ERKENNTNISWERT UND ÄSTHETISCHER WERT.

Ich habe oben vom ästhetischen Wert die Nützlichkeitswerte, im weiteren

Sinne dieses Wortes, unterschieden. In verschiedenen solchen

Nützlichkeitswerten könnte der Sinn der Kunst gefunden werden. Ich

schliesse hier gleich diejenigen aus, die niemand mit dem Werte, den das

Kunstwerk, eben als Kunstwerk hat, oder kurz: mit dem _künstlerischen_

Werte des Kunstwerkes verwechselt: etwa den Kaufwert eines Gemäldes, oder

den zufälligen Affektionswert, oder den Wert als kunsthistorisches

Dokument, oder endlich den praktischen Wert, wie ihn etwa die Musik, als

kriegerische Musik, besitzt.

Dann bleiben noch übrig allerlei Erkenntniswerte oder durch Erkenntnis

vermittelte Werte. Hiermit habe ich schon einen Unterschied angedeutet,

den wir festhalten wollen. Es bestehen offenbar die beiden Möglichkeiten:

Das Kunstwerk kann seinen Wert haben, weil es Erkenntnis vermittelt; oder

dieser Wert beruht darauf, dass uns das Kunstwerk das Dasein eines

_Wertvollen_ ausser ihm selbst erkennen lässt. Im ersteren Falle wäre der

Wert des Kunstwerkes der Wert einer Erkenntnis, die Wertschätzung des

Kunstwerkes Freude an einem Erkennen als solchem, an einem Wissen, an

einer Einsicht. Im letzteren Falle dagegen wäre der Wert des Kunstwerkes

der Wert dessen, was wir aus der Betrachtung desselben erkennen, die

Wertschätzung des Kunstwerkes wäre die Freude--nicht an einem Erkennen,

sondern an einem, durch Hilfe des Kunstwerkes _erkannten_ Objekte oder

Thatbestande.

Achten wir zunächst auf die erstere Möglichkeit. Man sagt etwa, das

dramatische Kunstwerk "zeige" uns, wie es in der Welt zugehe, was es um

Menschen, Menschenleben und Menschenschicksal für eine Sache sei.

Hier erhebt sich sofort ein Bedenken. Über die Wirklichkeit Aufschluss

geben können uns doch nur Thatsachen, die der Wirklichkeit angehören,

oder von denen wir wissen, dass sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen.

Die erdichteten Charaktere und Schicksale des dramatischen Kunstwerkes

insbesondere müssen von uns als der Wirklichkeit gemäss erkannt sein,

wenn sie als über die Wirklichkeit belehrend von uns anerkannt werden,

wenn wir also aus ihnen Belehrung schöpfen sollen. Ist dies nicht der

Fall, fehlt uns der Eindruck der Wirklichkeitsgemässheit, so sehen wir in

ihnen eben willkürliche Erzeugnisse der dichterischen Phantasie, die mit

der Wirklichkeit nichts zu thun haben. Diesen Eindruck der

Wirklichkeitsgemässheit können wir aber nur gewinnen, wenn wir bereits

wissen, wie es um die Wirklichkeit bestellt ist.

Indessen so meint man die Sache nicht. Wir sollen nicht über das, von dem

wir vorher keine Kenntnis haben, im Kunstwerk belehrt werden; sondern es

soll uns, was wir schon wissen, "gezeigt", vor Augen gestellt, zur

Anschauung gebracht werden. Unser wissenschaftliches Wissen ist ein

allgemeines, abstraktes, in allgemeine Begriffe und Regeln gefasstes. Im

Kunstwerk dagegen tritt uns an Stelle der Regel der bestimmte einzelne

Fall entgegen, nicht ein beliebiger, sondern ein typischer oder

charakteristischer, bei dem zugleich allerlei weggelassen ist, was nicht

zur Sache gehört. Das Kunstwerk zeigt uns unser Wissen, in dem einen

Falle in eigentümlicher Weise _verdichtet_, so das wir daraus unmittelbar

und zugleich in besonderer Reinheit, Klarheit, Einfachheit das

Wesentliche bestimmter Thatsachen und Verhältnisse der Wirklichkeit

wiedererkennen.

