Diese Frage war in der gewöhnlichen Weise der Hypnotiseure gestellt.
Dann begann er mit leiser, verschleierter Stimme zu erklären.
»Das Sterben ist nur eine Folge unserer Art zu leben. Wir leben von
einem Gedanken zum andern, von einem Gefühl zum nächsten. Denn unsere
Gedanken und Gefühle fließen nicht ruhig wie ein Strom, sondern
sie 'fallen uns ein', fallen in uns hinein wie Steine. Wenn du dich
genau beobachtest, fühlst du es, daß die Seele nicht etwas ist, das
in allmähligen Übergängen seine Farben wechselt, sondern daß die
Gedanken wie Ziffern aus einem schwarzen Loch daraus hervorspringen.
Jetzt hast du einen Gedanken oder ein Gefühl und mit einem Male steht
ein anderes da, wie aus dem Nichts gesprungen. Wenn du aufmerkst,
kannst du sogar zwischen zwei Gedanken den Augenblick spüren, wo alles
schwarz ist. Dieser Augenblick ist, -- einmal erfaßt, für uns geradezu
der Tod.
Denn unser Leben ist nichts anderes als Marksteine setzen und von einem
zum anderen hüpfen, täglich über tausend Sterbesekunden hinweg. Wir
leben nur gewissermaßen in den Ruhepunkten. Deswegen haben wir auch
eine so lächerliche Furcht vor dem unwiderruflichen Sterben, denn es
ist das schlechthin Marksteinlose, der unermeßliche Abgrund, in den
wir hineinfallen. Für diese Art zu leben ist es wirklich die völlige
Verneinung.
Aber auch nur unter der Perspektive dieses Lebens, nur für den,
der nicht anders gelernt hat sich zu fühlen, als von Augenblick zu
Augenblick.
Ich nenne dies das hüpfende Übel, und das Geheimnis besteht darin es
zu überwinden. Man muß das Gefühl seines Lebens als eines ruhig
Gleitenden in sich erwecken. In dem Momente, wo dies gelingt, ist man
dem Tode ebenso nah als dem Leben. Man lebt nicht mehr -- nach unseren
irdischen Begriffen --, aber man kann auch nicht mehr sterben, denn
mit dem Leben hat man auch den Tod aufgehoben. Es ist der Augenblick
der Unsterblichkeit, der Augenblick, wo die Seele aus unserem engen
Gehirn in die wunderbaren Gärten ihres Lebens tritt.
Folge mir also jetzt genau.
Schläfere alle Gedanken ein, starre in diese kleine Flamme; ... denke
nicht von einem zum andern ... Konzentriere alle Aufmerksamkeit nach
innen ... Starre die Flamme an ... dein Denken wird wie eine Maschine,
die immer langsamer geht ... immer ... langsamer ... geht ... Starre
nach innen ... so lange, bis du den Punkt findest, wo du dich fühlst,
ohne einen Gedanken oder eine Empfindung zu fühlen ...
Dein Schweigen wird mir die Antwort sein. Wende den Blick nicht von
innen weg ...« Minuten verstrichen ...
»Fühlst du den Punkt ...?«
Keine Antwort.
»Höre, Basini, ist es dir gelungen?«
Schweigen.
Beineberg stand auf, und sein hagerer Schatten richtete sich neben dem
Balken in die Höhe. Oben schwang Basinis Körper, von der Dunkelheit
trunken, merkbar hin und her.
»Dreh dich zur Seite«, befahl Beineberg. »Was jetzt gehorcht, ist
nur mehr das Gehirn,« murmelte er, »das mechanisch noch eine Weile
funktioniert, bis die letzten Spuren verzehrt sind, die ihm die Seele
aufdrückte. Sie selbst ist irgendwo -- in ihrem nächsten Dasein. Sie
trägt nicht mehr die Fesseln der Naturgesetze ...,« er wandte sich
jetzt an Törleß, »sie ist nicht mehr zur Strafe verurteilt, einen
Körper schwer zu machen, zusammenzuhalten. Neige dich vor, Basini --
so -- ganz allmählich ... immer weiter mit dem Körper hinaus ...
