»Ja, ich quäle dich. Aber nicht darum ist es mir; ich will nur eines
wissen: Wenn ich all das wie Messer in dich hineinstoße, was ist in
dir? Was vollzieht sich in dir? Zerspringt etwas in dir? Sag! Jäh
wie ein Glas, das plötzlich in tausend Splitter geht, bevor sich
noch ein Sprung gezeigt hat? Das Bild, das du dir von dir gemacht hast,
verlöscht es nicht mit einem Hauche; springt nicht ein anderes an seine
Stelle, wie die Bilder der Zauberlaternen aus dem Dunkel springen?
Verstehst du mich denn gar nicht? Näher erklären kann ich's dir nicht;
du mußt mir selbst sagen!...«
Basini weinte ohne aufzuhören. Seine mädchenhaften Schultern zuckten;
er brachte immer nur dasselbe hervor. »Ich weiß nicht, was du willst;
ich kann dir nichts erklären; es geschieht im Augenblicke; es kann dann
gar nicht anders geschehen; du würdest ebenso handeln wie ich.«
Törleß schwieg. Er blieb erschöpft, reglos an der Wand lehnen und
starrte vor sich hin, geradeaus ins Leere.
»Wenn du in meiner Situation wärest, würdest du geradeso handeln«,
hatte Basini gesagt. Da war das Geschehene als eine einfache
Notwendigkeit, ruhig und ohne Verzerrung.
Törleß' Selbstbewußtsein lehnte sich in heller Verachtung selbst
gegen die bloße Zumutung auf. Und doch schien ihm diese Auflehnung
seines ganzen Wesens keine befriedigende Gewähr zu bieten. »... ja,
ich würde mehr Charakter haben als er, ich würde solche Zumutungen
nicht ertragen -- aber ist dies auch von Belang? Ist es von Belang,
daß ich aus Festigkeit, aus Anständigkeit, aus lauter Gründen, die
mir jetzt ganz nebensächlich sind, anders handeln würde? Nein, nicht
daran liegt's, wie ich handeln würde, sondern daran, daß ich, wenn ich
einmal wirklich so handelte wie Basini, ebensowenig Außergewöhnliches
dabei empfinden würde wie er. Dies ist das eigentliche: Mein Gefühl
meiner selbst würde genau so einfach und von allem Fragwürdigen
entfernt sein wie das seine ...«
Dieser Gedanke, welcher -- in abgerissenen, übereinander greifenden,
immer wieder von vorne anfangenden Sätzen gedacht -- der Verachtung
für Basini einen ganz intimen, leisen, aber weit tiefer als Moral
an das innerste Gleichgewicht rührenden Schmerz hinzufügte, kam von
der Erinnerung an eine kurz vorher gehabte Empfindung, die Törleß
nicht losließ. Als ihm nämlich durch Basini die möglicherweise von
Reiting und Beineberg drohende Gefahr zur Kenntnis kam, war er einfach
erschrocken. Einfach erschrocken, wie bei einem Überfall, und hatte
ohne Überlegen blitzschnell nach Paraden und Deckungen gesucht. Das
war nun im Augenblicke einer wirklichen Gefahr gewesen; und die
Empfindung, die er dabei gehabt hatte, reizte ihn. Diese raschen,
gedankenlosen Impulse. Er versuchte ganz vergebens sie wieder in
sich auszulösen. Aber er wußte, daß sie der Gefahr augenblicks alles
Sonderbare und Zweideutige benommen hatten.
Und doch war es dieselbe Gefahr gewesen, die er vor einigen Wochen
erst an derselben Stelle geahnt hatte. Damals, als er so eigens wegen
der Kammer erschrocken war, die wie ein vergessenes Mittelalter abseits
von dem warmen und hellen Leben der Lehrsäle lag, über Beineberg und
Reiting, weil sie aus den Menschen, die sie dort waren, plötzlich etwas
anderes, Düsteres, Blutgieriges, Personen in einem ganz anderen Leben
geworden zu sein schienen. Damals war dies eine Verwandlung, ein
Sprung für Törleß, als ob das Bild seiner Umgebung plötzlich in andere,
aus hundertjährigem Schlafe erwachte Augen fiele.
Und doch war es dieselbe Gefahr gewesen ... Unaufhörlich wiederholte
er sich dies. Und immer wieder versuchte er die Erinnerungen der beiden
verschiedenen Empfindungen miteinander zu vergleichen .................
Basini hatte sich mittlerweile längst aufgerichtet; er bemerkte den
stieren, geistesabwesenden Blick seines Gefährten, leise nahm er seine
Kleider auf und schlich sich davon.
Törleß sah es -- wie durch einen Nebel hindurch -- aber er ließ es
wortlos geschehen.
Seine Aufmerksamkeit war ganz durch das Bestreben gefesselt, jenen
Punkt in ihm wieder aufzufinden, wo plötzlich jener Wechsel in der
innerlichen Perspektive stattgefunden hatte.
