BEGRIFFSBESTIMMUNG UND VERSCHIEDENE FÄLLE.

Verallgemeinern wir jetzt, was sich in diesen beiden Fällen ergeben hat.

Wir müssen dann sagen: witzig erscheint eine Aussage, wenn wir ihr eine

Bedeutung mit psychologischer Notwendigkeit zuschreiben, und indem wir

sie ihr zuschreiben, sofort auch wiederum absprechen. Dabei kann unter

der "Bedeutung" Verschiedenes verstanden sein. Wir leihen einer Aussage

einen _Sinn_, und wissen, dass er ihr logischerweise nicht zukommen kann.

Wir finden in ihr eine _Wahrheit_, die wir dann doch wiederum den

Gesetzen der Erfahrung oder allgemeinen Gewohnheiten unseres Denkens

zufolge nicht darin finden können. Wir gestehen ihr eine über ihren

wahren Inhalt hinausgehende logische oder praktische Folge zu, um eben

diese Folge zu verneinen, sobald wir die Beschaffenheit der Aussage für

sich ins Auge fassen. In jedem Falle besteht der psychologische Prozess,

den die witzige Aussage in uns hervorruft, und auf dem das Gefühl der

Komik beruht, in dem unvermittelten Übergang von jenem Leihen,

Fürwahrhalten, Zugestehen zum Bewusstsein oder Eindruck relativer

Nichtigkeit.

Damit haben wir den Begriff gewonnen, der den Witz und die Anschauungs-

und Situationskomik zugleich umfasst. Hier wie dort gewinnt oder besitzt

ein Bewusstseinsinhalt für uns einen Grad von Bedeutung oder

psychologischem Gewicht, den er dann plötzlich verliert. Zugleich ist

auch schon angedeutet, dass hier wie dort die beiden Fälle möglich sind:

wir leihen die Bedeutung dem Bewusstseinsinhalt, während sie ihm von

Rechts wegen oder objektiv betrachtet nicht zukommt, oder: sie kommt ihm

objektiverweise zu, und wir erkennen sie auch zunächst an, können aber

infolge subjektiver Gewohnheiten des Denkens nicht bei dieser

Anerkenntnis bleiben.

Das letztere gilt schon von dem oben angeführten Beispiele aus

_Schiller_. "Die Abteien sind geworden zu Raubteien." Diese Behauptung

ist, wie schon gesagt, sinnvoll und wahr; und wir glauben an ihre

Wahrheit. Man sehe aber, durch welches _Mittel_ uns die Wahrheit

_eindringlich_ gemacht wird. "Raubtei" ist kein gültiges Wort der

deutschen Sprache; es kommt ihm also nach strenger Forderung der Logik

auch kein gültiger Sinn zu. In dem speciellen Falle aber hat es für uns

einen Sinn, wir verstehen vollkommen, was damit gemeint ist. Der Anklang

an Abtei einerseits, an Raub andrerseits verhilft uns dazu.