Sowie die letzte Spur im Gehirn erloschen sein wird, werden die Muskeln
nachlassen und der leere Körper in sich zusammenbrechen. Oder er
wird schweben bleiben; ich weiß es nicht; die Seele hat eigenmächtig
den Körper verlassen, es ist nicht der gewöhnliche Tod, vielleicht
bleibt der Körper in der Luft schweben, weil nichts, keine Kraft des
Lebens noch des Todes mehr, sich seiner annimmt ... Neige dich vor
... mehr noch.«
* * * * *
In diesem Augenblick polterte Basinis Körper, der aus Angst allen
Befehlen gefolgt war, schwer aufschlagend Beineberg zu Füßen.
Vor Schmerz schrie Basini auf. Reiting begann laut zu lachen.
Beineberg aber, der einen Schritt zurückgewichen war, stieß einen
gurgelnden Wutschrei aus, als er den Betrug erfaßt hatte. Mit
einer blitzschnellen Bewegung riß er seinen Ledergurt vom Leibe,
faßte Basini bei den Haaren und peitschte wie rasend auf ihn ein. Die
ganze ungeheure Spannung, unter der er gestanden war, strömte in
diesen wütenden Schlägen aus. Und Basini heulte unter ihnen vor
Schmerz, daß es wie die Klage eines Hundes in allen Winkeln zitterte.
* * * * *
Törleß war während des ganzen vorangegangenen Auftrittes ruhig
geblieben. Er hatte im stillen gehofft, daß sich vielleicht doch
etwas ereignen werde, das ihn wieder mitten in seinen verlorenen
Empfindungskreis versetzen würde. Es war eine törichte Hoffnung, dessen
blieb er sich stets bewußt, aber sie hatte ihn doch festgehalten.
Nun schien ihm jedoch, daß alles vorbei sei. Die Szene widerte ihn
an. Ganz gedankenlos; stummer, toter Widerwille.
Er erhob sich leise und ging ohne ein Wort zu sagen fort. Ganz
mechanisch.
Beineberg schlug sich noch immer an Basini müde.
* * * * *
Als Törleß im Bette lag, fühlte er: ein Abschluß. Etwas ist vorbei.
Während der nächsten Tage oblag er ruhig seinen Arbeiten in der
Schule; er kümmerte sich um nichts; Reiting und Beineberg mochten
wohl einstweilen ihr Programm Punkt für Punkt in Szene setzen, Törleß
ging ihnen aus dem Wege.
Da trat am vierten Tage, als gerade niemand zugegen war, Basini auf
ihn zu. Er sah elend aus, sein Gesicht war bleich und abgemagert,
in seinen Augen flackerte das Fieber einer beständigen Angst. Mit
scheuen Seitenblicken, in hastigen Worten stieß er hervor: »Du mußt
mir helfen! Nur du kannst es tun! Ich halte es nicht mehr länger
aus, wie sie mich quälen. Alles Frühere habe ich ertragen, .. jetzt
aber werden sie mich noch totschlagen!«
Törleß war es unangenehm, hierauf eine Antwort zu geben. Endlich sagte
er: »Ich kann dir nicht helfen; du selbst bist an allem schuld, was
mit dir geschieht.«
»Aber du warst doch vor kurzem noch so lieb zu mir.«
»Niemals.«
»Aber ...«
»Schweig davon. Das war nicht ich ... Ein Traum ... Eine Laune ... Es
ist mir sogar recht, daß deine neue Schande dich von mir fortgerissen
hat.... Es ist gut so für mich...«
Basini ließ den Kopf sinken. Er fühlte, daß ein Meer von grauer,
nüchterner Enttäuschung sich zwischen ihn und Törleß geschoben hatte...
Törleß war kalt, ein anderer.
Da warf er sich vor ihm in die Knie, schlug mit dem Kopf auf den Boden
und schrie: »Hilf mir! Hilf mir!.. Um Gottes willen hilf mir!«
Törleß zauderte einen Augenblick. In ihm war weder der Wunsch, Basini
zu helfen, noch genügend Empörung, um ihn von sich zu stoßen. So
folgte er dem erstbesten Gedanken. »Komm heute Nacht auf den Boden, ich
will noch einmal mit dir darüber sprechen.« Im nächsten Augenblick
bereute er aber schon.