Aber so oft er in dessen Nähe kam, erging es ihm wie einem, der Nahes
mit Fernem vergleichen will: er erhaschte nie die Erinnerungsbilder
beider Gefühle zugleich, sondern jedesmal ging wie ein leiser
Knacks zwischendurch ein Gefühl, wie es im Körperlichen etwa den
kaum merkbaren Muskelempfindungen entspricht, die das Einstellen
des Blickes begleiten. Und jedesmal beanspruchte dies gerade im
entscheidenden Momente die Aufmerksamkeit für sich, die Tätigkeit
des Vergleiches drängte sich vor den Gegenstand des Vergleiches, es
gab einen kaum fühlbaren Ruck -- und alles stand still.
Und immer wieder begann Törleß von neuem.
Dieser Prozeß von mechanischer Gleichmäßigkeit schläferte ihn in einen
starren, wachen, eiskalten Schlaf, der ihn reglos an seinem Platze
festhielt. Unbestimmt lange.
Erst ein Gedanke weckte Törleß auf wie die leise Berührung einer warmen
Hand. Ein anscheinend so selbstverständlicher Gedanke, daß sich Törleß
wunderte, nicht schon längst darauf verfallen zu sein.
Ein Gedanke, der gar nichts tat, als die eben gemachte Erfahrung
registrieren: es kommt immer einfach, unverzerrt, in natürlichen,
alltäglichen Proportionen, was von ferne so groß und geheimnisvoll
aussieht. So als ob eine unsichtbare Grenze um den Menschen gezogen
wäre. Was sich außerhalb vorbereitet und von ferne herannaht, ist wie
ein nebliges Meer voll riesenhafter, wechselnder Gestalten; was an
ihn herantritt, Handlung wird, an seinem Leben sich stößt, ist klar
und klein, von menschlichen Dimensionen und menschlichen Linien. Und
zwischen dem Leben, das man lebt, und dem Leben, das man fühlt, ahnt,
von ferne sieht, liegt wie ein enges Tor die unsichtbare Grenze, in dem
sich die Bilder der Ereignisse zusammendrücken müssen, um in den
Menschen einzugehen.
* * * * *
Und doch, so sehr dies seiner Erfahrung entsprach, beugte Törleß
nachdenklich den Kopf.
»Ein sonderbarer Gedanke -- -- -- --« fühlte er.
* * * * *
Endlich lag er in seinem Bett. Er dachte an gar nichts mehr, denn
das Denken fiel so schwer und war so fruchtlos. Was er über die
Heimlichkeiten seiner Freunde erfahren hatte, zog ihm zwar durch
den Sinn, aber so gleichgültig und leblos wie eine Nachricht, die
man in einer fremden Zeitung liest.
Von Basini war nichts mehr zu hoffen. Freilich, sein Problem! -- Aber
es war so fraglich und er so müde und so zerschlagen. Eine Täuschung
vielleicht -- das Ganze.
Nur der Anblick Basinis, seiner nackten, leuchtenden Haut, duftete wie
ein Fliederstrauch in das Dämmern der Empfindungen, das dem Schlafe
vorausging. Sogar aller moralische Abscheu verlor sich. Schließlich
schlief Törleß ein.
* * * * *
Kein Traum zog durch seine Ruhe. Aber eine unendlich angenehme Wärme
breitete weiche Teppiche unter seinen Leib. Schließlich wachte er
darüber auf. Und beinahe hätte er einen Schrei ausgestoßen. An seinem
Bette saß Basini! Und mit rasender Behendigkeit löste dieser im
nächsten Augenblicke das Hemd von seinem Leibe, schmiegte sich unter
die Decke und preßte seinen nackten, zitternden Leib an Törleß an.
Kaum hatte sich Törleß in diesem Überfalle zurechtgefunden, als er
Basini von sich stieß.
»Was fällt dir denn ein ...?!«
Doch Basini bettelte. »O, sei nicht wieder so! So wie du ist keiner.
Sie verachten mich nicht so wie du; sie tun dies nur scheinbar, damit
sie dann desto anders sein können. Aber du? Gerade du ...?!... Du bist
sogar jünger als ich, wenn du auch stärker bist; ... wir sind beide
jünger als die anderen; ... du bist nicht so roh und prahlerisch wie
sie; ... du bist sanft; ... ich liebe dich ...!«
»Was -- was sagst du? Was soll ich mit dir? Geh -- so geh doch weg!«
Und Törleß stemmte gequält seinen Arm gegen Basinis Schulter. Aber die
heiße Nähe der weichen, fremden Haut verfolgte ihn und umschloß ihn
und erstickte ihn. Und in einem fort flüsterte Basini .. »Doch .. doch
.. bitte .. o, es wäre mir ein Genuß, dir zu dienen.«
* * * * *
Törleß fand keine Antwort. Während Basini sprach, während der Sekunden
des Zweifelns und Überlegens, war es wieder wie ein tief grünes Meer
über seine Sinne gesunken. Nur Basinis bewegliche Worte leuchteten
darinnen auf wie das Blinken silberner Fischchen.
Noch immer hielt er seine Arme gegen Basinis Körper gestemmt. Aber
auf ihnen lag es wie eine feuchte, schwere Wärme; ihre Muskeln
erschlafften; er vergaß ihrer ... Nur wenn ihn ein neues der zuckenden
Worte traf, wachte er auf, weil er plötzlich fühlte -- wie etwas
schrecklich Unfaßbares -- daß eben -- wie im Traum -- seine Hände
Basini näher gezogen hatten.
