Isabella.

O mein Gnädigster Herr! Ihr befehlet mir, Erlösung bey dem Teufel

zu suchen. Höret mich selbst an, denn das was ich zu sagen habe,

muß entweder mich straffen, wenn ich keinen Glauben finde, oder

euch Rache abnöthigen; o, höret mich, höret mich.

Angelo.

Gnädigster Herr, ich besorge, sie ist nicht recht bey Vernunft; sie

hat eine vergebliche Fürbitte für ihren Bruder bey mir eingelegt,

der nach dem Lauf der Gerechtigkeit den Kopf verlohren hat.

Isabella.

Lauf der Gerechtigkeit!

Angelo.

Und izt wird sie in ihrer Verbitterung seltsame Reden ausstossen.

Isabella.

Höchst seltsame; aber nur allzuwahr ist es, was ich sagen werde;

daß Angelo ein meyneydiger Mann ist, ist das nicht seltsam? daß

Angelo ein Mörder ist, ist das nicht seltsam? daß Angelo ein

ehebrechrischer Räuber, ein Heuchler, ein Jungfrauen-Schänder ist?

ist das nicht seltsam, und abermal seltsam?

Herzog.

In der That, es ist zehenmal seltsam.

Isabella.

Und doch ist es nicht wahrer, daß er Angelo ist, als daß alles

dieses so wahr ist, als es seltsam ist; ja, es ist zehenmal wahrer;

denn Wahrheit ist am Schluß allemal Wahrheit.

Herzog.

Schaft sie hinweg, die arme Seele; sie sagt das in der Verrükung

ihres Gehirns.

Isabella.

O Fürst ich beschwöhre dich, wenn du anders glaubest daß noch ein

andrer Trost ist als diese Welt, verachte mich nicht, in der

Meynung, daß ich nicht bey gesunder Vernunft sey. Mache nicht

unmöglich, was nur unbegreiflich scheint; es ist nicht unmöglich,

daß der ärgste Bube im Herzen von aussen so spröde, so ernsthaft,

so gerecht, so unsträflich scheinen kan, als Angelo;

gleichergestalt kan Angelo, mit allen seinen Masken, Charactern,

Titeln und Anscheinungen, doch nur ein Erz-Bösewicht seyn; Glaubet

mir, gnädigster Herr, er ist es; wenn er weniger ist, so ist er gar

nichts; aber er ist mehr, wenn ich Namen für seine Boßheit hätte.

Herzog.

Bey meiner Ehre, wenn sie unsinnig ist, wie ich nicht anders glaube,

so hat doch ihr Unsinn die seltsamste Gestalt von Vernunft; so

viel Zusammenhang in allem was sie spricht, als ich jemals in den

Reden eines Wahnwizigen gehört habe.

Isabella.

Gnädigster Herr, bleibet doch nicht immer auf dieser Einbildung;

verwerfet die Vernunft nicht, weil sie unwahrscheinliche Dinge sagt;

sondern bedient euch der eurigen, die Wahrheit ans Licht zu ziehen,

wo sie verborgen scheint, anstatt den Irrthum zu verbergen, weil

er Wahrheit scheint.

Herzog.

Manche, die nicht wahnwizig sind, haben, wahrhaftig, weniger

Vernunft--Was wollt ihr dann sagen?

Isabella.

Ich bin die Schwester eines gewissen Claudio, der wegen der Sünde

der Hurerey verurtheilt wurde, den Kopf zu verliehren; Angelo war

es, der ihn verurtheilte: Ich, die im Begriff bin meine Probzeit in

einem Kloster zu vollenden, wurde von meinem Bruder zu ihm geschikt;

ein gewisser Lucio, von dem ich die Nachricht hatte--

Lucio.

Das bin ich, mit Euer Durchlaucht Erlaubniß; Claudio hatte mich zu

ihr geschikt, um sie zu bewegen, daß sie versuchen sollte, durch

ihre rührende Fürbitte die Begnadigung ihres Bruders auszuwürken.