Solches Wiedererkennen hat zweifellos Wert. Es freut uns, wenn wir an

einem Exemplar einer Gattung, etwa an einer Pflanze, die Eigentümlichkeit

der Gattung besonders leicht und unmittelbar wiedererkennen. Es freut uns

das Experiment, das uns ein physikalisches Gesetz in besonders

unmittelbar anschaulicher Weise vergegenwärtigt. Gleichartig wäre die

Freude an jenem Wiedererkennen der Gesetze oder der allgemeinen Weisen

des Geschehens in der Menschenwelt, wenn uns in einem dramatischen

Kunstwerk ein besonders klarer und einleuchtender Fall desselben

vorgeführt wird.

Aber wenn uns nun auch die _Dramatik_ die Freude solchen Wiedererkennens

oder solcher anschaulichen Auffassung der bekannten Wirklichkeit

verschaffen kann, wie ist es in diesem Punkte mit der Musik bestellt?

Es ist klar: Was die Musik giebt, ist völlig anderer Art. Die Musik

schliesst unmittelbar in sich Weisen der Bewegung, ein Jubeln, ein

Klagen, ein sehnsuchtsvolles Verlangen, rasches Stürmen, sanftes Gleiten.

Alles dies erleben wir in uns, wenn wir die Musik hörend uns zu eigen

machen. Dies Erleben ist beglückend. Was wir so unmittelbar erleben,

macht den Wert des musikalischen Kunstwerkes.

Hierauf kann man erwidern: Musik sei eben nicht Dramatik. Kein Wunder,

wenn beide Verschiedenes leisten.

Aber man vergesse nicht, was hier in Frage steht. Es ist der Sinn der

"Kunst". Was will die menschliche Thätigkeit, die man mit diesem Namen

bezeichnet? Zweifellos sind die Künste von einander verschieden. Und

demgemäss ist von vornherein klar, dass sie Verschiedenes wollen müssen.

Die Dramatik will dies, die Bildnerei jenes, die Musik ein Drittes. Aber

ich frage hier nicht: Was will die Dramatik als Dramatik, die Bildnerei

als Bildnerei, die Musik als Musik; sondern: Was wollen sie alle, als

Beispiele des einen Begriffes der "_Kunst_". Welches Eigenartige an allen

diesen Künsten macht sie dazu? Was charakterisiert sie als Arten der

Kunst? Was berechtigt sie alle diesen selben Namen zu tragen? Wie die

Künste, so wollen auch die Wissenschaften Verschiedenes. Dennoch erkennt

jedermann das Recht der Frage an: Was Wissenschaft überhaupt wolle. Das

gleiche Recht muss die Frage haben, was die Kunst überhaupt wolle.

Auf diese Frage haben wir nun einstweilen die negative Antwort gewonnen:

Es ist unmöglich, dass der spezifische Sinn der "Kunst" darin bestehe,

ein "Wiedererkennen" der bezeichneten Art zu ermöglichen oder die Freude

eines solchen Wiedererkennens zu gewähren. Es ist unmöglich, dass die

Kunst als solche die Aufgabe habe uns eine einfachere, leichtere, klarere

Auffassung von Dingen oder Vorgängen der Wirklichkeit zu verschaffen.

Oder dürfen wir nicht Wissenschaft und Kunst, so wie wir soeben thaten,

in Parallele stellen? Ist zwar die Wissenschaft einheitlich, und auf das

gleiche Ziel gerichtet, Kunst aber ein Sammelname für Heterogenes?

Dann beachte man, wie heterogen unter solcher Voraussetzung die Künste im

Vergleich miteinander sein müssten. Jenes Wiedererkennen, jene einfache,

klare, leichte Auffassung ist ein intellektueller Vorgang, ein Akt des

Verstandes, die Freude daran intellektuelle Freude. Solche Freude zu

gewähren soll der eigentliche Sinn und Zweck gewisser Künste sein,

während andere ihrer Natur nach bestimmt sind, eine völlig andere Seite

unseres Wesens in Thätigkeit zu setzen.

