AUSSERKOMISCHE GEFÜHLSMOMENTE.

Damit sind, soviel ich sehe, die Bedingungen der komischen Lust und

Unlust, soweit sie in dem komischen Vorstellungszusammenhange selbst

enthalten sind, erschöpft. Es treten aber dazu schliesslich noch

Bedingungen der Lust und Unlust, die schon, abgesehen von diesem

Vorstellungszusammenhang, bestehen und wirken. Obgleich darnach die Lust

und Unlust, die aus ihnen sich ergiebt, mit dem Gefühl der Komik

eigentlich nichts zu thun hat, kann doch dies Gefühl durch ihr

Hinzukommen wesentlich beeinflusst werden.

Ich erwarte ein furchtbares Ereignis mit ängstlicher Spannung. Dabei

haftet die Furcht oder Angst an dem Ereignis, gleichgültig was

nachträglich aus der Erwartung wird. Das peinliche Furcht- oder

Angstgefühl weicht, und ich fühle mich angenehm berührt, wenn die

Erwartung schwindet. Wiederum habe ich die angenehme Empfindung

ebensowohl, wenn genauere Überlegung des Sachverhaltes sie zum

Verschwinden bringt, als wenn sie in komischer Weise in nichts zergeht.

Immerhin kommt im letzteren Falle die angenehme Empfindung zur komischen

Lust verstärkend, zugleich ihren Charakter ändernd hinzu. Vielleicht ist

das Nichts, trotz seiner Nichtigkeit, an und für sich angenehm. Dann

verstärkt sich die Lust von neuem. Im gegenteiligen Falle erleidet sie

eine Einbusse.

Oder ich erwarte auf Grund irgendwelcher Ankündigung ein Ereignis, das

für mich positiven Wert hätte, also Gegenstand meiner Freude wäre. Dann

bedaure ich die komische, ebenso wie jede andere Art der Enttäuschung.

Vielleicht tröstet mich bei der komischen Enttäuschung das Nichtige, das

an die Stelle tritt, in gewissem Grade. Auch dasjenige, was nicht dazu

angethan ist, mich mit grosser Gewalt in Anspruch zu nehmen, kann ja

einen Grad der Befriedigung gewähren. Dann vermindert sich jenes

Bedauern. Dagegen kommt ein neues Unlustmoment hinzu, wenn das

Nichtsbedeutende an sich ein Missfälliges ist. In jedem Falle sind auch

hier die positiven und negativen Werte, die den Elementen des komischen

Vorstellungszusammenhanges an sich eignen, wesentliche Faktoren im

schliesslichen Gesamteffekt des komischen Vorgangs.

Ebensolche Faktoren spielen auch bei allen anderen Fällen der Komik

starker oder schwächer mit. Die schwarze Hautfarbe ist nicht nur komisch,

sondern auch hässlich, weil der Gedanke, den sie mir auf Grund

gewöhnlicher Erfahrung zu vollziehen verbietet, obgleich ihn zugleich die

_Formen_ des Negerkörpers gebieterisch fordern--der Gedanke nämlich eines

dahinter waltenden menschlichen Lebens--ein an sich wertvoller ist. Das

Urteil, das der Witz spielend füllt, beleidigt an sich, wenn es eine

Bosheit ist, oder in allzu niedriger Sphäre sich bewegt; es erfreut, wenn

es eine berechtigte Abfertigung in sich schliesst, oder die Wahrheit, die

es verkündigt, eine an sich erfreuliche ist. Die witzige Form, das Spiel

selbst, kann beleidigen, wenn es Spiel mit Worten ist, die man nicht

"vergeblich führen" soll; es kann erfreuen, wenn es an sich anmutiges,

kunstvolles Spiel ist u. s. w.

Am engsten sind schliesslich solche ausserkomische Lust- und

Unlustmomente verbunden mit dem _naiv Komischen_. Sie haften ihm nicht

nur gelegentlich an, sondern gehören zu seiner eigensten Natur. Ebendamit

ragt das naiv Komische, wie ich schon früher sagte, über die Komik

hinaus. Die objektive Komik umfasst alle Gebiete der Wirklichkeit. Das

sittlich Wertvollste wird in ihr zu Schanden; zugleich findet sie auf dem

Gebiete des blinden, geist- und herzlosen Zufalls ein reiches Feld ihrer

Verwirklichung. Der Witz, an und für sich aller objektiven Wirklichkeit

völlig entrückt und allein der kühlen Sphäre der Logik angehörig, ein

Spiel des Denkens mit sich selbst, ist mehr oder weniger geistreich, aber

herzlos. Nur das Naive hat jederzeit Herz. Entsprechend seinem

persönlichen Charakter beleidigt und befriedigt es Forderungen, die wir

an die Persönlichkeit stellen, die den Takt, die Klugheit, den Geschmack,

die sittliche Tüchtigkeit, kurz den Wert der Person betreffen. Dieser

Wert ist aber nicht nur der höchste, sondern der einzig absolute. Was

sonst wertvoll ist, ist es doch nur in seiner Beziehung und Wirkung auf

die Person. Die Person allein ist der letzte und endgültige Träger aller

Werte.

