HUMOR DER DARSTELLUNG.

Der Humor der Darstellung ist lyrisch. Das Spezifische der Lyrik ist

dies, dass bei ihr das eigentliche Objekt der Darstellung, das innere

Geschehen, keinen persönlichen Träger hat. Man sagt wohl, Träger dieses

inneren Geschehens sei der Dichter. Dies ist unrichtig, wenn man mit dem

Dichter diese bekannte oder unbekannte wirkliche Persönlichkeit meint.

Diese Persönlichkeit mag ein Ähnliches inneres Geschehen thatsächlich

einmal erlebt haben. Aber für das dichterische Erzeugnis kommt nur die

Thatsache in Betracht, dass der Dichter als _Dichter_ den Inhalt der

Dichtung in sich erlebt hat. Er hat ihn erlebt als Dichter, d. h. aber;

er hat ihn erlebt als ideelle Persönlichkeit, nicht als dieser bestimmte

Mensch, sondern als ideeller Repräsentant _des_ Menschen. Sein etwaiges

wirkliches Erleben ist hierfür nur Vorbild.

Als solcher ideeller Repräsentant _des_ Menschen erlebt der Dichter das

lyrisch dargestellte innere Geschehen, _solange_ er es eben erlebt, d. h.

insbesondere im Akte des Dichtens. Genau in derselben Weise aber erleben

wir es, wenn wir die Dichtung hören, lesen, uns derselben erinnern, und

sie geniessen. So oft wir dies thun, treten _wir_ an die Stelle des

Dichters. Wir sind jetzt die Träger jenes inneren Geschehens, wiederum

nicht als diese realen Persönlichkeiten, sondern als ideelle

Repräsentanten des Menschen. Ich sage: des Menschen; in jedem einzelnen

Falle ist dies natürlich nicht der Mensch überhaupt, sondern eine

bestimmte Seite am Menschen oder eine mehr oder minder speciell geartete,

auch durch äussere Umstände mehr oder minder determinierte Modifikation

"des" Menschen.

Dies meine ich, wenn ich sage, das in der Lyrik dargestellte innere

Geschehen habe keinen persönlichen Träger. Es hat zum Träger nicht eine

Persönlichkeit, die von derjenigen, die das lyrische Produkt in sich

erlebt und geniesst, verschieden wäre. Es hat also bald diesen bald jenen

Träger. Zugleich sind alle diese Träger doch wiederum nur Beispiele des

persönlichen Trägers, der so oder so gearteten Modifikation des Menschen

oder des Menschseins.

Darum ist es doch nicht in jedem Sinne zutreffend, wenn man die Lyrik die

"_subjektive_" Dichtungsgattung nennt. Eben dieser unpersönliche Träger

ist nicht nur im Dichter vorhanden, wenn er dichtet, und in uns, wenn wir

das dichterische Erzeugnis uns innerlich zu eigen machen, sondern er ist

zugleich im Kunstwerk, also objektiv da. Als objektiver Vorgang, als

etwas uns Gegebenes tritt uns das dargestellte innere Geschehen entgegen.

Es ist für uns nicht nur ein subjektives, sondern zugleich ein objektives

persönliches Erleben. Das innere Geschehen wird nicht nur von uns erlebt,

sondern es geschieht zugleich ausser uns, und wird von uns miterlebt.

Oder was dasselbe sagt: Auch hier objektivieren wir unser Erleben, und

uns, sofern wir es erleben; auch hier erleben wir, was wir erleben, in

einem Anderen. Nur nicht in einem bestimmten, vom Dichter uns vor Augen

gestellten Anderen, sondern in einem Anderen, der für uns--nicht

individuell, sondern der Art nach dieser oder jener ist, soweit ihn das

dargestellte innere Geschehen als diesen oder jenen charakterisiert, d.

h. von anderen _qualitativ_ unterscheidet.--Natürlich rede ich hier von

der _reinen_ Lyrik.

So nun verhält es sich auch bei der humoristischen Darstellung im hier

vorausgesetzten Sinne dieses Begriffes. Wir erleben den Humor mit oder

nach, aber nicht als Humor in einem dargestellten Individuum, sondern als

überindividuellen Humor oder als Humor im Menschen, nämlich im Menschen,

sofern er eben solchen Humor haben kann und hat.

Dagegen ist der speciell von uns sogenannte objektive Humor, sofern er

künstlerisch verwirklicht ist, episch oder dramatisch. Das heisst: er ist

Humor eines dargestellten Individuums, das je nachdem einer, obzwar auch

nur ideellen Zeit, oder keiner Zeit, d. h. der zeitlosen Gegenwart

angehört. In jenem Falle wird er von uns im engeren Sinne des Wertes

nacherlebt, in diesem unmittelbar miterlebt.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 110 / 117 题