»Wozu nochmals daran rühren?« fiel ihm ein und er sagte überlegend:
»Doch sie würden dich ja sehen; es geht nicht.«
»O nein, sie blieben die letzte Nacht bis zum Morgen mit mir auf --
sie werden heute schlafen.«
»Also meinetwegen. Aber erwarte nicht, daß ich dir helfen werde.«
* * * * *
Törleß hatte Basini die Zusammenkunft entgegen seiner eigentlichen
Überzeugung bestimmt. Denn die war, daß alles innerlich vorbei sei
und nichts mehr zu holen. Nur mehr eine Art Pedanterie, eine von
vorneherein hoffnungslose, eigensinnige Gewissenhaftigkeit hatte ihm
eingeblasen, nochmals an den Ereignissen herumzutasten.
Er hatte das Bedürfnis, es kurz zu machen.
Basini wußte nicht, wie er sich benehmen sollte. Er war so verprügelt,
daß er sich kaum zu rühren getraute. Alles Persönliche schien aus
ihm gewichen zu sein; nur in den Augen hatte sich ein Rest davon
zusammengedrängt und schien sich angstvoll, flehend an Törleß zu
klammern.
Er wartete, was dieser tun werde.
Endlich brach Törleß das Schweigen. Er sprach rasch, gelangweilt,
so wie wenn man eine längst abgetane Sache der Form halber nochmals
erledigen muß.
»Ich werde dir nicht helfen. Ich hatte allerdings eine Zeitlang ein
Interesse an dir, aber das ist jetzt vorbei. Du bist wirklich nichts
als ein schlechter, feiger Kerl. Gewiß nichts anderes. Was soll mich
da noch an dich halten! Früher glaubte ich immer, daß ich für dich
ein Wort, eine Empfindung finden müßte, die dich anders bezeichnete;
aber es gibt wirklich nichts Bezeichnenderes, als zu sagen, daß du
schlecht und feig bist. Das ist so einfach, so nichtssagend und doch
alles, was man vermag. Was ich früher anderes von dir wollte, habe
ich vergessen, seit du dich mit deinen geilen Bitten dazwischen
gedrängt hast. Ich wollte einen Punkt finden, fern von dir, um dich von
dort anzusehen ... das war mein Interesse an dir; du selbst hast es
zerstört ... doch genug; ich bin dir ja keine Erklärung schuldig.
Nur eines noch: Wie ist dir jetzt zumute?«
»Wie soll mir zumute sein? Ich kann es nicht länger ertragen.«
»Sie machen jetzt wohl sehr Arges mit dir, und es schmerzt dich?«
»Ja.«
»Aber so ganz einfach ein Schmerz? Du fühlst, daß du leidest, und du
willst dem entgehen? Ganz einfach und ohne Komplikation?«
Basini fand keine Antwort.
»Nun ja, ich frage nur so nebenher, nicht genau genug. Aber das ist
ja gleichgültig. Ich habe nichts mehr mit dir zu tun; ich sagte es
schon. Ich vermag in deiner Gesellschaft nicht das geringste mehr zu
fühlen. Mach, was du willst ...«
Törleß wollte gehen.
Da riß sich Basini die Kleider vom Leibe und drängte sich an Törleß
heran. Sein Körper war von Striemen überzogen -- widerwärtig. Seine
Bewegung elend wie die eines ungeschickten Freudenmädchens. Ekelnd
wandte sich Törleß ab.
Er hatte aber kaum die ersten Schritte in das Dunkel hineingetan, als
er auf Reiting stieß.
»Was ist das, du hast geheime Zusammenkünfte mit Basini?«
Törleß folgte dem Blicke Reitings und sah auf Basini zurück. Gerade an
der Stelle, wo dieser stand, fiel von einer Dachlucke her ein breiter
Balken Mondlicht ein. Die bläulich überhauchte Haut mit den wunden
Malen sah darin aus wie die eines Aussätzigen. Unwillkürlich suchte
sich Törleß für diesen Anblick zu entschuldigen.
»Er hat mich darum gebeten.«
»Was will er?«
»Ich soll ihn beschützen.«
»Na, da ist er ja an den Richtigen gekommen.«
»Vielleicht würde ich es doch tun, aber mir ist die ganze Geschichte
langweilig.«
Reiting sah unangenehm betroffen auf, dann fuhr er zornig Basini an.
