DIE WITZIGE URTEILSBEZIEHUNG.

IV. Die _witzige Urteilsbeziehung_ setzt zwei--oder mehrere--Urteile in

Beziehung. Dabei ist--sogut wie bei der witzigen Begriffsbeziehung--die

Beziehung der eigentliche Träger des Witzes. Sie wird hergestellt durch

Mittel, die doch logisch nichtig sind oder scheinen. Ebenso nichtig

erscheint dann die Beziehung zwischen den Urteilen oder die Geltung, die

einem Urteil aus dieser Beziehung erwachsen ist.

A. 1. Das erste logisch nichtige und trotzdem wirksame Mittel eine solche

Beziehung herzustellen, die äussere Ähnlichkeit oder Gleichheit,

begründet Witzarten von ziemlich verschiedenem Charakter. Vor allem sind

wieder die beiden Fälle möglich, dass das eine Urteil ausgesprochen wird

und das andere aus ihm erschlossen oder in ihm wiedererkannt werden muss,

und dass die ausdrückliche Beziehung beider Urteile zu einander den Witz

begründet. Dann aber verwirklicht sich wiederum jene Möglichkeit, die der

"_Doppelsinn-Witze_", in verschiedener Art.

Das ausgesprochene Urteil lässt ein anderes _ohne weiteres_ erraten in

der "_witzigen Zweideutigkeit_" von der Art des bekannten "C'est le

premier vol de l'aigle". Niemand konnte etwas dagegen einwenden, wenn der

französische Hofmann die erste That des _Louis Philipp_, die Konfiskation

der Güter der Orleans, als ersten Flug des Adlers, also als le premier

"vol" de l'aigle bezeichnet. War sie aber le premier vol du l'aigle, dann

war sie auch der erste Raub des Adlers, da in dem Satze beides liegt. Es

folgt also aus der Annahme des einen Gedankens, durch das Mittel des

Satzes, in dem er sich verkörpert, die Annahme des anderen Gedankens,

nicht mit logischer, aber mit einer gewissen psychologischen

Notwendigkeit. Genauer ist hier das Bindemittel das zweideutige Wort

"vol".

Nicht so ohne weiteres ergiebt sich das Urteil, das erraten oder

erschlossen werden soll, bei anderen Arten. Indem der französische

Dichter auf die Aufforderung des Königs ein Gedicht zu machen, dessen

sujet er sei, antwortet, le roi n'est pas sujet, erwartet er wiederum,

dass man aus der Selbstverständlichkeit, die er sagt, dass nämlich der

König nicht Unterthan sei, durch das Mittel des Wortes sujet das andere

Urteil ableite, der König könne nicht sujet eines Gedichtes sein. Aber er

erwartet es, weil das Wort sujet soeben von dem König in diesem anderen

Sinne gebraucht worden ist. Der Dichter hat in seiner Antwort diesen Sinn

mit demjenigen, den die Antwort voraussetzt, vertauscht. Wir können diese

Witzart darum als "_witzige Begriffsvertauschung_" bezeichnen.

Dieselbe gewinnt anderen und anderen Charakter je nach dem Verhältnis, in

dem die beiden Bedeutungen des einen Wortes zu einander stehen. Verhalten

sie sich zu einander als engere und weitere Bedeutung, so mag man den

Witz "limitierende" Begriffsvertauschung nennen. "Kann er Geister

citieren?--Ja, aber sie kommen nicht" wäre ein Beispiel. Der Gefragte

kann Geister citieren wie jedermann. Nehmen wir das Wort zugleich in dem

engeren Sinne der Frage, so hat der Frager seine vollgültige Antwort.

Eine andere Abart der witzigen Vertauschung ist die "_witzige Deutung_".

"Wenn ein Soldat in einem Wirtshaus mit einem Offizier zusammentrifft, so

trinkt er sein Bier aus und geht nach Hause.--Was thust du also, wenn du

in einem Wirtshause mit einem Offizier zusammentriffst?--Ich trinke sein

Bier aus und gehe nach Hause". Hier ist das doppeldeutige auf den

Soldaten und den Offizier beziehbare "sein" das Bindemittel.

