Herzog.

Nicht so, nicht so; sein Leben lauft mit seiner strengen

Gerechtigkeit in gleicher Linie: Mit der Enthaltung eines Heiligen

bezwingt er den Trieb in ihm selbst, dessen Ausschweiffungen sein

Amt an andern strafen muß. Ja, dann wenn er selbst ausübte, was er

an andern straft, dann wär' er tyrannisch; aber so wie er ist, ist

er gerecht--Nun kommen sie.

(Man hört an der Thüre klopfen. Der Kerkermeister geht hinaus.)

Dieser Kerkermeister ist ein wakrer Mann; es ist etwas seltnes an

einem Mann von seinem Beruf, ein Menschenfreund zu seyn. Aber was

giebts? Was für ein Getöse? Das muß ein hastiger Geist seyn, der

so ungestüm an der Thüre pocht. (Der Kerkermeister kommt zurük.)

Kerkermeister.

Er kan warten, bis der Wächter wieder kommt, der ihn hineinführen

soll; er ist abgeruffen worden.

Herzog.

Habt ihr noch keinen Gegenbefehl wegen des Claudio? Muß er morgen

sterben?

Kerkermeister.

Keinen, ehrwürdiger Herr, keinen.

Herzog.

Es fängt schon an zu dämmern, Kerkermeister; ihr werdet, eh es

Morgen seyn wird, mehr hören.

Kerkermeister.

Wie glüklich wär's, wenn ihr etwas wißtet; aber ich fürchte, es

kommt kein Gegenbefehl; wir haben kein solch Exempel; und zudem, so

hat der Stadthalter, auf dem Thron der Gerechtigkeit selbst, und

vor den Ohren des ganzen Volks das Gegentheil versichert.

Siebende Scene.

(Ein Bote zu den Vorigen.)

Herzog.

Dieses ist einer von Sr. Gnaden Bedienten.

Kerkermeister.

Und hier kommt Claudios Begnadigung.

Bote.

Mein Gnädiger Herr überschikt euch diesen schriftlichen Befehl, und

durch mich diesen mündlichen Zusaz, daß ihr nicht von dem kleinsten

Theil desselben abweichen sollt, weder was die Zeit, noch die

andern Umstände betrift. Guten Morgen, denn ich denke, es ist

beynahe Tag.

Kerkermeister.

Ich werde gehorchen.

(Der Bote geht.)

Herzog (für sich.)

Diß ist seine Begnadigung; Angelo findet billig eine Sünde zu

vergeben die er selbst begeht--Nun, mein Herr, was habt ihr Neues?

Kerkermeister.

Was ich euch sagte; Angelo, der mich vermuthlich für nachläßig in

meinem Dienst ansieht, erwekt mich durch dieses ungewöhnliche

Betreiben; ich begreiffe nicht was es zu bedeuten hat; denn er hat

es noch niemals so gemacht.

Herzog.

Ich bitte euch, laßt mich's hören.

Der Kerkermeister (lißt den Befehl.)

"Alles was ihr auch diesem meinem Befehl widersprechendes hören

möget, ungeachtet, lasset den Claudio morgen um vier Uhr hinrichten,

und des Nachmittags den Bernardin; und zu meiner bessern

Versicherung sorget dafür, daß mir der Kopf des Claudio um fünf Uhr

zugeschikt werde. Laßt dieses gehörig vollzogen werden, und

beobachtet hierinn eine noch grössere Sorgfalt als wir euch

anbefohlen. Eure eigne Gefahr soll uns für die Ausübung eurer

Pflicht Bürge seyn." Was sagt ihr hiezu, mein Herr?

Herzog.

Wer ist dieser Bernardin, der Nachmittags hingerichtet werden soll?

Kerkermeister.

Ein gebohrner Zigeuner, der aber hier zu Lande erzogen worden, und

schon neun Jahre gefangen ligt.

Herzog.

