KOMBINATION DER DREI ARTEN DER KOMIK.

Die Bezeichnung des Wesens des naiv Komischen war im Bisherigen immer

zugleich ausdrückliche Entgegensetzung gegen die objektive und subjektive

Komik. Diese Entgegensetzung können wir noch nach anderer Richtung

vollziehen. Der Anspruch auf Erhabenheit, den das objektiv Komische sich

anmasst, ist eben nur ein angemasster. Die Erhabenheit verschwindet,

sobald das Objekt dem Bewusstsein sich darstellt, oder unsere objektive

Regel in ihr Recht tritt. Was sein sollte oder sein müsste, das ist

nicht. Dagegen ist der Witz für unser Bewußtsein--darauf allein kommt es

ja an--einen Augenblick ein Erhabenes, Träger eines Sinnes oder einer

Bedeutung. Bei ihm ist, was doch nicht sein sollte. Das naiv Komische nun

nähert sich dem Witz, insofern auch ihm eine Erhabenheit wirklich eignet.

Zugleich eignet sie ihm doch auch nicht. Beim naiv Komischen ist, was

ungleich nicht ist.

Diesem Gegensatz kann ein entsprechender Gegensatz im Verhalten der

Persönlichkeit zur Seite gestellt werden. Die Persönlichkeit wird, wie

ich früher betonte, objektiv komisch; sie macht den Witz. Sie bethätigt

endlich im Naiven ihr, nur individuelles Wesen. Der Träger der objektiven

Komik, so sagte ich weiter, unterliege einer Schranke seines Wesens oder

Könnens und sei insofern leidend; dagegen vollbringe der Urheber des

Witzes eine positive Leistung und erweise sich in diesem Sinne aktiv.

Entsprechend werden wir von der naiven Persönlichkeit sagen müssen, sie

sei aktiv und passiv zugleich, indem sie etwas von ihrem Standpunkte aus

Bedeutungsvolles leiste, zugleich aber eben dieser Standpunkt nur ein

beschränkter sei.

Indem wir nun so das naiv Komische von der objektiven Komik und vom Witze

abgrenzen, dürfen wir doch auch nicht übersehen, wie sie sich miteinander

verbinden und ineinander übergehen. Wir sahen schon, dass dieselbe

Äusserung das eine Mal als Witz, das andere Mal als Fall der objektiven

Komik erscheinen kann. Es bietet aber jeder Witz eine Seite, nach der er

unter den Gesichtspunkt der objektiven Komik gestellt werden kann. Der

Witz ist an sich unpersönlich; dies hindert doch nicht, dass die Person,

die ihn macht, mit in Betracht gezogen werde. Die Person erscheint,

vermöge der Leistung, die sie vollbringt, relativ erhaben. Zugleich

bleibt sie doch, sofern sie mit Worten oder mit der Logik spielt, hinter

dem zurück, was wir im allgemeinen vom gesetzten und ernsthaften Menschen

erwarten. Achten wir darauf, stellen wir diese eine Seite des Witzes

unter den objektiven, dem Witze selbst fremden Gesichtspunkt der

menschlichen _Leistung_, dann sind die Bedingungen für die objektive

Komik gegeben. Der Eindruck derselben mag zunächst zurücktreten. Er

braucht sich aber nur zu häufen und das Interesse am Witz zu erlahmen,

und das Gefühl der objektiven Komik tritt deutlich hervor. Er ist nichts

leichter als durch fortgesetztes Witzemachen komisch, lächerlich, ja

verächtlich zu werden.

Ebenso bietet auch die naive Komik der objektiven eine Seite dar. Ich

citiere ein weiteres Beispiel naiver Komik nach Lazarus.[2] "Der Korporal

Trim, der Diener des Onkel Toby--in 'Tristram Shandy'--soll

scherzeshalber, weil ihm wenig Bildung zugetraut wird, examiniert werden.

