LAZARUS' THEORIE.

Dass durch die Negation, die am positiv Menschlichen geschieht, dies

positiv Menschliche uns näher gebracht, in seinem Wert offenbarer und

fühlbarer gemacht wird, darin besteht, wie wir sahen, das allgemeinste

Wesen der Tragik. Ebendarin besteht auch das allgemeinste Wesen des

Humors. Nur dass hier die Negation anderer Art ist als dort, nämlich

komische Negation.

Ich sagte vom Naivkomischen, dass es auf dem Wege liege von der Komik zum

Humor. Dies heisst nicht: die naive Komik ist Humor. Vielmehr ist auch

hier die Komik als solche das Gegenteil des Humors. Die naive Komik

entsteht, indem das vom Standpunkte der naiven Persönlichkeit aus

Berechtigte, Gute, Kluge, von unserem Standpunkte aus im gegenteiligen

Lichte erscheint. Der Humor entsteht umgekehrt, indem jenes relativ

Berechtigte, Gute, Kluge aus dem Prozess der komischen Vernichtung

wiederum emportaucht, und nun erst recht in seinem Werte einleuchtet und

genossen wird. Dieser Erfolg wird in den auf S. 104 ff.[*] zuletzt

angeführten Fällen der naiven Komik notwendig eintreten. Insofern waren

sie zugleich Fälle des Humors.

[* Im Unterkapitel MÖGLICHKEITEN DES NAIV-KOMISCHEN. Transkriptor.]

Der eben bezeichneten Auffassung des Humors scheint Lazarus in seinem

Werke "Das Leben der Seele" zu widersprechen, indem er im Humor überhaupt

nicht eine eigene Kunstform, sondern vielmehr eine eigene Denkweise und

Gemütsverfassung, sozusagen eine eigene Weltanschauung sehen will.

Indessen damit ist uns hier nicht gedient. Mag immerhin das Wort Humor in

diesem Sinne genommen werden können--und wir werden es selbst später so

nehmen--hier handelt es sich um etwas anderes. Wie es uns ehemals nicht

auf den Witz ankam, den man hat, sondern auf denjenigen, den man macht,

so beschäftigt uns hier nicht der Humor, den man hat, sondern das

humoristische Thun oder Verhalten, der einzelne Fall des Humors.

Thatsächlich nimmt nun auch _Lazarus_ im Verlaufe seiner Abhandlung das

Wort Humor in diesem letzteren Sinne. Der von uns als naiv in Anspruch

genommene Ausspruch des Korporals Trim ist für _Lazarus_ ein Fall des

Humors. Nun kommt in diesem Ausspruch freilich eine bestimmte Denkweise

zu Tage. Aber weder, dass diese Denkweise vorhanden ist, noch dass sie

überhaupt zu Tage kommt, sondern die Art, wie sie zu Tage kommt, macht

den Vorfall zu einem humoristischen. Und Entsprechendes gilt von der Rede

_Falstaff_'s, die _Lazarus_ gleichfalls der Gattung des Humors zuweist.

Wichtiger aber ist uns, dass _Lazarus_ bei der Erklärung dieser einzelnen

Fälle des Humors--ebenso wie _Hecker_ und _Kräpelin_ bei ihrer Erklärung

des Naiven--die Hauptsache übersieht. "Wie lächerlich," sagt er mit Bezug

auf Trim, "wenn einer das vierte Gebot nicht als einen selbständigen Satz

auswendig kennt, wie erhaben, wenn einer es so strikt, so reich, so voll

erfüllt. Wie humoristisch, wenn wir beides zugleich von ihm erfahren". In

der That ist es gar nicht humoristisch, wenn wir diese beiden Dinge

zugleich und von Einem erfahren. Man lasse Trim auf die Frage des Doktors

der Theologie einfach erklären, er wisse nur, was das Gebot von ihm

verlange, nämlich, dass er seinem Vater von seinen 14 Groschen Lohn 7

geben solle, und der Eindruck des Humors ist dahin. Eine solche Erklärung

wäre eben eine einfach sachgemässe Erklärung, nicht mehr eine

gleichzeitig treffende und unzutreffende, erhabene und nichtige

_Beantwortung der Katechismusfrage_.