»Wir werden dich schon lehren, Heimlichkeiten gegen uns anzustiften!
Dein Schutzengel Törleß wird selbst zusehen und sein Vergnügen daran
haben.«
Törleß hatte sich bereits abgewandt gehabt, aber diese offenbar an
seine Adresse gerichtete Bosheit hielt ihn, ohne daß er überlegte,
zurück.
»Höre, Reiting, das werde ich nicht tun. Ich will nichts mehr damit
zu schaffen haben; mir ist das Ganze zuwider.«
»Auf einmal?«
»Ja, auf einmal. Denn früher suchte ich hinter all dem etwas ...«
Warum nur drängte sich ihm dies jetzt wieder beständig auf ...
»Aha, das zweite Gesicht.«
»Jawohl; jetzt aber sehe ich nur, daß du und Beineberg abgeschmackt
roh seid.«
»O, du sollst sehen, wie Basini Kot frißt«, witzelte Reiting.
»Das interessiert mich jetzt nicht mehr.«
»Hat dich aber doch ...!«
»Ich sagte dir schon, nur solange mir Basinis Zustand dabei ein Rätsel
war.«
»Und jetzt?«
»Ich weiß jetzt nichts von Rätseln. Alles geschieht: Das ist die ganze
Weisheit.« Törleß wunderte sich, daß ihm auf einmal wieder Gleichnisse
einfielen, die sich jenem verloren gegangenen Empfindungskreise
näherten. Als Reiting spöttisch erwiderte, »nun diese Weisheit
braucht man wohl nicht erst weit her zu holen,« schoß daher in ihm
ein zorniges Gefühl der Überlegenheit empor und legte ihm harte
Worte in den Mund. Für einen Augenblick verachtete er Reiting so
sehr, daß er ihn am liebsten mit Füßen getreten hätte.
»Spotten magst du; was aber _ihr_ jetzt treibt, ist nichts als eine
gedankenlose, öde, ekelhafte Quälerei!«
Reiting warf einen Seitenblick auf den aufhorchenden Basini.
»Halte dich zurück, Törleß!«
»Ekelhaft, schmutzig -- du hast es gehört!«
Jetzt brauste auch Reiting auf.
»Ich verbiete dir, uns hier vor Basini zu beschimpfen!«
»Ach was. Du hast nichts zu verbieten! Die Zeit ist vorbei. Ich hatte
einmal vor dir und Beineberg Respekt, jetzt sehe ich aber, was ihr
gegen mich seid. Stumpfsinnige, widerwärtige, tierische Narren!«
»Halt deinen Mund, oder ...!!« Reiting schien auf Törleß zuspringen
zu wollen. Törleß wich einen Schritt zurück und schrie ihn an: »Glaubst
du, ich werde mich mit dir prügeln?! Dafür steht mir Basini nicht. Mach
mit ihm, was du willst, aber laß mich jetzt vorbei!!«
Reiting schien sich eines besseren als seines Dreinschlagens besonnen
zu haben und trat zur Seite. Nicht einmal Basini rührte er an. Aber
Törleß, der ihn kannte, wußte nun, daß hinter seinem Rücken eine
bösartige Gefahr drohe.
* * * * *
Schon am zweitnächsten Nachmittage traten Reiting und Beineberg auf
Törleß zu.
Dieser bemerkte den bösen Ausdruck ihrer Augen. Offenbar trug Beineberg
den lächerlichen Zusammenbruch seiner Prophezeiungen nun ihm nach und
Reiting mochte ihn überdies bearbeitet haben.
»Wie ich hörte, hast du uns beschimpft. Noch dazu vor Basini. Weswegen?«
Törleß gab keine Antwort.
»Du weißt, daß wir uns solches nicht bieten lassen. Weil aber du es
bist, dessen launenhafte Einfälle wir ja gewöhnt sind und nicht hoch
anschlagen, wollen wir die Sache ruhen lassen. Nur eines mußt du
tun.« Trotz dieser freundlichen Worte war etwas böse Wartendes in
Beinebergs Augen.