Fassen wir diesen Gegensatz in seiner vollen Schärfe. Es giebt _einen

fundamentalsten_ Gegensatz des psychischen Geschehens oder des

"Vorstellungsablaufes". Dieser Gegensatz ist kein anderer als der

Gegensatz des logischen Verhaltens, des Intellektes, der

Verstandesthätigkeit einerseits, und jeder sonstigen Weise der

psychischen Thätigkeit andererseits. In unserem logischen Verhalten,

unserem Denken und Erkennen, ist der Vorstellungsverlauf objektiv

bedingt, das heisst: er ist bedingt und einzig bedingt durch die Weise

der Objekte unseres Bewusstseins, ohne unser Zuthun, als diese bestimmten

Objekte in uns aufzutreten und in dieser bestimmten Weise miteinander

verbunden zu sein. Er ist objektiv bedingt, das heisst: wir, unser ganzes

Wesen, verhält sich zur Beschaffenheit der Bewusstseinsobjekte und der

Weise ihrer Verbindung passiv oder gleichgültig. Unsere Neigungen und

Wünsche, dass etwas so oder so sei, sind in solchem Vorstellungsverlauf

ausser Wirkung gesetzt. Es giebt innerhalb desselben nur ein Interesse,

nämlich das Interesse, ohne alles Interesse an der _Beschaffenheit_ des

Vorgestellten und der Weise seiner Verbindung lediglich den Forderungen

zu genügen, die die Objekte des Bewusstseins an uns stellen, oder

lediglich der "objektiven Nötigung" zu gehorchen, der wir unterliegen,

wenn wir jede Reaktion unseres Wesens dem Inhalte der Objekte und der

Weise ihrer Verbindung gegenüber unterlassen.

Diesem objektiv bedingten Vorstellungsverlauf oder inneren Verhalten

steht gegenüber das subjektiv bedingte, von dem das völlige Gegenteil

gilt. Der Vorstellungsverlauf ist subjektiv bedingt, das heisst: es kommt

darin eben die Anteilnahme unserer Persönlichkeit oder die "Reaktion"

unseres Wesens auf den Inhalt des Vorgestellten und die Beschaffenheit

der Vorstellungszusammenhänge zur Aussprache. Es giebt sich darin kund,

was das Vorgestellte für uns, so wie wir einmal sind, bedeutet, ob seine

Beschaffenheit mit unserem Wesen einstimmig ist, oder ihm widerstreitet,

ihm zusagt oder widerstrebt, ob sie uns erfreut, erhöht, ausweitet, oder

in uns Unlust weckt, uns niederdrückt, uns einengt.--Es ist, nebenbei

bemerkt, eine gar nicht selbstverständliche, sondern höchst merkwürdige

Thatsache, dass diese beiden Weisen psychischer Bethätigung nicht nur

nebeneinander existieren, sondern vollkommen unabhängig voneinander sich

vollziehen können, dass wir also das eine Mal logisch oder erkennend

thätig sein, das heisst unseren Wünschen, oder der Reaktion unseres

Wesens auf die Beschaffenheit des Vorgestellten den Einfluss auf den

Vorstellungsverlauf verbieten, das andere Mal dagegen eben diesen

Reaktionen unseres Wesens uns überlassen können. Es ist eine merkwürdige

Sache um diese wechselseitige Selbständigkeit von "Verstand" und "Gemüt".

Und in diese verschiedenen psychischen Lebensgebiete nun sollen die

"Künste" sich teilen. Gewisse Künste sollen an den "Verstand", andere an

das "Gemüt" sich wenden. Bei einigen soll die Frage lauten: Was oder wie

ist dies, bei anderen: Wie vermag mich dies innerlich anzumuten. Offenbar

gehörten jene Künste demselben Lebensgebiete an, dem die Wissenschaft

angehört, diese dem Gebiete des psychischen Lebens, das für die

Wissenschaft ihrer Natur nach nicht besteht und nicht bestehen darf.

Angenommen, das Wort Kunst hätte in der That unserem Sprachgebrauch

zufolge diese grundsätzlich verschiedene Bedeutung, so müssten wir, da

doch Begriffe im wissenschaftlichen Zusammenhange nicht völlig

Heterogenes vereinigen sollen, uns entschliessen von jetzt an nur noch

die eine Gruppe von Künsten mit diesem Namen zu bezeichnen. Und zwar

müsste dies die Gruppe sein, der die Musik angehört. Die andere könnte

dann etwa unter dem Namen "Künste der Belustigung des Verstandes und

Witzes" zusammengefasst werden.

Indessen diese Scheidung ist nicht erforderlich. Wir dürfen von

vornherein annehmen, dass diejenigen, die den Wert der Werke gewisser

Künste, etwa der Dramatik oder der Malerei oder der Plastik, darein

setzen, dass sie uns etwas wiedererkennen lassen, uns etwas zeigen, uns

Rätsel lösen, in die Wirklichkeit oder das Leben einen Einblick gewähren,

uns von Thatsächlichem Verständnis schaffen, uns eine leichte, sichere,

anschauliche Auffassung desselben ermöglichen, oder wie die Wendungen

sonst lauten mögen,--dass sie alle im Grunde nicht meinen, was sie sagen,

oder dass sie bei dem, was sie sagen, Anderes stillschweigend

voraussetzen, oder ihnen selbst unbewusst mit einschließen.

