Eltern auch nur das kleinste

Zeichen zu schicken, daß er am Leben sei. Die Furcht, Schneider werden

zu müssen, war größer als die Liebe zu Vater und Mutter, die er ganz

niedlich hassen konnte für ihre Absicht, ihn zu einem tüchtigen

Schneider ausbilden zu lassen.

Mit siebzehn Jahren verließ er die Fischersleute mit deren

Segenswünschen, um nach Hamburg zu gehen und für große Fahrt zu mustern.

In Hamburg war kein Schiff zu haben, und er nahm für einige Monate

Arbeit bei einem Segelmacher. Er meldete sich vorschriftsmäßig unter

seinem richtigen Namen an, bekam seine Invalidenkarte und ließ sich

endlich ein gutes deutsches Seemannsbuch ausstellen.

Dann fuhr er los auf große Fahrt auf ehrlichen deutschen Schiffen. Dann

wechselte er und fuhr auf einem Holländer. Und dann kam der blutige Tanz

ums goldene Kälbchen. Als das los ging, war er mit seinem Holländer im

Schwarzen Meer. Auf der Heimfahrt passierte das Schiff den Bosporus,

wurde von den Türken untersucht, und er mit noch einem Deutschen wurde

herausgeholt und in die türkische Kriegsmarine gesteckt, unter anderm

Namen, weil er seinen richtigen nicht angab.

Dann kamen zwei deutsche Kriegsschiffe nach Konstantinopel, die in einem

italienischen Hafen gelegen hatten und dort den Engländern, die ihnen

auflauerten, entwischt waren. Stanislaw kam nun auf eines dieser Schiffe

und diente weiter unter türkischer Flagge, bis er eine passende

Gelegenheit fand, den Türken den Abschied zu geben.

Er fand Heuer auf einem Dänen. Der Däne wurde von einem deutschen

Unterseeboot durchsucht, und ein Schwede, der auf dem Schiff fuhr, und

dem er erzählt hatte, daß er nicht Däne, sondern Deutscher sei, verriet

ihn an die Offiziere des Unterseebootes. Stanislaw kam nach Kiel und

wurde unter falschem Namen in die deutsche Kriegsmarine gesteckt.

Artilleriedienst.

In Kiel traf ihn ein andrer Kuli, mit dem er früher auf einem deutschen

Handelsschiff gefahren war. Durch den kam der richtige Name heraus, und

Stanislaw wurde nun mit seinem richtigen Namen in der deutschen

Kriegsmarine geführt.

Stanislaw war dabei, als in der Nähe von Skagen zwei sich bekämpfende

Nationen, die Engländer und die Deutschen, zu gleicher Zeit Sieger

wurden und die Engländer mehr Schiffe verloren als die Deutschen und die

Deutschen mehr als die Engländer. Stanislaw wurde von dänischen

Fischerbooten aufgepickt und ins Dorf gebracht. Da er mit dänischen

Fischersleuten umzugehen verstand und hier ein Bruder jener Frau war,

die ihn in Fünen aufgenommen hatte, so lieferten ihn die Fischer nicht

ab an die dänische Regierung, sondern versteckten ihn und brachten ihn

endlich als Dänen auf einem guten Schiff in Esbjerg unter, mit dem

Stanislaw wieder auf große Fahrt kam. Diesmal hütete er sich, zu

verraten, daß er Deutscher sei, und so konnte er allen Unterseebooten,

englischen und deutschen, ins Gesicht lachen.

Die Regierungen vertrugen sich, die großen Räuber setzten sich alle zu

einem fetten Versöhnungsbankett nieder, und die Arbeiter und kleinen

Leute in allen Ländern hatten die Unfallkosten, die Hospitalrechnungen,

die Beerdigungskosten und das Versöhnungsbankett zu bezahlen. Dafür

durften sie den einziehenden Heeren, die „im Felde gesiegt“ hatten, mit

kleinen Fähnchen und Taschentüchern zuwedeln und den übrigen Heeren, die

„im Felde nicht besiegt“ waren, mit brausender Begeisterung zurufen:

Macht nischt, das nächste Mal! Und als den Arbeitern und den Kleinen

schwindlig wurde von der Höhe der Rechnungen, die sie bezahlen sollten,

weil die großen Räuber nichts verdient und sogar das noch für die

Wohltätigkeit geopfert hatten, da führte man die kleinen Leute an das

Grab des „Unbekannten Kriegers“, wo sie so lange standen und man so

lange auf sie einredete, bis sie dran glaubten, an die Pflicht des

Bezahlens und an die Echtheit des Unbekannten Kriegers. Wo man sich

keinen Unbekannten Krieger leisten konnte, weil man keinen hatte, da

schläferte man das Denken der Arbeiter damit ein, daß man ihnen den

Dolch im Rücken zeigte und sie raten und streiten ließ, wer ihn

reingesteckt habe.