Isabella.

Er ist es, in der That.

Herzog (zu Lucio.)

Man hat euch nicht befohlen zu reden.

Lucio.

Nein, Gnädigster Herr, noch gewünscht daß ich schweigen möchte.

Herzog.

Ich wünsch euch's also izt; seyd so gut und merkt euch das; und

wenn ihr Gelegenheit bekommt für euch selbst zu sprechen, so bittet

den Himmel, daß ihr alsdenn nicht verstummen möget.

Lucio.

Dafür steh' ich Euer Gnaden.

Herzog.

Es wird sich zeigen.

Isabella.

Dieser Edelmann erzählte etwas von meiner Geschichte.

Lucio.

So ists.

Herzog.

Es mag so seyn, aber ihr sollt nicht eher reden bis die Reyhe an

euch kommt. Weiter!

Isabella.

Ich gieng also zu diesem verderblichen gottlosen Stadthalter.

Herzog.

Das ist ein wenig wahnwizig gesprochen.

Isabella.

Vergebet mir, der Ausdruk ist der Materie gemäß.

Herzog.

Wieder verbessert--der Materie--Nur weiter.

Isabella.

Kurz, um die unnöthigen Umstände zu übergehen, wie viel

Vorstellungen ich ihm gemacht, wie sehr ich gebeten, wie ich ihm zu

Fusse gefallen, was er mir entgegengesezt, und wie ich ihm

geantwortet, denn dieses daurte sehr lang--ich will den Anfang

damit machen, womit dieser Auftritt sich beschloß, wenn ich es

anders vor Schmerz und Schaam heraussagen kan. Er beharrte darauf,

daß er meinen Bruder unter keiner andern Bedingung losgeben wollte,

als wenn ich meinen jungfräulichen Leib seiner unkeuschen Begierde

überlassen würde; und nach vielem Wortwechsel übertäubte endlich

das schwesterliche Mitleiden die Stimme der Ehre, und ich gab nach:

Aber den folgenden Morgen früh, nachdem er seinen Zwek erhalten

hatte, schikt' er Befehl, daß meinem Bruder der Kopf abgeschlagen

werden sollte.

Herzog (spöttisch.)

Das ist sehr wahrscheinlich!

Isabella.

O möcht es so scheinbar* seyn, als es wahr ist.

{ed.-* Der Sinn dieser Rede besteht in einem Spiel mit dem Wort (like),

welches der Herzog für wahrscheinlich, und Isabella für artig oder

anständig gebraucht; denn es hat beyde Bedeutungen.}

Herzog.

Beym Himmel, du wahnwiziger Tropf, du weist nicht was du sprichst,

oder du bist durch boshafte Künste gegen seine Ehre aufgestiftet

worden. Fürs erste, so ist er ein Mann, dessen Tugend ausser

Zweifel ist. Zweytens ist es wider alle Vernunft, daß er eine

Vergehung, deren er sich selbst schuldig gemacht, so hart an einem

andern gestraft haben sollte; hätte er sich so vergangen, so würde

er deinen Bruder nach sich selbst gemessen, und ihm seinen Kopf

gelassen haben. Ihr seyd von jemand aufgestiftet worden; Gesteht

die Wahrheit, und sagt, auf wessen Anrathen habt ihr diese Anklage

hier vorgebracht?

Isabella.

Und ist das alles? O dann, so verleihet mir Geduld, ihr Heiligen

dort oben! und entdeket zu seiner Zeit die Uebelthat, die hier in

partheyische Gunst eingehüllet wird! Der Himmel bewahre Euer

Durchlaucht so gewiß vor Unfall, als es wahr ist, daß ich das

Unrecht erlitten habe, ob ich gleich keinen Glauben finde.

Herzog.

Das glaube ich, daß ihr gerne davon gehen möchtet. Einen

Stadtbedienten, ins Gefängnis mit ihr. Sollten wir gestatten, daß

eine Person die uns so nahe ist, ungestraft so ärgerlich

angeschmizt werden dürfte? Das muß nothwendig eine angestellte

Sache seyn. Wer weiß mit von euerm Vorhaben und Hieherkommen?

