DAS SPEZIFISCHE DES TRAGISCHEN GENUSSES.

Im Vorstehenden ist doch noch in keiner Weise das eigentlich Spezifische

des tragischen Genusses erwähnt worden. Mitfreude ist Genuss, Miterleben

des Leidens ist höherer Genuss. Wie ich gelegentlich an anderer

Stelle--in dem oben erwähnten "Litteraturbericht"--sagte: Es ist eine

schöne Sache um eine Mutter, die über ihr gesundes und fröhlich

spielendes Kind sich freut. Aber es ist eine erhabenere Sache um die

Mutter, die um ihr krankes oder sterbendes Kind in Sorge sich verzehrt.

Jene Freude ist für uns erfreulich; dieser Schmerz ist verehrungswürdig,

heilig. Er ist nicht nur ein höherer, sondern ein anderer Genuss, tiefer

und ernster. Solchen tiefen und ernsten Genuss giebt die Tragik.

Wie dies möglich ist, dies wird uns verständlich aus einem

psychologischen Gesetz, das wir bereits in anderem Zusammenhang kennen

gelernt haben. Indem ich es hier zur Erklärung herbeiziehe, scheine ich

Erhabenes aus Banalem ableiten zu wollen. Aber kein Gesetz ist banal an

sich. Jedes Gesetz ist erhaben, wenn es Erhabenes vollbringt.

Ich meine hier das Gesetz der "psychischen Stauung". Ich formuliere es

von neuem: Wird ein Vorstellungszusammenhang, der einmal in mir angeregt

ist, in seinem natürlichen Ablauf gehindert, so entsteht eine psychische

Stauung, d. h. die Vorstellungsbewegung macht an dem Punkte, wo die

Störung stattfindet, Halt. Damit wird zunächst das, was vor diesem Punkte

sich findet, von dieser Bewegung stärker, als es sonst geschehen würde,

erfasst und emporgehoben. Es kommt in uns in höherem Masse zur Geltung

und Wirkung. Es übt insbesondere auch in höherem Masse die

Gefühlswirkung, die es an sich zu üben fähig ist. Wir werden seines

Wertes in höherem Masse inne.

Mannigfache Wirkungen dieses Gesetzes, die auf seine Bedeutung für die

Tragik hinweisen können, sind uns schon aus dem alltäglichen Leben

geläufig. Ein wertvolles Objekt, das wir besassen, sei zerbrochen oder

vernichtet. Jetzt schätzen wir erst recht seinen Wert. Der Freund, den

wir verloren haben, erscheint uns in idealisiertem Lichte. Wir sind

geneigt von den Toten Gutes zu reden. Die Strafe, die dem Verbrecher zu

teil wird, söhnt uns mit ihm aus.

Dies alles sind Wirkungen jenes Gesetzes. Vieles an einem Menschen kann

Gegenstand unseres Hasses sein. Daneben ist er doch auch Mensch wie wir.

Es finden sich in ihm positiv menschliche Züge, hinsichtlich deren ich

mit ihm einstimmig bin, die in mir Widerhall finden können, kurz mit

denen ich sympathisieren kann. Von diesem Positiven, oder von der

Persönlichkeit, sofern sie eben Persönlichkeit ist, fordern wir, dass sie

bestehe, daure, sich bethätige, frei sich auslebe. Dabei verstehe ich

unter dem freien Sichausleben das durch kein inneres oder äusseres

Hindernis gehemmte Sichbefriedigen, die freie Verwirklichung dessen,

worauf irgend ein positiver Lebensantrieb abzielt. Solche Forderungen

sind nichts anderes als unser _eigenes_ Verlangen, zu dauern, uns zu

bethätigen, uns frei auszuleben.

Hier nun haben wir einen bestimmten Vorstellungszusammenhang und zwar den

denkbar zwingendsten. Es ist eben der Zusammenhang zwischen dem Positiven

der Persönlichkeit und seiner Dauer, seiner Bethätigung, seinem

Sichausleben. In der Natur dieses Zusammenhanges liegt die Tendenz mit

voller Sicherheit in _dieser Weise_, oder als dieser bestimmte

Zusammenhang abzulaufen. Dies heisst nichts anderes als: Es knüpft sich

an das Bewusstsein, es sei ein positiv Menschliches gegeben, unbedingt

jene Forderung.