Dann wollte er sich aufrütteln, sich zuschreien: Basini betrügt dich;
er will dich nur zu sich hinabziehen, damit du ihn nicht mehr verachten
kannst. Aber der Schrei erstickte; kein Laut lebte in dem weiten
Hause; in allen Gängen schienen die dunklen Fluten des Schweigens
unbeweglich zu schlafen.
Er wollte zu sich selbst zurückfinden: aber wie schwarze Wächter lagen
sie vor allen Toren.
Da suchte Törleß kein Wort mehr. Die Sinnlichkeit, die sich nach und
nach aus den einzelnen Augenblicken der Verzweiflung in ihn gestohlen
hatte, war jetzt zu ihrer vollen Größe erwacht. Sie lag nackt neben
ihm und deckte ihm mit ihrem weichen schwarzen Mantel das Haupt zu.
Und sie raunte ihm süße Worte der Resignation ins Ohr und schob mit
ihren warmen Fingern alle Fragen und Aufgaben als vergebens weg. Und
sie flüsterte: in der Einsamkeit ist alles erlaubt.
Nur in dem Augenblicke, als es ihn fortriß, wachte er sekundenlang
auf und klammerte sich verzweifelt an den einen Gedanken: Das bin
nicht ich!... nicht ich!... Morgen erst wieder werde ich es sein!...
Morgen ...
* * * * *
Dienstag abends kehrten die ersten Zöglinge zurück. Ein anderer Teil
kam erst mit den Nachtzügen. Es war eine beständige Unruhe im Hause.
Törleß empfing seine Freunde unwirsch und verdrossen; er hatte
nicht vergessen. Und dann brachten sie auch etwas so Frisches und
Weltmännisches von außen mit. Das beschämte ihn, der jetzt die
drückende Luft enger Stuben liebte.
Er schämte sich jetzt überhaupt häufig. Aber nicht eigentlich deswegen,
wozu er sich hatte verführen lassen, -- denn dies ist in Instituten
nichts so Seltenes, -- als weil er sich nun tatsächlich einer Art
Zärtlichkeit für Basini nicht erwehren konnte und andererseits
eindringlicher denn je empfand, wie verachtet und erniedrigt dieser
Mensch war.
Er hatte des öfteren heimliche Zusammenkünfte mit ihm. Er führte ihn in
alle Verstecke, die er durch Beineberg kannte, und da er selbst auf
solchen Schleichwegen nicht geschickt war, fand sich Basini bald besser
zurecht als er und wurde zum Führer.
Des Nachts aber ließ ihn eine Eifersucht, mit der er Beineberg und
Reiting bewachte, nicht zur Ruhe kommen.
Die beiden hielten sich jedoch von Basini zurück. Vielleicht langweilte
er sie bereits. Jedenfalls schien mit ihnen eine Veränderung vor sich
gegangen zu sein. Beineberg war finster und verschlossen; wenn er
sprach, so handelte es sich um geheimnisvolle Andeutungen von etwas
Bevorstehendem. Reiting hatte sein Interesse scheinbar wieder anderen
Dingen zugewandt; er flocht mit gewohnter Geschicklichkeit das Netz zu
irgendeiner Intrige, indem er die einen durch kleine Gefälligkeiten
zu gewinnen suchte und die anderen dadurch schreckte, daß er sich
durch heimliche List zum Mitwisser ihrer Geheimnisse machte.
Wenn sie zu dritt beisammen waren, drangen die beiden darauf, daß
Basini nächstens wieder in die Kammer oder auf den Boden befohlen werde.
Törleß suchte es durch allerhand Ausflüchte hinauszuschieben, litt
dabei aber beständig unter dieser heimlichen Anteilnahme.
Vor wenigen Wochen noch hätte er einen solchen Zustand überhaupt nicht
verstanden, denn schon von den Eltern her war er kräftig, gesund und
natürlich.
Aber man darf auch wirklich nicht glauben, daß Basini in Törleß ein
richtiges und -- wenn auch noch so flüchtig und verirrt -- wirkliches
Begehren erregte. Es war allerdings etwas wie Leidenschaft in Törleß
erwacht, aber Liebe war ganz gewiß nur ein zufälliger, beiläufiger
Name dafür, und der Mensch Basini nicht mehr als ein stellvertretendes
und vorläufiges Ziel dieses Verlangens. Denn wenn sich Törleß auch
mit ihm gemein machte, sein Begehren sättigte sich niemals an ihm,
sondern wuchs zu einem neuen, ziellosen Hunger über Basini hinaus.
* * * * *
Vorerst war es überhaupt nur die Nacktheit des schlanken Knabenkörpers
gewesen, die ihn geblendet hatte.
