Nach allem dem müssen wir bei der Erklärung bleiben, die ich schon abgab:
Das Gefühl der Komik ist nicht irgendwie aus anderen Gefühlen
zusammengesetzt, sondern es ist, ein eigenartig neues Gefühl. Es ist das
eigenartig neue Gefühl, das man niemand beschreiben kann, der es nicht
kennt, und das man dem nicht zu beschreiben braucht, der es kennt. Oder
vielmehr "_das_" Gefühl der Komik ist ein zusammenfassender Name für
viele eigenartige Gefühle, die aber ein Gemeinsames haben, um dessen
willen wir sie als Gefühle der Komik bezeichnen.
So ist schliesslich jedes Gefühl ein eigenartiges, und die Menge der in
uns möglichen Gefühle, nicht nur der Intensität, sondern auch der
_Qualität_ nach unendlich gross. Kein Gefühl oder keine Weise, wie wir
uns in einem Moment fühlen, wird jemals in unserem Leben völlig
gleichartig wiederkehren.
Aber diese Gefühle bilden ein Kontinuum, und in diesem Kontinuum sind
Grundgefühle unterscheidbar, wie im Kontinuum der Farben Grundfarben:
Rot, Blau, Weiss etc. Eine dieser Grundfarben des Gefühls ist die Lust,
eine andere die Unlust, eine andere die Komik.
Man kann nun fragen, wie die Grundfarbe der Gefühle, die wir Gefühle der
Komik nennen, noch anders sich bezeichnen lasse. Dann erinnere ich daran,
dass ich schon einmal meinte, mindestens drei Dimensionen unserer Gefühle
seien unterscheidbar. Gefühle seien einmal Gefühle der Lust und Unlust,
zum anderen Gefühle des Ernstes und der Heiterkeit, endlich Gefühle des
Strebens. Dabei ist, wie sich von selbst versteht, unter Heiterkeit
ebenso wie unter Ernst etwas von Lust Verschiedenes verstanden; nicht,
wie wohl üblich, heitere Lust oder lustige Heiterkeit, sondern die
Färbung der Lust, durch welche diese zur heiteren, also zum Gegenteil der
ernsten Lust wird. Fassen wir die Heiterkeit in diesem gegen Lust und
Unlust neutralen Sinne, dann dürfen wir solche Heiterkeit als das
gemeinsame Moment aller Gefühle der Komik bezeichnen. Es giebt dann, wie
eine heitere Lust, so auch eine heitere Unlust, ja einen heiteren
Schmerz. Es giebt dergleichen, so gewiss es komisch unlustvolle
Erlebnisse und komisch anmutende Schmerzen giebt.
Damit setzen wir uns freilich mit dem Sprachgebrauch in Gegensatz. Wer
diesen Gegensatz nicht mitmachen will, muss entweder dabei bleiben zu
sagen, die Grundfärbung des Komischen sei--die Komik, oder er muss sich
mit Namen helfen, die ursprünglich nicht Gefühle, sondern mögliche
Objekte von solchen bezeichnen. Das Gefühl des Ernstes ist ein Gefühl der
Grösse oder des Grossen; es ist ein Gefühl des Starken, des
Schwerwiegenden, oder Gewichtigen, des Breiten, des Tiefen. Das Gefühl
der Heiterkeit in dem soeben vorausgesetzten neutralen Sinne ist ein
Gefühl der Kleinheit oder des Kleinen; es ist ein Gefühl des an der
Oberfläche Bleibenden, des Leichten, des Spielenden.
Welchen dieser Namen aber wir wählen mögen, immer sind damit
Gefühlsfärbungen bezeichnet, deren sowohl Lust als Unlust fähig sind.
Oder was dasselbe sagt, immer sind damit Gefühle bezeichnet, die sowohl
mit Lust- als mit Unlustfärbung auftreten können. Auch dies ist denkbar,
dass sich in ihnen, sei es auch nur für einen unmessbaren Moment, Lust
und Unlust zur Indifferenz aufheben. Dann hätten wir das reine Gefühl der
"Grösse", andererseits das reine Gefühl der Komik.
"PSYCHISCHE KRAFT" UND IHRE BEGRENZTHEIT.
Und wie nun entsteht dies eigenartige Gefühl, oder besser diese
eigenartige Gefühlsmodalität? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir
etwas weiter ausholen.
Zu den uns geläufigsten Thatsachen des seelischen Lebens gehört die
Thatsache der sogenannten Enge des Bewusstseins. Wenn ich in irgend
welche Gedanken vertieft in meinem Zimmer sitze, so überhöre ich den Lärm
der Strasse; und umgekehrt, verfolge ich die Töne und Geräusche, aus
denen dieser besteht, so ist es mir unmöglich, zugleich einem, jenem
Wahrnehmungsinhalt fremden Gedankengange mich hinzugeben. Wir drücken
solche Thatsachen wohl so aus, dass wir sagen, der Gedanke, in den wir
uns vertiefen, oder die Wahrnehmung, die wir machen, erfülle uns
dergestalt, dass für anderes kein Platz mehr in unserem Bewusstsein sei.
Dies ist natürlich bildlich gesprochen. Aber was das Bild meint, trifft
zu. Unsere Fähigkeit, Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken zu
vollziehen, ist jederzeit in gewisse Grenzen eingeschlossen. Jede
Empfindung, jede Vorstellung, jeder Gedanke absorbiert einen Teil dieser
Fähigkeit. Je mehr er davon absorbiert, um so weniger Fähigkeit, andere
Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken gleichzeitig zu vollziehen, bleibt
übrig.
