Diesen Zettel steckte er dem Schlafenden in die Hand.
Dann schlief auch er, von der Aufregung erschöpft, ein.
* * * * *
Den nächsten Tag schienen Beineberg und Reiting noch als Frist Törleß
gewähren zu wollen.
Mit Basini wurde es jedoch Ernst.
Törleß sah, wie Beineberg und Reiting zu einzelnen hingingen, und wie
sich dort um sie herum Gruppen bildeten, in denen eifrig geflüstert
wurde.
Dabei wußte er nicht, ob Basini seinen Zettel gefunden habe, denn ihn
zu sprechen fand sich keine Gelegenheit, da sich Törleß beobachtet
fühlte.
Anfangs hatte er überhaupt Angst, daß es sich auch schon um ihn handle.
Aber er war nunmehr im Angesichte der Gefahr von ihrer Widerwärtigkeit
so gelähmt, daß er alles an sich hätte herankommen lassen.
Später erst mischte er sich zaghaft, gefaßt, daß sich augenblicks alle
gegen ihn kehren würden, unter eine der Gruppen.
Aber man bemerkte ihn gar nicht. Es galt vorläufig erst Basini.
Die Aufregung wuchs. Törleß konnte es beobachten. Reiting und Beineberg
mochten wohl noch Lügen hinzugetan haben ...
Erst lächelte man, dann wurden einige ernst, und böse Blicke glitten
an Basini vorbei, endlich brütete es wie ein dunkles, heißes, von
finsteren Gelüsten schwangeres Schweigen über der Klasse.
Zufällig war ein freier Nachmittag.
Alle versammelten sich hinten bei den Kästen; dann wurde Basini
vorgerufen.
Beineberg und Reiting standen wie zwei Bändiger zu seinen Seiten.
Das probate Mittel des Entkleidens machte, nachdem man die Türen
verschlossen und Posten ausgestellt hatte, allgemeinen Spaß.
Reiting hielt ein Päckchen Briefe von Basinis Mutter an diesen in
seiner Hand und begann vorzulesen.
»Mein gutes Kind ...«
Allgemeines Gebrülle.
»Du weißt, daß ich von dem wenigen Gelde, über das ich als Witwe
verfüge ...«
Unflätiges Lachen, zügellose Scherze flattern aus der Masse auf.
Reiting will weiter lesen. Plötzlich stößt einer Basini. Ein anderer,
auf den er dabei fällt, stößt ihn halb im Scherze, halb in Entrüstung
zurück. Ein dritter gibt ihn weiter. Und plötzlich fliegt Basini,
nackt, mit von der Angst aufgerissenem Munde, wie ein wirbelnder
Ball, unter Lachen, Jubelrufen, Zugreifen aller im Saale umher -- von
einer Seite zur andern -- stößt sich Wunden an den scharfen Ecken der
Bänke, fällt in die Knie, die er sich blutig reißt -- und stürzt
endlich blutig bestaubt, mit tierischen, verglasten Augen zusammen,
während augenblicklich Schweigen eintritt und alles vordrängt, um ihn
am Boden liegen zu sehen.
Törleß schauderte. Er hatte die Macht der fürchterlichen Drohung vor
sich gesehen.
Und immer noch wußte er nicht, was Basini tun werde.
In der nächsten Nacht sollte Basini an ein Bett gebunden werden und
man hatte beschlossen, ihn mit Florettklingen durchzupeitschen.
* * * * *
Aber zur allgemeinen Verwunderung erschien schon am frühen Morgen der
Direktor in der Klasse. In seiner Begleitung der Klassenvorstand und
zwei Lehrer. Basini wurde von der Klasse entfernt und in ein eigenes
Zimmer gebracht.
Der Direktor aber hielt eine zornige Ansprache wegen der zutage
getretenen Roheiten und ordnete eine strenge Untersuchung an.
Basini hatte sich selbst gestellt.
Jemand mußte ihn von dem ihm Bevorstehenden verständigt haben.