Isabella.

Einer den ich gerne hieher wünschen möchte, der Pater Ludewig.

Herzog.

Ein Ordensmann, wie es scheint; wer kennt diesen Ludewig?

Lucio.

Gnädigster Herr, ich kenn' ihn; es ist ein Mönch, der seine Nase in

alles stekt, ich kan ihn nicht leiden; wär er ein Lay gewesen,

Gnädigster Herr, ich wollte ihn wegen einiger Reden, die er wider

Euer Durchlaucht, in Dero Abwesenheit ausgestossen hat,

abgeschmiert haben, daß er es gefühlt hätte.

Herzog.

Reden wider mich? Das ist ein feiner Ordensmann, dem Ansehen nach;

und dieses unglükliche Weibsbild wider unsern Stadthalter

aufzustiften! Laßt diesen Mönchen aufsuchen.

Lucio.

Erst noch in verwichner Nacht, traf ich sie und diesen Mönch im

Gefängniß bey einander an; eine unverschämte Kutte, wie gesagt, ein

recht boshafter Geselle.

Peter.

Mit Euer Durchlaucht gnädigster Erlaubniß, ich stand dabey, und ich

hörte genug um zu sehen, wie sehr euer königliches Ohr mißbraucht

wird. Fürs erste; so hat dieses Weibsbild euern Stadthalter höchst

frefelhafter Weise angeklagt; er ist so rein von einiger Besudlung

mit ihr, als sie von einem, der noch nicht gebohren ist.

Herzog.

Ich glaube auch nichts anders. Kennt ihr diesen Pater Ludewig, von

dem sie spricht?

Peter.

Ich kenn ihn als einen heiligen Mann; nicht boshaft, nicht fürwizig

sich in zeitliche Dinge einzumischen, wie dieser Edelmann gesagt

hat; und ein Mann, bey meiner Treue, der niemals, wie er vorgiebt,

von Euer Durchlaucht ungebührlich gesprochen hat.

Lucio.

Gnädigster Herr, auf eine ganz infame Art; glaubet mir.

Peter.

Gut; er kan noch zeitig genug kommen sich zu rechtfertigen; aber in

diesem Augenblik, Gnädigster Herr, ist er an einem wunderbaren

Fieber krank. Bloß auf sein Bitten (da es bekannt wurde, daß hier

eine Klage wieder den Freyherrn Angelo angestellt werden sollte)

bin ich hieher gekommen, um aus seinem Munde zu sagen, was er von

der Sache weiß, und was er, wenn er vorgeladen werden sollte, mit

seinem Eyde zu bekräftigen im Stand ist. Was anforderst dieses

Weibsbild betrift, so sollt ihr, zur Rechtfertigung dieses würdigen

Herrn, der auf eine so öffentliche und persönliche Art von ihr

beschimpft wird, hören wie sie vor euern Augen dergestalt wird

überwiesen werden, daß sie es selbst wird eingestehen müssen.

Herzog.

Mein guter Pater; laßt's uns hören. Lächelt ihr nicht über diese

Begebenheiten, Angelo? Himmel! Was für eine Unbesonnenheit von

diesen unglüklichen Thoren!--Gebt uns Size; kommt, mein Vetter

Angelo; ich will an dieser Sache keinen Theil nehmen; seyd ihr

Richter in eurer eignen Sache.

(Isabella wird mit einer Wache weggeführt,

und Mariane tritt mit einem Schleyer bedekt auf.)

Dritte Scene.

Herzog.

Ist das der Zeuge, Pater? Sie mag zuerst ihr Gesicht sehen lassen,

eh sie spricht.

Mariane.

Um Vergebung, Gnädigster Herr; ich lasse mein Gesicht nicht sehen,

ausser mein Gemahl beföhl' es mir.

Herzog.