Dazu kommt ein zweites Moment. Die Nebeneinanderstellung der Worte Abtei

und Raubtei, die Verwandlung des einen ins andere, ist an sich ein

blosses Spiel mit Worten, die Klangähnlichkeit, worauf das Spiel beruht,

hat an sich keine logische Kraft. Wiederum aber gewinnt sie eine solche,

in diesem speciellen Falle. Die in der Zusammenstellung der Worte

liegende Wahrheit wird uns nicht nur verständlich, sondern, eben durch

den Gleichklang, sogar eindringlicher, sozusagen selbstverständlich. So

nahe die Worte Abtei und Raubtei lautlich zusammenhängen, so nahe

scheinen die damit bezeichneten Dinge sachlich zusammenzuhängen. So

leicht wir vermöge jenes Zusammenhanges aus dem Worte Abtei das Wort

Raubtei machen, so leicht und natürlich scheint uns der Übergang von

einem zum andern Begriff. Beide Momente bedingen die Eigenart des

komischen Prozesses. Achten wir auf das, was die Worte in ihrem

Zusammenhange sagen, so ergeben sie den Eindruck einer einleuchtenden

Wahrheit, betrachten wir sie nach ihrer Form und beurteilen diese, wie

wir nicht anders können, nach den gewöhnlichen Gesetzen unseres Denkens

und Sprechens, so gewinnen wir den Eindruck des Spiels mit Worten. Das

Wort Raubtei erscheint so sinnlos, wie es sonst sein würde, der

Gleichklang so logisch kraftlos, wie er sonst zu sein pflegt.

Die beiden hier unterschiedlichen Momente können auch jedes für sich die

Komik des Witzes begründen. Wenn _Heine_ von jemand sagt, er sei von

einem bekannten Börsenbaron recht "famillionär" aufgenommen worden, so

beruht die Komik dieses Witzes lediglich auf dem ersten jener beiden

Momente. Ein Wort wie "famillionär" giebt es nicht. Wir lassen uns aber

den malitiösen Sinn, den es in dem speciellen Falle hat, gefallen; wir

verstehen, dass _Heine_ sagen will, die Aufnahme sei eine familiäre

gewesen, nämlich von der bekannten Art, die durch den Beigeschmack des

Millionärtums an Annehmlichkeit nicht zu gewinnen pflegt. Dann kommt uns

doch wiederum die Nichtigkeit und Sinnlosigkeit des Wortes zum deutlichen

Bewusstsein.

Dagegen beruht der Witz gänzlich auf dem Verhältnis der Worte zu einander

bei der oben zuletzt angeführten _Schleiermacher_'schen Definition. Die

Frage, was für eine Leidenschaft die Eifersucht sei, wird beantwortet,

indem beide Worte Eifersucht und Leidenschaft auseinandergeschnitten und

die Stücke durch Zwischenfügung weniger, an sich unerheblicher Worte zu

einem Satze verbunden werden. Diese äusserlich betrachtet völlig

mechanische Procedur ergiebt nichtsdestoweniger ein bedeutungsvolles und

zutreffendes gedankliches Resultat. Solange wir auf dies Resultat achten,

erscheint das Mittel, wodurch es erreicht wurde, gleichfalls

bedeutungsvoll. Es sinkt dann doch wiederum unfehlbar in seine, obgleich

nur scheinbare Nichtigkeit zurück.

Jetzt ist deutlich ersichtlich, wie wir uns zu _Kräpelin_'s Theorie

stellen. Der Kontrast bleibt bestehen, aber er ist nicht so oder so

gefasster Kontrast der mit den Worten verbundenen Vorstellungen, sondern

Kontrast, oder Widerspruch der Bedeutung und Bedeutungslosigkeit der

Worte. Dies Ergebnis entspricht ganz dem bei der objektiven Komik

gewonnenen. Wie dort so ist hier der qualitative Vorstellungskontrast nur

insoweit von Belang, als er diesen quantitativen oder Bedeutungskontrast

vermittelt; er hat im übrigen, wie mit der Komik überhaupt, so auch mit

der Komik des Witzes nichts zu thun.

Das Recht dieser letzteren Behauptung habe ich schon oben dargelegt. Ich

erinnere an die Verleumdung des erprobten Freundes. Diese Verleumdung war

trotz des stärksten Kontrastes weder witzig noch überhaupt komisch.

