Den Begriff der psychischen Kraft und ihrer Begrenztheit müssen wir aber
noch genauer bestimmen. Damit wird auch das Verhältnis dieser
Begrenztheit der psychischen Kraft zur Enge des Bewusstseins deutlicher
werden.
Folgendes ist hier zunächst zu bedenken: Psychische Vorgänge können von
ihrem Ziel, das im Zustandekommen der Bewusstseinsinhalte besteht, weiter
oder weniger weit entfernt bleiben. Bezeichnen wir den Moment im Verlauf
psychischer Vorgänge, wo es ihnen gelingt das Dasein eines
Bewusstseinsinhaltes zu bewirken, als "Schwelle des Bewusstseins", so
dürfen wir statt dessen auch sagen: Ein psychischer Vorgang kann von der
Schwelle des Bewusstseins mehr oder weniger weit entfernt bleiben. Und
stellen wir uns diese Entfernung vor wie eine räumliche, und die
Bewusstseinsschwelle wie einen räumlichen Höhepunkt des Vorganges, so
können wir auch sagen: Psychische Vorgänge gewinnen eine grössere oder
geringere psychische Höhe. Oder wenn wir endlich psychische Vorgänge mit
Wellen vergleichen: Sie gewinnen eine grössere oder geringere
Wellenhölle.
Dies Bild bedarf aber der Ergänzung. Ein psychischer Vorgang hat "die
Bewusstseinsschwelle überschritten", wenn der zugehörige
Bewußtseinsinhalt da ist. Dieser Bewusstseinsinhalt bleibt aber nicht
endlos da, sondern verschwindet wieder. Er verschwindet, wenn der
psychische Vorgang, der die Bewusstseinsschwelle überschritten hatte,
wiederum "unter die Bewusstseinsschwelle herabsinkt". Dies "Herabsinken
unter die Bewusstseinsschwelle" besagt nichts anderes als dies, dass der
Vorgang nicht mehr auf dem Punkte steht oder in dem Stadium sich
befindet, wo er der genügende Grund für das Dasein des begleitenden
Bewusstseinsinhaltes ist.
Ehe nun der Vorgang unter die Schwelle des Bewusstseins herabsank, konnte
er mehr oder weniger weit von diesem Punkte entfernt sein. Er kann
überhaupt mehr oder weniger weit über diesen Punkt, also über die
Schwelle des Bewusstseins sich _erhoben_ haben. Es giebt mit anderen
Worten verschiedene mögliche Höhen der psychischen Wellen nicht nur
unter, sondern auch _über_ der Bewusstseinsschwelle.
Zu je grösserer Höhe nun eine _physische_ Welle sich erhebt, ein um so
grösseres Mass _physischer_ Bewegung, oder ein um so grösseres Quantum
_mechanischen_ Geschehens schliesst sie in sich. Analoges gilt auch von
der psychischen Welle, d. h. von jedem psychischen Vorgang. Auch ein
_psychischer_ Vorgang schliesst je nach seiner Wellenhöhe ein größeres
oder geringeres Mass der _psychischen_ Bewegung oder ein grösseres oder
geringeres Quantum des psychischen Geschehens in sich. Damit wird
jedesmal ein entsprechendes Quantum der Fähigkeit oder Möglichkeit, dass
überhaupt psychisch etwas geschehe oder psychische Vorgänge sich
vollziehen, verwirklicht oder in Anspruch genommen.
Dies können wir noch anders ausdrücken: Die materielle Welle, sagte ich,
schliesse je nach ihrer Höhe ein grösseres oder geringeres Quantum
mechanischer Bewegung in sich. Was ich hier Quantum der mechanischen
Bewegung nenne, ist dasselbe, was man auch als Quantum "lebendiger Kraft"
bezeichnet. So kann ich auch von der höheren psychischen Welle oder dem
psychischen Vorgang, der der Schwelle des Bewusstseins näher ist, bezw.
sich in höherem Grade über dieselbe erhebt, sagen, er schliesse in sich
ein grösseres Quantum lebendiger psychischer Kraft, oder es werde in ihm
ein grösseres Quantum der vorhandenen psychischen Kraft lebendig oder
aktuell. Man erinnert sich, dass ich diesen Ausdruck schon einmal
gelegentlich gebraucht habe.