Indem diese ausserkomischen Lust- und Unlustmomente zum eigentlichen

Gefühl der Komik hinzutreten, modifizieren sie natürlich den Gesamteffekt

der Komik in grösserem oder geringerem Grade. Dies müssten sie thun, auch

wenn ihre Bedingungen mit den Bedingungen der eigentlich komischen Lust

und Unlust in keiner Beziehung stünden. Thatsächlich aber besteht ein

Verhältnis der Abhängigkeit dieser Bedingungen von jenen, und zwar ein

solches, das enge genug ist, um unter Umständen das ganze Gefühl der

Komik zu erdrücken.

Ein Nichts, das an die Stelle eines erwarteten Bedeutungsvollen tritt,

wird, wie wir sahen, komisch, indem es die seelische Kraft aneignet, die

der Gedanke an das Erwartete bereithält oder verfügbar macht. Je

wertvoller aber das Erwartete ist, oder je mehr uns jetzt gerade aus

allgemeinen oder persönlichen Gründen an ihm gelegen ist, um so

energischer halten wir den Gedanken des Erwarteten, und speciell das, was

seinen Wert ausmacht, fest, um so stärker drängt die seelische Bewegung

auf die Verwirklichung seines Inhaltes, soweit er ein wertvoller ist,

hin. Dass es so ist, dass der Gedanke im Zusammenhang des psychischen

Lebens eine Stellung einnimmt, oder zu diesem Zusammenhang in einer

Beziehung steht, aus der dies Festhalten desselben und dies Hindrängen

auf Verwirklichung seines Inhaltes notwendig sich ergiebt, das ist es

eben, was den Gedanken zu einem für mich wertvollen macht, oder worin,

psychologisch betrachtet, sein "Wert" für mich besteht.

Kommt nun das Nichtige, das dieses Wertes entbehrt, und setzt sich der

Gewalt jenes Hindrängens und Festhaltens zum Trotz, also gewaltsam an die

Stelle des erwarteten Wertvollen, so entsteht zunächst, eben wegen dieser

Gewaltsamkeit, das schon in Rechnung gezogene ausserkomische Gefühl der

Unlust. Und dies verstärkt zunächst das, wie wir annahmen, in der Regel

geringfügige Unlustmoment, das aus der Enttäuschung der Erwartung in

jedem Falle, abgesehen von dem Werte des Erwarteten entspringt. Zugleich

aber ist die Leichtigkeit, mit der das Nichtige die für die Erfassung des

erwarteten Wertvollen bestimmte seelische Kraft sich aneignen kann,

vermindert. Diese Leichtigkeit ist ja das Gegenteil jener

"Gewaltsamkeit". Drängt der Gedanke an das erwartete Wertvolle auf die

Erfassung eben dieses Wertvollen, so hemmt er notwendig die Erfassung des

Nichtigen, in welchem, und soweit in ihm jener wertvolle Inhalt _negiert_

erscheint. Macht er die seelische Kraft für das erwartete Wertvolle als

_solches_ verfügbar, so verweigert er sie ebendamit dem an die Stelle

tretenden Nichtigen, das mir _verbietet_ den Gedanken an jenen wertvollen

Inhalt zu vollziehen. Daraus ergiebt sich eine Herabdrückung der leichten

Vorstellungsbewegung, aus der wir die komische Lust haben hervorgehen

sehen, eine Herabdrückung, die bis zur vollständigen Lähmung sich

steigern kann.

Eine ebensolche Herabdrückung oder Lähmung kann, aus analogen Gründen,

bei der subjektiven Komik stattfinden. Am heiligen Orte, bei der ernsten

religiösen Feier, erwarten wir nicht nur, sondern wir fordern aus

sittlichen Gründen die Aussprache ernster Gedanken, wie sie uns da von

selbst sich aufdrängen. Ein Witz an solcher Stelle, ein Witz, vollends,

der mit Worten spielt, die selbst solche ernste Gedanken in uns wecken,

geht seiner Komik verlustig. Die ernsten Gedanken bleiben dabei, sich uns

aufzudrängen; sie hängen sich wie Gewichte an das nichtige Spiel, so dass

der leichte seelische Wellenschlag, der das Wesen der Komik macht,

unterbleiben muss. Was übrig bleibt, ist das Gefühl der Unlust, das aus

der Nichterfüllung und Verneinung unserer Forderung in jedem Falle sich

ergeben muss.

