Gütigster Fürst, sehet, wenn es euch gefällt, auf diesen
verurtheilten Mann, als ob er mein Bruder wäre; ich glaube, ich
hoffe es, seine Tugend war aufrichtig, bis er mich sah; wenn dieses
ist, so laßt ihn nicht sterben. Meinem Bruder ist nichts als
Gerechtigkeit widerfahren; er starb für eine Sünde, die er würklich
ausgeübt hatte; Angelo sündigte nur durch einen Vorsaz der nicht
zur Vollziehung kam; Gedanken sind dem Gesez nicht unterworffen,
und Vorsäze sind blosse Gedanken.
Mariane.
Blosse Gedanken, Gnädigster Herr.
Herzog.
Eure Fürbitte ist fruchtlos; stehet auf, sage ich. Ich habe mich
indessen eines andern Fehlers erinnert. Kerkermeister, wie kam es,
daß Claudio zu einer ungewöhnlichen Stunde enthauptet wurde?
Kerkermeister.
Es wurde so befohlen.
Herzog.
Hattet ihr einen Richterlichen Befehl deßwegen?
Kerkermeister.
Nein, Gnädigster Herr, es geschah auf eine privat-Botschaft.
Herzog.
Und deßwegen entseze ich euch eures Amts; gebt die Schlüssel ab.
Kerkermeister.
Vergebet mir, Gnädigster Herr; ich dachte gleich, es möchte ein
Fehler seyn, doch wußte ichs nicht gewiß; aber es reuete mich, da
ich mich besser erkundigt hatte; und der Beweiß hievon ist dieses,
daß ich einen gewissen Gefangnen, der kraft eines privat-Befehls
sterben sollte, noch habe leben lassen.
Herzog.
Wer ist er?
Kerkermeister.
Er nennt sich Bernardin.
Herzog.
Ich wollte, du hättest dieses beym Claudio gethan; geht, holt ihn
hieher, ich will ihn sehen.
Escalus.
Es ist mir leid, daß ein so gelehrter und weiser Mann, als ihr,
Freyherr Angelo, allezeit geschienen habt, beydes durch Hize des
Bluts und Mangel einer klugen Ueberlegung, so grosse Fehltritte
gemacht habt.
Angelo.
Mir ist leid, daß ich euch dieses Leid verursache, und ich fühle
mein Verbrechen so sehr, daß ich mit grösserm Verlangen um den Tod
flehe als um Gnade: Ich habe ihn verdient, und ich bitte darum.
Siebende Scene.
(Der Kerkermeister, Bernardin, Claudio und Juliette zu den Vorigen.)
Herzog.
Welcher ist dieser Bernardin, von dem ihr sprachet?
Kerkermeister.
Dieser, Gnädigster Herr.
Herzog.
Ein gewisser Mönch sagte mir von diesem Manne; Kerl, man sagt du
habest eine verstokte Seele, die nach dieser Welt nichts fürchte,
und du lebest dieser Denkungsart gemäß; du bist zum Tode
verurtheilt; doch will ich dir die Strafe nachlassen, die deine
Verbrechen in dieser Welt verdient haben; ich bitte dich, wende
diese Gnade dazu an, für eine bessere Zukunft besorgt zu seyn;
Frater, gebt ihm Anleitung dazu, ich übergebe ihn in eure Hände.
Was für ein vermummter Geselle ist das?
Kerkermeister.
Es ist ein andrer Gefangner, den ich rettete und welcher sterben
sollte, als Claudio den Kopf verlohr; er gleicht dem Claudio so
sehr als sich selbst.
Herzog (zu Isabella.)
Wenn er euerm Bruder gleicht, so sey er um euertwillen begnadiget,
und um euers liebenswürdigen Selbst willen, gebt mir eure Hand, und
sagt ihr wollt mein seyn, so ist er mein Bruder dazu; doch hievon
zu gelegnerer Zeit. Angelo siehet hieraus, daß er nichts mehr zu
besorgen hat; mich däucht ich sehe einen Schimmer von Hoffnung in
seinen Augen. Gut, Angelo, ihr habt euer Vergehen abgebüßt; liebet
eure Gemahlin, ihr Werth ergänzt den Eurigen. Ich finde mich heut
ungemein aufgelegt zur Nachsicht, und doch ist hier einer, dem ich
nicht verzeihen kan.
(Zu Lucio.)
Ihr, frecher Bursche, der mich für einen Geken, eine Memme, einen
lüderlichen Bruder, einen Esel, einen Wahnwizigen kennet, womit hab
ich um euch verdient, daß ihr mich so erhebet?
Lucio.
Bey meiner Seele, Gnädigster Herr, ich sagt' es nur, weil es Mode
ist, böses von den Leuten zu sagen; wenn Euer Durchlaucht mich
deswegen hängen lassen will, so muß ich es leiden; aber ich wollte
lieber, daß es euch gefallen möchte, mir den Staupbesen geben zu
lassen.
Herzog.
Den Staupbesen zuerst, Herr, und hernach den Galgen. Kerkermeister,
laßt durch die ganze Stadt ausruffen, wenn irgend ein Weibsbild
sey, die sich über diesen Gesellen zu beschweren habe, (wie ich ihn
dann selbst habe sagen gehört, es sey eine schwanger von ihm,) so
soll sie sich darstellen, und er soll sie heurathen; wenn die
Hochzeit vorbey ist, so laßt ihn peitschen und aufhängen.
Lucio.
Ich bitte Euer Durchlaucht, mich nicht an eine H** zu verheurathen;
Euer Durchlaucht sagte nur erst, ich habe euch zum Herzog gemacht;
Mein Gnädigster Herr, belohnet mich nicht so übel dafür, und macht
mich zu einem Hahnrey.
Herzog.
Bey meiner Ehre, du sollst sie heurathen. Deine Schmähungen und
alle deine übrigen Uebelthaten sollen dir vergeben seyn; führt ihn
indessen ins Gefängniß, und sehet, daß mein Wille hierinn vollzogen
werde. Ihr, Claudio, säumet euch nicht, dem Frauenzimmer, das ihr
gekränkt habt, Genugthüung zu geben. Ich wünsche euch Glük,
Mariane; liebet sie, Angelo, ich habe ihre Beichte gehört, und
kenne ihre Tugend. Habe Dank, mein guter Freund Escalus, für
deinen guten Willen, du sollt Ursache finden dich dessen zu
erfreuen. Habe Dank, Kerkermeister, für deine Sorgfalt und
Verschwiegenheit; wir werden dich in einem würdigern Plaz zu
gebrauchen wissen. Vergebt ihm, Angelo, daß er euch Ragozins Kopf
statt Claudios gebracht hat; die Beleidigung vergiebt sich von
selbst. Und ihr, meine theure Isabella, wenn ihr ein williges Ohr
zu der guten Gesinnung neiget, die ich für euch trage, so ist was
mein ist euer, und was euer ist, mein; und hiemit führet uns in
unsern Palast, wo wir euch deutlicher entdeken werden, was ihr alle
zu wissen nöthig habt.
Maaß für Maaß, oder: Wie einer mißt, so wird ihm wieder gemessen,
von William Shakespeare (Übersetzt von Christoph Martin Wieland).