Wie kam es, daß der abwesende Herzog ihn nicht entweder in Freyheit

sezte, oder hinrichten ließ? Ich hörte, es sey allezeit sein

Gebrauch gewesen, es so zu machen.

Kerkermeister.

Seine Freunde würkten immer einen Aufschub nach dem andern aus; und

in der That, kam sein Verbrechen, bis izo in der Regierung des

Freyherrn Angelo, zu keinem vollständigen Beweis.

Herzog.

Es ist also nun erwiesen?

Kerkermeister.

Vollkommen erwiesen, und von ihm selbst nicht geläugnet.

Herzog.

Wie hat er sich im Gefängniß aufgeführt? Scheint er gerührt zu

seyn?

Kerkermeister.

Er ist ein Mann, der sich nicht mehr vor dem Tod fürchtet, als vor

einem trunknen Schlaf; ohne Reue, ohne Kummer und ohne Furcht vor

irgend etwas Vergangnem, Gegenwärtigen oder Zukünftigen,

unempfindlich gegen die Unsterblichkeit, und auf eine viehische Art

sterblich.

Herzog.

Es mangelt ihm an Unterricht.

Kerkermeister.

Er nimmt keinen an; er hat im Gefängniß allezeit viel Freyheit

gehabt; man könnte ihm erlauben, zu entwischen, ohne daß er es thun

würde; er ist die meiste Zeit vom Tag, und oft ganze Tage

hintereinander betrunken. Wir haben ihn oft aufgewekt, als ob wir

ihn zur Hinrichtung führen wollten, und ihm alle Zurüstungen dazu

gezeigt, ohne daß es ihn im mindesten bewegt hat.

Herzog.

Hernach ein mehrers von ihm. Kerkermeister, Redlichkeit und

Standhaftigkeit sind auf eure Stirne geschrieben; wenn ich nicht

recht lese, so betrügt mich eine Kunst, in der ich einige

Erfahrenheit habe. Ich will mich selbst auf diese gute Meynung hin

wagen. Claudio, zu dessen Hinrichtung ihr hier einen Befehl habt,

ist kein grösserer Sünder gegen das Gesez als Angelo, der ihn

verurtheilt hat. Um euch hievon durch eine augenscheinliche Probe

zu überzeugen, verlange ich nur vier Tage Zeit; für welche ich euch

um eine eben so verbindliche als gefährliche Gefälligkeit ersuche.

Kerkermeister.

Und worinn besteht sie, ich bitte euch.

Herzog.

Den Tod des Claudio aufzuschieben.

Kerkermeister.

Aber wie kan ichs, da mir die Stunde vorgeschrieben, und der

ausdrükliche Befehl bey angedrohter Straffe gegeben ist, sein Haupt

dem Angelo vor Augen zu bringen? Die Ueberschreitung des kleinsten

Umstands könnte mir das Schiksal des Claudio zuziehen.

Herzog.

Bey meinem Ordens-Gelübde, ich steh euch für alles, wenn ihr meinem

Rath Gehör geben wollt. Laßt diesen Bernardin morgen hingerichtet

werden, und schiket dem Angelo seinen Kopf statt Claudios.

Kerkermeister.

Angelo hat beyde gesehen, und wird den Betrug entdeken.

Herzog.

O! besorget das nicht, der Tod ist ein Meister im Verstellen, und

ihr könnt ihm noch helfen, die Unkenntlichkeit vollkommen zu machen;

scheert ihm den Kopf glatt und den Bart weg, und sagt, der arme

Sünder hab' es vor seinem Ende so haben wollen; ihr wißt, daß es

gewöhnlich ist. Wenn ihr irgend etwas anders davon haben werdet,

als Dank und gutes Glük, so will ich, bey dem Heiligen, von dessen

Familie ich bin, es mit meinem Leben von euch abwenden.

Kerkermeister.

Verzeihet mir, mein guter Vater, es ist wider meinen Eid.

Herzog.

Habt ihr dem Herzog geschworen, oder seinem Stadthalter?