* * * * *
Gegen Törleß schöpfte niemand Verdacht. Er saß still und in sich
gekehrt, als ginge ihn das Ganze gar nichts an.
Nicht einmal Reiting und Beineberg suchten in ihm den Verräter. Ihre
Drohungen gegen ihn hatten sie selbst nicht ernst genommen; sie hatten
sie um ihn einzuschüchtern, um ihre Überlegenheit fühlbar zu machen,
vielleicht auch aus Ärger hervorgestoßen; jetzt, wo ihr Zorn vorüber
war, dachten sie kaum mehr daran. Schon die Verbindlichkeiten gegen
seine Eltern würden sie von einem Vorgehen gegen Törleß zurückgehalten
haben. Das war ihnen so selbstverständlich, daß sie sich auch von
seiner Seite nicht des geringsten versahen.
Törleß empfand über seinen Schritt keine Reue. Das Heimliche, Feige,
das diesem anhaftete, kam gegenüber dem Gefühle einer gänzlichen
Befreiung nicht zur Geltung. Nach all den Aufregungen war es in ihm
wundersam klar und weit geworden.
Er beteiligte sich nicht an den erregten Gesprächen über das zu
Erwartende, die allenthalben gepflogen wurden; er lebte den ganzen Tag
ruhig vor sich hin.
Als es Abend wurde und die Lampen brannten, setzte er sich auf seinen
Platz und das Heft, in dem jene flüchtigen Aufzeichnungen eingetragen
waren, hatte er vor sich hingelegt.
Aber er las lange nicht darin. Er strich mit der Hand über die Seiten
und ihm war, daß ein feiner Duft aus ihnen aufsteige, wie Lavendel aus
alten Briefen. Es war die mit Wehmut gemischte Zärtlichkeit, die wir
einer abgeschlossenen Vergangenheit entgegenbringen, wenn wir in dem
zarten, blassen Schatten, der mit Totenblumen in den Händen aus ihr
aufsteigt, vergessene Ähnlichkeiten mit uns wiederentdecken.
Und dieser wehmütige feine Schatten, dieser bleiche Duft schien sich
in einem breiten, vollen, warmen Strom zu verlieren -- dem Leben, das
nun offen vor Törleß lag.
Eine Entwicklung war abgeschlossen, die Seele hatte einen neuen
Jahresring angesetzt, wie ein junger Baum, -- dieses noch wortlose,
überwältigende Gefühl entschuldigte alles, was geschehen war.
Nun begann Törleß seine Erinnerungen durchzublättern. Die Sätze,
in denen er hilflos das Geschehene -- dieses vielfältige Staunen
und Betroffensein vom Leben -- konstatiert hatte, wurden wieder
lebendig, schienen sich zu regen und gewannen Zusammenhang. Wie ein
heller Weg lagen sie vor ihm, in den sich die Spuren seiner tastenden
Schritte geprägt hatten. Aber noch schien ihnen etwas zu fehlen;
kein neuer Gedanke, o nein; aber sie packten Törleß noch nicht mit
voller Lebendigkeit.
Er fühlte sich unsicher. Und nun kam ihm die Angst, morgen vor seinen
Lehrern zu stehen und sich rechtfertigen zu müssen. Womit?! Wie sollte
er ihnen das auseinandersetzen? Diesen dunklen, geheimnisvollen Weg,
den er gegangen. Wenn sie ihn fragen würden: warum hast du Basini
mißhandelt? -- so könnte er ihnen doch nicht antworten: weil mich
dabei ein Vorgang in meinem Gehirn interessierte, ein Etwas, von dem
ich heute trotz allem noch wenig weiß, und vor dem alles, was ich
darüber denke, mir belanglos erscheint.
Dieser kleine Schritt, der ihn noch von dem Endpunkte des geistigen
Prozesses trennte, den er durchzumachen hatte, schreckte ihn wie ein
ungeheurer Abgrund.
Und ehe es noch Nacht wurde, befand sich Törleß in einer fieberhaften,
ängstlichen Aufregung.
