Der Anspruch der naiven Äusserung, eine bedeutsame _intellektuelle_
Leistung zu sein, verschwand in unserem Beispiele, wenn wir sie von
unserem Standpunkt aus betrachteten. Dagegen blieb die sittliche
Erhabenheit der Äusserung beruhen. Mag das Kind thöricht geredet haben,
um den kindlichen Sinn und den kindlichen Glauben an Wahrhaftigkeit ist
es eine schöne und erhabene Sache. Damit verliert die Komik der naiven
Äusserung, aber die Naivität gewinnt. Es geht eben die Naivität, wie wir
später deutlicher sehen werden, je mehr inneren Wert sie hat, um so
weniger völlig in der naiven Komik auf.
Es kann aber in anderen Fällen des naiv Komischen recht wohl auch der
Anspruch sittlicher Erhabenheit zergehen. Wiederum in anderen Fällen
_besteht_ gar kein solcher Anspruch. Das naiv Komische ist ja keineswegs
an die Sphäre des intellektuellen oder des Sittlichen gebunden. Um so
mehr werden wir doch ein Recht haben, Arten des naiv Komischen zu
unterscheiden, je nachdem dasselbe ganz oder vorzugsweise dieser oder
jener Sphäre angehört.
Wenn Fallstaff in seiner berühmten Rede über die Ehre diese herunterzieht
und bei gar mancher Gelegenheit nicht eben moralisch gross handelt, so
können wir doch nicht umhin ihm in gewisser Weise recht zu geben. Er
redet und handelt von seinen Voraussetzungen aus--die die Voraussetzungen
eines nicht eben mit hohen Ideen erfüllten, doch in seiner Art gesunden
Menschenverstandes sind,--im Grunde recht logisch, viel logischer als gar
mancher, der diese Voraussetzungen mit ihm teilt. Er verrät in seinen
Reden und Handlungen zugleich einen Grad an und für sich betrachtet
wertvoller _moralischer_ Gesundheit. Trotz aller schlechten Streiche ist
er im Grunde gutmütig, durch alle Liederlichkeit leuchtet eine gewisse
Unverdorbenheit, durch alle Verlogenheit eine gewisse Ehrlichkeit. Er
trifft denn auch mit seiner Rede gewisse, vom Boden der gesunden
Menschenvernunft sich lossagende, hohle, schwärmerische oder doktrinäre
Ehrbegriffe mit Fug und Recht. Und was er sonst sagt und thut, hat mehr
moralisches Recht als manches, was im Namen hoher sittlicher Ideen
gepredigt und gethan worden ist. Aber wie jene logische, so zergeht diese
moralische Berechtigung, wenn wir von unserem landläufigen Standpunkt aus
urteilen. Fallstaffs Rede und sein Handeln ist unlogisch, weil es auch
sittlich bedeutsame Voraussetzungen giebt, die den in seiner Rede
ausgeprochenen und in seinem Handeln bethätigten Anschauungen logisch
zuwiderlaufen. Beides erscheint, nicht mit Rücksicht auf den zu Grunde
liegenden Gedankenzusammenhaug, sondern als objektive Thatsache
betrachtet, sittlich niedrig stehend im Vergleich mit wirklicher Ehre und
Sittlichkeit.
In dem hier angeführten Beispiele ist das Zergehen der sittlichen
Erhabenheit beim Eindruck der naiven Komik wesentlich beteiligt. Dagegen
fehlt der Anspruch sittlicher Erhabenheit bei einem Falle, den ich
gelegentlich selbst erlebte. Die Katze hat aus der Küche ein Stück Braten
gestohlen. Schwere Anklage wird gegen sie erhoben. Da kommt das jüngste
Töchterchen des Hauses, das die Katze nachher hat in den Keller gehen
sehen, hinzu und meint: Ja, Mama, und dann ist die Katz' in den Keller
gegangen und hat Wein gefressen! Wiederum hat das Kind von seinem
Standpunkt aus gut geschlossen und zugleich durch die dem Schluss zu
Grunde liegende Gedankenkombination ziemliche Klugheit an den Tag gelegt.
