DAS ÜBERRASCHEND GROSSE.

Lassen wir in Gedanken diese geistige Freiheit sich steigern und die

Energie, mit der die Unannehmlichkeit uns affiziert, sich mindern, so

geht dies Gefühl der heiteren oder leichtgenommenen Unlust in ein

lustbetontes Gefühl der Heiterkeit über: Die kleine Widerwärtigkeit oder

der geringe Schmerz "belustigt" uns oder wird Gegenstand eines Gefühles

der "Heiterkeit" in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes.

Eine besondere Steigerung jener geistigen Freiheit nun, andererseits

ebensowohl eine Minderung derselben, also eine Mehrung des Übergewichtes

der Energie der Inanspruchnahme psychischer Kraft über die Verfügbarkeit

derselben, ergiebt sich uns, wenn wir wiederum den Begriff der Erwartung,

oder das, was in diesem Begriff für uns eingeschlossen war, hinzunehmen.

Ich machte vorhin, als vom Gefühl der Grösse die Rede war, und ebenso

jetzt eben, beim Gefühl des Heiteren oder des Spieles, nicht die

Voraussetzung, dass das "Grosse" oder das heiter Anmutende einer

Erwartung widerspreche. Ich redete von dem Grossen, das ein Gefühl der

Grösse erweckt, auch wenn eben dies Grosse erwartet wird. Man erinnere

sich wiederum an das Meer, oder an das gewaltige Gebirge. Ebenso war mit

dem minder Aufdringlichen oder mit minderer psychischer Energie Begabten,

das leicht oder heiter genommen wird, ein solches gemeint, das diesen

Charakter besitzt, auch wenn nichts Anderes, vor allem nichts Grosses an

seiner Stelle erwartet wird.

Nehmen wir jetzt die Erwartung hinzu, so haben wir eine neue und

wesentliche Bedingung für jede der beiden Gefühlswirkungen.

Der Einfachheit halber fassen wir hier die Erwartung im positiven Sinne,

also als Erwartung eines Bedeutungs- oder Eindrucksvollen. Dann mindert

die Erwartung das Gefühl der Grösse. Umgekehrt lässt der Mangel einer

solchen Erwartung auch dem minder Grossen gegenüber einen gesteigerten

Eindruck der Grösse entstehen: Wir sind überrascht, wir erstaunen; es

wird dasjenige zum Überwältigenden, was dann, wenn es erwartet worden

wäre, vielleicht zwar auch noch als gross erschienen wäre, aber keine

überwältigende Wirkung geübt hätte. Erwartung ist eben, wie wir schon

sahen, eine besondere Weise psychische Kraft für das Erwartete zur

_Verfügung_ zu stellen. Damit wird das Übergewicht der Energie des

Erwarteten über die Verfügbarkeit der psychischen Kraft vermindert. Und

darauf beruht ja, wie wir wissen, das Gefühl der Grösse.

Je grösser aber, abgesehen von der Erwartung, jenes Übergewicht ist, d.

h. je mehr das Erwartete ein Grosses ist, desto stärker muss die in der

Erwartung liegende Vorbereitung sein, wenn dem Gefühl der Lust, bezw. der

Unlust sein Charakter des Großen, Überwältigenden, Erstaunlichen genommen

werden soll. Das Große sei etwa wiederum ein mächtig vor mir

aufsteigendes Gebirge. Dann bedarf es eines entschiedeneren

Vorbereitetseins, wenn das Gefühl des Staunens unterbleiben soll, als

wenn es sich um einen Gegenstand von minderer Mächtigkeit handelte.

Gleiches gilt von dem _unerfreulichen_, aber mächtig auf mich

eindringenden Getöse. Bin ich auf dies durch entsprechende Erwartung

entschieden vorbereitet, so bleibt es zwar für mich unlustvoll. Aber es

verliert sein Gepräge des momentan Überwältigenden.

Wir erfreuen uns aber des Grades der Bereitschaft, wie er zur Aufhebung

dieses Gefühlscharakters erforderlich ist, um so sicherer, je mehr wir

gleichartige Objekte von eben solcher oder größerer Aufdringlichkeit oder

Energie der Inanspruchnahme psychischer Kraft erwarten. Die Bereitschaft

zur Auffassung oder zum psychischen "Vollzug" eines Bedeutungsvollen oder

Grossen ist zugleich eine Bereitschaft in entsprechendem _Grade_. Dies

muß so sein nach dem, was wir als das Wesen der Erwartung kennen gelernt

haben. Diese besteht in der seelische Kraft aneignenden und für das

Erwartete verfügbar machenden Wirksamkeit der Vorstellung des Erwarteten,

einschliesslich der Gedanken, die mit dem Erwarteten sich verknüpfen, und

ihm für uns Bedeutung und Interesse verleihen. Je bedeutungsvoller aber

das Erwartete an sich ist, und je bedeutungsvolleren Inhalt diese

Gedanken haben, um so stärker muss nach unserem Begriff des

"Bedeutungsvollen" jene Kraft aneignende und Kraft zur Verfügung

stellende Wirksamkeit sich erweisen.

Wir können also, was uns die Betrachtung der Gefühlswirkung des

erwarteten und des nicht erwarteten gewaltigen Gebirges, bezw.

überwältigenden Getöses lehrt, auch so ausdrücken, dass wir sagen: Je

Grösseres erwartet wird, um so mehr mindert sich das Gefühl der Grösse,

das wir angesichts des durch die Erwartung vorbereiteten Objektes haben.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 64 / 117 题