So seyd ihr verheurathet?

Mariane.

Nein, Gnädigster Herr.

Herzog.

Seyd ihr ein Mädchen?

Mariane.

Nein, Gnädigster Herr.

Herzog.

Eine Wittwe also?

Mariane.

Auch das nicht, Gnädigster Herr.

Herzog.

Wie, seyd ihr denn nichts? Weder Mädchen, noch Frau, noch Wittwe?

Lucio.

Gnädigster Herr, sie ist vielleicht eine Pf** Köchin--

Herzog.

Macht doch diesen Kerl schweigen; ich wollte, er hätte etwas mit

sich selbst zu dahlen.

Lucio.

Gut, Gnädigster Herr.

Mariane.

Gnädigster Herr, ich gesteh's, ich bin nie verheurathet gewesen;

ich gesteh auch zugleich, daß ich kein Mädchen bin; ich habe meinen

Gemahl gekannt, aber mein Gemahl weiß nicht, daß er mich jemals

gekannt hat.

Lucio.

So war er also betrunken, Gnädigster Herr, es kan nicht anders seyn.

Herzog.

Ich wollte du wär'st es auch, so schwiegest du doch wenigstens.

Lucio.

Gut, Gnädigster Herr.

Herzog.

Das ist keine Zeugin für den Freyherrn Angelo.

Mariane.

Ich komme nun dazu, Gnädigster Herr. Das Frauenzimmer, das ihn

beschuldiget, daß er sie entehrt habe, klagt dadurch meinen Gemahl

an, indem sie vorgiebt, daß es zu einer Zeit geschehen sey, von der

ich behaupte, daß ich ihn mit allen Würkungen der Liebe in meinen

Armen hatte.

Angelo.

Beschuldiget sie jemand mehr als mich?

Mariane.

Nicht daß ich wüßte.

Herzog.

Nicht? Ihr sagt, euer Gemahl?

Mariane.

So ist es, Gnädigster Herr, und der ist Angelo; der sich einbildt,

er wisse gewiß, daß er mich nie berührt habe, aber gewiß weiß, daß

er sich einbildt, es sey Isabella gewesen.

Angelo.

Das heißt die Bosheit weit getrieben; laß dein Gesicht sehen!

Mariane.

Mein Gemahl befiehlt es, nun will ichs thun.

(Sie nimmt ihren Schleyer ab.)

Siehe hier, du grausamer Angelo, siehe das Gesicht, welches einst,

wenn deine Schwüre Glauben verdienten, werth war angesehen zu

werden; dieses ist die Hand, die durch einen feyerlichen

Ehverspruch in die deinige geschlossen wurde; diß ist der Leib, der

das Versprechen der Isabella bezahlte, und in deinem Gartenhaus

ihre eingebildete Person vorstellte!

Herzog (zu Angelo.)

Kennt ihr dieses Frauenzimmer?

Lucio.

Fleischlicher Weise, sagt sie.

Herzog.

Schlingel, kein Wort mehr.

Lucio.

Genug, Gnädigster Herr.

Angelo.

Gnädigster Herr, ich muß gestehen, daß ich dieses Frauenzimmer

kenne. Vor ungefehr fünf Jahren wurde eine Verbindung zwischen mir

und ihr in Vorschlag gebracht, die sich aber wieder zerschlug,

theils weil ihr Vermögen sich weit geringer befand als man es

angegeben hatte; vornemlich aber, weil der Ruf einer unvorsichtigen

Aufführung ihre Ehre zweifelhaft machte. Seit diesem bezeuge ich

bey meiner Ehre und Treue, daß ich sie binnen fünf Jahren weder

gesehen, noch mit ihr gesprochen, noch von ihr gehört habe.

Mariane.

