Nachdem sie einige Zeit geschwiegen hatten, sagte Törleß: »Wie willst
du es denn eigentlich anpacken, deiner Seele habhaft zu werden?«
»Das will ich dir jetzt nicht auseinandersetzen, da ich es ohnedies
vor Basini werde tun müssen.«
»Aber beiläufig kannst du es wenigstens sagen.«
»Nun ja. Die Geschichte lehrt, daß es hiezu nur einen Weg gibt: die
Versenkung in sich selbst. Nur ist das eben das Schwierige. Die alten
Heiligen zum Beispiel, zu der Zeit, wo die Seele sich noch in Wundern
äußerte, konnten dieses Ziel durch inbrünstiges Gebet erreichen.
Zu jener Zeit war eben die Seele von anderer Art, denn heute versagt
dieser Weg. Heute wissen wir nicht, was wir tun sollen; die Seele
hat sich verändert, und es liegen leider Zeiten dazwischen, wo man dem
nicht die richtige Aufmerksamkeit gewidmet hat und der Zusammenhang
unwiederbringlich verloren ging. Einen neuen Weg können wir nur durch
sorgfältigste Überlegung finden. Hiemit habe ich mich während der
letzten Zeit intensiv beschäftigt. Am nächsten dürfte man wohl mit
Hilfe der Hypnose gelangen. Nur ist es noch nie versucht worden.
Man macht da immer nur so alltägliche Kunststückchen, weswegen die
Methoden noch nicht daraufhin erprobt sind, ob sie auch zu Höherem
führen. Das letzte, was ich hierüber jetzt schon sage, ist, daß ich
Basini nicht nach dieser landläufigen Art hypnotisieren werde,
sondern nach meiner eigenen, die, wenn ich nicht irre, einer schon
im Mittelalter angewandten ähnlich ist.«
»Ist dieser Beineberg nicht kostbar?« lachte Reiting. »Nur hätte er
zur Zeit der Weltuntergangsprophezeiungen leben sollen, dann hätte
er am Ende wirklich geglaubt, daß es seine Seelenmagie gewesen sei,
deretwegen die Welt bestehen blieb.«
Als Törleß auf diesen Spott hin Beineberg ansah, bemerkte er, daß
dessen Gesicht ganz starr wie in krampfhafter Aufmerksamkeit verzerrt
war. Im nächsten Augenblick fühlte er sich von eiskalten Fingern
gefaßt. Törleß erschrak über diese hochgradige Aufregung; dann löste
sich die Spannung der ihn umklammernden Hand. »O es war nichts. Nur
ein Gedanke. Mir war als sollte mir etwas Besonderes einfallen, ein
Fingerzeig, wie es zu machen sei ...«
»Hörst du, du bist wirklich ein wenig angegriffen,« sagte Reiting in
jovialer Weise, »sonst warst du doch ein eiserner Kerl und betriebst
so etwas nur als Sport; jetzt aber bist du wie ein Frauenzimmer.«
»Ach was -- du hast eben keine Ahnung, was das heißt, solche Dinge in
der Nähe zu wissen, jeden Tag schon vor ihrem Besitze zu stehen!«
»Streitet nicht,« sagte Törleß -- er war im Laufe der wenigen Wochen
weit fester und energischer geworden -- »meinetwegen kann jeder
machen, was er will; ich glaube an gar nichts. Weder deinen geriebenen
Quälereien, Reiting, noch Beinebergs Hoffnungen. Und selbst weiß
ich nichts zu sagen. Ich warte ab, was ihr herausbringt.«
»Wann also?«
Es wurde die zweitnächste Nacht bestimmt.
* * * * *
Törleß ließ sie widerstandslos an sich herankommen. In dieser
neuentstandenen Situation war auch sein Gefühl für Basini völlig
erkaltet. Das war sogar eine ganz glückliche Lösung, weil sie
wenigstens mit einem Schlage von dem Schwanken zwischen Beschämung
und Begierde befreite, aus dem Törleß durch eigene Kraft nicht
herauskam. Jetzt hatte er wenigstens einen geraden, klaren Widerwillen
gegen Basini, als ob die diesem zugedachten Demütigungen auch ihn
beschmutzen könnten.
