KOMIK ALS "WECHSELNDES" ODER "GEMISCHTES" GEFÜHL.

Wir haben gesehen, dass das Gefühl der Komik nicht an ein bestimmtes

quantitatives Verhältnis von Lust und Unlust gebunden ist. Dagegen

leugneten wir nicht, dass Lust und Unlust in die Komik eingehen. Es fragt

sich jetzt, wie sie in dieselbe eingehen, oder was dies "Eingehen"

besagen wolle.

Ist die Komik, wie man behauptet hat, ein Wechsel von Lust und Unlust?

Diese Frage haben wir verneint. Und wir müssen bei dieser Verneinung

bleiben. Wechsel von Lust und Unlust ist--Wechsel von Lust und Unlust,

und weiter nichts. Das Gefühl der Komik aber ist ein eigenartiges Gefühl.

Es ist nicht jetzt reine Lust, jetzt reine Unlust, sondern immer dies

Besondere, das wir eben um seiner Besonderheit willen mit dem besonderen

Namen "Gefühl der Komik" bezeichnen. Dasselbe mag bald mehr

Lustcharakter, bald mehr Unlustcharakter annehmen, oder bald mehr ein

belustigendes bald mehr ein unlustgefärbtes sein. Dann besteht doch,

solange das Gefühl der Komik wirklich Gefühl der Komik ist, jedesmal das

Gemeinsame, das bald mehr diese, bald mehr jene Färbung _annimmt_. Und

dies Gemeinsame ist dann das Specifische der Komik im Unterschiede von

Lust und Unlust.

Man könnte dies bestreiten und folgende Meinung verfechten: Es sei

zuzugeben, dass sich uns das Gefühl der Komik wie ein besonderes Gefühl

darstelle. Darum könne es doch ein Wechsel von Lust und Unlust sein. Es

müsse nur dieser Wechsel als ein sehr rascher gedacht werden. Diese

Raschheit verhindere, dass wir uns in getrennten Momenten jetzt eines

Gefühles reiner Lust, jetzt eines Gefühles reiner Unlust bewusst seien.

Wir gewinnen von den rasch wechselnden Gefühlen wegen dieser Raschheit

nur ein zusammenfassendes Bewusstsein, ein Gesamtbild, einen

Totaleindruck, ohne die Möglichkeit der Unterscheidung der Elemente. Und

dies Gesamtbild, diesen Totaleindruck nennen wir Gefühl der Komik.

Es ist aber leicht einzusehen, welche Verwechselung in solcher Anschauung

läge. Gewiss können wir von den schnell sich folgenden Ereignissen des

Tages am Abend ein Totalbild, oder einen Totaleindruck haben, in welchem

die einzelnen Ereignisse nicht als diese bestimmten thatsächlich erlebten

und in der bestimmten Weise sich folgenden Ereignisse nebeneinander

enthalten sind.

Aber hierbei besteht ein Gegensatz zwischen wirklichen Erlebnissen und

unserem Bewusstsein von denselben. Wo ein solcher Gegensatz vorliegt,

aber auch nur wo dies der Fall ist, hat es einen Sinn zu sagen, wir

könnten von etwas, das an sich verschieden ist und in der Zeit wechselt,

ein Gesamtbild haben, in welchem diese Verschiedenheit aufgehoben, dieser

Wechsel ausgelöscht erscheine.

Von einem solchen Gegensatz ist ja aber in unserem Falle keine Rede.

Gefühle, die ich jetzt habe, sind von dem Bewusstsein, das ich von diesen

Gefühlen habe, nicht verschieden. Lust und Unlust "fühlen" heisst eben

von Lust und Unlust ein Bewusstsein haben. Lust und Unlust, von denen ich

kein Bewusstsein habe, sind leere Worte. Ist aber das Bewusstsein von

einem gegenwärtigen Gefühl nichts als dies Gefühl selbst, so ist auch die

Beschaffenheit, in der sich Gefühle, die ich jetzt habe, meinem

Bewusstsein darstellen, oder in der sie mir "erscheinen", nichts anderes

als die thatsächliche Beschaffenheit der Gefühle. Erscheinen mir demnach

gegenwärtige Gefühle nicht als wechselnde oder zeitlich sich folgende

Lust- und Unlustgefühle, sondern als ein dieser Unterschiede bares

Einheitliches, so sind sie eben damit dies unterschiedslose Einheitliche.