* * * * *
Am nächsten Tage, als man die Zöglinge einzeln zum Verhöre rief, war
Törleß verschwunden.
Man hatte ihn zuletzt am Abend, vor einem Hefte sitzend, gesehen,
anscheinend lesend.
Man suchte im ganzen Institute, Beineberg sah heimlich in der Kammer
nach, Törleß war nicht zu finden.
Da wurde klar, daß er aus dem Institute geflohen war, und man
verständigte nach allen Seiten die Behörden, ihn mit Schonung
einzubringen.
Die Untersuchung nahm mittlerweile ihren Anfang.
Reiting und Beineberg, welche glaubten, daß Törleß aus Angst vor ihrer
Drohung, ihn hineinzulegen, geflohen sei, fühlten sich verpflichtet,
nun jeden Verdacht von ihm abzulenken und traten kräftig für ihn ein.
Sie wälzten alle Schuld auf Basini und die ganze Klasse bezeugte es
Mann für Mann, daß Basini ein diebischer, nichtswürdiger Kerl sei,
der den wohlmeinendsten Versuchen, ihn zu bessern, nur mit neuen
Rückfällen antworte. Reiting beteuerte, daß sie ja einsähen, gefehlt
zu haben, es aber nur deswegen getan hätten, weil ihnen ihr Mitleid
sagte, man solle einen Kameraden nicht eher der Strafe ausliefern,
als man alle Mittel gütlicher Belehrung erschöpft habe, und wieder
schwur die ganze Klasse, daß Basinis Mißhandlung nur ein Überschäumen
war, weil Basini den ihn aus den edelsten Empfindungen Schonenden mit
größtem, gemeinstem Hohne begegnet war.
Kurz es war eine wohlverabredete Komödie, von Reiting glänzend
inszeniert, und alle ethischen Töne wurden zur Entschuldigung
angeschlagen, welche in den Ohren der Erzieher Wert haben.
Basini schwieg stumpfsinnig zu allem. Vom vorgestrigen Tag her lag noch
ein tödlicher Schreck auf ihm und die Einsamkeit seiner Zimmerhaft,
der ruhige, geschäftsmäßige Gang der Untersuchung waren für ihn
schon eine Erlösung. Er wünschte sich nichts als ein rasches Ende.
Überdies hatten Reiting und Beineberg nicht verabsäumt, ihn mit der
fürchterlichsten Rache zu bedrohen, falls er gegen sie aussage.
Da wurde Törleß eingebracht. Todmüde und hungrig hatte man ihn in der
nächsten Stadt aufgegriffen.
Seine Flucht schien nun das einzig Rätselhafte in der ganzen
Angelegenheit zu sein. Aber die Situation war ihm günstig. Beineberg
und Reiting hatten gut vorgearbeitet, von der Nervosität gesprochen,
die er in der letzten Zeit an den Tag gelegt haben sollte, von seiner
moralischen Feinfühligkeit, die es sich schon zum Verbrechen
anrechne, daß er, der von Anfang an um alles wußte, nicht gleich die
Sache zur Anzeige gebracht habe und auf diese Weise die Katastrophe
mit verschuldete.
Törleß wurde also schon mit einem gewissen gerührten Wohlwollen
empfangen und die Kameraden bereiteten ihn rechtzeitig darauf vor.
Dennoch war er fürchterlich aufgeregt und die Angst, sich nicht
verständlich machen zu können, erschöpfte ihn völlig ....
Die Untersuchung wurde aus Diskretion, da man doch etwaige Enthüllungen
befürchtete, in der Privatwohnung des Direktors geführt. Zugegen waren
außer diesem noch der Klassenvorstand, der Religionslehrer und der
Mathematikprofessor, welchem es als dem Jüngsten des Lehrerkollegiums
zugefallen war, die protokollarischen Notizen zu führen.
Um das Motiv seiner Flucht befragt, schwieg Törleß.
Allseitiges, verständnisvolles Kopfnicken.
