Wenden wir uns zurück zu dem, was wir als das Wesen der Komik bisher
erkannt haben. Überall in der Komik fanden wir einen Gegensatz des
Bedeutungsvollen oder Bedeutsamen und des Bedeutungslosen, oder, wie wir
später öfter sagten, des Erhabenen und des Kleinen oder Nichtigen. Ein
Erhabenes oder erhaben sich Gebärdendes schrumpfte für uns zu einem
Nichtigen zusammen. Dabei war die Erhabenheit verschiedener Art. Immer
aber war mit dem Erhabenen ein solches gemeint, in dessen Natur es liegt,
uns oder die seelische Kraft in gewissem Grade in Anspruch zu nehmen, zu
absorbieren, festzuhalten.
Auch daran erinnere ich noch einmal, dass dies "Bedeutsame" nicht unter
allen Umständen uns als ein solches zu erscheinen braucht. Worauf es
ankommt, ist, dass es als ein solches sich darstellt in dem
_Zusammenhang_, in dem es _auftritt_.
Wenn wir nun von jemand eine ausserordentliche Leistung erwarten und er
leistet nur Geringfügiges, so ist zunächst die erwartete Leistung ein
Bedeutsames. Die thatsächliche geringfügige Leistung spielt aber, wie wir
sagten, die Rolle der bedeutsamen, oder erhebt--in unserem Bewusstsein
nämlich--den Anspruch eine bedeutsame zu sein, bauscht sich zu einer
solchen auf u. s. w. Von dem Bettler, der an Stelle des erwarteten
vornehmen Besuches zur Thüre hereintritt, meinte ich, wir hielten oder
nähmen ihn im Momente seines Eintretens für den vornehmen Besuch. Es
fragt sich jetzt, was mit der Vorstellung des Bedeutungslosen jedesmal in
uns geschieht, wenn sie die Rolle des Bedeutsamen spielt, sich aufbauscht
u. s. w.
Dieser Vorgang kann nach dem Obigen nur darin bestehen, dass das
Bedeutungslose trotz seiner Bedeutungslosigkeit ein Mass seelischer Kraft
gewinnt, wie sie sonst nur dem Bedeutungsvollen zuzuströmen pflegt. Es
kann sie aber nicht, wie das Bedeutungsvolle, gewinnen vermöge seiner
eigenen Energie oder Anziehungskraft; es kann sie also nur gewinnen durch
die Gunst der Umstände.
Dass das Bedeutungslose, das den Eindruck der Komik macht, thatsächlich
ein relativ hohes Mass psychischer Kraft gewinnt, zeigt die Erfahrung
leicht. Die geringfügige Leistung wäre vielleicht ganz und gar unbeachtet
geblieben, wir wären jedenfalls leicht darüber hinweggegangen, wenn wir
in ihr nicht die klägliche Erfüllung hochgespannter Erwartungen sähen;
und ebenso in den anderen Fällen. Alles Kleine, das komisch erscheint,
nimmt unsere Aufmerksamkeit in Anspruch und fesselt sie in grösserem oder
geringerem Grade. Dagegen würde es uns geringer oder gar keiner
Aufmerksamkeit wert scheinen ausserhalb des komischen Zusammenhanges.
Wir wissen aber auch schon, worin jene "Gunst der Umstände" besteht, oder
wie dieser komische Zusammenhang die bezeichnete Wirkung zu üben vermag.