Und es ist leicht zu sehen, was dies sein muss. Zweifellos hat ja die

dramatische Kunst,--um speciell bei dieser zu bleiben--die Absicht uns

durch Vorführung charakteristischer Fälle zu zeigen, was es um

Menschendasein und Menschenschicksal für eine Sache ist. Aber damit ist

nicht gesagt, dass hierin ihre Endabsicht besteht. Wer mir dergleichen

"zeigt", kann ja gar nicht umhin--da ich doch nun einmal auch Mensch

bin--mir zugleich den entsprechenden Eindruck zu schaffen. Und zeigt er

mir's in der Weise, wie es die Dramatik thut, dann heisst dies: Ich lebe

in ganz eigenartig eindrucksvoller Weise das Menschendasein und

Menschenschicksal mit. Meine Persönlichkeit,--nicht mein die Thatsachen

nur einfach hinnehmender Verstand,--findet darin ihre eigenen

Lebensmöglichkeiten, Lebensbedürfnisse, Lebensantriebe verwirklicht.

Fassen wir die Sache so, dann verstehen wir, warum die Dramatik mir Leben

"zeigt", mir einen "Blick" in dasselbe gewährt, mich dasselbe leicht,

sicher, anschaulich "auffassen" lässt; und wiefern sie dies, als Gattung

der "Kunst", notwendig thut. Das Leben, das ich mitleben soll, muss eben

doch für mich da sein. Es kann aber für mich im Kunstwerk da sein, nur

soweit ich in demjenigen, was das Kunstwerk meinen Sinnen bietet, ein mir

bekanntes, nämlich aus der Wirklichkeit bekanntes Leben "wiedererkenne".

Ich muss die Sprache des Kunstwerkes "verstehen", wenn es überhaupt für

mich eine Sprache reden soll. Und je tiefer das Kunstwerk in das mir

bekannte Leben greift, und mich einen "Blick" in dies Leben und seine

"Rätsel" thun lässt, desto tiefer geht auch mein Miterleben.

Andererseits, je leichter, klarer, unmittelbarer dies Leben von mir aus

dem Kunstwerk herausgelesen werden kann, umso sicherer und reiner kann

mein Miterleben geschehen.

So besteht also der allgemeine Sinn der Kunst, mag sie nun Musik oder

Dramatik oder sonstwie heissen, darin, dass ich--nicht an einer

Verstandeseinsicht oder Bethätigung des Intellektes, sondern an der

Bethätigung meiner zu innerem Anteil fähigen Persönlichkeit reicher

werde. Nur verwendet dazu natürlich jede Kunst die Mittel, die sie hat.

Die Musik hat aber dazu nun einmal die Töne, die Dramatik das Mittel

einzelne Gestalten und Erlebnisse uns "schauen" zu lassen.

Und damit ist zugleich das Allgemeinere gesagt, dass der Wert des

Kunstwerkes nicht das eine Mal in etwas besteht, wozu uns das Kunstwerk

Gelegenheit giebt, oder wozu es dienlich ist, das andere Mal in einem dem

Kunstwerk selbst Angehörigen, sondern dass derselbe in jedem Falle der

letzteren Art, also Eigenwert des Kunstwerkes ist. Solcher Eigenwert ist

ja der Wert des der Musik verwirklichten und ebenso der Wert des im Drama

von uns "wiedererkannten" Lebens. Dagegen wäre der Wert unseres

Wiedererkennens, unserer klaren, einfachen Auffassung etc. nicht ein dem

Kunstwerke selbst eigener, nicht ein unmittelbar in ihm liegender.

"VERSTÄNDNIS" DES KUNSTWERKES.

Wir müssen nun aber diesen Sachverhalt noch nach anderer Richtung hin

feststellen. Ich gelangte zu demselben, indem ich nach dem spezifischen

Sinne des alle Künste umfassenden Wortes "Kunst" fragte. Man könnte nun

sagen; Es giebt auch eine Befriedigung des _Verstandes_, die allen

Künsten gemeinsam ist. Nämlich die Befriedigung aus der Erkenntnis der

Weise, wie "es" gemacht wird oder gemacht ist, aus der Einsicht in die

künstlerische Thätigkeit oder Leistung, wie sie im Kunstwerk offenbar

wird, aus dem "Verständnis" des Kunstwerkes in diesem Sinne.

