Jemand leidet, d. h. empfindet Unlust, weil ihm eine Büberei, ein
thörichter oder verbrecherischer Anschlag misslungen ist. Auch dies
Leiden erleben wir innerlich mit, d. h. wir vollziehen in uns die
Vorstellung dieses Gemütszustandes. Aber wir erleben das Leiden auch
wiederum nicht innerlich mit, d. h. wir nehmen nicht daran teil. Warum
dies? Zweifellos, weil die Wurzel, aus welcher dies Leiden stammt, d. h.
der Wunsch, das Niedrige oder Böse vollendet zu sehen, oder allgemeiner
gesagt, weil dies dem Leiden zu Grunde liegende oder in ihm sich
kundgebende Moment in der Persönlichkeit dessen, der leidet, uns
widerstrebt oder unserem Wesen widerstreitet. Aus gleichem Grunde freuen
wir uns nicht mit demjenigen, der über eine gelungene Schlechtigkeit
Freude empfindet.
Umgekehrt weckt Leiden unser Mitleiden, Freude unsere Mitfreude, wir
nehmen überhaupt teil an jeder Regung in einem Menschen, wenn und soweit
das Moment der Persönlichkeit, aus welchem dieselbe stammt, in unserem
Wesen Widerhall findet, oder wir hinsichtlich dieses Momentes mit der
leidenden oder sich freuenden Persönlichkeit uns einstimmig fühlen
können.
Damit ist ohne weiteres der Grund zum Genusse gegeben. Der Genuss ist
Genuss dieser Einstimmigkeit, Genuss der "_Sympathie_".
Dies kann genauer bestimmt werden. Woher wissen wir denn von fremden
Persönlichkeiten? Wie kommt es, dass es solche überhaupt für uns giebt?
Was wir wahrnehmen, wenn ein Mensch uns gegenübersteht, ist eine Gestalt,
eine äussere Erscheinung, eine Summe von Lebensäusserungen. Aber dies
alles ist nicht die fremde Persönlichkeit, ich meine die seelische oder
geistige, die leidende, sich freuende, hoffende, fürchtende u. s. w.
Persönlichkeit.
Das Bild dieser Persönlichkeit kann nur aufgebaut sein aus Elementen
unserer eigenen Persönlichkeit. Das Bild der fremden Persönlichkeit ist
die an einen fremden Körper geknüpfte, je nach der Art dieses fremden
Körpers und der Besonderheit seiner Lebensäusserungen modifizierte
Vorstellung von uns selbst.
Wie wir uns selbst in der Vorstellung modifizieren können, ist jedermann
wohl bekannt. Wie oft haben wir ein Bewusstsein davon, dass wir so oder
so sein könnten. Wir wünschen vielleicht auch, dass wir so oder so wären.
Nun, eine Vorstellung von dem, was wir sein könnten, oder die
Vorstellung, wie sie ein solcher Wunsch in sich schliesst, eine solche
Vorstellung, geknüpft an eine fremde sinnliche Erscheinung, das ist die
fremde Persönlichkeit.
Sie ist noch etwas mehr. Die fremde Persönlichkeit _ist_, was wir sein
könnten; sie ist es wirklich. Die eigene, in dieser oder jener Weise
modifizierte Persönlichkeit tritt uns in der fremden Person als etwas
_Wirkliches entgegen_.
Zunächst in der _wirklichen_ fremden Person. Aber auch in gewisser Weise
in der fremden Person, die nur künstlerisch _dargestellt_ ist. Die
ideelle, d. h. nur für unsere Phantasie bestehende Welt des Kunstwerkes
hat für uns Wirklichkeit, nicht im Sinne der erkannten, wohl aber in dem
eigen- und einzigarten Sinne der ästhetischen Realität: Auch in der nur
dargestellten Person tritt uns unsere eigene Persönlichkeit, wie sie sein
könnte, als etwas "_Objektives_", als ein nicht von uns ins Dasein
Gerufenes, sondern uns "Gegebenes", uns von aussen Aufgenötigtes
entgegen.
Und in jedem Zuge oder jeder Lebensäusserung der fremden Person finden
wir eine mögliche Weise der Bethätigung unserer eigenen Person
verwirklicht oder sich auswirkend, vor. Jetzt fragt es sich, wie diese
Bethätigungsweise in das Ganze unserer Persönlichkeit, so wie sie
thatsächlich geartet ist, sich einfügt, ob damit einstimmig oder den
eigenen thatsächlichen Bethätigungsantrieben derselben widerstreitend, ob
befreiend oder bedrückend, fördernd oder verletzend. Je nachdem haben wir
diese oder jene Weise des Selbstgefühls.
Das Sympathiegefühl überhaupt und demnach auch das ästhetische
Sympathiegefühl ist also eine psychologisch wohl verständliche, ja wenn
man will selbstverständliche Sache. Es ist, wenn wir einmal vom Dasein
fremder Persönlichkeiten und von Regungen, die in ihnen stattfinden,
wissen, ohne weiteres gegeben.
Dies Sympathiegefühl ist Selbstgefühl, aber doch wiederum vom
unmittelbaren Selbstgefühl verschieden. Der Gegenstand desselben ist
unser "_objektiviertes_", in Andere hineinverlegtes, und demgemäss in
Anderen vorgefundenes Selbst. So müssen wir auch das Sympathie_gefühl_
als objektiviertes _Selbstgefühl_ bezeichnen. Wir fühlen uns in Anderen,
oder fühlen Andere unmittelbar in uns. Wir fühlen uns in oder durch den
Anderen beglückt, befreit, ausgeweitet, gehoben, oder das Gegenteil.
Das _ästhetische_ Sympathiegefühl ist aber nicht nur eine Weise des
ästhetischen Genusses, sondern es ist der ästhetische Genuss. Aller
ästhetischer Genuss liegt schliesslich einzig und allein in der Sympathie
begründet. Auch der ästhetische Genuss, den Linien, geometrische,
architektonische, tektonische, keramische Formen etc. gewähren. Was
diesen letzteren Punkt betrifft, so verweise ich auf meine "Raumästhetik
und geometrisch-optische Täuschungen".
Diese ganze Thatsache übersieht die oben bekämpfte Theorie. Sie übersieht
damit im Ästhetischen das Ästhetische. Sie greift darum zu jenem
läppischen "_Spiel_".