Wir "erwarten" die ausserordentliche Leistung. Diese Erwartung ist, wie
wir schon im ersten Abschnitt sahen, eine Bereitschaft zur Wahrnehmung
oder Erfassung der Leistung. Diese Bereitschaft bekundet sich darin, dass
wir die Leistung, wenn sie wirklich wird, mit größerer _Leichtigkeit_
erfassen. Nun ist der thatsächliche Vollzug einer Wahrnehmung
"Absorbierung" seelischer Kraft: Die Wahrnehnumg eignet die zu ihrem
Vollzug erforderliche seelische Kraft an und entzieht sie damit zugleich
anderen seelischen Inhalten. Die Bereitschaft, von der wir hier reden,
besteht also, was sie auch sonst sein mag, jedenfalls in einem Grad der
Verfügbarkeit seelischer Kraft. Weil diese verfügbar ist, und in dem
Masse, als sie es ist, vermag die vorbereitete Wahrnehmung sich dieselbe
leichter anzueignen, als sie es sonst vermöchte. Damit sagen wir nichts,
als was jeder, der die Bereitschaft zugiebt, selbstverständlich finden
wird. Ich kann nicht bereit sein, eine Wahrnehmung oder einen Gedanken zu
vollziehen, wenn ich nicht bereit bin mit meiner Fähigkeit Wahrnehmungen
und Gedanken zu vollziehen, mich von dem, was mich sonst beschäftigt,
hinweg und der Wahrnehmung oder dem Gedanken zuzuwenden oder ihm
entgegenzukommen. Ich kleide nur diesen Thatbestand in einen möglichst
bequemen und handlichen Ausdruck.
Diese zur Verfügung stehende Kraft kommt nun, wenn an die Stelle der
erwarteten bedeutsamen Leistung die geringfügige tritt, dieser zu gute
und wird von ihr leichter angeeignet, als dies ohne diese besondere
Verfügbarkeit möglich wäre. Dies muss so sein, in dem Masse, als die
thatsächliche Leistung mit der erwarteten übereinstimmt, also qualitativ
betrachtet eben diese Leistung _ist_.
Die Natur der Bereitschaft und die Art ihrer Wirksamkeit lässt sich noch
deutlicher machen, wenn wir auf die verschiedenen Arten von Fällen
achten. Ich erinnere noch einmal an den öfter citierten, weil besonders
einfachen Fall, das kleine Häuschen zwischen den grossen Palästen. Wenn
wir die grossen Paläste gesehen haben, so bleibt das Bild derselben--als
Erinnerungsbild--noch eine Zeitlang in uns lebendig und drängt, je
lebendiger es ist, um so mehr nach Wiederherstellung seines Inhaltes in
der Wahrnehmung. Dies geschieht nach einem allgemeinen psychologischen
Gesetz, das nichts ist als das genügend vollständig aufgefasste Gesetz
der Association und Reproduktion auf Grund der Ähnlichkeit. Von Haus aus
drängt jede (reproduktive) Vorstellung auf solche Wiederherstellung in
der Wahrnehmung hin. Dies Drängen ist nur unter besonderen Umständen
besonders energisch, beispielsweise eben dann, wenn das Wahrnehmungsbild
unmittelbar vorher einmal oder gar mehrere Male gegeben war. Dies Drängen
wird zu einem "Entgegenkommen", wenn das Wahrnehmungsbild wirklich von
neuem auftritt. Es bethätigt sich einstweilen als Zurückdrängen dessen,
was sonst sich herandrängt. Kommt an Stelle des Wahrnehmungsbildes ein
ähnliches, so gilt diesem das Entgegenkommen nach Massgabe der
Ähnlichkeit.
Der Vollständigkeit halber muss hinzugefügt werden, dass die grossen
Paläste auf uns wirken nicht nur vermöge ihrer Grösse, sondern zugleich
vermöge dessen, was sie uns "sagen", das heisst vermöge des
hinzukommenden Gedankens an die materiellen Kräfte, die in ihnen lebendig
sind, an die Menschen, die darin auf besondere Art sich fühlen und
bethätigen können und dergleichen. Auch dieser Gedanke wirkt in uns nach,
er erhält, indem er nachwirkt, das mit ihm verbundene Erinnerungsbild der
Paläste in uns lebendiger, und steigert damit zugleich die Tendenz
desselben, in das entsprechende Wahrnehmungsbild überzugeben. Dies
geschieht in Übereinstimmung mit der jedermann geläufigen Erfahrung, dass
jeder Nebengedanke, der einem vorgestellten Gegenstand Interesse
verleiht, die Begierde erhöht den Gegenstand zu sehen, überhaupt
wahrzunehmen. Wiederum zeigt dieser Gedanke, ehe die erwartete
Wahrnehmung sich einstellt, seine Wirksamkeit darin, dass er fremde
Vorstellungsinhalte zurückdrängt.
