Die Bezeichnung des Wesens des naiv Komischen war im Bisherigen immer
zugleich ausdrückliche Entgegensetzung gegen die objektive und subjektive
Komik. Diese Entgegensetzung können wir noch nach anderer Richtung
vollziehen. Der Anspruch auf Erhabenheit, den das objektiv Komische sich
anmasst, ist eben nur ein angemasster. Die Erhabenheit verschwindet,
sobald das Objekt dem Bewusstsein sich darstellt, oder unsere objektive
Regel in ihr Recht tritt. Was sein sollte oder sein müsste, das ist
nicht. Dagegen ist der Witz für unser Bewußtsein--darauf allein kommt es
ja an--einen Augenblick ein Erhabenes, Träger eines Sinnes oder einer
Bedeutung. Bei ihm ist, was doch nicht sein sollte. Das naiv Komische nun
nähert sich dem Witz, insofern auch ihm eine Erhabenheit wirklich eignet.
Zugleich eignet sie ihm doch auch nicht. Beim naiv Komischen ist, was
ungleich nicht ist.
Diesem Gegensatz kann ein entsprechender Gegensatz im Verhalten der
Persönlichkeit zur Seite gestellt werden. Die Persönlichkeit wird, wie
ich früher betonte, objektiv komisch; sie macht den Witz. Sie bethätigt
endlich im Naiven ihr, nur individuelles Wesen. Der Träger der objektiven
Komik, so sagte ich weiter, unterliege einer Schranke seines Wesens oder
Könnens und sei insofern leidend; dagegen vollbringe der Urheber des
Witzes eine positive Leistung und erweise sich in diesem Sinne aktiv.
Entsprechend werden wir von der naiven Persönlichkeit sagen müssen, sie
sei aktiv und passiv zugleich, indem sie etwas von ihrem Standpunkte aus
Bedeutungsvolles leiste, zugleich aber eben dieser Standpunkt nur ein
beschränkter sei.
Indem wir nun so das naiv Komische von der objektiven Komik und vom Witze
abgrenzen, dürfen wir doch auch nicht übersehen, wie sie sich miteinander
verbinden und ineinander übergehen. Wir sahen schon, dass dieselbe
Äusserung das eine Mal als Witz, das andere Mal als Fall der objektiven
Komik erscheinen kann. Es bietet aber jeder Witz eine Seite, nach der er
unter den Gesichtspunkt der objektiven Komik gestellt werden kann. Der
Witz ist an sich unpersönlich; dies hindert doch nicht, dass die Person,
die ihn macht, mit in Betracht gezogen werde. Die Person erscheint,
vermöge der Leistung, die sie vollbringt, relativ erhaben. Zugleich
bleibt sie doch, sofern sie mit Worten oder mit der Logik spielt, hinter
dem zurück, was wir im allgemeinen vom gesetzten und ernsthaften Menschen
erwarten. Achten wir darauf, stellen wir diese eine Seite des Witzes
unter den objektiven, dem Witze selbst fremden Gesichtspunkt der
menschlichen _Leistung_, dann sind die Bedingungen für die objektive
Komik gegeben. Der Eindruck derselben mag zunächst zurücktreten. Er
braucht sich aber nur zu häufen und das Interesse am Witz zu erlahmen,
und das Gefühl der objektiven Komik tritt deutlich hervor. Er ist nichts
leichter als durch fortgesetztes Witzemachen komisch, lächerlich, ja
verächtlich zu werden.
Ebenso bietet auch die naive Komik der objektiven eine Seite dar. Ich
citiere ein weiteres Beispiel naiver Komik nach Lazarus.[2] "Der Korporal
Trim, der Diener des Onkel Toby--in 'Tristram Shandy'--soll
scherzeshalber, weil ihm wenig Bildung zugetraut wird, examiniert werden.