Der Eindruck war nicht anders, als wäre er den nur schönen, von
allem Geschlechtlichen noch fernen Formen eines ganz jungen Mädchens
gegenüber gestanden. Eine Überwältigung. Ein Staunen. Und die Reinheit,
die unwillkürlich von diesem Zustande ausging, war es, die den Schein
einer Neigung, -- dieses neue wunderbar unruhige Gefühl in sein
Verhältnis zu Basini trug. Alles andere aber hatte damit wenig zu
tun. Dieses übrige des Begehrens war schon längst, -- war schon bei
Bozena und noch viel früher dagewesen. Es war die heimliche, ziellose,
auf niemanden bezogene, melancholische Sinnlichkeit des Heranreifenden,
welche wie die feuchte, schwarze, keimtragende Erde im Frühjahr ist und
wie dunkle unterirdische Gewässer, die nur eines zufälligen Anlasses
bedürfen, um durch ihre Mauern zu brechen.
Der Auftritt, den Törleß erlebt hatte, war zu diesem Anlasse geworden.
Durch eine Überraschung, ein Mißverständnis, ein Verkennen des
Eindruckes wurden die verschwiegenen Verstecke, in denen sich alles
Heimliche, Verbotene, Schwüle, Ungewisse und Einsame von Törleß'
Seele gesammelt hatte, aufgestoßen und diesen dunklen Regungen die
Richtung gegen Basini erteilt. Denn da stießen sie mit einem Male
auf etwas, das warm war, atmete, duftete, Fleisch war, an dem diese
unbestimmt schweifenden Träume Gestalt gewannen und Teil seiner
Schönheit, statt der ätzenden Häßlichkeit, mit der sie Bozena in der
Einsamkeit gestäupt hatte. Das riß ihnen mit einem Schlage ein Tor
zum Leben auf und in dem entstehenden Zwielicht mengte sich alles,
Wünsche und Wirklichkeit, ausschweifende Phantasien und Eindrücke,
die noch die warmen Spuren des Lebens trugen, Empfindungen, die von
außen einfielen und Flammen, die ihnen von innen entgegenloderten
und sie bis zur Unkenntlichkeit einhüllten.
Aber dies alles war für Törleß selbst nicht mehr unterscheidbar und war
für ihn in einem einzigen, unklaren, ungegliederten Gefühl vereint,
das er in der ersten Überraschung wohl für Liebe nehmen mochte.
* * * * *
Bald aber lernte er es richtiger schätzen. Eine Unruhe trieb ihn
von da an rastlos umher. Er legte jedes Ding, das er berührte, kaum
ergriffen wieder weg. Er konnte kein Gespräch mit Kameraden führen,
ohne grundlos zu verstummen oder zerstreut mehrmals den Gegenstand zu
wechseln. Es kam auch vor, daß ihn mitten im Sprechen eine Welle der
Scham überflutete, so daß er rot wurde, zu stottern begann, sich
abwenden mußte ...
Er mied untertags Basini. Konnte er es nicht vermeiden ihn anzusehen,
so packte ihn fast immer eine Ernüchterung. Jede Bewegung Basinis
erfüllte ihn mit Ekel, die ungewissen Schatten seiner Illusionen
machten einer kalten, stumpfen Helle Platz, seine Seele schien
zusammenzuschrumpfen, bis nichts mehr übrig blieb als die Erinnerung an
ein früheres Begehren, das ihm unsagbar unverständig und widerwärtig
vorkam. Er stieß seinen Fuß gegen die Erde und krümmte seinen Leib
zusammen, nur um sich dieser schmerzhaften Scham zu entwinden.
Er fragte sich, was die anderen zu ihm sagen würden, wenn sie sein
Geheimnis wüßten, seine Eltern, seine Lehrer?
Mit dieser letzten Verwundung brachen seine Qualen aber regelmäßig
ab. Eine kühle Müdigkeit bemächtigte sich seiner; die heiße und
erschlaffte Haut seines Körpers spannte sich in einem wohligen Frösteln
wieder an. Er ließ dann still alle Menschen an sich vorbei. Aber eine
gewisse Mißachtung erfüllte ihn gegen alle. Im geheimen verdächtigte er
jeden, mit dem er sprach, der ärgsten Dinge.
Und überdies glaubte er, bei ihnen die Scham zu vermissen. Er glaubte
nicht, daß sie so litten, wie er es von sich wußte. Die Dornenkrone
seiner Gewissensbisse schien ihnen zu fehlen.
Er aber fühlte sich wie ein aus einer tiefen Agonie Erwachter. Wie ein
von den verschwiegenen Händen der Auflösung Gestreifter. Wie einer,
der die stille Weisheit einer langen Krankheit nicht vergessen kann.
In diesem Zustande fühlte er sich glücklich und die Augenblicke kamen
immer wieder, wo er sich nach ihm sehnte.
Sie begannen damit, daß er Basini wieder gleichgültig ansehen konnte
und das Abscheuliche und Gemeine mit einem Lächeln aushielt. Dann
wußte er, daß er sich erniedrigen werde, aber er unterschob dem einen
neuen Sinn. Je häßlicher und unwürdiger das war, was ihm Basini bot,
desto größer war der Gegensatz zu dem Gefühl einer leidenden Feinheit,
das sich nachher einzustellen pflegte.