Indem dann die Wahrnehmung des _kleinen Häuschens_ sich verwirklicht,
schwindet das Erinnerungsbild des grossen Palastes samt dem damit
verknüpften Gedanken. Aber ihre vorbereitende Wirkung ist dann schon
geschehen. Die seelische Kraft ist einmal für die Wahrnehmung verfügbar
gemacht, und anderes, was sonst sich herzugedrängt hätte, ist
zurückgedrängt und in seiner Fähigkeit, den Vollzug der Wahrnehmung zu
hemmen, vermindert. Zudem verschwindet auch jenes Erinnerungsbild und der
hinzukommende Gedanke nicht momentan. Dasjenige, was das Häuschen mit den
Palästen gemein hat, dass es nämlich doch auch menschliche Wohnung ist,
und in _einer Reihe_ mit den Palästen auftritt, _hält_ jene
vorbereitenden Momente, und _erhält_ damit ihre unterstützende Wirkung.
Dies Gemeinsame muss aber ebendarum, weil es das _eigentlich_
Vorbereitete ist, zunächst "ins Auge fallen" und psychologisch wirksam
werden. Im ersten Augenblicke des Entstehens der Wahrnehmung des
Häuschens also wird das Erinnerungsbild noch unterstützend wirken und
jener Gedanke noch an die Wahrnehmung geheftet sein und auf ihren Vollzug
hindrängen, dagegen Andersgeartetes verdrängen.--Darin verwirklicht sich
der genauere Sinn der oben wiederholten Behauptung, wir nähmen oder
hielten im ersten Augenblick das an die Stelle des erwarteten Bedeutsamen
tretende Nichtige für das Bedeutsame, oder hefteten ihm die Bedeutung
desselben an.
Erst wenn das kleine Häuschen in seiner Bedeutungslosigkeit von uns
aufgefasst und erkannt ist, hat die Erwartung des Palastes und der
Gedanke an das, was er "sagt", gar keinen Platz mehr. Das
Wahrnehmungsbild erfreut sich dann in _seiner Nichtigkeit_ des Masses der
seelischen Kraft oder Aufmerksamkeit, oder bildlich gesagt, des Raumes in
meiner Seele, der durch die Wirkung des Erinnerungsbildes und der daran
sich heftenden Gedanken für dasselbe bereit gehalten wurde und jetzt,
nachdem jene verschwunden sind, frei von ihm in Anspruch genommen werden
kann.
Die Wahrnehmung großer Paläste ist in diesem Falle dasjenige, was die
Tendenz zum weiteren Vollzug derselben Wahrnehmung in mir entstehen
lässt. Wir haben es dabei, wie schon gesagt, zu thun mit einer Wirkung
des in seinem vollen Umfange gefassten Gesetzes der Association der
_Ähnlichkeit_. Dagegen beruht es auf dem zweiten Associationsgesetze, dem
Gesetze der Erfahrungsassociation, wenn die Ankündigung einer grossen
Leistung hindrängt oder die Bereitschaft erzeugt zum Vollzug der
Wahrnehmung einer grossen Leistung beziehungsweise zum Vollzug des
Urteils, dass eine grosse Leistung thatsächlich vollbracht werde. Wir
haben in unserer Erfahrung auf Ankündigung grosser Thaten grosse Thaten
folgen sehen, oder wenigstens uns Überzeugt, dass sie geschahen. Daraus
ist ein Zusammenhang der seelischen Erlebnisse entstanden, demzufolge die
Wiederkehr des ersten Erlebnisses, nämlich der Ankündigung, immer wieder
die Tendenz zur Wiederkehr des zweiten, der Wahrnehmung der That oder der
Gewissheit ihrer Ausführung, in sich schliesst. Die Art, wie diese
Tendenz oder Bereitschaft der thatsächlich wahrgenommenen oder
konstatierten _geringfügigen_ Leistung zu Gute kommt, stimmt dabei mit
der Art des Hergangs im vorigen Falle überein.