Grosser Fürst, so gewiß als das Licht vom Himmel, und Worte vom

Athem kommen; so gewiß als Vernunft in der Wahrheit, und Wahrheit

in der Tugend ist; so gewiß bin ich, in Kraft der feyerlichsten

Gelübde, dieses Mannes verlobtes Weib: Und nur erst in verwichner

Dienstags-Nacht, in seinem Garten-Hause, erkannte er mich wie ein

Weib. So wahr als diß ist, möge ich gesund von meinen Knien wieder

aufstehen, oder wo nicht, auf ewig hier als ein marmornes Denkbild

stehen bleiben.

Angelo.

Ich lächelte bisher nur; aber nun, Gnädigster Herr, muß ich Euer

Durchlaucht bitten, mir Recht zu schaffen. Meine Geduld geht zu

Ende; ich sehe, daß diese armen einfältigen Weibsbilder nur die

Werkzeuge einer verborgnen und mächtigern Hand sind, die sie in

Bewegung sezt. Verstattet mir, Gnädigster Herr, daß ich mich

bemühe, auf den Grund dieses Complots zu kommen.

Herzog.

Von Herzen gern, und die Schuldigen so hart als ihr wollt,

abzustraffen. Du thörichter Mönch und du boshaftes Weibsbild,

denkt ihr, eure Eydschwüre selbst, und wenn sie alle Heiligen

persönlich herabschwören würden, wären ein hinlängliches Zeugniß

gegen sein bewährtes und so lange festgeseztes Ansehen? Escalus,

sezet euch mit meinem Vetter, und leihet ihm eure freundschaftliche

Mühe, die Quelle dieser schändlichen Verläumdungen zu entdeken. Es

ist noch ein andrer Mönch, der sie aufgestiftet hat; laßt ihn

herbeyschaffen.

Peter.

Ich wünschte, Gnädigster Herr, er wäre hier; denn in der That ist

er derjenige, der diese Frauenzimmer aufgemuntert, diese Klagen

anhängig zu machen. Euer Kerkermeister kennt den Ort, wo er sich

aufhält, und kan ihn holen.

Herzog.

Geht, thut es augenbliklich; und ihr, mein edler und würdiger

Vetter, dem am meisten daran ligt, diese Sache genauer zu

untersuchen, verfahret nach euerm Gutdünken in Bestrafung der

Schuldigen. Ich will euch für eine Weile verlassen; aber bleibt

ihr so lange zurük, bis ihr die Bosheit dieser Verläumder völlig zu

Schanden gemacht habt.

(Er geht ab.)

Vierte Scene.

Escalus.

Gnädigster Herr, wir wollen nichts ermangeln lassen. Herr Lucio,

sagtet ihr nicht, ihr kennet diesen Frater Ludewig für einen Mann

von schlechter Aufführung?

Lucio.

(Cucullus non facit Monachum;) es ist nichts ehrwürdig an ihm als

seine Kutte; er hat auf eine höchst infame Art von der Person des

Herzogs gesprochen.

Escalus.

Wir ersuchen euch, hier zu bleiben, bis er kommt, und ihn dessen zu

überweisen; es wird sich finden, daß dieser Mönch ein schlimmer

Vogel ist.

Lucio.

Als irgend einer in Wien, auf mein Wort.

Escalus.

Ruft diese Isabella wieder hieher; ich möchte mit ihr reden; ich

bitte euch, Gnädiger Herr, erlaubet mir, sie abzuhören; ihr sollt

sehen wie ich sie behandeln werde.

Lucio (vor sich.)

Ich denke nicht besser als er, nach ihrer eignen Aussage.

Escalus.

Wie beliebt?

Lucio.

Mein Seel, ich denke mein Herr, wenn ihr sie ohne Zeugen behandeln

würdet, sie würde schneller bekennen; vielleicht schämt sie sich,

es so vor allen Leuten zu thun. (Der Herzog in Mönchshabit, und

der Kerkermeister;

Isabella wird herbeygeführt.)

Escalus.

Ich will ernstlich mit ihr zu Werke gehen. Ein wenig näher Madam;

Hier ist ein Frauenzimmer, das allem widerspricht, was ihr gesagt

habt.

Lucio.