Damit hat die Thatsache der Begrenztheit der psychischen Kraft die
gesuchte nähere Bestimmung gewonnen. Die begrenzte psychische Kraft, das
ist die Kraft, die in den einzelnen psychischen Vorgängen, je nach ihrer
psychischen Wellenhöhe, aktuell wird. Die Begrenztheit der psychischen
Kraft ist die Begrenztheit der Möglichkeit, dass--nicht überhaupt
Vorgänge des Empfindens oder Vorstellungen in uns sich vollziehen,
sondern dass solche Vorgänge sich vollziehen und eine bestimmte
psychische _Wellenhöhe_ erreichen oder ein bestimmtes Mass lebendiger
psychischer _Kraft_ gewinnen. Oder, wenn wir die Wellenhöhe der einzelnen
psychischen Vorgänge addiert denken und das Ergebnis als Gesamtwellenhöhe
bezeichnen: Die Begrenztheit der psychischen Kraft ist die Thatsache,
dass die mögliche Gesamtwellenhöhe der psychischen Vorgänge in jedem
Momente in bestimmte Grenzen eingeschlossen ist.
"AUFMERKSAMKEIT". "PSYCHISCHE ENERGIE".
Mit allem dem habe ich nun schliesslich doch nur, was jedermann geläufig
ist, in etwas bestimmtere Begriffe gefasst, als dies sonst wohl zu
geschehen pflegt. Jedermann vertraut sind Wendungen wie die, dass
Empfindungen oder Vorstellungen bald mehr bald minder beachtet, bemerkt,
in den Blickpunkt des Bewusstseins gerückt, appercipiert seien etc. Der
üblichste der Begriffe, die hier Verwendung finden, ist der Begriff der
_Aufmerksamkeit_: Empfindungen und Vorstellungen können bald mehr bald
minder Gegenstand der Aufmerksamkeit sein.
Was will man mit allen diesen Ausdrücken? Vielleicht allerlei. In jedem
Falle dies Eine: Was in höherem Grade beachtet oder Gegenstand der
Aufmerksamkeit ist etc., spielt im Zusammenhange des psychischen Lebens
eine grössere Rolle, hat auf den Verlauf desselben in jeder Hinsicht mehr
Einfluss, übt stärkere psychische Wirkungen. Statt dessen kann ich auch
sagen: Das in höherem Grade Beachtete oder meiner Aufmerksamkeit
Teilhafte repräsentiert ein grösseres Quantum lebendiger psychischer
Kraft. Denn lebendige Kraft ist überall nur ein anderer Ausdruck für die
von einem Vorgang ausgehende Wirkung; ihr Mass ist die Grösse dieser
Wirkung.
Und auch dies weiss jedermann, dass das Quantum der "Aufmerksamkeit", die
ich jetzt oder in irgend einem anderen Momente zur Verfügung habe, oder
meinen Empfindungen oder Vorstellungen zur Verfügung stellen kann, ein
begrenztes ist. Es ist also auch das Quantum der "psychischen Kraft", die
in meinen Empfindungen oder Vorstellungen "lebendig" werden kann, ein
begrenztes. In dem Masse als die "Aufmerksamkeit" oder die psychische
Kraft von irgend welchen Empfindungen und Vorstellungen "in Anspruch
genommen" ist, kann sie nicht von anderen in Anspruch genommen werden.
Und nun endlich die Frage: Wenn Empfindungen oder Vorstellungen bald
grössere bald geringere Kraft haben, was eigentlich hat diese grössere
oder geringere Kraft? Oder mit Verwendung eines jener anderen Ausdrücke:
Wenn eine Empfindung mehr, die andere weniger "beachtet" ist, wenn also
zwei Empfindungen als mehr oder minder beachtete sich von einander
_unterscheiden_, was eigentlich ist dann in solcher Weise unterschieden?
