Vielleicht gelingt es uns eher, weiter, d. h. den Bedingungen, unter
denen das Komische in ein ästhetisch Wertvolles sich verwandelt, näher zu
kommen, wenn wir--bei dem Begriff der inneren Nachahmung noch einen
Augenblick bleiben, aber zunächst einmal zusehen, welche Bedeutung
derselbe auf einem anderen Gebiete haben kann.
Ich bezeichnete schon die "Modifikation des Schönen", innerhalb welcher
das Komische ästhetischen Wert gewinnt, als Humor. Neben dem Humor
nun--nicht etwa neben der Komik--steht die Tragik. Immer wieder hat man
diese beiden als Geschwister betrachtet. Dann werden beide eine
Familienähnlichkeit haben. Es ist zu erwarten, dass das Verständnis des
einen der Geschwister einen wesentlichen Teil des Verständnisses des
anderen in sich schliessen werde.
Wie können Leiden, Besorgnis, Angst, Untergang Gegenstand unseres
Genusses sein? Man sagt vielleicht auch hier wiederum: Indem wir sie
"innerlich nachahmen". Dies wird zutreffen. Nur kommt dabei alles darauf
an, dass wir das "innerliche Nachahmen" recht verstehen.
Die blosse Kenntnisnahme von dem Leiden kann nicht erfreuen. Das
innerliche Mitmachen aber scheint diese Wirkung noch weniger haben zu
können. Das Mitmachen des Leidens ist ein Leiden mit dem Leidenden, das
Mitmachen der Sorge ein Sichsorgen mit dem Sorgenden. Daraus, scheint es,
kann uns nur Unlust erwachsen.
Hier aber wird uns wiederum das "Spiel" entgegengehalten: Die innere
Nachahmung ist Spiel, und demgemäss erfreulich, wie jedes Spiel. Das
Leiden der tragischen Gestalt ist nicht wirklich. Es ist nur Schein.
Diesem Schein überlassen wir uns freiwillig, um ebenso freiwillig
wiederum uns ihm herauszutreten. Das heisst in unserem Falle: Wir
überlassen uns dem Mitleiden oder der Mitsorge, wissen aber zugleich,
dass dazu in Wirklichkeit kein vernünftiger Grund vorliegt, da ja ein
wirkliches Leiden oder eine wirkliche Sorge gar nicht stattfindet. Wir
geben uns also nur spielend jenem Erleben hin. Wir geben es dann ebenso
spielend wieder preis. Und an diesem Spiele, dieser Freiheit auf den
Schein uns einzulassen und auch wiederum von ihm loszumachen, oder ihn
innerlich in nichts aufzulösen, an dieser Selbstherrlichkeit unserer
Phantasie haben wir unsere Freude.
Ich wiederhole nicht mehr, was ich über diesen ausgeklügelten Widersinn
oben angedeutet und an anderer Stelle[3] ausführlicher gesagt habe. Ich
begnüge mich hier zu bemerken, dass ich diese Freiheit _nicht_ habe, und
dass ich, falls ich sie hätte, davon angesichts des tragischen
Kunstwerkes keinen Gebrauch machen würde.
[3] Im "Dritten ästhetischen Literaturbericht", der im "Archiv für
systematische Philosophie" demnächst erscheinen soll.
Ich habe sie nicht, weil das tragische Kunstwerk, wenn es nicht etwa ein
schlechtes Machwerk ist, mich festzuhalten pflegt; weil es mich wider
meinen Willen fortreisst; weil es mit Zaubergewalt mich festbannt in
seiner Welt des Scheines.
Und ich würde von dieser Freiheit keinen Gebrauch machen, weil mir der
ernste und erschütternde Genuss des tragischen Kunstwerkes lieber ist als
die kindische Freude an solcher armseligen Freiheit.
Ausserdem füge ich hinzu, dass nicht bloss angesichts der Scheinwelt der
Bühne, sondern auch gegenüber der Tragik der _Wirklichkeit_ ein
tragischer Genuss möglich ist. Hier hat aber doch wohl jenes Spiel der
Phantasie keine Stelle mehr. Hier ist ja das Leiden harte Thatsache.
Wie der, oder die Vertreter jener Theorie, so mache ja gewiss auch ich
das Leiden der tragischen Gestalt innerlich mit. Nur wie schon
angedeutet, in anderer Weise. Ich leide mit dem Leidenden, und _bleibe_
dabei mit ihm zu leiden. Wiefern ich nun aber davon Genuss haben kann,
dies ergiebt sich aus der Beantwortung der einfachen Frage: Wann wir denn
von dem Leiden eines anderen, sei es einer Person im Drama, sei es eines
wirklichen Menschen, nicht bloss Notiz nehmen, sondern es im eigentlichen
Sinne des Wortes miterleben oder "mitmachen".