Kerkermeister.

Dem Herzog, und allen die seine Stelle vertreten würden.

Herzog.

Wollt ihr glauben, daß ihr euch nicht vergehet, wenn der Herzog

diese Handlung billiget?

Kerkermeister.

Wie kan er das, da er abwesend ist?

Herzog.

Er kan es, weil er es würklich thut; da ich sehe daß ihr so

furchtsam seyd, daß weder mein Habit, noch meine Redlichkeit, noch

meine Ueberredung euch bewegen können, so will ich weiter gehen,

als ich im Sinn hatte, um alle Furcht in euch auszureuten. Sehet,

mein Herr, hier ist des Herzogs Hand und Sigel; ihr kennt ohne

Zweifel seine Hand, und das Signet wird euch auch nicht fremde seyn.

Kerkermeister.

Ich erkenne beydes.

Herzog.

Der Inhalt dieses Briefs ist die Wiederkunft des Herzogs. Ihr

sollt ihn hernach bey Musse ganz durchlesen, ihr werdet finden, daß

er binnen diesen zween Tagen hier seyn wird. Diß ist ein Umstand,

den Angelo nicht weiß, denn diesen heutigen Tag erhält er Briefe

von seltsamem Inhalt; vielleicht von des Herzogs Tod; vielleicht

daß er in ein Kloster gegangen sey; aber, zum Glük, nichts von dem

was hier geschrieben ist. Seht, der Morgen bricht schon an.

Hänget der Verwundrung nicht nach, wie diese Dinge zugehen; alle

Schwierigkeiten sind nur leicht, wenn man sie kennt. Ruft euern

Nachrichter, und weg mit Bernardins Kopf; ich will sogleich seine

Beichte hören, und ihm dann an einen bessern Ort Anweisung geben.

Ich sehe daß ihr noch erstaunt seyd, aber dieses hier muß euch

schlechterdings zum Entschluß bringen. Kommt mit mir, es ist schon

beynahe heitrer Tag.

Achte Scene.

(Harlequin tritt auf.)

Harlequin.

Ich bin hier so bekannt als ob ich daheim wäre; einer möchte denken,

es wäre Frau Overdons eignes Haus, soviel von ihren alten

Kundsleuten trift man hier an. Fürs erste ist hier der junge Herr

Rasch, wegen einer Kleinigkeit von braunem Pfeffer und altem Ingwer,

hundert und sieben und neunzig Pfund, aus denen er fünf Mark

baares Geld gemacht hat: Meiner Six, der Ingwer muß damals nicht

viel Abgang gefunden haben; die alten Weiber müssen alle todt

gewesen seyn. Hernach ist hier ein gewisser Herr Caper, auf

Ansuchen Meister Three-Pile, des Krämers, wegen etlicher Stüke

Pfersichblüthfarbnen Atlas, welche Herr Caper umsonst gekauft haben

möchte. Ferner der junge Schwindel, der junge Herr Kupfersporn,

und Monsieur Hungerdarm der Klopffechter, und der junge Herr

Lüderlich, der den braven Pudding erschlug, und Hr. Schüzen, der

grosse Wanderer, und der wilde Halbkanne, der den Pott' erstochen

hat, und ich denke, noch vierzig andre, lauter grosse Männer in

unsrer Profession, die izt hier sind, und sehen mögen, wie sie

wieder heraus kommen. (Abhorson kommt herein.)

Abhorson.

Fort, Kerl, Bring den Bernardin hieher.

Harlequin.

Monsieur Bernardin, ihr sollt aufwachen und euch hängen lassen;

Monsieur Bernardin!

Abhorson.

Holla, ho, Bernardin.

Bernardin (hinter der Scene.)

Daß ihr die Kränke kriegt, ihr Hunde! Was für einen Lerm macht ihr

da? Wer seyd ihr?

Harlequin.

Herr, euer guter Freund, der Henker; ihr sollt so gut seyn, Herr,

und aufstehen und euch erdrosseln lassen.