Auch solche Wendungen sind wiederum nicht eindeutig. Dreierlei sogar kann

damit gemeint sein. Zunächst dasjenige, was damit unmittelbar gemeint

_scheint_: Ich freue mich über meine Einsicht als solche, aber die

Thatsache, dass ich verstehe, wie das Kunstwerk dazu kommt, als dies

Kunstwerk dazusein, wie die Bedingungen des vorliegenden künstlerischen

Ergebnisses zu eben diesem Ergebnisse zusammengewirkt haben oder

zusammenwirken.

Dann ist zu bemerken, dass die Einsicht in die _Unfähigkeit_ des

Künstlers, in die _Vergeblichkeit_ seiner Bemühungen, in die

_Zweckwidrigkeit_ der von ihm aufgewendeten Mittel, genau ebensogut

"_Einsicht_" ist, wie die Einsicht von entgegengesetztem Inhalte. Und

jene Einsicht kann eine ebenso klare und sichere, also vom rein

intellektuellen Standpunkt ebenso befriedigende Einsicht sein. Wird man

nun sagen, ein Kunstwerk habe, als Kunstwerk, Wert, auch wenn es nur die

Möglichkeit einer _solchen_ Einsicht, oder eines _solchen_ Verständnisses

gewährt, wenn ich aus ihm möglichst deutlich ersehe, welchen Bedingungen

es seine Leerheit und Mangelhaftigkeit verdankt, und wiefern aus diesen

Bedingungen nur eben dies Ergebnis entstehen konnte. Zweifellos hat

dieses Verständnis _Wert_. Aber es ist darum nicht Verständnis eines

wertvollen, sondern eines wertlosen "Kunstwerkes". Nichts Schlechtes in

der Welt wird dadurch gut, dass ich verstehe, oder einsehe warum es nicht

besser ist.

Zweitens kann die Meinung diese sein: Ein Kunstwerk hat Wert in dem

Masse, als darin das Vermögen des Künstlers, irgendwelche, gleichgültig

ob sinnvolle oder widersinnige Absicht zu verwirklichen, sich kund giebt.

Offenbar stehen wir hiermit schon an einem völlig anderen Standpunkte.

Die Befriedigung ist jetzt nicht mehr eine solche des Verstandes. Wir

sollen im Kunstwerk die Geschicklichkeit oder die Begabung des Künstlers

erkennen. Aber indem wir sie erkennen, ist sie für uns da. Wir freuen uns

nicht mehr darüber, dass wir erkennen, sondern wir freuen uns über das

_Erkannte_. Die Geschicklichkeit des Künstlers, oder allgemeiner gesagt,

der Künstler, ist Gegenstand unserer Freude. Der Wert des Kunstwerkes ist

der Wert des künstlerischen Könnens, das wir aus dem Kunstwerke

erschliessen.

Dagegen könnte zunächst eingewandt werden, dass wir uns doch sonst über

eine auf Wertloses oder Widersinniges verwendete Geschicklichkeit nicht

zu freuen, sondern sie zu beklagen pflegen. Wir nennen denjenigen, der

seine Geschicklichkeit so missbraucht, einen Narren. Das Erste, was wir

vom Menschen fordern, also doch auch wohl vom Künstler fordern dürfen,

ist, dass er Sinnvolles wolle, sich vernünftige Zwecke setze.

Es kommt aber hinzu, dass wir in den allerwenigsten Fällen von den

Absichten eines Künstlers eine genaue Kenntnis haben können. Angenommen,

ein Stümper behauptete, er habe in jedem seiner Werke genau das

beabsichtigt, was darin erreicht sei, und wir könnten ihm nicht das

Gegenteil beweisen; dann müssten wir der hier vorausgesetzten Theorie

zufolge seine Werke sämtlich für vollendete Kunstwerke ansehen. Dann wer

genau das erreicht, was er beabsichtigt, zeigt jederzeit, dass er zur

Erreichung seiner Absicht vollkommen "geschickt" ist. Oder, müssen wir in

einem Falle zweifeln, ob ein "Kunstwerk" dem Ungeschick sein Dasein

verdankt, oder genau so gemeint ist, wie wir es vor uns sehen, so müssen

wir ebendamit zugleich zweifeln, ob es ein grosses Kunstwerk oder das

völlige Gegenteil davon sei. Vielleicht neigen wir erst zur ersteren

Ansicht; dann sagen wir: das ist eine Stümperei. Nachher scheint uns die

letztere Ansicht die glaubhaftere; dann brechen wir in Kunstbegeisterung

aus.