Wer ist der Träger jener Prädikate?
Sind es die Empfindungs_inhalte_, allgemeiner gesagt die
_Bewusstseinsinhalte_? Dies kann niemand meinen.
Oder meint man es doch? Ist dann das "Beachtetsein" eine Farbe oder ein
Ton, bezw. die Eigenschaft eines Tones, eine räumliche Grösse oder
dergl.? Ist etwa die grössere Kraft, die eine Tonempfindung jetzt im
Zusammenhang meines Empfindens und Vorstellens ausübt, eine grössere
Kraft, d. h. eine grössere Lautheit des jetzt von mir empfundenen
_Tones_?
Dies meint man nicht. Man weiss, ein sehr leiser oder schwacher Ton kann
im höchsten Masse beachtet sein, also im Zusammenhang des psychischen
Lebens die grösste Kraft haben, ohne dass er doch aufhörte eben dieser
schwache Ton zu sein. So kann überhaupt eine und dieselbe Empfindung, d.
h. ein und derselbe Inhalt meines Bewusstseins mehr und minder beachtet
sein, oder mehr und minder Kraft in mir entfalten.
Damit ist dann zugleich unweigerlich die einzig mögliche Antwort auf jene
Frage gegeben. Kann ein und derselbe Bewusstseinsinhalt jetzt eine
grössere Kraft haben, als er sie sonst hat, dann ist diese grössere Kraft
nicht eine Eigenschaft der Bewusstseinsinhaltes. Eines und dasselbe kann
nicht jetzt grössere, jetzt geringere Kraft haben. Also ist der Träger
der grösseren Kraft etwas, das jenseits des Bewusstseinsinhaltes liegt.
Man wird vielleicht sagen: In Wahrheit "trete" nur der gleiche
Bewusstseinsinhalt jetzt mit grösserer Kraft "auf". Vortrefflich. Nur ist
dann doch "notwendig" dies "Auftreten" etwas Wirkliches und von dem
Bewusstseinsinhalte Verschiedenes. Nur Wirkliches kann wirklich Kraft
entfalten. Das "Auftreten" des Bewusstseinsinhaltes muss also ein
wirklicher, obzwar dem Bewusstsein sich entziehender Vorgang sein. Und
dies "Auftreten" kann kein anderer Vorgang sein als derjenige, dem der
Bewusstseinsinhalt sein Dasein verdankt, der Vorgang also, den wir als
Vorgang des Empfindens, oder allgemeiner, als an sich unbewussten
psychischen Vorgang bezeichnen. Dabei betone ich das "an sich unbewusst".
Unmöglich kann ja jemand meinen, dass dies "Auftreten" eines
Empfindungsinhaltes, diese Weise, wie es "gemacht wird", dass
Empfindungsinhalte da sind, in seinem Bewusstsein sich abspiele.
Und von da können wir noch einen Schritt weiter gehen. Die "Kraft" des
"Auftretens" der Bewusstseinsinhalte ist nichts anderes als die
psychische Wirkungsfähigkeit. Ist also diese "Kraft" die Kraft der den
Bewusstseinshalten zu Grunde liegenden, an sich _unbewussten Vorgänge_,
so sind diese _Vorgänge_ das eigentlich phychisch Wirkungsfähige. Es gilt
also der allgemeine Satz: _Die Faktoren des psychischen Lebens sind nicht
die Bewusstseinsinhalte, sondern die an sich unbewussten psychischen
Vorgänge_. Die Aufgabe der Psychologie, falls sie nicht bloss
Bewusstseinsinhalte beschreiben will, muss dann darin bestehen, aus der
Beschaffenheit der Bewusstseinsinhalte und ihres zeitlichen
Zusammenhanges die Natur dieser unbewussten Vorgänge zu erschliessen. Die
Psychologie muss sein eine Theorie dieser Vorgänge. Eine solche
Psychologie wird aber sehr bald finden, dass es gar _mancherlei_
Eigenschaften dieser Vorgänge giebt, die in den entsprechenden
Bewusstseinsinhalten _nicht repräsentiert_ sind.
