NAIVITÄT UND HUMOR.

In allem naiv Komischen steckt nach oben Gesagtem Humor. Ich bezeichnete

diesen Humor als die Kehrseite der naiven Komik. Aber es kann nicht

umgekehrt gesagt werden, jeder Humor sei naiv. Vielleicht ist man

geneigt, schon einige der oben angeführten Fälle des naiv Komischen, vor

allem die naive Komik des _Sokrates_ nicht mehr als naiv-komisch gelten

zu lassen. Zur Naivität gehört es, ihrer selbst unbewusst zu sein. Daraus

folgt dann, was den Humor betrifft, freilich zunächst nur dies, dass es

einen unbewussten Humor giebt. Andererseits kann aber der Humor als

vollbewusster sich darstellen.

Diesen bewussten Humor will _Hecker_ einzig als Humor anerkennen. Der

Humor, meint er, sei im Gegensatz zum Naiven völlig bewusst, ja

willkürlich. Das ist dann eine engere Fassung des Begriffs des Humors,

die wir nicht mitmachen wollen. Die Einsicht in das positive Wesen des

Humors, das vom Gegensatz des Bewussten und des Unbewussten unabhängig

ist, verbietet es uns. Auch der Sprachgebrauch widerspricht.

Es ist naiv, wenn die Putten in _Rafaels_ Madonna di San Sisto so recht

kindlich, und doch so ganz entgegen dem feierlichen Charakter des

Vorganges sich über die Brüstung lehnen. Aber niemand wird uns verwehren

dürfen zu sagen, es stecke darin köstlicher Humor. Wenn _Bräsig_ gegen

Bildung und Sitte verstösst, so thut er dies meist völlig unbewusst. Er

ist also insofern naiv. Und doch bezeichnet _Lazarus_ mit Recht _Bräsig_

als eine der großartigsten humoristischen Schöpfungen,

Und wir können noch mehr sagen. Auch im bewussten Humor steckt eine Art

der Naivität. Nicht nur bei _Falstaff_ und _Trim_, sondern auch bei

_Hamlet_, beim Narren im Lear, selbst bei _Mephisto_, ist der eigentliche

Kern des Humors nicht ein Ergebnis bewusster Reflexion, sondern das

Gesunde, Gute, Vernünftige, das in der innersten "Natur" der

Persönlichkeit liegt und darum nicht umhin kann, in ihrem verkehrten oder

närrischen Gebaren mit "naiver" Gewalt sich geltend zu machen.

Damit ist doch jener Gegensatz des Bewussten und des Unbewussten nicht

aufgehoben. Der Humor kann, sagte ich, schliesslich ein vollbewusster

sein. Er ist ein solcher, wenn der Träger desselben sich sowohl des

Rechtes, als auch der Beschränktheit seines Standpunktes, sowohl seiner

Erhabenheit als auch seiner relativen Nichtigkeit bewusst ist, wenn er

also neben seinem Rechte auch das Recht derer anerkennt, denen sein Thun

komisch ist. Dies ist der Humor, von dem Kuno Fischer sagt, er sei "die

volle und freie Selbsterkenntnis, die nicht möglich ist, ohne helle

Erleuchtung der eigenen Karikatur, ohne die komischen Vorstellungen der

anderen heiter über sich ergehen zu lassen". Es muss nur hinzugefügt

werden, dass dies heitere Übersichergehenlassen der komischen

Vorstellungen anderer nur möglich ist, wenn der Träger des Humors

zugleich des relativen Rechtes seines Thuns, wenn er also eines diesem

Thun zu Grunde liegenden positiven Kernes seiner Persönlichkeit, der

durch das Lachen der anderen nicht getroffen wird, sich bewusst ist. Die

vollbewusste humoristische Persönlichkeit lässt andere über ihr Gebaren

lachen und lacht selbst herzlich mit; zugleich weiss sie sich doch im

innersten Kern ihrer Persönlichkeit über jenes Lachen erhaben. Sie lacht

auch wieder über dies Lachen und lacht so am besten, weil sie zuletzt

lacht.