Ein Doktor der Theologie fragt ihn, wie das vierte Gebot lautet; er kann

es aber nicht anders hersagen, als indem er, wie Kinder und gemeine Leute

immer, beim ersten anfängt. Er hat das schwere Stück glücklich

vollbracht, und nun fragt sein Herr: Trim, was heisst das, du sollst

Vater und Mutter ehren. Das heisst, sagt er mit einer Verbeugung, wenn

der Korporal Trim jede Woche 14 Groschen Lohn erhält, so soll er seinem

alten Vater 7 davon geben."--Die Antwort auf die Frage des Onkel Toby ist

es, die uns hier vorzugsweise angeht. Sie ist als Antwort auf die

allgemeine katechismusmässige Frage völlig inkorrekt und Zeichen eines

niedrigen Bildungsstandpunktes. Aber schon ehe wir uns dessen bewusst

werden, imponiert uns die konkret persönliche Wendung, die Trim der Sache

giebt, und die bei ihm, der nicht gewöhnt ist, Dinge abstrakt und

allgemein zu fassen, so berechtigt ist, in der sich zugleich so viel

Sicherheit des moralischen Bewusstseins verrät. In der That kommt bei

jenem Gebote alles darauf an, dass jeder wisse und davon durchdrungen

sei, was es von ihm fordere. Wir können aber nachträglich die Sache auch

noch von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachten. Wir erwarten von

Trim, so wie er nun einmal ist, nicht, dass er die Katechismusantwort

aufsagen könne. Aber wir können auch von seiner individuellen Eigenart

absehen und ihn als Menschen betrachten, der wie andere in die Schule

gegangen ist, und dort seinen Katechismus gründlich gelernt hat. Dann

erhebt er, wie andere, in unserem Bewusstsein den Anspruch, was er so

gründlich gelernt hat, auch zu wissen; und sein Nichtwissen lässt ihn

objektiv komisch erscheinen.

[2] Leben der Seele. 2. Aufl. I, 308.

Dieser Hinzutritt des Momentes objektiver Komik zum Naiven hat öfter

verführt, das Naive einfach dem objektiv Komischen zuzuordnen. Schon

_Jean Paul_ verfällt in diesen Irrtum. Ich denke aber, das obige Beispiel

zeigt deutlich die Verschiedenheit, ja Gegensätzlichkeit der Bedingungen,

durch die beide Arten der Komik zu stande kommen. Naiv ist die Komik,

solange die beiden Standpunkte, der naive und der unsrige, einander

gegenübertreten, objektiv, sobald wir unsern Standpunkt zum

alleinherrschenden machen. Darum tritt von den beiden Arten der Komik,

der objektiven und der naiven, immer die eine zurück, indem die andere

hervortritt. Trims Äusserung ist naiv komisch, solange wir sie von beiden

Standpunkten aus beurteilen, also beide anerkennen, objektiv komisch,

wenn wir von dem Rechte des naiven Standpunktes, statt ihn anzuerkennen,

vielmehr geflissentlich absehen, und von vornherein unseren Massstab an

die Äusserung legen. Würdigung des individuell Guten in der Welt, ist die

Devise der naiven, Leugnung desselben und Alleinherrschaft der Regel oder

Schablone die Devise der objektiven Komik. Dort ist das Individuelle

etwas, wenn auch freilich nicht nach der Regel; hier ist es nichts, weil

es der Regel nicht genügt.

Ich erwähnte schon _Jean Pauls_ Beispiel: Wenn Sancho Pansa eine Nacht

hindurch sich über einem vermeintlichen Abgrund in der Schwebe hält, so

ist--nach _Jean Paul_--"bei dieser Voraussetzung seine Anstrengung recht

verständig, und er wäre gerade erst toll, wenn er die Zerschmetterung

wagte. Warum lachen wir gleichwohl? Hier kommt der Hauptpunkt: wir

_leihen_ seinem Bestreben unsere Einsicht und Ansicht, und erzeugen durch

einen solchen Widerspruch die unendliche Ungereimtheit." In dieser

Erklärung bezeichnet _Jean Paul_ in seiner Weise den Grund der objektiven

Komik, als deren Gegenstand Sancho Pansa uns erscheinen kann. Sie beruht

auf dem "Leihen". Wir betrachten Sancho Pansa als mit unserer Einsicht

begabt und erwarten von ihm, dass er einsichtig handle. Aber schon ehe

wir Sancho Pansa "unsere Einsicht liehen", war sein Handeln naiv-komisch.