Ein Doktor der Theologie fragt ihn, wie das vierte Gebot lautet; er kann
es aber nicht anders hersagen, als indem er, wie Kinder und gemeine Leute
immer, beim ersten anfängt. Er hat das schwere Stück glücklich
vollbracht, und nun fragt sein Herr: Trim, was heisst das, du sollst
Vater und Mutter ehren. Das heisst, sagt er mit einer Verbeugung, wenn
der Korporal Trim jede Woche 14 Groschen Lohn erhält, so soll er seinem
alten Vater 7 davon geben."--Die Antwort auf die Frage des Onkel Toby ist
es, die uns hier vorzugsweise angeht. Sie ist als Antwort auf die
allgemeine katechismusmässige Frage völlig inkorrekt und Zeichen eines
niedrigen Bildungsstandpunktes. Aber schon ehe wir uns dessen bewusst
werden, imponiert uns die konkret persönliche Wendung, die Trim der Sache
giebt, und die bei ihm, der nicht gewöhnt ist, Dinge abstrakt und
allgemein zu fassen, so berechtigt ist, in der sich zugleich so viel
Sicherheit des moralischen Bewusstseins verrät. In der That kommt bei
jenem Gebote alles darauf an, dass jeder wisse und davon durchdrungen
sei, was es von ihm fordere. Wir können aber nachträglich die Sache auch
noch von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachten. Wir erwarten von
Trim, so wie er nun einmal ist, nicht, dass er die Katechismusantwort
aufsagen könne. Aber wir können auch von seiner individuellen Eigenart
absehen und ihn als Menschen betrachten, der wie andere in die Schule
gegangen ist, und dort seinen Katechismus gründlich gelernt hat. Dann
erhebt er, wie andere, in unserem Bewusstsein den Anspruch, was er so
gründlich gelernt hat, auch zu wissen; und sein Nichtwissen lässt ihn
objektiv komisch erscheinen.
[2] Leben der Seele. 2. Aufl. I, 308.
Dieser Hinzutritt des Momentes objektiver Komik zum Naiven hat öfter
verführt, das Naive einfach dem objektiv Komischen zuzuordnen. Schon
_Jean Paul_ verfällt in diesen Irrtum. Ich denke aber, das obige Beispiel
zeigt deutlich die Verschiedenheit, ja Gegensätzlichkeit der Bedingungen,
durch die beide Arten der Komik zu stande kommen. Naiv ist die Komik,
solange die beiden Standpunkte, der naive und der unsrige, einander
gegenübertreten, objektiv, sobald wir unsern Standpunkt zum
alleinherrschenden machen. Darum tritt von den beiden Arten der Komik,
der objektiven und der naiven, immer die eine zurück, indem die andere
hervortritt. Trims Äusserung ist naiv komisch, solange wir sie von beiden
Standpunkten aus beurteilen, also beide anerkennen, objektiv komisch,
wenn wir von dem Rechte des naiven Standpunktes, statt ihn anzuerkennen,
vielmehr geflissentlich absehen, und von vornherein unseren Massstab an
die Äusserung legen. Würdigung des individuell Guten in der Welt, ist die
Devise der naiven, Leugnung desselben und Alleinherrschaft der Regel oder
Schablone die Devise der objektiven Komik. Dort ist das Individuelle
etwas, wenn auch freilich nicht nach der Regel; hier ist es nichts, weil
es der Regel nicht genügt.
Ich erwähnte schon _Jean Pauls_ Beispiel: Wenn Sancho Pansa eine Nacht
hindurch sich über einem vermeintlichen Abgrund in der Schwebe hält, so
ist--nach _Jean Paul_--"bei dieser Voraussetzung seine Anstrengung recht
verständig, und er wäre gerade erst toll, wenn er die Zerschmetterung
wagte. Warum lachen wir gleichwohl? Hier kommt der Hauptpunkt: wir
_leihen_ seinem Bestreben unsere Einsicht und Ansicht, und erzeugen durch
einen solchen Widerspruch die unendliche Ungereimtheit." In dieser
Erklärung bezeichnet _Jean Paul_ in seiner Weise den Grund der objektiven
Komik, als deren Gegenstand Sancho Pansa uns erscheinen kann. Sie beruht
auf dem "Leihen". Wir betrachten Sancho Pansa als mit unserer Einsicht
begabt und erwarten von ihm, dass er einsichtig handle. Aber schon ehe
wir Sancho Pansa "unsere Einsicht liehen", war sein Handeln naiv-komisch.