Im übrigen war er zerstreut und mochte an nichts ernst denken; am
allerwenigsten an das, was ihn einst so beschäftigte.
Erst als er mit Reiting die Treppe zum Boden hinaufstieg, während
Beineberg mit Basini schon vorausgegangen war, wurde die Erinnerung
an das einst in ihm Gewesene lebhafter. Die selbstbewußten Worte
wollten ihm nicht aus dem Kopfe, die er in dieser Angelegenheit
Beineberg vorgeworfen hatte, und er sehnte sich diese Zuversicht
wieder zu gewinnen. Zögernd hielt er auf jeder Stufe den Fuß zurück.
Aber die alte Gewißheit kehrte nicht wieder. Er erinnerte sich zwar
aller Gedanken, die er damals gehabt hatte, aber sie schienen ferne an
ihm vorüberzugehen, als seien sie nur die Schattenbilder des einst
Gedachten.
Schließlich, da er in sich nichts fand, richtete sich seine Neugierde
wieder auf die Ereignisse, die von außen kommen sollten, und trieb ihn
vorwärts.
Mit raschen Schritten eilte er hinter Reiting die übrigen Stufen hinauf.
Während sich die eiserne Tür knarrend hinter ihnen schloß, fühlte
er seufzend, daß Beinebergs Vorhaben zwar auch nur ein lächerlicher
Hokuspokus sei, aber doch wenigstens etwas Festes und Überlegtes,
während in ihm alles in undurchsichtiger Verwirrung lag.
Auf einem querlaufenden Balken nahmen sie Platz -- in erwartungsvoller
Spannung wie in einem Theater.
Beineberg war mit Basini schon da.
Die Situation schien seinem Vorhaben günstig. Das Dunkel, die abgestandene
Luft, der faule, süßliche Geruch, der den Wasserbottichen entströmte,
schufen ein Gefühl des Einschlafens, Nichtmehraufwachenkönnens, eine
müde, lässige Trägheit.
Beineberg hieß Basini sich zu entkleiden. Die Nacktheit hatte jetzt
in dem Dunkel einen bläulichen, faulen Schimmer und wirkte durchaus
nicht erregend.
Plötzlich zog Beineberg den Revolver aus der Tasche und hielt ihn gegen
Basini.
Selbst Reiting neigte sich da vor, um jeden Augenblick dazwischen
springen zu können.
Aber Beineberg lächelte. Eigentümlich verzerrt; so als ob er es gar
nicht wollte, sondern nur das Heraufdrängen irgendwelcher fanatischer
Worte seine Lippen zur Seite geschoben hätte.
Basini war wie gelähmt in die Knie gesunken und starrte mit angstvoll
aufgerissenen Augen die Waffe an.
»Steh auf«, sagte Beineberg, »wenn du alles genau befolgst, was ich
dir sage, soll dir kein Leid geschehen, wie du mich aber durch den
geringsten Widerspruch störst, schieße ich dich nieder. Merk dir das!
Ich werde dich allerdings auch so töten, aber du wirst wieder zum Leben
zurückkommen. Das Sterben ist uns nicht so fremd, wie du meinst; wir
sterben täglich -- im tiefen, traumlosen Schlafe.«
Wieder verzog das wirre Lächeln Beinebergs Mund.
»Knie dich jetzt da oben hin,« -- in halber Höhe lief ein breiter,
wagrechter Balken, -- »so -- ganz aufrecht -- halte dich völlig gerade
-- das Kreuz mußt du einziehen. Und jetzt schau fort da drauf; aber
ohne zu blinzeln, die Augen mußt du so weit öffnen, als du nur kannst!«
Beineberg stellte eine kleine Spiritusflamme so vor ihn hin, daß er
den Kopf ein wenig zurückbeugen mußte, um voll hineinzusehen.
Man konnte nicht viel wahrnehmen, aber nach einiger Zeit schien Basinis
Körper zu beginnen, wie ein Pendel hin und her zu schwingen. Die
bläulichen Reflexe bewegten sich auf seiner Haut auf und ab. Hie und
da glaubte Törleß Basinis Gesicht mit einem ängstlich verzerrten
Ausdrucke wahrzunehmen.