Ein solcher Vorstellungszusammenhang wird nun in uns angeregt, immer wenn

wir von einem Menschen wissen. Und sein freier Ablauf wird gehemmt durch

die Wahrnehmung seines Todes, durch das Bewusstsein von jedem Leiden,

jeder Strafe, jedem Eingriff in sein Dasein. Der ganze Mensch, also auch

jenes Positive in ihm, dauert nicht, wenn er stirbt, lebt nicht frei sich

aus, wenn ihn ein Übel trifft. Damit ist die Stauung gegeben, d. h. die

Notwendigkeit, das wir bei jenem Positiven und seiner Natur nach uns

Sympathischen haften. Dies "tritt heraus", wird Gegenstand der

"Aufmerksamkeit", gewinnt psychische Höhe und steigt für uns an Wert,

oder gewinnt jetzt erst, in unseren Augen nämlich, seinen Wert. Und

diesen Wert geniesse ich mitfühlend in einer Weise, wie es sonst unter

keinen Umständen möglich wäre. In dem Bilde des Verstorbenen tritt das

Gute und Tüchtige, das was ihn wert machte, zu leben, oder was mir sein

Leben wertvoll machte, deutlicher hervor. Bei dem Freunde fällt hellstes

Licht auf das, was ich an ihm schätzte. Der Verbrecher wird für mich erst

Mensch, d. h. menschlicher Wertschätzung wert. Dass wir dem Verbrecher

die erlittene Strafe zu gute schreiben, oder sie zu seinen Gunsten

anrechnen, ist nichts als ein populärer, aus einer anderen Sphäre

hergenommener Ausdruck für diese psychologische Thatsache.

Sowie hier der Tod oder das Erleiden der Strafe, so wirkt überall im

Leben und in der Kunst,--nur in der Kunst, vermöge der Besonderheit der

künstlerischen Darstellung und unserer ästhetischen Anschauung, in

höchstem Masse,--alles was irgendwie als ein Eingriff in eine

Persönlichkeit, oder als eine Störung des unmittelbaren freien

Sichauslebens der menschlichen Persönlichkeit, oder einen Positiven in

ihr, bezeichnet werden kann; jede Einengung eines Menschen, jeder Druck,

jedes Nichtgelingen, alles was wir Kummer, Sorge, Mangel, Not, Elend

nennen, jedes Missgeschick; auch jede innere Hemmung, jeder Zweifel, jede

Verkümmerung; schliesslich in höchstem Masse der, sei es physische, sei

es auch sittliche Untergang. Es wirkt dies alles _in dem Masse_, als

wirklich ein _positiv Menschliches_, dessen Wert wir in uns inne werden

können, in seinem Bestande, seiner Dauer, seinem freien Sichausleben

gehemmt erscheint; im höchsten Masse, wenn dies positiv Menschliche

zugleich _Grösse_ hat. Immer ist die Art der Wirkung dieselbe: Erleben

unserer selbst in einem Anderen, Erklingen oder lauteres Erklingen einer

sonst nicht erklingenden oder nur schwach erklingenden Saite unseres

Inneren, also vollerer Zusammenklang der Momente unseres Wesens,

Steigerung, Erhöhung, Ausweitung unserer selbst; alles dies zugleich in

einem Anderen, also objektiviert; in der fremden Persönlichkeit mit

ästhetischer Realität uns entgegentretend.

Zugleich ist diese Wirkung umso stärker, je schärfer der Eingriff in den

Bestand, die Betätigung des Sichausleben der Persönlichkeit erscheint.

Gewiss wächst mit der Schärfe des Eingriffes auch die Unlust am Leiden.

Und diese kann sich steigern zu einem Gefühl des Entsetzlichen, das

keinen tragischen Genuss mehr aufkommen lässt. Diesseits dieser Grenze

aber liegen die unendlich vielen Stufen der Möglichkeit, dass sich die

Gründe der Unlust und die Gründe der Lust zur Erzeugung des tiefen,

ernsten, erschütternden Genusses vereinigen, als welcher eben der

tragische Genuss sich uns darstellt.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 101 / 117 题