Damit sind wir einer psychischen Thatsache begegnet, die bei jeder
psychischen "Stauung" in grösserem oder geringerem Masse stattfindet, und
eine ebenso grosse und umfassende psychologische Bedeutung besitzt, wie
die Stauung selbst. Es ist die Thatsache, auf der all unser zweckmässiges
Thun beruht, das heisst im letzten Grunde, all unser Thun im Gegensatz
zum blossen Geschehen in uns, jedes Nachdenken, jede praktische oder
theoretische Überlegung, jede Wahl von Mitteln zu einem Zweck u. s. w.
Wir können auch sagen: Es ist die Thatsache, in welcher alles solche Thun
_besteht_.
Alles "Sich nicht Erinnern", jeder Zweifel, jede Ungewissheit, alles
Nichthaben dessen, worauf wir innerlich gerichtet sind, oder worauf eine
psychische Bewegung ihrer Natur nach abzielt, ist eine Unterbrechung
eines naturgemässen Ablaufs oder Verlaufs eines psychischen Geschehens.
Eines naturgemässen, das heisst eines solchen, wie er sich ergäbe, wenn
die in dem Geschehen wirksamen Bedingungen frei sich verwirklichen
könnten. Jeder der bezeichneten Thatbestände schliesst also die
Bedingungen einer "Stauung" in sich. Wir könnten statt dessen mit dem
oben gebrauchten Ausdruck auch sagen: Jeder solche psychische Thatbestand
involviert eine "Verblüffung". Alles sich Besinnen, alles Fragen "Wie"
oder "Was ist dies", alles Überlegen, alles nicht, oder nicht sofort sich
verwirklichende Wollen ist zunächst ein Stehenbleiben der psychischen
Bewegung an der Stelle, wo diese Bewegung nicht in ihrer natürlichen Bahn
weiter kann. Es ist dann weiterhin ein sich Ausbreiten und sich
Rückwärtswenden der psychischen Bewegung oder des "Stromes" des
psychischen Geschehens.
Wir besinnen uns auf einen Namen, das heisst: wir bleiben innerlich vor
dem Namen stehen, wir wenden uns dann zurück zu der Person, die den Namen
trägt, zur Gelegenheit, wo wir den Namen hörten u. s. w. Alle diese
Momente gewinnen erneute Kraft, und damit erneute und gesteigerte
Fähigkeit der Reproduktion. Sie gewinnen diese Kraft, einfach darum, weil
die Kraft vorhanden und vermöge der Stauung an diesen bestimmten Punkt,
die Vorstellung "Name dieser bestimmten Person", gebannt ist, und weil
ihnen, an sich und vermöge ihres unmittelbaren Zusammenhanges mit dieser
Vorstellung, die Fähigkeit eignet, sich diese zwangsweise zur Verfügung
gestellte Kraft anzueignen, beziehungsweise sie festzuhalten. Vielleicht
gelingt auf Grund dieser Kraftaneignung und der damit gewonnenen erhöhten
Fähigkeit des Reproduzierens die Reproduktion des Namens. Dann ist, durch
die Stauung und ihre natürlichen Folgen, das Hindernis hinweggeräumt, und
die psychische Bewegung geht über den Namen oder durch denselben
hindurch, weiter.
Oder: Wir erleben es, dass auf ein A, dem in früherer Erfahrung ein B
folgte, jetzt ein, das B ausschliessendes B1[*] folgt, und "suchen" die
"Erklärung". Wäre auf das A niemals das B, sondern auch sonst jedesmal
das B1, gefolgt, so gingen wir von A über B1 beruhigt weiter. Diesen
Fortgang hindert das B, oder der Widerspruch zwischen ihm und dem B1.
Darum bleiben wir vor dem B1. Wir unterliegen einer Stauung; wir erleben
eine "Verblüffung", oder erleben die "Verwunderung", die der Anfang aller
Weisheit ist.
[* Ordnungszahl hier und ff. im Original tiefgestellt. Transkriptor.]
Dann gehen wir von B1 zurück zu A. Das A, von dem wir ausgegangen waren,
tritt in den Blickpunkt des Bewusstseins. Ohne die Stauung wäre es
Durchgangspunkt der psychischen Bewegung. Jetzt ist es Haltpunkt
derselben. Es wird von der gestauten psychischen Bewegung emporgehoben.