»Nun gut,« sagte der Direktor, »wir sind hierüber unterrichtet. Aber
sagen Sie uns, was Sie bewog, das Vergehen des Basini zu verheimlichen.«
Törleß hätte nun lügen können. Aber seine Scheu war gewichen. Es
reizte ihn förmlich, von sich zu sprechen und seine Gedanken an diesen
Köpfen zu versuchen.
»Ich weiß es nicht genau, Herr Direktor. Als ich das erstemal davon
hörte, schien es mir etwas ganz Ungeheuerliches zu sein ... etwas gar
nicht Vorstellbares ...«
Der Religionslehrer nickte Törleß befriedigt und aufmunternd zu.
»Ich ... ich dachte an Basinis Seele ...«
Der Religionslehrer strahlte über das ganze Gesicht, der Mathematiker
putzte seinen Klemmer, rückte ihn zurecht, kniff die Augen zusammen ...
»Ich konnte mir den Augenblick nicht vorstellen, in dem eine solche
Demütigung über Basini hereinbrach, und deswegen trieb es mich immer
wieder in dessen Nähe ...«
»Nun ja -- Sie wollen wohl damit sagen, daß Sie einen natürlichen
Abscheu vor dem Fehltritte Ihres Kameraden hatten und daß der Anblick
des Lasters Sie gewissermaßen bannte, so wie man es von dem Blick der
Schlangen ihren Opfern gegenüber behauptet.«
Der Klassenvorstand und der Mathematiker beeilten sich, ihre Zustimmung
zu dem Gleichnis durch lebhafte Gesten zu erkennen zu geben.
Aber Törleß sagte: »Nein, es war nicht eigentlich ein Abscheu. Es
war so: einmal sagte ich mir, er habe gefehlt und man müsse ihn denen
überantworten, die ihn zu bestrafen haben ...«
»So hätten Sie auch handeln sollen.«
»... Dann aber erschien er mir wieder so sonderbar, daß ich gar
nicht ans Strafen dachte, mich von einer ganz anderen Seite aus ihm
gegenüber befand; es gab jedesmal in mir einen Sprung, wenn ich so an
ihn dachte ...«
»Sie müssen sich deutlicher ausdrücken, mein lieber Törleß.«
»Das kann man nicht anders sagen, Herr Direktor.«
»Doch, doch. Sie sind aufgeregt; wir sehen es ja; verwirrt; -- was Sie
eben sagten, war sehr dunkel.«
»Nun ja, ich fühle mich verwirrt; ich hatte einmal schon viel bessere
Worte dafür. Aber es kommt doch immer auf dasselbe hinaus, daß etwas
Wunderliches in mir war ...«
»Gut -- aber das ist doch wohl selbstverständlich bei dieser ganzen
Angelegenheit.«
Törleß überlegte einen Augenblick.
»Vielleicht kann man es so sagen: Es gibt gewisse Sachen, die bestimmt
sind, gewissermaßen in doppelter Form in unser Leben einzugreifen. Ich
fand als solche Personen, Ereignisse, dunkle, verstaubte Winkel, eine
hohe, kalte, schweigende, plötzlich lebendig werdende Mauer ...«
»Aber um Himmelswillen, Törleß, wohin verirren Sie sich?«
Aber Törleß bereitete es nun einmal Vergnügen, alles aus sich
herauszureden.
»... imaginäre Zahlen ...«
Alle sahen bald einander, bald Törleß an. Der Mathematiker hüstelte:
»Ich muß da zu besserem Verständnis dieser dunklen Angaben hinzufügen,
daß mich der Zögling Törleß einmal aufgesucht hat, um sich eine
Erklärung gewisser Grundbegriffe der Mathematik -- so auch des
Imaginären -- zu erbitten, die der ungeschulten Vernunft tatsächlich
Schwierigkeiten bereiten können. Ich muß sogar gestehen, daß er
hiebei unleugbaren Scharfsinn entwickelte, jedoch mit einer wahren
Manie nur solche Dinge ausgesucht hatte, welche gewissermaßen eine
Lücke in der Kausalität unseres Denkens -- für ihn wenigstens --
zu bedeuten schienen.