Gnädiger Herr, hier kommt der Schurke, von dem ich sagte, hier mit

dem Kerkermeister.

Escalus.

Er kommt eben recht; sagt ihr nichts zu ihm, bis wir euch aufruffen.

Lucio.

Nein!--

Escalus.

Kommt, Herr, seyd ihr derjenige, der diese Weibsbilder aufstiftete,

den Freyherrn Angelo zu verläumden? Sie haben bekennt, daß ihr es

seyd.

Herzog.

Es ist nicht wahr.

Escalus.

Wie? Wißt ihr auch wo ihr seyd?

Herzog.

Den Respect vor eurer hohen Würde vorbehalten, der Teufel selbst

kan manchmal um seines brennenden Throns willen geehrt werden. Wo

ist der Herzog? Er soll mich hören, wenn ich reden soll.

Escalus.

Der Herzog ist in uns, und wir wollen euch reden hören; sehet zu,

daß ihr die Wahrheit sagt.

Herzog.

Ganz ungescheut. Aber, o ihr armen Seelen, kommt ihr, das Lamm

hier von dem Fuchs zu fordern? Gute Nacht eurer Satisfaction!

Wenn der Herzog weggegangen ist, so ist eure Sache verlohren. Der

Herzog handelt unbillig, eure Appellation an ihn so abzuweisen, und

die Untersuchung eurer Sache dem Bösewicht zu überlassen, den ihr

anzuklagen gekommen seyd.

Lucio.

Da haben wir den Schurken; es ist der von dem ich sagte.

Escalus.

Wie, du unehrwürdiger und unheiliger Mönch, ist es dir nicht genug,

daß du diese Weibsleute heimlich gewonnen hast, diesen würdigen

Mann anzuklagen; unterstehst du dich noch, ihn unverschämter Weise

und vor seinen eignen Ohren einen Bösewicht zu nennen? ja von ihm

auf den Herzog selbst zu fallen, und ihn der Ungerechtigkeit zu

beschuldigen? Führt ihn fort; an die Folter mit ihm; wir wollen

dir eher Glied für Glied verzetteln, eh du uns dein Vorhaben

abläugnen sollst. Was? Ungerecht?

Herzog.

Nicht so hizig; der Herzog hat so wenig das Herz, einen Finger von

mir streken zu lassen, als seinen eignen: Ich bin sein Unterthan

nicht, ich stehe auch nicht unter der hiesigen Provinz; meine

Geschäfte in diesem Staat gaben mir Gelegenheit, auf das was hier

in Wien vorgeht Acht zu geben; ich habe gesehen, wie die Verderbniß

der Sitten siedet und strudelt, bis der Kessel überlauft; Geseze

gegen alle Verbrechen; aber Verbrechen, die so vorsichtig begangen

werden, daß sie der Geseze spotten.

Escalus.

Er schmäht den Staat, weg mit ihm ins Gefängniß.

Angelo.

Was habt ihr wider ihn vorzubringen, Herr Lucio? Ist das der Mann,

von dem ihr uns erzähltet?

Lucio.

Er ists, Gnädiger Herr; kommt näher, guter Freund Kahlkopf; kennt

ihr mich?

Herzog.

Ich erinnre mich eurer am Ton eurer Stimme; ich traf euch währender

Abwesenheit des Herzogs im Gefängniß an.

Lucio.

So, traft ihr mich an? und erinnert ihr euch noch, was ihr von dem

Herzog sagtet?

Herzog.

Vollkommen, mein Herr.

Lucio.

Vollkommen, mein Herr? Und war denn der Herzog ein Hurenjäger, ein

Gek, ein Hasenfuß, wie ihr sagtet?

Herzog.

Ihr müßt erst eure Person mit mir tauschen, eh ihr mich das sagen

lassen könnt; ihr sagtet das von ihm, und noch ärgers.

Lucio.

O du verruchter Geselle! Zog ich dich nicht bey der Nase, wie du

so redtest?

Herzog.