Umgekehrt entsteht die Komik des Witzes, wie die objektive, sobald ich

den von uns geforderten Bedeutungskontrast hinzufüge. So kann die

Verleumdung zunächst durch Hinzutritt des objektiven Bedeutungskontrastes

_objektiv_ komisch werden. Der Verleumder giebt sich alle Mühe, übersieht

aber einen Umstand, der ihn sofort widerlegt. Von einem Witze ist hier

noch keine Rede, weil die Bedingung des Witzes nicht erfüllt ist, die

darin besteht, dass die Komik an der Aussage hafte, _sofern_ sie der

Vorstellungsverbindung _zum Ausdruck dient_, und damit zugleich als

_That_ desjenigen erscheine, der die Aussage macht. Die Worte des

Verleumders sagen oder bedeuten nach ihrer Widerlegung dasselbe wie

vorher. Sie kommen in bestimmter Art zu Fall, aber dies zu Fall kommen,

das wesentlichste Moment der Komik, ist nicht durch die Worte selbst

bedingt, sondern durch jenen dem Verleumder unbekannten oder von ihm

verschwiegenen Umstand. Der Verleumder bringt es, indem er die Aussage

macht, nicht eben dadurch _zuwege_, dass ich den Eindruck einer Wahrheit

habe und dann auch wiederum nicht habe, sondern er will, dass ich den

Eindruck habe und _erlebt_ es, dass derselbe in nichts zerrinnt. Dagegen

wird die Aussage witzig, sobald die Worte selbst, ohne ein von aussen

hinzutretendes Schicksal, die Bedeutung, die sie haben oder zu haben

scheinen, doch auch wiederum nicht haben oder nicht zu haben scheinen,

sobald also der rein subjektive, von dem "Verleumder" aus eigenen Mitteln

hervorgerufene Bedeutungskontrast hinzukommt. Man sagt mir etwa, mein

Freund habe einen Eingriff in die Kasse gemacht, um dann hinzuzufügen:

nämlich in seine eigene; er habe endlich seine Schulden bezahlt.

Andererseits kann der Vorstellungskontrast fehlen und doch, weil der

Bedeutungskontrast fühlbar zu Tage tritt, der Witz entstehen. Man kennt

_Gellert_'s "der Bauer und sein Sohn". Der Sohn lügt, er habe einen Hund

gesehen, so gross wie ein Pferd. Diese Lüge bringt ihm der Vater zum

Bewusstsein durch die Erzählung von der Lügenbrücke. Die Erzählung an

sich ist nichts weniger als witzig. Dass man auf eine Brücke kommen

werde, auf der jeder, der an dem Tage gelogen habe, ein Bein breche, das

ist abgesehen von dem, was vorher berichtet ist, eine harmlose

Erdichtung. Sie wird erst witzig als Entgegnung auf die Behauptung des

Sohnes. Hier also müsste der Vorstellungskontrast sich finden, aber hier

gerade fehlt derselbe völlig. Achten wir nicht auf die beabsichtigte und

erreichte Wirkung, so ist alles in schönster Ordnung. Der Vater fügt

einfach zu einer Unwahrheit eine andere von gleichem Charakter. Es ist

sogar eine wesentliche Bedingung dieses Witzes, dass der Kontrast

zwischen der Lüge des Sohnes und der des Vaters möglichst gering sei.

Dagegen besteht ein wesentlicher Kontrast zwischen der logischen und

praktischen _Konsequenz_ der Erzählung des Vaters und ihrer scheinbaren

Nichtigkeit.

Freilich kann man, wenn man es darauf anlegt, dem "Vorstellungsgegensatz"

einen möglichst unbestimmten Sinn zu geben, am Ende auch diese und

ähnliche Gegensätze der Bedeutung oder Wirkung als Vorstellungsgegensätze

bezeichnen. Man verwischt dann nur eben den Unterschied, auf den für die

Begriffsbestimmung des Witzes alles ankommt. Schwarz und weiss, Unterthan

eines Königs und Gegenstand eines Gedichtes, Abtei und Räuberhöhle, das

sind wirkliche Vorstellungsgegensätze. Von diesen ist aber der Art nach

verschieden der Gegensatz, der entsteht, indem dieselben Vorstellungen

und Vorstellungsverbindungen jetzt sinnvoll, wahr, treffend, abfertigend,

zurechtweisend, dann auch wiederum sinnlos, unwahr, nichtssagend, als

blosses Spiel erscheinen. Oder allgemeiner, von den _qualitativen_

Gegensätzen, die zwischen den durch Worte bezeichneten Vorstellungen

stattfinden, sind durchaus verschieden die Gegensätze des logischen oder

sachlichen _Wertes_ oder _Gewichtes_ der Worte und Wortverbindungen, bzw.

der dadurch bezeichneten Vorstellungsverbindungen.