Törleß zog sich in irgendeinen Winkel zurück, von dem aus er beobachten
konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Wenn er die Augen schloß, so
stieg ein ungewisses Drängen in ihm auf, und wenn er die Augen
öffnete, fand er nichts, was er damit hätte vergleichen können.
Und dann wuchs _plötzlich_ der Gedanke an Basini und riß alles an
sich. Bald verlor er dabei alles Bestimmte. Er schien nicht mehr
Törleß anzugehören und schien sich nicht mehr auf Basini zu beziehen.
Er war ganz von Gefühlen umrauscht, wie von lüsternen Frauen in
hochgeschlossenen Gewändern unter vorgebundenen Masken.
Törleß kannte kein einziges beim Namen, er wußte von keinem, was es
barg; aber gerade darin lag die berauschende Verlockung. Er kannte
sich selbst nicht mehr; und gerade daraus wuchs seine Lust zu wilder,
verachtender Ausschweifung, wie wenn bei einem galanten Feste plötzlich
die Lichter verlöschen und niemand mehr weiß, wen er zur Erde zieht
und mit Küssen bedeckt.
* * * * *
Törleß wurde später, nachdem er die Ereignisse seiner Jugend
überwunden hatte, ein junger Mann von sehr feinem und empfindsamem
Geiste. Er zählte dann zu jenen ästhetisch intellektuellen Naturen,
welchen die Beobachtung der Gesetze und wohl auch teilweise der
öffentlichen Moral eine Beruhigung gewährt, weil sie dadurch enthoben
sind, über etwas Grobes, von dem feineren seelischen Geschehen
Weitabliegendes nachdenken zu müssen, die aber eine gelangweilte
Unempfindlichkeit mit dieser großen äußeren, ein wenig ironischen
Korrektheit verbinden, sobald man ein persönlicheres Interesse für
deren Gegenstände von ihnen verlangt. Denn dieses wirklich sie selbst
ergreifende Interesse sammelt sich bei ihnen einzig auf das Wachstum
der Seele, des Geistes, oder wie immer man das benennen mag, was hie
und da durch einen Gedanken zwischen den Worten eines Buches oder vor
den verschlossenen Lippen eines Bildes in uns gemehrt wird; was
manchmal erwacht, wenn irgendeine einsame, eigenwillige Melodie von
uns fortgeht und -- ins Ferne schreitend -- mit fremden Bewegungen
an dem dünnen, roten Faden zerrt, unseres Blutes, den sie hinter sich
herzieht; das aber immer verschwunden ist, wenn wir Akten schreiben,
Maschinen bauen, in den Zirkus gehen, oder den hundert anderen
ähnlichen Beschäftigungen folgen. --
Diesen Menschen sind also die Gegenstände, welche nur ihre moralische
Korrektheit herausfordern, höchst gleichgültig. Törleß bereute daher
auch nie in seinem späteren Leben das damals Geschehene. Seine
Bedürfnisse waren so einseitig schöngeistig zugeschärft, daß es, wenn
man ihm etwa eine ganz ähnliche Geschichte von den Ausschweifungen
eines Wüstlings erzählt hätte, gewiß völlig außerhalb seines
Gesichtskreises gelegen wäre, seine Entrüstung gegen das Geschehene
zu richten. Er hätte einen solchen Menschen gewissermaßen nicht
deswegen verachtet, weil er ein Wüstling, sondern weil er nichts
Besseres ist; nicht wegen seiner Ausschweifungen, sondern wegen des
Seelenzustandes, der ihn diese begehen läßt; weil er dumm ist, oder
weil seinem Verstande die seelischen Gegengewichte fehlen ...: immer
also nur wegen des traurigen, beraubten, entkräfteten Anblicks, den er
bietet. Und er hätte ihn gleicherweise verachtet, ob nun sein Laster
in geschlechtlichen Ausschweifungen oder in zwanghaft entartetem
Zigarettenrauchen oder Alkoholgenuß bestünde.
Und wie allen dermaßen auf die Steigerung ausschließlich ihrer
Geistigkeit konzentrierten Menschen bedeutete auch ihm das bloße
Vorhandensein schwüler und exzessiver Regungen noch wenig. Er liebte es
damit zu rechnen, daß die Fähigkeit zu genießen, die künstlerischen
Talente, das ganze verfeinerte Seelenleben ein Zierat sei, an dem man
sich leicht verletze. Er betrachtete es als etwas Unumgängliches,
daß ein Mensch von reichem und beweglichem Innenleben Augenblicke habe,
um die andere nicht wissen dürfen, und Erinnerungen, die er in
geheimen Fächern verwahrt. Und er verlangte von ihm nur, daß er
nachträglich sich ihrer mit Feinheit zu bedienen verstehe.
So daß, als er einmal von jemandem, dem er die Geschichte seiner
Jugend erzählt hatte, gefragt wurde, ob diese Erinnerung nicht doch
manchmal beschämend sei, er lächelnd folgende Antwort gab: »Ich leugne
ganz gewiß nicht, daß es sich hier um eine Erniedrigung handelte.
Warum auch nicht? Sie verging. Aber etwas von ihr blieb für immer
zurück: jene kleine Menge Giftes, die nötig ist, um der Seele die allzu
sichere und beruhigte Gesundheit zu nehmen und ihr dafür eine feinere,
zugeschärfte, verstehende zu geben.
