DAS WITZIGE URTEIL.

III. Das _witzige Urteil_ bildet, wie schon gesagt, die dritte

Hauptgattung. Bei ihr wird eine Wahrheit verkündigt in einer Form, die

die ganze Aussage wiederum als nichtig, als blosses Spiel erscheinen

lässt; oder eine Scheinwahrheit, die logisch in nichts zergeht. Wiederum

beruht die witzige Aussage auf den genannten vier Arten des

Vorstellungszusammenhanges.

A. 1. Ein witziges Urteil ist zunächst die "_witzige Satzverdrehung_",

die der witzigen Wortverdrehung entspricht. Ein Satz sagt genau genommen

gar nichts, aber der Hörer erkennt ihn als geflissentliche Verdrehung

eines anderen und findet die gemeinte Wahrheit heraus. Oder ein Satz

enthält einen völligen Widersinn, der Hörer errät aber, was gesagt sein

soll, aus der blossen Ähnlichkeit des Gesagten mit einem möglichen

sinnvollen Satz. Im letzteren Falle ist die Verdrehung zum "_witzigen

Gallimathias_" geworden. Jedes Durcheinanderwerfen von Worten, allerlei

falsche Konstruktionen können diesen Witzarten dienen.

Das Gegenstück bildet der "_witzige Unsinn_", der an anerkannte

Wahrheiten äusserlich anklingt und darum selbst für den Augenblick als

Ausdruck einer Wahrheit genommen wird. Der wesentliche Unterschied ist,

dass dort eine Wahrheit im Gewande des Unsinns, hier ein Unsinn im

Gewände der Wahrheit auftritt.

2. Derselbe Erfolg kann erreicht werden durch allerlei äussere

Sprachformen, die nun einmal erfahrungsgemäss der Verkündigung oder

Eindringlichmachung der Wahrheit zu dienen pflegen. Es giebt allerlei

Überzeugungsmittel, z. B. Gründe. Aber die stehen nicht jederzeit zur

Verfügung. Da müssen dann andere Mittel eintreten. Man betont, druckt

gesperrt oder fett. Manche Schriftsteller lieben es, in dieser Weise dem

Drucker das Überzeugen zu überlassen. Man kann sich darauf verlassen,

dass sie um so betonter reden, je weniger Gründe sie haben. Dieses

Mittels kann sich auch der Witz bedienen, so wie jedes unlogischen

Mittels. Man betont den Widersinn, spricht ihn mit Emphase aus. Je

grösser der Applomb und die Unverfrorenheit, desto eher wird das

Vertrauen sich rechtfertigen, dass man wenigstens für den Augenblick den

Eindruck der Wahrheit mache.

Ähnliche Wirkung haben andere Mittel. Man bringt eine Behauptung immer

wieder vor, man bringt sie nebenbei, im Tone der Selbstverständlichkeit,

man leitet sie ein mit einem "bekanntlich", citiert angeblich: wie schon

der oder der grosse Gelehrte oder Dichter mit Recht gesagt hat; man

kleidet sie in möglichst wissenschaftliche Form, spart auch langatmige

Fremdwörter nicht; berühmte allermodernste Philosophen können dabei als

Muster dienen. Endlich ist die poetische Form nicht zu verachten.

Immer beruht bei diesem "_witzigen Erschleichen_" der Eindruck des Witzes

auf der Gewohnheit, Wahrheit zu suchen hinter dem äusseren Gewande der

Wahrheit. Es stehen aber neben jenen Fällen andere, in denen nicht eine

völlig neue Wahrheit verkündigt, sondern nur eine nichtsbedeutende in

eine gewichtige verwandelt wird. Dazu dienen speciellere formale Mittel.

Ein Beispiel ist die bekannte witzige Definition des Kopfes: "Der Kopf

ist ein Auswuchs zwischen den beiden Schulterknochen, welcher erstens das

Herausrutschen des Krawatt'ls verhindert, und zweitens das Tragen des

Helmes bedeutend erleichtert". Dass der Kopf dies ist, bezweifelt

niemand. Die Form der Definition aber macht daraus eine Wesensbestimmung.

Sofern der Witz unmöglich wäre ohne die in der Definition thatsächlich

liegende Wahrheit, die der Witz nur steigert oder ergänzt, scheint er

freilich einer anderen sogleich zu besprechenden Art anzugehören.