Die _sittlichen_ Forderungen sind es, die wir, von persönlichen

Interessen abgesehen, am strengsten festhalten und am wenigsten leicht

für einen Augenblick dahingestellt lassen. Wo solche Forderungen verneint

werden, schwindet darum am leichtesten das Gefühl der Komik. Das Komische

wird lächerlich, verächtlich, schliesslich empörend. Vielleicht entsteht

das Gefühl der Komik im ersten Moment. Die Grösse des quantitativen

Kontrastes und der qualitativen Übereinstimmung, insbesondere die

Sicherheit, mit der wir gerade in dem Augenblick, wo das Nichtige sich

einstellt, das Bedeutungsvolle erwarten, bezw.--beim Witze--die

Sicherheit, mit der die scheinbare Logik des nichtigen Wortspiels auf den

bedeutungsvollen Inhalt hinweist,--dies zusammen thut vielleicht im

ersten Momente trotz der Strenge der sittlichen Forderung seine komische

Wirkung. Die seelische Kraft wird durch die bezeichneten Kanäle zum

Nichtigen herübergeleitet und jene Forderung muss wohl oder übel

zurücktreten. In diesem Falle wird aber doch die komische Wirkung nicht

nur von vornherein eine weniger freie sein, sondern sie wird auch

schneller sich verzehren müssen, als sie es sonst thäte. Die komische

Wirkung, so sahen wir oben, erhält und erneuert sich, indem wir zu dem,

was die Erwartung eines Bedeutsamen erregte, oder zu dem scheinbar

Logischen, das uns den bedeutungsvollen Gedanken aufnötigte, unseren

Blick zurückwenden. Die Wirkung ist aber bei jeder neuen Rückwärtswendung

den Blickes eine geringere, weil die Erwartung, nachdem sie ein oder

mehrere Male ihre Enttäuschung erfahren hat, immer weniger sicher

geworden ist, weil ebenso die Bestimmtheit, mit der die scheinbare Logik

des nichtigen Wortspiels auf den bedeutungsvollen Inhalt hinweist, durch

die ein- oder mehrmalige Bewusstwerdung seiner thatsächlichen Bedeutungs-

und Inhaltslosigkeit eine immer grössere Einbusse erlitten hat.

Ebendamit nun gewinnt zugleich die sittliche Forderung, die an ihrer

Strenge _nichts_ eingebüsst hat, grössere hemmende Gewalt. Indem das

Nichtige weniger leicht seelische Kraft gewinnt, vermag der Gedanke an

das geforderte Wertvolle, der erst zurückgetreten war, entsprechend

stärker hervorzutreten, und nun auch mit entsprechender Energie auf die

weitere Verminderung der Komik hinzuarbeiten. Jene Verminderung der

Fähigkeit des Nichtigen, seelische Kraft zu gewinnen, und dieses

Hervortreten der sittlichen Forderung, diese beiden Momente steigern sich

in ihren Wirkungen wechselseitig. So geschieht es, dass der Eindruck der

Komik grösserem und grösserem Widerstreben begegnet, bis schliesslich

nichts mehr übrig bleibt, als das Gefühl des Widerstrebens oder der

Empörung.

Es kann aber nicht nur durch unerfüllte, sondern auch durch erfüllte

Forderungen, nicht nur durch negierte, sondern auch durch realisierte

Werte der Komik der Boden entzogen werden. Wir sehen den Übermütigen zu

Fall kommen, sich in seinen eigenen Schlingen fangen, seine gerechte

Strafe finden. Wir sehen ihn beschämt. Diese Beschämung hat positiven

Wert. Hier tritt wiederum zur Komik ein ihr gegensätzliches Element

hinzu. Das Nichts, in das der Anspruch des Übermutes zergeht, kann nur

als nichtig sich darstellen und in seiner Nichtigkeit spielend aufgefasst

werden, wie dies zur Komik erforderlich ist, so lange es als dies

Nichtige erscheint. Scheint es nicht mehr nichtig, sondern mit dem

Gedanken der Bestrafung oder Beschämung beschwert, so mindert sich das

Gefühl der Komik. Freilich bleibt auch hier das Nächste das Zergehen des

Anspruchs. Dann aber tritt jener ernste Gedanke, die Freiheit und

Leichtigkeit der psychischen Bewegung aufhebend hinzu. Je näher und in

die Augen springender der Fall des Übermütigen ist, desto sicherer kann

im ersten Momente die Komik sich einstellen. Dann aber schämen wir uns

vielleicht unseres Gefühls der Komik.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 75 / 117 题