Dann kam die Zeit, wo in Deutschland ein Zündholz zweiundfünfzig

Billionen Mark kostete, während die Herstellung jener zweiundfünfzig

Billionen Mark in Nicht-Billionen-Scheinen mehr kostete als ein ganzer

Eisenbahnwaggon voll Zündhölzer. Da fand es die dänische Kompanie an der

Zeit, ihre Schiffe nach Hamburg ins Trockendock zu schicken zum

Überholen. Die Mannschaften wurden entlassen und in ihre Heimat

geschickt. Stanislaw war mit dem Schiff nach Hamburg gekommen und war

nun gleich in seinem Heimatlande.

37

Das dänische Heuerbuch war nicht viel wert. In Dänemark lagen so viele

Schiffe auf, daß man kaum auf Musterung rechnen konnte. Und Stanislaw

wollte endlich wieder einmal ein richtiges Seemannsbuch haben.

Er ging zum Seemannsamt, wo er dachte, das Buch zu bekommen.

„Müssen Sie erst eine Bescheinigung von der Polizei beibringen.“ – „Ich

habe hier mein altes Seemannsbuch.“

„Das ist ein dänisches. Wir sind hier nicht in Dänemark.“

Das dänische Seemannsbuch trug einen andern Namen, nicht den richtigen

Namen Stanislaws.

Er ging zur Polizei, sagte seinen richtigen Namen und wollte eine

Bescheinigung haben, damit er ein Seemannsbuch bekommen könne.

„Hier gemeldet?“ wurde er gefragt.

„Nein. Bin gestern erst angekommen. Mit einem Dänen“, sagte Stanislaw.

„Dann lassen Sie sich erst Ihren Geburtsschein schicken, sonst können

wir Ihnen keine Bescheinigung geben“, sagte die Polizei.

Stanislaw schrieb nach Posen, um seinen Geburtsschein zu bekommen. Er

wartete eine Woche. Der Geburtsschein kam nicht. Er wartete zwei Wochen.

Der Geburtsschein kam nicht.

Nun schrieb Stanislaw einen Einschreibebrief und packte fünfzig

Billionen Mark bei für Unkosten.

Stanislaw wartete drei Wochen. Der Geburtsschein kam nicht. Er wartete

vier Wochen. Der Geburtsschein kam nicht. Was kümmert man sich in Polen

um den Geburtsschein eines Mannes, der in Deutschland wohnt. Man hat

andre Sorgen. Da ist erst mal Oberschlesien. Und da ist erst mal Danzig.

Und wer weiß, wo die Geburt registriert ist. In diesem Kram können wir

uns nicht zurecht finden. Das ist alles nichts für uns. Das Geld, das

Stanislaw mitgebracht hatte, ein hübsches Päckchen dänischer Kronen, war

längst über alle Berge. Berge? Nein, war längst über ganz St. Pauli. In

St. Pauli kennt man dänische Kronen und weiß sie zu schätzen, sind

beinahe ebenso gut wie Dollar. „Was willst du machen, wenn da die Mädels

sind? Kannst doch nicht gut abwinken. Sieht ja aus, als ob du nicht mehr

–. Ja, da waren halt die Kronen im –.“

„Verhungern und Kohldampf schieben tun nur die Dussel und Idioten“,

sagte Stanislaw. „Ein ehrliches Handwerk ernährt immer seinen Mann.“

Da fiel schon mal eine Kiste auf dem Güterbahnhof aus einem Güterwagen,

wo die Tür zu leicht aufging. „Mußt bloß da sein, wenn sie fällt, und

mußt sie nicht liegen lassen. Das ist der ganze Witz an der Geschichte“,

sagte Stanislaw.

Dann gingen auch schon mal ein paar Zuckersäcke im Hafen auf. „Wenn du

da mit einem leeren Rucksack gehst“, sagte Stanislaw, „und es geht ganz

von allein so ein Zucker- oder Kaffeesack auf, und der ganze Brassel

rutscht dir in den Rucksack, da machst du doch nicht den Rucksack los,

schüttest den Kaffee wieder aus und gehst deiner Wege. Das wäre ja

Gottversuchen. Wenn du den Kaffee wieder ausschüttest und es sieht

einer, denkt er gar noch, du hättest ihn gestohlen, und er läßt dich

hochgehen.“

Es gab auch Salvarsan und Koks. „Für die arme leidende Menschheit muß

man ein Herz haben, da kannst du nicht drum rum. Weißt nicht, wie es dir

tun kann, wenn du Salvarsan nötig hast und kannst es nicht kriegen. Mußt

nicht nur immer an dich denken, mußt auch mal an andre denken, wenn es

dir gut gehen soll.“

„Siehst du, Pippip,“ ergänzte Stanislaw seine Erzählung, „jedes Ding hat

seine Zeit. Da kommt dann eine Zeit, wo du dir sagen mußt, nun trachte

aber nach etwas anderm. Das ist der Fehler, daß die meisten nicht zur

rechten Zeit sagen können: Nun aber runter von der Ella, sonst kommst du

nicht mehr raus und die Olsche schnappt dich. Und da sagte ich mir,

jetzt mußt du einen Kasten kriegen, und wenn du ihn stehlen sollst,

sonst sitzt du fest.“

Als Stanislaw zu dieser Überzeugung gekommen war, ging er wieder zur

Polizei und sagte, daß sein Geburtsschein nicht gekommen sei.

