Ich betrachte hier die Tragik nicht um ihrer selbst willen, sondern als
Gegenbild des Humors. Soll aber die Tragik das volle Gegenbild des Humors
sein, so dürfen wir sie nicht in dem engen Sinne nehmen, in dem wir sie
zu nehmen pflegen, sondern müssen als tragisch jede Art des ernsten
Konfliktes bezeichnen.
Die Tragik, im engeren Sinne, ist Tragik des äusserlich ungelösten
Konfliktes. Konflikte können aber auch sich lösen; die Sache kann einen
glücklichen Ausgang nehmen. Dann gewinnt die Stauung eine weitere
Bedeutung. Die durch die Stauung gesteigerte oder zu grösserer
psychischer Höhe gebrachte psychische Bewegung ergiesst sich, wenn der
Konflikt gelöst, also das Hindernis des freien Vorstellungsablaufes
beseitigt ist, mit grösserer Kraft. Die Lösung, oder das worin sie
besteht, gewinnt grössere psychische Bedeutung und grössere
Eindrucksfähigkeit.
Auch dies ist eine im gewöhnlichen Leben uns wohl vertraute Thatsache.
Das schwer Errungene hat für uns doppelten Wert. Die Konsonanz, in
welcher die Dissonanz sich löst, hat ein besonderes und eigenartiges
Gewicht. Wem Namen statt Erklärungen dienen, der hat hier eine neue
Gelegenheit von "Kontrastwirkung" zu sprechen und einen Fall des
sogenannten "Kontrastgesetzes" zu statuieren.
Zwei Arten der Wirkung des Konfliktes oder des Eingriffes in
Menschendasein und freies Sichausleben von Menschen haben wir hiermit
einander gegenübergestellt. Beide Wirkungen sind zunächst unmittelbar
subjektiv begründete, d. h. Wirkungen die unmittelbar in einem Vorgang im
Beschauer ihren Grund haben: Die Stauung, die der Konflikt _in uns_
bewirkt, lässt uns das Positive der Persönlichkeit, die in den Konflikt
gerät oder jenen Eingriff erfährt, bedeutsamer erscheinen; und die Lösung
der Stauung, die _in uns_ sich vollzieht, macht uns das, worin die Lösung
sich vollzieht, eindrucksvoller.
Neben diesen subjektiv bedingten Wirkungen stehen aber dann objektiv
bedingte. Davon habe ich in meiner Schrift "Der Streit über die Tragödie"
ausführlicher geredet. Wir sehen, wie eine Persönlichkeit leidet, d. h.
wie tief sie vom Leiden erfasst wird, und welchen Charakter dies Leiden
in ihr gewinnt. Und wir sehen, _wovon_ oder _worunter_ sie leidet. Daraus
gewinnen wir ein Bild von ihrer Tiefe und ihrer Höhe und von ihrem
inneren Wesen. Nichts würde so uns das Innerste ihres Wesens enthüllen,
als es das Leiden vermag. Ungeahnt Grosses kann das Leiden im Menschen zu
Tage fördern, die feinsten Fasern der Persönlichkeit herausstellen, die
verborgensten Saiten zum Anklingen bringen.
Wir sehen dann vor allem auch, wie die Persönlichkeit dem Leiden
standhält, oder von ihm gebrochen wird. Die Persönlichkeit kann im Leiden
auch sittlich gebrochen, zerbröckelt, zerrieben werden, und doch
tragische Gestalt bleiben. Es ist nur nötig, dass in ihr, in ihrem
inneren Wesen etwas Grosses, Echtes liegt, und dass dies wirklich, im
Kampf mit dem feindlichen Geschick, _zerrieben_ wird.
Es kann aber auch die Persönlichkeit dem Leiden innerlich standhalten.
Sie will lieber leiden als das Grosse in sich preisgeben. Sie bleibt sich
getreu, auch indem sie untergeht. Das Grosse in ihr zeigt sich Leiden und
Tod überwindend.
Hier ist überall die Wirkung auf uns zugleich objektiv bedingt: Das Bild
der tragischen Persönlichkeit selbst wird ein reicheres, tieferes, es
wird ein in sich selbst wirkungsfähigeres. Je mehr es dies ist, um so
mehr steigert sich zugleich die Wirkung jenes subjektiven Faktors, d. h.
der in uns stattfindenden Stauung. Das Ganze der Wirkung ist ja notwendig
ein Produkt aus den beiden Faktoren. Und in einem Produkt wirkt jeder
Faktor um so mehr, je grösser der andere ist.
Dies gilt auch, wo der Konflikt überwunden wird, falls nämlich er nicht
durch den dummen Zufall oder einen Deus ex machina, sondern durch eine
Kraft oder Grösse überwunden wird, mit der wir sympathisieren. Die Kraft
und Grösse wird, indem sie überwindet, für uns objektiv oder an sich
bedeutsamer. Zugleich steigert sie die Stauung oder die Erwartung ihres
sich Auslebens, die "Spannung". Um so wirksamer wird dann auch die
Lösung.