Nicht immer ist es ein einzelnes Wort, dessen Doppelsinn beide Urteile

entstehen lässt. Auch ein Satz als Ganzes, eine Frage oder Behauptung,

endlich eine Handlung kann in doppeltem Sinn genommen werden und so den

Witz begründen. Eine Handlung etwa ist Gegenstand der witzigen

Sinnvertauschung, wenn der Bediente, dessen Herr im Zorn ein Gericht zum

Fenster hinauswirft, Miene macht das ganze übrige Essen sammt Tischtuch

etc. folgen zu lassen: der Herr wünschte ja wohl auf dem Hofe zu speisen.

Überall haftet hier der Doppelsinn an denselben unveränderten Zeichen.

Muss mit diesen erst eine Veränderung vorgenommen werden, so entsteht die

"_witzige Urteilskarikatur_", der witzigen Wortkarikatur entsprechend.

Sie ist jenachdem Veränderung der Interpunktion, der Betonung, oder

einzelner Worte. Ich verwandle das _Schiller_'sche: "Mein Freund kannst

du nicht länger sein" in die Frage: Mein Freund, kannst du nicht _länger_

sein? als hätte Schiller jemanden diese Frage stellen lassen. Oder ich

lasse _Schiller_ sagen: Die schönen Tage von Oranienburg sind jetzt

vorüber u. dgl.

Ihrer Stellung nach damit verwandt sind die "_witzigen Übersetzungen_",

soweit sie eine in Gedanken vollzogene Karikatur der übersetzten Worte

voraussetzen. "Vides, ut alta stet nive candidus Soracte--Siehst du, wie

da der alte Kandidat Sokrates im Schnee steht". Zugleich rechnen sie auf

Gleichklang von fremden Worten und solchen der eigenen Sprache, und vor

allem auf den Umstand, dass die fremde Sprache eben eine fremde ist, bei

der wir uns auf den ersten Blick allerlei unglaubliche Konstruktionen und

Verdrehungen gefallen lassen.

Auch bei dieser Witzart soll noch aus dem einen Urteil, in dem der Witz

enthalten ist, das andere _wiedererkannt_ werden. Sehr viel weniger

mannigfaltig als diese Gattung ist die andere, in der die ausdrückliche

Beziehung der Urteile zu einander den Witz begründet. Wir wollen sie als

"_witzige Urteilsantithese_" bezeichnen. "Es giebt viele Dinge zwischen

Himmel und Erde, von denen sich unsere Schulweisheit nichts träumen

lässt; aber noch viel mehr Dinge lässt sich unsere Schulweisheit träumen,

die es weder im Himmel noch auf Erden giebt". Das zweite Urteil hat im

Grunde mit dem ersteren inhaltlich wenig zu thun. Vermöge der äusseren

Ähnlichkeit aber scheint es nur eine Modifikation desselben. Diese Art

ist dem "Klangwitz" völlig analog.

2. Ebenso steht mit der witzigen Begriffsverbindung in Analogie die

"_witzige Urteilsverbindung_", in der der Schein der logischen

Zusammengehörigkeit von Urteilsinhalten erzeugt wird durch äussere

Sprachmittel, die sonst erfahrungsgemäss die Zusammengehörigkeit

bezeichnen.

Auf der Grenze zwischen dem witzigen Urteil und dieser neuen Witzart

steht die "_witzige Urteilsverschmelzung_". Wenn ich "Galilei auf dem

Scheiterhaufen zu Worms" in die Worte ausbrechen lasse: "Solon, Solon,

gieb mir meine Legionen wieder" so verschmelze ich nicht weniger als fünf

Urteile oder Thatsachen miteinander. Freilich stehen die Thatsachen auch

an sich in einem gewissen Zusammenhang. Aber ihre Vereinigung in eine

einzige ist doch nur durch die äussere Form, die in diesem Falle keine

andere ist als die Form des einheitlichen Urteils, zuwege gebracht.

So pflegt auch bei den beliebten Vereinigungen unzusammengehöriger

_Schiller_'scher und sonstiger Verse, die bald Verschmelzung bald

Verbindung ist, eine gewisse sachliche Beziehung zu Grunde zu liegen.