Bernardin (hinter der Scene.)

Geh zum T** du Schurke, geh, sag ich; ich bin schläfrig.

Abhorson.

Sag ihm, er müsse aufstehen, und das nur gleich.

Harlequin.

Ich bitte euch, Monsieur Bernardin, wacht nur auf, bis ihr gehenkt

seyd, und schlaft denn wieder so lang ihr wollt.

Abhorson.

Geh zu ihm hinein, und schaff ihn heraus.

Harlequin.

Er kommt, Herr, er kommt; ich höre das Stroh rascheln. (Bernardin

zu den Vorigen.)

Abhorson.

Ligt das Beil auf dem Blok, Kerl?

Harlequin.

Ja, Herr.

Bernardin.

Wie gehts, Abhorson? Was habt ihr Neues?

Abhorson.

In gutem Ernst, Herr, ich wollte ihr würdet hurtig euer Gebet

verrichten; denn, seht hier, der Befehl für eure Execution ist da.

Bernardin.

Ihr Schurke, ich habe die ganze Nacht durch gesoffen, es ist mir

izt ungelegen.

Harlequin.

O, desto besser, Herr; einer der die ganze Nacht trinkt, und des

Morgens bey Zeiten gehenkt wird, kan den ganzen nächsten Tag desto

ruhiger schlafen. (Der Herzog zu den Vorigen.)

Abhorson.

Seht, Herr, hier kommt euer geistlicher Vater; meynt ihr noch, daß

es nur Spaß sey?

Herzog.

Mein Herr, da ich gehört habe, wir schnell ihr die Welt verlassen

sollt, so komm ich aus Christlicher Liebe bewogen, euch

vorzubereiten, zu trösten, und mit euch zu beten.

Bernardin.

Frater, ich nicht; Ich habe die ganze Nacht stark getrunken, und

ich will mehr Zeit zu meiner Vorbereitung haben, oder sie sollen

mir das Hirn mit Knitteln ausschlagen; ich werde mich nimmermehr

dazu verstehen, heute zu sterben, das ist ausgemacht.

Herzog.

O, mein Herr, ihr müßt; und also bitte ich euch, bedenket die Reise

wohl, die ihr zu machen habt.

Bernardin.

Ich schwör euch aber, daß mich kein Mensch in der Welt überreden

soll, heute zu sterben.

Herzog.

Aber ihr hört ja--

Bernardin.

Nicht ein Wort; wenn ihr mir etwas zu sagen habt, so kommt in mein

Gefängniß, denn heute soll mich niemand anders wo hin bringen.

(Er geht ab.)

Neunte Scene.

(Der Kerkermeister zu den Vorigen.)

Herzog.

Er ist ungeschikt zum Leben und zum Sterben: es ängstiget mein Herz!

aber es muß seyn--Geht ihm nach, ihr Leute, und führt ihn zu dem

Blok.

Kerkermeister.

Nun, mein Ehrwürdiger Herr, wie findet ihr den Gefangnen?

Herzog.

Unbereitet und untüchtig zum Sterben; ihn in der Gemüthsfassung

worinn er ist, in die andre Welt zu schiken, wäre verdammlich.

Kerkermeister.

Diesen Morgen, Vater, starb hier im Gefängniß an einem hizigen

Fieber ein gewisser Ragozin, ein sehr berüchtigter Räuber, ein Mann

von Claudios Jahren; Bart und Haar völlig von der nemlichen Farbe;

wie wenn wir diesen Ruchlosen gehen liessen, bis er sich besser

anläßt, und den Statthalter mit Ragozins Haupt befriedigten, der

dem Claudio ähnlicher sieht?

Herzog.

O, diß ist ein Zufall, den uns der Himmel geschikt hat; nur hurtig

zur Ausführung geschritten; die von Angelo bestimmte Stunde rükt

heran; sorget davor, daß alles seinem Befehl so gemäß eingerichtet

werde, daß er den Tausch nicht merken könne; indessen daß ich mich

bemühen werde, diesen rohen Unglükseligen zum Tode willig zu machen.