Das A ist merkwürdig, interessant, nicht an sich, sondern sofern es
jetzt, gegen frühere Erfahrung, nicht ein B, sondern ein B1 nach sich
zieht.
Dies ist der Ausgangspunkt des "Suchens" nach der Erklärung. Aber dies
emporgehobene A hat nun--ebenso wie vorhin die Vorstellung des Trägers
des gesuchten Namens und die Vorstellung der Gelegenheit, bei welcher der
Name gehört wurde--, eine seiner "psychischen Höhe" entsprechende
Fähigkeit des Reproduzierens. Es hat in gleichem Grade die Fähigkeit, die
"Aufmerksamkeit" auf solche Momente zu lenken, die dem A, so wie es in
der Wahrnehmung sich darstellt, anhaften, vorher aber übersehen wurden.
In der Wirksamkeit jener oder dieser Fähigkeit nun _besteht_ jenes
Suchen. Vielleicht tritt vermöge derselben an dem A jetzt ein Moment
hervor, das es zu einem A1 macht. Dann ist der Widerspruch gelöst. Nicht
das A1, sondern das A war es ja, das mir auf Grund vorangegangener
Erfahrungen das B aufnötigte. An die Stelle des A ist jetzt A1 getreten.
Von diesem kann ich also, ohne durch vergangene Erfahrungen daran
gehindert zu sein, zu B1, und durch B1 hindurch zu irgend welchen
sonstigen Gedankeninhalten weitergehen. Die Verbindung A1 B1 ist keine
verwunderliche Thatsache mehr, sondern einfach eine Thatsache, wie
tausend andere. Wir haben die "Erklärung".
Zugleich geben wir--nebenbei bemerkt--dem Erklärenden oder den
Widerspruch Lösenden einen besonderen Namen. Wir bezeichnen A1, oder den
Umstand, dass A1 nicht A, sondern A1 ist, als Ursache des B1 oder als
Ursache des Umstandes, dass B, nicht B, sondern B1 ist.
Oder weiter: Wir wollen, dass ein B sei, das heisst: es liegen in der
Natur unseres Vorstellungsverlaufes die Bedingungen für das
Zustandekommen des Urteils, dass B sei oder sein werde. Aber wir sehen, B
ist nicht. Wiederum bleiben wir vor dieser Thatsache stehen; wir bleiben
stehen vor dem vorgestellten aber nicht wirklichen B. Und wiederum
ergiebt sich daraus die Rückwärtswendung der psychischen Bewegung. Und
diese kann auch hier die Hemmung beseitigen. Die rückwärts gewendete
Bewegung gelangt zu einem A, das erfahrungsgemässe Bedingung der
Wirklichkeit des B ist. Sie erfasst die Vorstellung des A, und rückt sie
in den Mittelpunkt des Bewusstseins. Das heisst: die Vorstellung des
"Zweckes" zwingt mich zurück zur Vorstellung des "Mittels"; das Streben
nach dem Zweck wird zum Streben nach dem Mittel. Vielleicht führt dies
zur Verwirklichung des Mittels. Dann verwirklicht sich auch der Zweck,
und die gehemmte Vorstellungsbewegung geht ihren Weg weiter.
Wir könnten dies alles in ein Gesetz zusammenfassen, das in einem Gesetz
der "teleologischen Mechanik" des körperlichen Lebens sein Gegenstück
hätte: Hemmungen des psychischen Lebensablaufes ergeben aus sich eine
psychische Bewegung, in deren Natur es liegt, auf die Beseitigung der
Hemmung hinzuwirken. Wir könnten dies Gesetz bezeichnen als das Gesetz
der Selbstkorrektur psychischer Hemmungen. In der Verwirklichung
desselben besteht unsere Zweckthätigkeit.
Ich rede hiervon in diesem Zusammenhang nicht genauer, sondern verweise
für eine etwas nähere--obgleich keineswegs genügende--Ausführung auf mein
mehrfach citiertes psychologisches Werk. Es ist zu bedauern, dass auch
das hier angedeutete Problem von der heutigen Psychologie übersehen zu
werden pflegt. Freilich, vor Bäumen den Wald nicht zu sehen, dies ist
vielfach die eigentliche Signatur der Psychologie unserer Tage.