Wollten Sie übrigens die Stunden der Erniedrigung zählen, die
überhaupt von jeder großen Leidenschaft der Seele eingebrannt
werden? Denken Sie nur an die Stunden der absichtlichen Demütigung in
der Liebe! Diese entrückten Stunden, zu denen sich Liebende über
gewisse tiefe Brunnen neigen oder einander das Ohr ans Herz legen,
ob sie nicht drinnen die Krallen der großen, unruhigen Katzen
ungeduldig an den Kerkerwänden hören? Nur um sich zittern zu fühlen!
Nur um über ihr Alleinsein oberhalb dieser dunklen, brandmarkenden
Tiefen zu erschrecken! Nur um jäh -- in der Angst der Einsamkeit
mit diesen düsteren Kräften -- sich ganz ineinander zu flüchten!
Sehen Sie doch nur jungen Ehepaaren in die Augen. Du glaubst ...?
steht darin, aber du ahnst ja gar nicht, wie tief wir versinken können!
-- In diesen Augen liegt ein heiterer Spott gegen den, der von so
vielem nichts weiß, und der zärtliche Stolz derer, die miteinander
durch alle Höllen gegangen sind.
Und wie diese Liebenden miteinander, so bin ich damals mit mir selbst
durch all dies hindurchgegangen.«
* * * * *
Dennoch, wenn Törleß auch später so urteilte, damals, als er sich in
dem Sturme einsamer, begehrlicher Empfindungen befand, war diese des
guten Endes überzeugte Zuversicht durchaus nicht immer in ihm. Von
den Rätseln, die ihn erst vor kurzem gequält hatten, war noch eine
unbestimmte Nachwirkung geblieben, die wie ein dunkler ferner Ton am
Grunde seiner Erlebnisse klang. Gerade daran mochte er jetzt nicht
denken.
Aber zeitweilig mußte er es. Und dann befiel ihn tiefste
Hoffnungslosigkeit, und eine ganz andere, eine müde, zukunftslose
Beschämung konnte ihn bei diesen Erinnerungen ergreifen.
Trotzdem vermochte er aber auch über diese nicht sich Rechenschaft zu
geben.
Dies bewirkten die besonderen Verhältnisse im Institute. Dort, wo die
jungen aufdrängenden Kräfte hinter grauen Mauern festgehalten wurden,
stauten sie die Phantasie voll wahllos wohllüstiger Bilder, die manchem
die Besinnung raubten.
Ein gewisser Grad von Ausschweifung galt sogar als männlich, als
verwegen, als kühnes Inbesitznehmen vorenthaltener Vergnügungen.
Zumal wenn man sich mit der ehrbar verkümmerten Erscheinung der
meisten Lehrer verglich. Denn dann gewann das Mahnwort Moral einen
lächerlichen Zusammenhang mit schmalen Schultern, mit spitzen Bäuchen
auf dünnen Beinen und Augen, die hinter ihren Brillen harmlos wie
Schäfchen weideten, als sei das Leben nichts als ein Feld voll Blumen
ernster Erbaulichkeit.
Im Institute endlich hatte man noch keine Kenntnis vom Leben und keine
Ahnung von allen jenen Abstufungen von Gemeinheit und Wüstheit bis zu
Krankheit und Lächerlichkeit, die den Erwachsenen in erster Linie mit
Widerwillen erfüllen, wenn er von solchen Dingen hört.
Alle diese Hemmnisse, deren Wirksamkeit wir gar nicht abzuschätzen
vermögen, fehlten ihm. Er war förmlich naiv in seine Vergehen
hineingeraten.
Denn auch die ethische Widerstandskraft, dieses empfindliche
Fühlvermögen des Geistes, das er später so hoch schätzte, fehlte
damals noch. Aber doch kündigte es sich schon an. Törleß irrte, er
sah erst die Schatten, die etwas noch Unerkanntes in ihm in sein
Bewußtsein warf, und er hielt sie fälschlich für Wirklichkeit: aber
er hatte eine Aufgabe an sich selbst zu erfüllen, eine Aufgabe der
Seele -- wenn er ihr auch noch nicht gewachsen war.
Er wußte nur, daß er etwas noch Undeutlichem auf einem Wege gefolgt
war, der tief in sein Inneres führte; und er war dabei ermüdet. Er
hatte sich gewöhnt, auf außerordentliche, verborgene Entdeckungen zu
hoffen, und war dabei in die engen, winkligen Gemächer der Sinnlichkeit
gelangt. Nicht aus Perversität, sondern infolge einer augenblicklich
ziellosen geistigen Situation.
Und gerade diese Untreue gegen etwas Ernstes, Erstrebtes in sich
erfüllte ihn mit einem unklaren Bewußtsein von Schuld; ein
unbestimmter, versteckter Ekel verließ ihn niemals ganz und eine
ungewisse Angst verfolgte ihn, wie einen, der im Dunkel nicht mehr
weiß, ob er noch seinen Weg unter den Füßen hat oder wo er ihn verlor.