Ich versichre, daß ich den Herzog so sehr liebe als mich selbst.

Angelo.

Hört ihr, wie der Bube sich wieder heraushalftern möchte, nachdem

er so verräthrische Reden ausgestossen hat?

Escalus.

Mit einem solchen Kerl muß man sich nicht einlassen; weg mit ihm

ins Gefängniß; wo ist der Kerkermeister? weg mit ihm ins Gefängniß;

legt ihm Fesseln an; laßt ihn nicht mehr reden; weg mit diesen

Mezen, ins Gefängniß, und mit den übrigen Zusammenverschwornen.

Herzog.

Haltet, mein Herr, haltet noch ein wenig.

Angelo.

Wie? er widersezt sich? helft ihm, Lucio.

Lucio.

Kommt, mein Herr; hey da, Herr, kommt, ein wenig hieher, mein Herr;

wie? du kahlköpfichter lügenhafter Schurke; du must um einen Kopf

kürzer gemacht werden; gelt, du must? Zeig dein Schelmengesicht,

daß du die Kränke kriegest; zeig dein bißiges Schaafs-Gesicht, und

laß dich in einer Stunde hängen: Willt du nicht fort?

(Er reißt die Mönchs-Kutte ab, und entdekt den Herzog.)

Herzog.

Du bist der erste Spizbube, der jemals einen Herzog gemacht hat.

Fürs erste, Kerkermeister, laß mich für diese drey wakern Leute

Bürge seyn--Schleicht euch nicht hinweg, junger Herr, denn der

Frater und ihr haben noch ein Wort mit einander zu sprechen; macht

ihn feste.

Lucio.

Das kan noch ärger werden, als hängen.

Herzog (zu Escalus.)

Was ihr gesprochen habt, soll vergeben seyn; Sezt euch; wir wollen

einen Plaz von diesem Herrn da borgen.

(Zu Angelo.)

Mit eurer Erlaubniß, mein Herr--Hast du Worte, oder Wiz, oder

Unverschämtheit, die dir noch Dienste thun können? Wenn du hast,

so stüze dich darauf, bis ich meine Erzählung gemacht habe, und

halte dann noch aus, wenn du kanst.

Angelo.

O mein furchtbarer Fürst, ich müßte schuldiger seyn als meine

Schuld, wenn ich hoffen wollte verborgen zu bleiben, da ich merke,

daß Euer Durchlaucht, gleich einer unsichtbaren Gottheit, meine

Tritte beobachtet hat: Lasset also, Gnädigster Herr, kein längeres

Gericht über meine Schande gehalten werden, mein eignes Bekenntniß

macht alle Untersuchung überflüssig; ein unmittelbares Urtheil und

der Tod, ist alle Gnade, um die ich bitte.

Herzog.

Kommt hieher, Mariane! Sprich, warst du jemals mit diesem

Frauenzimmer verlobt?

Angelo.

Ich war, Gnädigster Herr.

Herzog.

So nimm sie hier, und heurathe sie diesen Augenblik; verrichtet ihr

die Ceremonie, Pater; wenn sie vorbey ist, so bringt ihn wieder

hieher: Geht mit ihm, Kerkermeister.

(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister gehen ab.)

Fünfte Scene.

Escalus.

Gnädigster Herr, ich bin mehr über seine Schande bestürzt, als über

die Seltsamkeit der Sache.

Herzog.

Tretet näher, Isabella; euer Frater ist nun euer Fürst, ich war in

jener Person euer getreuer Freund und Rathgeber, und, ohne mein

Herz mit meinem Anzug zu verändern, werde ich allezeit zu euerm

Dienst gewidmet bleiben.

Isabella.

O! vergebet mir, mein gnädigster Herr, daß ich, eure Vasallin,

eure unerkannte Hoheit beschäftigt und bemühet habe.

Herzog.