Man erinnert sich, dass wir das Verhalten des _Sokrates_ bei Aufführung

der Wolken oben als letztes Beispiel der naiven Komik aufführten,

zugleich aber zugaben, dass der Name des Humors dafür geeigneter

erscheine. Wir können jetzt nicht nur Humor, sondern vollbewussten Humor

im eben bezeichneten Sinne darin erblicken. Es entfernt sich dann

_Sokrates_' Verhalten möglichst weit von dem naiv Komischen im engeren

Sinne. Schon dass _Sokrates_ der Aufführung der Wolken beiwohnt und

mitlacht, wenn sein Gegenbild auf der Bühne verlacht wird, ist

humoristisch. Wie thöricht, wenn man dem Lachen Anderer zu begegnen

meint, indem man mitlacht; wie schwächlich, wenn man auch nur dies

Lachen, statt irgendwie dagegen aufzutreten oder es abzuwehren, sich

gefallen lässt. Giebt man nicht damit den Lachern Recht?--Aber eben dies

ist die Meinung des _Sokrates_. Er versteht den Standpunkt des

Volksbewusstseins, zu dessen Vertreter sich _Aristophanes_ gemacht hat,

und sieht darin etwas relativ Gutes und Vernünftiges. Er anerkennt eben

damit das relative Recht derer, die seinen Kampf gegen das

Volksbewusstsein verlachen. Damit erst wird sein Lachen zum Mitlachen.

Andererseits lacht er doch über die Lacher. Er thut es und kann es thun,

weil er des höheren Rechtes und notwendigen Sieges seiner Anschauungen

gewiss ist. Eben dieses Bewusstsein leuchtet durch sein Lachen, und lässt

es in seiner Thorheit logisch berechtigt, in seiner Nichtigkeit sittlich

erhaben erscheinen.

Dieser Humor steigert sich dann noch, wenn _Sokrates_ sich erhebt und

seinen Lachern geflissentlich preisgiebt. Jetzt erst begeht er eine

rechte Thorheit; und er begeht sie mit vollem Bewusstsein. Er erniedrigt

sich nicht nur in den Augen der Menge, sondern er weiss, dass er sich

erniedrigt, und er weiss es nicht nur, sondern er giebt wiederum denen,

die ihn jetzt erst recht verlachen, relativ Recht. Die Menge, wie kann

sie anders--nach gewöhnlicher und in ihrer Art wohlberechtigter

Anschauung--als solches Gebaren thöricht finden, und wie sollte sie das

natürliche Recht sich verkümmern lassen, über das zu lachen, was nun

einmal ihren Horizont überschreitet. Zugleich lacht doch _Sokrates_

wiederum über die, deren relatives Recht, ihn zu verlachen, er einräumt,

weil er weiss, das seine Erhabenheit der Erniedrigung zum Trotz bestehen

bleibt, ja in derselben erst recht zu Tage tritt.

Indem ich hier den vollbewussten Humor zu kennzeichnen versuche, habe ich

im Grunde auch schon das Wesen des Humors nicht als einzelnen

humoristischen Thuns, sondern als einer Gesinnung oder Denkweise

bezeichnet. Diese beiden Begriffe des Humors wollten wir oben scharf

unterscheiden. Auch jetzt bleiben wir bei dieser Unterscheidung. Zugleich

sehen wir doch, dass die Inhalte dieser beiden Begriffe aufs

unmittelbarste zusammenhängen. Die Denkweise des Humors ist es, die dem

bewusst humoristischen Thun zu Grunde liegt und darin sich kundgiebt.

Auch _Sokrates_ handelt nicht nur humoristisch, sondern er denkt

humoristisch oder hat Humor. Er könnte sonst nicht so handeln wie er

handelt.--Andererseits brauchen wir Humor, um den Humor des

_Sokrates_'schen Thuns zu verstehen.

Wir können aber überhaupt _jeder_ Art der Komik mehr oder weniger Humor

entgegenbringen. Je mehr wir ihr entgegenbringen, um so mehr "Sinn" für

Komik haben wir. Ich sagte schon oben, dass in der Komik nicht nur das

Komische in nichts zergeht, sondern auch wir in gewisser Weise, mit

unserer Erwartung, unserem Glauben an eine Erhabenheit oder Grösse, den

Regeln oder Gewohnheiten unseres Denkens u. s. w. "zu nichte" werden.

Über dieses eigene Zunichtewerden erhebt sich der Humor. Dieser Humor,

der Humor, den wir angesichts des Komischen _haben_, besteht schliesslich

ebenso wie derjenige, den der Träger des bewusst humoristischen

Geschehens hat, in der Geistesfreiheit, der Gewissheit des eigenen Selbst

und des Vernünftigen, Guten und Erhabenen in der Welt, die bei aller

objektiven und eigenen Nichtigkeit bestehen bleibt, oder eben darin zur

Geltung kommt. Er besteht "_schliesslich_" darin, das will sagen, dass

freilich nicht jeder Humor diese höchste Stufe erreicht. Es giebt

niedrigere Arten des Humors, und es giebt neben dem hier vorausgesetzten

positiven einen negativen, neben dem versöhnten einen entzweiten Humor.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 106 / 117 题