Es war dies genau so lange, als wir ihm _seine_ Einsicht _liessen_ und

wussten, dass er die unsrige _nicht_ habe und nicht haben könne, während

wir doch _im Gegensatz_ zu ihm die Einsicht _hatten_, und _für uns_ die

Handlung darnach beurteilten. Der Eindruck der objektiven Komik kann

entstehen, und den der naiven Komik zerstören, erst wenn wir das Recht

und die Erhabenheit der _Sancho Pansa_'schen Individualität aus dein Auge

lassen. Nur für den, der dafür kein Verständnis hat, mag _Sancho Pansa_'s

Gebaren von vornherein und ausschliesslich objektiv komisch sein. So ist

überhaupt die Empfänglichkeit für das naiv Komische bedingt durch den

Sinn für persönliche Eigenart. Es wandelt sich alles Naive in objektive

Komik für den, dem dieser Sinn abgeht. Zugleich bieten freilich die

verschiedenen Fälle der naiven Komik bald mehr bald weniger Veranlassung

zu dieser Verwandlung. Bei _Sancho Pansa_ und mehr noch bei _Falstaff_

ist jenes, bei _Trim_ dieses der Fall.

Endlich kann sich die naive Komik auch, ohne ihr eigenes Wesen

aufzugeben, mit dem Witze verbinden. _Hecker_ erzählt folgendes Beispiel

eines naiven Witzes: In einer Schule trug der Lehrer die Geschichte des

Tobias ganz mit den Worten der heiligen Schrift vor. Bei den Worten:

Hannah aber, sein Weib, arbeitete fleissig mit ihrer Hand und ernährte

ihn mit Spinnen, machte ein Mädchen mit Gesicht und Hand die Gebärde des

Abscheus und Ekels. Agnes, was hast du, ruft der Lehrer. Antwort: Ach,

Herr Lehrer, ist das denn wirklich wahr?--Lehrer: Warum zweifelst du

daran?--Kind: O, weil die Spinnen doch gar zu schlecht schmecken

müssen.--Hier beruht der (unbewusste) Witz darauf, dass wir uns durch den

Gleichklang zweier Worte verführen lassen, dem _Urteil_ des Kindes einen

Sinn und eine logische Berechtigung zuzuschreiben, die es nicht besitzt;

der Eindruck der naiven Komik darauf, dass wir dem _Kinde_ und dem

kindlichen Urteils_vermögen_ das Recht zugestehen, sich durch die

Verwechselung verführen zu lassen, und dass wir dementsprechend in dem

kindlichen Verhalten sogar einen Grad von Klugheit finden, während wir

sonst jenes Recht nicht zugeben und abgesehen von dieser

Betrachtungsweise das Verhalten thöricht finden müssen. Auch hier gilt,

was ich oben betonte, dass der Witz als solcher gänzlich unpersönlich

ist. Er hat nichts zu thun mit der Individualität dessen, der ihn macht.

Dagegen ist für die naive Komik die Individualität alles. Darum bliebe

der Witz auch, wenn ein Erwachsener bei Anhörung der Erzählung an der

betreffenden Stelle die Bemerkung einwürfe: das muss aber schlecht

schmecken. Es bliebe andererseits die naive Komik bestehen, wenn der Witz

ganz wegfiele, und nur eine _beliebige_ thörichte aber kindlich

berechtigte Verwechselung stattfände.

