VOLKELTS AUSSERÄSTHETISCHE BEGRÜNDUNG DER TRAGIK.

Nicht das Gleiche kann gesagt werden von einem anderen Ästhetiker der

Tragik, _Volkelt_. Ich denke dabei sowohl an _Volkelts_ "Ästhetik des

Tragischen", wie an seine "Ästhetischen Zeitfragen". Aber auch _Volkelt_

erkennt die ästhetische Sympathie nicht als das eigentlich Entscheidende

an. Darum müssen auch bei ihm ausserästhetische Momente, oder solche

Momente, die nur scheinbar selbständige Bedeutung haben, den ästhetischen

Genuss vervollständigen. Ja schliesslich erscheinen solche Momente als

die eigentlichen Faktoren des ästhetischen Genusses.

Es ist schon bedenklich, dass diese Momente so verschiedenartig sind. Das

Kunstwerk, so hören wir einmal, lässt uns in die "Rätsel" des Lebens

"blicken"; es "zeigt" uns, was es um das Leben für eine Sache sei. Es

lässt auf die Stellung von Freude und Leid, von Gut und Böse, von

Vernunft und Unvernunft im Leben "ein Licht fallen". Die Tragik soll auch

Unerfreuliches darstellen, bloss darum, weil auch das Unerfreuliche zur

_Wirklichkeit des Lebens_ gehört. Mit einem Worte, die Kunst soll uns das

Wirkliche in seinen bedeutsamen Zügen erkennen, wiedererkennen, verstehen

lassen.

Dies alles sind Wendungen, wie wir sie schon oben kennen gelernt und

abgewiesen haben. Wir sahen, mit dem Wiedererkennen hat es freilich in

der Poesie seine Richtigkeit. Aber der Zweck der Kunst kann nicht in

dergleichen bestehen. Wir können jetzt genauer sagen: Dieser Zweck

besteht nicht im Wiedererkennen, nicht darin, dass uns etwas gezeigt

wird, sondern darin, dass wir mit dem _Wiedererkannten_, oder dem, was

uns gezeigt wird, menschlich mitfühlen oder "sympathisieren" können.

Auch gegen die Behauptung haben wir uns schon erklärt, dass das Kunstwerk

seine Wirkung übe, indem es uns die Individualität des Künstlers

offenbare, die Weise, wie in ihm die Welt sich spiegelt, seine

Gestaltungskraft, den Reichtum seiner Phantasie. Alles dies offenbart

sich uns, so sagten wir, im Kunstwerke, nur soweit es im Kunstwerke

verwirklicht ist. Soweit es aber darin verwirklicht ist, bildet es einen

Teil des Inhaltes des Kunstwerkes, und ist, wie der ganze Inhalt des

Kunstwerkes, Gegenstand unserer ästhetischen Sympathie.

Nur dann könnten diese Momente den Anspruch erheben, einen eigenen und

neuen Faktor des ästhetischen Genusses zu bezeichnen, wenn es erlaubt

wäre, zur _ästhetischen_ Bewertung des _Kunstwerkes_ auch _das_

Wertgefühl zu rechnen, das wir gewinnen, wenn wir vom Kunstwerk und der

in ihm verkörperten ideellen Welt unseren Blick abwenden, um statt dessen

dem Künstler, und dem, was er ausserhalb des Kunstwerkes ist, uns

zuzuwenden und ihn, diese wirkliche Persönlichkeit, zum Gegenstand einer

Betrachtung zu machen, die mit ästhetischer Betrachtung nichts zu thun

hat. Ich nehme aber an, dass _Volkelt_ diese Erlaubnis nicht zu geben

beabsichtigt.

Als weiteren Faktor des ästhetischen Genusses bezeichnet _Volkelt_ die

Freude an unserer "Belebung", an der "über das Mittelmass hinausgehenden

Erregung des seelischen Lebens", an der inneren "Durchschüttelung". Hier

hätte _Volkelt_ wohl zunächst zeigen müssen, ob es eine solche Freude

überhaupt gebe, bezw. unter welchen Bedingungen es dieselbe geben könne.

Er würde dann zweifellos gefunden haben, dass es auch eine über das

Mittelmass hinausgehende Erregung oder eine Durchschüttelung giebt, die

alles andere als genussreich ist, einen inneren Aufruhr, ein sich Drängen

heftiger Erregungen, ein Hoch- und Durcheinandergehen der Wogen unseres

Inneren von quälender, entsetzlicher Art.

Es fragt sich also, was uns durchschüttelt. Wir haben Freude, wenn die

Durchschüttelung eine Lebenssteigerung bedeutet, das heisst, wenn uns in

dem, was uns durchschüttelt, etwas gegeben ist, das eine solche

Lebenssteigerung in sich schliesst. Und damit sind wir wiederum angelangt

bei dem Genuss, den die ästhetische Sympathie gewährt.

Daneben giebt es freilich auch noch eine Durchschüttelung anderer Art,

durch das Überraschende, Verblüffende, Sensationelle, Drastische, durch

allerlei vom inhaltlichen Werte des Kunstwerkes unabhängige "Effekte".

Ich nehme aber wiederum an, dass Volkelt solche Faktoren, soweit sie

nicht etwa der sichereren Wirkung des wertvollen Inhaltes des Kunstwerkes

dienen, nicht als ästhetische Faktoren preisen will.