Kerkermeister.

Es soll alles sogleich geschehen, mein guter Vater; aber Bernardin

muß diesen Nachmittag sterben; und wie sollen wir den Claudio

länger hier behalten, ohne daß ich in Gefahr komme, wenn es bekannt

wird daß er noch lebt?

Herzog.

Bringet Claudio und Bernardin jeden in irgend einen geheimen

Enthalt; eh die Sonne zweymal untergegangen seyn wird, sollt ihr

von eurer Sicherheit durch den Augenschein überzeugt werden.

Kerkermeister.

Ich gehorche euch mit Vergnügen.

Herzog.

Schnell, beschleunigt euch, und schiket dem Angelo den Kopf.

(Kerkermeister geht ab.)

Nun will ich dem Angelo neue Briefe zufertigen, aus denen er

ersehen soll, daß ich nahe bey der Stadt bin, und daß wichtige

Ursachen mich verbinden, einen öffentlichen Einzug zu halten; ich

will ihm darinn befehlen, mir eine halbe Stunde weit vor der Stadt

bis zum heiligen Brunnen entgegen zu gehen: Von da soll sich dann,

nach der geheimen Veranstaltung, die wir machen werden, ein Umstand

nach dem andern entfalten; und Angelo, in die Unmöglichkeit gesezt,

sich loßzuwinden, soll sich selbst das Urtheil sprechen. (Der

Kerkermeister kommt.)

Kerkermeister.

Hier ist der Kopf; ich will ihn selbst hintragen.

Herzog.

Es ist das sicherste; beschleunigt eure Rükkunft, denn ich habe

euch Sachen zu eröffnen, die keine andre Ohren brauchen als die

eurigen.

Kerkermeister.

Ich will so hurtig seyn als ich kan.

(Geht ab.)

(Isabella ruft hinter der Scene.)

Herzog.

Das ist der Isabella Stimme--Sie kommt sich zu erkundigen, ob ihres

Bruders Begnadigung angelangt sey. Aber ich will ihr das Beste

noch verhalten, damit sie desto angenehmer davon überraschet werde,

wenn sie es am wenigsten erwarten kan.

Zehnte Scene.

Isabella.

Mit eurer Erlaubniß--

Herzog.

Guten Morgen, meine schöne und liebenswürdige Tochter.

Isabella.

Von einem so heiligen Mann kan dieser Gruß nicht anders als werth

seyn. Hat der Stadthalter Befehl für meines Bruders Begnadigung

geschikt?

Herzog.

Er hat ihn von der Welt abgeruffen, Isabella; sein Kopf ist

abgeschlagen, und dem Angelo zugeschikt.

Isabella.

Nein, es ist nicht so, will ich hoffen.

Herzog.

Es ist nicht anders. Gebt durch eure gedultigste Gelassenheit,

meine Tochter, eine Probe eurer Weisheit.

Isabella.

O, ich will zu ihm, und ihm die Augen ausreissen.

Herzog.

Ihr würdet nicht vor ihn gelassen werden.

Isabella.

Unglüklicher Claudio! Arme Isabella! Ungerechte Welt! Verdammter

Angelo!

Herzog.

Diß schadet ihm nichts, und nüzt euch nicht ein Jot. Geduldet euch

also, stellet eure Sache dem Himmel anheim; höret was ich euch sage;

ihr werdet ganz gewiß erfahren, daß es von Sylbe zu Sylbe eine

sichre Wahrheit ist. Morgen kommt der Herzog wieder heim; troknet

eure Augen; ein Priester von eurem Orden, der sein Beichtvater ist,

hat mir diese Nachricht gegeben: Er hat dieses dem Angelo und

Escalus schon zuwissen gethan, welche sich rüsten, ihm vor die

Stadt entgegen zu gehen, und ihre Gewalt zu übergeben. Wenn ihr

soviel von euch selbst gewinnen könnet, meinem Rath zu folgen, so

werdet ihr durch den Herzog alle Rache die euer Herz wünschen kan,

an diesem Unglükseligen nehmen, und allgemeinen Ruhm davon tragen.