"Wie ein Gebild aus Himmelshöhen sieht er die Jungfrau vor sich stehen,

die mit grimmigen Gebärden urplötzlich anfängt scheu zu werden".

Ausserdem trägt die äussere Form, das gemeinsame Pathos dazu bei, die

äussere Verbindung als Träger einer sachlichen Zusammengehörigkeit und

damit den ganzen Unsinn als wirkliches dichterisches Erzeugnis erscheinen

zu lassen.

Es bedarf aber weder dieser sekundären äusseren Hilfsmittel noch

irgendwelches einleuchtenden sachlichen Zusammenhangs, um die witzige

Urteilsverbindung herzustellen. Ich lese in einer Zeitung Anzeigen aller

Art ohne Pause hintereinander ab, verbinde was mir gerade einfällt, durch

satzverbindende Worte, begründe eine Aussage durch ein Beispiel, das

keines ist, eine Analogie, die nicht zutrifft, eine allgemeine Regel, die

nicht hierhergehört--lediglich darauf vertrauend, dass der Hörer, durch

die äussere Verbindung verführt, eine sachliche wenigstens suchen, oder

durch die begründende Form, das "denn", "also", "wie z. B." getäuscht,

einen Augenblick an eine wirkliche Begründung glauben, also dem nichts

bedeutenden Satze die entsprechende Geltung zugestehen werde.

Immerhin wird auch hierbei der Witz gewinnen, wenn zur äusseren Form eine

gewisse, nur logisch ungenügende, sachliche Beziehung hinzutritt. Dies

gilt auch von einigen Fällen der witzigen Urteilsverbindung, die noch

besondere Hervorhebung verdienen. Ich meine zunächst den "_verdeckten

Hieb_" oder die "_gelegentliche Abfertigung_", die eine wichtige

Bemerkung, durch die jemand getroffen werden soll, in eben ihr

fremdartigen Zusammenhang zugestandener Thatsachen nebenbei einflicht, so

dass sie als dazu gehörig und mit ihm gleich unangreifbar erscheint, oder

die umgekehrt eine richtige Behauptung in einen Zusammenhang offenbar

unsinniger Behauptungen gelegentlich verwebt und dadurch als gleichfalls

unsinnig charakterisiert. Die Möglichkeit dieser Witzart beruht darauf,

dass wir auch in unserem Glauben und Nichtglauben einem Gesetze der

Trägheit unterliegen. Sind wir einmal im Zuge für wahr oder für nichtig

zu halten, Beifall zu spenden oder zu verurteilen, so lassen wir uns

nicht so leicht irre machen. Wir bedürfen sozusagen eines neuen Anlaufes,

damit wir wieder kritikfähig werden. Aber eben dazu lässt uns die

gelegentliche Bemerkung keine Zeit.

Diesem Falle steht zur Seite und doch in gewisser Art entgegen das

"_witzige Ceterum censeo_", das eine Behauptung dadurch beweist, dass es

sie mit möglichst verschiedenartigen Thatsachen verbindet, und durch die

Art der Verbindung als den Punkt erscheinen lässt, in dem alle die

Thatsachen münden, oder von dem sie alle ausgehen.

Schliesslich muss noch ein Fall ganz besonders hervorgehoben werden,

nämlich der Fall der nicht nur nebenbei ironisierenden, sondern

eigentlich "ironischen Urteilsverbindung". Sie ist wiederum "_witzige

Einschränkung_" oder "_ironische Widerlegung_". Jene verkündigt eine

angebliche Thatsache, z. B. volle Pressfreiheit, um dann Ausnahmen oder

Einschränkungen hinzuzufügen, die von der Thatsache nichts mehr übrig

lassen. Diese widerlegt ein scheinbar angenommenes Urteil--"Brutus ist

ein ehrenwerter Mann; so sind sie alle ehrenwerte Männer"--durch

Thatsachen, die dasselbe scheinbar bestätigen. In beiden sind die

Bedingungen der Ironie verwirklicht, insofern beide ein nichtiges Urteil,

das erst wie ein gültiges auftritt, vernichten und in sein Gegenteil

umschlagen lassen. Nur dass bei der ironischen Widerlegung auch der

Schein der Bestätigung umschlägt. Das Mittel der Vernichtung sind beide

Male Thatsachen. Damit ist eine zweite Art der Ironie gewonnen neben

jener, die in der ironischen Bezeichnung uns entgegentrat.