»Basini kommt heute Nacht in die Kammer; wir werden ihn dafür
züchtigen, daß er dich aufhetzte. Wenn du uns weggehen siehst, komme
nach.«
Aber Törleß sagte nein: »... Ihr könnt machen, was ihr wollt; mich
müßt ihr dabei aus dem Spiele lassen.«
»Wir werden heute Nacht Basini noch genießen, morgen liefern wir ihn
der Klasse aus, denn er beginnt sich aufzulehnen.«
»Macht, was ihr wollt.«
»Du wirst aber dabei sein.«
»Nein.«
»Gerade vor dir muß Basini sehen, daß ihm nichts gegen uns helfen
kann. Gestern weigerte er sich schon unsere Befehle auszuführen; wir
haben ihn halbtot geschlagen und er blieb dabei. Wir müssen wieder zu
moralischen Mitteln greifen, ihn erst vor dir, dann vor der Klasse
demütigen.«
»Ich werde aber nicht dabei sein!«
»Warum?«
»Nein.«
Beineberg schöpfte Atem; es sah aus, als wolle er Gift auf seinen
Lippen sammeln, dann trat er ganz nahe an Törleß heran.
»Glaubst du wirklich, daß wir nicht wissen, warum? Denkst du, wir
wissen nicht, wie weit du dich mit Basini eingelassen hast?«
»Nicht weiter als ihr.«
»So. Und da würde er gerade dich zu seinem Schutzpatron erwählt haben?
Was? -- Gerade zu dir würde ihn das große Zutrauen erfaßt haben? Für
so dumm wirst du uns doch nicht halten.«
Törleß wurde zornig. »Wißt, was ihr wollt, mich aber laßt jetzt mit
euren dreckigen Geschichten in Ruhe.«
»Wirst du schon wieder grob?!«
»Ihr ekelt mich an! Eure Gemeinheit ist ohne Sinn! Das ist das
Widerwärtige an euch.«
»So höre. Du solltest uns für so manches zur Dankbarkeit verpflichtet
sein. Wenn du glaubst, dich trotzdem jetzt über uns erheben zu können,
die wir deine Lehrmeister waren, so irrst du dich arg. Kommst du heute
abend mit oder nicht??«
»Nein!«
»Mein lieber Törleß, wenn du dich gegen uns auflehnst und nicht
kommst, so wird es dir gerade so gehen wie Basini. Du weißt, in
welcher Situation dich Reiting getroffen hat. Das genügt. Ob wir
mehr oder weniger getan haben, wird dir wenig nützen. Wir werden
alles gegen dich wenden. Du bist in solchen Dingen lange zu dumm und
unentschlossen, um dagegen aufkommen zu können.
Wenn du dich also nicht rechtzeitig besinnst, stellen wir dich der
Klasse als den Mitschuldigen Basinis hin. Dann mag er dich beschützen.
Verstanden?«
Wie ein Unwetter war diese Flut von Drohungen, bald von Beineberg,
bald von Reiting, bald von beiden zugleich hervorgestoßen, über Törleß
weggerauscht. Als die beiden fort waren, rieb er sich die Augen,
als hätte er geträumt. Aber Reiting kannte er; der war im Zorne der
größten Niedertracht fähig und Törleß' Schimpf und Auflehnung schienen
ihn tief verletzt zu haben. Und Beineberg? Er hatte ausgesehen, als
zitterte er unter einem jahrelang verhaltenen Hasse ... und das doch
nur, weil er sich vor Törleß böse blamiert hatte.
Doch je tragischer sich die Ereignisse über seinem Kopfe zusammenzogen,
desto gleichgültiger und mechanischer schienen sie Törleß. Er hatte vor
den Drohungen Angst. Das ja; aber weiter nichts. Die Gefahr hatte ihn
mitten in das Wirbeln der Wirklichkeit gezogen.
Er legte sich zu Bett. Er sah Beineberg und Reiting weggehen und den
müden Schritt Basinis vorbeischlürfen. Aber er ging nicht mit.
Doch marterten ihn schreckliche Vorstellungen. Zum ersten Male dachte
er wieder mit einiger Innigkeit an seine Eltern. Er fühlte, daß er
diesen ruhigen, gesicherten Boden brauche, um das zu festigen und
auszureifen, was ihm bisher nur Verlegenheiten gebracht hatte.
