ÄSTHETISCHE BEDEUTUNG DES BÖSEN.

Auf dies alles gehe ich hier nicht weiter ein. Dagegen interessiert uns

noch ein fundamentaler Gegensatz. Wir sprachen bisher von Eingriffen in

die Persönlichkeit, von Hemmungen ihres freien sich Auslebens, kurz vom

Leiden, und der daraus sich ergebenden Stauung.

Aber neben dem Leiden steht das Böse. Auch das Böse greift störend ein in

den freien Ablauf eines Vorstellungszusammenhanges, bewirkt also eine

Stauung und damit eine Steigerung der psychischen Bewegung. Der

Vorstellungszusammenhang besteht hier in dem Zusammenhang zwischen dem

Menschen und der sittlichen Forderung, die wir an ihn stellen.

Eine Persönlichkeit vollziehe in sich mit Bewusstsein die Negation des

Sittlichen, verhalte sich also wollend widersittlich, oder was dasselbe

sagt, in irgend einem Punkte widermenschlich. Sie leugne in Worten oder

durch die That eine sittliche Forderung. Dann gewinnt in uns diese

sittliche Forderung erhöhte Kraft. Jemehr sie geleugnet wird, um so

bestimmter setzen wir sie der Verneinung entgegen. Unser eigenes

sittliches Bewusstsein tritt uns mächtiger entgegen.

Darin liegt nun nicht ohne weiteres ein ästhetischer Wert. Die

wahrgenommene Auflehnung gegen die in mir bestehende sittliche Forderung

erfüllt mich mit Unlust. Die Kraft, mit der ich das eigene sittliche

Bewusstsein festhalte, giebt mir sittliches Kraftgefühl, etwas von

sittlichem Stolz. Und dies Gefühl ist an sich beglückend. Das Objekt aber

erscheint um so unlustvoller.

Nehmen wir indessen jetzt an, die sittliche Persönlichkeit sei nicht nur

in uns, und werde in uns wachgerufen und durch den "Kontrast" zur

"Reaktion" veranlasst, sondern sie finde sich auch irgendwie neben der

Negation des Sittlichen in einem Kunstwerke, dann ergiebt sich, auf Grund

dieser Negation, ein besonderer _ästhetischer Wert_.

Es bestehen dafür verschiedene Möglichkeiten, die ich wiederum nur

andeute. Das Böse ist "Folie" des Guten, d. h. wir finden die sittliche

Forderung, die einerseits geleugnet erscheint und dadurch in uns Kraft

gewinnt, andererseits verwirklicht, und erleben es jetzt, dass diese

Verwirklichung uns eindrucksvoller, also in höherem Grade in ihrem vollen

Werte sich darstellt. Oder wir sehen in einer und derselben

Persönlichkeit das Gute neben dem Bösen, als Kehrseite desselben, und

erfahren eine gleichartige Wirkung. Oder das Böse, die ihr Mass

überschreitende Leidenschaft, hat ein Gutes zu ihrer Wurzel und weist uns

darauf hin. Oder das Böse ist Durchgangspunkt des Guten, der Weg, auf dem

das Gute in einem Menschen sich Bahn bricht.

Hier ist die den Eindruck des Guten steigernde Wirkung zunächst wiederum

eine subjektiv bedingte. Der Gegensatz und die dadurch bedingte Stauung

oder "Spannung" steigert die psychische Bewegung in uns. Auch hier aber

gesellen sich zur subjektiv bedingten objektiv bedingte Wirkungen.

Es verfällt etwa der Böse einem üblen Geschick. Jetzt erscheint unserer

alles vermenschlichenden Phantasie dies Geschick wie eine dem Bösen sich

entgegensetzende quasi-persönliche Macht, mit deren Wollen wir uns Eines

fühlen. Vielleicht bedient sich das Geschick der Bösen. Böses Wollen und

böses Wollen bekämpfen sich und bringen sich zu Falle. Dann ist unser

sittliches Bewusstsein befreit; wir sind versöhnt. Das Gute hat Recht

behalten.

Aber dies Gute ist doch einstweilen nur "das" Gute, die sittliche Macht

nur eine quasi-persönliche. Sie wird zu einer persönlichen, wenn gutes,

berechtigtes, sittliches Wollen eines Menschen gegen das Böse sich kehrt

und darin seine Kraft bethätigt. Diese Kraft erweist sich doppelt gross,

wenn in der bösen Persönlichkeit selbst ein sittliches Bewusstsein oder

ein Zwang der Anerkennung, dass das Gute Recht habe, sich regt; oder wenn

endlich dies sittliche Bewusstsein das Böse besiegt und endgültig die

Übermacht in der Persönlichkeit behauptet.

Auch darauf gehe ich hier nicht näher ein. Es genügt mir auch hier, die

Hauptmomente der tragischen Wirkung kurz bezeichnet zu haben. Alle diese

Momente haben in der Wirkung des Humors ihr Gegenstück.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 103 / 117 题