B. Eine innere sachliche Beziehung und zwar zunächst eine innere

Verwandtschaft oder teilweise Inhaltsgleichheit liegt der witzigen

Urteilsbeziehung zu Grunde vor allem in den der witzigen

Begriffssubstitution analogen Fällen, in denen eine Wahrheit in--logisch

betrachtet--zu allgemeiner Form oder in Form einer Analogie, oder zu

speciell ausgesprochen wird, doch so, dass aus dem vorhandenen Urteile

das gemeinte, also jene Wahrheit, unmittelbar abgeleitet werden kann. Ich

beantworte eine Frage, spreche ein Urteil, einen Tadel aus, nicht direkt,

sondern in Form einer allgemeinen Wahrheit, eines Urteils, das sich auf

ähnliche Dinge oder vergleichbare Verhältnisse bezieht, durch eine

Geschichte, ein Beispiel, das ich erzähle oder an das ich erinnere.

Diese Witzart kann als "_witzige Urteilssubstitution_", sie könnte, wenn

es erlaubt wäre, das Wort Allegorie in seinem weitesten Sinn zu nehmen,

auch als "_witzige Allegorie_" bezeichnet werden. Wie bei der witzigen

Begriffssubsitution, so sind hier die drei Möglichkeiten: die

Substitution ist einfach logische, bildliche, parodische. Die beiden

letzteren begründen das "_witzig bildliche Urteil_" und das "_parodische

Urteil_".

Wiederum sind innerhalb der ersteren, nicht bildlichen oder parodischen

Art diejenigen Unterarten die wichtigsten, die das gemeinte Urteil durch

eines von verwandtem oder von speciellerem Inhalt ersetzen. Das Eine wie

das Andere kann geschehen in einem Satze oder in längerer Rede: in

Epigrammen, Sprichwörtern, wie sie der Volkswitz schafft, oder in

ausgeführten Gleichnissen, Schwänken, Fabeln. "Aus ungelegten Eiern

schlüpfen keine Hühner"; "Wer auf dem Markt singt, dem bellt jeder Hund

ins Lied"; "Die Laus, die in den Grind kommt, ist stolzer als die schon

drin sitzt", so sagt der Volkswitz, und drückt damit drastisch allgemeine

Wahrheiten aus. Dagegen erzählt _Hans Sachs_ in "St Peter mit der Gais"

eine _Geschichte_, um zu zeigen, wie thöricht es ist, Gott ins

Weltregiment zu reden.--Nebenbei muss bemerkt werden, dass das

volkstümliche Sprichwort aller möglichen Mittel des Witzes sich bedient,

die in diesem Zusammenhange erwähnt wurden, deren eigentümliche

Verwendung innerhalb des Volkssprichwortes aber nicht jedesmal bezeichnet

werden konnte.

Auch das witzig bildliche Urteil ist vorzugsweise im Volkssprichwort zu

Hause. Von der bildlichen Bezeichnung ist es dadurch unterschieden, dass

es ganz in die Sphäre des Bildes sich begiebt und da urteilt. Es muss

zunächst in der bildlichen Sphäre einleuchten, und es muss ebendarum auch

einleuchten, wenn das Bild in die Sache übersetzt wird. "Die Nase hoch

tragen" ist bildliche Bezeichnung. "Wer die Nase hoch trägt, dem regnet's

hinein" ist ein bildliches Urteil. Solche Urteile werden witzig in dem

Masse als sie zugleich fremdartig, überraschend, im Grunde zum Ausdruck

ihrer Meinung logisch ungeeignet erscheinen.--In ausgeführterer Weise und

kunstmässiger tritt das bildliche Urteil auf in der "_Allegorie_" im

engeren Sinne. Man denke etwa an _Schiller_'s "Pegasus im Joche."