Noch weniger trifft _Lazarus_' Erklärung des Humors der _Falstaff_'schen

Rede die Sache. _Falstaff_ wecke, so meint er, alle hohen Ideen, deren

Widerpart er in Leben und Gesinnung sei, durch sein Reden und Thun. "Er

spricht von Ehre, Mut u. s. w.; er stellt den König dar, wie er Heinrich

straft u. s. w.; in allem ist er ein Gebildeter, die Ansprüche der Idee

Kennender und Zeigender. Wir lachen über ihn, obgleich er das Hohe

erniedrigt (z. B. in seiner Definition der Ehre); wir lachen, weil er

selbst die wahre Idee in uns weckt, und diese um so sicherer zeigt, je

angelegentlicher er dagegen kämpft".

Der Humor der Rede _Falstaff_'s beruht also für _Lazarus_ darin, dass die

Erniedrigung der Ehre doch zugleich die Idee der Ehre in uns wachruft.

Wäre damit ohne weiteres der Humor gegeben, so müsste jeder, der nicht

aus Unkenntnis, sondern in bewusster Bosheit das Edle erniedrigte und in

den Schmutz zöge, humoristisch erscheinen, auch wenn er dies ohne allen

"Humor" thäte. Denn je boshafter es herabgezogen wird, um so deutlicher

wird uns jederzeit das Edle als solches zum Bewusstsein kommen. In

Wirklichkeit würde aber solche Bosheit nicht den Eindruck des Humors,

sondern das Gefühl der Empörung hervorrufen. So ist denn auch der Grund

der Humors der _Falstaff_'schen Rede in gewisser Weise gerade der

entgegengesetzte von demjenigen, den _Lazarus_ angiebt. Nicht dass

_Falstaff_ das Recht des Sittlichen bewusst verneint, sondern das er zu

dem, was er sagt, selbst ein gewisses, nämlich individuelles, sittliches

Recht _hat_, das macht den Humor der Rede.

Wie _Lazarus_ in der Bestimmung des Humors die Hauptsache übersieht, dies

wird nicht minder deutlich aus seinem allgemeinen Erklärungsversuch. Der

Seelenzustand des Humors soll sich ergeben "aus dem Wesen und Verhältnis

von Fühlen und Denken. Indem das Gefühl der Realität ebenso herrschend

ist, wie der Gedanke des Idealen, entspringt durch die Gleichzeitigkeit

eine notwendige Verschmelzung beider, vermöge deren das Ideale den

psychologischen Wert und Reiz des Realen erhält, sodass im Humor nicht

nur die Wirklichkeit und die sinnliche Welt, sondern auch die Idee selbst

anders, nämlich tiefer, kräftiger, lebensvoller aufgefasst wird als im

abstrakten Idealismus."

Diese Erklärung erweckt allerlei Bedenken. Zunächst frage ich mich

vergeblich, nach welchem psychologischen Gesetz jene Verschmelzung

geschehen, und nach welchem psychologischen Gesetz sie die ihr hier von

_Lazarus_ aufgebürdete Wirkung haben solle. Ich könnte weiterhin darauf

aufmerksam machen, wie viel Unheil in der Ästhetik das nichtssagende

Abstraktum Idee schon angerichtet hat. Lassen wir uns aber diesen Begriff

gefallen, dann müssen wir allgemein sagen: Mag noch so sehr das Ideale

und Reale in uns gleichzeitig Macht gewinnen und das Gefühl des einen mit

dem Gedanken des andern, ich weiss nicht wie, "verschmelzen"; der

Eindruck des Humors ensteht uns jedenfalls erst, wenn wir das Ideale in

einer Persönlichkeit verwirklicht finden, und zugleich auch nicht

verwirklicht finden, wenn also das Ideale das Reale ist, und doch

zugleich nicht ist. Oder wenn wir jetzt wiederum auf das "Ideale" und

"Reale" verzichten. Der eigentliche Grund und Kern des Humors ist überall

und jederzeit das relativ Gute, Schöne, Vernünftige, das auch da sich

findet, wo es nach unseren gewöhnlichen Begriffen nicht vorhanden, ja

geflissentlich negiert erscheint.

_Lazarus_ bezeichnet den Humor der _Fallstaff_'schen Rede im Gegensatz

zum Humor _Trim_'s als objektiven. Dieser Unterschied ist ungültig.

_Falstaff_ und _Trim_ erscheinen humoristisch aus völlig gleichem Grunde.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 105 / 117 题