Es ist euch vergeben, Isabella; und nun, theures Mädchen, lasset

mir das gleiche Recht wiederfahren. Ich weiß es, euers Bruders Tod

ligt schwer auf euerm Herzen, und ihr werdet euch wundern, warum

ich mich begnügt, verborgner Weise seine Rettung zu suchen, und

nicht lieber meine verkleidete Macht plözlich zu erkennen gegeben,

als ihn so verlohren gehen zu lassen; aber wisset,

liebenswürdigstes Geschöpf, daß nichts als die zuschnelle

Vollziehung seines Todesurtheils, von der ich dachte, daß sie

später erfolgen würde, meinem Vorsaz zuvoreilte; doch Friede sey

über ihn! Das Leben ist das Beste, das sich vor keinem Tode mehr

fürchten muß; tröstet euch damit; euer Bruder ist glüklich.

Isabella.

Ich thu es, Gnädigster Herr.

Sechste Scene.

(Angelo, Mariane, Peter und Kerkermeister zu den Vorigen.)

Herzog (zu Isabella.)

Was diesen neuvermählten Mann, der hier wieder zurük kommt, betrift,

dessen üppige Einbildungskraft eure wolvertheidigte Ehre beleidigt

hat, so vergebt ihm um Marianens willen: Allein in sofern er, der

eines doppelten Verbrechens, der verlezten Keuschheit und des

gebrochnen Versprechens, sich schuldig wußte, euerm Bruder das

Todes-Urtheil sprach, so ruft selbst die Barmherzigkeit des Gesezes

mit lauter Stimme, und aus seinem eignen Munde, Angelo für Claudio,

Tod für Tod, Gleiches für gleiches, und Maaß für Maaß.

(Er wendet sich zum Angelo.)

Angelo, deine Verbrechen sind so offenbar, daß du sie nicht

läugnen könntest, wenn du auch wolltest; wir verurtheilen dich also,

auf eben demselben Blok dein Leben zu verliehren, worauf Claudio

sich zum Tod bükte, und mit eben solcher Eile. Hinweg mit ihm.

Mariane.

O! mein Gnädigster Herr, ich hoffe Euer Durchlaucht hat mir nicht

zum Scherz einen Gemahl gegeben.

Herzog.

Ich hielt eure Vermählung nur nöthig, um eure Ehre sicher zu

stellen, und einen Vorwurf von euch abzuwenden, der euerm künftigen

Glük im Wege gestanden wäre; was seine Güter betrift, so sezen wir,

ob sie gleich durch Confiscation unser wären, euch in den Besiz

davon, und machen sie zu euerm Witthum, damit ihr einen bessern

Gemahl kauffen könnet.

Mariane.

O Mein theurester Fürst, ich verlange keinen andern und keinen

bessern Mann.

Herzog.

Bittet nicht für ihn, unser Schluß ist gefaßt.

Mariane.

Mein gnädigster Herr--

Herzog.

Ihr verliehrt nur eure Mühe--weg mit ihm zum Tode.

(Zu Lucio.)

Nun, mein Herr, kommt die Reyhe an euch.

Mariane.

O! mein gnädigster Herr! O! theurste Isabella, kommet mir

zuhülfe; lehnt mir eure Knie, und mein ganzes künftiges Leben soll

zu eurem Dienst gewidmet seyn.

Herzog.

Was ihr von ihr fordert ist unbillig, und wider die Natur; sollte

sie niederknien, um für eine solche That Erbarmung zu erflehen,

ihres Bruders Geist würde sein Grab durchbrechen, und sie in

Schreknissen von hinnen reissen.

Mariane.

Isabella, liebste Isabella, kniet doch mit mir hin; breitet eure

Hände aus, redet nichts, ich will alles sagen. Die besten Menschen,

sagt man, werden erst durch die Fehler die sie gemacht haben,

vollkommen; dieses kan auch meines Mannes Fall seyn. O Isabella,

wollt ihr nicht mit mir knien?

Herzog.

Er stirbt für Claudios Tod.

Maaß für Maaß Wie einer mißt, so wird ihm wieder gemessen · 第 5 / 6 段