Viertens wird von _Volkelt_ statuiert eine ästhetische Lust aus der

"Entlastung": Die ästhetischen Gefühlsbewegungen tragen den Charakter der

Leichtigkeit, Freiheit und Stille. Wir sind hinausgehoben über unser

individuelles Ich mit seinem Bleigewicht, seinen Fesseln, seinen

Stacheln. Damit ist gewiss eine Bedingung des ästhetischen Genusses

bezeichnet. Ohne solche Freiheit ist es unmöglich, dass wir das

ästhetisch Wertvolle ganz in uns aufnehmen, oder in seiner ganzen Fülle

und Wirkungskraft in uns erleben. Aber diese negative Bedingung des

Kunstgenusses ist doch nicht gleichbedeutend mit einem positiven Faktor

desselben. Die Befreiung von dem individuellen Ich mag eine Aufhebung von

allerlei Gründen der Unlust in sich schliessen. Daraus ergiebt sich doch

positive Lust lediglich unter der Voraussetzung, dass dazu im Kunstwerk

irgend welche positiven Gründe gegeben sind.

Endlich wird von Volkelt darauf hingewiesen, dass die Kunst dem Bedürfnis

unserer Phantasie nach freier Gestaltung reiche Befriedigung schaffe.

Dagegen erwidere ich einmal dasjenige, was ich schon oben gegen das

"Spiel der inneren Nachahmung" bemerkte. Die Kunst, die dramatische zum

wenigsten, ermöglicht nicht, sondern verbietet vielmehr unserer Phantasie

die freie Gestaltung. Der Inhalt des Kunstwerkes ist uns gegeben, völlig

unabhängig von unserem freien Belieben.

Und damit ist auch schon das Andere gesagt: Die Befriedigung unserer

Phantasie, von der hier die Rede ist, kann nichts anderes sein, als die

Befriedigung an den Gegenständen unserer Phantasie, das heisst am Inhalte

des Kunstwerkes.

Oder sollen wir ausser dieser Befriedigung an den Gegenständen oder

Inhalten unserer Phantasie auch noch eine besondere Befriedigung

verspüren an unserer Thätigkeit der Phantasie, an dieser unserer

geistigen Arbeit, und der Weise, wie sie sich vollzieht. Die Möglichkeit

einer solchen Befriedigung leugne ich wiederum nicht. Nur ist, soviel ich

sehe, auch diese Befriedigung,--ebenso wie die Befriedigung an der

Phantasie des Künstlers, soweit dieselbe nicht im Kunstwerk verwirklicht

ist,--dadurch bedingt, dass ich meinen Blick vom Kunstwerk weg wende, und

ihn richte auf das Stück der wirklichen Welt, das durch meine reale

Persönlichkeit, mein individuelles Ich repräsentiert ist. Denn dieser

Welt, und nicht der Welt des Kunstwerkes, gehört doch eben meine, mit den

Inhalten des Kunstwerkes beschäftigte Phantasiethätigkeit an. Es ist also

auch die Freude daran nicht Freude am Kunstwerk, sondern Freude an der

ausserhalb des Kunstwerkes liegenden realen Welt. Diese aber kann

_Volkelt_ umso weniger zur Freude am Kunstwerk rechnen wollen, als er ja

selbst mit vollem Rechte die Loslösung vom individuellen Ich zur

Bedingung des ästhetischen Genusses macht. In der That ist der

ästhetische Genuss nichts anderes als der Genuss, der sich aus der reinen

_ästhetischen Betrachtung_ ergiebt. Und diese _besteht_ in der Loslösung

von allem, was nicht im Kunstwerk unmittelbar gegeben ist. Sie besteht im

Aufgehen in diesem Objekte der Betrachtung. Die ästhetische Sympathie ist

die Sympathie unter _Voraussetzung_ solcher Loslösung oder solchen

Aufgehens.

Ich bezeichnete diese ästhetische Sympathie auch damit, dass ich sagte,

wir erleben im Kunstwerke uns selbst, nicht bloss, wie wir jetzt sind,

sondern wie wir sein könnten. Wir erleben darin unser ideelles Ich. Dies

kann bald in diesem, bald in jenem Zuge zu einem idealen, oder über das

Mass unseres realen Ich gesteigerten Ich werden. Wie es aber hiermit

bestellt sein mag: Immer wenn uns im Kunstwerk Persönliches

entgegentritt, nicht ein Mangel am Menschen, sondern ein positiv

Menschliches, das mit unseren eigenen Möglichkeiten und Antrieben des

Lebens und der Lebensbethätigung im Einklang steht oder darin Widerhall

findet; immer wenn uns dies positiv Menschliche entgegentritt so

objektiv, so rein und losgelöst von allen ausserhalb des Kunstwerkes

stehenden Wirklichkeitsinteressen, wie dies das Kunstwerk ermöglicht und

die ästhetische Betrachtung fordert, immer dann ist dieser Einklang oder

Widerhall für uns beglückend.

Persönlichkeitswert ist ethischer Wert. Es giebt keine mögliche andere

Bestimmung und Abgrenzung des Ethischen. Aller Kunstgenuss, aller

ästhetische Genuss überhaupt ist darnach Genuss eines ethisch Wertvollen,

nicht als eines Bestandteiles des Wirklichkeitszusammenhanges, sondern

als eines Gegenstandes der ästhetischen Anschauung.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 100 / 117 题