Es hat gesehen, dass Menschen ihr Mahl durch einen Trunk würzten; warum
soll die Katze nicht dasselbe Bedürfnis haben und warum soll sich nicht
der Umstand, dass sie nachher in den Keller gegangen ist, daraus
erklären. Jener Sinn der kindlichen Aussage und dieser Anspruch der
Klugheit zergeht wiederum von unseren Voraussetzungen aus, und im
Vergleich zu dem, was wir sonst Klugheit nennen. Dagegen ist die Aussage
sittlich weder berechtigt noch unberechtigt.
Wiederum in anderen Fällen gehört die gleichzeitig erhabene und nichtige
Leistung, die in der naiv komischen Äusserung oder Handlung liegt, weder
der rein intellektuellen noch der sittlichen oder, allgemeiner gesagt,
praktischen Sphäre an, sondern ist ästhetischer Natur. Es ist naiv
komisch, wenn ein Kind an glänzenden Gegenständen Wohlgefallen verrät,
die wir aus tiefer liegenden Gründen geschmacklos finden. Es kennt eben
diese tiefer liegenden Gründe nicht und kann sie noch nicht kennen. Sein
Schönheitsurteil ist in sich, als dies subjektive dem Zusammenhang seiner
Vorstellungen angehörige Faktum berechtigt von seinem, unberechtigt von
unserem Standpunkte. Es ist zugleich, als Ergebnis eines beschränkten,
aber an und für sich gesunden und natürlichen Gefühles eine von seinem
Standpunkte aus wertvolle, für unseren Standpunkt nichtige ästhetische
Leistung.
Ich sprach oben von Fällen des naiv Komischen, die der sittlichen "_oder
allgemeiner gesagt praktischen_" Sphäre angehören. Mit diesem Ausdrücke
wollte ich zugleich die verschiedenartigen Fälle des naiv Komischen zu
ihrem Rechte kommen lassen, die nicht dem Gebiete der Sittlichkeit im
engeren Sinne, sondern dem der Sitte und des gesellschaftlichen Anstandes
zugehören. Gelegentlich hat man Miene gemacht, auf dies Gebiet das naiv
Komische überhaupt einzuschränken. Dieser Anschauung müssen wir
widersprechen, solange wir dabei bleiben unter dem naiv Komischen eine
besondere, durch einen besonders gearteten Vorstellungsprozess für uns zu
stande kommende Art der Komik zu verstehen. Wir haben diese besondere
Geartetheit bezeichnet, indem wir die naive Komik als die Komik des
Gegensatzes der Standpunkte charakterisierten. Einen Standpunkt nun giebt
es nur für die vernünftig sich bethätigende oder kurz die urteilende
Persönlichkeit; es giebt ihn aber für die ganze urteilende
Persönlichkeit. Wir urteilen theoretisch, praktisch und ästhetisch, d. h.
wir haben, ein Bewusstsein, dass etwas ist, sein oder geschehen soll,
dass etwas gefällt oder missfällt. Bei allen diesen Urteilen kann es
vorkommen, dass sie in sich richtig sind vom Standpunkte einer naiven
Persönlichkeit, unrichtig von unserem, dass sie zugleich eine
entsprechende intellektuelle, Charaktereigenschaft, Eigenschaft des
Geschmacks bekunden, um deren willen sie objektiv bedeutsam erscheinen
innerhalb der naiven Persönlichkeit, und nichtig im Zusammenhang dessen,
was wir sonst von Menschen erwarten. Alle jene Urteile können also
naiv-komisch erscheinen, oder die Äusserungen und Handlungen, in denen
sie zu Tage treten, naiv-komisch erscheinen lassen. Zugleich ist mit
diesen drei Gebieten der Umkreis der Gebiete des naiv Komischen
abgeschlossen.