In anderen Fällen erscheint das nämliche Vorhalten witzig und naiv

komisch je nach der Art der Deutung. Es widerspricht unseren gewöhnlichen

Anschauungen von Klugheit und Würde, wenn _Sokrates_ bei Aufführung der

Wolken sich dem Gelächter der Zuschauer geflissentlich preisgiebt. Aber

was bedeutet einem _Sokrates_ das Lachen der unverständigen Menge. Seine

Erhabenheit über dergleichen rechtfertigt sein Verhalten. Es verrät sich

darin zugleich eben diese Erhabenheit. Für diese Betrachtungsweise fällt

_Sokrates_ unter den Begriff des naiv Komischen. Angenommen aber

_Sokrates_ wollte durch sein Verhalten zu _verstehen_ geben, wie wenig

ihm die Meinung der Menge bedeute, und er wollte dies nicht bloss,

sondern es gelang ihm auch durch die besondere Weise seines Verhaltens in

überzeugender Weise diesen Gedanken hervorzurufen. Dann war sein

Verhalten witzig--für diejenigen nämlich, die ihn wirklich verstanden und

zugleich den Widerspruch empfanden zwischen dieser Art, seine Meinung zu

sagen, und gemeiner Logik.

"VERBLÜFFUNG" UND "ERLEUCHTUNG" BEIM NAIV-KOMISCHEN.

Zum Schlusse dieses Kapitels sei noch eine Bemerkung gestattet, die auf

eine öfters erwähnte Bestimmung des Komischen überhaupt zurückgreift. Bei

der Betrachtung sowohl der objektiven als der subjektiven Komik haben wir

uns mit den Begriffen der Verblüffung und Erleuchtung auseinandergesetzt.

Auch die naive Komik kann unter diese Begriffe gestellt werden. Auch hier

aber ist erforderlich, dass wir die beiden Stadien der Verblüffung oder

der Erleuchtung unterscheiden. Die Naivität verblüfft als etwas in dem

Zusammenhang, in dem sie auftritt, Unverständliches. Sie "verblüfft"

dann, als in einem bestimmten Zusammenhange, nämlich im Zusammenhange der

naiven Persönlichkeit, Sinnvolles oder Bedeutsames, sie verblüfft vermöge

dieses unseres Verständnisses. Darin liegt eine Lösung jener ersten

Verblüffung. Endlich "verstehen" wir auch dieses unser Verständnis

wieder; d. h. wir sehen, dass das von unserem Standpunkte aus Sinnlose

nur durch Betrachtung vom Standpunkte der naiven Persönlichkeit aus

sinnvoll erschien, abgesehen davon aber für uns sinnlos bleibt. Die

Naivität war unverständlich; dann wurde sie bedeutsam-verständlich;

endlich wird sie als an sich nichtig verstanden.

Ich sagte oben, die naive Komik sei objektiv und subjektiv zugleich.

Sofern sie objektive Komik ist, steht sie doch zugleich zur reinen

objektiven Komik in einem bemerkenswerten Gegensatz. Der Anspruch des

objektiv Komischen zergeht. Auch der Anspruch des naiv Komischen zergeht,

wenn wir es von unserem objektiven oder vermeintlich objektiven

Standpunkt aus betrachten. Aber die naive Persönlichkeit, als deren

Äusserung das naiv Komische berechtigt, sinnvoll, klug, sittlich

erscheint, ist doch auch eine wirkliche Persönlichkeit. Blicken wir,

nachdem wir uns auf unseren Standpunkt gestellt haben, zurück, so finden

wir diese Persönlichkeit wieder. Damit taucht diese Berechtigung, dieser

Sinn, diese Klugheit, dies Sittliche wieder vor uns auf und besitzt

wiederum für uns seine relative Erhabenheit. Und vielleicht geschieht es

jetzt, dass unser objektiver Standpunkt im Vergleich mit dem naiven

Standpunkte nicht allzu hoch erscheint. Der naive Standpunkt kann sogar

als der höhere erscheinen. Dann wird der Eindruck seiner relativen

Erhabenheit zum herrschenden. Vermöge dieser Besonderheit der naiven

Komik steht die naive Komik auf dem Übergang zwischen dem Komischen und

dem Humor, dessen Wesen Erhabenheit ist nämlich Erhabenheit in der Komik

und durch dieselbe.

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Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 54 / 117 题