Aber auch dies ist nicht die Meinung der Theorie, die den Wert des

Kunstwerkes auf das künstlerische "Können" zurückführt. Mit diesem

künstlerischen Können ist eben das _künstlerische_ Können gemeint, d. h.

das Können, das auf künstlerische Absichten gerichtet ist. Dann hängt

alles an der Frage: Was sind "künstlerische" Absichten.

Gewiss nun sind dies nicht solche Absichten, die zu irgend einer Zeit ein

"Künstler" hat. Ein Künstler kann allerlei Absichten haben, z. B. Essen

und Schlafen. Er kann auch in seiner Kunst die Absicht haben, von sich

reden zu machen, zu verblüffen, oder um jeden Preis Geld zu erwerben.

Sondern künstlerische Absichten sind solche, die ein Künstler _als

Künstler_ hat. Einem Künstler, so sagt man mit vollem Rechte, ist in

seiner Kunst alles erlaubt. Noch mehr: Alles was ein Künstler will und

thut, hat ebendamit absoluten künstlerischen Wert. Aber wann ist ein

Künstler ein Künstler? In welchem Wollen und Thun stellt er sich als

Künstler dar?

Damit sind wir wiederum angelangt bei unserer ersten Frage. Was macht den

specifischen Sinn des Wortes "Kunst" aus? Wir sahen: Kunst ist gerichtet

auf Erzeugung eines in sich selbst Wertvollen. Das Kunstwerk schliesst in

sich selbst etwas, das, wenn wir es in uns aufnehmen, unsere, der

Anteilnahme an vorgestellten Inhalten fähige Persönlichkeit, oder, wie

ich statt dessen auch kurz sagte, das unser "Gemüt" bereichert, erweitet,

erhöht. Ein solches in sich selbst Wertvolles wird also notwendig der

Inhalt der künstlerischen Absicht sein, ein solches will der Künstler,

als Künstler. Und das Kunstwerk hat Wert, wenn wir daraus ersehen, der

Künstler habe eine solche Absicht gehabt, und zugleich die Fähigkeit

besessen, dieselbe zu verwirklichen.

Was nun aber heisst dies anders als: Das Kunstwerk hat Wert, wenn es in

sich selbst einen wertvollen Inhalt trägt. Die Verwirklichung der

künstlerischen Absicht, so wie sie in einem Kunstwerke vorliegt, das ist

doch eben das Kunstwerk. Sie ist, sofern die künstlerische Absicht auf

einen an sich wertvollen, oder positive Anteilnahme hervorrufenden Inhalt

gerichtet ist, das im Kunstwerke enthaltene Wertvolle oder positive

Anteilnahme Erzeugende. Und: das _Können_ des Künstlers ist im Kunstwerke

oder spricht sich darin aus, dies heisst nichts anderes als: Dies

Wertvolle ist nicht bloss der Absicht nach, sondern wirklich da.

Vielleicht kann der Künstler auch sonst noch allerlei. Aber das Können,

das in einem bestimmten Kunstwerk vorliegt, kann nun und nimmer etwas

anderes sein, als genau das, was dies bestimmte Kunstwerk dem Beschauer,

der es in allen seinen Teilen und Zügen auffasst, bietet.

Natürlich ist dieser Inhalt des Kunstwerkes dann auch in gleicher Weise

für mich da, wenn ich an den Künstler und seine Bemühungen, für die dabei

aufgewendete Kunst gar nicht denke, sondern nur dem Kunstwerk als

solchem, oder als wäre es vom Himmel gefallen, mich hingebe.

Dies weist nun auf zwei mögliche Standpunkte der Betrachtung. Der eine

nimmt das Kunstwerk thatsächlich wie ein Geschenk des Himmels. Der andere

erinnert sich, dass es nicht daher stammt, sondern einem Künstler und

seinem Wollen und Können sein Dasein verdankt. Jener Standpunkt ist der

rein ästhetische, dieser der Standpunkt des ästhetischen Theoretikers

oder des naturgemäss am künstlerischen Thun interessierten Künstlers.

Aber beide Standpunkte betrachten doch nur dieselbe Sache von

verschiedenen Seiten. Und sie ergeben demgemäss keine verschiedene

Beurteilung des Kunstwerkes und seines Wertes. Ich kann nicht dem

_künstlerischen_ Können und Thun, so wie es in einem bestimmten Kunstwerk

steckt oder sich kund giebt, Wert beimessen, ohne eben damit dem

_Kunstwerke_ einen _gleichartigen_ Wert beizumessen. Es kommt nur in

jenem Falle hinzu, dass ich mein Wertbewusstsein zugleich auf den

Künstler übertrage, oder ihn, als Ursache des Wertvollen, das ich vor mir

sehe, in meine Wertschätzung mit einbeziehe.