Ebenso wie zur bildlichen Bezeichnung das bildliche Urteil, verhält sich

zur parodischen Bezeichnung das parodierende Urteil. Es kann sich

steigern bis zur ausgeführten Parodie, die Gewöhnliches in der Sprache

und Form der hohen Epik oder umgekehrt Erhabenes in der Sprache des

Alltagslebens darstellt. Die letztere Art der Parodie pflegt man auch

wohl als Travestie zu bezeichnen. Kleidet das parodierende Urteil, was es

sagen will, nicht nur im allgemeinen in die Sprache und Form, die nun

einmal einer fremden Gedankenwelt eigentümlich ist, sondern in Worte, die

einem bestimmten fremdartigen Gedankenzusammenhange angehören, so wird es

zum "parodierenden Citat". Jedes Citat, das sich an Stelle einer direkten

Aussage setzt, gehört hierher, wenn es genügend fremdartig klingt.

Bei Betrachtung der witzigen Begriffssubstitution hob ich besonders

hervor die karikierende und speciell hyperbolische, andererseits die

charakterisierende und ironische. Diese Unterschiede gelten auch hier.

Aber nur auf die hierhergehörigen ironischen Urteile mache ich besonders

aufmerksam. Wir begegneten dort einer ironischen Bezeichnung im engeren

und eigentlichen Sinne. Dieser entspricht das einfache "_ironische

Urteil_". Es wäre ein parodierendes Urteil mit ironischem Charakter, wenn

ich dem Wunsch eines anderen, eine Kleinigkeit, die er bei mir sieht, in

die Hand oder an sich zu nehmen, mit den Worten begegnete: Die Sterne,

die begehrt man nicht, man freut sich ihrer Pracht. Ich redete von

Sternen und meinte etwas einem Sterne möglichst wenig Ähnliches. Ein

ironisches Urteil aber hätte ich damit nicht gefällt. Dazu gehört, nach

unserem Begriff der Ironie, dass das ganze Urteil als solches, indem es

gefüllt wird, zergeht und in sein Gegenteil umschlägt. Und ein einfaches

ironisches Urteil kann nur dasjenige heissen, das ohne weiteres oder in

sich selbst zergeht und umschlägt, indem es ins Dasein tritt. Ein solches

ironisches Urteil fälle ich, wenn ich jemand lobe, dass er seine Pflicht

gethan, so oder so sich verhalten habe, in keiner anderen Absicht, als um

ihm zum Bewusstsein zu bringen, dass er alles das nicht gethan hat. Nur

die Art des Urteils und die Gelegenheit, bei der es auftritt, machen

hier, dass das Urteil ins Gegenteil umschlägt.

In allen vorstehend erörterten Fällen lässt der Witz aus einem Urteil ein

anderes ableiten. Ihnen stehen diejenigen gegenüber, in denen er es

selbst ableitet. Die Ableitung kann blosses Spiel sein, und sie kann

wiederum eine neue Art der witzigen Ironie repräsentieren. In jenem

Falle, dem der einfachen "_witzigen Folgerung_", muss vor allem die

Unerlaubtheit der Ableitung, in diesem, dem der "_ironischen Folgerung_",

vor allem die Nichtigkeit des Abgeleiteten einleuchten. Ich abstrahiere

aus einem Begegnis, das mir erzählt wird, oder das ich selbst erlebt

habe, und an dem nicht eben viel Besonderes ist, scherzend eine Regel,

die auf das Erzählte passt, aber darum doch durchaus nicht aus ihm folgt,

zum Beispiel aus einem kleinen Unfall, der jemand bei einem Spaziergang

traf, die Regel, dass Spazierengehen eine höchst schädliche und

naturwidrige Beschäftigung sei. Damit vollziehe ich eine, wenn auch in

dem angegebenen Beispiele nicht gerade erschütternde, witzige Folgerung.