Dies Letztere gilt nicht durchaus in andern Fällen; nämlich in allen
denjenigen, bei denen ein nach _gewöhnlicher Anschauung_ Nichtiges in dem
Zusammenhang, in dem es auftritt, _wirklich_ als ein Bedeutungsvolles
erscheint, um dann die Bedeutung, eben angesichts der gewöhnhlichen
Betrachtungsweise, wieder zu verlieren. Der Unterschied besteht darin,
dass in diesen Fällen das für die Bereithaltung und Freimachung
seelischer Kraft vorhin erst in zweiter Linie in Betracht gezogene Moment
das eigentlich Bedingende wird. Die schwarze Hautfarbe des Negers
erscheint, weil sie doch auch, so gut wie die weisse des Kaukasiers,
Farbe menschlicher Körperformen ist, mit diesen Formen _zugleich_, als
Träger menschlichen Lebens. Achten wir dann auf die Farbe als solche, so
gewinnt die Erfahrung Macht, derzufolge nur die weisse Hautfarbe Träger
dieses Lebens sein kann. Die Farbe erscheint jetzt als nur thatsächlich
vorhandene, also nichtsbedeutende Farbe. Sie ist aber nun einmal durch
die Wirksamkeit jenes Gedankens, dass sie Träger menschlichen Lebens sei,
in uns "emporgehoben" und in die "Mitte des Bewusstseins" gestellt, oder
sachlicher gesprochen, sie hat nun einmal durch Hilfe jenes Gedankens ihr
volles Mass von seelischer Kraft aneignen können; und sie vermag dasselbe
jetzt, wo jener Gedanke verschwunden ist und damit auch die von ihm
bisher in Anspruch genommene und fremden Vorstellungsinhalten abgenötigte
Kraft freigelassen hat,--trotz ihrer Nichtigkeit und natürlichen
Anspruchslosigkeit--frei zu behaupten und weiter in Anspruch zu nehmen.
Sie vermag dies nicht für immer, wohl aber solange, bis wir uns
"gesammelt" haben, das heisst bis die zurückgedrängten fremden
Vorstellungen wieder mit erneuter Energie sich herzudrängen und ihr
natürliches Anrecht auf die seelische Kraft geltend machen.
Ganz derselbe Hergang findet auch statt bei aller _subjektiven_ und
_naiven_ Komik. Dort bildet der Sinn, den eine Äusserung oder Handlung
gewinnt, den Inhalt des Gedankens, der die Äusserung oder Handlung
"emporhebt"; hier bildet die Bedeutung, die einer Äusserung oder Handlung
vom Standpunkt der naiven Persönlichkeit aus erwächst, den Inhalt dieses
Gedankens. Immer schafft dieser Gedanke, indem er mit der Äusserung oder
Handlung sich verbindet, dieser die Möglichkeit leichterer Aneignung
seelischer Kraft, und immer überlässt er, indem er verschwindet, die
Kraft, die er in Verbindung mit der Äusserung oder Handlung angeeignet
hat, der nunmehr nichtig gewordenen Äusserung oder Handlung zu weiterer
freier Inanspruchnahme. Es ist bildlich gesprochen, aber es trifft die
Sache, wenn wir mit Rücksicht auf alle Komik den Hergang so beschreiben,
dass wir sagen, ein Nichtiges, das heisst zur Aneignung seelischer Kraft
aus eigener Energie relativ Unfähiges, gewinne erst in Verbindung und
durch Verbindung mit einem Bedeutsamen, das heisst zu dieser Aneignung
seiner Natur nach Fähigen, Raum oder Luft in dem Gedränge der seelischen
Vorgänge, und erfreue sich dann für eine Zeitlang der Möglichkeit freier
Entfaltung und Selbstbehauptung in dem Raume, der nach Verschwinden des
Bedeutsamen ihm allein zur Verfügung bleibt.