Nicht anders verhält es sich mit allerlei verwandten Wendungen. Wir

bewundern, so sagt man, im Kunstwerk die Phantasie, die schöpferische

Kraft, die Individualität des Künstlers. Von allem dem kann uns aber

wiederum das Kunstwerk nur Kunde geben, sofern es im Kunstwerk realisiert

ist. Die Phantasie des Künstlers, die uns im Kunstwerk entgegentritt, und

uns erfreut, das sind die im Kunstwerk verwirklichten Gestalten seiner

Phantasie; der Reichtum dieser Phantasie ist der Reichtum des Inhaltes

des Kunstwerkes. Ebenso ist die Individualität des Künstlers, wie sie im

Kunstwerk sich zeigt, die Individualität, der Charakter, die in sich

einstimmige und geschlossene Eigenart des Kunstwerkes. Und auch hier

können wir sagen: Der Künstler mag im übrigen noch so viel Phantasie und

eine noch so ausgeprägte Individualität haben, solange und soweit diese

Phantasie oder diese Individualität nicht im Kunstwerk, als Inhalt oder

Moment desselben, uns entgegentritt, besteht sie nicht für die

Betrachtung des Kunstwerkes. Finden wir aber die Phantasie und

Individualität im Kunstwerk, so finden wir sie da auch, und haben den

Eindruck ihres Wertes, wenn wir den Gedanken an den Künstler völlig zur

Seite lassen.

Nicht als hätte dieser Gedanke nicht seinen Wert. Es ist eine schöne

Sache, nicht nur, dass ein Kunstwerk so phantasievoll und charaktervoll

ist, wie es ist, sondern auch, dass es Menschen giebt, die vermöge ihrer

Phantasie und ihres Charakters so Phantasie- und Charaktervolles wollen

und vollbringen können. Aber beide Werte sind in ihrer Wurzel nur einer.

Der Künstler hat für uns Wert als derjenige, der--nicht irgend etwas,

sondern dies Wertvolle wollte und vollbrachte. Es wird also auch hier nur

derselbe Wert von zwei verschiedenen Seiten betrachtet.

So führt uns jede Überlegung darauf zurück, dass Wert des Kunstwerkes

eben Wert des Kunstwerkes ist, und nicht Wert von irgend etwas ausser

ihm, zu dem das Kunstwerk Gelegenheit giebt oder dient, oder dessen

Dasein wir aus dem Kunstwerk erschliessen.

"KUNSTWERT".

Schliesslich komme ich noch einmal zurück auf die oben als möglich

bezeichnete Unterscheidung des "_Kunstwertes_" von dem ästhetischen Werte

des Kunstwerkes. Auch die schöne Landschaft, der wir in der Wirklichkeit

begegnen, hat ästhetischen Wert. Aber sie hat keinen Kunstwert. Die

gemalte Landschaft dagegen hat Kunstwert. Was heisst dies?

Zunächst einfach dies, dass die wirkliche Landschaft keine gemalte, also

kein Kunsterzeugnis ist, dass mithin ihr ästhetischer Wert nicht der Wert

eines Kunstwerkes sein kann. Mit anderen Worten; Wir nennen Kunstwert den

ästhetischen Wert des _Kunstwerkes_.

Dies erfordert doch noch eine genauere Bestimmung. Die gemalte Landschaft

ist auch ästhetisch nicht dieselbe wie ihr wirkliches Vorbild. Nehmen wir

auch an, der Künstler ändere die Motive, die Beleuchtung, den ganzen

Inhalt und Charakter der wirklichen Landschaft nicht, sondern gebe alles

völlig genau wieder. Dann giebt er es doch eben wieder, und zwar mit

künstlerischen Mitteln. Er überträgt z. B. die Landschaft auf eine

Fläche, hält sie in bestimmtem Massstabe, giebt ihr bestimmte Grenzen.