„Die verfluchten Pollacken,“ sagte der Inspektor, „das machen sie aus

Niedertracht. Wir werden ihnen schon noch die Hölle heiß machen, lassen

Sie nur erst mal die Franzosen in Afrika und die Engländer in Indien und

China die Hände voll Dreck haben, dann werden wir schon was pfeifen.“

Stanislaw, den die politische Meinung des Inspektors nicht

interessierte, der aber aus Höflichkeit zugehört, genickt und mit der

Faust auf den Tisch geschlagen hatte, sagte nun: „Wo krieg ich denn nun

mein Seemannsbuch her, Herr Inspektor?“

„Haben Sie denn nicht schon mal in Hamburg gewohnt?“

„Natürlich. Vor dem Kriege.“

„Lange?“

„Über ein halbes Jahr.“

„Gemeldet gewesen?“

„’türlich.“

„Welchen Bezirk?“

„Hier in diesem Bezirk. Auf diesem Revier.“

„Dann gehen Sie nur einmal rasch zur Hauptmeldestelle und lassen Sie

sich einen Meldeauszug geben. Dann kommen Sie damit her und bringen Sie

zwei oder drei Photographien mit, die ich Ihnen stempeln kann.“

Stanislaw bekam den Meldeauszug und eilte zurück zu dem Inspektor. Der

Inspektor sagte: „Der Auszug ist richtig, wenn ich nur genau wüßte, daß

Sie auch der sind, der hier im Auszug genannt ist?“

„Das kann ich beweisen. Ich kann ja den Segelmacher Andresen, bei dem

ich gearbeitet habe, herbringen. Aber da steht ja ein Wachtmeister, der

mich vielleicht noch kennt.“

„Ich? Sie kennen?“ fragte der Wachtmeister.

„Ja. Ihnen habe ich neun Mark Ordnungsstrafe zu verdanken, die Sie mir

eingebracht haben, wegen einer Prügelei. Damals hatten Sie noch eine

Fliege an der Unterlippe, die Sie jetzt abrasiert haben“, sagte

Stanislaw.

„Ja–a–a–! Jetzt kann ich mich auf Sie besinnen. Richtig, Sie arbeiteten

bei dem Andresen. Wir hatten ja noch die Geschichte mit Ihnen. Posen

suchte Sie, weil Sie als Junge zu Hause durchgebrannt waren. Wir ließen

Sie dann hier, weil Sie ja hier anständig in Arbeit waren.“

„Dann stimmt das alles“, sagte nun der Inspektor. „Jetzt kann ich Ihnen

die Bescheinigung geben und die Photographien stempeln.“

Am nächsten Tage ging Stanislaw mit der Bescheinigung zum Amt.

„Die Bescheinigung stimmt. Der Inspektor bestätigt, daß er Sie

persönlich kennt. Aber. Aber die Reichsangehörigkeit bezweifeln wir

noch. Da steht Deutsche Reichsangehörigkeit. Das müssen Sie uns

beweisen.“

Das sagte man ihm auf dem Amt.

„Ich habe doch in der K. M. gedient und bin am Skagerrak verwundet

worden.“

Der Beamte zog die Augenbrauen hoch und machte eine Gebärde, als ob von

dem, was er jetzt sagen wolle, der Weiterbestand der Erde abhängig sei.

„Als Sie in der Kaiserlichen Marine dienten und am Skagerrak verwundet

wurden, wo wir es den scheinheiligen Hunden aber gründlich gegeben

haben, da waren Sie deutscher Reichsangehöriger. Das wird nicht in

Zweifel gestellt. Aber ob Sie heute noch deutscher Staatsangehöriger

sind, das ist von Ihnen zu beweisen. Solange Sie uns das nicht beweisen

können, sind wir nicht in der Lage, Ihnen ein Seefahrtsbuch

auszustellen.“

„Wo muß ich denn da hingehen?“

„Da müssen Sie zum Polizeipräsidium gehen. Abteilung

Staatsangehörigkeit.“

38

Stanislaw mußte doch wieder nach seinem ehrlichen Handwerk sehen, um

nicht zu verhungern. Da half nichts. Seine Schuld war es

nicht. Arbeit gab es nicht einen Brocken. Alles saugte an der

Arbeitslosenunterstützung. Stanislaw machte keinen Versuch, sie

mitzunehmen. Ehrliches Handwerk war ihm lieber.

„Es drückt einen so nieder, wenn man immer zwischen Arbeitslosen steht

und dort der paar Pfennige wegen halbe Tage in Reih und Glied anstehen

und jeden Tag hinlaufen muß. Dann schon lieber Schmalmachen nachts auf

der Straße oder aufpassen, ob nicht jemandem die Brieftasche juckt“,

sagte Stanislaw. „Meine Schuld ist es nicht. Hätten die mir ein Buch

gegeben, als ich das erstemal da war, wäre ich längst fort. Ich kriege

schon einen Kasten.“

Das Totenschiff · 第 12 / 18 题