Es war dies genau so lange, als wir ihm _seine_ Einsicht _liessen_ und
wussten, dass er die unsrige _nicht_ habe und nicht haben könne, während
wir doch _im Gegensatz_ zu ihm die Einsicht _hatten_, und _für uns_ die
Handlung darnach beurteilten. Der Eindruck der objektiven Komik kann
entstehen, und den der naiven Komik zerstören, erst wenn wir das Recht
und die Erhabenheit der _Sancho Pansa_'schen Individualität aus dein Auge
lassen. Nur für den, der dafür kein Verständnis hat, mag _Sancho Pansa_'s
Gebaren von vornherein und ausschliesslich objektiv komisch sein. So ist
überhaupt die Empfänglichkeit für das naiv Komische bedingt durch den
Sinn für persönliche Eigenart. Es wandelt sich alles Naive in objektive
Komik für den, dem dieser Sinn abgeht. Zugleich bieten freilich die
verschiedenen Fälle der naiven Komik bald mehr bald weniger Veranlassung
zu dieser Verwandlung. Bei _Sancho Pansa_ und mehr noch bei _Falstaff_
ist jenes, bei _Trim_ dieses der Fall.
Endlich kann sich die naive Komik auch, ohne ihr eigenes Wesen
aufzugeben, mit dem Witze verbinden. _Hecker_ erzählt folgendes Beispiel
eines naiven Witzes: In einer Schule trug der Lehrer die Geschichte des
Tobias ganz mit den Worten der heiligen Schrift vor. Bei den Worten:
Hannah aber, sein Weib, arbeitete fleissig mit ihrer Hand und ernährte
ihn mit Spinnen, machte ein Mädchen mit Gesicht und Hand die Gebärde des
Abscheus und Ekels. Agnes, was hast du, ruft der Lehrer. Antwort: Ach,
Herr Lehrer, ist das denn wirklich wahr?--Lehrer: Warum zweifelst du
daran?--Kind: O, weil die Spinnen doch gar zu schlecht schmecken
müssen.--Hier beruht der (unbewusste) Witz darauf, dass wir uns durch den
Gleichklang zweier Worte verführen lassen, dem _Urteil_ des Kindes einen
Sinn und eine logische Berechtigung zuzuschreiben, die es nicht besitzt;
der Eindruck der naiven Komik darauf, dass wir dem _Kinde_ und dem
kindlichen Urteils_vermögen_ das Recht zugestehen, sich durch die
Verwechselung verführen zu lassen, und dass wir dementsprechend in dem
kindlichen Verhalten sogar einen Grad von Klugheit finden, während wir
sonst jenes Recht nicht zugeben und abgesehen von dieser
Betrachtungsweise das Verhalten thöricht finden müssen. Auch hier gilt,
was ich oben betonte, dass der Witz als solcher gänzlich unpersönlich
ist. Er hat nichts zu thun mit der Individualität dessen, der ihn macht.
Dagegen ist für die naive Komik die Individualität alles. Darum bliebe
der Witz auch, wenn ein Erwachsener bei Anhörung der Erzählung an der
betreffenden Stelle die Bemerkung einwürfe: das muss aber schlecht
schmecken. Es bliebe andererseits die naive Komik bestehen, wenn der Witz
ganz wegfiele, und nur eine _beliebige_ thörichte aber kindlich
berechtigte Verwechselung stattfände.