Alles dies sind Elemente der künstlerischen Form, die der Künstler zum

Objekte der Wirklichkeit, und den an ihm vorgefundenen und von ihm

übernommenen Formelementen hinzufügt. Es sind Mittel, durch die eine

specifische Weise der ästhetischen Anschauung ermöglicht und

herbeigeführt wird, eine solche, wie sie keinem Naturobjekte gegenüber

möglich ist. Und durch alle diese Formelemente oder Kunstmittel wird der

wertvolle Inhalt des Kunstwerkes oder sein Wertinhalt im Vergleich mit

dem ästhetischen Wertinhalte des Naturobjektes ein anderer und

eigenartiger. So muss es sein, wenn die fraglichen Formelemente wirklich

künstlerische, die Kunstmittel wirklich Kunstmittel sein sollen. Es giebt

kein künstlerisches Formelement, das nicht, als solches, zur Eigenart des

künstlerischen Inhaltes etwas beitrage, so wie es keinen künstlerischen,

das heisst im Kunstwerk wirklich vorhandenen Inhalt giebt, der nicht an

eine Form gebunden wäre. Auch Form und Inhalt beim Kunstwerke verhalten

sich wie verschiedene Seiten _Desselben_. Künstlerische Form ist alles im

Kunstwerke, das macht, dass ein ästhetisch unmittelbar Wirksames für uns

im Kunstwerke da ist, und so wirkt, wie es wirkt. Und Inhalt des

Kunstwerkes ist eben dies im Kunstwerk für uns unmittelbar Vorhandene und

Wirksame selbst, soweit es in ihm vorhanden und wirksam ist. Was anders

wirkt, ist eben damit ein anderes Wirksames, also ein anderer Inhalt des

Kunstwerkes. So hat es keinen Sinn zu fragen, ob ein Kunstwerk durch die

Form oder den Inhalt wirke, weil keines ohne das andere möglich, oder

jede Wirkung notwendig eine Wirkung von beidem ist.

Dasjenige nun, was der Künstler durch die _specifisch_ künstlerischen,

ich meine die am Naturobjekte nicht vorgefundenen Formelemente zum

Wertinhalte des Kunstwerkes hinzugefügt, kann man als spezifischen

"Kunstwert", im Gegensatz zu dem ästhetischen Werte, der auch dem

Naturobjekte als solchem eignet, bezeichnen. Es ist nach dem Gesagtem

dasselbe, wenn ich diesen Kunstwert als den Wert jener spezifisch

künstlerischen _Formelemente_ bezeichne, da diese ihren künstlerischen

Wert nicht als leere Formen, sondern als inhaltvolle und den Inhalt

bestimmende Formen besitzen.

Damit ist dann aber zugleich gesagt, dass solcher "Kunstwert" nicht etwas

vom ästhetischen Werte, der auch schon dem Naturobjekte zukommt, der Art

nach Verschiedenes ist. Er ist vielmehr eine diesen Wert steigernde,

reinigende, konzentrierende Modifikation desselben. Der in solcher Weise

modifizierte ästhetische Wert des Naturobjektes, das ist der

schliessliche gesamte _ästhetische Wert_ des Erzeugnisses der

Kunst,--soweit nämlich dasselbe Naturobjekte zum Vorbilde hat.

Freilich ist nun das, was ich hier über den spezifischen Kunstwert sagte,

ebenso wie das, was vorhin über die ästhetische Bedeutung der

künstlerischen Absichten, des künstlerischen Könnens, der künstlerischen

Phantasie und Individualität gesagt wurde, für uns in diesem

Zusammenhange zunächst nicht von unmittelbarer Bedeutung. Womit wir es

hier zunächst zu thun haben, das ist ja der "ästhetische Wert" überhaupt.

Ihn hat, wie wir sahen, einerseits jedes Kunstwerk; andererseits besteht

er auch schon ausserhalb des Kunstwerkes. Halten wir dies beides zugleich

fest, so kann das Spezifische des ästhetischen Wertes überhaupt nur in

dem gefunden werden, was allen Kunstwerken und zugleich allem ausserhalb

der Kunst vorhandenen ästhetisch Wertvollen gemeinsam ist. Und dabei

kommt der Wert des künstlerischen Könnens und Thuns, der künstlerischen

Individualität etc. nicht mehr in Frage. Es bleibt also einzig übrig die

Fähigkeit des ästhetisch wertvollen Objektes, unmittelbar durch das, was

es an sich selbst ist oder uns zu sein scheint, auf uns zu wirken, kurz

sein "_Eigenwert_". Auch das ästhetisch Wertvolle der Natur ist ja

freilich irgendwie _geworden_. Aber hier unterscheidet jedermann die

Freude an der Erkenntnis, wie die Objekte geworden sind, die Freude des

Zoologen, Botanikers etc. an seinem "Verständnis" der Formen, von der

ästhetischen Befriedigung, die aus der blossen betrachtenden Hingabe an

das, was thatsächlich vorliegt, erwächst.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 93 / 117 题