Er bemühte sich dann überhaupt nichts zu denken. Stumm und betäubt und
aller früheren Fragen vergessend, lebte er dahin. Der feine Genuß an
seinen Demütigungen wurde immer seltener.
Noch ließ er ihn nicht, aber doch setzte Törleß am Ende dieser Zeit
keinen Widerstand mehr entgegen, als über Basinis Schicksal weiter
beschlossen wurde.
* * * * *
Dies geschah einige Tage später, als sie zu dritt in der Kammer
beisammen waren. Beineberg war sehr ernst.
Reiting fing zu sprechen an: »Beineberg und ich glauben, daß es auf
die bisherige Weise mit Basini nicht mehr weiter geht. Er hat sich mit
dem Gehorsam, den er uns schuldet, abgefunden und leidet nicht mehr
darunter; er ist von einer frechen Vertraulichkeit wie ein Bedienter.
Es ist also an der Zeit, mit ihm einen Schritt weiter zu gehen. Bist
du einverstanden?«
»Ich weiß doch noch gar nicht, was ihr mit ihm tun wollt.«
»Das ist auch schwer zurecht gelegt. Wir müssen ihn noch weiter
demütigen und herunterdrücken. Ich möchte sehen, wie weit das geht.
Auf welche Weise, ist freilich eine andere Frage. Ich habe allerdings
auch hierüber einige nette Einfälle. Wir könnten ihn zum Beispiel
durchpeitschen und er müßte Dankpsalmen dazu singen; den Ausdruck
dieses Gesanges anzuhören wäre nicht übel -- jeder Ton gewissermaßen
von einer Gänsehaut überlaufen. Wir könnten ihn die unsaubersten
Sachen apportieren lassen. Wir könnten ihn zu Bozena mitnehmen,
dort die Briefe seiner Mutter vorlesen lassen, und Bozena möchte schon
den nötigen Spaß dazu liefern. Doch das alles läuft uns nicht davon.
Wir können es uns ruhig ausdenken, ausfeilen und Neues dazufinden.
Ohne die entsprechenden Details ist es vorderhand noch langweilig.
Vielleicht liefern wir ihn überhaupt der Klasse aus. Das wäre das
gescheiteste. Wenn von so vielen jeder nur ein wenig beisteuert,
so genügt es, um ihn in Stücke zu zerreißen. Überhaupt habe ich diese
Massenbewegungen gern. Keiner will Besonderes dazu tun, und doch gehen
die Wellen immer höher, bis sie über allen Köpfen zusammenschlagen.
Ihr werdet sehen, keiner wird sich rühren, und es wird doch einen
Riesensturm geben. So etwas in Szene zu setzen, ist für mich ein
außerordentliches Vergnügen.«
»Was wollt ihr aber zunächst tun?«
»Wie gesagt, ich möchte mir das für später aufsparen, vorderhand würde
es mir genügen, ihn soweit zu bringen -- durch Drohungen oder Prügel
-- daß er wieder zu allem ja sagt.«
»Wozu?« entfuhr es Törleß. Sie sahen sich fest in die Augen.
»Ach verstell dich nicht; ich weiß sehr wohl, daß du davon unterrichtet
bist.« Törleß schwieg. Hatte Reiting etwas erfahren?... Klopfte er nur
auf den Strauch?
»... Doch noch von damals her; Beineberg hat dir doch gesagt, wozu
sich Basini hergibt.«
Törleß atmete erleichtert auf.
»Na, mach nur nicht so erstaunte Augen. Damals hast du sie auch so
aufgerissen, und es handelt sich doch um nichts gar so Arges. Übrigens
hat mir Beineberg gestanden, daß er dasselbe mit Basini tut.« Dabei
blickte Reiting mit einer ironischen Grimasse zu Beineberg hinüber.
Das war so seine Art, einem anderen ganz öffentlich und ungeniert ein
Bein zu stellen.
Aber Beineberg erwiderte nichts; er blieb in seiner nachdenklichen
Stellung sitzen und schlug kaum die Augen auf.
»Na, möchtest du nicht mit deiner Sache herausrücken?! Er hat nämlich
eine verrückte Idee mit Basini vor und will sie durchaus ausführen,
ehe wir anderes unternehmen. Aber sie ist ganz amüsant.«
Beineberg blieb ernst; er sah Törleß mit einem nachdrücklichen Blicke
an und sagte: »Erinnerst du dich, was wir damals hinter den Mänteln
sprachen?«
»Ja.«
»Ich bin niemals mehr darauf zu sprechen gekommen, denn das bloße Reden
hat ja doch keinen Zweck. Aber ich habe darüber nachgedacht -- du
kannst mir glauben -- oft. Auch das, was Reiting dir eben gesagt hat,
ist wahr. Ich habe dasselbe mit Basini getan wie er. Vielleicht noch
einiges mehr. Deswegen, weil ich, wie ich schon damals sagte, des
Glaubens war, daß die Sinnlichkeit vielleicht das richtige Tor sein
könnte. Das war so ein Versuch. Ich wußte keinen anderen Weg zu dem,
was ich suchte. Aber dieses Planlose hat keinen Sinn. Darüber habe ich
nachgedacht -- nächtelang nachgedacht -- wie man etwas Systematisches
an seine Stelle setzen könnte.