Isabella.

Ich überlasse mich eurer Führung.

Herzog.

Uebergebet also dieses Schreiben dem Bruder Peter; es ist eben

dasjenige, worinn er mir von des Herzogs Wiederkunft Nachricht

giebt. Sagt ihm, es soll das Zeichen seyn, daß ich ihn heute

Nachts in Marianens Hause sprechen wolle. Ich will ihm daselbst

von eurer und Marianens Sache vollkommne Wissenschaft geben; er

soll euch vor den Herzog stellen, und den Angelo ins Angesicht

anklagen und überweisen. Denn ich selbst bin durch ein geheiligtes

Gelübde genöthiget, um diese Zeit abwesend zu seyn. Geht izt mit

diesem Briefe: Fasset guten Muth, und befehlet diese äzenden

Thränen aus euern Augen. Bey der Ehre meines heiligen Ordens, eure

Sache soll einen guten Ausgang gewinnen. Wer ist hier?

Eilfte Scene.

(Lucio zu den Vorigen.)

Lucio.

Guten Abend; Frater, wo ist der Kerkermeister?

Herzog.

Nicht hier, mein Herr.

Lucio.

O! meine artige Isabella, ich bin recht von Herzen blaß, deine

schöne Augen so roth zu sehen; du must geduldig seyn; ich muß mich

auch gedulden, statt der Mittags- und Abend-Mahlzeit mit Wasser und

Brot vorlieb zu nehmen; ich darf mich für meinen Kopf nicht

unterstehen, meinen Bauch zu füllen; eine einzige gute Mahlzeit

würde mich liefern. Aber sie sagen, der Herzog werde morgen hier

seyn. Bey meiner Treu, Isabell, ich liebte deinen Bruder; wäre der

alte phantastische Herzog anstatt der finstern Winkel, bey Hause

gewesen, so lebte er noch.

(Isabella geht ab.)

Herzog.

Mein Herr, der Herzog ist euch für eure Discourse von ihm

ausserordentlich wenig Dank schuldig; das beste ist indessen, daß

sie nicht wahr sind.

Lucio.

Frater, du kennst den Herzog nicht sowol als ich; er ist ein beßrer

Weidmann als du dir einbildest.

Herzog.

Gut, ihr sollt zu seiner Zeit Red' und Antwort davor geben. Lebet

wohl.

Lucio.

Nein, warte noch, ich will mit dir gehen; ich kan dir artige

Histörchen von dem Herzog erzählen.

Herzog.

Ihr habt mir bereits schon zuviel von ihm erzählt, wenn sie wahr

sind; und sind sie es nicht, so wären gar keine schon genug.

Lucio.

Ich bin einmal vor ihm gewesen, weil ich einem Menschen ein Kind

gemacht hatte.

Herzog.

Thatet ihr das?

Lucio.

Das denk ich, zum Henker, daß ich es that; aber ich schwur es

sauber weg; mein Seel, wenn ichs nicht gethan hätte, sie hätten

mich an die faule Mispel verheurathet.

Herzog.

Mein Herr, eure Gesellschaft ist schöner als ehrenhaft: Bleibt ein

wenig zurük oder geht voraus, wenn ich bitten darf.

Lucio.

Mein Seel, ich gehe mit dir, bis die Gasse zu Ende ist; wenn dir

H**jägers-Discourse ärgerlich sind, so wollen wir sparsam damit

seyn; mein Seel, Frater, ich bin eine Art von Klette, ich hänge

mich an.

(Sie gehen ab.)

Zwölfte Scene.

(Der Palast.)

(Angelo. Escalus.)

Escalus.

Jeder Brief den er geschrieben hat, widerspricht dem vorhergehenden.