Genau genommen ist aber der soeben gebrauchte Ausdruck "Enge des
Bewusstseins" nicht der zutreffende Terminus für diese Thatsachen. Nicht
nur die Empfindungen und Vorstellungen, die zum Bewusstsein kommen,
sondern auch diejenigen, denen dies nicht gelingt, absorbieren ihren Teil
der Fähigkeit, Empfindungen und Vorstellungen zu vollziehen.
Auch darin liegt noch eine Unklarheit. Was heisst dies: Empfindungen und
Vorstellungen gelangen zum Bewusstsein, andere nicht? Unmöglich kann
damit gemeint sein, dass ein und derselbe psychische Inhalt oder Vorgang
bald unbewusst, bald mit der Eigenschaft der Bewusstheit bekleidet in uns
vorkommen könnte. Sondern unter den bewussten und den unbewussten
Empfindungen und Vorstellungen muss Verschiedenes verstanden sein.
In der That sind die Worte Empfindung und Vorstellung doppelsinnig. Wir
bezeichnen mit ihnen bald das Empfundene, bezw. Vorgestellte, ich meine
die _Bewusstseinsinhalte_, oder das, was je nachdem die besonderen Namen
Empfindungs- oder Vorstellunginhalte trägt, bald die _Vorgänge des
Empfindens oder Vorstellens_, d. h. die Vorgänge, durch welche es
geschieht, dass ein Empfindungs-, bezw. Vorstellungsinhalt da ist, oder
die dem Dasein dieser Inhalte zu Grunde liegen. Jene Bewusstseinsinhalte
sind selbstverständlich im Bewusstsein. Diese Vorgänge dagegen sind es
niemals. Ihre Existenz ist nur erschlossen.
Hieraus ergiebt sich, was jene Ausdrücke sagen wollen. Sprechen wir von
bewussten Empfindungen, so sagt dies, dass ein Empfindungsvorgang, d. h.
ein psychischer Vorgang von der Art, wie er immer vorausgesetzt ist, wenn
Empfindungsinhalte für uns da sein sollen, nicht nur besteht und auf das
Dasein eines Empfindungsinhaltes abzielt, sondern dass er auch dies Ziel
erreicht oder erreicht hat. Dagegen nennen wir eine Empfindung eine
unbewusste, wenn dies nicht der Fall ist, wenn also nur das Unbewusste an
der Empfindung, d. h. nur der Empfindungs_vorgang_ gegeben ist, sein
natürliches Ziel, das Dasein des zugehörigen Empfindungsinhaltes aber von
ihm nicht erreicht wird. Das Gleiche gilt mit Rücksicht auf die bewussten
und unbewussten _Vorstellungen_.
Natürlich müssen für die Annahme der an sich unbewussten Vorgänge, von
denen ich sage, dass sie dem Dasein der Empfindungs- und
Vorstellungsinhalte jederzeit zu Grunde liegen, zwingende Gründe
aufgezeigt werden können. Es muss andererseits dargethan werden können,
dass und wiefern ein Recht besteht, diese Vorgänge als psychische
Vorgänge zu bezeichnen. Hierfür nun verweise ich der Hauptsache nach auf
meine "Grundthatsachen des Seelenlebens" (Bonn 1883) und den auf dem
dritten internationalen Kongress für Psychologie gehaltenen Vortrag "Der
Begriff des Unbewussten in der Psychologie".
Doch brauche ich mich hier mit diesem Hinweis nicht zu begnügen. Ich
werde vielmehr im folgenden eine Thatsache zu bezeichnen haben, deren
Anerkenntnis die Anerkenntnis jener psychischen Vorgänge und ihrer
psychologischen Bedeutung ohne weiteres in sich schliesst.
Ich kehre zu der "Fähigkeit, Empfindungen und Vorstellungen zu
vollziehen" zurück. Diese Fähigkeit ist zunächst nichts als die
Möglichkeit, dass in uns Vorgänge, die auf das Dasein von Empfindungs-
und Vorstellungsinhalten abzielen, zu stande kommen. Sie ist erst in
zweiter Linie die Möglichkeit, dass auf Grund dieser Vorgänge
Empfindungs- und Vorstellungs_inhalte_ oder kurz Bewusstseinsinhalte da
sind. Es ist also auch, wenn wir die Fähigkeit, Empfindungen und
Vorstellungen zu vollziehen, als begrenzt bezeichnen, damit zunächst die
Begrenztheit jener Möglichkeit des Zustandekommens von _Vorgängen_, die
auf das Dasein von Empfindungen oder Vorstellungsinhalten _abzielen_,
gemeint. Daraus ergiebt sich erst sekundär die Begrenztheit der
Fähigkeit, Empfindungs- und Vorstellungsinhalte zu haben. Diese ist die
"Enge des Bewusstseins". Die Enge des Bewusstseins hat also die
Begrenztheit der Möglichkeit, dass in einem Momente nebeneinander
verschiedene, an sich unbewusste Vorgänge des Empfindens oder Vorstellens
sich vollziehen, zur Voraussetzung.
Diese letztere Begrenztheit pflege ich nun kurz als "Begrenztheit der
psychischen Kraft" zu bezeichnen. Die Enge des Bewusstseins besteht dann
auf der Basis der Begrenztheit der psychischen Kraft.