Indessen ist es eben doch diese äussere Form der Definition, durch die

die Steigerung oder Ergänzung bewerkstelligt wird.

B. Worin diese andere Art bestehe, ist auch schon gesagt. Mit Veränderung

eines schon citierten _Jean Paul_'schen Ausdrucks können wir sie als

diejenige bezeichnen, die halbe, Viertelswahrheiten zu ganzen Wahrheiten

macht.

1. Dies kann in doppelter Weise geschehen. Wir lassen uns verführen, den

Inhalt einer Behauptung zu glauben, oder momentan für möglich zu halten,

weil Ähnliches allerdings vorkommen kann. Ich erzähle etwa allerlei

eigene oder fremde Erlebnisse, wie sie im Einzelnen wohl erlebt sein

könnten, die aber im Ganzen so ausserordentlich sind, und ein so

merkwürdiges Zusammentreffen von Umständen voraussetzen würden, dass der

Hörer, ohne mit Gründen widersprechen zu können, doch Grund hat die

"_witzige Aufschneiderei_" für eine solche zu halten.

Oder ich steigere mögliche Vorkommnisse bis zur Unglaublichkeit oder

Unmöglichkeit, doch so, dass ein gewisser Schein der Möglichkeit bleibt.

Diese "_witzige Übertreibung_" haben wir schon unterschieden von der

hyperbolischen Bezeichnung, die nicht etwas Ungeheuerliches glauben

machen, sondern ein als wirklich Vorausgesetztes in ungeheuerlicher Weise

_bezeichnen_ will.

2. Mit diesen beiden Witzarten nahe verwandt und doch davon verschieden

ist diejenige, durch die wir verführt werden die erfahrungsgemässe

Beziehung zwischen einem Thatbestand und einem anderen gewohnheitsmässig

festzuhalten, unter Umständen, unter denen dieselbe aus einleuchtenden

Gründen nicht mehr stattfinden kann. Wir vollziehen, indem wir sie

festhalten, einen falschen Analogieschluss, den wir doch sofort als

falsch erkennen. Solche "_Witze aus falschem Analogieschluss_" sind die

"_Münchhausiaden_" nach Art der schon einmal angeführten Erzählung

Münchhausens, dass er sich selbst am Schopf aus dem Sumpf gezogen habe.

Nicht minder die "_witzigen Probleme_": "Wie kann man mit einer Kanone um

die Ecke schiessen?--Bekanntlich beschreibt das Geschoss eine Kurve; man

braucht also nur das Rohr auf die Seite zu legen". Speciell als

"_Vexierwitze_" könnte man die Witze bezeichnen, die auf Grund der

falschen Analogie einen bestehenden Sachverhalt völlig auf den Kopf

stellen, wie die Anklage gegen _Schiller_, dass er in seinem Wallenstein

eine so abgedroschene Phrase vorbringe, wie "Spät kommt ihr, doch ihr

kommt".

Wie bei diesen Witzen "Unsinn im Gewande der Wahrheit", so tritt auch

hier in einer zweiten Art "Wahrheit im Gewande des Unsinns" auf. Ich

denke an die "_spielenden Urteile_" im engeren Sinne, bei denen sachlich

alles in Ordnung und nur die Form unfähig erscheint, überhaupt als Träger

einer Wahrheit zu dienen. Hier findet _Schleiermacher_'s Definition der

Eifersucht ihre Stelle, und mit ihr alle möglichen wichtigen und banalen

Wahrheiten, deren Form durch gleichartig wiederkehrende Worte oder auch

nur Konsonanten oder Vokale, durch Häufung sehr kurzer oder sehr langer

Worte--man denke etwa an das Wortgefecht zwischen _Äschylos_ und

_Euripides_ in _Droysen_'s herrlicher Übersetzung der "Frösche"--durch

scherzhafte Reimerei oder dgl. den Charakter des Spielenden und damit

logisch Kraftlosen gewonnen haben. Als besondere Art hinzugefügt werden

kann noch die "_witzige Kürze_", die mit einem Wort, einer Handbewegung

eine Antwort giebt, oder ein Urteil fällt, und endlich so kurz werden

kann, dass nur das beredte "_witzige Schweigen_" übrig bleibt.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 87 / 117 题