Angelo.

Seine Handlungen sehen dem Wahnwiz nur allzu gleich. Der Himmel

gebe, daß sein Verstand nicht angegriffen seyn möge! Und warum

sollen wir ihm vor dem Thor entgegen kommen, und unsre Ämter dort

niederlegen?

Escalus.

Das kan ich nicht errathen.

Angelo.

Und warum sollen wir eine Stunde vor seinem Einzug ausruffen lassen,

daß wofern irgendjemand sich durch einen ungerechten Spruch

beschwert zu seyn glaube, er seine Bitte auf der Strasse übergeben

solle?

Escalus.

Für dieses sagt er uns seine Ursache; seine Absicht ist, allen

Klagen auf einmal abzuhelfen, und uns fürs künftige gegen

Beschwerungen sicher zu stellen, die hernach keine Kraft mehr gegen

uns haben sollen.

Angelo.

Gut; ich bitte euch, laßt den Ausruf morgen bey Zeiten geschehen;

ich will euch in euerm Hause abholen: Lasset es alle diejenige

wissen, denen es zusteht, ihm mit uns entgegen zu gehen.

Escalus.

Ich werde nicht ermangeln, mein Herr; lebet wohl.

Angelo.

Gute Nacht. Diese That entmannet mich gänzlich, macht mich unfähig

zum Denken, und ungeschikt zu allem was ich thun soll? Eine

geschändete Jungfrau! Und von wem? Von demjenigen, der das Gesez

wider solche Verbrechen in seiner ganzen Strenge gelten machte.

Allein, ausserdem daß ihre zärtliche Schaamhaftigkeit sich nicht

wird überwinden können, den Verlust ihrer jungfräulichen Ehre

selbst auszuruffen, was würde ihr Zeugniß gegen mich vermögen? Was

ich auch sagen mag, so kan ich allemal ihrem Nein troz bieten.

Mein Ansehen ist zu groß, zu befestigt, als daß irgend eine

Beschuldigung von dieser Art an mir haften könnte, und nicht mit

Schaam auf denjenigen zurückfiele, der meinen Ruhm anhauchen wollte--

Ich hätte ihn leben lassen, wenn ich nicht besorgt hätte, seine

hizige Jugend möchte dereinst seine beleidigte Ehre rächen, ohne

sich mir für ein Leben verbunden zu halten, das er mit einer

solchen Schande erkauffen mußte. Und doch wünschte ich, daß er

noch lebte! Himmel! Wie unglüklich sind wir, wenn wir nur einmal

unsrer Pflicht vergessen haben! Wie schnell reißt uns eine böse

That zur andern fort! Und wie wenig bleiben wir Meister über das,

was wir wollen oder nicht wollen!

(Geht ab.)

Dreyzehnte Scene.

(Eine Gegend vor der Stadt.)

(Der Herzog in seiner eignen Kleidung, und Bruder Peter.)

Herzog.

Vor allen Dingen gebt diese Briefe ab, wohin sie gehören. Der

Kerkermeister weiß bereits von unserm Vorhaben und von der

Veranstaltung desselben. Wenn die Sache einmal anhängig gemacht

ist, so spielet eure Rolle wohl, und haltet euch immer an eure

besondere Instruction, ob ihr gleich zuweilen einen kleinen

Absprung machen könnt, wenn es die Gelegenheit erfordert: Geht,

suchet den Flavius auf, und sagt ihm, wo ich anzutreffen bin; eben

diese Nachricht gebt auch dem Valentius, Roland und Crassus, und

befehlet ihnen, die Trompeten vor das Thor bringen zu lassen. Aber

schiket vorher zu dem Flavius.

Peter.

Es soll aufs schleunigste geschehen.

(Peter geht ab.)

(Varrius.)

Herzog.

Ich danke dir, Varrius; du bist sehr hurtig gewesen; Komm, wir

wollen auf und abgehen; Es sind noch andre gute Freunde, die uns

hier grüssen werden, mein werther Varrius.