Noch zwei Bemerkungen habe ich dem hier Gesagten hinzuzufügen. Die
Aufmerksamkeit ist die psychische Kraft. Nun pflegt man zunächst oder
einzig von einer Aufmerksamkeit zu reden, die den bewussten Empfindungen
und Vorstellungen zu teil werde. Dies hat seine guten Gründe. Von
Gegenständen der Aufmerksamkeit, die sich dem Bewusstsein entziehen,
haben wir kein unmittelbares Bewusstsein. Und das die Aufmerksamkeit oder
die Inanspruchnahme psychischer Kraft begleitende Aufmerksamkeitsgefühl
oder Gefühl der inneren Thätigkeit kann in unserem Bewusstsein nicht auf
Unbewusstes, also nicht auf die Vorgänge, denen kein Bewusstseinsinhalt
entspricht, bezogen erscheinen. Sondern es erscheint notwendig jederzeit
bezogen auf Bewusstseinsinhalte. Soweit also die Aufmerksamkeit im
Bewusstsein sich "spiegelt", ist sie allerdings immer nur Aufmerksamkeit
auf Bewusstseinsinhalte. Dies hindert doch nicht, dass auch die Vorgänge,
die keinen Bewusstseinsinhalt ins Dasein zu rufen vermögen, jederzeit
gleichfalls Gegenstand grösserer oder geringerer Aufmerksamkeit sind.
Natürlich verstehe ich dabei unter der Aufmerksamkeit nicht jene
"Spiegelung" der Aufmerksamkeit, oder jenes Bewusstseinssymptom
derselben, sondern die Aufmerksamkeit selbst. Diese wird nicht nur von
bewussten, das heisst Bewusstseinhalte erzeugenden, sondern ebensowohl
von unbewussten psychischen Vorgängen absorbiert. Sie wird immer _nur_
absorbiert von den an sich unbewussten Vorgängen.
Die zweite Bemerkung ist diese: Nehmen wir an, ein Empfindungs- oder
Vorstellungsvorgang, sei es ein "bewusster", sei es ein solcher, der ohne
seinen zugehörigen Bewusstseinsinhalt bleibt, absorbiere vor einem
anderen, oder auf Kosten eines anderen, psychische Kraft, so muss er dazu
die Fähigkeit besitzen. Psychische Vorgänge besitzen diese Fähigkeit bald
in grösserem, bald in geringeren Grade.
Hierfür nun pflege ich wiederum einen kurzen Ausdruck zu gebrauchen:
Psychische Vorgänge besitzen grössere oder geringere "psychische
Energie". Ein Donnerschlag zwingt die Aufmerksamkeit unter im übrigen
gleichen Umständen in höherem Grade auf sich oder eignet sich die
psychische Kraft "energischer" an, als ein leichtes Geräusch. Nichts
anderes als dies meine ich, wenn ich sage, der Donnerschlag besitze
grössere psychische Energie als das leise Geräusch.
Oder: Ein Gedanke, der mir wichtig ist, braucht nur von fern in mir
angeregt zu werden, es genügt, dass eine Bemerkung fällt, die mit seinem
Inhalte in loser Beziehung stellt, und ich vollziehe ihn mit Bewusstsein,
und erscheine einen Moment von ihm erfüllt und beherrscht, so dass ich
sonst für nichts Sinn und Auge habe; während ein ebenso naheliegender,
aber gleichgültiger Gedanke, bei gleicher Art der Anregung, mir nicht zum
Bewusstsein gekommen wäre. Nichts anderes als diese Thatsache meine ich,
wenn ich sage, jener Gedanke besitze, vermöge seines wichtigen Inhaltes,
größere "seelische Energie".
Hiermit sind die allgemeinsten Voraussetzungen für das Verständnis der
Komik bezeichnet. Es fehlt nach ihre Specialisierung.