Indessen auch damit brauchte man sich noch nicht zufrieden zu

geben. Auch der logische oder sachliche Wert der Worte und

Vorstellungsverbindungen, so könnte man sagen, ist Gegenstand unseres

Vorstellens und insofern ihr Gegensatz ein Vorstellungsgegensatz. Aber

dies wäre ein schlechter Einwand. In der That entsteht der Eindruck des

Witzes eben nicht daraus, dass wir uns _vorstellen_, Vorstellungen und

Vorstellungsverbindungen erscheinen irgend jemand sinnvoll, glaubwürdig

u. s. w., während sie zugleich auch als das Gegenteil erscheinen;

vielmehr müssen wir selbst sie für sinnvoll halten, daran glauben, kurz

ihren Wert oder ihr Gewicht _erleben_, und dann zur gegenteiligen

Vorstellungsweise übergehen. Der Gegensatz, um den es sich handelt, und

schliesslich einzig und allein handelt, ist ein Gegensatz der

thatsächlichen _Wirkung in uns_, des Eindrucks, den _wir erfahren_,

allgemein gesagt der Art, wie Vorstellungen, sie mögen sich inhaltlich zu

einander verhalten wie sie wollen, _in uns auftreten_ oder _uns in

Anspruch nehmen_. Dies ist auch bei dem obigen Beispiel deutlich genug.

Der Eindruck jenes Witzes wäre völlig dahin, wenn wir zwar wüssten, dass

der Sohn das Gewicht der väterlichen Worte empfände, er selbst aber nicht

mitempfänden und dann doch wiederum von dem Gewicht befreit würden.

Vielleicht hätte der _Gellert_'sche Bauer, dessen witzige Überführung

seines Sohnes uns hier beschäftigte, seinen Zweck--witzig oder

witzlos--auch auf kürzerem Wege erreichen können. Darum bleibt doch der

Satz _Jean Paul_'s, Kürze sei die Seele des Witzes, ja dieser selbst, zu

Recht bestehen. Der Witz sagt, was er sagt, nicht immer in wenig, aber

immer in zu wenig Worten, d. h. in Worten, die nach strenger Logik oder

gemeiner Denk- und Redeweise dazu nicht genügen. Er kann es schliesslich

geradezu sagen, indem er es verschweigt.. So ein bekannter Witz

_Heine_'s. Der Börsenbaron, der so oft das Opfer seines Witzes geworden

ist, wundert sich, dass die Seine oberhalb Paris so rein, unterhalb so

schmutzig sei. _Heine_ erwidert: O, Ihr Vater ist ja auch ein ganz

ehrlicher Mann gewesen. Hier findet sich kein Vorstellungsgegensatz, der,

sei es auch indirekt, den Witz begründen könnte; weder in dem, was

_Heine_ sagt, noch zwischen dem, was er sagt, und dem, was er meint. Man

braucht, um sich davon zu überzeugen, nur, was er meint, zu ergänzen:

dass die Seine oberhalb Paris rein, unterhalb schmutzig ist, ist so wenig

zu verwundern als dass Ihr Vater ein ehrlicher Mann war und Sie es nicht

mehr sind. Ein Kontrast entsteht erst dadurch, dass _Heine_, was er nicht

sagt, doch deutlich zu verstehen giebt, dass also wir seinen Worten eine

Bedeutung zugestehen, die wir ihnen dann doch wieder nicht zugestehen

können.

Komik und Humor: Eine Psychologische-Ästhetische Untersuchung · 第 47 / 117 题