(Sie gehen ab.)

Vierzehnte Scene.

(Isabella und Mariane treten auf.)

Isabella.

Ich verstehe mich ungern dazu, so viele Umschweife zu gebrauchen;

ich möchte die Wahrheit sagen; aber ihn so geradezu anzuklagen, ist

eure Rolle; die meinige ist mir so vorgeschrieben; er sagt, daß es

zu Erreichung unsrer Absicht nöthig sey.

Mariane.

Ueberlaßt es ihm, euch zu sagen, was ihr thun sollt.

Isabella.

Er sagt mir auch, ich soll' es mir nicht seltsam vorkommen lassen,

wenn er allenfalls auch auf die andre Seite, und wider mich reden

sollte--

Mariane.

Ich wünschte, der Bruder Peter--

Isabella.

Stille, da kommt er ja.

(Peter zu den Vorigen.)

Peter.

Kommt, ich habe einen Ort für euch ausfündig gemacht, wo ihr ganz

bequem warten könnet, und wo euch der Herzog nicht entgehen kan.

Die Trompeten haben schon zweymal getönt; die angesehensten Bürger

haben sich schon bey dem Stadt-Thor versammelt; der Herzog ist im

Anzug; wir müssen eilen.

(Sie gehen ab.)

Fünfter Aufzug.

Erste Scene.

(Ein öffentlicher Plaz nahe bey der Stadt.)

(Der Herzog, Varrius, etliche andre Edelleute, Angelo, Escalus,

Lucio und einige Bürger, treten auf verschiednen Seiten auf.)

Herzog.

Mein würdiger Vetter, ich danke euch für diesen Willkomm; unser

alter und getreuer Freund, wir sind erfreut euch zusehen.

Angelo und Escalus.

Beglükt sey Euer Durchlaucht Wiederkunft!

Herzog.

Wir danken euch beyden von Herzen.

(Zu Angelo.)

Wir haben uns nach euch erkundiget, und wir hören so viel Gutes

von der Gerechtigkeit eurer Staatsverwaltung, daß wir nicht umhin

können, euch deßwegen öffentlichen Dank zu erstatten, bis wir

Gelegenheit haben, es auf eine vollständigere Art zu thun.

Angelo.

Euer Durchlaucht macht meine Verpflichtungen immer grösser.

Herzog.

O! euer Verdienst redet laut, und ich würde ungerecht gegen

dasselbe seyn, wenn ich es in den Kerker meines eignen Busens

einschliessen wollte; da es würdig ist, mit Buchstaben von Erzt

gegen den Zahn der Zeit und den Rost der Vergessenheit gesichert zu

werden. Gebt mir eure Hand, und laßt die Unterthanen sehen, wie

begierig wir sind, unsre innerliche Achtung für euch durch

äusserliche Merkmale öffentlich bekannt zu machen. Kommt, Escalus;

ihr sollt auf der andern Seite mit uns gehen, ihr habt euch unsers

Zutrauens würdig bewiesen.

(Der Herzog macht einige Schritte, als ob er weiter gehen wollte.)

Zweyte Scene.

(Peter und Isabella zu den Vorigen.)

Peter (zu Isabella.)

Izt ist eure Zeit: Redet laut, und kniet vor ihm.

Isabella.

Gerechtigkeit, Gnädigster Herr; werfet euern Blik auf eine

unglükliche, mißhandelte--Schier hätte ich gesagt, Jungfrau: O,

würdiger Fürst, entehret euer Auge nicht, es auf einen andern

Gegenstand zu richten, bevor ihr meine gerechten Klagen angehört,

und mir Recht verschaft habt.

Herzog.

Was für Unrecht ist euch dann geschehen, worinn? von wem? macht

es kurz; hier ist der Freyherr Angelo, der euch Recht schaffen wird;

eröffnet euch ihm.

Maaß für Maaß Wie einer mißt, so wird ihm wieder gemessen · 第 4 / 6 段