Isabella (kniend.)

Gütigster Fürst, sehet, wenn es euch gefällt, auf diesen

verurtheilten Mann, als ob er mein Bruder wäre; ich glaube, ich

hoffe es, seine Tugend war aufrichtig, bis er mich sah; wenn dieses

ist, so laßt ihn nicht sterben. Meinem Bruder ist nichts als

Gerechtigkeit widerfahren; er starb für eine Sünde, die er würklich

ausgeübt hatte; Angelo sündigte nur durch einen Vorsaz der nicht

zur Vollziehung kam; Gedanken sind dem Gesez nicht unterworffen,

und Vorsäze sind blosse Gedanken.

Mariane.

Blosse Gedanken, Gnädigster Herr.

Herzog.

Eure Fürbitte ist fruchtlos; stehet auf, sage ich. Ich habe mich

indessen eines andern Fehlers erinnert. Kerkermeister, wie kam es,

daß Claudio zu einer ungewöhnlichen Stunde enthauptet wurde?

Kerkermeister.

Es wurde so befohlen.

Herzog.

Hattet ihr einen Richterlichen Befehl deßwegen?

Kerkermeister.

Nein, Gnädigster Herr, es geschah auf eine privat-Botschaft.

Herzog.

Und deßwegen entseze ich euch eures Amts; gebt die Schlüssel ab.

Kerkermeister.

Vergebet mir, Gnädigster Herr; ich dachte gleich, es möchte ein

Fehler seyn, doch wußte ichs nicht gewiß; aber es reuete mich, da

ich mich besser erkundigt hatte; und der Beweiß hievon ist dieses,

daß ich einen gewissen Gefangnen, der kraft eines privat-Befehls

sterben sollte, noch habe leben lassen.

Herzog.

Wer ist er?

Kerkermeister.

Er nennt sich Bernardin.

Herzog.

Ich wollte, du hättest dieses beym Claudio gethan; geht, holt ihn

hieher, ich will ihn sehen.

Escalus.

Es ist mir leid, daß ein so gelehrter und weiser Mann, als ihr,

Freyherr Angelo, allezeit geschienen habt, beydes durch Hize des

Bluts und Mangel einer klugen Ueberlegung, so grosse Fehltritte

gemacht habt.

Angelo.

Mir ist leid, daß ich euch dieses Leid verursache, und ich fühle

mein Verbrechen so sehr, daß ich mit grösserm Verlangen um den Tod

flehe als um Gnade: Ich habe ihn verdient, und ich bitte darum.

Siebende Scene.

(Der Kerkermeister, Bernardin, Claudio und Juliette zu den Vorigen.)

Herzog.

Welcher ist dieser Bernardin, von dem ihr sprachet?

Kerkermeister.

Dieser, Gnädigster Herr.

Herzog.

Ein gewisser Mönch sagte mir von diesem Manne; Kerl, man sagt du

habest eine verstokte Seele, die nach dieser Welt nichts fürchte,

und du lebest dieser Denkungsart gemäß; du bist zum Tode

verurtheilt; doch will ich dir die Strafe nachlassen, die deine

Verbrechen in dieser Welt verdient haben; ich bitte dich, wende

diese Gnade dazu an, für eine bessere Zukunft besorgt zu seyn;

Frater, gebt ihm Anleitung dazu, ich übergebe ihn in eure Hände.

Was für ein vermummter Geselle ist das?

Kerkermeister.

Es ist ein andrer Gefangner, den ich rettete und welcher sterben

sollte, als Claudio den Kopf verlohr; er gleicht dem Claudio so

sehr als sich selbst.

Herzog (zu Isabella.)

Wenn er euerm Bruder gleicht, so sey er um euertwillen begnadiget,

und um euers liebenswürdigen Selbst willen, gebt mir eure Hand, und

sagt ihr wollt mein seyn, so ist er mein Bruder dazu; doch hievon

zu gelegnerer Zeit. Angelo siehet hieraus, daß er nichts mehr zu

besorgen hat; mich däucht ich sehe einen Schimmer von Hoffnung in

seinen Augen. Gut, Angelo, ihr habt euer Vergehen abgebüßt; liebet

eure Gemahlin, ihr Werth ergänzt den Eurigen. Ich finde mich heut

ungemein aufgelegt zur Nachsicht, und doch ist hier einer, dem ich

nicht verzeihen kan.

(Zu Lucio.)

Ihr, frecher Bursche, der mich für einen Geken, eine Memme, einen

lüderlichen Bruder, einen Esel, einen Wahnwizigen kennet, womit hab

ich um euch verdient, daß ihr mich so erhebet?

Lucio.

Bey meiner Seele, Gnädigster Herr, ich sagt' es nur, weil es Mode

ist, böses von den Leuten zu sagen; wenn Euer Durchlaucht mich

deswegen hängen lassen will, so muß ich es leiden; aber ich wollte

lieber, daß es euch gefallen möchte, mir den Staupbesen geben zu

lassen.

Herzog.

Den Staupbesen zuerst, Herr, und hernach den Galgen. Kerkermeister,

laßt durch die ganze Stadt ausruffen, wenn irgend ein Weibsbild

sey, die sich über diesen Gesellen zu beschweren habe, (wie ich ihn

dann selbst habe sagen gehört, es sey eine schwanger von ihm,) so

soll sie sich darstellen, und er soll sie heurathen; wenn die

Hochzeit vorbey ist, so laßt ihn peitschen und aufhängen.

Lucio.

Ich bitte Euer Durchlaucht, mich nicht an eine H** zu verheurathen;

Euer Durchlaucht sagte nur erst, ich habe euch zum Herzog gemacht;

Mein Gnädigster Herr, belohnet mich nicht so übel dafür, und macht

mich zu einem Hahnrey.

Herzog.

Bey meiner Ehre, du sollst sie heurathen. Deine Schmähungen und

alle deine übrigen Uebelthaten sollen dir vergeben seyn; führt ihn

indessen ins Gefängniß, und sehet, daß mein Wille hierinn vollzogen

werde. Ihr, Claudio, säumet euch nicht, dem Frauenzimmer, das ihr

gekränkt habt, Genugthüung zu geben. Ich wünsche euch Glük,

Mariane; liebet sie, Angelo, ich habe ihre Beichte gehört, und

kenne ihre Tugend. Habe Dank, mein guter Freund Escalus, für

deinen guten Willen, du sollt Ursache finden dich dessen zu

erfreuen. Habe Dank, Kerkermeister, für deine Sorgfalt und

Verschwiegenheit; wir werden dich in einem würdigern Plaz zu

gebrauchen wissen. Vergebt ihm, Angelo, daß er euch Ragozins Kopf

statt Claudios gebracht hat; die Beleidigung vergiebt sich von

selbst. Und ihr, meine theure Isabella, wenn ihr ein williges Ohr

zu der guten Gesinnung neiget, die ich für euch trage, so ist was

mein ist euer, und was euer ist, mein; und hiemit führet uns in

unsern Palast, wo wir euch deutlicher entdeken werden, was ihr alle

zu wissen nöthig habt.

Maaß für Maaß, oder: Wie einer mißt, so wird ihm wieder gemessen,

von William Shakespeare (Übersetzt von Christoph Martin Wieland).

Maaß für Maaß Wie einer mißt, so wird ihm wieder gemessen · 第 6 / 6 段