Ebenso wurde früher schon gelegentlich zurückgewiesen ein zweiter

Gedanke, nämlich derjenige, der in dem Ausdruck "gemischtes Gefühl"

enthalten zu sein scheint. Gemischte Gefühle können, wenn man es mit

diesem Ausdruck genau nimmt, nur solche sein, in denen Verschiedenes

_nebeneinander_ gefühlt wird. Ich habe ein aus Lust und Unlust gemischtes

Gefühl, dies kann nur heissen, ich fühle mich lustgestimmt, und ich fühle

mich daneben zugleich unlustgestimmt. Dies wäre mir möglich, wenn ich

mich doppelt, das heisst verdoppelt fühlen könnte, wenn das Ich des

unmittelbaren Selbstgefühls in zwei auseinandergehen könnte. Dem aber

widerspricht die thatsächliche Einheit meines Selbstgefühles. Ich fühle

mich nicht als zwei, kann also auch keine zwei nebeneinander bestehenden

Gefühle haben. Gefühl ist, wie ehemals gesagt, Selbstgefühl.

Aber auch in der Weise, dass Lust und Unlust zwei verschiedene Seiten

eines und desselben Gefühles wären, die Lust also eine nähere Bestimmung

oder eine Färbung der Unlust, die Unlust eine nähere Bestimmung oder eine

Färbung der Lust, können nicht diese beiden Gefühle miteinander verbunden

oder "gemischt" sein. Dieser Vorstellungsweise widerspräche der Charakter

dieser Gefühle. Ein Klang von bestimmter Höhe kann unbeschadet

dieser Höhe Trompetenklangfarbe haben. Es kann aber nicht die

Trompetenklangfarbe Flötenklangfarbe haben. Diese beiden Klangfarben

können an einem und demselben Klang nur sich aufheben oder in eine dritte

von beiden verschiedene Klangfarbe sich verwandeln. So kann auch ein

Gefühl, das im übrigen etwa als Gefühl des Strebens charakterisiert ist,

unbeschadet dieses Strebungscharakters lustgefärbt sein, aber es kann

nicht die Lustfärbung unlustgefärbt sein. Die unlustgefärbte Lust ist

entweder eine mindere Lust, oder sie ist ein Drittes neben Lust und

Unlust, in keinem Falle Lust und Unlust zugleich.

Dagegen könnte man einwenden: Wir vermögen doch, wenn wir einem Gefühl

der Komik unterliegen, einerseits das Lustmoment, andererseits das

Unlustmoment "herauszufühlen". So tritt etwa aus der Komik, die das

Miauen der Katze während der feierlichen Predigt in uns weckt, das

Lustmoment heraus, wenn wir darauf achten, wie die Katze in die Predigt

einzustimmen scheint, das Unlustmoment, wenn wir die Störung des

Gottesdienstes bedenken. Können wir aber aus dem Gefühl der Komik die

Lust und die Unlust herausfühlen, so müssen doch beide in diesem Gefühl

nebeneinander enthalten sein.

Solche Trugschlüsse ergeben sich leicht aus unklaren Begriffen. Im

vorliegenden Falle liegt die Unklarheit in dem "Herausfühlen". Dies

Herausfühlen ist analog dem "Heraushören" der Teiltöne eines Klanges aus

dem Ganzen eines Klanges. Dies letztere ist in Wahrheit ein Auflösen des

Klanges, das heisst eine Verwandlung der einfachen Klangempfindung in

eine Mehrheit von Tonempfindungen.

So ist auch das Herausfühlen der Lust und Unlust aus der Komik ein

Verwandeln eines einfachen Gefühles in verschiedene Gefühle. Indem ich

auf die eine Seite jenes komischen Vorganges achte, fühle ich stärkere

Lust, das heisst das Gefühl der Komik wird, nachdem es vorher ein

mittleres war, jetzt ein anderes, nämlich ein wesentlich lustgefärbtes.

Indem ich dann auf die andere Seite des Vorganges achte, verändert sich

das Gefühl nach der anderen Seite hin: Es wird ein zu höherem Grade

unlustgefärbtes. Diese Veränderung des Gefühls muss sich vollziehen, weil

ich die Bedingungen desselben geändert habe. Das Achten jetzt auf die

eine, dann auf die andere Seite des Gesamtvorganges ist ja eine solche

Änderung der Bedingungen des Gefühls.

Aus entgegengesetzten Elementen "gemischte" Gefühle sind in Wahrheit

einfache Gefühle. Nur die Bedingungen derselben sind nicht einfach. Und

daraus ergiebt sich die Möglichkeit, dass die "gemischten" Gefühle in

entgegengesetzte sich verwandeln. Man sollte den Begriff der gemischten

Gefühle aus der Psychologie endgültig streichen.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 57 / 117 题