In anderen Fällen erscheint das nämliche Vorhalten witzig und naiv
komisch je nach der Art der Deutung. Es widerspricht unseren gewöhnlichen
Anschauungen von Klugheit und Würde, wenn _Sokrates_ bei Aufführung der
Wolken sich dem Gelächter der Zuschauer geflissentlich preisgiebt. Aber
was bedeutet einem _Sokrates_ das Lachen der unverständigen Menge. Seine
Erhabenheit über dergleichen rechtfertigt sein Verhalten. Es verrät sich
darin zugleich eben diese Erhabenheit. Für diese Betrachtungsweise fällt
_Sokrates_ unter den Begriff des naiv Komischen. Angenommen aber
_Sokrates_ wollte durch sein Verhalten zu _verstehen_ geben, wie wenig
ihm die Meinung der Menge bedeute, und er wollte dies nicht bloss,
sondern es gelang ihm auch durch die besondere Weise seines Verhaltens in
überzeugender Weise diesen Gedanken hervorzurufen. Dann war sein
Verhalten witzig--für diejenigen nämlich, die ihn wirklich verstanden und
zugleich den Widerspruch empfanden zwischen dieser Art, seine Meinung zu
sagen, und gemeiner Logik.
"VERBLÜFFUNG" UND "ERLEUCHTUNG" BEIM NAIV-KOMISCHEN.
Zum Schlusse dieses Kapitels sei noch eine Bemerkung gestattet, die auf
eine öfters erwähnte Bestimmung des Komischen überhaupt zurückgreift. Bei
der Betrachtung sowohl der objektiven als der subjektiven Komik haben wir
uns mit den Begriffen der Verblüffung und Erleuchtung auseinandergesetzt.
Auch die naive Komik kann unter diese Begriffe gestellt werden. Auch hier
aber ist erforderlich, dass wir die beiden Stadien der Verblüffung oder
der Erleuchtung unterscheiden. Die Naivität verblüfft als etwas in dem
Zusammenhang, in dem sie auftritt, Unverständliches. Sie "verblüfft"
dann, als in einem bestimmten Zusammenhange, nämlich im Zusammenhange der
naiven Persönlichkeit, Sinnvolles oder Bedeutsames, sie verblüfft vermöge
dieses unseres Verständnisses. Darin liegt eine Lösung jener ersten
Verblüffung. Endlich "verstehen" wir auch dieses unser Verständnis
wieder; d. h. wir sehen, dass das von unserem Standpunkte aus Sinnlose
nur durch Betrachtung vom Standpunkte der naiven Persönlichkeit aus
sinnvoll erschien, abgesehen davon aber für uns sinnlos bleibt. Die
Naivität war unverständlich; dann wurde sie bedeutsam-verständlich;
endlich wird sie als an sich nichtig verstanden.
Ich sagte oben, die naive Komik sei objektiv und subjektiv zugleich.
Sofern sie objektive Komik ist, steht sie doch zugleich zur reinen
objektiven Komik in einem bemerkenswerten Gegensatz. Der Anspruch des
objektiv Komischen zergeht. Auch der Anspruch des naiv Komischen zergeht,
wenn wir es von unserem objektiven oder vermeintlich objektiven
Standpunkt aus betrachten. Aber die naive Persönlichkeit, als deren
Äusserung das naiv Komische berechtigt, sinnvoll, klug, sittlich
erscheint, ist doch auch eine wirkliche Persönlichkeit. Blicken wir,
nachdem wir uns auf unseren Standpunkt gestellt haben, zurück, so finden
wir diese Persönlichkeit wieder. Damit taucht diese Berechtigung, dieser
Sinn, diese Klugheit, dies Sittliche wieder vor uns auf und besitzt
wiederum für uns seine relative Erhabenheit. Und vielleicht geschieht es
jetzt, dass unser objektiver Standpunkt im Vergleich mit dem naiven
Standpunkte nicht allzu hoch erscheint. Der naive Standpunkt kann sogar
als der höhere erscheinen. Dann wird der Eindruck seiner relativen
Erhabenheit zum herrschenden. Vermöge dieser Besonderheit der naiven
Komik steht die naive Komik auf dem Übergang zwischen dem Komischen und
dem Humor, dessen Wesen Erhabenheit ist nämlich Erhabenheit in der Komik
und durch dieselbe.
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