Was aber war das? Er hatte keine Zeit darüber nachzudenken und über
die Ereignisse zu grübeln. Nur eine leidenschaftliche Sehnsucht
fühlte er, aus diesen wirren, trudelnden Verhältnissen herauszukommen,
eine Sehnsucht nach Stille, nach Büchern war in ihm. Als sei seine
Seele schwarze Erde, unter der sich die Keime schon regen, ohne daß
man noch weiß, wie sie herausbrechen werden. Das Bild eines Gärtners
drängte sich ihm auf, der jeden Morgen seine Beete begießt, mit
gleichmäßiger, zuwartender Freundlichkeit. Dieses Bild ließ ihn
nicht los, seine zuwartende Sicherheit schien alle Sehnsucht auf
sich zu sammeln. Nur so darf es kommen! Nur so! fühlte Törleß und über
alle Angst und alle Bedenken sprang die Überzeugung hinweg, daß er
alles daran setzen müsse, diesen Seelenzustand zu erreichen.
Nur über das, was zunächst zu geschehen habe, war er sich noch
nicht klar. Denn vor allen Dingen wurde durch diese Sehnsucht nach
friedlicher Vertiefung sein Abscheu vor dem bevorstehenden
Intrigenspiel nur noch verstärkt. Auch hatte er wirkliche Angst vor
der ihm auflauernden Rache. Sollten die beiden wirklich versuchen, ihn
vor der Klasse anzuschwärzen, so würde ihn die Gegenarbeit einen
ungeheuren Aufwand von Energie kosten, um den es ihm gerade jetzt leid
tat. Und dann, selbst wenn er nur an diesen Wirrwarr, an dieses
jedes höheren Wertes bare Sichstoßen mit fremden Absichten und
Willenskräften dachte, überlief ihn ein Ekel.
Da fiel ihm ein Brief ein, den er lange vorher von zu Hause erhalten
hatte. Es war die Antwort auf einen von ihm an die Eltern gerichteten,
in dem er damals, so gut es gehen mochte, von seinen sonderbaren
Seelenzuständen berichtet hatte, bevor noch die Episode mit der
Sinnlichkeit eingetreten war. Es war wieder eine recht hausbackene
Antwort, voll rechtschaffener, langweiliger Ethik gewesen und riet
ihm, Basini zu bewegen, daß er sich selbst stelle, damit dieser
unwürdige, gefährliche Zustand seiner Abhängigkeit ein Ende finde.
Diesen Brief hatte Törleß später wieder gelesen, als Basini nackt neben
ihm auf den weichen Decken der Kammer lag. Und es hatte ihm eine
besondere Lust bereitet, diese schwerfälligen, einfachen, nüchternen
Worte auf der Zunge zergehen zu lassen, während er sich dachte, daß
seine Eltern wohl durch das allzu Taghelle ihres Daseins blind gegen
das Dunkel seien, in dem seine Seele augenblicks wie eine geschmeidige
Raubkatze kauerte.
Heute aber langte er ganz anders nach dieser Stelle, als sie ihm wieder
einfiel.
Eine angenehme Beruhigung breitete sich über ihn, als hätte er die
Berührung einer festen, gütigen Hand gefühlt. Die Entscheidung war
in diesem Augenblick gefallen. Ein Gedanke war in ihm aufgeblitzt,
und er hatte ihn bedenkenlos ergriffen, gleichsam unter dem Patronate
seiner Eltern.
Er blieb wach liegen, bis die drei zurückkamen. Dann wartete er, bis
er an den gleichmäßigen Atemzügen hörte, daß sie schliefen. Nun riß er
hastig ein Blatt aus seinem Notizbuche und schrieb bei dem ungewissen
Lichte der Nachtlampe in großen, schwankenden Buchstaben darauf:
'Sie werden dich morgen der Klasse ausliefern, und es steht
dir Fürchterliches bevor. Der einzige Ausweg ist, daß du dich
selbst dem Direktor anzeigst. Zu Ohren würde es ihm ja auch
ohnedies kommen, nur daß man dich vorher noch halbtot prügeln
würde.
Schiebe alles auf R. und B. und schweige von mir.