Dagegen leitet die ironische Folgerung aus einem in sich nichtigen oder

als nichtig angenommenen Urteile, dessen Recht sie scheinbar anerkennt,

ein anderes ebenso nichtiges, bezw. das Recht zu einem solchen ab, um mit

der Nichtigkeit dieses zugleich die Nichtigkeit jenes Urteils

eindringlich zu machen. Bei dieser ironischen Folgerung ist die Ironie

auf ihrer vollen Höhe. Durch ein selbst Nichtiges, in dessen Gewand sich

die Wahrheit kleidet, also auf gleichem Boden oder mit gleichen Waffen,

werden die Ansprüche des Nichtigen in ihr Gegenteil verkehrt.

Es kann dies aber in mannigfacher Weise geschehen. Ich illustriere eine

thörichte allgemeine Behauptung durch "_ironische Exemplifikation_", d.

h. durch ein Beispiel, dessen Sonderbarkeit einleuchtet, oder bringe

umgekehrt ein specielleres Urteil zu Fall durch "_ironische

Verallgemeinerung_"; ich widerlege eine Lüge durch "_ironische

Analogie_", d. h. indem ich ihr nach Art des _Gellert_'schen Bauern eine

andere gleichartige an die Seite setze. In der Regel wird diese ironische

Analogie zugleich "_ironische Steigerung_" sein. Kein besseres Mittel

Aufschneidereien zu widerlegen, als indem man sie überbietet, und so die

Aufschneiderei offenkundig macht.

Auch in Handlungen kann sich diese Witzart verwirklichen. Sie wird dann

zum "_witzigen Bezahlen mit gleicher Münze_". Ich behandle jemand, der an

mir oder einem Dritten eine Ungeschicklichkeit oder ein Unrecht gethan

hat, bei gleicher Gelegenheit in genau derselben Weise, nicht so, dass

ich mich zu rächen, sondern vielmehr so, dass ich ihm Recht zu geben und

daraus das gleiche Recht für meine Handlungsweise abzuleiten scheine.

Indem ihm mein Unrecht einleuchtet, folgt dann daraus für ihn sein

Unrecht und seine Beschämung.

2. Kaum habe ich nun nötig, die witzigen Urteilsbeziehungen, die auf

erfahrungsgemässem Zusammenhang beruhen, noch besonders zu bezeichnen.

Der Unterschied zwischen ihnen und der vorigen Art besteht nur eben

darin, dass der erfahrungsgemässe Zusammenhang an die Stelle der

teilweisen sachlichen Übereinstimmung tritt.

Auf Grund dieses Zusammenhanges lässt ein Urteil ein anderes erschliessen

in den Fällen des "_witzigen Erratenlassens_" im engeren Sinne. Ich lobe

etwa, um mein Urteil über einen Gegenstand befragt, Nebensächlichkeiten,

die nicht gemeint waren, und gebe damit zu erkennen, dass ich den

Gegenstand selbst nicht eben loben kann. Oder:--Ihr Herr Vater war ja

auch ein ehrlicher Mann, sagt _Heine_ zu einem Börsenbaron, der sich

wundert, dass die Seine oberhalb Paris so rein und unterhalb so schmutzig

sei, und fordert damit auf, diesen erfahrungsgemässen Zusammenhang auf

den Herrn Baron zu übertragen und daraus sich über letzteren ein Urteil

zu bilden.

Dagegen wird im Witze selbst aus einem Urteil, bezw. einer Thatsache ein

Urteil von anderem Inhalt erschlossen, wenn Phokion das Klatschen der

Menge mit der Frage beantwortet: Was habe ich Dummes gesagt?--Die

"_witzige Konsequenz_", wie wir solche Fälle im Unterschied zur witzigen

Folgerung nennen wollen, wendet sich hier zurück und lässt zugleich ein

Urteil über die Thatsache, auf der sie beruht, erraten. Insofern ist sie

besonderer Art, "Abfertigung durch witzige Konsequenz", und von der

"einfachen witzigen Konsequenz", die nur scherzweise unerlaubte

Konsequenzen zieht, verschieden.

Dagegen nähert sie sich der "_ironischen Konsequenz_", die, der

ironischen Folgerung analog, aus einem nichtigen Urteil nach Gesetzen

erfahrungsgemässer Zusammenhänge nichtige Urteile ableitet und so

wiederum Thorheit durch Thorheit vernichtet.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 88 / 117 题