Jetzt glaube ich es gefunden zu haben und wir werden den Versuch
machen. Jetzt wirst du auch sehen, wie sehr du damals im Unrecht
warst. Alles ist unsicher, was von der Welt behauptet wird, alles geht
anders zu. Das lernten wir damals gewissermaßen nur von der Kehrseite
kennen, indem wir Punkte aussuchten, bei denen diese ganze natürliche
Erklärung über die eigenen Füße stolpert, jetzt hoffe ich aber das
Positive zeigen zu können -- das andere!«
Reiting verteilte die Teeschalen; dabei stieß er vergnügt Törleß an.
»Gib gut acht. -- Das ist sehr fesch, was er sich ausgetiftelt hat.«
Beineberg aber drehte mit einer raschen Bewegung die Lampe aus. In dem
Dunkel warf nur die Spiritusflamme des Kochers unruhige, bläuliche
Lichter auf die drei Köpfe.
»Ich löschte die Lampe aus, Törleß, weil es sich so von solchen Dingen
besser spricht. Und du, Reiting, kannst meinethalben schlafen, wenn
du zu dumm bist, um Tieferes zu begreifen.«
Reiting lachte belustigt.
»Du erinnerst dich also noch an unser Gespräch. Du selbst hattest
damals jene kleine Sonderbarkeit in der Mathematik heraus gefunden.
Dieses Beispiel, daß unser Denken keinen gleichmäßig festen, sicheren
Boden hat, sondern über Löcher hinweggeht. -- Es schließt die Augen,
es hört für einen Moment auf zu sein und wird doch sicher auf die
andere Seite hinübergetragen. Wir müßten eigentlich längst verzweifelt
sein, denn unser Wissen ist auf allen Gebieten von solchen Abgründen
durchzogen, nichts wie Bruchstücke, die in einem unergründlichen
Ozean treiben.
Wir verzweifeln aber nicht, wir fühlen uns dennoch so sicher wie auf
festem Boden. Wenn wir dieses sichere, gewisse Gefühl nicht hätten,
würden wir uns aus Verzweiflung über unseren armen Verstand töten.
Dieses Gefühl begleitet uns beständig, es hält uns zusammen, es nimmt
unseren Verstand in jedem zweiten Augenblick schützend in den Arm
wie ein kleines Kind. So wie wir uns dessen einmal bewußt geworden
sind, können wir das Dasein einer Seele nicht mehr leugnen. So wie wir
unser geistiges Leben zergliedern und das Unzureichende des Verstandes
erkennen, fühlen wir es förmlich. Fühlen es -- verstehst du -- denn
wenn dieses Gefühl nicht wäre, würden wir zusammenklappen wie leere
Säcke.
Wir haben nur verlernt, auf dieses Gefühl zu achten, aber es ist eines
der ältesten. Vor Tausenden von Jahren haben schon Völker, die tausende
Meilen voneinander wohnten, darum gewußt. Wie man sich einmal damit
befaßt, kann man diese Dinge gar nicht leugnen. Doch ich will dich
nicht mit Worten überreden; ich werde dir nur das nötigste sagen, damit
du nicht ganz unvorbereitet bist. Den Beweis werden die Tatsachen
erbringen.
Nimm also an, die Seele existiere, dann ist es doch ganz
selbstverständlich, daß wir kein heißeres Bestreben haben können, als
den verloren gegangenen Kontakt mit ihr wieder herzustellen, mit
ihr wieder vertraut zu werden, ihre Kräfte wieder besser ausnützen zu
lernen, Teile der übersinnlichen Kräfte, die in ihrer Tiefe
schlummern, für uns zu gewinnen.
Denn das alles ist möglich, es ist schon mehr als einmal gelungen,
die Wunder, die Heiligen, die indischen Gottesschauer sind lauter
Beglaubigungen für solche Geschehnisse.«
»Hör einmal,« warf Törleß ein, »du redest dich jetzt ein wenig in
diesen Glauben hinein. Du hast dazu eigens die Lampe auslöschen müssen.
Würdest du aber auch so sprechen, wenn wir jetzt unten zwischen den
andern säßen, die Geographie, Geschichte lernen, Briefe nach Hause
schreiben, wo die Lampen hell brennen und vielleicht der Präfekt um die
Bänke geht? Kämen dir da nicht doch deine Worte etwas abenteuerlich
vor, etwas anmaßend, als ob wir gar nicht zu denen gehörten, in einer
anderen Welt lebten, achthundert Jahre vorher?«
»Nein, mein lieber Törleß, ich würde dasselbe behaupten. Übrigens ist
es ein Fehler von dir, daß du immer nach den andern schielst; du
bist zu wenig selbständig. Briefe nach Hause schreiben! Bei solchen
Sachen denkst du an deine Eltern! Wer sagt dir, daß sie uns hier
überhaupt nur zu folgen vermögen? Wir sind jung, eine Generation
später, vielleicht sind uns Dinge vorbehalten, die sie nie in ihrem
Leben geahnt haben. Ich wenigstens fühle es in mir.